The Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig

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Title: Brennendes Geheimnis
       Erzhlung

Author: Stefan Zweig

Release Date: January 5, 2008 [EBook #24173]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***




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BRENNENDES GEHEIMNIS


Erzhlung

von

STEFAN ZWEIG




Im Insel-Verlag zu Leipzig

16.-25. Tausend




Der Partner


Die Lokomotive schrie heiser auf: der Semmering war erreicht. Eine
Minute rasteten die schwarzen Wagen im silbrigen Licht der Hhe, warfen
paar bunte Menschen aus, schluckten andere ein, Stimmen gingen gergert
hin und her, dann schrie vorne wieder die heisere Maschine und ri die
schwarze Kette rasselnd in die Hhle des Tunnels hinab. Rein
ausgespannt, mit klaren, vom nassen Wind reingefegten Hintergrnden lag
wieder die hingebreitete Landschaft.

Einer der Angekommenen, jung, durch gute Kleidung und eine natrliche
Elastizitt des Schrittes sympathisch auffallend, nahm den andern rasch
voraus einen Fiaker zum Hotel. Ohne Hast trappten die Pferde den
ansteigenden Weg. Es lag Frhling in der Luft. Jene weien, unruhigen
Wolken flatterten am Himmel, die nur der Mai und der Juni hat, jene
weien, selbst noch jungen und flattrigen Gesellen, die spielend ber
die blaue Bahn rennen, um sich pltzlich hinter hohen Bergen zu
verstecken, die sich umarmen und fliehen, sich bald wie Taschentcher
zerknllen, bald in Streifen zerfasern und schlielich im Schabernack
den Bergen weie Mtzen aufsetzen. Unruhe war auch oben im Wind, der die
mageren, noch vom Regen feuchten Bume so unbndig schttelte, da sie
leise in den Gelenken krachten und tausend Tropfen wie Funken von sich
wegsprhten. Manchmal schien auch Duft von Schnee khl aus den Bergen
herberzukommen, dann sprte man im Atem etwas, das s und scharf war
zugleich. Alles in Luft und Erde war Bewegung und grende Ungeduld.
Leise schnaubend liefen die Pferde den jetzt niedersteigenden Weg, die
Schellen klirrten ihnen weit voraus.

Im Hotel war der erste Weg des jungen Mannes zu der Liste der anwesenden
Gste, die er-- bald enttuscht-- durchflog. Wozu bin ich eigentlich
hier, begann es unruhig in ihm zu fragen. Allein hier auf dem Berg zu
sein, ohne Gesellschaft, ist rger als das Bureau. Offenbar bin ich zu
frh gekommen oder zu spt. Ich habe nie Glck mit meinem Urlaub. Keinen
einzigen bekannten Namen finde ich unter all den Leuten. Wenn wenigstens
ein paar Frauen da wren, irgendein kleiner, im Notfall sogar argloser
Flirt, um diese Woche nicht gar zu trostlos zu verbringen. Der junge
Mann, ein Baron von nicht sehr klangvollem sterreichischen Beamtenadel,
in der Statthalterei angestellt, hatte sich diesen kleinen Urlaub ohne
jegliches Bedrfnis genommen, eigentlich nur, weil sich alle seine
Kollegen eine Frhjahrswoche durchgesetzt hatten und er die seine dem
Dienst nicht schenken wollte. Er war, obwohl innerer Befhigung nicht
entbehrend, eine durchaus gesellschaftliche Natur, als solche beliebt,
in allen Kreisen gern gesehen und sich seiner Unfhigkeit zur Einsamkeit
voll bewut. In ihm war keine Neigung, sich selber allein
gegenberzustehen, und er vermied mglichst diese Begegnungen, weil er
intimere Bekanntschaft mit sich selbst gar nicht wollte. Er wute, da
er die Reibflche von Menschen brauchte, um seine Talente, die Wrme und
den bermut seines Herzens aufflammen zu lassen, und er allein frostig
und sich selber nutzlos war, wie ein Zndholz in der Schachtel.

Verstimmt ging er in der leeren Hall auf und ab, bald unschlssig in den
Zeitungen bltternd, bald wieder im Musikzimmer am Klavier einen Walzer
antastend, bei dem ihm aber der Rhythmus nicht recht in die Finger
sprang. Schlielich setzte er sich verdrossen hin, sah hinaus, wie das
Dunkel langsam niederfiel, der Nebel als Dampf grau aus den Fichten
brach. Eine Stunde zerbrselte er so, nutzlos und nervs. Dann flchtete
er in den Speisesaal.

Dort waren erst ein paar Tische besetzt, die er alle mit eiligem Blick
berflog. Vergeblich! Keine Bekannten, nur dort-- er gab lssig einen
Gru zurck-- ein Trainer, dort wieder ein Gesicht von der Ringstrae
her, sonst nichts. Keine Frau, nichts, was ein auch flchtiges Abenteuer
versprach. Sein Mimut wurde ungeduldiger. Er war einer jener jungen
Menschen, deren hbschem Gesicht viel geglckt ist und in denen nun
bestndig alles fr eine neue Begegnung, ein neues Erlebnis bereit ist,
die immer gespannt sind, sich ins Unbekannte eines Abenteuers zu
schnellen, die nichts berrascht, weil sie alles lauernd berechnet
haben, die nichts Erotisches bersehen, weil schon ihr erster Blick
jeder Frau in das Sinnliche greift, prfend und ohne Unterschied, ob es
die Gattin ihres Freundes ist oder das Stubenmdchen, das die Tre zu
ihr ffnet. Wenn man solche Menschen mit einer gewissen leichtfertigen
Verchtlichkeit Frauenjger nennt, so geschieht es, ohne zu wissen,
wieviel beobachtende Wahrheit in dem Worte versteinert ist, denn
tatschlich, alle leidenschaftlichen Instinkte der Jagd, das Aufspren,
die Erregtheit und die seelische Grausamkeit flackern in dem rastlosen
Wachsein solcher Menschen. Sie sind bestndig auf dem Anstand, immer
bereit und entschlossen, die Spur eines Abenteuers bis hart an den
Abgrund zu verfolgen. Sie sind immer geladen mit Leidenschaft, aber
nicht der des Liebenden, sondern der des Spielers, der kalten,
berechnenden und gefhrlichen. Es gibt unter ihnen Beharrliche, denen
weit ber die Jugend hinaus das ganze Leben durch diese Erwartung zum
ewigen Abenteuer wird, denen sich der einzelne Tag in hundert kleine,
sinnliche Erlebnisse auflst-- ein Blick im Vorbergehen, ein
weghuschendes Lcheln, ein im Gegenbersitzen gestreiftes Knie-- und
das Jahr wieder in hundert solcher Tage, fr die das sinnliche Erlebnis
ewig flieende, nhrende und anfeuernde Quelle des Lebens ist.

Hier waren keine Partner zu einem Spiele, das bersah der Suchende
sofort. Und keine Gereiztheit ist rgerlicher als die des Spielers, der
mit den Karten in der Hand im Bewutsein seiner berlegenheit vor dem
grnen Tisch sitzt und vergeblich den Partner erwartet. Der Baron rief
nach einer Zeitung. Mrrisch lie er die Blicke ber die Zeilen rinnen,
aber seine Gedanken waren lahm und stolperten wie betrunken den Worten
nach.

Da hrte er hinter sich ein Kleid rauschen und eine Stimme, leicht
rgerlich und mit affektiertem Akzent, sagen: =Mais tais toi donc,
Edgar!=

An seinem Tisch knisterte im Vorberschreiten ein seidenes Kleid, hoch
und ppig schattete eine Gestalt vorbei und hinter ihr in einem
schwarzen Samtanzug ein kleiner, blasser Bub, der ihn neugierig mit dem
Blick anstreifte. Die beiden setzten sich gegenber an den reservierten
Tisch, das Kind sichtbar um eine Korrektheit bemht, die der schwarzen
Unruhe in seinen Augen zu widersprechen schien. Die Dame-- und nur auf
sie hatte der junge Baron acht-- war sehr soigniert und mit sichtbarer
Eleganz gekleidet, ein Typus berdies, den er sehr liebte, eine jener
leicht ppigen Jdinnen im Alter knapp vor der berreife, offenbar auch
leidenschaftlich, aber erfahren, ihr Temperament hinter einer vornehmen
Melancholie zu verbergen. Er vermochte zunchst noch nicht in ihre Augen
zu sehen und bewunderte nur die schn geschwungene Linie der
Augenbrauen, rein ber einer zarten Nase gerundet, die ihre Rasse zwar
verriet, aber durch edle Form das Profil scharf und interessant machte.
Die Haare waren, wie alles Weibliche an diesem vollen Krper, von einer
auffallenden ppigkeit, ihre Schnheit schien im sichern Selbstgefhl
vieler Bewunderungen satt und prahlerisch geworden zu sein. Sie
bestellte mit sehr leiser Stimme, wies den Buben, der mit der Gabel
spielend klirrte, zurecht-- all dies mit anscheinender Gleichgltigkeit
gegen den vorsichtig anschleichenden Blick des Barons, den sie nicht zu
bemerken schien, whrend es doch in Wirklichkeit nur seine rege
Wachsamkeit war, die ihr diese gebndigte Sorgfalt aufzwang.

Das Dunkel im Gesichte des Barons war mit einem Male aufgehellt,
unterirdisch belebend liefen die Nerven hin, strafften die Falten,
rissen die Muskeln auf, da seine Gestalt aufschnellte und Lichter in
den Augen flackerten. Er war selber den Frauen nicht unhnlich, die erst
die Gegenwart eines Mannes brauchen, um aus sich ihre ganze Gewalt
herauszuholen. Erst ein sinnlicher Reiz spannte seine Energie zu voller
Kraft. Der Jger in ihm witterte hier eine Beute. Herausfordernd suchte
sein Auge ihrem Blick zu begegnen, der ihn manchmal mit einer
glitzernden Unbestimmtheit des Vorbeisehens kreuzte, nie aber blank eine
klare Antwort bot. Auch um den Mund glaubte er manchmal ein Flieen wie
von beginnendem Lcheln zu spren, aber all dies war unsicher, und eben
diese Unsicherheit erregte ihn. Das einzige, was ihm versprechend
schien, war dieses stete Vorbeischauen, weil es Widerstand war und
Befangenheit zugleich, und dann die merkwrdig sorgfltige, auf einen
Zuschauer sichtlich eingestellte Art der Konversation mit dem Kinde.
Eben das aufdringlich Vorgehaltene dieser Ruhe bedeutete, das fhlte er,
heimlich ein erstes Beunruhigtsein. Auch er war erregt: das Spiel hatte
begonnen. Er verzgerte sein Diner, hielt diese Frau eine halbe Stunde
fast unablssig mit dem Blick fest, bis er jede Linie ihres Gesichtes
nachgezeichnet, an jede Stelle ihres ppigen Krpers unsichtbar gerhrt
hatte. Drauen fiel drckend das Dunkel nieder, die Wlder seufzten in
kindischer Furcht, als jetzt die groen Regenwolken graue Hnde nach
ihnen reckten, immer finstrer drngten die Schatten ins Zimmer hinein,
immer mehr schienen die Menschen hier zusammengepret durch das
Schweigen. Das Gesprch der Mutter mit ihrem Kinde wurde, das merkte er,
unter der Drohung dieser Stille immer gezwungener, immer knstlicher,
bald, fhlte er, wrde es zu Ende sein. Da beschlo er eine Probe. Er
stand als erster auf, ging langsam, mit einem langen Blick auf die
Landschaft an ihr vorbeisehend, zur Tre. Dort zuckte er rasch, als
htte er etwas vergessen, mit dem Kopf herum. Und ertappte sie, wie sie
ihm lebhaften Blickes nachsah.

Das reizte ihn. Er wartete in der Hall. Sie kam bald nach, den Buben an
der Hand, bltterte im Vorbergehen unter den Zeitschriften, zeigte dem
Kind ein paar Bilder. Aber als der Baron, wie zufllig, an den Tisch
trat, anscheinend um auch eine Zeitschrift zu suchen, in Wahrheit, um
tiefer in das feuchte Glitzern ihrer Augen zu dringen, vielleicht sogar
ein Gesprch zu beginnen, wandte sie sich weg, klopfte ihrem Sohn leicht
auf die Schulter: =Viens, Edgar! Au lit!= und rauschte khl an ihm
vorbei.

Ein wenig enttuscht, sah ihr der Baron nach. Er hatte eigentlich auf
ein Bekanntwerden noch an diesem Abend gerechnet, und diese schroffe Art
enttuschte ihn. Aber schlielich, in diesem Widerstand war Reiz, und
gerade das Unsichere entzndete seine Begier. Immerhin: er hatte seinen
Partner, und ein Spiel konnte beginnen.




Rasche Freundschaft


Als der Baron am nchsten Morgen in die Hall trat, sah er dort das Kind
der schnen Unbekannten in eifrigem Gesprch mit den beiden Liftboys,
denen es Bilder in einem Buch von Karl May zeigte. Seine Mama war nicht
zugegen, offenbar noch mit der Toilette beschftigt. Jetzt erst besah
sich der Baron den Buben. Es war ein scheuer, unentwickelter nervser
Junge von etwa zwlf Jahren mit fahrigen Bewegungen und dunkel
herumjagenden Augen. Er machte, wie Kinder in diesen Jahren so oft, den
Eindruck von Verschrecktheit, gleichsam als ob er eben aus dem Schlaf
gerissen und pltzlich in fremde Umgebung gestellt sei. Sein Gesicht war
nicht unhbsch, aber noch ganz unentschieden, der Kampf des Mnnlichen
mit dem Kindlichen schien eben erst einsetzen zu wollen, noch war alles
darin nur wie geknetet und noch nicht geformt, nichts in reinen Linien
ausgesprochen, nur bla und unruhig gemengt. berdies war er gerade in
jenem unvorteilhaften Alter, wo Kinder nie in ihre Kleider passen, rmel
und Hosen schlaff um die mageren Gelenke schlottern und noch keine
innere Eitelkeit sie mahnt, auf ihr ueres zu wachen.

Der Knabe machte hier, unschlssig herumirrend, einen ziemlich
klglichen Eindruck. Eigentlich stand er allen im Wege. Bald schob ihn
der Portier beiseite, den er mit allerhand Fragen zu belstigen schien,
bald strte er am Eingang; offenbar fehlte es ihm an freundschaftlichem
Umgang. So suchte er in seinem kindlichen Schwatzbedrfnis sich an die
Bediensteten des Hotels heranzumachen, die ihm, wenn sie gerade Zeit
hatten, antworteten, das Gesprch aber sofort unterbrachen, wenn ein
Erwachsener in Sicht kam oder etwas Vernnftiges getan werden mute. Der
Baron sah lchelnd und mit Interesse dem unglcklichen Buben zu, der auf
alles mit Neugier schaute und dem alles unfreundlich entwich. Einmal
fate er einen dieser neugierigen Blicke fest an, aber die schwarzen
Augen krochen sofort ngstlich in sich hinein, sobald er sie auf der
Suche ertappte, und duckten sich hinter gesenkten Lidern. Das amsierte
den Baron. Der Bub begann ihn zu interessieren, und er fragte sich, ob
ihm dieses Kind, das offenbar nur aus Furcht so scheu war, nicht als
raschester Vermittler einer Annherung dienen knnte. Immerhin: er
wollte es versuchen. Unauffllig folgte er dem Buben, der eben wieder
zur Tre hinauspendelte und in seinem kindischen Zrtlichkeitsbedrfnis
die rosa Nstern eines Schimmels liebkoste, bis ihn-- er hatte wirklich
kein Glck-- auch hier der Kutscher ziemlich barsch wegwies. Gekrnkt
und gelangweilt stand er jetzt wieder herum mit seinem leeren und ein
wenig traurigen Blick. Da sprach ihn der Baron an.

Na, junger Mann, wie gefllts dir da? setzte er pltzlich ein, bemht,
die Ansprache mglichst jovial zu halten.

Das Kind wurde feuerrot und starrte ngstlich auf. Er zog die Hand
irgendwie in Furcht an sich und wand sich hin und her vor Verlegenheit.
Das geschah ihm zum erstenmal, da ein fremder Herr mit ihm ein Gesprch
begann.

Ich danke, gut, konnte er gerade noch herausstammeln. Das letzte Wort
war schon mehr gewrgt als gesprochen.

Das wundert mich, sagte der Baron lachend, es ist doch eigentlich ein
fader Ort, besonders fr einen jungen Mann, wie du einer bist. Was
treibst du denn den ganzen Tag?

Der Bub war noch immer zu sehr verwirrt, um rasch zu antworten. War es
wirklich mglich, da dieser fremde elegante Herr mit ihm, um den sich
sonst keiner kmmerte, ein Gesprch suchte? Der Gedanke machte ihn scheu
und stolz zugleich. Mhsam raffte er sich zusammen.

Ich lese, und dann, wir gehen viel spazieren. Manchmal fahren wir auch
im Wagen, die Mama und ich. Ich soll mich hier erholen, ich war krank.
Ich mu darum auch viel in der Sonne sitzen, hat der Arzt gesagt.

Die letzten Worte sagte er schon ziemlich sicher. Kinder sind immer
stolz auf eine Krankheit, weil sie wissen, da Gefahr sie ihren
Angehrigen doppelt wichtig macht.

Ja, die Sonne ist schon gut fr junge Herren, wie du einer bist, sie
wird dich schon braun brennen. Aber du solltest doch nicht den ganzen
Tag dasitzen. Ein Bursch wie du sollte herumlaufen, bermtig sein und
auch ein bichen Unfug anstellen. Mir scheint, du bist zu brav, du
siehst auch so aus wie ein Stubenhocker mit deinem groen dicken Buch
unterm Arm. Wenn ich denke, was ich in deinem Alter fr ein Galgenstrick
war, jeden Abend bin ich mit zerrissenen Hosen nach Hause gekommen. Nur
nicht zu brav sein!

Unwillkrlich mute das Kind lcheln, und das nahm ihm die Angst. Es
htte gern etwas erwidert, aber all dies schien ihm zu frech, zu
selbstbewut vor diesem lieben fremden Herrn, der so freundlich mit ihm
sprach. Vorlaut war er nie gewesen und immer leicht verlegen, und so kam
er jetzt vor Glck und Scham in die rgste Verwirrung. Er htte so gern
das Gesprch fortgesetzt, aber es fiel ihm nichts ein. Glcklicherweise
kam gerade der groe gelbe Bernhardiner des Hotels vorbei, schnffelte
sie beide an und lie sich willig liebkosen.

Hast du Hunde gern? fragte der Baron.

O sehr, meine Gromama hat einen in ihrer Villa in Baden, und wenn wir
dort wohnen, ist er immer den ganzen Tag mit mir. Das ist aber nur im
Sommer, wenn wir dort zu Besuch sind.

Wir haben zu Hause, auf unserem Gut, ich glaube, zwei Dutzend. Wenn du
hier brav bist, kriegst du einen von mir geschenkt. Einen braunen mit
weien Ohren, einen ganz jungen. Willst du?

Das Kind errtete vor Vergngen.

O ja.

Es fuhr ihm so heraus, hei und gierig. Aber gleich hinterher stolperte,
ngstlich und wie erschrocken, das Bedenken.

Aber Mama wird es nicht erlauben. Sie sagt, sie duldet keinen Hund zu
Hause. Sie machen zuviel Schererei.

Der Baron lchelte. Endlich hielt das Gesprch bei der Mama.

Ist die Mama so streng?

Das Kind berlegte, blickte eine Sekunde zu ihm auf, gleichsam fragend,
ob man diesem fremden Herrn schon vertrauen drfe. Die Antwort blieb
vorsichtig:

Nein, streng ist die Mama nicht. Jetzt, weil ich krank war, erlaubt sie
mir alles. Vielleicht erlaubt sie mir sogar einen Hund.

Soll ich sie darum bitten?

Ja, bitte tun Sie das, jubelte der Bub. Dann wird es die Mama sicher
erlauben. Und wie sieht er aus? Weie Ohren hat er, nicht wahr? Kann er
apportieren?

Ja, er kann alles. Der Baron mute lcheln ber die heien Funken, die
er so rasch aus den Augen des Kindes geschlagen hatte. Mit einem Male
war die anfngliche Befangenheit gebrochen, und die von der Angst
zurckgehaltene Leidenschaftlichkeit sprudelte ber. In blitzschneller
Verwandlung war das scheue verngstigte Kind von frher ein
ausgelassener Bub. Wenn nur die Mutter auch so wre, dachte
unwillkrlich der Baron, so hei hinter ihrer Angst! Aber schon sprang
der Bub mit zwanzig Fragen an ihm hinauf:

Wie heit der Hund?

Karo.

Karo, jubelte das Kind. Es mute irgendwie lachen und jubeln ber
jedes Wort, ganz trunken von dem unerwarteten Geschehen, da sich jemand
seiner in Freundlichkeit angenommen hatte. Der Baron staunte selbst ber
seinen raschen Erfolg und beschlo, das heie Eisen zu schmieden. Er lud
den Knaben ein, mit ihm ein wenig spazieren zu gehen, und der arme Bub,
seit Wochen ausgehungert nach einem geselligen Beisammensein, war von
diesem Vorschlag entzckt. Unbedacht plauderte er alles aus, was ihm
sein neuer Freund mit kleinen, wie zuflligen Fragen entlocken wollte.
Bald wute der Baron alles ber die Familie, vor allem, da Edgar der
einzige Sohn eines Wiener Advokaten sei, offenbar aus der vermgenden
jdischen Bourgeoisie. Und durch geschickte Umfragen erkundete er rasch,
da die Mutter sich ber den Aufenthalt am Semmering durchaus nicht
entzckt geuert und den Mangel an sympathischer Gesellschaft beklagt
habe, ja er glaubte sogar, aus der ausweichenden Art, mit der Edgar die
Frage beantwortete, ob die Mama den Papa sehr gern habe, entnehmen zu
knnen, da hier nicht alles zum besten stnde. Beinahe schmte er sich,
wie leicht es ihm wurde, dem arglosen Buben all diese kleinen
Familiengeheimnisse zu entlocken, denn Edgar, ganz stolz, da irgend
etwas von dem, was er zu erzhlen hatte, einen Erwachsenen interessieren
konnte, drngte sein Vertrauen dem neuen Freunde geradezu auf. Sein
kindisches Herz klopfte vor Stolz-- der Baron hatte im Spazierengehen
ihm seinen Arm um die Schulter gelegt--, in solcher Intimitt
ffentlich mit einem Erwachsenen gesehen zu werden, und allmhlich
verga er seine eigene Kindheit, schnatterte frei und ungezwungen wie zu
einem Gleichaltrigen. Edgar war, wie sein Gesprch zeigte, sehr klug,
etwas frhreif wie die meisten krnklichen Kinder, die viel mit
Erwachsenen beisammen waren, und von einer merkwrdig berreizten
Leidenschaft der Zuneigung oder Feindlichkeit. Zu nichts schien er ein
ruhiges Verhltnis zu haben, von jedem Menschen oder Ding sprach er
entweder in Verzckung oder mit einem Hasse, der so heftig war, da er
sein Gesicht unangenehm verzerrte und es fast bsartig und hlich
machte. Etwas Wildes und Sprunghaftes, vielleicht noch bedingt durch die
krzlich berstandene Krankheit, gab seinen Reden fanatisches Feuer, und
es schien, da sein Linkischsein nur mhsam unterdrckte Angst vor der
eigenen Leidenschaft war.

Der Baron gewann mit Leichtigkeit sein Vertrauen. Eine halbe Stunde
blo, und er hatte dieses heie und unruhig zuckende Herz in der Hand.
Es ist ja so unsglich leicht, Kinder zu betrgen, diese Arglosen, um
deren Liebe so selten geworben wird. Er brauchte sich selbst nur in die
Vergangenheit zu vergessen, und so natrlich, so ungezwungen wurde ihm
das kindliche Gesprch, da auch der Bub ihn ganz als seinesgleichen
empfand und nach wenigen Minuten jedes Distanzgefhl verlor. Er war nur
selig von Glck, hier in diesem einsamen Ort pltzlich einen Freund
gefunden zu haben, und welch einen Freund! Vergessen waren sie alle in
Wien, die kleinen Jungen mit ihren dnnen Stimmen, ihrem unerfahrenen
Geschwtz, wie weggeschwemmt waren ihre Bilder von dieser einen neuen
Stunde! Seine ganze schwrmerische Leidenschaft gehrte jetzt diesem
neuen, seinem groen Freunde, und sein Herz dehnte sich vor Stolz, als
dieser ihn jetzt zum Abschied nochmals einlud, morgen vormittags
wiederzukommen, und der neue Freund ihm nun zuwinkte von der Ferne, ganz
wie ein Bruder. Diese Minute war vielleicht die schnste seines Lebens.
Es ist so leicht, Kinder zu betrgen.-- Der Baron lchelte dem
Davonstrmenden nach. Der Vermittler war nun gewonnen. Der Bub wrde
jetzt, das wute er, seine Mutter mit Erzhlungen bis zur Erschpfung
qulen, jedes einzelne Wort wiederholen-- und dabei erinnerte er sich
mit Vergngen, wie geschickt er einige Komplimente an ihre Adresse
eingeflochten, wie er immer nur von Edgars schner Mama gesprochen
hatte. Es war ausgemachte Sache fr ihn, da der mitteilsame Knabe nicht
frher ruhen wrde, ehe er seine Mama und ihn zusammengefhrt htte. Er
selbst brauchte nun keinen Finger zu rhren, um die Distanz zwischen
sich und der schnen Unbekannten zu verringern, konnte nun ruhig trumen
und die Landschaft berschauen, denn er wute, ein paar heie
Kinderhnde bauten ihm die Brcke zu ihrem Herzen.




Terzett


Der Plan war, wie sich eine Stunde spter erwies, vortrefflich und bis
in die letzten Einzelheiten gelungen. Als der junge Baron, mit Absicht
etwas versptet, den Speisesaal betrat, zuckte Edgar vom Sessel auf,
grte eifrig mit einem beglckten Lcheln und winkte ihm zu.
Gleichzeitig zupfte er seine Mutter am rmel, sprach hastig und erregt
auf sie ein, mit aufflligen Gesten gegen den Baron hindeutend. Sie
verwies ihm geniert und errtend sein allzu reges Benehmen, konnte es
aber doch nicht vermeiden, einmal hinberzusehen, um dem Buben seinen
Willen zu tun, was der Baron sofort zum Anla einer respektvollen
Verbeugung nahm. Die Bekanntschaft war gemacht. Sie mute danken, beugte
aber von nun ab das Gesicht tiefer ber den Teller und vermied
sorgfltig whrend des ganzen Diners nochmals hinberzublicken. Anders
Edgar, der unablssig hinguckte, einmal sogar versuchte
hinberzusprechen, eine Unstatthaftigkeit, die ihm sofort von seiner
Mutter energisch verwiesen wurde. Nach Tisch wurde ihm bedeutet, da er
schlafen zu gehen habe, und ein emsiges Wispern begann zwischen ihm und
seiner Mama, dessen Endresultat war, da es seinen heien Bitten
verstattet wurde, zum andern Tisch hinberzugehen und sich bei seinem
Freund zu empfehlen. Der Baron sagte ihm ein paar herzliche Worte, die
wieder die Augen des Kindes zum Flackern brachten, plauderte mit ihm ein
paar Minuten. Pltzlich aber, mit einer geschickten Wendung, drehte er
sich, aufstehend, zum andern Tisch hinber, beglckwnschte die etwas
verwirrte Nachbarin zu ihrem klugen, aufgeweckten Sohn, rhmte den
Vormittag, den er so vortrefflich mit ihm verbracht hatte-- Edgar stand
dabei, rot vor Freude und Stolz--, und erkundigte sich schlielich nach
seiner Gesundheit so ausfhrlich und mit so viel Einzelfragen, da die
Mutter zur Antwort gezwungen war. Und so gerieten sie unaufhaltsam in
ein lngeres Gesprch, dem der Bub beglckt und mit einer Art Ehrfurcht
lauschte. Der Baron stellte sich vor und glaubte zu bemerken, da sein
klingender Name auf die Eitle einen gewissen Eindruck machte. Jedenfalls
war sie von auerordentlicher Zuvorkommenheit gegen ihn, wiewohl sie
sich nichts vergab und sogar frhen Abschied nahm, des Buben halber, wie
sie entschuldigend beifgte.

Der protestierte heftig, er sei nicht mde und gerne bereit, die ganze
Nacht aufzubleiben. Aber schon hatte seine Mutter dem Baron die Hand
geboten, der sie respektvoll kte.

Edgar schlief schlecht in dieser Nacht. Es war eine Wirrnis in ihm von
Glckseligkeit und kindischer Verzweiflung. Denn heute war etwas Neues
in seinem Leben geschehn. Zum ersten Male hatte er in die Schicksale von
Erwachsenen eingegriffen. Er verga, schon im Halbtraum, seine eigene
Kindheit und dnkte sich mit einem Male gro. Bisweilen hatte er, einsam
erzogen und oft krnklich, wenig Freunde gehabt. Fr all sein
Zrtlichkeitsbedrfnis war niemand dagewesen als die Eltern, die sich
wenig um ihn kmmerten, und die Dienstboten. Und die Gewalt einer Liebe
wird immer falsch bemessen, wenn man sie nur nach ihrem Anla wertet und
nicht nach der Spannung, die ihr vorausgeht, jenem hohlen, dunkeln Raum
von Enttuschung und Einsamkeit, der vor allen groen Ereignissen des
Herzens liegt. Ein berschweres, ein unverbrauchtes Gefhl hatte hier
gewartet und strzte nun mit ausgebreiteten Armen dem ersten entgegen,
der es zu verdienen schien. Edgar lag im Dunkeln, beglckt und verwirrt,
er wollte lachen und mute weinen. Denn er liebte diesen Menschen, wie
er nie einen Freund, nie Vater und Mutter und nicht einmal Gott geliebt
hatte. Die ganze unreife Leidenschaft seiner frheren Jahre umklammerte
das Bild dieses Menschen, dessen Namen er vor zwei Stunden noch nicht
gekannt hatte.

Aber er war doch klug genug, um durch das Unerwartete und Eigenartige
dieser neuen Freundschaft nicht bedrngt zu sein. Was ihn so sehr
verwirrte, war das Gefhl seiner Unwertigkeit, seiner Nichtigkeit.
Passe ich denn zu ihm, ich, ein kleiner Bub, zwlf Jahre alt, der noch
die Schule vor sich hat, der abends vor allen andern ins Bett geschickt
wird? qulte er sich ab. Was kann ich ihm sein, was kann ich ihm
bieten? Gerade dieses qualvoll empfundene Unvermgen, irgendwie sein
Gefhl zeigen zu knnen, machte ihn unglcklich. Sonst, wenn er einen
Kameraden liebgewonnen hatte, war es sein Erstes, die paar kleinen
Kostbarkeiten seines Pultes, Briefmarken und Steine, den kindischen
Besitz der Kindheit, mit ihm zu teilen, aber all diese Dinge, die ihm
gestern noch von hoher Bedeutung und seltenem Reiz waren, schienen ihm
mit einem Male entwertet, lppisch und verchtlich. Denn wie konnte er
derlei diesem neuen Freunde bieten, dem er nicht einmal wagen durfte,
das Du zu erwidern; wo war ein Weg, eine Mglichkeit, seine Gefhle zu
verraten? Immer mehr und mehr empfand er die Qual, klein zu sein, etwas
Halbes, Unreifes, ein Kind von zwlf Jahren, und noch nie hatte er so
strmisch das Kindsein verflucht, so herzlich sich gesehnt, anders
aufzuwachen, so wie er sich trumte: gro und stark, ein Mann, ein
Erwachsener wie die andern.

In diese unruhigen Gedanken flochten sich rasch die ersten farbigen
Trume von dieser neuen Welt des Mannseins. Edgar schlief endlich mit
einem Lcheln ein, aber doch, die Erinnerung der morgigen Verabredung
unterhhlte seinen Schlaf. Er schreckte schon um sieben Uhr mit der
Angst auf, zu spt zu kommen. Hastig zog er sich an, begrte die
erstaunte Mutter, die ihn sonst nur mit Mhe aus dem Bette bringen
konnte, in ihrem Zimmer und strmte, ehe sie weitere Fragen stellen
konnte, hinab. Bis neun Uhr trieb er sich ungeduldig umher, verga, da
er frhstcken sollte, einzig besorgt, den Freund fr den Spaziergang
nicht lange warten zu lassen.

Um halb zehn kam endlich der Baron sorglos angeschlendert. Er hatte
natrlich lngst die Verabredung vergessen, jetzt aber, da der Knabe
gierig auf ihn losschnellte, mute er lcheln ber soviel Leidenschaft
und zeigte sich bereit, sein Versprechen einzuhalten. Er nahm den Buben
wieder unterm Arm, ging mit dem Strahlenden auf und nieder, nur da er
sanft, aber nachdrcklich abwehrte, schon jetzt den gemeinsamen
Spaziergang zu beginnen. Er schien auf irgend etwas zu warten,
wenigstens deutete darauf sein nervs die Tren abgreifender Blick.
Pltzlich straffte er sich empor. Edgars Mama war hereingetreten und
kam, den Gru erwidernd, freundlich auf beide zu. Sie lchelte
zustimmend, als sie von dem beabsichtigten Spaziergang vernahm, den ihr
Edgar als etwas zu Kostbares verschwiegen hatte, lie sich aber rasch
von der Einladung des Barons zum Mitgehen bestimmen.

Edgar wurde sofort mrrisch und bi die Lippen. Wie rgerlich, da sie
gerade jetzt vorbeikommen mute! Dieser Spaziergang hatte doch ihm
allein gehrt, und wenn er seinen Freund auch der Mama vorgestellt
hatte, so war das nur eine Liebenswrdigkeit von ihm gewesen, aber
teilen wollte er ihn deshalb nicht. Schon regte sich in ihm etwas wie
Eifersucht, als er die Freundlichkeit des Barons zu seiner Mutter
bemerkte.

Sie gingen dann zu dritt spazieren, und das gefhrliche Gefhl seiner
Wichtigkeit und pltzlichen Bedeutsamkeit wurde in dem Kinde noch
genhrt durch das auffllige Interesse, das beide ihm widmeten. Edgar
war fast ausschlielich Gegenstand der Konversation, indem sich die
Mutter mit etwas erheuchelter Besorgnis ber seine Blsse und Nervositt
aussprach, whrend der Baron wieder dies lchelnd abwehrte und sich
rhmend ber die nette Art seines Freundes, wie er ihn nannte, erging.
Es war Edgars schnste Stunde. Er hatte Rechte, die ihm niemals im Laufe
seiner Kindheit zugestanden worden waren. Er durfte mitreden, ohne
sofort zur Ruhe verwiesen zu werden, sogar allerhand vorlaute Wnsche
uern, die ihm bislang bel aufgenommen worden wren. Und es war nicht
verwunderlich, da in ihm das trgerische Gefhl ppig wuchernd wuchs,
da er ein Erwachsener sei. Schon lag die Kindheit in seinen hellen
Trumen hinter ihm, wie ein weggeworfenes, entwachsenes Kleid.

Mittag sa der Baron, der Einladung der immer freundlicheren Mutter
Edgars folgend, an ihrem Tisch. Aus dem =vis--vis= war ein Nebeneinander
geworden, aus der Bekanntschaft eine Freundschaft. Das Terzett war im
Gang, und die drei Stimmen der Frau, des Mannes und des Kindes klangen
rein zusammen.




Angriff


Nun schien es dem ungeduldigen Jger an der Zeit, sein Wild
anzuschleichen. Das Familire, der Dreiklang in dieser Angelegenheit
mifiel ihm. Es war ja ganz nett, so zu dritt zu plaudern, aber
schlielich, Plaudern war nicht seine Absicht. Und er wute, da das
Gesellschaftliche mit dem Maskenspiel seiner Begehrlichkeit das
Erotische zwischen Mann und Frau immer retardiert, den Worten die Glut,
dem Angriff sein Feuer nimmt. Sie sollte ber der Konversation nie seine
eigentliche Absicht vergessen, die er-- dessen war er sicher-- von ihr
bereits verstanden wute.

Da sein Bemhen bei dieser Frau nicht vergeblich sein wrde, hatte viel
Wahrscheinlichkeiten. Sie war in jenen entscheidenden Jahren, wo eine
Frau zu bereuen beginnt, einem eigentlich nie geliebten Gatten treu
geblieben zu sein, und wo der purpurne Sonnenuntergang ihrer Schnheit
ihr noch eine letzte dringlichste Wahl zwischen dem Mtterlichen und dem
Weiblichen gewhrt. Das Leben, das schon lngst beantwortet schien, wird
in dieser Minute noch einmal zur Frage, zum letzten Male zittert die
magnetische Nadel des Willens zwischen der Hoffnung auf erotisches
Erleben und der endgltigen Resignation. Eine Frau hat dann die
gefhrliche Entscheidung, ihr eigenes Schicksal oder das ihrer Kinder zu
leben, Frau oder Mutter zu sein. Und der Baron, scharfsichtig in diesen
Dingen, glaubte bei ihr gerade dieses gefhrliche Schwanken zwischen
Lebensglut und Aufopferung zu bemerken. Sie verga bestndig im
Gesprch, ihren Gatten zu erwhnen, der offenbar nur ihren ueren
Bedrfnissen, nicht aber ihren durch vornehme Lebensfhrung gereizten
Snobismus zu befriedigen schien, und wute innerlich eigentlich herzlich
wenig von ihrem Kinde. Ein Schatten von Langeweile, als Melancholie in
den dunklen Augen verschleiert, lag ber ihrem Leben und verdunkelte
ihre Sinnlichkeit.

Der Baron beschlo rasch vorzugehen, aber gleichzeitig jeden Anschein
von Eile zu vermeiden. Im Gegenteil, er wollte, wie der Angler den Haken
lockend zurckzieht, dieser neuen Freundschaft seinerseits uerliche
Gleichgltigkeit entgegensetzen, wollte um sich werben lassen, whrend
er doch in Wahrheit der Werbende war. Er nahm sich vor, einen gewissen
Hochmut zu outrieren, den Unterschied ihres sozialen Standes scharf
herauszukehren, und der Gedanke reizte ihn, nur durch das Betonen seines
Hochmutes, durch ein ueres, durch einen klingenden aristokratischen
Namen und kalte Manieren diesen ppigen, vollen schnen Krper gewinnen
zu knnen.

Das heie Spiel begann ihn schon zu erregen, und darum zwang er sich zur
Vorsicht. Den Nachmittag verblieb er in seinem Zimmer mit dem angenehmen
Bewutsein, gesucht und vermit zu werden. Aber diese Abwesenheit wurde
nicht so sehr von ihr bemerkt, gegen die sie eigentlich gezielt war,
sondern gestaltete sich fr den armen Buben zur Qual. Edgar fhlte sich
den ganzen Nachmittag unendlich hilflos und verloren; mit der Knaben
eigenen hartnckigen Treue wartete er die ganzen langen Stunden
unablssig auf seinen Freund. Es wre ihm wie ein Vergehen gegen die
Freundschaft erschienen, wegzugehen oder irgend etwas allein zu tun.
Unntz trollte er sich in den Gngen herum, und je spter es wurde, um
so mehr fllte sich sein Herz mit Unglck an. In der Unruhe seiner
Phantasie trumte er schon von einem Unfall oder einer unbewut
zugefgten Beleidigung und war schon nahe daran, zu weinen vor Ungeduld
und Angst.

Als der Baron dann abends zu Tisch kam, wurde er glnzend empfangen.
Edgar sprang, ohne auf den abmahnenden Ruf seiner Mutter und das
Erstaunen der anderen Leute zu achten, ihm entgegen, umfate strmisch
seine Brust mit den mageren rmchen. Wo waren Sie? Wo sind Sie
gewesen? rief er hastig. Wir haben Sie berall gesucht. Die Mutter
errtete bei dieser unwillkommenen Einbeziehung und sagte ziemlich hart:
=Sois sage, Edgar! Assieds toi!= (Sie sprach nmlich immer Franzsisch
mit ihm, obwohl ihr diese Sprache gar nicht so sehr selbstverstndlich
war und sie bei umstndlichen Erluterungen leicht auf Sand geriet.)
Edgar gehorchte, lie aber nicht ab, den Baron auszufragen. Aber vergi
doch nicht, da der Herr Baron tun kann, was er will. Vielleicht
langweilt ihn unsere Gesellschaft. Diesmal bezog sie sich selber ein,
und der Baron fhlte mit Freude, wie dieser Vorwurf um ein Kompliment
warb.

Der Jger in ihm wachte auf. Er war berauscht, erregt, so rasch hier die
richtige Fhrte gefunden zu haben, das Wild ganz nahe vor dem Schu nun
zu fhlen. Seine Augen glnzten, das Blut flog ihm leicht durch die
Adern, die Rede sprudelte ihm, er wute selbst nicht wie, von den
Lippen. Er war, wie jeder stark erotisch veranlagte Mensch doppelt so
gut, doppelt er selbst, wenn er wute, da er Frauen gefiel, so wie
manche Schauspieler erst feurig werden, wenn sie die Hrer, die atmende
Masse vor ihnen ganz im Bann spren. Er war immer ein guter, mit
sinnlichen Bildern begabter Erzhler gewesen, aber heute-- er trank ein
paar Glser Champagner dazwischen, den er zu Ehren der neuen
Freundschaft bestellt hatte-- bertraf er sich selbst. Er erzhlte von
indischen Jagden, denen er als Gastfreund eines hohen aristokratischen
englischen Freundes beigewohnt hatte, klug dies Thema whlend, weil es
indifferent war und er anderseits sprte, wie alles Exotische und fr
sie Unerreichbare diese Frau erregte. Wen er aber damit bezauberte, das
war vor allem Edgar, dessen Augen vor Begeisterung flammten. Er verga
zu essen, zu trinken und starrte dem Erzhler die Worte von den Lippen
weg. Nie hatte er gehofft, einen Menschen wirklich zu sehen, der diese
ungeheuren Dinge erlebt hatte, von denen er in seinen Bchern las, die
Tigerjagden, die braunen Menschen, die Hindus und das Dschaggernat, das
furchtbare Rad, das tausend Menschen unter seinen Speichen begrub.
Bisher hatte er nie daran gedacht, da es solche Menschen wirklich gbe,
so wenig wie er die Lnder der Mrchen glaubte, und diese Sekunde
sprengte in ihm irgendein groes Gefhl zum ersten Male auf. Er konnte
den Blick von seinem Freunde nicht wenden, starrte mit gepretem Atem
auf die Hnde da hart vor ihm, die einen Tiger gettet hatten. Kaum
wagte er etwas zu fragen, und dann klang seine Stimme fieberig erregt.
Seine rasche Phantasie zauberte ihm immer das Bild zu den Erzhlungen
herauf, er sah den Freund hoch auf einem Elefanten mit purpurner
Schabracke, braune Mnner rechts und links mit kostbaren Turbans und
dann pltzlich den Tiger, der mit seinen gebleckten Zhnen aus dem
Dschungel vorsprang und dem Elefanten die Pranke in den Rssel schlug.
Jetzt erzhlte der Baron noch Interessanteres, wie listig man Elefanten
fing, indem man durch alte, gezhmte Tiere die jungen, wilden und
bermtigen in die Verschlge locken lie: die Augen des Kindes sprhten
Feuer. Da sagte-- ihm war, als fiele blitzend ein Messer vor ihm
nieder-- die Mama pltzlich, mit einem Blick auf die Uhr: =Neuf heures!
Au lit!=

Edgar wurde bla vor Schreck. Fr alle Kinder ist das
Zu-Bette-geschickt-werden ein furchtbares Wort, weil es fr sie die
offenkundigste Demtigung vor den Erwachsenen ist, das Eingestndnis,
das Stigma der Kindheit, des Kleinseins, der kindischen
Schlafbedrftigkeit. Aber wie furchtbar war solche Schmach in diesem
interessantesten Augenblick, da sie ihn solche unerhrte Dinge versumen
lie.

Nur das eine noch, Mama, das von den Elefanten, nur das la mich
hren!

Er wollte zu betteln beginnen, besann sich aber rasch auf seine neue
Wrde als Erwachsener. Einen einzigen Versuch wagte er blo. Aber seine
Mutter war heute merkwrdig streng. Nein, es ist schon spt. Geh nur
hinauf! =Sois sage, Edgar.= Ich erzhl dir schon alle die Geschichten des
Herrn Barons genau wieder.

Edgar zgerte. Sonst begleitete ihn seine Mutter immer zu Bette. Aber er
wollte nicht betteln vor dem Freunde. Sein kindischer Stolz wollte
diesem klglichen Abgang noch einen Schein von Freiwilligkeit retten.

Aber wirklich, Mama, du erzhlst mir alles, alles! Das von den
Elefanten und alles andere!

Ja, mein Kind.

Und sofort! Noch heute!

Ja, ja, aber jetzt geh nur schlafen. Geh!

Edgar bewunderte sich selbst, da es ihm gelang, dem Baron und seiner
Mama die Hand zu reichen, ohne zu errten, obschon das Schluchzen ihm
schon ganz hoch in der Kehle sa. Der Baron beutelte ihm
freundschaftlich den Schopf, das zwang noch ein Lcheln ber sein
gespanntes Gesicht. Aber dann mute er rasch zur Tre eilen, sonst
htten sie gesehen, wie ihm die dicken Trnen ber die Wangen liefen.




Die Elefanten


Die Mutter blieb noch eine Zeitlang unten mit dem Baron bei Tisch, aber
sie sprachen nicht von Elefanten und Jagden mehr. Eine leise Schwle,
eine rasch auffliegende Verlegenheit kam in ihr Gesprch, seit der Bub
sie verlassen hatte. Schlielich gingen sie hinber in die Hall und
setzten sich in eine Ecke. Der Baron war blendender als je, sie selbst
leicht befeuert durch die paar Glas Champagner, und so nahm die
Konversation rasch einen gefhrlichen Charakter an. Der Baron war
eigentlich nicht hbsch zu nennen, er war nur jung und blickte sehr
mnnlich aus seinem dunkelbraunen energischen Bubengesicht mit dem kurz
geschorenen Haar und entzckte sie durch die frischen, fast ungezogenen
Bewegungen. Sie sah ihn gern jetzt von der Nhe und frchtete auch nicht
mehr seinen Blick. Doch allmhlich schlich sich in seine Reden eine
Khnheit, die sie leicht verwirrte, etwas, das wie Greifen an ihrem
Krper war, ein Betasten und wieder Lassen, irgendein unfabar
Begehrliches, das ihr das Blut in die Wangen trieb. Aber dann lachte er
wieder leicht, ungezwungen, knabenhaft, und das gab all den kleinen
Begehrlichkeiten den losen Schein kindlicher Scherze. Manchmal war ihr,
als mte sie ein Wort schroff zurckweisen, aber kokett von Natur,
wurde sie durch diese kleinen Lsternheiten nur gereizt, mehr
abzuwarten. Und hingerissen von dem verwegenen Spiel versuchte sie am
Ende sogar, ihm nachzutun. Sie warf kleine, flatternde Versprechungen
auf den Blicken hinber, gab sich in Worten und Bewegungen schon hin,
duldete sogar sein Heranrcken, die Nhe seiner Stimme, deren Atem sie
manchmal warm und zuckend an den Schultern sprte. Wie alle Spieler
vergaen sie die Zeit und verloren sich so gnzlich in dem heien
Gesprch, da sie erst aufschreckten, als die Hall sich um Mitternacht
abzudunkeln begann.

Sie sprang sofort empor, dem ersten Erschrecken gehorchend, und fhlte
mit einem Male, wie verwegen weit sie sich vorgewagt hatte. Ihr war
sonst das Spiel mit dem Feuer nicht fremd, aber jetzt sprte ihr
aufgereizter Instinkt, wie nahe dieses Spiel schon dem Ernste war. Mit
Schauern entdeckte sie, da sie sich nicht mehr ganz sicher fhlte, da
irgend etwas in ihr zu gleiten begann und sich bengstigend dem Wirbel
zudrehte. Im Kopf wogte alles in einem Wirbel von Angst, von Wein und
heien Reden, eine dumme, sinnlose Angst berfiel sie, jene Angst, die
sie schon einige Male in ihrem Leben in solchen gefhrlichen Sekunden
gekannt hatte, aber nie so schwindelnd und gewaltttig. Gute Nacht,
gute Nacht. Auf morgen frh, sagte sie hastig und wollte entlaufen.
Entlaufen nicht ihm so sehr, wie der Gefahr dieser Minute und einer
neuen, fremdartigen Unsicherheit in sich selbst. Aber der Baron hielt
die dargebotene Abschiedshand mit sanfter Gewalt, kte sie, und nicht
nur in Korrektheit ein einziges Mal, sondern vier- oder fnfmal mit den
Lippen von den feinen Fingerspitzen bis hinauf zum Handgelenk, zitternd,
wobei sie mit einem leichten Frsteln seinen rauhen Schnurrbart ber den
Handrcken kitzeln fhlte. Irgendein warmes und beklemmendes Gefhl flog
von dort mit dem Blut durch den ganzen Krper, Angst scho hei empor,
hmmerte drohend an die Schlfen, ihr Kopf glhte, die Angst, die
sinnlose Angst zuckte jetzt durch ihren ganzen Krper, und sie entzog
ihm rasch die Hand.

Bleiben Sie doch noch, flsterte der Baron. Aber schon eilte sie fort
mit einer Ungelenkigkeit der Hast, die ihre Angst und Verwirrung
augenfllig machte. In ihr war jetzt die Erregtheit, die der andere
wollte, sie fhlte, wie alles in ihr verworren war. Die grausam
brennende Angst jagte sie, der Mann hinter ihr mchte ihr folgen und sie
fassen, gleichzeitig aber, noch im Entspringen, sprte sie schon ein
Bedauern, da er es nicht tat. In dieser Stunde htte das geschehen
knnen, was sie seit Jahren unbewut ersehnte, das Abenteuer, dessen
nahen Hauch sie wollstig liebte, um ihm bisher immer im letzten
Augenblick zu entweichen, das groe und gefhrliche, nicht nur der
flchtige, aufreizende Flirt. Aber der Baron war zu stolz, einer
gnstigen Sekunde nachzulaufen. Er war seines Sieges zu gewi, um diese
Frau ruberisch in einer schwachen, weintrunkenen Minute zu nehmen, im
Gegenteil, den fairen Spieler reizte nur der Kampf und die Hingabe bei
vollem Bewutsein. Entrinnen konnte sie ihm nicht. Ihr zuckte, das
merkte er, das heie Gift schon in den Adern.

Oben auf der Treppe blieb sie stehen, die Hand an das keuchende Herz
gepret. Sie mute ausruhen eine Sekunde. Ihre Nerven versagten. Ein
Seufzer brach aus der Brust, halb Beruhigung, einer Gefahr entronnen zu
sein, halb Bedauern; aber das alles war verworren und wirrte im Blut nur
als leises Schwindligsein weiter. Mit halbgeschlossenen Augen, wie eine
Betrunkene, tappte sie weiter zu ihrer Tre und atmete auf, da sie jetzt
die khle Klinke fate. Jetzt empfand sie sich erst in Sicherheit!

Leise bog sie die Tre ins Zimmer. Und schrak schon zurck in der
nchsten Sekunde. Irgend etwas hatte sich gerhrt in dem Zimmer, ganz
rckwrts im Dunkeln. Ihre erregten Nerven zuckten grell, schon wollte
sie um Hilfe schreien, da kam es leise von drinnen, mit ganz
schlaftrunkener Stimme: Bist du es, Mama?

Um Gottes willen, was machst du da? Sie strzte hin zum Diwan, wo
Edgar zusammengeknllt lag und sich eben vom Schlafe aufraffte. Ihr
erster Gedanke war, das Kind msse krank sein oder Hilfe bedrftig.

Aber Edgar sagte, ganz verschlafen noch und mit leisem Vorwurf: Ich
habe so lange auf dich gewartet, und dann bin ich eingeschlafen.

Warum denn?

Wegen der Elefanten.

Was fr Elefanten?

Jetzt erst begriff sie. Sie hatte ja dem Kinde versprochen, alles zu
erzhlen, heute noch, von der Jagd und den Abenteuern. Und da hatte sich
dieser Bub auf ihr Zimmer geschlichen, dieser einfltige, kindische Bub,
und im sicheren Vertrauen gewartet, bis sie kam, und war darber
eingeschlafen. Die Extravaganz emprte sie. Oder eigentlich, sie fhlte
Zorn gegen sich selbst, ein leises Raunen von Schuld und Scham, das sie
berschreien wollte. Geh sofort zu Bett, du ungezogener Fratz, schrie
sie ihn an. Edgar staunte ihr entgegen. Warum war sie so zornig mit ihm,
er hatte doch nichts getan? Aber diese Verwunderung reizte die schon
Aufgeregte noch mehr. Geh sofort in dein Zimmer, schrie sie wtend,
weil sie fhlte, da sie ihm unrecht tat. Edgar ging ohne ein Wort. Er
war eigentlich furchtbar mde und sprte nur verworren durch den
drckenden Nebel von Schlaf, da seine Mutter ein Versprechen nicht
gehalten hatte und da man in irgendeiner Weise gegen ihn schlecht war.
Aber er revoltierte nicht. In ihm war alles stumpf durch die Mdigkeit;
und dann, er rgerte sich sehr, hier oben eingeschlafen zu sein, statt
wach zu warten. Ganz wie ein kleines Kind, sagte er emprt zu sich
selber, ehe er wieder in Schlaf fiel.

Denn seit gestern hate er seine eigene Kindheit.




Geplnkel


Der Baron hatte schlecht geschlafen. Es ist immer gefhrlich, nach einem
abgebrochenen Abenteuer zu Bette zu gehen: eine unruhige, von schwlen
Trumen gefhrdete Nacht lie es ihn bald bereuen, die Minute nicht mit
hartem Griff gepackt zu haben. Als er morgens, noch von Schlaf und
Mimut umwlkt, hinunterkam, sprang ihm der Knabe aus einem Versteck
entgegen, schlo ihn begeistert in die Arme und begann ihn mit tausend
Fragen zu qulen. Er war glcklich, seinen groen Freund wieder eine
Minute fr sich zu haben und nicht mit der Mama teilen zu mssen. Nur
ihm sollte er erzhlen, nicht mehr Mama, bestrmte er ihn, denn die
htte, trotz ihres Versprechens, ihm nichts von all den wunderbaren
Dingen wiedergesagt. Er berschttete den unangenehm Aufgeschreckten,
der seine Milaune nur schlecht verbarg, mit hundert kindischen
Belstigungen. In diese Fragen mengte er berdies strmische Bezeugungen
seiner Liebe, glckselig, wieder mit dem Langgesuchten und seit
frhmorgens Erwarteten allein zu sein.

Der Baron antwortete unwirsch. Dieses ewige Auflauern des Kindes, die
Lppischkeit der Fragen, wie berhaupt die unbegehrte Leidenschaft
begann ihn zu langweilen. Er war mde, nun tagaus, tagein mit einem
zwlfjhrigen Buben herumzuziehen und mit ihm Unsinn zu schwatzen. Ihm
lag jetzt nur daran, die Mutter allein zu fassen, was eben durch des
Kindes unerwnschte Anwesenheit zum Problem wurde. Ein erstes Unbehagen
vor dieser unvorsichtig geweckten Zrtlichkeit bemchtigte sich seiner,
denn vorlufig sah er keine Mglichkeit, den allzu anhnglichen Freund
loszuwerden.

Immerhin: es kam auf den Versuch an. Bis zehn Uhr, der Stunde, die er
mit der Mutter zum Spaziergang verabredet hatte, lie er das eifrige
Gerede des Buben achtlos ber sich hinpltschern, warf manchmal einen
Brocken Gesprch hin, um ihn nicht zu beleidigen, durchbltterte aber
gleichzeitig die Zeitung. Endlich, als der Zeiger fast senkrecht stand,
bat er Edgar, wie sich pltzlich erinnernd, fr ihn ins andere Hotel
blo einen Augenblick hinberzugehen, um dort nachzufragen, ob der Graf
Grundheim, sein Vetter, schon angekommen sei.

Das arglose Kind, glckselig, endlich einmal seinem Freund mit etwas
dienlich sein zu knnen, stolz auf seine Wrde als Bote, sprang sofort
weg und strmte so toll den Weg hin, da die Leute ihm verwundert
nachstarrten. Aber ihm war gelegen, zu zeigen, wie flink er war, wenn
man ihm Botschaften vertraute. Der Graf war, so sagte man ihm dort, noch
nicht eingetroffen, ja zur Stunde gar nicht angemeldet. Diese Nachricht
brachte er in neuerlichem Sturmschritt zurck. Aber in der Halle war der
Baron nicht mehr zu finden. So klopfte er an seine Zimmertr,--
vergeblich! Beunruhigt rannte er alle Rume ab, das Musikzimmer und das
Kaffeehaus, strmte aufgeregt zu seiner Mama, um Erkundigungen
einzuziehen: auch sie war fort. Der Portier, an den er sich schlielich
ganz verzweifelt wandte, sagte ihm zu seiner Verblffung, sie seien
beide vor einigen Minuten gemeinsam weggegangen!

Edgar wartete geduldig. Seine Arglosigkeit vermutete nichts Bses. Sie
konnten ja nur eine kurze Weile wegbleiben, dessen war er sicher, denn
der Baron brauchte ja seinen Bescheid. Aber die Zeit streckte breit ihre
Stunden, Unruhe schlich sich an ihn heran. berhaupt, seit dem Tage, da
sich dieser fremde, verfhrerische Mensch in sein kleines, argloses
Leben gemengt hatte, war das Kind den ganzen Tag angespannt, gehetzt und
verwirrt. In einen so feinen Organismus, wie den der Kinder, drckt jede
Leidenschaft wie in weiches Wachs ihre Spuren. Das nervse Zittern der
Augenlider trat wieder auf, schon sah er blsser aus. Edgar wartete und
wartete, geduldig zuerst, dann wild erregt und schlielich schon dem
Weinen nah. Aber argwhnisch war er noch immer nicht. Sein blindes
Vertrauen in diesen wundervollen Freund vermutete ein Miverstndnis,
und geheime Angst qulte ihn, er mchte vielleicht den Auftrag falsch
verstanden haben.

Wie seltsam aber war erst dies, da sie jetzt, da sie endlich
zurckkamen, heiter plaudernd blieben und gar keine Verwunderung
bezeigten. Es schien, als htten sie ihn gar nicht sonderlich vermit:
Wir sind dir entgegengegangen, weil wir hofften, dich am Weg zu
treffen, Edi, sagte der Baron, ohne sich nach dem Auftrag zu
erkundigen. Und als das Kind, ganz erschrocken, sie knnten ihn
vergebens gesucht haben, zu beteuern begann, er sei nur auf dem geraden
Wege der Hochstrae gelaufen, und wissen wollte, welche Richtung sie
gewhlt htten, da schnitt die Mama kurz das Gesprch ab. Schon gut,
schon gut! Kinder sollen nicht soviel reden.

Edgar wurde rot vor rger. Das war nun schon das zweite Mal so ein
niedertrchtiger Versuch, ihn vor seinem Freund herabzusetzen. Warum tat
sie das, warum versuchte sie immer, ihn als Kind darzustellen, das er
doch-- er war davon berzeugt-- nicht mehr war? Offenbar war sie ihm
neidisch auf seinen Freund und plante, ihn zu sich herberzuziehen. Ja,
und sicherlich war sie es auch, die den Baron mit Absicht den falschen
Weg gefhrt hatte. Aber er lie sich nicht von ihr mihandeln, das
sollte sie sehen. Er wollte ihr schon Trotz bieten. Und Edgar beschlo,
heute bei Tisch kein Wort mit ihr zu reden, nur mit seinem Freund
allein.

Doch das wurde ihm hart. Was er am wenigsten erwartet hatte, trat ein:
man bemerkte seinen Trotz nicht. Ja, sogar ihn selber schienen sie nicht
zu sehen, ihn, der doch gestern Mittelpunkt ihres Beisammenseins gewesen
war! Sie sprachen beide ber ihn hinweg, scherzten zusammen und lachten,
als ob er unter den Tisch gesunken wre. Das Blut stieg ihm zu den
Wangen, in der Kehle sa ein Knollen, der ihm den Atem erwrgte. Mit
Schauern wurde er seiner entsetzlichen Machtlosigkeit bewut. Er sollte
also hier ruhig sitzen und zusehen, wie seine Mutter ihm den Freund
wegnahm, den einzigen Menschen, den er liebte, und sollte sich nicht
wehren knnen, nicht anders als durch Schweigen? Ihm war, als mte er
aufstehen und pltzlich mit beiden Fusten auf den Tisch losschlagen.
Nur damit sie ihn bemerkten. Aber er hielt sich zusammen, legte blo
Gabel und Messer nieder und rhrte keinen Bissen mehr an. Aber auch dies
hartnckige Fasten merkten sie lange nicht, erst beim letzten Gang fiel
es der Mutter auf, und sie fragte, ob er sich nicht wohl fhle.
Widerlich, dachte er sich, immer denkt sie nur das eine, ob ich nicht
krank bin, sonst ist ihr alles einerlei. Er antwortete kurz, er habe
keine Lust, und damit gab sie sich zufrieden. Nichts, gar nichts erzwang
ihm Beachtung. Der Baron schien ihn vergessen zu haben, wenigstens
richtete er nicht ein einziges Mal das Wort an ihn. Heier und heier
quoll es ihm in die Augen, und er mute die kindische List anwenden,
rasch die Serviette zu heben, ehe es jemand sehen konnte, da Trnen
ber seine Wangen sprangen und ihm salzig die Lippen nten. Er atmete
auf, wie das Essen zu Ende war.

Whrend des Diners hatte seine Mutter eine gemeinsame Wagenfahrt nach
Maria-Schutz vorgeschlagen. Edgar hatte es gehrt, die Lippe zwischen
den Zhnen. Nicht eine Minute wollte sie ihn also mehr mit seinem
Freunde allein lassen. Aber sein Ha stieg erst wild auf, als sie ihm
jetzt beim Aufstehen sagte: Edgar, du wirst noch alles fr die Schule
vergessen, du solltest doch einmal zu Hause bleiben, ein bichen
nachlernen! Wieder ballte er die kleine Kinderfaust. Immer wollte sie
ihn vor seinem Freund demtigen, immer daran ffentlich erinnern, da er
noch ein Kind war, da er in die Schule gehen mute und nur geduldet
unter Erwachsenen war. Diesmal war ihm die Absicht aber doch zu
durchsichtig. Er gab gar keine Antwort, sondern drehte sich kurzweg um.

Aha, wieder beleidigt, sagte sie lchelnd, und dann zum Baron: Wre
das wirklich so arg, wenn er einmal eine Stunde arbeiten mchte?

Und da-- im Herzen des Kindes wurde etwas kalt und starr-- sagte der
Baron, er, der sich seinen Freund nannte, er, der ihn als Stubenhocker
verhhnt hatte: Na, eine Stunde oder zwei knnten wirklich nicht
schaden.

War das ein Einverstndnis? Hatten sie sich wirklich beide gegen ihn
verbndet? In dem Blick des Kindes flammte der Zorn. Mein Papa hat
verboten, da ich hier lerne, Papa will, da ich mich hier erhole,
schleuderte er heraus mit dem ganzen Stolz auf seine Krankheit,
verzweifelt sich an das Wort, an die Autoritt seines Vaters
anklammernd. Wie eine Drohung stie er es heraus. Und was das
merkwrdigste war: das Wort schien tatschlich in den beiden ein
Mibehagen zu erwecken. Die Mutter sah weg und trommelte nur nervs mit
den Fingern auf den Tisch. Ein peinliches Schweigen stand breit zwischen
ihnen. Wie du meinst, Edi, sagte schlielich der Baron mit einem
erzwungenen Lcheln. Ich mu ja keine Prfung machen, ich bin schon
lngst bei allen durchgefallen.

Aber Edgar lchelte nicht zu dem Scherz, sondern sah ihn nur an mit
einem prfenden, sehnschtig eindringenden Blick, als wollte er ihm bis
in die Seele greifen. Was ging da vor? Etwas war verndert zwischen
ihnen, und das Kind wute nicht warum. Unruhig lie es die Augen
wandern. In seinem Herzen hmmerte ein kleiner, hastiger Hammer: der
erste Verdacht.




Brennendes Geheimnis


Was hat sie so verwandelt? sann das Kind, das ihnen im rollenden Wagen
gegenbersa. Warum sind sie nicht mehr zu mir wie frher? Weshalb
vermeidet Mama immer meinen Blick, wenn ich sie ansehe? Warum sucht er
immer vor mir Witze zu machen und den Hanswurst zu spielen? Beide reden
sie nicht mehr zu mir wie gestern und vorgestern, mir ist beinahe, als
htten sie andere Gesichter bekommen. Mama hat heute so rote Lippen, sie
mu sie gefrbt haben. Das habe ich nie gesehen an ihr. Und er zieht
immer die Stirne kraus, als sei er beleidigt. Ich habe ihnen doch nichts
getan, kein Wort gesagt, das sie verdrieen konnte? Nein, ich kann nicht
die Ursache sein, denn sie sind selbst zueinander anders wie vordem. Sie
sind so, als ob sie etwas angestellt htten, das sie sich nicht zu sagen
getrauen. Sie plaudern nicht mehr wie gestern, sie lachen auch nicht,
sie sind befangen, sie verbergen etwas. Irgendein Geheimnis ist zwischen
ihnen, das sie mir nicht verraten wollen. Ein Geheimnis, das ich
ergrnden mu um jeden Preis. Ich kenne es schon, es mu dasselbe sein,
vor dem sie mir immer die Tre verschlieen, von dem in den Bchern die
Rede ist und in den Opern, wenn die Mnner und die Frauen mit
ausgebreiteten Armen gegeneinander singen, sich umfassen und sich
wegstoen. Es mu irgendwie dasselbe sein, wie das mit meiner
franzsischen Lehrerin, die sich mit Papa so schlecht vertrug und die
dann weggeschickt wurde. All diese Dinge hngen zusammen, das spre ich,
aber ich wei nur nicht, wie. Oh, es zu wissen, endlich zu wissen,
dieses Geheimnis, ihn zu fassen, diesen Schlssel, der alle Tren
aufschliet, nicht lnger mehr Kind sein, vor dem man alles versteckt
und verhehlt, sich nicht mehr hinhalten lassen und betrgen. Jetzt oder
nie! Ich will es ihnen entreien, dieses furchtbare Geheimnis. Eine
Falte grub sich in seine Stirne, beinahe alt sah der schmchtige
Zwlfjhrige aus, wie er so ernst vor sich hin grbelte, ohne einen
einzigen Blick an die Landschaft zu wenden, die sich in klingenden
Farben rings entfaltete, die Berge im gereinigten Grn ihrer
Nadelwlder, die Tler im noch zarten Glanz des verspteten Frhlings.
Er sah nur immer die beiden ihm gegenber im Rcksitz des Wagens an, als
knnte er mit diesen heien Blicken wie mit einer Angel das Geheimnis
aus den glitzernden Tiefen ihrer Augen herausreien. Nichts schrft
Intelligenz mehr als ein leidenschaftlicher Verdacht, nichts entfaltet
mehr alle Mglichkeiten eines unreifen Intellekts als eine Fhrte, die
ins Dunkel luft. Manchmal ist es ja nur eine einzige, dnne Tr, die
Kinder von der Welt, die wir die wirkliche nennen, abtrennt, und ein
zuflliger Windhauch weht sie ihnen auf.

Edgar fhlte sich mit einem Male dem Unbekannten, dem groen Geheimnis
so greifbar nahe wie noch nie, er sprte es knapp vor sich, zwar noch
verschlossen und unentrtselt, aber nah, ganz nah. Das erregte ihn und
gab ihm diesen pltzlichen, feierlichen Ernst. Denn unbewut ahnte er,
da er am Rand seiner Kindheit stand.

Die beiden gegenber fhlten irgendeinen dumpfen Widerstand vor sich,
ohne zu ahnen, da er von dem Knaben ausging. Sie fhlten sich eng und
gehemmt zu dritt im Wagen. Die beiden Augen ihnen gegenber mit ihrer
dunkel in sich flackernden Glut behinderten sie. Sie wagten kaum zu
reden, kaum zu blicken. Zu ihrer vormaligen leichten, gesellschaftlichen
Konversation fanden sie jetzt nicht mehr zurck, schon zu sehr
verstrickt in dem Ton der heien Vertraulichkeiten, jener gefhrlichen
Worte, in denen die schmeichelnde Unzchtigkeit von heimlichen
Betastungen zittert. Ihr Gesprch stie immer auf Lcken und Stockungen.
Es blieb stehen, wollte weiter, aber stolperte immer wieder ber das
hartnckige Schweigen des Kindes.

Besonders fr die Mutter war sein verbissenes Schweigen eine Last. Sie
sah ihn vorsichtig von der Seite an und erschrak, als sie pltzlich in
der Art, wie das Kind die Lippen verkniff, zum erstenmal eine
hnlichkeit mit ihrem Mann erkannte, wenn er gereizt oder verrgert war.
Der Gedanke war ihr unbehaglich, gerade jetzt an ihren Mann erinnert zu
werden, da sie mit einem Abenteuer Versteck spielen wollte. Wie ein
Gespenst, ein Wchter des Gewissens, doppelt unertrglich hier in der
Enge des Wagens, zehn Zoll gegenber mit seinen dunkel arbeitenden Augen
und dem Lauern hinter der blassen Stirn, schien ihr das Kind. Da schaute
Edgar pltzlich auf, eine Sekunde lang. Beide senkten sie sofort den
Blick: sie sprten, da sie sich belauerten, zum erstenmal in ihrem
Leben. Bisher hatten sie einander blind vertraut, jetzt aber war etwas
zwischen Mutter und Kind, zwischen ihr und ihm pltzlich anders
geworden. Zum ersten Male in ihrem Leben begannen sie, sich zu
beobachten, ihre beiden Schicksale voneinander zu trennen, beide schon
mit einem heimlichen Ha gegeneinander, der nur noch zu neu war, als da
sie sich ihn einzugestehen wagten.

Alle drei atmeten sie auf, als die Pferde wieder vor dem Hotel hielten.
Es war ein verunglckter Ausflug gewesen, alle fhlten es, und keiner
wagte es zu sagen. Edgar sprang zuerst ab. Seine Mutter entschuldigte
sich mit Kopfschmerzen und ging eilig hinauf. Sie war mde und wollte
allein sein. Edgar und der Baron blieben zurck. Der Baron zahlte dem
Kutscher, sah auf die Uhr und schritt gegen die Hall zu, ohne den Buben
zu beachten. Er ging vorbei an ihm mit seinem feinen, schlanken Rcken,
diesem rhythmisch leichten Wiegegang, der das Kind so bezauberte und den
es gestern schon nachzuahmen versucht hatte. Er ging vorbei, glatt
vorbei. Offenbar hatte er den Knaben vergessen und lie ihn stehen neben
dem Kutscher, neben den Pferden, als gehrte er nicht zu ihm.

In Edgar ri irgend etwas entzwei, wie er ihn so vorbergehen sah, ihn,
den er trotz alldem noch immer so abgttisch liebte. Verzweiflung brach
aus seinem Herzen, als er so vorbeiging, ohne ihn mit dem Mantel zu
streifen, ohne ihm ein Wort zu sagen, der sich doch keiner Schuld bewut
war. Die mhsam bewahrte Fassung zerri, die knstlich erhhte Last der
Wrde glitt ihm von den zu schmalen Schultern, er wurde wieder ein Kind,
klein und demtig wie gestern und vordem. Es ri ihn weiter wider seinen
Willen. Mit rasch zitternden Schritten ging er dem Baron nach, trat ihm,
der eben die Treppe hinauf wollte, in den Weg und sagte gepret, mit
schwer verhaltenen Trnen:

Was habe ich Ihnen getan, da Sie nicht mehr auf mich achten? Warum
sind Sie jetzt immer so mit mir? Und die Mama auch? Warum wollen Sie
mich immer wegschicken? Bin ich Ihnen lstig, oder habe ich etwas
getan?

Der Baron schrak auf. In der Stimme war etwas, das ihn verwirrte und
weich stimmte. Mitleid berkam ihn mit dem arglosen Buben. Edi, du bist
ein Narr! Ich war nur schlechter Laune heute. Und du bist ein lieber
Bub, den ich wirklich gern hab. Dabei schttelte er ihn am Schopf
tchtig hin und her, aber doch das Gesicht halb abgewendet, um nicht
diese groen, feuchten, flehenden Kinderaugen sehen zu mssen. Die
Komdie, die er spielte, begann ihm peinlich zu werden. Er schmte sich
eigentlich schon, mit der Liebe dieses Kindes so frech gespielt zu
haben, und diese dnne, von unterirdischem Schluchzen geschttelte
Stimme tat ihm weh. Geh jetzt hinauf, Edi, heute abend werden wir uns
wieder vertragen, du wirst schon sehen, sagte er begtigend.

Aber Sie dulden nicht, da mich Mama gleich hinaufschickt. Nicht wahr?

Nein, nein, Edi, ich dulde es nicht, lchelte der Baron. Geh nur
jetzt hinauf, ich mu mich anziehen fr das Abendessen.

Edgar ging, beglckt fr den Augenblick. Aber bald begann der Hammer im
Herzen sich wieder zu rhren. Er war um Jahre lter geworden seit
gestern; ein fremder Gast, das Mitrauen, sa jetzt schon fest in seiner
kindischen Brust.

Er wartete. Es galt ja die entscheidende Probe. Sie saen zusammen bei
Tisch. Es wurde neun Uhr, aber die Mutter schickte ihn nicht zu Bett.
Schon wurde er unruhig. Warum lie sie ihn gerade heute so lange hier
bleiben, sie, die sonst so genau war? Hatte ihr am Ende der Baron seinen
Wunsch und das Gesprch verraten? Brennende Reue berfiel ihn pltzlich,
ihm heute mit seinem vollen vertrauenden Herzen nachgelaufen zu sein. Um
zehn erhob sich pltzlich seine Mutter und nahm Abschied vom Baron. Und
seltsam, auch der schien durch diesen frhen Aufbruch keineswegs
verwundert zu sein, suchte auch nicht, wie sonst immer, sie
zurckzuhalten. Immer heftiger schlug der Hammer in der Brust des
Kindes.

Nun galt es scharfe Probe. Auch er stellte sich nichtsahnend und folgte
ohne Widerrede seiner Mutter zur Tr. Dort aber zuckte er pltzlich auf
mit den Augen. Und wirklich, er fing in dieser Sekunde einen lchelnden
Blick, der ber seinen Kopf von ihr gerade zum Baron hinberging, einen
Blick des Einverstndnisses, irgendeines Geheimnisses. Der Baron hatte
ihn also verraten. Deshalb also der frhe Aufbruch: er sollte heute
eingewiegt werden in Sicherheit, um ihnen morgen nicht mehr im Wege zu
sein.

Schuft, murmelte er.

Was meinst du? fragte die Mutter.

Nichts, stie er zwischen den Zhnen heraus. Auch er hatte jetzt sein
Geheimnis. Es hie Ha, grenzenloser Ha gegen beide.




Schweigen


Edgars Unruhe war nun vorbei. Endlich geno er ein reines, klares
Gefhl: Ha und offene Feindschaft. Jetzt, da er gewi war, ihnen im Weg
zu sein, wurde das Zusammensein fr ihn zu einer grausam komplizierten
Wollust. Er weidete sich im Gedanken, sie zu stren, ihnen nun endlich
mit der ganzen geballten Kraft seiner Feindseligkeit entgegenzutreten.
Dem Baron wies er zuerst die Zhne. Als der morgens herabkam und ihn im
Vorbergehen herzlich mit einem Servus, Edi begrte, knurrte Edgar,
der, ohne aufzuschauen, im Fauteuil sitzen blieb, ihm nur ein hartes
Morgen zurck. Ist die Mama schon unten? Edgar blickte in die
Zeitung: Ich wei nicht. Der Baron stutzte. Was war das auf einmal?
Schlecht geschlafen, Edi, was? Ein Scherz sollte wie immer
hinberhelfen. Aber Edgar warf ihm nur wieder verchtlich ein Nein hin
und vertiefte sich neuerdings in die Zeitung. Dummer Bub, murmelte der
Baron vor sich hin, zuckte die Achseln und ging weiter. Die Feindschaft
war erklrt.

Auch gegen seine Mama war Edgar khl und hflich. Einen ungeschickten
Versuch, ihn auf den Tennisplatz zu schicken, wies er ruhig zurck. Sein
Lcheln, knapp an den Lippen aufgerollt und leise von Erbitterung
gekruselt, zeigte, da er sich nicht mehr betrgen lasse. Ich gehe
lieber mit euch spazieren, Mama, sagte er mit falscher Freundlichkeit
und blickte ihr in die Augen. Die Antwort war ihr sichtlich ungelegen.
Sie zgerte und schien etwas zu suchen. Warte hier auf mich, entschied
sie endlich und ging zum Frhstck.

Edgar wartete. Aber sein Mitrauen war rege. Ein unruhiger Instinkt
arbeitete nun zwischen jedem Wort dieser beiden eine geheime feindselige
Absicht heraus. Der Argwohn gab ihm jetzt manchmal eine merkwrdige
Hellsichtigkeit der Entschlsse. Und statt, wie ihm angewiesen war, in
der Hall zu warten, zog Edgar es vor, sich auf der Strae zu postieren,
wo er nicht nur den einen Hauptausgang, sondern alle Tren berwachen
konnte. Irgend etwas in ihm witterte Betrug. Aber sie sollten ihm nicht
mehr entwischen. Auf der Strae drckte er sich, wie er es in seinen
Indianerbchern gelernt hatte, hinter einen Holzsto. Und lachte nur
zufrieden, als er nach etwa einer halben Stunde seine Mutter tatschlich
aus der Seitentr treten sah, einen Busch prachtvoller Rosen in der Hand
und gefolgt vom Baron, dem Verrter.

Beide schienen sie sehr bermtig. Atmeten sie schon auf, ihm entgangen
zu sein, allein fr ihr Geheimnis? Sie lachten im Gesprch und schickten
sich an, den Waldweg hinabzugehen.

Jetzt war der Augenblick gekommen. Edgar schlenderte gemchlich, als
htte ein Zufall ihn hergefhrt, hinter dem Holzsto hervor. Ganz, ganz
gelassen ging er auf sie zu, lie sich Zeit, sehr viel Zeit, um sich
ausgiebig an ihrer berraschung zu weiden. Die beiden waren verblfft
und tauschten einen befremdeten Blick. Langsam, mit gespielter
Selbstverstndlichkeit kam das Kind heran und lie seinen hhnischen
Blick nicht von ihnen. Ah, da bist du, Edi, wir haben dich schon drin
gesucht, sagte endlich die Mutter. Wie frech sie lgt, dachte das Kind.
Aber die Lippen blieben hart. Sie hielten das Geheimnis des Hasses
hinter den Zhnen.

Unschlssig standen sie alle drei. Einer lauerte auf den andern. Also
gehen wir, sagte resigniert die verrgerte Frau und zerpflckte eine
der schnen Rosen. Wieder dieses leichte Zittern um die Nasenflgel, das
bei ihr Zorn verriet. Edgar blieb stehen, als ginge ihn das nichts an,
sah ins Blaue, wartete, bis sie gingen, dann schickte er sich an, ihnen
zu folgen. Der Baron machte noch einen Versuch. Heute ist
Tennisturnier, hast du das schon einmal gesehen? Edgar blickte ihn nur
verchtlich an. Er antwortete ihm gar nicht mehr, zog nur die Lippen
krumm, als ob er pfeifen wollte. Das war sein Bescheid. Sein Ha wies
die blanken Zhne.

Wie ein Alp lastete nun seine unerbetene Gegenwart auf den beiden.
Strflinge gehen so hinter dem Wrter, mit heimlich geballten Fusten.
Das Kind tat eigentlich gar nichts und wurde ihnen doch in jeder Minute
mehr unertrglich mit seinen lauernden Blicken, die feucht waren von
verbissenen Trnen, seiner gereizten Mrrischkeit, die alle
Annherungsversuche wegknurrte. Geh voraus, sagte pltzlich wtend die
Mutter, beunruhigt durch sein fortwhrendes Lauschen. Tanz mir nicht
immer vor den Fen, das macht mich nervs! Edgar gehorchte, aber immer
nach ein paar Schritten wandte er sich um, blieb wartend stehen, wenn
sie zurckgeblieben waren, sie mit seinem Blick wie der schwarze Pudel
mephistophelisch umkreisend und einspinnend in dieses feurige Netz von
Ha, in dem sie sich unentrinnbar gefangen fhlten.

Sein bses Schweigen zerri wie eine Sure ihre gute Laune, sein Blick
vergllte ihnen das Gesprch. Der Baron wagte kein einziges werbendes
Wort mehr, er sprte, mit Zorn, diese Frau ihm wieder entgleiten, ihre
mhsam angefachte Leidenschaftlichkeit jetzt auskhlen in der Furcht vor
diesem lstigen, widerlichen Kind. Immer versuchten sie wieder zu reden,
immer brach ihre Konversation zusammen. Schlielich trotteten sie alle
drei schweigend ber den Weg, hrten nur mehr die Bume flsternd
gegeneinander schlagen und ihren eigenen verdrossenen Schritt. Das Kind
hatte ihr Gesprch erdrosselt.

Jetzt war in allen dreien die gereizte Feindseligkeit. Mit Wollust
sprte das verratene Kind, wie sich ihre Wut wehrlos gegen seine
miachtete Existenz ballte. Mit zwinkernd hhnischem Blick streifte er
ab und zu das verbissene Gesicht des Barons. Er sah, wie der zwischen
den Zhnen Schimpfworte knirschte und an sich halten mute, um sie nicht
gegen ihn zu speien, merkte zugleich auch mit diabolischer Lust den
aufsteigenden Zorn seiner Mutter, und da beide nur einen Anla
ersehnten, sich auf ihn zu strzen, ihn wegzuschieben oder unschdlich
zu machen. Aber er bot keine Gelegenheit, sein Ha war in langen Stunden
berechnet und gab sich keine Blen. Gehen wir zurck! sagte pltzlich
die Mutter. Sie fhlte, da sie nicht lnger an sich halten knnte, da
sie etwas tun mte, aufschreien zumindest unter dieser Folter. Wie
schade, sagte Edgar ruhig, es ist so schn.

Beide merkten, da das Kind sie verhhnte. Aber sie wagten nichts zu
sagen, dieser Tyrann hatte in zwei Tagen zu wundervoll gelernt, sich zu
beherrschen. Kein Zucken im Gesicht verriet die schneidende Ironie. Ohne
Wort gingen sie den langen Weg wieder heim. In ihr flackerte die
Erregung noch nach, als sie dann beide allein im Zimmer waren. Sie warf
den Sonnenschirm und ihre Handschuhe rgerlich weg. Edgar merkte sofort,
da ihre Nerven erregt waren und nach Entladung verlangten, aber er
wollte einen Ausbruch und blieb mit Absicht im Zimmer, um sie zu reizen.
Sie ging auf und ab, setzte sich wieder hin, ihre Finger trommelten auf
dem Tisch, dann sprang sie wieder auf. Wie zerrauft du bist, wie
schmutzig du umhergehst! Es ist eine Schande vor den Leuten. Schmst du
dich nicht in deinem Alter? Ohne ein Wort der Gegenrede ging das Kind
hin und kmmte sich. Dieses Schweigen, dieses obstinate kalte Schweigen
mit dem Zittern von Hohn auf den Lippen machte sie rasend. Am liebsten
htte sie ihn geprgelt. Geh auf dein Zimmer, schrie sie ihn an. Sie
konnte seine Gegenwart nicht mehr ertragen. Edgar lchelte und ging.

Wie sie jetzt beide zitterten vor ihm, wie sie Angst hatten, der Baron
und sie, vor jeder Stunde des Zusammenseins, dem unbarmherzig harten
Griff seiner Augen! Je unbehaglicher sie sich fhlten, in um so satterem
Wohlbehagen beglnzte sich sein Blick, um so herausfordernder wurde
seine Freude. Edgar qulte die Wehrlosen jetzt mit der ganzen, fast noch
tierischen Grausamkeit der Kinder. Der Baron konnte seinen Zorn noch
dmmen, weil er immer hoffte, dem Buben noch einen Streich spielen zu
knnen, und nur an sein Ziel dachte. Aber sie, die Mutter, verlor immer
wieder die Beherrschung. Fr sie war es eine Erleichterung, ihn
anschreien zu knnen. Spiel nicht mit der Gabel, fuhr sie ihn bei
Tisch an. Du bist ein unerzogener Fratz, verdienst noch gar nicht unter
Erwachsenen zu sitzen. Edgar lchelte nur immer, lchelte, den Kopf ein
wenig schief zur Seite gelegt. Er wute, da dieses Schreien
Verzweiflung war, und empfand Stolz, da sie sich so verrieten. Er hatte
jetzt einen ganz ruhigen Blick, wie den eines Arztes. Frher wre er
vielleicht boshaft gewesen, um sie zu rgern, aber man lernt viel und
rasch im Ha. Jetzt schwieg er nur, schwieg und schwieg, bis sie zu
schreien begann unter dem Druck seines Schweigens.

Seine Mutter konnte es nicht lnger ertragen. Als sie jetzt vom Essen
aufstanden und Edgar wieder mit dieser selbstverstndlichen
Anhnglichkeit ihnen folgen wollte, brach es pltzlich los aus ihr. Sie
verga alle Rcksicht und spie die Wahrheit aus. Gepeinigt von seiner
schleichenden Gegenwart, bumte sie sich wie ein von Fliegen gefoltertes
Pferd. Was rennst du mir immer nach wie ein dreijhriges Kind. Ich will
dich nicht immer in der Nhe haben. Kinder gehren nicht zu Erwachsenen.
Merk dir das! Beschftige dich doch einmal eine Stunde mit dir selbst.
Lies etwas oder tu, was du willst. La mich in Ruh! Du machst mich
nervs mit deinem Herumschleichen, deiner widerlichen Verdrossenheit.

Endlich hatte er es ihr entrissen, das Gestndnis! Edgar lchelte,
whrend der Baron und sie jetzt verlegen schienen. Sie wandte sich ab
und wollte weiter, wtend ber sich selbst, da sie ihr Unbehagen dem
Kind eingestanden hatte. Aber Edgar sagte nur khl: Papa will nicht,
da ich allein hier herumgehe. Papa hat mir das Versprechen abgenommen,
da ich nicht unvorsichtig bin und bei dir bleibe.

Er betonte das Wort Papa, weil er damals bemerkt hatte, da es eine
gewisse lhmende Wirkung auf die beiden bte. Auch sein Vater mute also
irgendwie verstrickt sein in dieses heie Geheimnis. Papa mute
irgendeine geheime Macht ber die beiden haben, die er nicht kannte,
denn schon die Erwhnung seines Namens schien ihnen Angst und Unbehagen
zu bereiten. Auch diesmal entgegneten sie nichts. Sie streckten die
Waffen. Die Mutter ging voran, der Baron mit ihr. Hinter ihnen kam
Edgar, aber nicht demtig wie ein Diener, sondern hart, streng und
unerbittlich wie ein Wchter. Unsichtbar klirrte er mit der Kette, an
der sie rttelten und die nicht zu zersprengen war. Der Ha hatte seine
kindische Kraft gesthlt, er, der Unwissende, war strker als sie beide,
denen das Geheimnis die Hnde band.




Die Lgner


Aber die Zeit drngte. Der Baron hatte nur mehr wenige Tage, und die
wollten gentzt sein. Widerstand gegen die Hartnckigkeit des gereizten
Kindes war, das fhlten sie, vergeblich, und so griffen sie zum letzten,
zum schmhlichsten Ausweg: zur Flucht, nur um fr eine oder zwei Stunden
seiner Tyrannei zu entgehen.

Gib diese Briefe rekommandiert zur Post, sagte die Mutter zu Edgar.
Sie standen beide in der Hall, der Baron sprach drauen mit einem
Fiaker.

Mitrauisch bernahm Edgar die beiden Briefe. Er hatte bemerkt, da
frher ein Diener irgendeine Botschaft seiner Mutter bermittelt hatte.
Bereiteten sie am Ende etwas gemeinsam gegen ihn vor?

Er zgerte. Wo erwartest du mich?

Hier.

Bestimmt?

Ja.

Da du aber nicht weggehst! Du wartest also hier in der Hall auf mich,
bis ich zurckkomme?

Er sprach im Gefhl seiner berlegenheit mit seiner Mutter schon
befehlshaberisch. Seit vorgestern hatte sich viel verndert.

Dann ging er mit den beiden Briefen. An der Tr stie er mit dem Baron
zusammen. Er sprach ihn an, zum erstenmal seit zwei Tagen. Ich gebe nur
die zwei Briefe auf. Meine Mama wartet auf mich, bis ich zurckkomme.
Bitte gehen Sie nicht frher fort.

Der Baron drckte sich rasch vorbei. Ja, ja, wir warten schon.

Edgar strmte zum Postamt. Er mute warten. Ein Herr vor ihm hatte ein
Dutzend langweiliger Fragen. Endlich konnte er sich des Auftrags
entledigen und rannte sofort mit den Rezipissen zurck. Und kam eben
zurecht, um zu sehen, wie seine Mutter und der Baron im Fiaker
davonfuhren.

Er war starr vor Wut. Fast htte er sich niedergebckt und ihnen einen
Stein nachgeschleudert. Sie waren ihm also doch entkommen, aber mit
einer wie gemeinen, wie schurkischen Lge! Da seine Mutter log, wute
er seit gestern. Aber da sie so schamlos sein konnte, ein offenes
Versprechen zu miachten, das zerri ihm ein letztes Vertrauen. Er
verstand das ganze Leben nicht mehr, seit er sah, da die Worte, hinter
denen er die Wirklichkeit vermutet hatte, nur farbige Blasen waren, die
sich blhten und in nichts zersprangen. Aber was fr ein furchtbares
Geheimnis mute das sein, das erwachsene Menschen so weit trieb, ihn,
ein Kind, zu belgen, sich wegzustehlen wie Verbrecher? In den Bchern,
die er gelesen hatte, mordeten und betrogen die Menschen, um Geld zu
gewinnen, oder Macht, oder Knigreiche. Was aber war hier die Ursache,
was wollten diese beiden, warum versteckten sie sich vor ihm, was
suchten sie unter hundert Lgen zu verhllen? Er zermarterte sein
Gehirn. Dunkel sprte er, da dieses Geheimnis der Riegel der Kindheit
sei, da, es erobert zu haben, bedeutete, erwachsen zu sein, endlich,
endlich ein Mann. Oh, es zu fassen! Aber er konnte nicht mehr klar
denken. Die Wut, da sie ihm entkommen waren, verbrannte und verqualmte
ihm den klaren Blick.

Er lief hinaus in den Wald, gerade konnte er sich noch ins Dunkel
retten, wo ihn niemand sah, und da brach es heraus, in einem Strom
heier Trnen. Lgner, Hunde, Betrger, Schurken-- er mute diese
Worte laut herausschreien, sonst wre er erstickt. Die Wut, die
Ungeduld, der rger, die Neugier, die Hilflosigkeit und der Verrat der
letzten Tage, im kindischen Krampf, im Wahn seiner Erwachsenheit
niedergehalten, sprengten jetzt die Brust und wurden Trnen. Es war das
letzte Weinen seiner Kindheit, das letzte wildeste Weinen, zum
letztenmal gab er sich weibisch hin an die Wollust der Trnen. Er weinte
in dieser Stunde fassungsloser Wut alles aus sich heraus, Vertrauen,
Liebe, Glubigkeit, Respekt-- seine ganze Kindheit.

Der Knabe, der dann zum Hotel zurckging, war ein anderer. Er war khl
und handelte vorbedacht. Zunchst ging er in sein Zimmer, wusch
sorgfltig das Gesicht und die Augen, um den beiden nicht den Triumph zu
gnnen, die Spuren seiner Trnen zu sehen. Dann bereitete er die
Abrechnung vor. Und wartete geduldig, ohne jede Unruhe.

Die Hall war recht gut besucht, als der Wagen mit den beiden Flchtigen
drauen wieder hielt. Ein paar Herren spielten Schach, andere lasen ihre
Zeitung, die Damen plauderten. Unter ihnen hatte reglos, ein wenig bla
mit zitternden Blicken das Kind gesessen. Als jetzt seine Mutter und der
Baron zur Tre hereinkamen, ein wenig geniert, ihn so pltzlich zu
sehen, und schon die vorbereitete Ausrede stammeln wollten, trat er
ihnen aufrecht und ruhig entgegen und sagte herausfordernd: Herr Baron,
ich mchte Ihnen etwas sagen.

Dem Baron wurde es unbehaglich. Er kam sich irgendwie ertappt vor. Ja,
ja, spter, gleich!

Aber Edgar warf die Stimme hoch und sagte hell und scharf, da alle
rings es hren konnten: Ich will aber jetzt mit Ihnen reden. Sie haben
sich niedertrchtig benommen. Sie haben mich angelogen. Sie wuten, da
meine Mama auf mich wartet, und sind...

Edgar! schrie die Mutter, die alle Blicke auf sich gerichtet sah, und
strzte gegen ihn los.

Aber das Kind kreischte jetzt, da es sah, da sie seine Worte
berschreien wollten, pltzlich gellend auf:

Ich sage es Ihnen nochmals vor allen Leuten. Sie haben infam gelogen,
und das ist gemein, das ist erbrmlich.

Der Baron stand bla, die Leute starrten auf, einige lchelten.

Die Mutter packte das vor Erregung zitternde Kind: Komm sofort auf dein
Zimmer, oder ich prgle dich hier vor allen Leuten, stammelte sie
heiser.

Edgar aber war schon wieder ruhig. Es tat ihm leid, so leidenschaftlich
gewesen zu sein. Er war unzufrieden mit sich selbst, denn eigentlich
wollte er ja den Baron khl herausfordern, aber die Wut war wilder
gewesen als sein Wille. Ruhig, ohne Hast wandte er sich zur Treppe.

Entschuldigen Sie, Herr Baron, seine Ungezogenheit. Sie wissen ja, er
ist ein nervses Kind, stotterte sie noch, verwirrt von den ein wenig
hmischen Blicken der Leute, die sie ringsum anstarrten. Nichts in der
Welt war ihr frchterlicher als Skandal, und sie wute, da sie nun
Haltung bewahren mute. Statt gleich die Flucht zu ergreifen, ging sie
zuerst zum Portier, fragte nach Briefen und anderen gleichgltigen
Dingen und rauschte dann hinauf, als ob nichts geschehen wre. Aber
hinter ihr wisperte ein leises Kielwasser von Zischeln und unterdrcktem
Gelchter.

Unterwegs verlangsamte sich ihr Schritt. Sie war immer ernsten
Situationen gegenber hilflos und hatte eigentlich Angst vor dieser
Auseinandersetzung. Da sie schuldig war, konnte sie nicht leugnen, und
dann: sie frchtete sich vor dem Blick des Kindes, diesem neuen,
fremden, so merkwrdigen Blick, der sie lhmte und unsicher machte. Aus
Furcht beschlo sie, es mit Milde zu versuchen. Denn bei einem Kampf
war, das wute sie, dieses gereizte Kind jetzt der Strkere.

Leise klinkte sie die Tre auf. Der Bub sa da, ruhig und khl. Die
Augen, die er zu ihr aufhob, waren ganz ohne Angst, verrieten nicht
einmal Neugierde. Er schien sehr sicher zu sein.

Edgar, begann sie mglichst mtterlich, was ist dir eingefallen? Ich
habe mich geschmt fr dich. Wie kann man nur so ungezogen sein, schon
gar als Kind zu einem Erwachsenen! Du wirst dich dann sofort beim Herrn
Baron entschuldigen.

Edgar schaute zum Fenster hinaus. Das Nein sagte er gleichsam zu den
Bumen gegenber.

Seine Sicherheit begann sie zu befremden.

Edgar, was geht denn vor mit dir? Du bist ja ganz anders als sonst? Ich
kenne mich gar nicht mehr in dir aus. Du warst doch sonst immer ein
kluges, artiges Kind, mit dem man reden konnte. Und auf einmal benimmst
du dich so, als sei der Teufel in dich gefahren. Was hast du denn gegen
den Baron? Du hast ihn doch sehr gern gehabt. Er war immer so lieb gegen
dich.

Ja, weil er dich kennen lernen wollte.

Ihr wurde unbehaglich. Unsinn! Was fllt dir ein. Wie kannst du so
etwas denken?

Aber da fuhr das Kind auf.

Ein Lgner ist er, ein falscher Mensch. Was er tut, ist Berechnung und
Gemeinheit. Er hat dich kennen lernen wollen, deshalb war er freundlich
zu mir und hat mir einen Hund versprochen. Ich wei nicht, was er dir
versprochen hat und warum er zu dir freundlich ist, aber auch von dir
will er etwas, Mama, ganz bestimmt. Sonst wre er nicht so hflich und
freundlich. Er ist ein schlechter Mensch. Er lgt. Sieh dir ihn nur
einmal an, wie falsch er immer schaut. Oh, ich hasse ihn, diesen
erbrmlichen Lgner, diesen Schurken...

Aber Edgar, wie kann man so etwas sagen. Sie war verwirrt und wute
nicht zu antworten. In ihr regte sich ein Gefhl, das dem Kind recht
gab.

Ja, er ist ein Schurke, das lasse ich mir nicht ausreden. Das mut du
selbst sehen. Warum hat er denn Angst vor mir? Warum versteckt er sich
vor mir? Weil er wei, da ich ihn durchschaue, da ich ihn kenne,
diesen Schurken!

Wie kann man so etwas sagen, wie kann man so etwas sagen. Ihr Gehirn
war ausgetrocknet, nur die Lippen stammelten blutlos immer wieder die
beiden Stze. Sie begann jetzt pltzlich eine furchtbare Angst zu haben
und wute eigentlich nicht, ob vor dem Baron oder vor dem Kinde.

Edgar sah, da seine Mahnung Eindruck machte. Und es verlockte ihn, sie
zu sich herberzureien, einen Genossen zu haben im Hasse, in der
Feindschaft gegen ihn. Weich ging er auf seine Mutter zu, umfate sie,
und seine Stimme wurde schmeichlerisch vor Erregung. Mama, sagte er,
du mut es doch selbst bemerkt haben, da er nichts Gutes will. Er hat
dich ganz anders gemacht. Du bist verndert und nicht ich. Er hat dich
aufgehetzt gegen mich, nur um dich allein zu haben. Sicher will er dich
betrgen. Ich wei nicht, was er dir versprochen hat. Ich wei nur, er
wird es nicht halten. Du solltest dich hten vor ihm. Wer einen belgt,
belgt auch den andern. Er ist ein bser Mensch, dem man nicht trauen
soll.

Diese Stimme, weich und fast in Trnen, klang wie aus ihrem eigenen
Herzen. In ihr war seit gestern ein Mibehagen erwacht, das ihr dasselbe
sagte: eindringlicher und eindringlicher. Aber sie schmte sich, dem
eigenen Kinde recht zu geben. Und rettete sich, wie viele, aus der
Verlegenheit eines berwltigenden Gefhls in die Rauheit des Ausdrucks.
Sie reckte sich auf.

Kinder verstehen so etwas nicht. Du hast in solche Sachen nicht
dreinzureden. Du hast dich anstndig zu benehmen. Das ist alles.

Edgars Gesicht fror wieder kalt ein. Wie du meinst, sagte er hart,
ich habe dich gewarnt.

Also du willst dich nicht entschuldigen?

Nein.

Sie standen sich schroff gegenber. Sie fhlte, es ging um ihre
Autoritt.

Dann wirst du hier oben speisen. Allein. Und nicht eher an unseren
Tisch kommen, bis du dich entschuldigt hast. Ich werde dich noch
Manieren lehren. Du wirst dich nicht vom Zimmer rhren, bis ich es dir
erlaube. Hast du verstanden?

Edgar lchelte. Dieses tckische Lcheln schien schon mit seinen Lippen
verwachsen zu sein. Innerlich war er zornig gegen sich selbst. Wie
tricht von ihm, da er wieder einmal sein Herz hat entlaufen lassen und
sie, die Lgnerin, noch warnen wollte.

Die Mutter rauschte hinaus, ohne ihn noch einmal anzusehen. Sie
frchtete diese schneidenden Augen. Das Kind war ihr unbehaglich
geworden, seit sie fhlte, da es seine Augen offen hatte und ihr gerade
das sagte, was sie nicht wissen und nicht hren wollte. Schreckhaft war
es ihr, eine innere Stimme, ihr Gewissen, abgelst von sich selber, als
Kind verkleidet, als ihr eigenes Kind herumgehen und sie warnen, sie
verhhnen zu sehn. Bisher war dieses Kind neben ihrem Leben gewesen, ein
Schmuck, ein Spielzeug, irgendein Liebes und Vertrautes, manchmal
vielleicht eine Last, aber immer etwas, das in derselben Strmung im
gleichen Takt ihres Lebens lief. Zum erstenmal bumte das sich heute auf
und trotzte gegen ihren Willen. Etwas wie Ha mischte sich jetzt immer
in die Erinnerung an ihr Kind.

Aber dennoch: jetzt, da sie die Treppe, ein wenig mde, niederstieg,
klang die kindische Stimme aus ihrer eigenen Brust. Du solltest dich
hten vor ihm.-- Die Mahnung lie sich nicht zum Schweigen bringen. Da
glnzte ihr im Vorberschreiten ein Spiegel entgegen, fragend blickte
sie hinein, tiefer und immer tiefer, bis sich dort die Lippen leise
lchelnd auftaten und sich rundeten wie zu einem gefhrlichen Wort. Noch
immer klang von innen die Stimme; aber sie warf die Achseln hoch, als
schttelte sie all diese unsichtbaren Bedenken von sich ab, gab dem
Spiegel einen hellen Blick, raffte das Kleid und ging hinab mit der
entschlossenen Geste eines Spielers, der sein letztes Goldstck klingend
ber den Tisch rollen lt.




Spuren im Mondlicht


Der Kellner, der Edgar das Essen in seinen Stubenarrest gebracht hatte,
schlo die Tre. Hinter ihm knackte das Schlo. Das Kind fuhr wtend
auf: das war offenbar im Auftrag seiner Mutter geschehen, da man ihn
einsperrte wie ein bsartiges Tier. Finster rang es sich aus ihm.

Was geschieht nun da drunten, whrend ich hier eingeschlossen bin? Was
mgen die beiden jetzt bereden? Geschieht am Ende jetzt dort das
Geheime, und ich mu es versumen? Oh, dieses Geheimnis, das ich immer
und berall spre, wenn ich unter Erwachsenen bin, vor dem sie die Tre
zuschlieen in der Nacht, das sie in leises Gesprch versenken, trete
ich unversehens herein, dieses groe Geheimnis, das mir jetzt seit Tagen
nahe ist, hart vor den Hnden, und das ich noch immer nicht greifen
kann! Was habe ich nicht schon getan, um es zu fassen! Ich habe Papa
damals Bcher aus dem Schreibtisch gestohlen und sie gelesen, und alle
diese merkwrdigen Dinge waren darin, nur da ich sie nicht verstand. Es
mu irgendwie ein Siegel daran sein, das erst abzulsen ist, um es zu
finden, vielleicht in mir, vielleicht in den anderen. Ich habe das
Dienstmdchen gefragt, sie gebeten, mir diese Stellen in den Bchern zu
erklren, aber sie hat mich ausgelacht. Furchtbar, Kind zu sein, voll
von Neugier, und doch niemand fragen zu drfen, immer lcherlich zu sein
vor diesen Groen, als ob man etwas Dummes oder Nutzloses wre. Aber ich
werde es erfahren, ich fhle, ich werde es jetzt bald wissen. Ein Teil
ist schon in meinen Hnden, und ich will nicht frher ablassen, ehe ich
das Ganze besitze!

Er horchte, ob niemand kme. Ein leichter Wind flog drauen durch die
Bume und brach den starren Spiegel des Mondlichtes zwischen dem Geste
in hundert schwanke Splitter.

Es kann nichts Gutes sein, was die beiden vorhaben, sonst htten sie
nicht solche erbrmliche Lgen gesucht, um mich fortzukriegen. Gewi,
sie lachen jetzt ber mich, die Verfluchten, da sich mich endlich los
sind, aber ich werde zuletzt lachen. Wie dumm von mir, mich hier
einsperren zu lassen, ihnen eine Sekunde Freiheit zu geben, statt an
ihnen zu kleben und jede ihrer Bewegungen zu belauschen. Ich wei, die
Groen sind ja immer unvorsichtig, und auch sie werden sich verraten.
Sie glauben immer von uns, da wir noch ganz klein sind und abends immer
schlafen, sie vergessen, da man sich auch schlafend stellen kann und
lauschen, da man sich dumm geben kann und sehr klug sein. Jngst, wie
meine Tante ein Kind bekam, haben sie es lange vorausgewut und sich nur
vor mir verwundert gestellt, als seien sie berrascht worden. Aber ich
habe es auch gewut, denn ich habe sie reden gehrt, vor Wochen am
Abend, als sie glaubten, ich schliefe. Und so werde ich auch diesmal sie
berraschen, diese Niedertrchtigen. Oh, wenn ich durch die Tre sphen
knnte, sie heimlich jetzt beobachten, whrend sie sich sicher whnen.
Sollte ich nicht vielleicht luten jetzt, dann kme das Mdchen, sperrte
die Tr auf und fragte, was ich wollte. Oder ich knnte poltern, knnte
Geschirr zerschlagen, dann sperrte man auch auf. Und in dieser Sekunde
knnte ich hinausschlpfen und sie belauschen. Aber nein, das will ich
nicht. Niemand soll sehen, wie niedertrchtig sie mich behandeln. Ich
bin zu stolz dazu. Morgen will ich es ihnen schon heimzahlen.

Unten lachte eine Frauenstimme. Edgar schrak zusammen: das knnte seine
Mutter sein. Die hatte ja Grund zu lachen, ihn zu verhhnen, den
Kleinen, Hilflosen, hinter dem man den Schlssel abdrehte, wenn er
lstig war, den man in den Winkel warf wie ein Bndel nasser Kleider.
Vorsichtig beugte er sich zum Fenster hinaus. Nein, sie war es nicht,
sondern fremde, bermtige Mdchen, die einen Burschen neckten.

Da, in dieser Minute bemerkte er, wie wenig hoch sich eigentlich sein
Fenster ber die Erde erhob. Und schon, kaum da ers merkte, war der
Gedanke da: hinausspringen, jetzt, wo sie sich ganz sicher whnten, sie
belauschen. Er fieberte vor Freude ber seinen Entschlu. Ihm war, als
hielt er damit das groe, das funkelnde Geheimnis der Kindheit in den
Hnden. Hinaus, hinaus, zitterte es in ihm. Gefahr war keine. Menschen
gingen nicht vorber, und schon sprang er. Es gab ein leises Gerusch
von knirschendem Kies, das keiner vernahm.

In diesen zwei Tagen war ihm das Beschleichen, das Lauern zur Lust
seines Lebens geworden. Und Wollust fhlte er jetzt gemengt mit einem
leisen Schauer von Angst, als er auf ganz leisen Sohlen um das Hotel
schlich, sorgsam den stark ausstrahlenden Widerschein der Lichter
vermeidend. Zunchst blickte er, die Wange vorsichtig an die Scheiben
pressend, in den Speisesaal. Ihr gewohnter Platz war leer. Er sphte
dann weiter, von Fenster zu Fenster. Ins Hotel selbst wagte er sich
nicht hinein, aus Furcht, er knnte ihnen zwischen den Gngen
unversehens in den Weg laufen. Nirgends waren sie zu finden. Schon
wollte er verzweifeln, da sah er zwei Schatten aus der Tre vorfallen
und-- er zuckte zurck und duckte sich in das Dunkel-- seine Mutter
mit ihrem nun unvermeidlichen Begleiter heraustreten. Gerade war er also
zurecht gekommen. Was sprachen sie? Er konnte es nicht verstehen. Sie
redeten leise, und der Wind rumorte zu unruhig in den Bumen. Jetzt aber
zog deutlich ein Lachen vorber, die Stimme seiner Mutter. Es war ein
Lachen, das er an ihr gar nicht kannte, ein seltsam scharfes, wie
gekitzeltes, gereiztes nervses Lachen, das ihn fremd anmutete und vor
dem er erschrak. Sie lachte. Also konnte es nichts Gefhrliches sein,
nicht etwas ganz Groes und Gewaltiges, das man vor ihm verbarg. Edgar
war ein wenig enttuscht.

Aber warum verlieen sie das Hotel? Wohin gingen sie jetzt allein in der
Nacht? Hoch oben muten mit riesigen Flgeln Winde dahinstreifen, denn
der Himmel, eben noch rein und mondklar, wurde jetzt dunkel. Schwarze
Tcher, von unsichtbaren Hnden geworfen, wickelten manchmal den Mond
ein, und die Nacht wurde dann so undurchdringlich, da man kaum den Weg
sehen konnte, um bald wieder hell zu glnzen, wenn sich der Mond
befreite. Silber flo khl ber die Landschaft. Geheimnisvoll war dieses
Spiel zwischen Licht und Schatten und aufreizend wie das Spiel einer
Frau mit Ble und Verhllungen. Gerade jetzt entkleidete die Landschaft
wieder ihren blanken Leib: Edgar sah schrg ber dem Weg die wandelnden
Silhouetten, oder vielmehr die eine, denn so aneinander gepret gingen
sie, als drngte sie eine innere Furcht zusammen. Aber wohin gingen sie
jetzt, die beiden? Die Fhren chzten, es war eine unheimliche
Geschftigkeit im Wald, als whlte die wilde Jagd darin. Ich folge
ihnen, dachte Edgar, sie knnen meinen Schritt nicht hren in diesem
Aufruhr von Wind und Wald. Und er sprang, indes die unten auf der
breiten, hellen Strae gingen, oben im Gehlz von einem Baum zum anderen
leise weiter, von Schatten zu Schatten. Er folgte ihnen zh und
unerbittlich, segnete den Wind, der seine Schritte unhrbar machte, und
verfluchte ihn, weil er ihm immer die Worte von drben wegtrug. Nur
einmal, wenn er htte ihr Gesprch hren knnen, war er sicher, das
Geheimnis zu halten.

Die beiden unten gingen ahnungslos. Sie fhlten sich selig allein in
dieser weiten verwirrten Nacht und verloren sich in ihrer wachsenden
Erregung. Keine Ahnung warnte sie, da oben im vielverzweigten Dunkel
jedem ihrer Schritte gefolgt wurde und zwei Augen sie mit der ganzen
Kraft von Ha und Neugier umkrallt hielten.

Pltzlich blieben sie stehen. Auch Edgar hielt sofort inne und prete
sich enge an einen Baum. Ihn befiel eine strmische Angst. Wie, wenn sie
jetzt umkehrten und vor ihm das Hotel erreichten, wenn er sich nicht
retten konnte in sein Zimmer und die Mutter es leer fand? Dann war alles
verloren, dann wuten sie, da er sie heimlich belauerte, und er durfte
nie mehr hoffen, ihnen das Geheimnis zu entreien. Aber die beiden
zgerten, offenbar in einer Meinungsverschiedenheit. Glcklicherweise
war Mondlicht, und er konnte alles deutlich sehen. Der Baron deutete auf
einen dunklen schmalen Seitenweg, der in das Tal hinabfhrte, wo das
Mondlicht nicht wie hier auf der Strae einen weiten vollen Strom
rauschte, sondern nur in Tropfen und seltsamen Strahlen durchs Dickicht
sickerte. Warum will er dort hinab? zuckte es in Edgar. Seine Mutter
schien nein zu sagen, er aber, der andere, sprach ihr zu. Edgar konnte
an der Art seiner Gestikulation merken, wie eindringlich er sprach.
Angst befiel das Kind. Was wollte dieser Mensch von seiner Mutter? Warum
versuchte er, dieser Schurke, sie ins Dunkel zu schleppen? Aus seinen
Bchern, die fr ihn die Welt waren, kamen pltzlich lebendige
Erinnerungen von Mord und Entfhrung, von finsteren Verbrechen.
Sicherlich, er wollte sie ermorden, und dazu hatte er ihn weggehalten,
sie einsam hierher gelockt. Sollte er Hilfe schreien? Mrder! Der Ruf
sa ihm schon ganz oben in der Kehle, aber die Lippen waren vertrocknet
und brachten keinen Laut heraus. Seine Nerven spannten sich vor
Aufregung, kaum konnte er sich gerade halten, erschreckt vor Angst griff
er nach einem Halt-- da knackte ihm ein Zweig unter den Hnden.

Die beiden wandten sich erschreckt um und starrten ins Dunkel. Edgar
blieb stumm an den Baum gelehnt mit angepreten Armen, den kleinen
Krper tief in den Schatten geduckt. Es blieb Totenstille. Aber doch,
sie schienen erschreckt. Kehren wir um, hrte er seine Mutter sagen.
Es klang gengstigt von ihren Lippen. Der Baron, offenbar selbst
beunruhigt, willigte ein. Die beiden gingen langsam und eng aneinander
geschmiegt zurck. Ihre innere Befangenheit war Edgars Glck. Auf allen
vieren, ganz unten im Holz, kroch er, die Hnde sich blutig reiend, bis
zur Wendung des Waldes, von dort lief er mit aller Geschwindigkeit, da
ihm der Atem stockte, bis zum Hotel und da mit ein paar Sprngen hinauf.
Der Schlssel, der ihn eingesperrt hatte, steckte glcklicherweise von
auen, er drehte ihn um, strzte ins Zimmer und schon hin aufs Bett. Ein
paar Minuten mute er rasten, denn das Herz schlug ungestm an seine
Brust, wie ein Klppel an die klingende Glockenwand.

Dann wagte er sich auf, lehnte am Fenster und wartete, bis sie kamen. Es
dauerte lange. Sie muten sehr, sehr langsam gegangen sein. Vorsichtig
sphte er aus dem umschatteten Rahmen. Jetzt kamen sie langsam daher,
Mondlicht auf den Kleidern. Gespensterhaft sahen sie aus in diesem
grnen Licht, und wieder berfiel ihn das se Grauen, ob das wirklich
ein Mrder sei und welch furchtbares Geschehen er durch seine Gegenwart
verhindert hatte. Deutlich sah er in die kreidehellen Gesichter. In dem
seiner Mutter war ein Ausdruck von Verzcktheit, den er an ihr nicht
kannte, er hingegen schien hart und verdrossen. Offenbar, weil ihm seine
Absicht milungen war.

Ganz nahe waren sie schon. Erst knapp vor dem Hotel lsten sich ihre
Gestalten voneinander. Ob sie heraufsehen wrden? Nein, keiner blickte
herauf. Sie haben mich vergessen, dachte der Knabe mit einem wilden
Ingrimm, mit einem heimlichen Triumph, aber ich nicht euch. Ihr denkt
wohl, da ich schlafe oder nicht auf der Welt bin, aber ihr sollt eueren
Irrtum sehen. Jeden Schritt will ich euch berwachen, bis ich ihm, dem
Schurken, das Geheimnis entrissen habe, das furchtbare, das mich nicht
schlafen lt. Ich werde euer Bndnis schon zerreien. Ich schlafe
nicht.

Langsam traten die beiden in die Tre. Und als sie jetzt, einer hinter
dem anderen, hineingingen, umschlangen sich wieder fr eine Sekunde die
fallenden Silhouetten, als einziger schwarzer Streif schwand ihr
Schatten in die erhellte Tr. Dann lag der Platz im Mondlicht wieder
blank vor dem Hause, wie eine weite Wiese von Schnee.




Der berfall


Edgar trat atmend zurck vom Fenster. Das Grauen schttelte ihn. Noch
nie war er in seinem Leben hnlich Geheimnisvollem so nah gewesen. Die
Welt der Aufregungen, der spannenden Abenteuer, jene Welt von Mord und
Betrug aus seinen Bchern war in seiner Anschauung immer dort gewesen,
wo die Mrchen waren, hart hinter den Trumen, im Unwirklichen und
Unerreichbaren. Jetzt auf einmal aber schien er mitten hineingeraten in
diese grauenhafte Welt, und sein ganzes Wesen wurde fieberhaft
geschttelt durch so unverhoffte Begegnung. Wer war dieser Mensch, der
geheimnisvolle, der pltzlich in ihr ruhiges Leben getreten war? War er
wirklich ein Mrder, da er immer das Entlegene suchte und seine Mutter
hinschleppen wollte, wo es dunkel war? Furchtbares schien bevorzustehen.
Er wute nicht, was zu tun. Morgen, das war er sicher, wollte er dem
Vater schreiben oder telegraphieren. Aber konnte es nicht noch jetzt
geschehen, heute abend? Noch war ja seine Mutter nicht in ihrem Zimmer,
noch war sie mit diesem verhaten, fremden Menschen. Zwischen der
inneren Tr und der ueren, leicht beweglichen Tapetentr war ein
schmaler Zwischenraum, nicht grer als das Innere eines
Kleiderschrankes. Dort in diese Handbreit Dunkel prete er sich hinein,
um auf ihre Schritte im Gang zu lauern. Denn nicht einen Augenblick, so
hatte er beschlossen, wollte er sie allein lassen. Der Gang lag jetzt um
Mitternacht leer, matt nur beleuchtet von einer einzelnen Flamme.

Endlich-- die Minuten dehnten sich ihm frchterlich-- hrte er
behutsame Schritte heraufkommen. Er horchte angestrengt. Es war nicht
ein rasches Losschreiten, wie wenn jemand gerade in sein Zimmer will,
sondern schleifende, zgernde, sehr verlangsamte Schritte, wie einen
unendlich schweren und steilen Weg empor. Dazwischen immer wieder
Geflster und ein Innehalten. Edgar zitterte vor Erregung. Waren es am
Ende die beiden, blieb er noch immer mit ihr? Das Flstern war zu
entfernt. Aber die Schritte, wenn auch noch zgernd, kamen immer nher.
Und jetzt hrte er auf einmal die verhate Stimme des Barons leise und
heiser etwas sagen, das er nicht verstand, und dann gleich die seiner
Mutter in rascher Abwehr: Nein, nicht heute! Nein.

Edgar zitterte, sie kamen nher, und er mute alles hren. Jeder
Schritt, so leise er auch war, tat ihm weh in der Brust. Und die Stimme,
wie hlich schien sie ihm, diese gierig werbende, widerliche Stimme des
Verhaten! Seien Sie nicht grausam. Sie waren so schn heute abend.
Und die andere wieder: Nein, ich darf nicht, ich kann nicht, lassen Sie
mich los.

Es ist so viel Angst in der Stimme seiner Mutter, da das Kind
erschrickt. Was will er denn noch von ihr? Warum frchtet sie sich? Sie
sind immer nher gekommen und mssen jetzt schon ganz vor seiner Tr
sein. Knapp hinter ihnen steht er, zitternd und unsichtbar, eine Hand
weit, geschtzt nur durch die dnne Scheibe Tuch. Die Stimmen sind jetzt
atemnah.

Kommen Sie, Mathilde, kommen Sie! Wieder hrt er seine Mutter sthnen,
schwcher jetzt, in erlahmendem Widerstand.

Aber was ist dies? Sie sind ja weiter gegangen im Dunkeln. Seine Mutter
ist nicht in ihr Zimmer, sondern daran vorbeigegangen! Wohin schleppt er
sie? Warum spricht sie nicht mehr? Hat er ihr einen Knebel in den Mund
gestopft, pret er ihr die Kehle zu?

Die Gedanken machen ihn wild. Mit zitternder Hand stt er die Tre eine
Spannweite auf. Jetzt sieht er im dunkelnden Gang die beiden. Der Baron
hat seiner Mutter den Arm um die Hfte geschlungen und fhrt sie, die
schon nachzugeben scheint, leise fort. Jetzt macht er halt vor seinem
Zimmer. Er will sie wegschleppen, erschrickt das Kind, jetzt will er
das Furchtbare tun.

Ein wilder Ruck, er schlgt die Tre zu und strzt hinaus, den beiden
nach. Seine Mutter schreit auf, wie jetzt da aus dem Dunkel pltzlich
etwas auf sie losstrzt, scheint in eine Ohnmacht gesunken, vom Baron
nur mhsam gehalten. Der aber fhlt in dieser Sekunde eine kleine,
schwache Faust in seinem Gesicht, die ihm die Lippe hart an die Zhne
schlgt, etwas, was sich katzenhaft an seinen Krper krallt. Er lt die
Erschreckte los, die rasch entflieht, und schlgt blind, ehe er noch
wei, gegen wen er sich wehrt, mit der Faust zurck.

Das Kind wei, da es der Schwchere ist, aber es gibt nicht nach.
Endlich, endlich ist der Augenblick da, der lang ersehnte, all die
verratene Liebe, den aufgestapelten Ha leidenschaftlich zu entladen. Er
hmmert mit seinen kleinen Fusten blind drauflos, die Lippen verbissen
in einer fiebrigen, sinnlosen Gereiztheit. Auch der Baron hat ihn jetzt
erkannt, auch er steckt voll Ha gegen diesen heimlichen Spion, der ihm
die letzten Tage vergllte und das Spiel verdarb; er schlgt derb
zurck, wohin es eben trifft. Edgar sthnt auf, lt aber nicht los und
schreit nicht um Hilfe. Sie ringen eine Minute stumm und verbissen in
dem mitternchtigen Gang. Allmhlich wird dem Baron das Lcherliche
seines Kampfes mit einem halbwchsigen Buben bewut, er packt ihn fest
an, um ihn wegzuschleudern. Aber das Kind, wie es jetzt seine Muskeln
nachlassen sprt und wei, da es in der nchsten Sekunde der Besiegte,
der Geprgelte sein wird, schnappt in wilder Wut nach dieser starken,
festen Hand, die ihn im Nacken fassen will. Unwillkrlich stt der
Gebissene einen dumpfen Schrei aus und lt frei-- eine Sekunde, die
das Kind bentzt, um in sein Zimmer zu flchten und den Riegel
vorzuschieben.

Eine Minute nur hat dieser mitternchtige Kampf gedauert. Niemand rechts
und links hat ihn gehrt. Alles ist still, alles scheint in Schlaf
ertrunken. Der Baron wischt sich die blutende Hand mit dem Taschentuch,
spht beunruhigt in das Dunkel. Niemand hat gelauscht. Nur oben
flimmert-- ihm dnkt: hhnisch-- ein letztes, unruhiges Licht.




Gewitter


War das Traum, ein bser, gefhrlicher Traum? fragte sich Edgar am
nchsten Morgen, als er mit verstrhntem Haar aus einer Wirrnis von
Angst erwachte. Den Kopf qulte dumpfes Drhnen, die Gelenke ein
erstarrtes, hlzernes Gefhl, und jetzt, wie er an sich hinabsah, merkte
er erschreckt, da er noch in den Kleidern stak. Er sprang auf, taumelte
an den Spiegel und schauerte zurck vor seinem eigenen blassen,
verzerrten Gesicht, das ber der Stirne zu einem rtlichen Striemen
verschwollen war. Mhsam raffte er seine Gedanken zusammen und erinnerte
sich jetzt bengstigt an alles, an den nchtigen Kampf drauen im Gang,
sein Zurckstrzen ins Zimmer, und da er dann, zitternd im Fieber,
angezogen und fluchtbereit sich auf das Bett geworfen habe. Dort mute
er eingeschlafen sein, hinabgestrzt in diesen dumpfen, verhangenen
Schlaf, in dessen Trumen dann all dies noch einmal wiedergekehrt war,
nur anders und noch furchtbarer, mit einem feuchten Geruch von frischem,
flieendem Blut.

Unten gingen Schritte knirschend ber den Kies, Stimmen flogen wie
unsichtbare Vgel herauf, und die Sonne griff tief ins Zimmer hinein. Es
mute schon spt am Vormittag sein, aber die Uhr, die er erschreckt
befragte, deutete auf Mitternacht, er hatte in seiner Aufregung
vergessen, sie gestern aufzuziehen. Und diese Ungewiheit, irgendwo lose
in der Zeit zu hngen, beunruhigte ihn, verstrkt durch das Gefhl der
Unkenntnis, was eigentlich geschehen war. Er richtete sich rasch
zusammen und ging hinab, Unruhe und ein leises Schuldgefhl im Herzen.

Im Frhstckszimmer sa seine Mama allein am gewohnten Tisch. Edgar
atmete auf, da sein Feind nicht zugegen war, da er sein verhates
Gesicht nicht sehen mute, in das er gestern im Zorn seine Faust
geschlagen hatte. Und doch, wie er nun an den Tisch herantrat, fhlte er
sich unsicher.

Guten Morgen, grte er.

Seine Mutter antwortete nicht. Sie blickte nicht einmal auf, sondern
betrachtete mit merkwrdig starren Pupillen in der Ferne die Landschaft.
Sie sah sehr bla aus, hatte die Augen leicht umrndert und um die
Nasenflgel jenes nervse Zucken, das so verrterisch fr ihre Erregung
war. Edgar verbi die Lippen. Dieses Schweigen verwirrte ihn. Er wute
eigentlich nicht, ob er den Baron gestern schwer verletzt hatte und ob
sie berhaupt um diesen nchtigen Zusammensto wissen konnte. Und diese
Unsicherheit qulte ihn. Aber ihr Gesicht blieb so starr, da er gar
nicht versuchte, zu ihr aufzublicken, aus Angst, die jetzt gesenkten
Augen mchten pltzlich hinter den verhangenen Lidern aufspringen und
ihn fassen. Er wurde ganz still, wagte nicht einmal, Lrm zu machen,
ganz vorsichtig hob er die Tasse und stellte sie wieder zurck,
verstohlen hinblickend auf die Finger seiner Mutter, die sehr nervs mit
dem Lffel spielten und in ihrer Gekrmmtheit geheimen Zorn zu verraten
schienen. Eine Viertelstunde sa er so in dem schwlen Gefhl der
Erwartung auf etwas, das nicht kam. Kein Wort, kein einziges erlste
ihn. Und jetzt, da seine Mutter aufstand, noch immer, ohne seine
Gegenwart bemerkt zu haben, wute er nicht, was er tun sollte: allein
hier beim Tisch sitzen bleiben oder ihr folgen. Schlielich erhob er
sich doch, ging demtig hinter ihr her, die ihn geflissentlich bersah,
und sprte immer dabei, wie lcherlich sein Nachschleichen war. Immer
kleiner machte er seine Schritte, um mehr und mehr hinter ihr
zurckzubleiben, die, ohne ihn zu beachten, in ihr Zimmer ging. Als
Edgar endlich nachkam, stand er vor einer hart geschlossenen Tre.

Was war geschehen? Er kannte sich nicht mehr aus. Das sichere Bewutsein
von gestern hatte ihn verlassen. War er am Ende gestern im Unrecht
gewesen mit diesem berfall? Und bereiteten sie gegen ihn eine Strafe
vor oder eine neue Demtigung? Etwas mute geschehen, das fhlte er,
etwas Furchtbares mute sehr bald geschehen. Zwischen ihnen war die
Schwle eines aufziehenden Gewitters, die elektrische Spannung zweier
geladener Pole, die sich im Blitz erlsen mute. Und diese Last des
Vorgefhls schleppte er durch vier einsame Stunden mit sich herum, von
Zimmer zu Zimmer, bis sein schmaler Kindernacken niederbrach von
unsichtbarem Gewicht und er mittags, nun schon ganz demtig, an den
Tisch trat.

Guten Tag, sagte er wieder. Er mute dieses Schweigen zerreien,
dieses furchtbar drohende, das ber ihm als schwarze Wolke hing.

Wieder antwortete die Mutter nicht, wieder sah sie an ihm vorbei. Und
mit neuem Erschrecken fhlte sich Edgar jetzt einem besonnenen,
geballten Zorn gegenber, wie er ihn bisher in seinem Leben noch nicht
gekannt hatte. Bisher waren ihre Streitigkeiten immer nur Wutausbrche
mehr der Nerven als des Gefhls gewesen, rasch verflchtigt in ein
Lcheln der Begtigung. Diesmal aber hatte er, das wurde ihm deutlich
bewut, ein wildes Gefhl aus dem untersten Grund ihres Wesens
aufgewhlt, und er erschrak vor dieser unvorsichtig beschworenen Gewalt.
Kaum vermochte er zu essen. In seiner Kehle quoll etwas Trockenes auf,
das ihn zu erwrgen drohte. Seine Mutter schien von alldem nichts zu
merken. Nur jetzt, beim Aufstehen, wandte sie sich wie gelegentlich
zurck und sagte:

Komm dann hinauf, Edgar, ich habe mit dir zu reden.

Es klang nicht drohend, aber doch so eisig kalt, da Edgar die Worte
schauernd fhlte, als htte man ihm eine eiserne Kette pltzlich um den
Hals gelegt. Sein Trotz war zertreten. Schweigend, wie ein geprgelter
Hund, folgte er ihr hinauf in das Zimmer.

Sie verlngerte ihm die Qual, indem sie einige Minuten schwieg. Minuten,
in denen er die Uhr schlagen hrte und drauen ein Kind lachen und in
sich selbst das Herz an die Brust hmmern. Aber auch in ihr mute eine
groe Unsicherheit sein, denn sie sah ihn nicht an, whrend sie jetzt zu
ihm sprach, sondern wandte ihm den Rcken.

Ich will nicht mehr ber dein Betragen von gestern reden. Es war
unerhrt, und ich schme mich jetzt, wenn ich daran denke. Du hast dir
die Folgen selber zuzuschreiben. Ich will dir jetzt nur sagen, es war
das letztemal, da du allein unter Erwachsenen sein durftest. Ich habe
eben an deinen Papa geschrieben, da du einen Hofmeister bekommst oder
in ein Pensionat geschickt wirst, um Manieren zu lernen. Ich werde mich
nicht mehr mit dir rgern.

Edgar stand mit gesenktem Kopf da. Er sprte, da dies nur eine
Einleitung, eine Drohung war, und wartete beunruhigt auf das
Eigentliche.

Du wirst dich jetzt sofort beim Baron entschuldigen.

Edgar zuckte auf, aber sie lie sich nicht unterbrechen.

Der Baron ist heute abgereist, und du wirst ihm einen Brief schreiben,
den ich dir diktieren werde.

Edgar rhrte sich wieder, aber seine Mutter war fest.

Keine Widerrede. Da ist Papier und Tinte, setze dich hin.

Edgar sah auf. Ihre Augen waren gehrtet von einem unbeugsamen
Entschlu. So hatte er seine Mutter nie gekannt, so hart und gelassen.
Furcht berkam ihn. Er setzte sich hin, nahm die Feder, duckte aber das
Gesicht tief auf den Tisch.

Oben das Datum. Hast du? Vor der berschrift eine Zeile leer lassen.
So! Sehr geehrter Herr Baron! Rufzeichen. Wieder eine Zeile freilassen.
Ich erfahre soeben zu meinem Bedauern-- hast du?-- zu meinem Bedauern,
da Sie den Semmering schon verlassen haben, -- Semmering mit zwei m--
und so mu ich brieflich tun, was ich persnlich beabsichtigt hatte,
nmlich-- etwas rascher, es mu nicht kalligraphiert sein!-- Sie um
Entschuldigung bitten fr mein gestriges Betragen. Wie Ihnen meine Mama
gesagt haben wird, bin ich noch Rekonvaleszent von einer schweren
Erkrankung und sehr reizbar. Ich sehe dann oft Dinge, die bertrieben
sind und die ich im nchsten Augenblick bereue...

Der gekrmmte Rcken ber dem Tisch schnellte auf. Edgar drehte sich um:
sein Trotz war wieder wach.

Das schreibe ich nicht, das ist nicht wahr!

Edgar!

Sie drohte mit der Stimme.

Es ist nicht wahr. Ich habe nichts getan, was ich zu bereuen habe. Ich
habe nichts Schlechtes getan, wofr ich mich zu entschuldigen htte. Ich
bin dir nur zu Hilfe gekommen, wie du gerufen hast!

Ihre Lippen wurden blutlos, die Nasenflgel spannten sich.

Ich habe um Hilfe gerufen? Du bist toll!

Edgar wurde zornig, mit einem Ruck sprang er auf.

Ja, du hast um Hilfe gerufen, da drauen im Gang, gestern nacht, wie er
dich angefat hat. 'Lassen Sie mich, lassen Sie mich', hast du gerufen.
So laut, da ichs bis ins Zimmer hinein gehrt habe.

Du lgst, ich war nie mit dem Baron im Gang hier. Er hat mich nur bis
zur Treppe begleitet...

In Edgar stockte das Herz bei dieser khnen Lge. Die Stimme verschlug
sich ihm, er starrte sie an mit glsernen Augensternen.

Du... warst nicht... im Gang? Und er... er hat dich nicht gehalten?
Nicht mit Gewalt herumgefat?

Sie lachte. Ein kaltes, trockenes Lachen.

Du hast getrumt.

Das war zuviel fr das Kind. Er wute jetzt ja schon, da die
Erwachsenen logen, da sie kleine, kecke Ausreden hatten, Lgen, die
durch enge Maschen schlpften, und listige Zweideutigkeiten. Aber dies
freche, kalte Ableugnen, Stirn gegen Stirn, machte ihn rasend.

Und da diese Striemen habe ich auch getrumt?

Wer wei, mit wem du dich herumgeschlagen hast. Aber ich brauche ja mit
dir keine Diskussion zu fhren, du hast zu parieren, und damit Schlu.
Setze dich hin und schreib!

Sie war sehr bla und suchte mit letzter Kraft ihre Anspannung aufrecht
zu halten.

Aber in Edgar brach irgendwie etwas jetzt zusammen, irgendeine letzte
Flamme von Glubigkeit. Da man die Wahrheit so einfach mit dem Fu
ausstampfen konnte wie ein brennendes Zndholz, das ging ihm nicht ein.
Eisig zogs sich in ihm zusammen, alles wurde spitz, boshaft, ungefat,
was er sagte:

So, das habe ich getrumt? Das im Gang und den Striemen da? Und da ihr
beide gestern dort im Mondschein promeniert seid, und da er dich den
Weg hinabfhren wollte, das vielleicht auch? Glaubst du, ich lasse mich
einsperren im Zimmer wie ein kleines Kind! Nein, ich bin nicht so dumm,
wie ihr glaubt. Ich wei, was ich wei.

Frech starrte er ihr in das Gesicht, und das brach ihre Kraft: das
Gesicht ihres eigenen Kindes zu sehen, knapp vor sich und verzerrt von
Ha. Ungestm brach ihr Zorn heraus.

Vorwrts, du wirst sofort schreiben! Oder...

Oder was...? Herausfordernd frech war jetzt seine Stimme geworden.

Oder ich prgel dich wie ein kleines Kind.

Edgar trat einen Schritt nher, hhnisch, und lachte nur.

Da fuhr ihm schon ihre Hand ins Gesicht. Edgar schrie auf. Und wie ein
Ertrinkender, der mit den Hnden um sich schlgt, nur ein dumpfes
Brausen in den Ohren, rotes Flirren vor den Augen, so hieb er blind mit
den Fusten zurck. Er sprte, da er in etwas Weiches schlug, jetzt
gegen das Gesicht, hrte einen Schrei...

Dieser Schrei brachte ihn zu sich. Pltzlich sah er sich selbst, und das
Ungeheure wurde ihm bewut: da er seine Mutter schlug. Eine Angst
berfiel ihn, Scham und Entsetzen, das ungestme Bedrfnis, jetzt weg zu
sein, in den Boden zu sinken, fort zu sein, fort, nur nicht mehr unter
diesen Blicken. Er strzte zur Tre und die Treppe rasch hinab, durch
das Haus auf die Strae, fort, nur fort, als hetzte hinter ihm eine
rasende Meute.




Erste Einsicht


Weiter drunten am Weg blieb er endlich stehen. Er mute sich an einem
Baum festhalten, so sehr zitterten seine Glieder in Angst und Erregung,
so rchelnd brach ihm der Atem aus der berhetzten Brust. Hinter ihm war
das Grauen vor der eigenen Tat gerannt, nun fate es seine Kehle und
schttelte ihn wie im Fieber hin und her. Was sollte er jetzt tun? Wohin
fliehen? Denn hier schon, mitten im nahen Wald, eine Viertelstunde nur
vom Haus, wo er wohnte, befiel ihn das Gefhl der Verlassenheit. Alles
schien anders, feindlicher, gehssiger, seit er allein und ohne Hilfe
war. Die Bume, die gestern ihn noch brderlich umrauscht hatten,
ballten sich mit einem Male finster wie eine Drohung. Um wieviel aber
mute all dies, was noch vor ihm war, fremder und unbekannter sein?
Dieses Alleinsein gegen die groe, unbekannte Welt machte das Kind
schwindelig. Nein, er konnte es noch nicht ertragen, noch nicht allein
ertragen. Aber zu wem sollte er fliehen? Vor seinem Vater hatte er
Angst, der war leicht erregbar, unzugnglich und wrde ihn sofort
zurckschicken. Zurck aber wollte er nicht, eher noch in die
gefhrliche Fremdheit des Unbekannten hinein; ihm war, als knnte er nie
mehr das Gesicht seiner Mutter sehen, ohne zu denken, da er mit der
Faust hineingeschlagen hatte.

Da fiel ihm seine Gromutter ein, diese alte, gute, freundliche Frau,
die ihn von Kindheit an verzrtelt hatte, immer sein Schutz gewesen war,
wenn ihm zu Hause eine Zchtigung, ein Unrecht drohte. Bei ihr in Baden
wollte er sich verstecken, bis der erste Zorn vorber war, wollte dort
einen Brief an die Eltern schreiben und sich entschuldigen. In dieser
Viertelstunde war er schon so gedemtigt, blo durch den Gedanken,
allein mit seinen unerfahrenen Hnden in der Welt zu stehen, da er
seinen Stolz verwnschte, diesen dummen Stolz, den ihm ein fremder
Mensch mit einer Lge ins Blut gejagt hatte. Er wollte ja nichts sein
als das Kind von vordem, gehorsam, geduldig ohne die Anmaung, deren
lcherliche bertriebenheit er jetzt fhlte.

Aber wie hinkommen nach Baden? Wie stundenweit das Land berfliegen?
Hastig griff er in sein kleines, ledernes Portemonnaie, das er immer bei
sich trug. Gott sei dank, da blinkte es noch, das neue, goldene
Zwanzigkronenstck, das ihm zum Geburtstag geschenkt worden war. Nie
hatte er sich entschlieen knnen, es auszugeben. Aber fast tglich
hatte er nachgesehen, ob es noch da sei, sich an seinem Anblick
geweidet, daran reich gefhlt und dann immer die Mnze in dankbarer
Zrtlichkeit mit seinem Taschentuch blank geputzt, bis sie funkelte wie
eine kleine Sonne. Aber-- der jhe Gedanke erschreckte ihn-- wrde das
gengen? Er war so oft schon in seinem Leben mit der Bahn gefahren, ohne
daran auch nur zu denken, da man dafr bezahlen mute oder schon gar,
wieviel das kosten knnte, ob eine Krone oder hundert. Zum ersten Male
sprte er, da es da Tatsachen des Lebens gab, an die er nie gedacht
hatte, da all die vielen Dinge, die ihn umringten, die er zwischen den
Fingern gehabt und mit denen er gespielt hatte, irgendwie mit einem
eigenen Wert gefllt waren, einem besonderen Gewicht. Er, der sich noch
vor einer Stunde allwissend dnkte, war, das sprte er jetzt, an tausend
Geheimnissen und Fragen achtlos vorbeigegangen und schmte sich, da
seine arme Weisheit schon ber die erste Stufe ins Leben hinein
stolperte. Immer verzagter wurde er, immer kleiner waren seine
unsicheren Schritte bis hinab zur Station. Wie oft hatte er getrumt von
dieser Flucht, gedacht, ins Leben hinauszustrmen, Kaiser zu werden oder
Knig, Soldat oder Dichter, und nun sah er zaghaft auf das kleine helle
Haus hin, und dachte nur einzig daran, ob die zwanzig Kronen ausreichen
wrden, ihn bis zu seiner Gromutter zu bringen. Die Schienen glnzten
weit ins Land hinaus, der Bahnhof war leer und verlassen. Schchtern
schlich sich Edgar an die Kasse hin und flsterte, damit niemand anderer
ihn hren knnte, wieviel eine Karte nach Baden koste. Ein verwundertes
Gesicht sah hinter dem dunklen Verschlag heraus, zwei Augen lchelten
hinter den Brillen auf das zaghafte Kind:

Eine ganze Karte?

Ja, stammelte Edgar. Aber ganz ohne Stolz, mehr in Angst, es mchte
zuviel kosten.

Sechs Kronen!

Bitte!

Erleichtert schob er das blanke, vielgeliebte Stck hin, Geld klirrte
zurck, und Edgar fhlte sich mit einem Male wieder unsglich reich,
nun, da er das braune Stck Pappe in der Hand hatte, das ihm die
Freiheit verbrgte, und in seiner Tasche die gedmpfte Musik von Silber
klang.

Der Zug sollte in zwanzig Minuten eintreffen, belehrte ihn der Fahrplan.
Edgar drckte sich in eine Ecke. Ein paar Leute standen auf dem Perron,
unbeschftigt und ohne Gedanken. Aber dem Beunruhigten war, als shen
alle nur ihn an, als wunderten sich alle, da so ein Kind schon allein
fahre, als wre ihm die Flucht und das Verbrechen an die Stirne
geheftet. Er atmete auf, als endlich von ferne der Zug zum ersten Male
heulte und dann heranbrauste. Der Zug, der ihn in die Welt tragen
sollte. Beim Einsteigen erst bemerkte er, da seine Karte fr die dritte
Klasse galt. Bisher war er nur immer erster Klasse gefahren, und
wiederum fhlte er, da hier etwas verndert sei, da es
Verschiedenheiten gab, die ihm entgangen waren. Andere Leute hatte er zu
Nachbarn wie bisher. Ein paar italienische Arbeiter mit harten Hnden
und rauhen Stimmen, Spaten und Schaufel in den Hnden, saen gerade
gegenber und blickten mit dumpfen, trostlosen Augen vor sich hin. Sie
muten offenbar schwer am Weg gearbeitet haben, denn einige von ihnen
waren mde und schliefen im ratternden Zug, an das harte und schmutzige
Holz gelehnt, mit offenem Munde. Sie hatten gearbeitet, um Geld zu
verdienen, dachte Edgar, konnte sich aber nicht denken, wieviel es
gewesen sein mochte; er fhlte aber wiederum, da Geld eine Sache war,
die man nicht immer hatte, sondern die irgendwie erworben werden mute.
Zum erstenmal kam ihm jetzt zum Bewutsein, da er eine Atmosphre von
Wohlbehagen selbstverstndlich gewohnt war und da rechts und links von
seinem Leben Abgrnde tief ins Dunkel hineinklafften, an die sein Blick
nie gerhrt hatte. Mit einem Male bemerkte er, da es Berufe gab und
Bestimmungen, da rings um sein Leben Geheimnisse geschart waren, nah
zum Greifen und doch nie beachtet. Edgar lernte viel von dieser einen
Stunde, seit er allein stand, er begann vieles zu sehn aus diesem engen
Abteil mit den Fenstern ins Freie. Und leise begann in seiner dunklen
Angst etwas aufzublhen, das noch nicht Glck war, aber doch schon ein
Staunen vor der Mannigfaltigkeit des Lebens. Er war geflchtet aus Angst
und Feigheit, das empfand er in jeder Sekunde, aber doch zum ersten Male
hatte er selbstndig gehandelt, etwas erlebt von dem Wirklichen, an dem
er bisher vorbeigegangen war. Zum ersten Male war er vielleicht der
Mutter und dem Vater selbst Geheimnis geworden, wie ihm bislang die
Welt. Mit anderen Blicken sah er aus dem Fenster. Und es war ihm, als ob
er zum ersten Male alles Wirkliche she, als ob ein Schleier von den
Dingen gefallen sei und sie ihm nun alles zeigten, das Innere ihrer
Absicht, den geheimen Nerv ihrer Ttigkeit. Huser flogen vorbei wie vom
Wind weggerissen, und er mute an die Menschen denken, die drinnen
wohnten, ob sie reich seien oder arm, glcklich oder unglcklich, ob sie
auch die Sehnsucht hatten wie er, alles zu wissen, und ob vielleicht
Kinder dort seien, die auch nur mit den Dingen bisher gespielt hatten
wie er selbst. Die Bahnwchter, die mit wehenden Fahnen am Weg standen,
schienen ihm zum ersten Male nicht, wie bisher, lose Puppen und totes
Spielzeug, Dinge, hingestellt von gleichgltigem Zufall, sondern er
verstand, da das ihr Schicksal war, ihr Kampf gegen das Leben. Immer
rascher rollten die Rder, nun lieen die runden Serpentinen den Zug zum
Tale niedersteigen, immer sanfter wurden die Berge, immer ferner, schon
war die Ebene erreicht. Einmal noch sah er zurck, da waren sie schon
blau und schattenhaft, weit und unerreichbar, und ihm war, als lge
dort, wo sie langsam in dem nebligen Himmel sich lsten, seine eigene
Kindheit.




Verwirrende Finsternis


Aber dann in Baden, als der Zug hielt und Edgar sich allein auf dem
Perron befand, wo schon die Lichter entflammt waren, die Signale grn
und rot in die Ferne glnzten, verband sich unversehens mit diesem
bunten Anblick eine pltzliche Bangnis vor der nahen Nacht. Bei Tag
hatte er sich noch sicher gefhlt, denn ringsum waren ja Menschen, man
konnte sich ausruhen, auf eine Bank setzen oder vor den Lden in die
Fenster starren. Wie aber wrde er dies ertragen knnen, wenn die
Menschen sich wieder in die Huser verloren, jeder ein Bett hatte, ein
Gesprch und dann eine beruhigte Nacht, whrend er im Gefhl seiner
Schuld allein herumirren mute, in einer fremden Einsamkeit. Oh, nur
bald ein Dach ber sich haben, nicht eine Minute mehr unter freiem
fremden Himmel stehen, das war sein einziges klares Gefhl.

Hastig ging er den wohlbekannten Weg, ohne nach rechts und links zu
blicken, bis er endlich vor die Villa kam, die seine Gromutter
bewohnte. Sie lag schn an einer breiten Strae, aber nicht frei den
Blicken dargeboten, sondern hinter Ranken und Efeu eines wohlbehteten
Gartens, ein Glanz hinter einer Wolke von Grn, ein weies, altvterisch
freundliches Haus. Edgar sphte durch das Gitter wie ein Fremder. Innen
regte sich nichts, die Fenster waren verschlossen, offenbar waren alle
mit Gsten rckwrts im Garten. Schon berhrte er die khle Klinke, als
ein Seltsames geschah: mit einem Male schien ihm das, was er sich jetzt
seit zwei Stunden so leicht, so selbstverstndlich gedacht hatte,
unmglich. Wie sollte er eintreten, wie sie begren, wie diese Fragen
ertragen und wie beantworten? Wie diesen ersten Blick aushalten, wenn er
berichten mute, da er heimlich seiner Mutter entflohen sei? Und wie
gar das Ungeheuerliche seiner Tat erklren, die er selbst schon nicht
mehr begriff! Innen ging jetzt eine Tr. Mit einem Male befiel ihn eine
trichte Angst, es mchte jemand kommen, und er lief weiter, ohne zu
wissen wohin.

Vor dem Kurpark hielt er an, weil er dort Dunkel sah und keine Menschen
vermutete. Dort konnte er sich vielleicht niedersetzen und endlich,
endlich ruhig denken, ausruhen und ber sein Schicksal klar werden.
Schchtern trat er ein. Vorne brannten ein paar Laternen und gaben den
noch jungen Blttern einen gespenstigen Wasserglanz von durchsichtigem
Grn; weiter rckwrts aber, wo er den Hgel niedersteigen mute, lag
alles wie eine einzige, dumpfe, schwarze, grende Masse in der wirren
Finsternis einer verfrhten Frhlingsnacht. Edgar schlich scheu an den
paar Menschen vorbei, die hier unter dem Lichtkreis der Laternen
plaudernd oder lesend saen: er wollte allein sein. Aber auch droben in
der schattenden Finsternis der unbeleuchteten Gnge war keine Ruhe.
Alles war da erfllt von einem leisen, lichtscheuen Rieseln und Reden,
das vielfach gemischt war mit dem Atem des Windes zwischen den biegsamen
Blttern, dem Schlrfen ferner Schritte, dem Flstern verhaltener
Stimmen, mit irgendeinem wollstigen, seufzenden, angstvoll sthnenden
Getn, das von Menschen und Tieren und der unruhig schlafenden Natur
gleichzeitig ausgehen mochte. Es war eine gefhrliche Unruhe, eine
geduckte, versteckte und bengstigende rtselhafte, die hier atmete,
irgendein unterirdisches Whlen im Wald, das vielleicht nur mit dem
Frhling zusammenhing, das ratlose Kind aber seltsam verngstigte.

Er prete sich ganz klein auf eine Bank hin in dieses abgrndige Dunkel
und versuchte nun zu berlegen, was er zu Hause erzhlen sollte. Aber
die Gedanken glitten ihm glitschig weg, ehe er sie fassen konnte, gegen
seinen eigenen Willen mute er immer nur lauschen und lauschen auf das
gedmpfte Tnen, die mystischen Stimmen des Dunkels. Wie furchtbar diese
Finsternis war, wie verwirrend und doch wie geheimnisvoll schn! Waren
es Tiere oder Menschen oder nur die gespenstige Hand des Windes, die all
dieses Rauschen und Knistern, dieses Surren und Locken ineinanderwebte?
Er lauschte. Es war der Wind, der unruhig durch die Bume schlich,
aber-- jetzt sah er es deutlich-- auch Menschen, verschlungene Paare,
die von unten, von der hellen Stadt heraufkamen und die Finsternis mit
ihrer rtselhaften Gegenwart belebten. Was wollten sie? Er konnte es
nicht begreifen. Sie sprachen nicht miteinander, denn er hrte keine
Stimmen, nur die Schritte knirschten unruhig im Kies, und hie und da sah
er in der Lichtung ihre Gestalten flchtig wie Schatten vorberschweben,
immer aber so in eins verschlungen, wie er damals seine Mutter mit dem
Baron gesehen hatte. Dieses Geheimnis, das groe, funkelnde und
verhngnisvolle, es war also auch hier. Immer nher hrte er jetzt
Schritte herankommen und nun auch ein gedmpftes Lachen. Angst befiel
ihn, die Nahenden mchten ihn hier finden, und noch tiefer ins Dunkel
drckte er sich hinein. Aber die beiden, die jetzt durch die
undurchdringliche Finsternis den Weg herauftasteten, sahen ihn nicht.
Verschlungen gingen sie vorbei, schon atmete Edgar auf, da stockte
pltzlich ihr Schritt, knapp vor seiner Bank. Sie preten die Gesichter
aneinander, Edgar konnte nichts deutlich sehen, er hrte nur, wie ein
Sthnen aus dem Munde der Frau brach, der Mann heie, wahnsinnige Worte
stammelte, und irgendein schwles Vorgefhl durchdrang seine Angst mit
einem wollstigen Schauer. Eine Minute blieben sie so, dann knirschte
wieder der Kies unter ihren weiterwandernden Schritten, die dann bald in
der Finsternis verklangen.

Edgar schauerte zusammen. Das Blut strzte ihm jetzt wieder in die Adern
zurck, heier und wrmer als zuvor. Und mit einem Male fhlte er sich
unertrglich einsam in dieser verwirrenden Finsternis, urmchtig kam das
Bedrfnis ber ihn nach irgendeiner befreundeten Stimme, einer Umarmung,
nach einem hellen Zimmer, nach Menschen, die er liebte. Ihm war, als
wre die ganze ratlose Dunkelheit dieser wirren Nacht nun in ihn
gesunken und zersprenge ihm die Brust.

Er sprang auf. Nur heim, heim, irgendwo zu Hause sein im warmen, im
hellen Zimmer, in irgendeinem Zusammenhang mit Menschen. Was konnte ihm
denn geschehen? Sollte man ihn schlagen und beschimpfen, er frchtete
nichts mehr, seit er dieses Dunkel gesprt hatte und die Angst vor der
Einsamkeit.

Es trieb ihn vorwrts, ohne da er sich sprte, und pltzlich stand er
neuerdings vor der Villa, die Hand wieder an der khlen Klinke. Er sah,
wie jetzt die Fenster erleuchtet durch das Grn glimmerten, sah in
Gedanken hinter jeder hellen Scheibe den vertrauten Raum mit seinen
Menschen darin. Schon dieses Nahsein gab ihm Glck, schon dieses erste,
beruhigende Gefhl, da er nah sei zu Menschen, von denen er sich
geliebt wute. Und wenn er noch zgerte, so war es nur, um dieses
Vorgefhl inniger zu genieen.

Da schrie hinter ihm eine Stimme mit gellem Erschrecken:

Edgar, da ist er ja!

Das Dienstmdchen seiner Gromama hatte ihn gesehen, strzte auf ihn los
und fate ihn bei der Hand. Die Tre wurde innen aufgerissen, bellend
sprang ein Hund an ihm empor, aus dem Hause kam man mit Lichtern, er
hrte Stimmen mit Jubel und Schreck rufen, einen freudigen Tumult von
Schreien und Schritten, die sich nherten, Gestalten, die er jetzt
erkannte. Vorerst seine Gromutter mit ausgestrecktem Arm und hinter
ihr-- er glaubte zu trumen-- seine Mutter. Mit verweinten Augen,
zitternd und verschchtert, stand er selbst inmitten dieses heien
Ausbruchs berschwenglicher Gefhle, unschlssig, was er tun, was er
sagen sollte, und selber unklar, was er fhlte: Angst oder Glck.




Der letzte Traum


Das war so geschehen: Man hatte ihn hier lngst schon gesucht und
erwartet. Seine Mutter, trotz ihres Zornes erschreckt durch das rasende
Wegstrzen des erregten Kindes, hatte ihn auf dem Semmering suchen
lassen. Schon war alles in furchtbarster Aufregung und voll gefhrlicher
Vermutungen, als ein Herr die Nachricht brachte, er habe das Kind gegen
drei Uhr am Bahnschalter gesehen. Dort stellte man rasch fest, da Edgar
eine Karte nach Baden genommen hatte, und sie fuhr, ohne zu zgern, ihm
sofort nach. Telegramme nach Baden und Wien an seinen Vater liefen ihr
voran, Aufregung verbreitend, und seit zwei Stunden war alles in
Bewegung nach dem Flchtigen.

Jetzt hielten sie ihn fest, aber ohne Gewalt. In einem unterdrckten
Triumph wurde er hineingefhrt ins Zimmer, aber wie seltsam war ihm
dies, da er alle die harten Vorwrfe, die sie ihm sagten, nicht sprte,
weil er in ihren Augen doch die Freude und die Liebe sah. Und sogar
dieser Schein, dieser geheuchelte rger dauerte nur einen Augenblick.
Dann umarmte ihn wieder die Gromutter mit Trnen, niemand sprach mehr
von seiner Schuld, und er fhlte sich von einer wundervollen Frsorge
umringt. Da zog ihm das Mdchen den Rock aus und brachte ihm einen
wrmeren, da fragte ihn die Gromutter, ob er nicht Hunger habe oder
irgend etwas wollte, sie fragten und qulten ihn mit zrtlicher
Besorgnis, und wie sie seine Befangenheit sahen, fragten sie nicht mehr.
Wollstig empfand er das so miachtete und doch entbehrte Gefhl wieder,
ganz Kind zu sein, und Scham befiel ihn ber die Anmaung der letzten
Tage, all dies entbehren zu wollen, es einzutauschen fr die trgerische
Lust einer eigenen Einsamkeit.

Nebenan klingelte das Telephon. Er hrte die Stimme seiner Mutter, hrte
einzelne Worte: Edgar... zurck... herkommen... letzter Zug, und
wunderte sich, da sie ihn nicht wild angefahren hatte, nur umfat mit
so merkwrdig verhaltenem Blick. Immer wilder wurde die Reue in ihm, und
am liebsten htte er sich hier all der Sorgfalt seiner Gromutter und
seiner Tante entwunden und wre hineingegangen, sie um Verzeihung zu
bitten, ihr ganz in Demut, ganz allein zu sagen, er wolle wieder Kind
sein und gehorchen. Aber als er jetzt leise aufstand, sagte die
Gromutter leise erschreckt:

Wohin willst du?

Da stand er beschmt. Sie hatten schon Angst fr ihn, wenn er sich
regte. Er hatte sie alle verschreckt, nun frchteten sie, er wolle
wieder entfliehen. Wie wrden sie begreifen knnen, da niemand mehr
diese Flucht bereute als er selbst!

Der Tisch war gedeckt, und man brachte ihm ein eiliges Abendessen. Die
Gromutter sa bei ihm und wandte keinen Blick. Sie und die Tante und
das Mdchen schlossen ihn in einen stillen Kreis, und er fhlte sich von
dieser Wrme wundersam beruhigt. Nur da seine Mutter nicht ins Zimmer
trat, machte ihn wirr. Wenn sie htte ahnen knnen, wie demtig er war,
sie wre bestimmt gekommen!

Da ratterte drauen ein Wagen und hielt vor dem Haus. Die anderen
schreckten so sehr auf, da auch Edgar unruhig wurde. Die Gromutter
ging hinaus, Stimmen flogen laut hin und her durch das Dunkel, und auf
einmal wute er, da sein Vater gekommen war. Scheu merkte Edgar, da er
jetzt wieder allein im Zimmer stand, und selbst dieses kleine Alleinsein
verwirrte ihn. Sein Vater war streng, war der einzige, den er wirklich
frchtete. Edgar horchte hinaus, sein Vater schien erregt zu sein, er
sprach laut und gergert. Dazwischen klangen begtigend die Stimmen
seiner Gromutter und der Mutter, offenbar wollten sie ihn milder
stimmen. Aber die Stimme blieb hart, hart wie die Schritte, die jetzt
herankamen, nher und nher, nun schon im Nebenzimmer waren, knapp vor
der Tre, die jetzt aufgerissen wurde.

Sein Vater war sehr gro. Und unsglich klein fhlte sich jetzt Edgar
vor ihm, wie er eintrat, nervs und anscheinend wirklich im Zorn.

Was ist dir eingefallen, du Kerl, davonzulaufen? Wie kannst du deine
Mutter so erschrecken?

Seine Stimme war zornig und in den Hnden eine wilde Bewegung. Hinter
ihm war mit leisem Schritt jetzt die Mutter hereingetreten. Ihr Gesicht
war verschattet.

Edgar antwortete nicht. Er hatte das Gefhl, sich rechtfertigen zu
mssen, aber doch, wie sollte er das erzhlen, da man ihn betrogen
hatte und geschlagen? Wrde er es verstehen?

Nun, kannst du nicht reden? Was war los? Du kannst es ruhig sagen! War
dir etwas nicht recht? Man mu doch einen Grund haben, wenn man
davonluft! Hat dir jemand etwas zuleide getan? Edgar zgerte. Die
Erinnerung machte ihn wieder zornig, schon wollte er anklagen. Da sah
er-- und sein Herz stand still dabei-- wie seine Mutter hinter dem
Rcken des Vaters eine sonderbare Bewegung machte. Eine Bewegung, die er
erst nicht verstand. Aber jetzt sah sie ihn an, in ihren Augen war eine
flehende Bitte. Und leise, ganz leise hob sie den Finger zum Mund im
Zeichen des Schweigens.

Da brach, das Kind fhlte es, pltzlich etwas Warmes, eine ungeheure
wilde Beglckung durch seinen ganzen Krper. Er verstand, da sie ihm
das Geheimnis zu hten gab, da auf seinen kleinen Kinderlippen ein
Schicksal lag. Und wilder, jauchzender Stolz erfllte ihn, da sie ihm
vertraute, jh berkam ihn ein Opfermut, ein Wille, seine eigene Schuld
noch zu vergrern, um zu zeigen, wie sehr er schon Mann war. Er raffte
sich zusammen:

Nein, nein... es war gar kein Anla. Mama war sehr gut zu mir, aber
ich war ungezogen, ich habe mich schlecht benommen... und da... da bin
ich davongelaufen, weil ich mich gefrchtet habe.

Sein Vater sah ihn verdutzt an. Er hatte alles erwartet, nur nicht
dieses Gestndnis. Sein Zorn war entwaffnet.

Na, wenn es dir leid tut, dann ists schon gut. Dann will ich heute
nichts mehr darber reden. Ich glaube, du wirst es dir ein anderes Mal
doch berlegen! Da so etwas nicht mehr vorkommt.

Er blieb stehen und sah ihn an. Seine Stimme wurde jetzt milder.

Wie bla du aussiehst. Aber mir scheint, du bist schon wieder grer
geworden. Ich hoffe, du wirst solche Kindereien nicht mehr tun; du bist
ja wirklich kein Bub mehr und knntest schon vernnftig sein!

Edgar blickte die ganze Zeit ber nur auf seine Mutter. Ihm war, als
funkelte etwas in ihren Augen. Oder war dies nur der Widerschein der
Flamme? Nein, es glnzte dort feucht und hell, und ein Lcheln war um
ihren Mund, das ihm Dank sagte. Man schickte ihn jetzt zu Bett, aber er
war nicht traurig darber, da sie ihn allein lieen. Er hatte ja so
viel zu berdenken, so viel Buntes und Reiches. All der Schmerz der
letzten Tage verging in dem gewaltigen Gefhl des ersten Erlebnisses, er
fhlte sich glcklich in einem geheimnisvollen Vorgefhl knftiger
Geschehnisse. Drauen rauschten im Dunkel die Bume in der verfinsterten
Nacht, aber er kannte kein Bangen mehr. Er hatte alle Ungeduld vor dem
Leben verloren, seit er wute, wie reich es war. Ihm war, als htte er
es zum erstenmal heute nackt gesehen, nicht mehr verhllt von tausend
Lgen der Kindheit, sondern in seiner ganzen wollstigen, gefhrlichen
Schnheit. Er hatte nie gedacht, da Tage so voll gepret sein konnten
vom vielfltigen bergang des Schmerzes und der Lust, und der Gedanke
beglckte ihn, da noch viele solche Tage ihm bevorstnden, ein ganzes
Leben warte, ihm sein Geheimnis zu entschleiern. Eine erste Ahnung der
Vielfltigkeit des Lebens hatte ihn berkommen, zum ersten Male glaubte
er das Wesen der Menschen verstanden zu haben, da sie einander
brauchten, selbst wenn sie sich feindlich schienen, und da es sehr s
sei, von ihnen geliebt zu werden. Er war unfhig, an irgend etwas oder
irgend jemanden mit Ha zu denken, er bereute nichts, und selbst fr den
Baron, den Verfhrer, seinen bittersten Feind, fand er ein neues Gefhl
der Dankbarkeit, weil er ihm die Tr aufgetan hatte zu dieser Welt der
ersten Gefhle.

Das alles war sehr s und schmeichlerisch nun im Dunkel zu denken,
leise schon verworren mit Bildern aus Trumen, und beinahe war es schon
Schlaf. Da war ihm, als ob pltzlich die Tre ginge und leise etwas
kme. Er glaubte sich nicht recht, war auch schon zu schlafbefangen, um
die Augen aufzutun. Da sprte er atmend ber sich ein Gesicht weich,
warm und mild das seine streifen, und wute, da seine Mutter es war,
die ihn jetzt kte und ihm mit der Hand bers Haar fuhr. Er fhlte die
Ksse und fhlte die Trnen, sanft die Liebkosung erwidernd, und nahm es
nur als Vershnung, als Dankbarkeit fr sein Schweigen. Erst spter,
viele Jahre spter, erkannte er in diesen stummen Trnen ein Gelbnis
der alternden Frau, da sie von nun ab nur ihm, nur ihrem Kinde gehren
wollte, eine Absage an das Abenteuer, ein Abschied von allen eigenen
Begehrlichkeiten. Er wute nicht, da auch sie ihm dankbar war, aus
einem unfruchtbaren Abenteuer gerettet zu sein und ihm nun mit dieser
Umarmung die bitter-se Last der Liebe fr sein zuknftiges Leben wie
ein Erbe berlie. All dies verstand das Kind von damals nicht, aber es
fhlte, da es sehr beseligend sei, so geliebt zu sein, und da es durch
diese Liebe schon verstrickt war mit dem groen Geheimnis der Welt.

Als sie dann die Hand von ihm lie, die Lippen sich den seinen entwanden
und die leise Gestalt entrauschte, blieb noch ein Warmes zurck, ein
Hauch ber seinen Lippen. Und schmeichlerisch flog ihn Sehnsucht an, oft
noch solche weiche Lippen zu spren und so zrtlich umschlungen zu
werden, aber dieses ahnungsvolle Vorgefhl des so ersehnten Geheimnisses
war schon umwlkt vom Schatten des Schlafes. Noch einmal zogen all die
Bilder der letzten Stunden farbig vorbei, noch einmal bltterte sich das
Buch seiner Jugend verlockend auf. Dann schlief das Kind ein, und es
begann der tiefere Traum seines Lebens.




Druck von M. Lindenbaum & Co. in Amsterdam




[Anmerkungen zur Transkription:

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit = gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, Orthographie und
Interpunktion aber sonst wie im Original belassen.]





End of the Project Gutenberg EBook of Brennendes Geheimnis, by Stefan Zweig

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BRENNENDES GEHEIMNIS ***

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- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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     http://www.gutenberg.org

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