Project Gutenberg's Die Colonie. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

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Title: Die Colonie. Zweiter Band.
       Brasilianisches Lebensbild

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: December 31, 2009 [EBook #30814]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Die Colonie.
Brasilianisches Lebensbild

von


Friedrich Gerstcker.

Der Verfasser behlt sich die bersetzung dieses Werkes vor.

Zweiter Band.


Leipzig,
_Hermann Costenoble_
1864.




 Inhalts-Verzeichniss.

                                      Seite
 _Erstes Kapitel._
 Knstler                                7

 _Zweites Kapitel._
 Die Maniok-Mhle                       43

 _Drittes Kapitel._
 Auf Santa Catharina                    61

 _Viertes Kapitel._
 Der neue Director                      93

 _Fnftes Kapitel._
 Die Cigarren-Fabrik                   125

 _Sechstes Kapitel._
 Der Ritt am Strande                   149

 _Siebentes Kapitel._
 Die Begegnung                         169

 _Achtes Kapitel._
 Ein Vielliebchen                      201

 _Neuntes Kapitel._
 Sarno's Abschied                      227

 _Zehntes Kapitel_
 Bux & Comp.                           244

 _Elftes Kapitel._
 Knnern und Elise                     277

 _Zwlftes Kapitel._
 Verschiedene Interessen               298




1.

Knstler.


Director Sarno hatte in diesen Tagen so auerordentlich viel zu thun
gehabt, da er sich mit seinem Gaste gar nicht oder doch nur sehr wenig
beschftigen konnte. Alles drngte auf ihn ein -- Alles wollte von ihm
Hlfe, Rath, Lebensmittel, Colonien, Ackergerthe und tausend andere
Dinge, die er unmglich Jedem schaffen konnte, und doch that er was
in seinen Krften stand, um vor allen Dingen wenigstens die Familien
unterzubringen.

Schwartzau war indessen sehr fleiig gewesen und hatte einen ziemlich
bedeutenden Landstrich vermessen, auf dem ein groer Theil der
erstgekommenen Colonisten untergebracht werden konnte. Aber das half
immer noch nicht fr den ersten Augenblick, wenn sich jetzt auch
wenigstens ein Ende absehen lie. Die neuen Colonisten muten damit
beginnen, in den ihnen bezeichneten Grnzen einen Fleck klar zu
machen, um ihr Wohnhaus darauf zu setzen, blieben aber in der Zeit,
bis das geschehen, noch immer auf ihr Nachtquartier in der Colonie
angewiesen, wobei ihnen das Hin- und Herwandern noch sehr viel Zeit
fortnahm.

Die meisten der Emigranten bedurften dabei fr ihren nchsten
Lebensunterhalt der ihnen versprochenen Subsidiengelder, d. h. einer
Untersttzung, die ihnen der Staat gab und die sie nur verpflichtet
waren, nach einem Zeitraume von fnf Jahren zinsfrei zurckzuzahlen.
Aber was kmmerten sich die Leute jetzt um das, was man ihnen etwa nach
fnf Jahren wieder abverlangen knne! Ihnen gehrte nur der Augenblick,
und was sie deshalb an solchen Untersttzungen aus dem Director
herauspressen konnten, hielten sie Alles fr rein gewonnen und geschenkt,
wie sie es ebenfalls dem Director zur Last legten, wenn er so viel als
mglich mit den Geldern zurckhielt. Er gnnte es ihnen nur nicht,
meinten sie, und wolle es vielleicht gar fr sich behalten. Da er sie
selber davon zurckzuhalten wnschte, zu viele Schulden zu machen, fiel
ihnen gar nicht ein.

Director Sarno hatte den Kopf in der That zum Zerspringen voll, und
Knnern, der mit seinen eigenen Hoffnungen und Plnen ebenfalls reichlich
beschftigt war, ging ihm schon so viel als mglich selber aus dem Wege.
Als er aber gefunden, da mit der Jagd in der Nachbarschaft wenig oder
gar Nichts zu machen war, hatte er seine Mappe wieder vorgenommen, und
vor allen Dingen einen passenden Platz an den nchsten Hngen gesucht,
von wo er einen berblick ber die Colonie bekam.

Da er dabei Meier's kleine, freundliche Plantage besonders im Auge
hatte, mochte er sich im Anfange selber nicht recht gestehen, aber es
lie sich auch nicht lange mehr sogar vor sich selber verlugnen, denn
um _den_ Platz her suchte er den ganzen Wald ab, nur um einen Punkt zu
finden, von wo er einen berblick in das Thal gewann, und war endlich
glcklich genug, einen vorspringenden Felsen an einem der Bergabhnge
aufzufinden, von dem aus er Meier's Besitzthum gerade berschaute,
whrend weiter zur Linken die Colonie Santa Clara mit ihren lichten
Gebuden und rothen Dchern, mit den gelben, schmalen Wegen und dunkeln
Fruchtbaum- und Gebschgruppen ein ganz freundliches und auch wirklich
malerisches Bild zeigte.

Allerdings waren ihm hier noch ein paar Palmen und Baumwipfel im Wege,
welche zum Theil die ungestrte freie Aussicht verdeckten, aber auch das
lie sich mit geringer Arbeit beseitigen. Selber im Gebrauche der Axt
tchtig eingebt, stieg er am nchsten Morgen wieder mit einem solchen
Werkzeuge zu seinem Waldes-Atelier hinauf, markirte sich die im Weg
stehenden Stmme und ging dann scharf an die Arbeit, um sich freie Bahn
zu schaffen. Noch vor Dunkelwerden war das auch geschehen und die kleine
Felsplatte da oben jetzt so weit freigelegt, da er am nchsten Morgen
seine Arbeit, von keinem Hindernisse mehr gestrt, beginnen konnte.

Etwa um zehn Uhr Morgens stieg er, seine Mappe auf dem Rcken, seinen
Stock in der Hand und ein kleines Beil im Grtel, auf einem schmalen,
zum Theil selber ausgehauenen Stege bergan, und fast unbewut nickte
er, als er den offenen Platz erreichte und das untere Thal mit seinen
bewaldeten Seitenhngen vor sich liegen sah, freundlich nach der Stelle
hinber, wo Meier's Chagra lag -- hatte sein Blick sie doch schon lange,
selbst durch die Bsche hin, gesucht!

So schaute er denn still und schweigend dort hinber und sein Auge
haftete unverwandt auf dem Einen Punkte. Endlich, wie mit Gewalt die
Gedanken zurckdrngend, schttelte er sich das wirre Haar aus der Stirn
und wollte sich eben nach dem schon ausgesuchten Platze wenden, um seine
Arbeit zu beginnen, als sein Blick auf eine dort ausgestreckte
menschliche Gestalt fiel.

Es war ein Mann in, wie es schien, anstndiger Kleidung, der hier auf
der Brust, das Gesicht im Grase und den einen Arm lang ausgestreckt,
regungslos lag. -- War er todt? -- Wirres, schwarzes Haar hing ihm um
die Schlfe, da sich die Zge nicht erkennen lieen -- und die eine
Hand -- Knnern blickte berrascht zu der Gestalt zurck, denn die Hand
war zart und wei, als ob sie einem Mdchen gehre. -- Die Mappe und
seinen Stock jetzt in das Gras legend, bog er sich zu dem vor ihm
Ausgestreckten nieder, um zu sehen, ob noch Leben in dem Krper
sei. Kaum berhrte aber seine Hand die Schulter desselben, als der
vermeintliche Todte den Kopf hob, Knnern anstarrte und sich dann
langsam aufrichtete.

Fehlt Ihnen Etwas? fragte Knnern, als er die dunkeln Augen eines
jungen Mannes auf sich haften sah.

Nein -- lautete die Antwort -- ich war nur mde -- gedankenmde
geworden, und hatte mir die heie Stirn ein Wenig khlen wollen. Haben
_Sie_ den Platz hier ausgehauen, da man den freien Blick ber da unten
gewinnt?

Ja, sagte Knnern, den Fremden noch immer halb erstaunt betrachtend,
denn er konnte aus der eigenthmlichen Erscheinung desselben nicht recht
klug werden. -- Ich glaube, der Punkt hier eignet sich vortrefflich
dazu, um von hier aus die Colonie und ihre nchste Umgebung aufzunehmen.

Vortrefflich, erwiederte der Fremde, sich mit der Hand ber die Stirn
fahrend, Sie sind Maler? Aber dort hinber fehlt Ihnen noch ein kleiner
Theil. -- Sehen Sie da durch den Wipfel jener dnnen Palme das helle Haus
mit dem kleinen Erker oben drauf? Wollten Sie Santa Clara zeichnen und
_das_ Haus verdecken?

Knnern wute nicht recht, was er aus dem Benehmen des Fremden machen
sollte. Dieser aber, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr fort:

Ach, wie ich sehe haben Sie ein kleines Beil bei sich, damit geht es
besser als mit meinem Messer, mit dem ich schon versucht habe die Palme
zu fllen. -- Geben Sie mir das Beil -- ich mache Ihnen Raum.

Der junge Maler mochte dem so eigenthmlich gestellten Verlangen nicht
entgegentreten, und whrend der Fremde mit ordentlicher Hast nach dem
Beile griff und die wenigen Schritte den Hang hinabkletterte, folgte er
ihm, damit die junge Palme nicht falsch geworfen wrde und ihm vielleicht
einen andern wichtigen Punkt verdecke. Er traute dem Fremden eben nicht
viel praktische Erfahrung im Baumfllen zu.

Dieser hackte unerbittlich auf den schlanken Stamm los, und Knnern
sah zu seinem Erstaunen, da er wirklich schon mit dem Messer tiefe
Einschnitte in die Rinde gemacht, die Arbeit aber endlich als eine zu
mhsame aufgegeben hatte.

Als die Schlge den Baum trafen, fielen die schweren Tropfen, die der
Nachtthau darauf geworfen, von den Blttern nieder. Der Fremde hielt
ein, sttzte sich mit dem linken Arm gegen den Stamm und sagte traurig:

Der Mensch ist doch eigentlich ein recht grausames Geschpf und
vernichtet, wohin sein Fu nur tritt, wohin er die Hand nur ausstreckt,
erbarmungslos was ihm im Wege steht. -- Sehen Sie, wie der armen Palme
die Thrnen von den Wimpern fallen. So jung und schon sterben -- so
schn und in der Blthe ihrer Jahre zu Boden geworfen werden -- zu
Boden, zwischen Gras und Lianen, die sie in wenigen Monaten bedecken
und umranken werden. -- Aber was kann's helfen, setzte er nach einigen
Secunden rasch und fast wild hinzu, indem er das Beil wieder aufgriff
-- weshalb soll der Baum gerade leben und im Sonnenlichte seine Arme
dem Glcke entgegenbreiten? Fort mit dir, Bursche, du stehst Anderen im
Wege! was nutzen uns deine Thrnen, dein Herzblut wollen wir haben; in
dein Mark hinein wollen wir dringen, und wer der Bitte nicht nachgiebt,
ei, den zwingt zuletzt die Gewalt! -- und mit raschen, schlecht gezielten
Schlgen hackte er wieder auf die junge Palme ein, aus der er aber doch
Spahn auf Spahn heraushieb, bis sich endlich der schwere Wipfel langsam
zu neigen begann und der Baum in das Gewirr von niederen Bschen und
Ranken hineinsank.

Da liege und trume, sagte der wunderliche Fremde -- und du bist
immer noch glcklich dabei, flsterte er, von Knnern ungehrt, dazu,
denn du stirbst _ihret_wegen!

Einen Augenblick stand er und schaute sinnend auf den gefllten Baum,
dann aber, wie seine Gedanken gewaltsam abschttelnd, sprang er empor,
schwang das Beil in der Luft und rief:

So, mein lieber Herr Maler, das letzte Hinderni ist beseitigt, nun
knnen Sie ungestrt an Ihre Arbeit gehen!

Knnern hatte dem sonderbaren Wesen und Treiben des Mannes schweigend
zugesehen, und zerbrach sich dabei den Kopf, wer der Fremde wohl
eigentlich sein und was er treiben knne, denn der Anzug gab, wie er
recht gut wute, in den Colonien nur selten den Mastab fr den Mann
selber. Die feinen, fast zarten Hnde verriethen, da er noch nie
eigentlich schwere Arbeit gethan, und die Ungeschicklichkeit, mit
welcher er den jungen Baum fllte, bezeugte das ebenfalls. -- Was
trieb er denn, um seinen Platz hier in der Colonie auszufllen?

Der Fremde aber lie ihm nicht lange Zeit zu solchen Betrachtungen und
schien sonderbarer Weise selber das grte Interesse an der Malerei zu
nehmen. Er drngte wenigstens zum Beginne derselben und half bereitwillig
Alles verrichten, was Knnern seine Arbeit erleichtern konnte.

Dann, als der junge Mann seine Mappe ffnete und seine Arbeit wirklich
in Angriff nahm, streckte er sich neben ihm auf dem moosbewachsenen
Steine aus und schaute in tiefem Sinnen lange auf die vor ihnen
ausgebreitete, wahrhaft wundervolle Landschaft.

Knnern, vollstndig mit seiner Arbeit beschftigt, hatte seine Nhe
schon fast ganz vergessen und entwarf rasch und mit kecken Strichen die
Umrisse des kleinen, freundlichen Bildes, als der junge Mann an seiner
Seite pltzlich mit leiser Stimme fragte:

Glauben Sie an Trume? Er hob dabei das bleiche, ausdrucksvolle
Antlitz zu dem Maler und schaute ihn mit den dunkeln Augen scharf und
forschend an.

Nein, lchelte Knnern, ohne sich in seiner Beschftigung stren zu
lassen. Er zeichnete gerade Meier's Haus, das eigentlich den Vordergrund
zu der Skizze bilden sollte, und wieder und wieder flog sein Blick
hinber.

Ich dachte es mir, erwiederte ruhig der Frager und lie den Kopf
wieder sinken -- die wenigsten Menschen glauben an Trume, und doch
sind sie nur zu oft das Spiegelbild unserer Seele, von der wir allein
auf diese Weise Etwas zu sehen bekommen knnen.

Das wre ein eigenthmliches Spiegelbild, lachte Knnern kopfschttelnd,
das mir Etwas zeigt, an das meine Seele das ganze Jahr nicht gedacht hat.
Ist man denn im Stande das zu trumen, was man sich ersehnt? -- nie! Wir
mgen unsern Geist den ganzen Tag mit festem und entschiedenem Willen auf
einem Punkte festhalten bis zum Schlafengehen, ja, bis sich die mden
Augen schlieen, und Zehn gegen Eins, der Traum springt mit uns nach
irgend einer andern Gegend hinber, und bringt uns die verwirrtesten,
fremdesten Bilder -- aber nie das Verlangte.

Aber der Geist hat mit dem Traume auch gar Nichts zu thun, sagte der
Fremde, sonst allerdings wre er von diesem abhngig und mte ihm auf
seinen Bahnen folgen. Nur mit der Seele harmonirt der Traum, und im
Gedchtnisse hat er seine besonderen Kammern, seine eigenen rtlichkeiten,
Scenen und Handlungen, in die er den Geist nur zu Zeiten einlt und in
denen dieser wohl hin- und herwandern, aber sie nicht festhalten darf.

Knnern sah berrascht von seiner Arbeit zu dem Redenden nieder, der,
scheinbar ohne auf ihn Acht zu haben, mehr mit sich selber als zu ihm
sprach. Der Kopf wirbelte ihm dabei, wenn er den tollen Gedanken folgen
wollte, und er sagte endlich kopfschttelnd:

Aber wie kommen Sie auf solche Ideen, und was haben wir hier berhaupt
mit einem Traum zu thun? Liegt nicht die Wirklichkeit um uns her so
wunderbar schn -- viel schner, als sie uns ein wirrer Traumgarten
bieten knnte?

Ach, ich trume immer so schwer! sagte der Mann mit einem recht aus
tiefster Brust herausgeholten Seufzer, indem er mit der flachen Hand seine
Stirn prete -- und wenn ich dann aufwache -- aber Sie haben Recht,
brach er kurz ab. Zum Orkus mit den Trumen! Wir wollen uns lieber mit
der Wirklichkeit beschftigen, die uns ja auch nur wie ein Mrchentraum
umgiebt. -- Sehen Sie hier, da hat sich der dnne grne Stiel mhsam aus
der engen Felsspalte herausgearbeitet, nur um ein einziges riesengroes
Blatt zu treiben, und da der Cactus -- sehen Sie den Cactus an -- sind
Sie wohl im Stande, sich eine vegetabilische Katze zu denken? -- Das ist
eine. -- Sehen Sie, wie jener Cactus auf den vom Sturme geworfenen jungen
Stamm gesprungen ist und sich daran festgeklammert hat. Die Wurzel des
armen Baumes hngt noch zum Theil im Boden und er htte daraus Jahre lang
seine Nahrung ziehen und seine Schlinge nach oben treiben knnen -- wie
es mancher arme, umgeworfene Baum thun mu -- aber nein, der Cactus sprang
auf ihn; sehen Sie, wie er ihn berall mit seinen gegliederten Armen
umspannt und pret, und da aus der Wunde, in die er sich eingebohrt, hat
er ihm den Lebenssaft langsam, aber sicher ausgesogen. Es ist merkwrdig,
da wir selbst in dem Leben der Pflanzenwelt so hufig sprechende
hnlichkeiten mit den Charakteren, mit dem ganzen Treiben unserer
Menschenwelt finden -- wenn wir nur eben ein Auge dafr haben -- und
ich glaube fast, ich kenne einen ganz hnlichen Cactus und -- setzte er
langsamer und wie scheu hinzu -- kenne auch den todten Baum, dem er das
Herzblut ausgetrunken.

Knnern war mit dem Auge dem ausgestreckten Arme seines neuen Bekannten
gefolgt, und er mute sich gestehen, da der Vergleich ihm selber
merkwrdig treffend schien. Der junge Baum war umgeweht, und der darauf
gewachsene Schmarotzer-Cactus sah wirklich so aus, als ob er den Stamm
gierig und fest umklammert hielt, einem Raubthiere gleich, das sich auf
ein gestrztes Stck Wild geworfen.

Und da drben, fuhr der Fremde fort -- sehen Sie den schlanken
Laubholzstamm, neben dem der aus seiner Wurzel aufsteigende Scho wie
der Sohn neben dem Vater steht? Haben Sie schon darauf geachtet, wie
starr die ste des Alten nach allen Seiten sich ausstrecken, nur nach
der nicht, wo sein junger Auswuchs keimt? Rechts und links davon zweigt
er aus, da keiner seiner Arme den schlanken Wuchs des Knaben strt,
aber er schtzt ihn dabei von beiden Seiten und mit dem eigenen Leibe
gegen den Sdsturm, der nicht selten diese Hnge fegt. -- Und dort die
Rebe, die sich an den Baum schmiegt und von ihm genhrt, getragen und
gehalten wird -- es ist nicht das Bild der Liebe, wie es auf den ersten
Blick erscheinen mchte -- es ist der _falsche Freund_, der den Umgarnten
hlt und in seiner treulosen Umarmung endlich erstickt. -- Aber ich halte
Sie von Ihrer Arbeit ab, unterbrach er sich wieder -- das war mein
Wille nicht. -- Lieber Gott, es ist doch eigentlich recht traurig, da
ich immer und immer wieder nur allen Menschen im Wege sein mu! -- Er
warf sich bei diesen Worten auf den Stein nieder, lehnte die Stirn auf
seinen Arm und lag viele Minuten still und regungslos.

Knnern zerbrach sich noch immer den Kopf, was er aus seiner neuen
Bekanntschaft machen solle, denn manchmal kam es ihm so vor, als ob er es
mit einem halb Wahnsinnigen zu thun habe, und dann auch wieder verwarf
er den Gedanken und hielt den Fremden nur fr einen Unglcklichen, der,
in seinen Hoffnungen und Erwartungen getuscht, Bitterkeit gegen das
ganze Menschengeschlecht im Herzen trage, diesem Gefhle aber auf seine
eigene barocke Weise Raum gebe. Es that ihm aber auch wieder leid, da
sich der Fremde seinetwegen Vorwrfe machen solle, und er sagte
freundlich:

Machen Sie sich deshalb keine Sorge. Sie sind _mir_ nicht im Geringsten
im Wege und stren mich gar nicht. Im Gegentheil, es ist ganz angenehm,
bei der Arbeit Jemanden zu haben, mit dem man plaudern kann, und in der
Colonie habe ich bis jetzt leider noch Wenige getroffen, mit denen es
der Mhe lohnte.

Der Fremde richtete sich langsam auf, strich sich die Haare aus dem
Gesicht und sagte dann: Ich danke Ihnen; Sie sind wenigstens nachsichtig
mit meinem Geschwtz. Aber ich will Ihre Geduld auch nicht mibrauchen
-- vielleicht vertreibe ich Ihnen die Zeit auf eine andere Weise -- und
mit den Worten selbst trat er in das nchste Gebsch, und Knnern sah zu
seinem Erstaunen, wie er von dort eine Violine nahm und sie stimmte.

Sie sind Musiker? fragte er.

Musikant -- ja, lachte der Fremde bitter vor sich hin -- ich darf
den Bauern zum Tanz aufspielen und den Jungen die Griffe lehren und mir
die Ohren zerreien lassen, wenn sie mit den dicken, gefhllosen Fingern
auf allen Saiten zugleich herumtappen -- und damit strich er wild in
die Saiten, bis sich sein rger in den Tnen des eigenen Instrumentes
milderte, und er zu einem weichen, meisterhaft gespielten Adagio
einlenkte.

Knnern lauschte entzckt dem Spiele des Fremden, und als dieser endlich
innehielt und sein Instrument in tiefen Gedanken neben sich auf den
Boden stemmte, sagte er freundlich:

Sie sind mehr als Musikant, mein lieber Freund, und wie Sie sich auch
hier Ihr Brod verdienen mssen, Ihr Spiel verrth den Knstler.

Knstler, lachte der Fremde und warf sich die Haare wieder aus der
Stirn -- es ist ein wunderlicher Name, und ich habe mir schon oft den
Kopf darber zerbrochen, weshalb man derartige Leute _Knstler_ nennt
-- doch wohl nur deshalb, weil sie sich mit einem solchen Instrumente
nur hchst knstlich am Leben erhalten und vor dem Verhungern schtzen
knnen. Knstler -- der Name hat etwas Vogelfreies in der Bedeutung,
selbst in dem Doppelsinn des Wortes -- eine wunderliche Brderschaft
mit ihren Auswchsen von Seiltnzern, Taschenspielern und Bnkelsngern.
-- Man sagt, das Handwerk habe einen goldenen Boden, und was hat die
Kunst? -- Einen vergoldeten Deckel, und darunter liegt Jammer und Elend,
Hunger und Noth -- Neid und Bosheit. -- Wenn ich einen Knaben htte, er
mte mir ein Handwerk erlernen, und wenn er das geringste Talent zu
einer sogenannten Kunst verriethe, drehte ich ihm mit kaltem Blute
selber den Hals um.

Und doch sitzen hier oben auf dem einen alten Felsblocke zwei lebendige
Wesen, die der nmlichen vogelfreien Gilde angehren, lachte Knnern.

So treffen sich die Menschen in der Welt, sagte der Fremde leise,
wandern eine kurze Strecke eine und dieselbe Bahn und trennen sich
wieder, um an verschiedenen Orten ihr eigenes Grab aufzusuchen
-- wunderliches Leben das! -- und wieder sein Instrument aufnehmend,
berlie er sich ganz seinen wilden Phantasien. Knnern unterbrach ihn
auch nicht darin und zeichnete fleiig weiter, bis er die erste Anlage
seiner Skizze vollstndig beendet hatte und aufstand, um seine Mappe zu
schlieen.

Sind Sie fertig? fragte der Violinspieler und sprang ebenfalls auf.

Noch nicht, aber doch mit der Anlage. Wie finden Sie die Skizze?

Der Fremde warf einen flchtigen Blick darber hin, und dann die vor
ihnen ausgebreitete Gegend mit dem Auge berfliegend, sagte er, wieder
zu der Zeichnung zurckdeutend: Da liegt die Palme, die wir erst gefllt,
und gleich darber, in die Blthenbsche hineingeschmiegt -- doch fort,
was kmmern _mich_ die Leute, und da ich immer dorthin zurck mu, kann
ich's ndern? -- Ha, da ist das Directions-Gebude und die Kirche, wo die
Bauern Sonntags ihre Gesangbuchsverse abbrllen und das Andacht nennen.
Dahinter liegt der kleine, dunkelgrne Hgel -- da das Schulhaus, wo hinein
sie _mich_ bannen wollten, wenn ich nicht eben vogel_frei_ gewesen, und
hier im Vordergrunde die Hhle des alten Mannes mit den weien Haaren,
der vollkommen Recht hat, da er die Menschen hat und scheut, und nur
dabei vergit, da er ein anderes, junges Leben ebenfalls in seiner
Gruft vergrbt.

Sie kennen den alten Meier? fragte Knnern rasch.

Ich kenne ihn, sagte der Fremde ruhig, und habe ihn manchmal gesehen,
wie man den Panther sieht, wenn man durch den Wald streift -- wie einen
Lichtschein durch die Bsche, und fort! Aber das ist keine Natur die
_mir_ zusagt, ich hasse Vgel im Bauer, und nur drauen in der Freiheit
-- da -- da sehen Sie dort?! unterbrach er sich rasch und deutete mit
ausgestrecktem Arm in die Ansiedelung hinab, sehen Sie, wie der Schimmel
dort unten durch die Straen fliegt? -- sehen Sie, wie die Locken der
Amazone wehen, wie ihr Auge blitzt, wie die Wangen vom scharfen Ritt
gerthet sind und die kleine Hand das Thier unter sich doch immer zu
noch schrferer, wilderer Flucht antreibt? -- Ach, _das_ ist Musik, wenn
das muthige Ro den Boden mit den Hufen schlgt -- das ist Musik, wenn
ihr frhliches Lachen durch die Seele dringt und die Brust mit Wonne und
Jubel fllt! Das Andere, was _wir_ Musik nennen, setzte er langsamer
und finster hinzu, ist nur eine Art von musikalischem Lrm -- ein
Miton in der Harmonie der Natur -- gehen Sie mir mit solcher Musik!
Und ohne eine weitere Antwort des jungen Malers abzuwarten, ja, ohne ihn
weiter zu beachten oder Abschied von ihm zu nehmen, stieg er mit seiner
Geige mitten in das Dickicht hinein, um sich seinen Weg nach der
Ansiedelung hinab direct zu bahnen.

Knnern, der anfangs dem ausgestreckten Arme des Fremden mit dem Blicke
gefolgt war, hatte in der von hier aus ziemlich fern gelegenen Colonie
nur eben drei Reiter erkennen knnen, die in voller Flucht die breite
Hauptstrae hinabsprengten. Einer von diesen ritt einen Schimmel, weiter
lie sich aber natrlich auf solche Entfernung Nichts erkennen.

Jetzt sah er erstaunt und kopfschttelnd seinem neuen Bekannten nach,
der ihn auf so rasche und schroffe Art verlie. Aber nicht gesonnen sich
ihm aufzudrngen, wenn er sich auch fest vornahm, unten in der Colonie
nhere Erkundigungen ber ihn einzuziehen, packte er sein Zeichenbuch
ebenfalls zusammen und stieg langsam auf dem von ihm selber ausgehauenen
Weg in die Colonie zurck. --

       *       *       *       *       *

In der einen Querstrae Santa Clara's, am westlichsten Ende der
Ansiedelung, wo sich der bebaute Platz schon nach den Bergen hin zu
heben begann, stand ein kleines, ziemlich rmlich aussehendes Huschen
mit drei Fenstern und einer Thr und unter dem Ziegeldache eine
Bodenkammer.

rmliche Huser gab es nun zwar in Santa Clara genug, aber die meisten
sahen doch wenigstens reinlich aus, und wenn sie auch keinen Reichthum
verriethen, zeigten sie doch fast alle das Streben der Insassen nach
einer gewissen Wohnlichkeit, die sich auch durch das einfachste Material
herstellen lt, wenn nur eben Alles sauber und in Stand gehalten wird.
Es bedarf nicht immer knstlich zugehauener Steine und werthvoller
Hlzer; ein Topf weie Farbe und ein Scheuerlappen verrichten oft
vortreffliche Dienste, nur mu der gute Wille und das Gefhl dafr
vorhanden sein.

Hier schien das Alles zu fehlen. Der weie Anputz des Hauses war lange
von Wind und Wetter heruntergewaschen, die Fensterscheiben waren an
vielen Stellen zerbrochen und an der Wetterseite mit Papier nothdrftig
verklebt. Das Staket des kleinen Gartens, in dem nur Unkraut gro gezogen
wurde, lag an mehreren Stellen niedergebrochen; im Dache fehlte hier und
da ein Ziegel, und der Regen ward durch untergeschobene Sphne an solchen
Stellen nothdrftig abgehalten, sich seinen Weg in's Innere zu bahnen.

Eben so sah es vor dem Hause selber aus. Wo fast alle anderen Ansiedler
gar nicht schwer zu erlangende Steinplatten gelegt, die wenigstens einen
trockenen und reinlichen Eingang in den Hausflur bildeten, hatte der
Besitzer dieses Hauses bequemer zu erreichendes Material verwandt und
nur einige Krbe voll Sphne, die das Feuerholz geliefert, oben auf
den weichen Lehm geschttet und nach und nach hineintreten lassen oder
selber hineingetreten. Aber diese waren nicht einmal erneuert worden und
dadurch Stellen entstanden, die man bei nasser Witterung nur mit grter
Vorsicht passiren konnte.

Nichts desto weniger prangte ber der Thr ein mchtig groes Schild, das
fast die Hlfte der Hausbreite einnahm und den Raum zwischen Thrsims
und Dach vollstndig ausfllte. Auf diesem standen mit in die Augen
springenden Buchstaben die Worte:

  BEKLEIDUNGS-AKADEMIE VON JUSTUS KERNBEUTEL,
  KLEIDERKNSTLER FR HERRN, UND ZIMMERMALER.

Justus Kernbeutel selber sa auch unter seinem Schilde an einem der
offenen Fenster auf seinem Zuschneidetische und hatte ein Paar alte
breitgestreifte Hosen vor sich auf dem Schooe, auf die er eben in
Ermangelung eines hnlichen Stoffes einen violet carrirten Flicken
setzte, whrend in dem andern Zimmer auf einem Heerd, der eine ganze
Sammlung von schmutzigen und zerbrochenen Tpfen trug, eine zu der
ganzen Umgebung vortrefflich passende Frau das Mittagsmahl bereitete.

Meister Kernbeutel oder Justus, wie er in der Ansiedelung gewhnlich
glattweg genannt wurde, schien brigens seiner Arbeit nicht zu eifrig
obzuliegen, denn er lie oft die Nadel ruhen, um etwa Vorbergehenden
nachzusehen oder dann und wann auch Einen oder den Andern anzurufen. In
ein ordentliches Gesprch lie sich aber Niemand mit ihm ein, denn Jeder
hatte seine bestimmte Beschftigung, und da Justus keine zu haben schien,
kmmerte die Anderen eben nicht.

Justus sah brigens auch gar nicht so einladend aus, das Haar hing ihm
noch wirr um Kopf und Schlfe, als ob er sich an dem Morgen -- etwas
sehr Wahrscheinliches -- noch nicht einmal gewaschen htte, und ein paar
blutige Striemen in dem von Leidenschaften gefurchten und unrasirten
Gesichte dienten ebenfalls nicht dazu ihn zu verschnern.

Sein Humor schien aber dafr desto besser; er pfiff fortwhrend bei
der Arbeit, aber ob aus eigener frhlicher Laune oder vielleicht die
Vorbergehenden und die Nachbarn wissen zu lassen, da er sich den
Henker um Einen von ihnen scheere, lie sich nicht genau erkennen. Es
kmmerte sich auch Niemand darum.

Da kam ein einzelner Fugnger langsam die Strae herauf. Er hatte die
Mtze, mit einem Tressenbande darum, schief und herausfordernd auf dem
linken Ohr, beide Hnde in den Taschen einer alten Militrhose, die Weste
um einen Knopf zu hoch eingeknpft und den blauen Leinwandrock fleckig
und an der Schulter eingerissen, auerdem aber eine kurze, schmutzige
Porzellan-Pfeife im Munde und einen roth und grnen Tabaksbeutel vorn im
Knopfloch hangen.

Wie er dem Hause gegenber war, blieb er stehen und las das Schild,
besah sich dann aufmerksam den im Fenster sitzenden Eigenthmer, ging
ohne Weiteres zu ihm hinber, lehnte beide Arme auf das Fensterbret und
sagte:

Guten Morgen, Schneider, wie geht's?

Es giebt in der Welt eine Physiognomik, die wie die Freimaurerei ihre
gewissen Zeichen unter sich hat, und nach der sich verwandte Charaktere
oft wie durch eine Art von Instinct zu erkennen scheinen. Im Guten wie
im Bsen zeigt sich das, und wie sich ein braver, rechtlicher Mann von
dem offenen und ehrlichen Auge eines oft ganz Fremden angezogen fhlt,
so kann der Lump oder Verbrecher gerade das offene und ehrliche Auge nicht
leiden, fhlt sich aber augenblicklich heimisch, wo er die Gewiheit
findet das zu treffen, was er selber zu seinem eigenen Wohlbehagen
braucht: Genossenschaft im Laster und ein schlechtes Gewissen. Zu dem
Ersten mte er aufblicken, das ist ihm unbequem -- zu dem Andern sagt
er Du -- wenn auch nicht immer gleich wrtlich, doch immer gleich im
Geiste, und _die_ Gesellschaft ist ihm gerade recht.

Guten Morgen, Schneider, wie geht's? redete auch deshalb der Fremde
den am Fenster sitzenden Justus an, als ob sie seit Jahren Freunde
gewesen wren, und nicht erst heute oder gestern erfahren htten, da
sie gegenseitig auf der Welt wren -- immer so fleiig?

Mu ja wohl, lautete die fr jetzt noch ausweichende Antwort des
Arbeitenden, dem der Fremde zu rasch gekommen war, um sich gleich in ihn
hinein zu finden; wohl erst neulich angekommen?

Mit dem Schiff -- ja. Hbsch hier in Brasilien, wie?

Wem's gefllt, ja, lautete die Antwort; aber Donnerwetter, wie ist
mir denn? Das Gesicht sollt' ich doch kennen -- bist _Du_ denn nicht der
Bursche, Kamerad, den die vornehme Gesellschaft da neulich beim Bier
hinausfuhrwerkte? Hast wohl noch keine Zeit gehabt, Dir den Rock wieder
zu flicken?

Hm, brummte der Fremde, dem die Erwhnung jener Scene eben nicht
besonders angenehm zu sein schien; wenn zehn Lmmel ber Einen
herfallen -- hbsche Gastfreundschaft hier bei Euch, das mu wahr sein;
und Du hast vielleicht auch mit angefat?

Doch nicht, sagte Justus kopfschttelnd -- hol' sie der Teufel, die
Canaillen, mir sind sie eben so wenig grn, und ich hab' gerade eine
solche Kreide gegen sie.

Oho? lachte der Fremde, der dadurch neues Vertrauen fate -- aber was
hilft's? Viele Hunde sind des Hasen Tod, und wenn die Meute zusammenhlt,
wer kann dagegen?

Deshalb mu man warten, bis man sie einmal auseinander trifft, und
nachher seine Zeit wahren -- aber wo kommst _Du_ her?

Vom Rhein, sagte der mit der Tressenmtze.

Und was hast Du fr ein Geschft oder Handwerk?

Keins von Beiden, brummte der Bursche, sich bequem mit dem Kinn auf
seine beiden Arme lehnend.

Schafskopf! sagte auf einmal eine deutliche Stimme dicht hinter dem
Schneider, der sich rasch und erschreckt umsah und die Nadel fallen lie,
als er keinen Menschen hinter sich erblickte.

Nanu? rief er ordentlich bestrzt aus und fuhr auf seinem Stuhle herum
-- da htt' ich denn doch darauf schwren wollen, da Jemand dicht hinter
mir schimpfte. Hast _Du_ Nichts gehrt?

Ich? sagte der Fremde gleichgltig -- gar Nichts. Was war's denn?

Na, das ist aber doch merkwrdig, meinte der Schneider kopfschttelnd
-- ich habe ganz deutlich gehrt, wie Jemand sagte...

Schafskopf! ertnte die Stimme noch einmal, und der Mann fuhr von
seinem Tische herunter, als ob er auf glhendem Eisen gesessen htte.
Jetzt hielt sich aber auch der Fremde vor dem Fenster nicht lnger und
schlug ein so gellendes Gelchter auf, da Justus sich erstaunt und halb
gereizt nach ihm umsah. Der mit der Tresse aber, noch immer lachend,
whrend er sich mit beiden Hnden an dem Fensterbret hielt, rief:

Beruhige Dich nur, tapferer Kamerad -- beruhige Dich nur; es ist nicht
der Geist irgend eines verschnittenen Tuchrockes, der zu Dir gesprochen,
sondern...

Ich war's ja selber, rief wieder eine feine Stimme aus der
entferntesten Ecke vor.

Ja, was beim hellen Teufel! fluchte Justus -- Halunke Du, bist Du denn
ein Bauchredner?

Der mit der Tresse lachte noch immer, da ihm die Thrnen von den
schmutzigen Backen herunter liefen, und Justus, sich wieder auf seinen
Tisch setzend, fuhr jetzt selber lachend fort:

Verfluchter Kerl! Habe wahrhaftig einen ordentlichen Schreck gekriegt.
Aber komm herein, Kamerad; die Alte wird das Essen gleich fertig haben,
und wenn Du nicht vielleicht beim Director eingeladen bist...

Ein recht vergngtes und sauberes Prchen, das mu wahr sein, unterbrach
in diesem Augenblick eine Stimme von der Strae die Unterhaltung der
Beiden, und als sie rasch den Kopf danach drehten, ging eben Jeremias
mit einem Bndel junger Pfirsichbume auf der Schulter, die er drauen
aus irgend einer Chagra geholt, die Strae hinab.

_Dich_ kmmert's wohl, Du verbrannter Halunke! rief ihm der Schneider
zu, dem beim Anblick seines Feindes die Galle rasch wieder berlief.

Lauf', mein Junge, lauf', sie kommen! rief in dem Momente eine Stimme
dicht hinter Jeremias, und dieser drehte rasch und verwundert den Kopf
der leeren Stelle zu.

Lauf', mein Bursche, lauf'! Sie kommen wahrhaftig! drngte es auf's
Neue, und Jeremias, der noch immer keinen Menschen sah, wurde es doch
jetzt unheimlich. Er dachte gar nicht mehr an den Schneider und dessen
Gesellschaft, sondern schritt schrfer aus, und als jetzt gar eine
Stimme an seiner Seite laut wurde, die rief:

Halt still, Bursche, halt still! Ich mu eins von Deinen Ohren haben!
fing er herzhaft an zu laufen, und stand, von dem jubelnden, wiehernden
Gelchter der Beiden verfolgt, nicht eher still, als bis er wieder in
die eigentliche Strae und zwischen mehrere Huser kam.

Justus Kernbeutel war aber jetzt rein auer sich vor lauter Vergngen,
seinen rgsten Feind -- denn er hate den fleiigen und sparsamen Jeremias
wie Gift -- so angefhrt und gejagt zu sehen, und der mit der Tresse
mute, er mochte wollen oder nicht, mit zu ihm in's Haus hinein, um an
der eben aufgetragenen Mahlzeit Theil zu nehmen.

Er fand allerdings nicht viel Appetitliches da vor, denn des Justus'
Haushlterin pate zu demselben, und sie dachte nicht daran, wegen so
eines Gastes auch noch Umstnde zu machen. Das Tischtuch -- ein alter
Baumwollenlappen -- sah aus, als ob es eine Zeit lang zum Futeppich
vor der Hausthr gedient htte, und war mit Fett bergossen, die irdene
Schssel nur inwendig ein wenig ausgewischt, und die blechernen Lffel
trugen noch die Erinnerung an die letzte Mahlzeit. Der mit der Tresse
war aber ebenfalls nicht verwhnt, und es ist sogar mglich, da er
sich vor einem reinen, weien Tischtuch unbehaglicher gefhlt htte,
als gerade hier. Jetzt fhlte er sich gleich daheim, wischte sich ohne
Umstnde seinen Lffel an dem nchsten Zipfel des Tischtuches -- wenn
auch nicht rein, doch trocken, und langte dann tapfer mit in die mitten
auf dem Tisch stehende Schssel hinein, in der eine ziemlich reichliche
Mahlzeit von klein geschnittenen Kartoffeln und Fleischstcken aufgetragen
stand. Whrend des Essens wurde nicht viel gesprochen.

Wie heit Du denn eigentlich? fragte der Schneider seinen Gast.

Bux, sagte der Mann kauend.

Kurz genug ist der Name, lachte der Wirth -- und der Vorname?

Hab' keinen.

Hast keinen Vornamen? Aber Du mut doch getauft sein?

Mglich; aber schon als Junge wurde ich von meinen Alten nur immer Bux
genannt und dabei blieb's. Um Weiteres hab' ich mich nimmer erkundigt,
interessirte mich nicht.

Und die Polizei daheim lie sich das auch gefallen?

Bah, was wollte sie machen? lachte der Bursche -- eine Weile
fuhrwerkten sie mich per Schub im Lande herum, um zu erfahren wo ich
zu Hause sei, und meine Dokumente zu bekommen. Nachher fanden sie sich
drein, und Bux hie ich und blieb ich.

Die Frau trug das Essen wieder hinaus, als Alle fertig waren, ohne auch
nur eine Silbe zu sprechen -- nicht einmal guten Tag hatte sie geboten,
als sie in's Zimmer kam. Wie sie den schmutzigen Fetzen vom Tische ri
und damit verschwand, sagte Bux, hinter ihr her deutend:

Scheint heute nicht besonderer Laune, das schne Geschlecht.

Hausdrache, meinte Justus lakonisch, aber -- was ich Dich fragen
wollte, kennst Du den Lump, der da vorber ging?

Den ich so hbsch auf den Trab brachte? fragte Bux, indem er seine
kurze Pfeife zwischen die Zhne nahm, und aus dem roth und grnen Beutel
stopfte.

Der Schneider nickte und fuhr dann leise fort:

Das ist der nichtswrdigste Halunke, der im ganzen Ort herumluft, und
hat dabei -- er warf einen Blick zurck, ob die Frau nicht im Zimmer sei
-- ganze Scke voll Silber im Walde vergraben.

Der? sagte Bux, und hielt erstaunt mit Feuerschlagen inne -- sieht
aber wahrhaftig nicht danach aus.

Und doch ist's wahr, bettigte Justus; der Lump ist mit allen Hunden
gehetzt, verdient Geld Hand ber Hand und giebt nicht einen Pfennig
davon aus. Was er aber zusammenscharrt, steckt er in einen alten Sack
und grbt's irgendwo drauen ein, wo es der Teufel selber nicht finden
kann.

Hm, sagte Bux, indem er den dicken Qualm aus seiner Pfeife blies und
Justus dabei gerade in's Gesicht starrte -- das wre ein Fund fr einen
ehrlichen Kerl, wenn man einmal ber ein solches Nest stolperte!

Ja, hat sich was! brummte der Schneider -- an unser Einen kommt so 'was
nicht -- hol's der Bse, ich hab' einmal kein Glck!

Zu viel Glck in der Liebe! lachte Bux, und Justus murmelte einen
gotteslsterlichen Fluch vor sich in den Bart, whrend der mit der
Tresse weiter dampfte. Beide blieben auch jetzt eine Weile mit ihren
eigenen Gedanken beschftigt. Endlich nahm Bux das Gesprch wieder auf.

Sollte er wirklich so dumm sein, es drauen im Walde verscharrt zu
haben?

Und warum dumm? Sollt' er's lieber Jemandem borgen?

Uns Beiden etwa? lachte Bux.

Drauen liegt's, das ist sicher, fuhr Justus fort, ohne auf den
harmlosen Scherz einzugehen, und ich -- habe auch eine entfernte
Ahnung, wo, aber allein ist mit dem Schuft Nichts zu machen. Er hat
Krfte wie ein Br, und ich mchte ihm nicht einzeln in der Gegend in
den Weg laufen.

Und mu er dabei sein? Wenn nun einmal irgend Jemand wo nach Trffeln
grbt? fragte der Andere jetzt lauernd, denn sein neuer Kamerad schien
mehr zu wissen, als er anfangs selber gedacht. Justus war aber noch
nicht recht mit sich im Klaren, denn die Bekanntschaft mochte ihm doch
wohl noch zu neu erscheinen, um gleich eine so groe Vertraulichkeit zu
rechtfertigen. Der mit der Tresse hatte ihn dabei viel zu rasch beim
Wort genommen, und Justus, ob er nun wirklich Nichts weiter wute, oder
sich noch erst einmal ein derartiges Compagnongeschft reiflicher
berlegen wollte, hielt zurck und gab ausweichende Antworten.

Bux dachte ebenfalls nicht daran, ihn zu drngen, und nur erst auf die
Spur gebracht, brauchte er vielleicht nicht einmal den Schneider zu
seiner weiteren Hlfe -- er hatte schon andere Dinge mglich gemacht.

Bleibst Du in Santa Clara? fragte ihn Justus jetzt.

Vor der Hand, ja -- mu erst wieder frisches Reisegeld haben, um ein
Wenig im Lande herumzufahren; nachher lass' ich mich nieder, kaufe mir
ein paar Dutzend Mohren und werde Pflanzer.

Du giebst wohl Vorstellungen? fragte der Schneider.

Wollen sehn was zu machen ist, und ob die Leute Geld haben. Sie werden's
doch nicht _Alle_ im Wald verscharren?

Ne, schwerlich, lachte Justus -- ich wenigstens nicht.

Na, denn adjes, Kamerad, fr jetzt -- bin gerade dabei, ein Bichen im
Orte umher zu horchen, wie die Sache am Besten anzufangen ist. Wer
knnte Einem denn da wohl die bequemste Auskunft geben?

Hm, sagte Justus nachdenkend -- der Pfarrer.

Hahahaha, lachte Bux, da km' ich gerade an die rechte Schmiede -- ne,
Kamerad, mit dem _Pfarrer_ hat mein Geschft oder meine Kunst, wenn Du
willst, Nichts zu thun.

Gut, da geh _nicht_ hin, brummte Justus beleidigt -- wenn Du mir aber
folgen willst, gehst Du gerade zum Pfarrer, und um Gotteswillen nicht zum
Director, denn mit dem wr's Nichts. Der Pfarrer ist aber ein kreuzfideles
Haus, ein Pastor, wie er im Buche steht, der seinen Spa mitmacht, und
auch bei Gelegenheit einmal ber die Schnur haut.

Und bist Du wirklich im Ernst? fragte der mit der Tresse, noch immer
zweifelhaft.

Gewi bin ich, sagte Justus ernsthaft; versuch's nur einmal -- er
beit nicht.

Gott straf' mich, dann geh' ich zum Pfarrer! lachte Bux laut auf
-- und wenn's nur des Spaes wegen wre, da der und ich einmal in einem
Joche ziehen. Also auf Wiedersehen, Kamerad! Damit drckte er seinem neu
gefundenen Freunde die Hand, rckte seine Mtze wieder auf ein Ohr und
schlenderte langsam in die Stadt zurck.




2.

Die Maniok-Mhle.


Etwa zwlf Legoas die Kste abwrts und eine volle Legoa in den Wald
hinein lag eine groe, trefflich gehaltene und bestellte Chagra oder
Plantage, mit weiten Mais-, Bohnen- und besonders Maniokfeldern[1],
in welchen letzteren eine Anzahl Neger beschftigt war, die groen,
schweren Wurzeln auszugraben oder, wo das ging, aus dem Boden zu ziehen
und auf Haufen zu werfen, whrend sie die holzigen Bsche ebenfalls
zusammen schleppten, um sie zu verbrennen.

 [Funote 1: Die Maniok-Wurzel ist eine der Kartoffel nicht unhnliche
 Knolle, welche mit Bohnen und Schweinefleisch das Haupt-Nahrungsmittel
 der Brasilianer bildet. Sie wchst, als Wurzel eines Strauches, aber
 nicht rund, sondern lang, nur _unter_ der Erde und oft bis zu Armesdicke,
 mit einer dnnen, braunen Schale, wie die Kartoffel. Sonderbarer Weise
 ist sie giftig, wenigstens der Saft derselben, und sie mu deshalb
 zerrieben und ausgepret werden, wonach man das dadurch erhaltene grobe
 Mehl drrt und zu den Speisen verwendet. Eine ganz hnliche Wurzel wie
 die Maniok, und in Strauch und Knolle kaum von ihr zu unterscheiden, ist
 die besonders in Peru und Ecuador angepflanzte Yuka, welche aber _kein_
 Gift enthlt und hufig gerstet gegessen wird.]

Dicht an den Feldern und in einem wirklichen Walde von Orangenbumen
lagen die Huser des Eigenthmers mit den Negerwohnungen, ohne Anspruch
auf Symmetrie nach allen Richtungen und Winkeln angebaut.

Jedenfalls war es eine sehr bedeutende und umfangreiche Plantage, aber
die Wohnungen verriethen das trotzdem nicht, denn etwas Einfacheres als
ihre Bauart und Einrichtung lie sich nicht wohl denken oder herstellen.
Die Gebude selber waren aus Holz und Lehm ausgefhrt, mit Schindeln und
Schilf gedeckt, und wohl mit Fensterlchern versehen, aber natrlich ohne
Rahmen und Glas. Selbst der Boden war nicht gedielt, sogar nicht einmal
in der Wohnstube des Besitzers; die Luft konnte berall frei aus und
ein, und wenn sich einmal der Morgen oder Abend auergewhnlich frisch
zeigen sollte, so wurde nur ein groer Brazero, ein Messingkohlenbecken
mit Holzkohlen, mitten in's Zimmer gesetzt, und wer gerade darin war,
kauerte darum her.

Eben so einfach wie das ganze Haus waren die Mbel, welche allein aus
schlicht gehobeltem Holze bestanden, und statt der Betten dienten auf
ein Gestell scharf angespannte Kuhhute, auf denen ein paar wollene
Decken und ein mit wilder Baumwolle ausgestopftes Kopfkissen lagen.
Unter _jedem_ Bett aber standen ein Paar Pantoffeln fr etwa eintreffende
Fremde, denn es scheint fast, als ob sich ein Brasilianer keine Existenz
auer in Pantoffeln denken knnte. Er trgt dieselben nicht allein im
Hause, sondern auch auf seinen Spaziergngen, ja selbst auf Reisen,
und Brasilianer in Schlapppantoffeln zu Pferde sind gar nicht etwas so
Seltenes. So viel ist gewi, so wie er ein Dampfboot betritt, zieht er
augenblicklich die ihm lstigen Schuhe aus und seine ihm weit bequemeren
Pantoffeln an, selbst wenn die brigens rein gewaschenen Socken oft an
den Hacken sehr bedenkliche Lcher zeigen.

Fr Bequemlichkeit hat deshalb der brasilianische Pflanzer wohl einen
Sinn, fr Wohnlichkeit oder Huslichkeit aber gewi nicht, und er
verwendet sein Geld viel lieber auf ein mit schwerem Silber berladenes
Reitzeug oder Pferdegeschirr, als auf den Platz, der ihm und seiner
Familie zur Wohnung dient, der also seine Heimath sein sollte -- hat er
doch nicht einmal ein Wort fr _Heimath_.

Dicht an die kleinen Huser angebaut stand ein groer, auf Pfhlen
errichteter Schuppen, ebenfalls mit Lehmwnden, einer mchtigen Thr,
durch die ein beladener Karren recht gut einfahren konnte, und im Innern
mit einer vollstndigen Mahleinrichtung, die aber trotzdem kaum den
dritten Theil des Raumes ausfllte.

Die Mhle selber war nicht ganz in der Mitte angebracht und bestand
in einem sehr einfachen Rderwerke, das weiter Nichts als ein mit
durchlchertem Eisenblech beschlagenes Rad trieb. Das Eisenblech war in
der Art wie unsere gewhnlichen Reibeisen, welche sich in jeder Kche
finden, nur etwas grber ausgeschlagen, und bestrich einen kleinen
Kasten oder eine Art von Gefach, in welches die vorher nur abgeschabten
Maniokwurzeln eingeschoben wurden.

Gerade war wieder ein Karren voll dieser Knollen bis hinein in den
Schuppen selber gefahren und dann vorn ausgekippt worden, um die Frucht
auf den Boden zu werfen. Dort kauerten augenblicklich vierzehn bis
fnfzehn Neger, doch nur wenige Mnner, Frauen und Kinder, darum her, um
mit Messern und Eisen die Knollen abzuschaben, welche dann von anderen
Sclaven zu der Mhle getragen und von einem Knaben aufgeschttet wurden.
Indessen war ein krftiger Stier hereingefhrt und mit verbundenen Augen
an den senkrecht laufenden Schaft gespannt, welcher das Hauptrad drehte
und die hineingeworfenen Wurzeln zerrieb. Das von dem giftigen Safte
noch durchdrungene Geschabe wurde dann in grob gewebte Scke gepackt.

An der Seite des Schuppens waren fr diese Scke Pressen angebracht,
rohe, starke Holzschrauben mit Lchern zu Hebebumen, wie sie auf
Schiffen am Gangspill sind. Unter diese kamen die Scke, unter jede
Schraube einer, und wurden erst ein Wenig angeschraubt, da der Saft
aus dem Gewebe herauslief, der sich dann unten in einer Rinne fing
und in eine Grube lief. Jede halbe Stunde etwa zogen besondere Leute die
Schraube fester und fester an, bis der Sack zu der Form eines kleinen
Schweizerkses fest und hart zusammengedrckt und der letzte Saft aus
dem jetzt zu Mehl gewordenen Geschabe entfernt war.

Hinten an der Wand, auf einer Art von Backofen, stand auerdem eine
riesige eiserne Pfanne ber dem Feuer. Dort hinein kam das immer
noch etwas feuchte Mehl, und ein Neger rhrte und bewegte es hier
ununterbrochen, bis es vollstndig ausgetrocknet, in Scke gemessen
und in die Vorratskammer geschafft werden konnte.

Es war ein lebendiges Bild, diese Mhle, mit den frhlich plaudernden
Gruppen der Mdchen und Kinder, mit dem geschftigen Treiben der Sclaven,
welche in ihrer Arbeit so regelmig gingen wie der Stier, der die Walze
drehte, mit der halb nackten Gestalt des Negers an der heien Pfanne,
welchem die Gluth den ohnehin schon warmen Platz noch unertrglicher
machen mute.

Die Mhle schien aber auch zu einer gewhnlichen Wohnstube benutzt zu
werden, denn dicht neben der Gruppe der schabenden Mdchen stand ein
langer Holztisch mit Sthlen darum her, und eine der Negerinnen kam
gerade mit dem Tischtuch herein, um fr die nchste Mahlzeit zu decken.

Mitten unter den Frauen und Kindern schwarzer Abstammung saen dazu ein
paar weie Mdchen, mit derselben Arbeit beschftigt, und eine alte Dame
in schwarzem Seidenkleid und schwarzer Mantille lehnte dicht daneben
in einem groen Rohrstuhl, und sah der Arbeit zu, whrend zwei kleine
Negerkinder von zwei und drei Jahren zu ihren Fen spielten und ihr
auch manchmal in ihrem Muthwillen auf den Schoo kletterten.

Nur allein in der einen Ecke entfernt von den brigen, sa eine weie
Frau, die in die ganze Umgebung nicht zu passen schien. Sie trug
augenscheinlich eine fremde Tracht, und auch die lichten Locken stachen
gegen die Rabenhaare der brigen Bewohner auffallend ab. Ihr Gesicht
lie sich aber nicht erkennen, denn sie hatte es mit ihrem Tuche bedeckt
-- weinte sie? Die Negermdchen unterbrachen manchmal ihre Frhlichkeit,
sahen scheu nach ihr hinber und flsterten dann mit einander. Ernste
Gedanken konnte aber dieses leichtherzige Geschlecht nicht lange von
seinem Muthwillen ablenken, und irgend ein hingeworfener Scherz ri
wieder Alle rasch zu lauter Frhlichkeit hin.

Ein alter Herr in einem dunklen, langen Rock, aber einen Panamahut
auf, betrat jetzt die Mhle. Er war jedenfalls ein Geistlicher und der
Eigenthmer der Plantage, schien auch die Frau in der Ecke bei seinem
Eintritt gar nicht gesehen zu haben, sondern ging zuerst zu den Arbeitern,
um sich zu berzeugen, da die Beschftigung ohne Strung verliefe,
und trat dann zu dem Stuhl der alten Dame, neben dem er sich ebenfalls
niederlassen wollte, als eine Handbewegung derselben seine Aufmerksamkeit
auf die Fremde lenkte.

Langsam drehte er sich nach ihr um, betrachtete sie wohl eine Minute
schweigend, schritt dann auf sie zu und legte seine Hand leicht auf
ihren Kopf. Die Frau hob die rothgeweinten Augen zu ihm auf und sah ihn
an, und der alte Herr sagte freundlich:

Aber meine liebe Senhora, was geben Sie sich immer und immer wieder
diesen trben Gedanken hin? Den Schritt, den Sie gethan, haben Sie aus
eigener fester berzeugung und mit freiem Willen gethan; die Gesetze
dieses Landes wie die Kirche selber schtzen Sie darin, weshalb also nun
noch diese Traurigkeit? Frohlocken sollten Sie eigentlich, da Sie, wenn
auch spt, doch endlich zu der rechten Erkenntni gelangt sind, denn die
Bahn liegt jetzt offen vor Ihnen, welche Sie zu Glck und Frieden fhren
kann.

Ach, Sie haben ja wohl Recht, ehrwrdiger Herr, sagte die Frau in
ziemlich gutem Portugiesisch -- ich hab' es ja Alles aus freiem Willen
gethan -- es hat mich kein Mensch dazu gezwungen, aber nun, da es
geschehen ist, kommt mir doch immer noch manchmal ein Gedanke, als
ob ich doch am Ende unrecht, als ob ich schlecht gehandelt htte.

Und kann eine Handlung schlecht sein, die Gesetz und Religion auf ihrer
Seite hat? fragte der Mann.

Ach nein, nein, sagte die Frau rasch -- es sind ja auch nur manchmal
die albernen dummen Gedanken. Sprechen Sie mir nur Trost und Zuversicht
ein, lieber Herr, nachher wird schon Alles gut werden. Es ist -- es ist
mir nur noch Alles hier so neu, so fremd, und ich sollte eigentlich
recht, recht glcklich sein, denn mein -- frherer Mann darf mich jetzt
nicht mehr auszanken und schlagen, und -- ich werde die alte vergangene
Zeit ja auch bald vergessen.

Das werden Sie, liebes Kind, sagte der Brasilianer, und sich auerdem
auch noch vollkommen ruhig und sicher fhlen knnen, denn gleich nach dem
Essen werden die Pferde kommen, welche Sie nach Santa Catharina bringen
sollen. Dort hat Ihr Herr Gemahl eine sehr hbsche Besitzung, und Sie
werden dort alles Leid, alle Sorgen bald und schnell -- vergessen,
setzte er langsamer hinzu und horchte nach der Thr hinber, von der ein
merkwrdiges Gerusch herschallte. Es war fast, als ob Jemand um Hlfe
riefe, und in demselben Augenblicke strzte auch ein Negerjunge herein,
auf seinen Herrn zu und rief:

Senhor -- fremder Mann hat andern fremden Herrn gepackt -- _hier_,
erklrte er deutlicher und griff sich selber nach dem Halse -- so fest.
Eine Senhor schreit und andere....

Was ist da vorgegangen? rief der Brasilianer erstaunt, aber die Frau
war todtenbleich geworden. Eine Ahnung der Wahrheit scho ihr durch die
Seele, und mit gefalteten Hnden emporspringend, rief sie aus.

Schtzen Sie mich um Gottes willen; das ist mein Mann, der mich
aufgefunden hat!

Hm, sagte der brasilianische Geistliche -- _das_ wre mglich, aber
haben Sie keine Furcht. Hier kann Ihnen Nichts geschehen, denn Sie sind
unter _meinem_ Dache.

Er behielt aber keine Zeit weiter, sie zu beruhigen, denn durch die Thr
herein flogen noch ein paar Negerjungen, und dicht hinter ihnen erschien
eine Gruppe, vor welcher die Mdchen erschreckt von ihrer Arbeit
aufsprangen und die allerdings mit der bisherigen freundlichen Ruhe
des Platzes im grellsten Widerspruche stand.

In dem breiten Thore, durch welches erst vor wenigen Minuten wieder der
Karren geschoben war, welcher den neuen Vorrath in die Mhle gebracht,
erschien unser alter Bekannter, der Colonist Pilger aus Santa Clara, aber
nicht mehr der ruhige, stille Mann, wie wir ihn dort gesehen, sondern
mit erhitztem Gesichte, zornfunkelnden Augen, die dunkelbraunen Haare
wirr um die Schlfe hangend, das Hemd durch das Raufen vorn aus einander
gerissen: so trat er ein und seine rechte Hand hatte sich fast krampfhaft
in die Halsbinde des frheren Delegado von Santa Clara gekrallt, den er,
weiter gar nicht mehr seiner achtend, hinter sich herschleifte.

Der arme Delegado sah bs aus. Seine beiden hbschen Pantoffeln hatte er
unterwegs verloren und war in bloen Strmpfen durch die oft schmutzigen
Stellen der Strae hergeschleppt; sein Rock hing ihm nur noch in Fetzen
vom Leibe, sein Hemd war zerrissen, sein Hut ebenfalls verloren und im
Gesichte blutete er an drei bis vier verschiedenen Stellen.

Die Neger, die ebenfalls herbeigesprungen waren, starrten dabei von der
Gruppe zu ihrem Herrn, denn sich in den Kampf zweier Weien zu mischen,
schien ihnen nicht rthlich; aber der Eine von diesen war doch der Gast
des Herrn selber, und dessen Befehl erwarteten sie jetzt. Ehe dieser aber
nur einen solchen geben, ja, vielleicht selber einen Entschlu fassen
konnte, hatte Pilger's wild umherschweifender Blick die Frau erspht. In
dem Moment war der Gefangene, war seine ganze Umgebung vergessen, und
den Portugiesen loslassend, der in Angst und Scham hinter dem Geistlichen
Schutz suchte, eilte er auf sie zu und rief:

Margareth! Margareth! und mu ich Dich _hier_ finden?

Er wollte auf sie zugehen und ihre Hand fassen, der Brasilianer aber,
der indessen mit ruhigem Blick das Ganze berschaut hatte und den
Zusammenhang vollkommen gut begriff, trat zwischen ihn und Margareth,
und den Arm gegen ihn hebend, sagte er ruhig:

Halt, lieber Freund -- dies ist _mein_ Haus -- hier ringsum stehen meine
Leute, mir Ordnung zu halten, wenn Jemand dieselbe gegen meinen Willen
stren wollte, und ich bitte Sie deshalb jetzt, mir ganz leidenschaftslos
zu sagen, was Sie hier wnschen, was Sie hergefhrt und weshalb Sie
meinen Freund, Dom Franklin, auf so rohe Weise mihandelt haben.

Was ich will? Was mich hergefhrt? sagte Pilger, erstaunt zu dem
Brasilianer aufsehend, fragen Sie die Frau da, welche ohne einen
Blutstropfen im Gesichte hinter Ihnen steht und sich mit ihren Augen in
den Boden eingraben mchte. _Wissen_ Sie, was die Beiden verschuldet,
die Frau da und jener blutige Schuft, der dort scheu in die Ecke
gekrochen ist?

Mein Herr, sagte der Brasilianer ruhig -- Sie hufen da schwere
Anklagen auf zwei Leute, welche, was auch _frher Ihre_ Anrechte
gewesen sein mgen, _jetzt_ vollkommen unabhngig unter dem Schutz der
brasilianischen Gesetze stehen und von keinem Menschen, am Wenigsten von
einem fremden Protestanten, beleidigt werden drfen. Bedenken Sie das,
oder vielmehr, Sie htten es frher bedenken sollen, ehe Sie die Hand an
einen brasilianischen Brger legten.

Und in niedertrchtiger Weise hat er mich berfallen! rief der Delegado
jetzt hinter dem Geistlichen vor; langsam kam ich den Weg entlang, der
hier nach der Hacienda fhrt, als dieser Mensch wie ein Br ber mich
her strzte, mich zu Boden schlug, wrgte und mich dann hieherschleppte.
Da mte ja doch keine Gerechtigkeit mehr in Brasilien sein, wenn sich
ein brasilianischer Brger so von einem hergelaufenen Lump behandeln zu
lassen brauchte.

Pilger erwiederte kein Wort, aber der Blick, mit dem er auf den
zurckweichenden Delegado zuschritt, schien diesem einen neuen und
vielleicht gefhrlicheren Angriff zu versprechen, als der erste gewesen.
Ein Wink des Hausherrn brachte aber die Neger auf diese Seite herber,
hinter denen der Delegado Schutz fand, und Pilger, nur noch einen
verchtlichen Blick nach dem feigen Patron hinber werfend, sagte in
deutscher Sprache:

Was rgere ich mich auch noch mit dem Schuft! Komm, Grethe -- Du hast
hier Nichts mehr zu thun. Wir Beide wollen gehen, und unser Herr Pfarrer
daheim mag nachher die Sache in Ordnung bringen. Du scheinst Dich mit
mir nicht lnger glcklich zu fhlen -- gut -- ich will und werde Dich
nicht zwingen bei mir zu bleiben. Aber Deinen Eltern habe ich versprochen,
wie ein ehrlicher Mann an Dir zu handeln -- was Du versprochen hast, weit
Du selber am Besten -- und so will ich Dich ihnen wenigstens zurck nach
Deutschland schicken, da sie sehen, ich habe mein Wort gehalten. Nun?
fuhr er erstaunt fort, als er sah, da sich Margarethe gar nicht regte und
nicht einmal das Auge aufschlug -- eine volle Woche bin ich in wahrer
Todesangst Deinetwegen in der Gegend hier herum gefahren und habe gehungert
und gedurstet, nur mit dem Gedanken an Dich -- Dich zu retten aus dem
Verderben, in das Dich jener Bube gelockt, und jetzt -- jetzt hast Du
nicht einmal einen Blick fr mich, Grethe?

Ich wei nicht, was Sie Beide noch in Deutsch zu verhandeln haben,
mischte sich hier der Brasilianer ein, denn ich verstehe die Sprache
nicht; erlauben _Sie_ mir aber, zu bemerken, mein Herr, da Sie mit
dieser Frau Nichts weiter im Geheim verhandeln _drfen_, so lange _ich_
wenigstens dabei bin, und unter meinem Dache -- Sie haben mich doch
hoffentlich verstanden?

Mit _meiner_ Frau nicht? lachte der Deutsche bitter -- das wre nicht
bel. Auerdem werde ich Sie nicht lnger hier belstigen; da auch _Sie_
mir aber noch Rechenschaft geben sollen, eine ihrem Manne weggelaufene
Frau versteckt zu haben, darauf knnen Sie sich verlassen. Komm, Grethe,
mir wird die Luft zu schwl hier; ich mu fort!

Niemand hlt Sie, sagte der Brasilianer kalt -- so viel aber diene
Ihnen auerdem zu wissen, da diese Frau nicht mehr die Ihrige ist,
sondern da ich sie vorgestern schon mit Dom Franklin Brasileiro Lima
nach dem Ritus unserer Kirche verbunden habe.

_Sie?_ _Meine_ Frau mit _dem_ da? rief Pilger, kaum seinen Ohren
trauend.

Ich bin Geistlicher, sagte der Brasilianer, sich hoch emporrichtend,
und nachdem Ihre frhere Frau den katholischen Glauben angenommen hat,
habe ich sie mit Dom Franklin nach dem Ritus _unserer_ Kirche zu
unlslicher Verbindung zusammengegeben.

Eine _verheirathete Frau_? rief Pilger wieder, dem sich fast die Sinne
bei dem eben Gehrten verwirrten.

Eine protestantische Ehe ist nach unseren Gesetzen kein canonisches
Hinderni, sagte der Geistliche kalt, und wenn Sie in ein fremdes Land
kommen, mssen Sie sich auch den da bestehenden Gesetzen fgen.

Bin _ich_ denn wahnsinnig, oder wollen Sie mich erst dazu machen? sagte
Pilger, und hielt sich mit beiden Hnden seine Stirn -- die Freiheit
unserer Religion ist uns vom Staate zugesichert, und alle protestantischen
Ehen sollten ungltig sein?

Vor dem Gesetze, ja, sagte der Brasilianer, und ein spttisches Lcheln
zuckte um seine Lippen -- als Concubinat lassen wir sie gelten, als
weiter Nichts. Doch das ist eine Sache, die ich nicht lnger hier mit
Ihnen verhandeln mchte. Sie werden nach dem Vorhergegangenen begreifen,
da Ihre weitere Gegenwart hier fr beide Parteien nur unangenehm sein
kann.

Und _Du_, Margareth? sagte Pilger jetzt mit fast gebrochener Stimme,
Du hast _so_ handeln knnen? Fhlst Du denn die Schande und Schmach gar
nicht, die Du mir und Dir dabei angethan?

Die Frau stand regungslos in ihrer Ecke, die Augen fest und scheu auf
den Boden geheftet, aber sie sprach kein Wort, und der Brasilianer, der
dieser Scene unter jeder Bedingung ein Ende machen wollte, rief:

Jetzt ist's genug, Senhor -- die Frau steht hier unter dem Schutze
meiner Schwester und ihres rechtmigen Gatten. Glauben Sie wirklich
noch Rechte an sie zu haben, so wenden Sie sich an die Gerichte des
Landes, die Ihnen sagen werden, was Sie zu hoffen haben. Jetzt aber
verlassen Sie dieses Haus, wenn Sie mich nicht zwingen wollen, mir mit
Gewalt Ruhe und Frieden auf meinem Eigenthum zu verschaffen.

Gut, sagte Pilger ruhig -- ich gehe; ich sehe berhaupt wie es hier
steht, denn die Frau da hat Scham und Ehre abgeschworen, und ist doch
eines braven Mannes nicht mehr werth. _Wenn_ aber noch Gesetz und
Gerechtigkeit in Brasilien zu finden ist, so wollen wir doch sehen,
ob ein solcher Schurkenstreich ungestraft verbt werden darf!

Joao! Pablo! Pedro! rief der Brasilianer, bei dem jetzt auch der Zorn
die Oberhand gewann -- werft mir diesen Fremden einmal hinaus auf die
Strae! und drei oder vier Neger sprangen vor, dem Befehl zu folgen.
Pilger aber, ein breites, schweres Messer aus seinem Grtel reiend,
sagte ruhig:

Kommt, meine Burschen! Aber Gott verdamm' mich, den Ersten, der einen
Arm nach mir ausstreckt, hacke ich in Stcke! Und damit wandte er sich
und ging festen Schrittes der Thr zu.

Santa Maria! schrieen die Neger, erschreckt vor dem Stahl zurckprallend,
und sprangen dann ebenfalls nach ihren Messern und rissen die Bume aus
den Schraubenpressen, um Gewalt mit Gewalt zu begegnen. Der Brasilianer
wollte es aber doch nicht zum uersten kommen lassen, und da der Fremde
jetzt selber ging, winkte er die Schwarzen zurck. Er sollte den Platz
unbelstigt verlassen.




3.

Auf Santa Catharina.


Etwa vier Wochen waren seit den in den letzten Kapiteln beschriebenen
Vorgngen verflossen, ohne da in der Provinz Santa Clara etwas Besonderes
vorgefallen wre.

Herr von Schwartzau hatte indessen fleiig gearbeitet und einen groen
Theil des zur Colonisation bestimmten Landes ausgemessen, und der Director
dann, so rasch das mglicher Weise anging, den darauf wartenden Colonisten
ihre fr sie bestimmten Pltze angewiesen. Aber das allein gengte oft
nicht einmal, denn er mute auch noch hinter den Leuten her sein, da
sie nun auf ihrem eigenen Grund und Boden wirklich zu arbeiten anfingen,
denn die lange, faule Zeit die sie verlebt, lag ihnen noch so in den
Gliedern, da es einiger Anstrengung bedurfte, ehe sie wieder in Gang
kamen. -- Die Mnner wenigstens htten sich eben so gern wie bisher noch
vier Wochen lnger von der Regierung fttern lassen, denn da sie durch
das vorgestreckte Geld in Schulden kamen, machte ihnen vor der Hand noch
keine Sorge. Sie besaen ja selber kein Eigenthum, was konnte ihnen die
Regierung denn da abnehmen?

Herr von Schwartzau hatte brigens mit einem seiner Instrumente Unglck
gehabt, denn ein junger Baum war beim Fllen in einer Schlingpflanze
hngen geblieben, dadurch in eine andere Richtung gekommen und schlug im
Sturz seine beste Bussole zusammen.

Auf Santa Catharina hatte er indessen noch mehr Instrumente stehen, von
denen Einiges kommen zu lassen schon lange sein Wunsch gewesen, und da
die Regierung, auf des Directors Ansuchen, ein doch vorbeikommendes
kleines Dampfboot beordert hatte, in der Mndung des Flusses Santa Clara
anzulegen, um die durch den betrgerischen Agenten hierhergeschickten
Einwanderer wenigstens bis Santa Catharina zu schicken, von wo sie mit
dem gewhnlichen Postdampfer (unentgeltlich) weiter gebracht werden
konnten, so beschlo Herr von Schwartzau diese Gelegenheit zu benutzen,
und selber nach der Insel zu fahren.

Vom Director bekam er dazu auerdem noch den Auftrag, im Namen der
Colonie die Klage gegen den Delegado und den brasilianischen Geistlichen
anhngig zu machen, der eine protestantisch verheirathete Frau, ohne
selbst eine Scheidung fr nthig zu halten, anderweit getraut hatte,
wenn sich Sarno selber auch wenig Erfolg von diesem Schritte versprach.
Er kannte die Geistlichkeit Brasiliens und rgerte sich nur ber die
entsetzliche Gleichgltigkeit, mit welcher die deutschen Protestanten
diesen Fall aufnahmen, der, wenn etwas Derartiges berhaupt geschehen
_konnte_, alle Familienbande in Frage stellte. Jeder pflichtvergessene
Mann, jede treulose Frau brauchte sich an ihre gltig geschlossene Ehe
gar nicht mehr gebunden zu halten, und die Folgen blieben unabsehbar.

Nichtsdestoweniger nahmen es die Protestanten auerordentlich kaltbltig.
Der Geistliche -- ein guter Freund des Dom Franklin -- wollte gar Nichts
damit zu thun haben und behauptete, es sei einfach eine Sache, welche
die Gerichte anginge und von diesen schon bestraft werden wrde, und
die Colonisten schimpften wohl und schlugen im Wirthshause mit der Faust
auf den Tisch -- aber dabei blieb es. Selbst ein Circular, das der
Director zur Unterschrift herumschickte, wurde von den Wenigsten
unterschrieben, denn der deutsche Bauer setzt nicht gern seinen
Namen unter irgend ein Schriftstck, es mag enthalten, was es will
-- ausgenommen eine Quittung.

Pilger selber war wie gebrochen. Er arbeitete wieder, verkehrte aber
fast mit keinem Menschen. Machte er sich in seinem Herzen Vorwrfe, da
er die Frau, seine Margareth, wohl auch manchmal rauher behandelt hatte,
als recht war -- brannte ihm das jetzt auf der Seele, da er selber
vielleicht den ersten Anla zu diesem Schritte gegeben, der jetzt sein
ganzes Lebensglck zerstrte? Wenn dies auch der Fall war, so sprach
er doch mit Niemandem darber, und die Nachbarn dauerte der fleiige,
ordentliche Mann, der jetzt bleich und hohlwangig so allein in seinem
Hause sa.

Indessen fuhr Schwartzau auf dem kleinen Regierungs-Dampfer mit
gnstigem Wind und Wetter gen Santa Catharina, und am dritten Tag Abends
bekamen sie die kleine reizende Insel in Sicht, die sich, nur wenige
Meilen vom festen Lande entfernt, an der Kste entlang dehnte.

Und das war frher der Verbannungsort Portugals, wie auch die Hauptstadt
noch immer Desterro heit; hierher wurden die Verbrecher, besonders
viele Juden transportirt, als Strafe fr begangene Missethat, oder
vielleicht auch nur, um unbequeme Persnlichkeiten aus dem Wege zu
schaffen -- ein sehr leichtes und von manchem Staate oft angewandtes
Mittel. Aber _die_ Zeit ist vorbei, und wie die Bewohner jetzt nicht
einmal gern mehr hren, da der Ort frher zu solchem Zwecke benutzt
worden, ist Santa Catharina gegenwrtig der Schlssel zu vielen
vortrefflichen brasilianisch-deutschen Colonien geworden, und eine
groe Anzahl von Deutschen sind sogar dort geblieben und haben sich
als Geschftsleute oder Handwerker in der Hauptstadt niedergelassen.
Desterro ist fast zur Hlfte ein deutsches Stdtchen.

Gnther von Schwartzau kannte den Ort schon, aber trotzdem weilte sein
Auge mit Entzcken auf dem wahrhaft wundervollen Bilde, das sich vor ihm
ausbreitete, als sie die, den eigentlichen Hafen gegen die Nordwinde
schtzende Landspitze umfuhren und jetzt die kleine, freundliche Stadt,
terrassenfrmig von Bumen, Bschen und Palmen umschlossen, vor sich
liegen sahen. Prachtvolle Gebude fesselten allerdings nicht den Blick
oder gaben dem Hafen einen Anstrich von Glanz und Reichthum, wie das z.
B. bei Rio de Janeiro der Fall ist: aber so lauschig und versteckt lag
jede einzelne Wohnung in dem sanften Grn der Grten, so ruhig pltscherte
dazu die See und so wolkenrein spannte sich der blaue Himmel darber
hin, da man sich da wohl fhlte, ehe der Fu nur das Land betreten.

Als freilich der Anker in die Tiefe scho, war der Friede auch an Bord
gestrt. Der Flaggen-Telegraph hatte die Ankunft eines Dampfers vom
Norden schon gemeldet, und eine Anzahl von Booten und jenen trefflich
gearbeiteten Canoes -- die man in der ganzen Welt nicht zierlicher
und praktischer gebaut findet, als in Brasilien -- kam langseit. Die
Bootsleute aber faten, wie an anderen Orten, so auch hier, ohne Umstnde
auf, was sie an Gepck fanden, um es in ihre kleinen Fahrzeuge zu schaffen
und sich die dazu gehrigen Passagiere zu sichern.

Gnther fuhr natrlich sogleich mit an Land, denn der Aufenthalt auf
diesen kleinen brasilianischen Dampfern ist nicht angenehm genug, um
den Reisenden lnger, als unumgnglich nthig ist, darauf zu fesseln,
und ging dann gleich an der Wohnung des Prsidenten vor, wo er sich
wenigstens anmelden wollte. Er hatte sich kaum Zeit genommen, nur die
nothwendigste Toilette zu machen, aber die Abende sind in allen jenen
Lndern berhaupt _die_ Zeit, in der man Besuche macht oder empfngt.

Der Deutsche fand brigens heute ausnahmsweise eine grere Gesellschaft
versammelt, und als die Frau Prsidentin seinen Namen hrte, lie sie
ihn bitten augenblicklich einzutreten. Kam er doch von Santa Clara, und
sie nahm selber das grte Interesse daran, von dieser Colonie Nheres
und Neues zu hren.

Gnther wurde in das groe Empfangszimmer gefhrt und fand hier schon
sechs oder acht Herren und eben so viele Damen versammelt.

Der Prsident selber sa in einem Lehnstuhle etwas bei Seite, es war ein
kleiner ltlicher Herr, mit einem unendlich gutmthigen Gesichte und ein
Paar groen, klugen Augen; aber er schien sehr leidend. Er sah bla und
angegriffen aus, mit eingefallenen Wangen und einem eigenen schmerzlichen
Zuge um den feingeschnittenen Mund.

Ah, mein lieber Eswartsau[2], nickte er ihm freundlich zu und streckte
ihm die dnne, fast durchsichtige Hand entgegen; schon fertig in Santa
Clara? Das ist rasch gegangen.

 [Funote 2: Portugiesen und Spanier knnen nie ein Sp, St oder Sch mit
 einem Consonanten dahinter am Anfang eines Wortes aussprechen, und setzen
 jedes Mal ein E vor.]

Noch nicht, Senhor, sagte Gnther, die Hand nehmend und herzlich
drckend -- ich mu wieder zurck und erzhle Ihnen nachher, weshalb
ich herber gekommen bin -- Senhora, erlauben Sie, da ich Sie begren
darf.

Es freut uns sehr, sagte die Dame mit huldvollem Lcheln, Sie wieder
einmal auf Santa Catharina zu sehen. -- Aber setzen Sie sich. Sie kommen
wie gerufen, um uns recht viele Neuigkeiten von Ihrer Colonie zu erzhlen
-- es soll ja frchterlich da zugehen!

Frchterlich? lchelte Gnther; davon habe ich nun allerdings Nichts
gemerkt.

_Nichts?_ -- Aber erlauben Sie mir, Sie meinen Freunden vorzustellen.
-- Und die Senhora machte jetzt die gewhnliche Formel der Introduction
durch, die einen Fremden zur Verzweiflung bringen knnte, wenn die Sache
an sich selbst nicht so unbedeutend wre. Eine Masse von fremden Namen
wurden ihm genannt, die er zum groen Theil nicht einmal verstand oder
doch in demselben Moment wieder verga; die Leute verbeugten sich gegen
einander und die Sache war damit abgemacht.

Nur _ein_ Name war Gnther aufgefallen, und zwar der eines deutschen
Barons von Reitschen. Er gehrte einem ltlichen Herrn von stattlichem
Aussehen, mit schon etwas grau gemischten Haaren, aber vollkommen glatt
rasirtem Gesicht und einer sehr zierlichen goldenen Brille, der aber,
anstatt den Landsmann etwas herzlicher zu begren, sich ebenfalls damit
begngte nur aufzustehen, und eine steife Verbeugung zu machen.

Und wie weit sind Sie mit Ihrer Vermessung gekommen, lieber Freund?
fragte der Prsident, als die langweilige Ceremonie vorber war. Schon
Etwas ausgerichtet?

Allerdings, Senhor, erwiederte Gnther; mit Hlfe des Directors
Sarno, der mich wacker dabei untersttzte, haben wir es mglich gemacht,
gengendes Land fr smmtliche sich jetzt dort befindliche Einwanderer
zu vermessen. Ich kehre von hier aber gleich wieder nach Santa Clara
zurck, um noch einen andern District in Angriff zu nehmen; denn da
jeden Tag ein neues Schiff eintreffen kann, wird es immer besser sein
einige vermessene Strecken in Vorrath zu haben.

Der Prsident nickte beistimmend mit dem Kopfe, schwieg aber, und die
Frau Prsidentin sagte:

Also hat sich der Herr Director doch endlich herbeigelassen, wenigstens
in _dieser_ Hinsicht seine Pflicht zu thun. Da mu ihm das Feuer tchtig
auf den Ngeln gebrannt haben!

Ich wei nicht, sagte Gnther, whrend er einem der mit Erfrischungen
herumgehenden Diener ein Glas Limonade abnahm -- in welcher Beziehung
Director Sarno seine Pflicht versumt haben kann, Senhora; so lange ich
mich aber in der Colonie aufgehalten, kann ich ihm nur das rhmlichste
Zeugni geben, da er sich der Einwanderer mit wahrhaft eisernem Fleie
angenommen. Sarno scheint mir ein sehr tchtiger Mann, und besitzt
auerdem auch die nthige Energie, etwaigen bergriffen fest entgegen zu
treten.

Energie! lchelte die Dame; er ist der reine Unterofficier, und wir
haben von der ganzen Colonie Klagen auf Klagen hren mssen, die zuletzt
selbst die Geduld eines Heiligen ermden knnten!

Klagen ber Sarno? sagte Gnther erstaunt.

Sie glauben es wohl etwa nicht? lachte die Dame, indem sie ein Papier
von dem nchsten Tische nahm; wollen Sie so gut sein und _das_ einmal
lesen.

Gnther nahm das Papier und berflog es flchtig. Es waren in der That
eine Menge Anklagen gegen den Director, in denen besonders sein rauhes
und rcksichtsloses Betragen gegen den gebildeten Theil der Gesellschaft
hervorgehoben und zuletzt gebeten wurde, den Director seiner Stelle zu
entheben und einen wrdigeren dafr hinzusenden. Unterschrieben war das
Document von einer Anzahl ihm unbekannter Namen: einige davon kannte er
aber doch, und unter den erstgezeichneten standen die Frau Grfin Baulen,
Baron Jeorgy, Pastor Beckstein und Arno von Pulteleben. Ein Name
besonders fiel ihm seiner Krze und Anspruchslosigkeit wegen auf: Bux,
Knstler.

Nun, sagte die Dame, whrend er das Papier langsam wieder zusammenfaltete
und zurckgab, was sagen Sie _nun_?

Da es in jeder Colonie eine Menge unzufriedenes Volk giebt,
erwiederte Gnther, das sich mit _keinem_ Director wird befreunden
knnen, es sei denn, er befriedige alle _ihre_ Wnsche. Ich halte Sarno
fr den passendsten Mann fr einen solchen Posten, den Sie in ganz
Brasilien finden knnten.

O, Sie sind wahrscheinlich ein besonderer Freund von ihm! lachte die
Frau Prsidentin.

Ich wei nicht, ob ich auf den Titel Anspruch machen darf, sagte
Gnther ruhig; bei meinem Aufenthalt in Santa Clara habe ich mit dem
Director allerdings freundschaftlich, aber nur in meinen Geschften
verkehrt. Wen auch immer ich aber ber ihn gesprochen, war der Meinung,
da er fr die Stelle passe.

So? lchelte die Dame geringschtzig -- freilich die Bauern mssen
das am Besten beurtheilen knnen. Was halten Sie aber von einer Colonie,
in der Gewaltthtigkeiten, Raub und Plnderung zu den allergewhnlichsten
Dingen gehren?

Von einer solchen Colonie wrde ich sehr wenig halten, gndige Frau,
lchelte Gnther -- ich kann aber doch nicht vermuthen, da Sie glauben
ein solches Verhltni finde in Santa Clara statt; denn whrend der fnf
Wochen, die ich mich dort aufhielt, ist nichts dem hnliches vorgefallen,
und ich habe sogar nicht einmal von einem einzigen solchen Falle sprechen
hren -- eine Entfhrungs-Geschichte ausgenommen.

Wenn Sie im Wald bei Ihrer Arbeit waren, mein lieber Herr von Schwartzau,
mischte sich Herr von Reitschen in das Gesprch, so ist es wohl
erklrlich, da Sie die einzelnen Vorflle in der Stadt selber nicht
beachten konnten. Sie hatten dafr zu viel zu thun. Der Herr Prsident
hier hat aber so authentische Nachrichten ber derartige wirklich
geschehene Dinge erhalten, da sogar der Entschlu gefat ist, mit
diesem zurckgehenden Dampfer Militr nach Santa Clara zu schicken.

Militr nach Santa Clara? rief Gnther erstaunt -- eingeborene
Soldaten, um etwa einmal eine gelegentliche Streitigkeit zwischen den
Deutschen zu schlichten? Das ist denn doch wohl nur ein Irrthum!

Nicht allein der Streitigkeiten wegen, lieber Freund, mischte sich
hier der Prsident in die Unterhaltung, obgleich ihm das Sprechen schwer
zu werden schien; es sollen sich auch neuerdings wieder Indianer in
der Nachbarschaft gezeigt haben, und es ist immer besser, bei Zeiten
Vorkehrungen zu treffen, damit man sich nicht spter Vorwrfe ber eine
versumte Pflicht zu machen habe.

Aber, bester Herr, versicherte Gnther, Sie scheinen da wirklich ganz
falschen Bericht ber die Colonie erhalten zu haben, denn ich gebe Ihnen
mein Wort, da auch nicht die Spur einer Gefahr von Indianern fr Santa
Clara existirt. Habe ich ja doch vor kurzer Zeit selbst drei Monate an
dem noch viel weiter im Innern gelegenen Chebaja zugebracht, und selbst
da hat man seit Jahren Nichts mehr von den Wilden gehrt oder gar einen
von ihnen zu sehen bekommen.

Wenn Sie von ihnen hren oder sie sehen, ist es nachher gewhnlich zu
spt, sich noch gegen sie zu schtzen, sagte der Prsident. brigens
glaube ich selber... Ein heftiger Hustenanfall unterbrach ihn, und die
Frau Prsidentin sagte:

Die Colonisten knnen meinem Mann nur dankbar sein, da er selbst im
Voraus fr ihre Sicherheit sorgt.

Ich zweifle ja keinen Augenblick, erwiederte Gnther, da der Herr
Prsident alles Das mit der besten Absicht angeordnet hat; glauben Sie
aber mir, Senhora, der ich schon viele dieser deutschen Colonien nicht
allein gesehen, sondern genau kennen gelernt habe, die brasilianischen
Soldaten dieser Districte, von denen selbst die besten wenig mehr als
Gesindel sind, vertragen sich nicht mit den Colonisten, und wenn sie
noch so gute Officiere haben; hliche Reibereien knnen nie und nimmer
vermieden werden.

Ich glaubte, Ihre Bewohner von Santa Clara wren so friedfertiger
Natur?

Kleine Hkeleien fallen bei _allen_ Nationen vor, sagte Gnther
achselzuckend, besonders aber bei den Deutschen, und es gehrt nur ein
verstndiger und entschiedener Mann dazu, der entweder gtig vermittelt,
oder auch einmal im Nothfalle ein Machtwort spricht, und den haben die
Leute jetzt, wie ich fest glaube, an dem gegenwrtigen Director Sarno.

Ja, der sie im Nothfalle die Treppe hinunter wirft, nicht wahr, sagte
die Frau Prsidentin, und sich mit den einzelnen Colonisten selber
sogar prgelt!

Aber, gndige Frau...

Lassen Sie es gut sein, unterbrach ihn die Dame. ber _geschehene_
Dinge ist es nicht nthig viele Worte zu verlieren, und da sie eben
nicht _wieder_ geschehen, dafr hat mein Mann Sorge getragen. Ob der
Director auch daran schuld ist, da selbst Streit und Unfrieden fast
in allen Familien herrschen und Frauen gezwungen sind, wie das selbst
vorgekommen, bei den Brasilianern Schutz gegen die Mihandlungen daheim
zu suchen, wei ich nicht, es bleibt sich jetzt aber auch gleich. Einem
solchen Zustande _mute_ abgeholfen werden, und ich stelle Ihnen hiermit
in einem Landsmanne von Ihnen, dem Herrn Baron hier, unsern neuen
Director der Colonie Santa Clara vor.

Wieder stand Herr von Reitschen auf und verbeugte sich hflich gegen
Herrn von Schwartzau, und diesem kam es fast so vor, als ob dabei ein
leises, spttisches Lcheln um seine Lippen zucke. Er neigte sich auch
nur leicht gegen ihn und sagte:

Ich stehe der Sache allerdings zu fern, um auch nur ein einiger Maen
werthvolles Urtheil in dieser Angelegenheit fllen zu knnen, und hoffe
nur, da Herr von Reitschen im Stande sein wird, allen jenen furchtbaren
belstnden abzuhelfen, die er, dem Anscheine nach, in der unglcklichen
Colonie vorfinden soll. Was aber den einen Fall anbetrifft, auf den Sie
eben anspielten, gndige Frau -- ich meine den, wo eine deutsche Frau
gezwungen war, bei einem Brasilianer Schutz zu suchen -- so bin ich
zuflliger Weise ganz genau davon unterrichtet, und habe sogar die
Klage des Directoriums gegen jenen wrdigen Brasilianer fr den Herrn
Prsidenten mitgebracht. Jener Lump...

Entschuldigen Sie einen Augenblick, unterbrach ihn die Dame rasch
-- Sie erinnern sich doch, da ich Ihnen den Betheiligten, Dom Franklin
Brasileiro Lima hier, als meinen Gast mit vorstellte -- oder haben Sie
es vielleicht berhrt? Erlauben Sie, da ich es wiederhole: Dom Franklin,
Herr von Eswartsau. -- Bitte, fahren Sie fort -- Sie sprachen von dem
Ehemanne, der seine Frau mihandelt hat, nicht wahr?

Die brige Gesellschaft, der das Wohl oder Wehe der deutschen Colonie
nicht im Geringsten am Herzen lag, hatte sich unterdessen unter einander
unterhalten und einer der Herren eine auf dem Clavier liegende Guitarre
aufgenommen, mit der er halblaut eines der kleineren brasilianischen
Lieder begleitete. Nur Dom Franklin war dem Gesprche, ohne jedoch den
Kopf nach Gnther umzudrehen, mit Spannung gefolgt, und whrend er
mit einer neben ihm sitzenden Dame scheinbar ein Gesprch unterhielt,
horchte er jedem Worte, das ber die, ihn besonders interessirende
Colonie gesagt wurde. Bei Gnther's Anklage zuckte er auch wohl einen
Moment zusammen, fand sich jetzt aber nur noch mehr bewogen, das eben
Besprochene gar nicht gehrt zu haben, und drehte sich erst, scheinbar
berrascht, gegen Herrn von Schwartzau um, als die Frau Prsidentin
seinen Namen nannte.

Gnther fhlte wie er errthete, denn wenn er den Brasilianer auch
verachtete und keinen Augenblick wrde gezgert haben, ihm die Anklage
mit den schrfsten Worten in's Gesicht zu schleudern, so war es ihm doch
uerst fatal, wenn auch unwissentlich, gegen die Regeln des Anstandes
verstoen und in einer Gesellschaft einen Gast beleidigt zu haben.
-- Und hatte der Brasilianer seine Worte gehrt? Es schien nicht so,
denn mit dem freundlichsten Wohlwollen leistete er der zweiten Vorstellung
Folge. -- Die Dame hatte zeitig genug parirt, einer sehr unangenehmen
Scene vorzubeugen, und nur der Prsident mute in seinem Stuhle Zeuge
des Ganzen gewesen sein, denn er lchelte leise vor sich hin.

Wenn aber auch Gnther an _dieser_ Stelle natrlich Streit mit diesem
Menschen vermeiden wollte, verachtete er ihn doch viel zu sehr,
Freundlichkeit gegen ihn zu heucheln. Nur kalt verneigte er sich gegen
ihn und fuhr dann zu der Dame gewendet fort:

Ich habe allerdings keinen speciellen Auftrag fr den Herrn selber, von
dem ich keine Ahnung hatte, da er sich in Santa Catharina aufhielt.
Hier ist aber unter solchen Umstnden keineswegs Ort und Zeit, eine
derartige, fr beide Parteien unangenehme Sache zu verhandeln, und der
Herr Prsident erlaubt mir vielleicht, ihm die Papiere morgen frh
vorzulegen.

Mit groem Vergngen, erwiederte der Angeredete; aber ich frchte,
wir werden an der Sache nicht viel ndern knnen.

Sie glauben doch nicht, da...

Morgen frh, lieber Freund, morgen frh, winkte der Prsident mit der
Hand, ich bin heute Abend zu angegriffen.

Herr von Schwartzau verbeugte sich, und die Frau Prsidentin, die sich
indessen leise mit Herrn von Reitschen unterhalten hatte, stand jetzt
auf und kam auf Gnther zu.

Lassen wir die fatalen Sachen heute Abend, sagte sie freundlich,
und spielen Sie uns lieber Etwas auf dem Pianoforte. Sie sind doch
musikalisch?

Ich mu unendlich bedauern, gndige Frau, sagte Herr von Schwartzau
achselzuckend, aber ich kenne nicht einmal die Noten.

So spielen Sie Etwas aus dem Kopfe.

Ich habe nie eine Taste angerhrt.

So spielen Sie wahrscheinlich die Violine oder Guitarre?

Eben so wenig.

Aber die Flte gewi?

Ich mu zu meiner Beschmung gestehen, lchelte von Schwartzau, da
ich bei Allem, was Musik betrifft, einzig und allein zum Zuhren zu
verwenden bin.

Das ist merkwrdig, sagte die Senhora Sie sind der erste Deutsche,
den ich kennen lerne, der nicht _wenigstens_ die Flte spielt. Unser
Baron hier ist Meister auf diesem Instrumente.

In der That? sagte Gnther, der sich auch selbst nicht dafr
interessirte.

Gndige Frau sind zu gtig, sagte der Baron; ich bin weiter Nichts
als ein Dilettant. In solchen wilden Lndern aber, in denen ich mich
die letzten zwlf Jahre herumgetrieben habe, ist die Flte wirklich das
einzige Instrument, das man leicht berall mit hinnehmen kann, und man
vertreibt sich doch manche mige Stunde angenehm damit.

Sie haben sie bei sich, nicht wahr? fragte die Dame.

Gndige Frau hatten mir ja befohlen, sie mitzubringen.

O, dann begleiten Sie das Lied jener jungen Dame, bitte! sagte die
Prsidentin -- wir mssen ein wenig Musik haben, damit Leben in die
Gesellschaft kommt. Ich wei gar nicht, so wie nur diese unglckselige
Colonie Santa Clara genannt wird, ist es auch gleich, als ob ein schwarzer
Schleier ber die ganze Unterhaltung geworfen wrde. Nun, hoffentlich
wird sich das ndern, wenn wir Sie erst einmal dort haben.

Gndige Frau knnen sich darauf verlassen, sagte der Baron wieder mit
einer halben Verbeugung, da ich nach Krften arbeiten werde, Ihnen
jede unangenehme Nachricht zu ersparen.

De bin ich berzeugt -- aber wir mssen beginnen; die Dame prludirt
schon und wird sonst ungeduldig.

Der grte Theil der Gesellschaft gruppirte sich jetzt um das Instrument,
und auch Gnther lie sich in einen der leer stehenden Sessel nieder;
aber er hrte nicht das Geringste von der Melodie, denn seine Gedanken
arbeiteten an dem eben Gehrten.

Also Sarno war abgesetzt -- bei Seite geworfen, nur um einem Gnstlinge
der Frau Prsidentin Raum zu machen, dem zu gengen dann die vagen Gerchte
den Vorwand geben muten -- der Delegado ebenfalls hier und als Gast im
Hause, und der Prsident noch dazu von Allem unterrichtet -- aber was
zum Henker kmmerte _ihn_ auch das Alles? Er verma das Land, weiter
Nichts, und _wen_ sie nachher darauf setzten oder _wie_ das geschah,
konnte _ihm_ doch wahrhaftig gleichgltig sein. Er warf das rechte Bein
ber das linke und betrachtete sich indessen den Raum, in dem er sich
befand.

Mit der Hlfte der Mbel, die in dem Saale standen, htte er wohnlich,
ja sogar elegant genannt werden knnen, so aber glich er eher einem
Mbel-Magazin, in welchem einige Dutzend Sthle mit Sophas und Tischen
zum Verkaufe ausgestellt waren. Die Gesellschaft hatte fast ausschlielich
auf den in der Mitte stehenden Sesseln und auf einigen Sophas Platz
genommen, aber Stuhl an Stuhl, nur manchmal die lange Reihe von einem
anderen leeren Sopha unterbrochen, standen die Wnde entlang, und ein
halbes Dutzend Tische -- alles von Mahagoniholz -- waren in zwei Reihen
in der Mitte aufgestellt, whrend jedes andere Stck, wie Secretr,
Schreibtisch etc., fehlte. Es ist das aber Sitte in ganz Sd-Amerika,
und man wrde ein Zimmer oder einen Salon fr rmlich mblirt halten,
wenn sich beim ngstlichsten Zusammenrcken auch nur noch Raum genug fr
einen einzigen Stuhl gezeigt htte.

Dagegen waren die Wnde vollkommen kahl, und die mattgraue, sehr elegante
Tapete wurde von keinem einzigen Bilde freundlich unterbrochen. Nur
zwei groe und gewi sehr theure Spiegel hingen in breiten, blinkenden
Goldrahmen einander gegenber, und auf den Tischen standen eine Anzahl
Porzellanvasen, aber ohne Blumen, unter auerordentlich hohen und viel
zu groen Glasglocken.

Ein gewisser Reichthum lie sich in der ganzen Einrichtung nicht
verkennen, aber jede Gemthlichkeit, jeder Geschmack fehlte, und der
Fremde besonders wrde sich hier nie haben behaglich fhlen knnen.

Gnther sah wieder eine ganze Zeit lang trumend vor sich nieder, als
ihn eine Stimme an seiner Seite aus seinen Gedanken aufstrte. Es war
der Baron, der ihn fragte:

Wann gedenken Sie nach der Colonie zurckzukehren, Herr von Schwartzau?
Sie entschuldigen, wenn ich Sie stre, setzte er lchelnd hinzu, als
Gnther bei der Anrede ordentlich in die Hhe schrak.

So bald als mglich, erwiederte der junge Mann, den Fragenden jetzt
erst bemerkend; meine Geschfte hoffe ich wenigstens morgen oder
bermorgen sicher abmachen zu knnen, und werde dann die erste sich
bietende Gelegenheit benutzen. Wie ich hre, geht der Dampfer leider
schon morgen frh ab.

Wenn ich Ihnen etwas nach Santa Clara besorgen kann...

Sie sind sehr gtig.

Sie kennen Herrn Director Sarno nher? nahm der Deutsche nach einigem
Zgern das Gesprch wieder auf.

Nur von der kurzen Zeit, die ich mich dort aufgehalten habe.

Wollen Sie einen guten Rath von mir annehmen?

Man soll nie einen guten Rath zurckweisen.

Gut -- dann vertheidigen Sie Herrn Sarno nicht zu lebhaft der Frau
Prsidentin gegenber.

Herr Baron, sagte Gnther, erstaunt zu ihm aufsehend.

Verstehen Sie mich nicht falsch, erwiederte dieser ruhig; dem Herrn
Sarno knnen Sie Nichts mehr nutzen, denn er _ist_ seines Dienstes
factisch entlassen, und sich selber nur dabei schaden, da die Frau
Prsidentin den Herrn nun einmal nicht leiden kann, und auch wohl ihre
gewichtigen Grnde dafr hat.

Und Sie werden seine Stelle einnehmen? fragte Gnther.

Lieber Gott, sagte der Baron achselzuckend, indem er mit den Berloques
an seiner Uhrkette spielte, ich habe mich dagegen gestrubt, wie ich
konnte, aber da nun einmal eine nderung unter allen Umstnden eintreten
_sollte_, so gab ich endlich den Bitten des Prsidenten nach. Sie sind
nicht lange genug in der Colonie gewesen, und Herr Sarno wird sich auch
Ihnen gegenber wohl zusammengenommen haben; die Zustnde dort scheinen
aber in der That fr die armen Colonisten unertrglich zu werden, und da
ich glaube, den Anforderungen, die man an eine solche Stellung knpft,
gengen zu knnen, so habe ich es auch gewissermaen fr meine Pflicht
gehalten, die jedenfalls sehr undankbare Arbeit zu bernehmen, unsere
deutschen Holzkpfe da drben ein wenig zur Raison zu bringen.

Es wird das allerdings eine sehr undankbare Arbeit werden, sagte Gnther
kalt, denn die ganze Art und Weise des Mannes gefiel ihm nicht, htte er
selbst nicht Sarno in seinem Herzen fr einen ehrlichen und auch vollkommen
tchtigen Mann gehalten. Er suchte auch das ihm unangenehme Gesprch
ber diesen Gegenstand so bald als mglich abzubrechen, und empfahl sich
dann bald dem Prsidenten, um an diesem Abend noch einige Bekannte in
der Stadt zu besuchen.

Am nchsten Morgen ziemlich frh suchte er denselben aber wieder auf und
hatte gehofft, die Unterredung da allein mit ihm haben zu knnen, weil
die Frau Prsidentin doch wohl ihre Toilette noch nicht so bald beendet
haben wrde. Darin irrte er sich jedoch, denn er war kaum gemeldet und
angenommen, als die Senhora auch schon in's Zimmer trat und sich an dem
einen Fenster in einem Lehnstuhl niederlie. Der Prsident schien Nichts
mehr ohne seine Frau, oder diese vielmehr Alles ohne ihn zu thun.

Sie sprachen gestern von einer Klage, lieber Freund, sagte Se.
Excellenz, als Gnther nach den ersten Begrungen Platz genommen hatte
-- es wre mir viel lieber, wenn sie in Santa Clara die Sache nicht
weiter aufgerhrt htten, denn es wird wenig daran zu thun sein -- meinst
Du nicht?

Daran zu thun sein, sagte die Senhora achselzuckend -- was soll daran
zu thun sein? Die frhere Ehe war nach unseren Gesetzen vollkommen
ungltig, bestand also gar nicht, und wenn kein Hinderni vorliegt und
zwei Leute sich gern haben und einander heirathen wollen, wer kann es
ihnen verwehren? Auerdem hat die Frau ein ganz unverdientes Glck mit
Dom Franklin gemacht.

Kein Hinderni vorliegt, gndige Frau? rief Gnther, wirklich erstaunt
-- ich kann doch wahrhaftig nicht glauben, da _Sie_ eine geschlossene
Ehe als kein Hinderni, sich anderweitig zu verheirathen, betrachten
wrden.

Ich hoffe nicht, sagte die Dame stolz, da Sie _unsere_ Ehen mit
einem solchen Contracte vergleichen werden. brigens ist die Sache
abgemacht und eine Klage also ganz nutzlos, wo die hchste Behrde schon
entschieden hat.

Aber das ist ja gar nicht mglich! rief Gnther -- danach wrde
ja die Regierung muthwillig ihre ganzen protestantischen Unterthanen
demoralisiren und dem Verbrechen mit eigener Hand die Thr ffnen.
Gndige Frau irren sich jedenfalls darin.

Irr' ich mich? So -- bitte, nehmen Sie einmal das zusammengefaltete
Papier, das da neben Ihnen auf dem Tische liegt -- nein, das andere dort
-- das da, und nun sein Sie so gut und lesen Sie den Entscheid unseres
Bischofs -- lesen Sie ihn laut. Sie werden sich dadurch jedenfalls
zufrieden gestellt fhlen, da die Sache als vollkommen erledigt
betrachtet werden kann.

Gnther nahm kopfschttelnd das Papier, entfaltete es und las:

_Emmanuel_ durch Gottes Erbarmen und des Apostolischen Stuhles Gnade,
Bischof von Santa Sebastiao oder Rio de Janeiro.

Wir bezeugen andurch auf Verlangen, da Frau Margarethe Pilger, vormals
Protestantin und als solche verheirathet nach dem Ritus der evangelischen
Gemeinde mit Herrn Gottlieb Pilger unter'm 15. November, sich krzlich
mit der Bitte an mich wandte, die protestantische Ketzerei abzuschwren
und den katholischen Glauben anzunehmen, welchem Verlangen ich mit bestem
Willen gengte und in Person den Widerruf des Irrglaubens entgegennahm,
gem dem Gebrauche der Rmischen Kirche.

Besagte Frau Margarethe Pilger bat mich hierauf um Erlaubni, sich mit
Herrn Franklin Brasileiro Jansen Lima, rmischem Katholiken, zu welchem
sie sich hingezogen fhlte, zu verheirathen, und auch diese Erlaubni
gab ich ihr durch Bescheid vom 27. Januar, da nach Einhaltung des
blichen Verfahrens kein canonisches Hinderni zwischen Franklin und
Margarethe sich gezeigt hatte und die Heirath Letzterer mit Pilger
augenscheinlich ungltig ist, als gefeiert gegen die Form des im
Kaiserreiche publicirten und immer beobachteten Tridentiner Concils.

Palast der Conceicao, 5. Februar 1857.
(Unterz.) + _Manoel_, Bischof, Graf Capellao-Mr.[3]

 [Funote 3: Der obige Erla ist _wrtlich_, nur mit nderung
 des  deutschen Namens, und erst in allerneuester Zeit sind _rein
 protestantische_ Ehen durch das neue Ehegesetz auch fr gltig in
 Brasilien erklrt worden.]

Nun, sagte die Senhora, sind Sie berzeugt? Der ehrwrdige Bischof
selber, der sich gerade zufllig auf einer seiner Hacienden in dieser
Provinz befand, hat die Ehe geschlossen. Dom Franklin ist ihm eng
befreundet -- glauben Sie also jetzt noch Etwas mit einer Klage des
Herrn Directors Sarno ausrichten zu knnen?

Nein, gndige Frau, sagte Gnther ruhig, Sie haben vollkommen Recht.
Es ist brigens gut, da ein solcher Thatbestand bekannt wird, denn in
einem hnlichen Falle wre der geschdigte Theil ein Thor, noch auf
Schutz und Gesetz in Brasilien zu warten, und wei dann gleich, da er
sich sein Recht selber zu verschaffen hat.

Sie predigen Revolution! rief die Senhora streng.

Ich predige das, was ich selber ausfhren wrde, sagte Gnther kalt;
unter solchen Umstnden mchte ich denn auch Ihre werthvolle Zeit nicht
lnger in Anspruch nehmen.

Aber Sie wollten mir noch Etwas ber die Colonie sagen, rief der
Prsident, der unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerckt war.

Das wollte ich allerdings, erwiederte Herr von Schwartzau, aber nach
dem eben Gehrten wird auch das Nichts fruchten.

Und was war es?

Ich wollte Sie bitten, Senhor, Ihren Entschlu, das Directorium der
Colonie zu ndern, noch _nicht_ auszufhren, bis Sie nicht wenigstens
genauere Erkundigungen ber die dortigen Verhltnisse eingezogen.
Director Sarno...

Kommen Sie uns nicht mit dem Unterofficier! sagte die Prsidentin
ungeduldig -- mein Mann will Nichts von ihm hren.

Sarno war Officier, entgegnete Gnther, und gehrt _meiner_ berzeugung
nach zur besten Classe dieser Herren. Da er derb ist und gerade durch
geht, sollte ihm eher zum Lobe gereichen.

Die Sache ist schon abgemacht, sagte die Senhora.

Aber so la ihn doch ausreden, mein Kind, bat der Prsident.

Ich bin schon fertig, Senhor, sagte Gnther aufstehend -- die Sache
scheint allerdings abgemacht, und alles Weitere wre nur Wortverschwendung.
Allein der Colonie zu Liebe mchte ich Sie bitten, kein Militr dorthin
zu legen. Es thut nicht gut, und Sie selber haben die Verantwortung zu
tragen, wenn Sie den Frieden der jetzt vollkommen ruhigen Verhltnisse
dort nicht allein stren, nein, frmlich vernichten.

Wir werden die Verantwortung zu tragen haben, Senhor, sagte die
Prsidentin gemessen -- brigens machen Sie sich keine Sorge weiter
deshalb, denn das sind Dinge, welche eigentlich die Regierung am Besten
zu beurtheilen versteht.

Herr von Schwartzau verbeugte sich kalt, und das Gesprch ber diesen
Gegenstand vollkommen abbrechend, legte er dem Prsidenten nur einige
Papiere vor, welche rein geschftlicher Natur waren, und sich auf seine
bereits vollendeten, wie die dort noch nthigen Arbeiten bezogen. In
einer halben Stunde war das Alles erledigt, und der Ingenieur empfahl
sich dann sehr frmlich wieder dem Prsidenten und seiner Gattin. Er war
fest entschlossen, sie nicht weiter zu belstigen.

An demselben Morgen ging aber der Regierungsdampfer wieder nach Santa
Clara und von da nach Rio de Janeiro zurck, und Gnther war Zeuge,
da vierzig Mann brasilianischer Truppen, _ohne_ Officier, auf ihm
eingeschifft wurden, um, wie das Gercht ging, die Colonie Santa Clara
gegen in deren Nhe herumstreifende Indianerhorden zu schtzen.




4.

Der neue Director.


Die Colonie Santa Clara befand sich indessen in einer Art von Ghrung,
zu der nicht allein alte Unzufriedenheit, sondern auch neu eingetretene
Elemente nicht wenig beigetragen hatten. Die Bittschrift an den
Prsidenten, den Director Sarno abzusetzen, war in der That von hier
ausgegangen, und zwar, so unglaublich das scheinen mag, durch erste
Veranlassung jenes nichtswrdigen Burschen mit dem Tressenstreifen,
mit dem sich kein anstndiger Mensch in der Colonie abgeben mochte.

Grere Dinge werden aber in unserer wunderlichen Welt gar nicht etwa so
selten durch noch schlechtere Hebel in Bewegung gesetzt, wenn man auch
oft, nachdem sie geschehen, schwer im Stande ist, auf ihren Ursprung
zurckzugehen. Die Sache war jedenfalls angeregt worden, die Grfin hatte
zufllig davon gehrt, Herr von Pulteleben war Feuer und Flamme fr die
Idee, denn der Director hatte ihn ja nicht einmal angenommen, und da es
galt eine groe Zahl von Unterschriften zusammen zu bringen, so vereinigte
sich in dem Schriftstcke -- Dinge, die ebenfalls sogar in unserem
civilisirtesten Leben manchmal mglich gemacht werden -- Aristokratie
und Proletariat gegen einen Mann und ein System, der und das beiden
Theilen unbequem war, weil er eben weder der einen, noch der andern
Seite Zugestndnisse machen wollte.

Der Bursche mit der Tresse bte berdies einen schlimmen Einflu aus,
denn wo er nur konnte, suchte er Unzufriedenheit zu erregen, und wenn
man ihn selber auch bald als einen Lump kennen lernte, fielen doch seine
Worte nur zu hufig auf fruchtbaren Boden. Die Menschen sind ja leider
nur zu gern gewillt, Bses oder Nachtheiliges von ihren Mitmenschen
anzuhren und zu glauben, mag die Quelle, aus welcher sie es schpfen,
noch so unrein sein. Auerdem trat er brigens dem Director auch in
offener Opposition entgegen, und wurde darin von einem neu eingewanderten
Individuum, das von Santa Catharina mit einem kleinen Schooner gekommen
war, untersttzt.

Dieser Mann hie Buttlich, und begann damit, ein Grundstck in der Stadt
mit einem kleinen Hause zu kaufen, wo er mit eingefhrten Waaren einen
Laden aufsetzte, und in der unteren Eckstube eine Wirthschaft erffnete.
Er hatte dazu gleich die specielle Erlaubni des Prsidenten mitgebracht,
und schien von diesem auch in mancher andern Art begnstigt zu werden.

Bux war unter der Zeit bei dem Director eingekommen, ein kleines Haus,
das jetzt nicht mehr benutzt wurde, zur Verfgung gestellt zu bekommen,
um darin Vorstellungen in der Bauchredekunst zu geben, aber augenblicklich
abschlgig beschieden worden. Der Director lie ihm sagen, sie brauchten
Ackerbauer in der Colonie und fleiige Handwerker, aber kein Megesindel
aus der alten Welt.

Damit begngte sich indessen Bux natrlich nicht, und wenn der neue
Wirth auch im Anfange Nichts mit dem liederlichen Gesellen zu thun haben
mochte, fand er doch kaum, da sich dieser als Mittel gegen den Director
gebrauchen lie, als er ihm seine Hlfe zusagte, und ihm auf seinem
eigenen Grundstck eine Ecke zuwies, in der er sich eine Art von Bude
aus Pfhlen und Reisig, oder wie er sonst wollte, herrichten konnte; ja,
er untersttzte ihn sogar dabei mit Geld.

Bux ging nun auch scharf an die Arbeit, und nach einigen Wochen
schon berraschte die Bewohner von Santa Clara die allerdings nur
_geschriebene_ Anzeige an verschiedenen Ecken der Stadt und in Bohlos'
wie Buttlich's Wirthsstuben, da am nchsten Sonntag Abend die erste
groe Vorstellung des berhmten Ventriloquisten Bux aus Paris mit
auerordentlichen Productionen der Wunderkinder Guido und Isabella
stattfinden solle.

Der Director schickte zu Buttlich und lie die Vorstellung verbieten.
Buttlich sandte aber die Abschrift eines Dokumentes zurck, worin ihm
der Prsident erlaubte, auf seinem Grundstcke, vollkommen unabhngig
von irgend einer Behrde, zu treiben was ihm beliebe, vorausgesetzt
nur, da es keine feuergefhrlichen, oder sonst den Gesetzen des Staates
zuwiderlaufende Dinge seien. Damit war die Sache an dem Tage -- an einem
Samstage -- abgemacht. Am Sonntag Abend war die Vorstellung, und man kann
sich etwa denken wie erstaunt -- weniger die Colonisten, denn diese hatten
Derartiges ja schon in Deutschland gesehen -- aber besonders die Kinder
derselben und der junge Nachwuchs waren. Vor Staunen beinahe sprachlos
standen sie, als Sonntag gegen Abend die Vorbereitungen begannen, und
Bux pltzlich in fleischfarbenen, etwas schmutzigen Tricots, nur allein
mit einer flittergestickten, himmelblauen Schwimmhose und ein Paar eben
solchen Schuhen an, auf dem etwas erhhten Entre seiner rauh genug
hergestellten Bude erschien.

Vorher schon hatte seine Frau, das bleiche, abgehrmte Gesicht von
einer verdrckten Rosenguirlande entstellt, die mden Glieder in ein
fleckiges, oft und oft ausgebessertes Seidenkleid gesteckt, an einem
kleinen Tische vor dem Eingange ihren Sitz genommen, um die Billete fr
die Zuschauer auszugeben, und Isabella, ihre Tochter, in einem sehr
kurzen weien Kleide, ebenfalls mit fleischfarbenen Tricots, eine Menge
Blumen im Haar und die Wangen unnatrlich roth geschminkt, trat zu ihr
und lehnte ihren Kopf an der Mutter Schulter.

Du, Wilhelm -- was ist denn das? fragte ein junger Bursche von
vielleicht zwanzig Jahren, der hier in Brasilien geboren worden, seinen
Kameraden, indem er mit offenem Munde auf die Gruppe zeigte -- wo kommen
die Leut' her und was wollen die hier? Sind das vielleicht deutsche
Indianer?

Gott wei es! sagte der Angeredete, der kein Auge von Bux verwandte
-- sieh' nur, der Kerl geht ganz nackigt -- oder hat er sich die Beine
nur so angestrichen?

Und wie sich die Frau herausgeputzt hat, flsterten ein paar junge
Mdchen mit einander -- und sieh nur, was das Kleid fr Flecken hat,
und da am linken rmelbesatz sitzt ein blauer Streifen, der eingeflickt
ist.

Und das Kind haben sie roth angestrichen, antwortete die Freundin
-- was mag denn nur los sein, da sie solchen Unsinn treiben!

Immer herein, meine Hrrschaften! rief da der Ventriloquist mit seiner
scharfen Stimme ber die sich mehr und mehr sammelnden Zuschauer hin, von
denen sich aber noch Keiner getraut hatte, den Platz selber zu betreten
-- immer herein, immer herein! _Hr_ ist der Platz, wo Sie Staunenswerthes
sehen und erleben werden, _hr_ ist die Gelegenheit, die Wunder des
menschlichen Geistes und Krpers zu erkennen! _Hr_ ist der Ort, wo der
berhmte Bux Ihnen zeigen wird, was Sie bis jetzt noch nicht gewut haben,
und der junge Athlete Guido seine Kraft und Gelenkigkeit entwickeln
soll, whrend Mademoiselle Isabella in Grazie und jugendlicher Unschuld
einige Tnze aus der alten griechischen Heidenzeit aufzufhren die Ehre
haben wird! Immer herein, meine Hrrschaften, immer herein! Keiner ist
genthigt da drauen stehen zu bleiben, und es kostet gar Nichts -- nur
fnfhundert Reis die Person, Kinder unter zwlf Jahren die Hlfte,
Suglinge frei; immer herein, meine Hrrschaften, immer herein -- jetzt
gerade wird der Anfang beginnen!

Herr Gott, hat der Kerl ein Maulwerk am Kopfe! sagte einer der
Auenstehenden -- wie ein Mhlwerk geht's und klappert auch gerade so.

Bux stolzirte indessen auf dem schmalen Raume, welcher ihm zum Entre
diente, auf und ab, und zwar mit einem groen rothbaumwollenen Taschentuch
in der Hand, das ihm Guido aus der Thr herausreichen mute. Er hatte
den Schnupfen, in seinem gegenwrtigen Costm aber leider keine Tasche,
und der rothe geblmte Lappen pate eigentlich nicht recht zu den
himmelblauen gestickten Schwimmhosen und dem Goldreif um den Kopf.

Immer herein, meine Hrrschaften! schrie da pltzlich eine andere
Stimme, die unserm Freunde Jeremias gehrte. Dieser war nmlich durch
den Lrm ebenfalls angelockt worden und hatte der Versuchung nicht
widerstehen knnen, dem aufgeputzten Burschen, den er hate, einen
Streich zu spielen -- immer nur herein -- _hr_ werden Sie sehen, wie
man Sie auf geschickte Weise um Ihr Geld bringt -- _hr_ werden Sie
schauen, wie sich Jammer und Elend mit Blumen herausstaffirt und ein
paar aufgeputzte Kindergerippe auf einem Beine tanzen -- _hr_ werden
Sie sehen....

Du hast einen silbernen Lffel gestohlen! rief es pltzlich neben
Jeremias, aber auf der entgegengesetzten Seite von der, wo Bux stand,
welcher den neuen Ausrufer vollkommen ruhig betrachtete.

Is nich wahr! schrie Jeremias, und drehte sich rasch und wthend nach
der Seite, wo er aber zu seinem Erstaunen Niemand sah.

Hast 'en ja in der Tasche! sagte da die Stimme wieder, und Jeremias
lief es kalt ber den Rcken.

Lgenhund, verdammter! schrie er, wobei er fast unwillkrlich in die
rechte Tasche griff, und Bux wollte sich jetzt auf seinem Stande vor
Lachen ausschtten.

Na, was ist denn das? Was geht denn hier vor? riefen Andere und
drngten nher.

Immer herein, meine Hrrschaften! schrie da Bux wieder, den fr ihn
gnstigen Moment benutzend -- das gehrt Alles mit zum Spa -- da drinn
wird's jetzt losgehen, immer herein -- immer herein! und whrend er
dem kleinen Mdchen einen Wink gab, ihm zu folgen, verschwand er in der
Thr, und gleich darauf begann darin die schon von ihm bestellte Musik,
zwei Trompeten, eine Trommel und eine Clarinette, einen lustigen Walzer
aufzuspielen.

Ei, zum Henker, fnfhundert Reis wend' ich dran, sagte da ein junger,
schlanker Bauer, der gerade eine Ladung Bohnen in die Stadt geschafft
hatte -- sie werden Einen ja doch nicht beien! und mit entschlossenem
Schritt trat er auf den Tisch zu, legte das Geldstck darauf und tauchte
dann ebenfalls in die niedere Thr ein. Ein paar andere Colonisten, die
derartige Dinge schon von daheim kannten, folgten, und bald trieb die
Neugierde wohl fnfzehn oder zwanzig Personen mehr nach, welche sich in
dem innern Raume auf roh genug eingerichteten Bnken sammelten.

Das Innere der Htte war, so gut das eben anging, bhnenartig eingerichtet,
mit einem etwas erhhten Podium aus ungehobelten Brettern, und einem
freilich sehr drftigen, von Kattunresten zusammengeflickten Vorhange.
Dieser verrichtete aber doch wenigstens den Dienst, die Zuschauer etwas
Geheimnivolles ahnen zu lassen, was hinter demselben vorgehen knnte,
und gengte deshalb vollkommen.

Die Ouverture -- jener Walzer -- war beendet, der Vorhang wurde durch
den dazu abgerichteten Hausknecht Buttlich's aufgezogen, und den
Zuschauern zeigte sich eine von der Hand des kunstfertigen Schneiders
gemalte, auerordentlich merkwrdige Decoration, welche vollkommen im
Dunkeln lie, ob die Phantasie ersucht wurde sich in einen Wald, oder
in eine Tempelhalle hineinzudenken.

Das Publicum zerbrach sich aber darber gar nicht den Kopf, denn Bux
erschien mitten auf dem Schauplatze, auf den er eine kurze Leiter und
eine Stange mitbrachte, und begann jetzt, als Herkules und Athlet, eine
Anzahl von Productionen auszufhren, wie wir sie Deutschland nur zu
hufig auf Mrkten und Messen in kleinen Winkelbuden oder auch gar auf
offener Strae zu sehen bekommen. Der Beifall, den er damit erntete, war
freilich sehr gering; das Publicum lachte ein paar Mal, wenn ihm Etwas
miglckte, das war Alles; applaudiren wollte Niemand, was wuten
die Leute auch davon, und er ging dann zu dem zweiten Theil seiner
Vorstellung -- der hheren Bauchredekunst -- ber, bei welcher er aber
ebenfalls einen weit geringeren Erfolg erzielte, als er erwartet haben
mochte.

Bux war darin wirklich nicht ungeschickt, aber sein ganzer Triumph
scheiterte an der Gleichgltigkeit der Zuschauer, welche sich eben nicht
wollten berzeugen lassen, da er wirklich allein die bald von da, bald
von dorther schallenden Tne hervorbrachte.

Ach, da hinten oder da drben steckt _auch_ Jemand, sagten die Leute,
und als er sich mit einem Wesen unterhielt, welches angeblich unter
einer verkehrt auf dem Tische stehenden Papierdte stak, sagten sie,
das klang so natrlich, als ob Jemand da drunter wre, und damit war
die Sache abgemacht.

Wieder war eine Pause, und einzelne der Zuschauer gingen schon hinaus,
weil sie sich zu langweilen anfingen, dann kamen die Kinder, Guido und
Isabella, welche sich produciren sollten, und hier scheiterte das Ganze.

Die kleine Isabella trat kaum vorn auf die Bhne heraus, als die
Frauen unter den Zuschauern, mehr aus einer gewissen Art von Instinct,
als weil sie sich des Entwrdigenden solcher Darstellung fr das
Kindesalter klar bewut gewesen wren, Mitleid mit der klglich genug
aussehenden Erscheinung fhlten.

Ach, das arme Wurm, sagte eine alte Frau, die vorn auf der zweiten
Bank sa -- wie sie das Kind angestrichen und geputzt haben, und halb
verhungert ist's dabei!

Und der Vater prgelt's noch auerdem zu Hause, sagte ein junges
Mdchen, welches neben ihr sa -- ich hab' es oft gesehen, und jetzt
soll das arme Ding tanzen.

Und der Junge knnte auch was Gescheiteres thun, meinte ein alter
Bauer, der auf der ersten Bank sa, als Guido jetzt, ebenfalls in
Tricots und geschminkt, neben seiner Schwester erschien und anfing zu
tanzen -- 's ist ein Skandal, da Kinder zu so 'was auferzogen werden,
wo sie sich berall im Lande ihr Geld auf ehrliche Art erwerben knnen!

Die Musik machte gerade jetzt eine Pause, um Herrn Bux Gelegenheit
zu geben, ein Gestell mit papierberklebten Reifen auf die Bhne zu
schaffen, und dann bei dem neuen Beginne mit so viel mehr Nachdruck
einfallen zu knnen, als eine tiefe, ruhige Stimme laut sagte:

Die Kinder fort! Ich leide nicht, da die hier zu solcher Schlechtigkeit
gebraucht werden. Die Brasilianer sind den Deutschen so schon aufsssig
genug; wir wollen ihnen nicht auch noch hier im Lande selber solche
Frchte heranziehen! -- Als sich die Zuschauer erstaunt nach der Stimme
umsahen, erkannten sie den Director Sarno, der eben einem Polizeidiener
oder Wchter den Befehl gab, das weitere Auftreten der Kinder zu
verhindern. Dieser schritt auch ohne Weiteres der Bhne zu und beorderte
Guido und Isabella, sich zurckzuziehen, als Bux wthend auf ihn
eindrang und sein Recht behaupten wollte, hier in seinem Locale und
_mit_ seiner Familie zu treiben, was ihm beliebe.

Der Schneider, welcher seinen Platz auf der ersten Bank hatte, war rasch
aufgesprungen als er den Director hrte, um Buttlich herbeizurufen, und
der Wirth erschien auch fast augenblicklich, den Knstler, kraft seines
Freibriefes, gegen die Willkrlichkeiten des Directors in Schutz zu
nehmen. Jetzt aber mischte sich das Publicum in die Verhandlungen, und
besonders waren es die Frauen, die zuerst des Directors Partei nahmen.

Er hat Recht, der Herr Director, riefen sie; es ist ein Skandal und
sollte nicht erlaubt werden! Schickt die armen Kinder in die Schule
oder auf eine Chagra, da sie 'was lernen, was sie zum Leben brauchen!

Ich kann mit meinen Kindern machen was ich will, schrie Bux dazwischen,
und kein Mensch hat mir ein Wort zu sagen!

So, mein Bursche? rief der alte Bauer -- das ist aber doch vielleicht
ein Irrthum; denn wenn wir hier frische Leute und Krfte in's Land
bekommen, so liegt uns auch daran, da sie uns keine Schande machen, und
wo wir merken, da das doch geschehen knnte, da wr's doch sonderbar,
wenn wir nicht auch noch ein Wort mit drein zu reden htten!

Ich kann meine Kinder tanzen lassen, wo ich will, schrie Bux wieder,
durch den neuen Widerspruch gereizt.

Das wei ich nicht, sagte der alte Bauer, indem er ruhig von seinem
Sitze aufstand; ich denke mir aber, wenn Dir Niemand weiter zusieht,
wirst Du's von selber bleiben lassen. Deshalb, Landsleute, wenn Ihr
meinem Rathe folgt, so lat Ihr den Menschen hier seinen Unfug treiben,
seht ihm aber nicht auch noch zu. Ich wenigstens habe die Sprnge und
Dummheiten satt, und wenn ihn Niemand mehr dafr bezahlt, bekommen die
armen Kinder schon von selber Ruhe! -- und damit setzte er seinen Hut
auf und schritt dem Ausgange zu.

Das ist wahr, das ist recht! riefen die Frauen und einige junge
Burschen; es ist eine Schande, nur dabei zu sitzen!

Ihr werdet Euch doch nicht von einem Polizeidiener in's Bockshorn jagen
lassen? schrie jetzt der Schneider dazwischen, der das Weglaufen der
Leute auch theilweise mit als eine Beleidigung gegen _sich_ betrachtete,
weil _er_ ja die Decoration gemalt hatte. Wir sind hier in unserem
Rechte, und ich will Den sehen, der uns Etwas hier zu sagen oder zu
befehlen hat!

Du kannst da bleiben, Schneider, sagte der Bauer ruhig, indem er
den Kopf ber die Schulter nach Justus Kernbeutel hindrehte, von Dir
erwartet es auch Niemand anders! -- und mit den Worten verlie er das
Haus.

Ein paar der jungen Leute zgerten noch; sie hatten ihr Geld bezahlt,
und wollten doch eigentlich auch noch gern genieen, was hier zu sehen
war; da aber alle Anderen gingen, mochten sie auch wieder nicht allein
zurckbleiben, und ehe zehn Minuten vergangen waren, hatten smmtliche
Zuschauer den Platz gerumt, und in der That den Schneider allein als
Publicum in dem den Raume zurckgelassen. Selbst der Polizeidiener war
gegangen, als er sah da die Colonisten die Sache selber in die Hand
nahmen.

Director Sarno hatte ebenfalls die Htte verlassen, sobald er nur den
Befehl gegeben, die Kinder von der Bhne zu entfernen, und wollte gerade
nach seiner eigenen Wohnung zurckgehen, als ihn Jeremias einholte und,
ohne weitere Umstnde seinen Arm ergreifend, sagte:

Der Teufel ist los, Herr Director, und die Bombe ist geplatzt!

Und was giebt's nun wieder? fragte Sarno ruhig, und dann nach der
Landung hinunter horchend, fuhr er fort -- was ist denn das fr ein
Lrm da unten, Jeremias?

Das ist ja eben die Bombe, sagte der kleine Bursche -- der neue
Director mit einem ganzen Schwarm brauner und schwarzer Soldaten, die
man bei uns zu Hause alle fr Geld knnte sehen lassen.

Der _neue_ Director, lchelte Sarno -- und woher weit _Du_ das?

Eben ist das Dampfschiff hereingekommen, versicherte Jeremias -- gerade
von Santa Catharina -- und der Director ist mit den Booten unten von
der kleinen Barre heraufgekommen, weil der Flu jetzt so niedrig ist,
und der Bodenlos hat einen Bekannten dabei getroffen, einen Deutschen,
und der hat ihm die Geschichte erzhlt. Der neue Director logirt bei
dem Baron, und die Soldaten sind mitgeschickt, da uns die Indianer hier
nicht die Hlse abschneiden sollen.

So? sagte Sarno ruhig und schritt auf sein Haus zu -- komm' mit,
Jeremias, vielleicht giebt es Etwas zu besorgen -- und ohne weiter eine
Frage an seinen Begleiter zu richten, setzte er seinen Weg fort. -- Der
neue Director? Er hatte etwas hnliches schon lange erwartet, wenn auch
freilich in anderer Weise, und lange schon gewnscht, dieses lstigen,
undankbaren Postens enthoben zu sein, und trotzdem war es ihm doch ein
bitteres Gefhl, sich zu denken, da er fr so vollkommen entbehrlich
gehalten wurde, seine Arbeit ohne weitere Umstnde durch einen Andern
-- er wute ja noch nicht einmal, durch wen -- fortgefhrt und sich bei
Seite geworfen zu sehen.

Er stand, mit diesen Gedanken beschftigt, vor seinem Hause, ehe er
selbst recht wute, wie er dahin gekommen. Die Entscheidung lie aber
auch nicht lange auf sich warten, denn selbst vor seiner Thr fand er
einen der brasilianischen Soldaten in blauer Uniformjacke, Sommerhosen
und bloen Fen, der ein Schreiben in der Hand hielt und auf Jemanden
zu warten schien.

Zu wem willst Du? fragte er ihn.

Senhor Sarno.

Der bin ich selber.

Brief abzugeben, sagte der Soldat und reichte ihm das Schreiben.

Weiter Nichts?

Der Bursche hielt es nicht einmal der Mhe werth zu antworten,
schttelte nur mit dem Kopf und schlenderte dann pfeifend die Strae
wieder hinab.

Jeremias sah ihm nach und sagte dann kopfschttelnd:

Hbsche Kerle -- jetzt knnen wir nur unsere Huser und Kasten
zuschlieen, denn wo _die_ Bande hinkommt, hrt der Friede auf.

Sarno war vor ihm her in sein Zimmer gegangen, und brach dort das
Schreiben auf. Es enthielt, wie Jeremias schon ganz richtig gemeldet
hatte, seine einfache Entlassung als Director der Colonie Santa Clara,
ohne irgend welchen Grund dafr anzugeben, wie auerdem die Anzeige,
da Baron von Reitschen als neuer Director von dem nmlichen Tage an,
an welchem er die Colonie betreten, in seine Stellung einrcken wrde.
Weiteres werde Herr von Reitschen selber mit ihm besprechen, und Acten
wie Casse von ihm bernehmen.

Also abgesetzt, lachte Sarno bitter vor sich hin, als er das Papier
auf den Tisch warf -- und mit verwnscht wenig Umstnden, wie es
scheint.

Das ist Alles bei der Frau Grfin gekocht, sagte da Jeremias, der, von
dem Director vollkommen unbeachtet, diesem in das Zimmer gefolgt war
-- dorten haben sie's gebraut.

Sarno sah sich rasch nach dem Redenden um.

Gebraut? Was?

Die Eingabe nach Santa Catharina und die ganze andere Geschichte. Der
Herr von Pulteleben hat's geschrieben und vorgelesen, und nachher wurd'
es unterzeichnet und fortgeschickt, im ganzen Orte herum. Selbst der
Lump, der Justus, und der Schuft, der seine Frau und Kinder immer
prgelt und mit dem Bsen im Bunde steht, hat seinen Namen mit drauf
setzen mssen.

Neben den der Frau Grfin? lchelte Sarno.

Nun, ein Stckchen weiter unten, sagte Jeremias -- und mich wollten
sie auch dazu haben, aber ich denke, der Herr von Pulteleben bleibt
knftig bei seinen Cigarren und lt _mich_ ungeschoren.

Die Fabrikation geht gut? lchelte Sarno.

Jeremias pfiff blos leise vor sich hin, schob beide Hnde in die Taschen
und verlie, seinen Hut noch immer unter den Arm geklemmt, das Zimmer,
kehrte aber augenblicklich wieder zurck und meldete: 's ist ein
fremder Herr drauen, der den Herrn Director zu sehen wnscht, und
dabei berreichte er Sarno eine Karte, auf der nur die Worte standen:
Ferdinand von Reitschen.

Wird mir sehr angenehm sein, sagte Sarno, die Karte auf den Tisch
werfend.

Der _Neue_, nicht wahr? fragte Jeremias, indem er Sarno mit den Augen
zublinzelte. Dieser lchelte und nickte, und der kleine Bursche lie
gleich darauf den Baron von Reitschen in das Zimmer.

Mein werther Herr, sagte dieser, indem er rasch auf Sarno zuging und
seine Hand ergriff -- ich mu tausendmal um Entschuldigung bitten, Sie
noch in meinen Reisekleidern aufgesucht zu haben, aber die eigenthmlichen
Umstnde, unter denen ich hier...

Bitte, machen Sie keine Umschweife, unterbrach ihn Sarno ruhig, indem
er ihm einen Stuhl hinrckte -- dem eben erhaltenen Schreiben nach habe
ich das Vergngen, in Ihnen den neuen Director der Colonie zu sehen, und
da ich von dem Augenblicke Ihres Eintreffens an, mein Amt in Ihre Hnde
niederlege, so versteht es sich von selbst, da wir alles Geschftliche
so rasch wie irgend mglich erledigen. Aus diesem Grunde schon kann ich
Ihnen nur dankbar sein, eine fr beide Theile nicht angenehme Sache, so
bald es eben angeht, zu beseitigen.

Ich bitte, mich um Gottes Willen nicht falsch zu verstehen! rief Herr
von Reitschen rasch -- Sie glauben doch sicherlich nicht, da ich schon
in der ersten Stunde auf etwas Derartiges dringen wollte. Nehmen Sie sich
ja Zeit, mein lieber Herr -- nein, ich kam eigentlich heute Nachmittag
nur her, um Sie um Ihren Rath und wo mglich Ihren -- Beistand zu bitten.

In was, wenn ich fragen darf?

Sie wissen, da Se. Excellenz eine kleine Abtheilung Militr hieher
beordert hat.

Ich habe es wenigstens heute erfahren, wenn ich auch eigentlich nicht
recht begreife, zu welchem Zweck.

Die Indianer haben sich in der letzten Zeit wieder so frech gezeigt.

Hier bei uns?

Nun, doch in der Nachbarschaft, sagte Herr von Reitschen etwas
verlegen -- wenigstens liefen dahin lautende Berichte bei dem
Prsidenten ein.

Dahin lautende Berichte htten doch eigentlich von _mir_ ausgehen
mssen sagte Sarno ruhig -- und ich wei Nichts davon.

Sie haben sich in der Nhe sehen lassen, so viel ist sicher, und Sie
wissen selber, da es zu spt ist Vorsichtsmaregeln zu treffen, wenn
sie erst da sind.

Ihre Excellenz ist sehr besorgt um das Wohl der Colonie und hat uns
davon schon viele Beweise gegeben.

_Ihre_ Excellenz? sagte Herr von Reitschen etwas verblfft.

Oder _Seine_, das bleibt sich ja gleich; doch bitte, zur Sache, denn
Sie wissen ja doch, da ich weder mit den Indianern noch mit den Soldaten
weiter Etwas zu thun habe.

Es handelt sich jetzt darum, sie unterzubringen, bis passende Wohnungen
fr sie gebaut werden knnen, sagte Herr von Reitschen, dem selber daran
lag, das Gesprch abzubrechen -- ich bin hier noch zu fremd, und Sie
knnen mir gewi am Besten die Mittel und Wege...

Da bedauere ich doch sehr, unterbrach ihn Sarno ruhig -- ich selber
halte brasilianisches Militr hier zwischen den deutschen Colonisten
nicht allein fr ganz berflssig, sondern sogar noch fr vollkommen
verderblich, und wrde _nie_ die Hand oder meine Hlfe dazu bieten, es
hier unterzubringen, selbst _wenn_ ich noch Director wre.

Aber der bestimmte Befehl des Prsidenten.

Sie vergessen, verehrter Herr, lchelte Sarno, da _mir_ Se. Excellenz
Nichts mehr zu befehlen hat.

Miverstehen Sie mich nicht, sagte Herr von Reitschen rasch -- in
dieser Angelegenheit wrde ich es nur als eine mir persnlich erwiesene
Geflligkeit betrachten.

Ich bedaure dann recht sehr, Ihnen diese nicht leisten zu knnen,
sagte Sarno kalt; kann ich Ihnen vielleicht mit etwas Anderm dienen?

Ich danke Ihnen; mit Nichts was ich augenblicklich wte, sagte Herr
von Reitschen, und hielt seine Unterlippe mit den Zhnen.

Dann ersuche ich Sie nur, fuhr Sarno fort, sich morgen um zehn Uhr zu
mir zu bemhen, um die Directionspapiere zu bernehmen. Sie wohnen?

Bei Baron Jeorgy.

Es ist sonst, lchelte Sarno, bei einer Entlassung von Dienstboten
wohl Sitte, ihnen eine vierwchentliche Kndigungsfrist zu stellen, ich
werde aber dieses Dienstbotenrecht nicht fr mich beanspruchen, Herr
Baron, und hoffe, Ihnen das Directionsgebude bermorgen frh zur
Verfgung stellen zu knnen.

Aber solche Eile ist ja gar nicht nthig.

Doch vielleicht -- bis wann verlt der Dampfer Santa Clara wieder?

Er -- hat Ordre, zu warten, bis Sie bereit seien, falls Sie ihn zur
Abreise benutzen wollten.

Nun, sehen Sie, sagte Sarno, indem ein ironisches Lcheln um seine
Lippen zuckte -- ich darf die Gte der Regierung doch nicht mibrauchen
-- der Dampfer ist nach Rio bestimmt?

Ja

Sehr schn; in einigen Tagen denke ich ihn zu benutzen, bermorgen aber
werde ich jedenfalls hier ausziehen, und meine Wohnung indessen im
Gasthofe nehmen.

Es ist das wirklich nicht nthig -- ich bin bei dem Baron vortrefflich
aufgehoben.

Ich glaube, die Sache ist damit abgemacht.

Wenn Sie es nicht anders wollen -- so habe ich die Ehre, mich Ihnen
gehorsamst zu empfehlen.

Sarno verbeugte sich hflich, aber kalt gegen den Baron, und dieser
verlie rasch das Zimmer, hatte aber kaum die Treppe betreten, als ein
Brett unter seinen Fen nachgab und er polternd die ziemlich steilen
achtzehn Stufen mit einem furchtbaren Lrm hinab kollerte.

Der Herr scheinen die neuen Colonietreppen noch nicht gewhnt zu sein,
sagte Jeremias, der unten an der Treppe stand und mit einer seiner
zierlichsten Verbeugungen den Hut abnahm -- haben sich doch nicht etwa
Ihre werthen Arme oder Beine gebrochen?

Verfluchte Treppe! brummte Herr von Reitschen, indem er sich kaum vom
Boden zu heben vermochte, ohne da ihm Jeremias jedoch die geringste
Hlfe geleistet htte -- eine schne Ordnung hier im Hause, da man
nicht einmal sicher die Stiege betreten kann!

Schade um die hbsche Hose, sagte Jeremias, auf das zerrissene
Kleidungsstck deutend -- aber wenn's Bein nur ganz ist.

Der neue Director hrte ihn nicht mehr und verlie hinkend das Haus,
Jeremias aber stieg, vergngt vor sich hin pfeifend, die Treppe wieder
hinauf, holte dort einen Hammer und Holzstift, welcher letztere genau in
die Stelle pate, wo einer im Seitenbret fehlte, und hatte den Schaden
in wenigen Minuten vollstndig ausgebessert.

Der nchste Tag war ein lebendiger in der Colonie, denn whrend Sarno mit
Herrn von Reitschen in dem Directionsgebude arbeitete und wirthschaftete,
schien indessen jede wirkliche Beschftigung in dem Stdtchen aufgegeben
zu sein, und die Mnner schlenderten in den Straen herum oder saen in
den Wirthshusern, theils die neuen Soldaten zu betrachten, theils sich
ihre Bemerkungen ber diesen, Keinem willkommenen Zuwachs mitzutheilen.

Und was war jetzt der neue Director fr ein Mann, und weshalb hatte man
ihnen den alten eigentlich nicht gelassen? Jetzt, da sie ihn verlieren
sollten, fiel ihnen auf einmal Allen ein, da er doch ein ganz tchtiger
und braver Mann gewesen, der es mit den Colonisten wirklich gut gemeint,
und wie sich der neue zu diesen stellen werde, wute man ja noch gar
nicht. Auerdem war er ein Baron, kein Brgerlicher, wie Sarno, und
hatte sich auch gleich bei dem Baron Jeorgy einquartiert -- weshalb
ging er nicht in's Gasthaus, meinte Bohlos, denn wozu wren denn die
Gasthuser eigentlich da, wenn die Fremden nicht darin wohnen wollten?

Die vorlufige Unterbringung der Soldaten hatte ebenfalls ihre
Schwierigkeit, denn kein Deutscher wollte diese Burschen, die nirgends
in dem besten Rufe stehen und auerdem entsetzlich schmutzig und roh
sind, in Quartier nehmen. Es blieb also zuletzt in der That nichts
Anderes brig, als sie vor der Hand in das Auswanderungshaus zu legen,
obgleich hier schon zwei aus einer andern Colonie herbergekommene
Familien einquartiert lagen. Den Colonisten wurden indessen von Herrn
von Reitschen bedeutet, da es nur fr ganz kurze Zeit sei, da die Leute
selber schon am nchsten Tage daran gehen sollten, Htten fr sich in
der Nhe des Flusses zu errichten.

Nachmittags vier Uhr hatte Sarno seine Geschfte mit dem neuen Director,
so weit das bis zur vollstndigen bernahme geschehen konnte, beendet,
als Knnern, der einen kleinen Ausflug in das innere Land gemacht, vor
seiner Thr hielt, abstieg und zu Sarno hinauf ging.

Sie kommen gerade recht, rief ihm dieser lachend entgegen, um Ihr
eigenes Gepck zusammen zu packen und mit mir auszuziehen. Wir sind
Beide auf die Strae gesetzt.

Also ist es wirklich wahr? sagte Knnern kopfschttelnd -- ich hatte
schon drauen vor dem Orte davon gehrt, und der Herr, der mir da eben
in der Thr begegnete...

Ist der neue Director, Herr von Reitschen.

Sein Gesicht gefllt mir nicht besonders -- doch was thut das -- _ich_
werde mit dem Herrn in keine nhere Berhrung kommen. Aber ist Schwartzau
noch nicht zurck?

Noch nicht, doch kann er jeden Tag eintreffen, denn wir haben die letzten
drei Tage einen festen Sder gehabt, der eine ganze kleine Flotte von
Schoonern in den Flu gebracht -- und geschrieben hat er, da er kommt.
Apropos, Knnern, gehen Sie mit nach Rio?

Wann?

Jetzt -- morgen oder bermorgen.

Knnern hatte die Arme untergeschlagen und ging mit langsamen Schritten
im Zimmer auf und ab; er beantwortete auch eine Zeit lang die Frage
nicht; endlich sagte er leise: Ich kann nicht -- ich kann wenigstens
jetzt noch nicht, bis sich mein Schicksal hier entschieden hat.

Knnern, Knnern, nehmen Sie sich in Acht!

Ihre Warnung kommt zu spt, sagte der junge Mann, indem er vor Sarno
stehen blieb und ihm treuherzig in's Auge sah.

Und sind Sie schon so weit?

Weit? seufzte Knnern; ich stehe an der nmlichen Stelle, wo ich vor
vier Wochen stand -- ich habe Elisen seit jenem Tage, an dem ich zum
ersten Male ihren Garten betrat, nicht wieder gesehen, also auch _nie_
allein sprechen knnen, denn der Alte htet sie ordentlich vor mir, und
hat mich schon ein Dutzend Male von seiner Thr zurckgewiesen. Aber ich
bin jetzt entschlossen, dem ein Ende zu machen. Ich glaube da Elise
mich wieder liebt, und ist dem so, dann knnen die Eltern keinen Grund
haben, sie mir zu verweigern; ich bin vollkommen unabhngig und kann
eine Frau ernhren.

Sie wissen, da Meier ausverkaufen und von hier fortziehen will?
fragte Sarno.

Kein Wort! rief Knnern rasch.

Er steht schon ber seine Chagra in Unterhandlung, und zwar durch eine
Mittelsperson, mit jenem Pulteleben, der bei der Frau Grfin wohnt. Ich
wei es genau, und glaube jetzt fest, da _Sie_ die Ursache sind, die
ihn hier forttreibt.

Es wre entsetzlich wenn Sie Recht htten! sagte Knnern scheu; und
doch frchte auch ich fast, da dem so ist, denn welcher andere Grund
knnte den Mann aus seiner freundlichen Huslichkeit treiben.

Es wre das wenigstens ein Zeichen, da das Mdchen auch Sie liebt, und
etwas hnliches den Eltern vielleicht erklrt hat. Sonst wei ich nicht,
weshalb eine solche Maregel nthig wre. Ein Vater kann doch nicht
immer gleich die ganze Gegend verlassen, wenn Jemand um seine Tochter
anhlt, der ihm aus dem einen oder andern Grunde nicht genehm ist.

Ich mu hin -- ich mu noch heute hin! sagte Knnern, seinen Spaziergang
im Zimmer wieder fortsetzend -- ich mu wissen woran ich bin, und wenn
mich Elise wirklich liebt, dann _drfen_ mir die Eltern ihre Hand nicht
verweigern; sie _drfen_ ihr Kind nicht unglcklich machen um der Laune
eines menschenscheuen Mannes wegen!

Mein lieber Knnern, sagte Sarno ruhig, wenn die Sache so steht, und
Sie bis ber die Ohren in die junge Dame wirklich verliebt sind, so
werde ich natrlich meine Zeit nicht lnger mit Bitten vergeuden, mich
zu begleiten. Bleiben Sie hier und thun Sie, was Sie eben nicht lassen
knnen. Um eins aber _mu_ ich Sie bitten, schon Ihres Bruders wegen:
handeln Sie nicht unberlegt und wie ein junger, tollkpfiger Bursche
von zwanzig Jahren. Heute Abend sind Sie aufgeregt -- thun Sie keinen
Schritt in der ersten Aufwallung, der Sie nachher vielleicht gereuen
knnte und nie wieder gut zu machen ist. Beschlafen Sie die Sache;
denken Sie mit kaltem Blute darber nach, und wenn Sie morgen nach dem
Frhstck noch genau derselben Meinung sind wie heute, gut, dann thun
Sie was Sie wollen!

Aber welchen Grund knnten Sie haben, einen solchen Schritt fr
unberlegt zu halten? Elise...

Ist ein Engel, wie ich keinen Augenblick zweifle, unterbrach ihn
lchelnd Sarno; aber, setzte er ernster hinzu -- man heirathet zu
Zeiten nicht allein die Geliebte, sondern auch die Schwiegereltern
mit, und -- mein Rath geht eben _nur_ dahin, sich vorher ber _deren_
Verhltnisse doch ein wenig genauer zu unterrichten. Ich mu Ihnen
aufrichtig gestehen, da mir der alte Meier _nicht_ besonders gefllt,
denn _da_ er sich so ngstlich von jedem Menschen zurckhlt, _kann_
recht gut einfache Scheu vor einem geselligen Umgange -- es kann aber
auch etwas Anderes sein, und ich habe in den zwlf Jahren, in denen
ich mich in den Colonien herumtreibe, schon ganz merkwrdige und oft
wunderliche Erfahrungen gemacht.

Sie glauben doch nicht das alberne Geschwtz Zuhbel's?

Zuhbel ist ein Schwtzer, und wenn Alles wahr wre was er sagt, so
verdiente _ich_ zum Beispiel gehngt zu werden.

Und hat jener Meier in der Zeit seines hiesigen Aufenthalts irgend
Etwas gethan, was...

Nichts -- gar Nichts -- er hat sich stets als einen fleiigen,
anstndigen Menschen gezeigt.

Dann berlassen Sie mich auch meinem Schicksal, sagte Knnern
freundlich. Ich will Ihrem Rathe folgen und erst morgen frh
hinberreiten -- alles Andere mag sich aber dort entscheiden.




5.

Die Cigarrenfabrik.


In dem Hause der Frau Grfin Baulen hatte sich indessen, und in dem
kurzen Zeitraum von wenigen Wochen, auerordentlich viel verndert. Das
ganze Haus war eigentlich auf den Kopf gestellt, und so still es sonst
gewesen, glich es jetzt einem Bienenstock, in dem eine Menge von fremden
Menschen tglich ein und aus schwrmte -- wenn sie auch eben keinen
Honig eintrugen.

Der sogenannte Gartensalon unten, wie man frher das grte Zimmer
genannt, war nmlich in eine Werksttte verwandelt worden, in der sieben
kleine Tische mit eben so vielen Sthlen standen, whrend auf jedem ein
dickes, viereckiges Brett aus hartem Holz und ein kleines Messer lagen.

Fnf von diesen waren mit Arbeitern in Hemdsrmeln besetzt, die Haufen
von Tabaksblttern neben sich liegen und ein Kistchen oder einen Korb
dabei stehen hatten, in denen fertige und noch feuchte Cigarren
aufgeschichtet lagen, und in der Stube selber, an eingeschlagenen
derben Ngeln waren Seile ausgespannt, auf denen breite Deckbltter
zu oberflchlichem Abtrocknen aufgehangen waren.

Die Fenster waren geffnet, theils um die milde Luft herein, anderntheils
um den dichten Tabaksqualm hinaus zu lassen, denn die fnf Cigarrenmacher
rauchten die eben gewickelten und noch biegsamen Cigarren mit einer wahren
Leidenschaft. Allerdings hatte ihnen das die Frau Grfin im Anfange nicht
gestatten wollen, und in den ersten Tagen war es nur Oskar und Herrn von
Pulteleben erlaubt gewesen, im Hause zu rauchen. Da sich die Leute aber
zu arbeiten weigerten, wenn sie nicht ihre Cigarre dabei rauchen drften,
und sogar die Bibelstelle mit dem dreschenden Ochsen und dem Maulverbinden
citirten, sah sich die Frau Grfin genthigt, in ihrer Strenge
nachzulassen. Es hatte berdies Mhe genug gekostet, Leute aufzutreiben
die im Cigarrendrehen erfahren waren, und es hing jetzt Alles davon ab,
eine grere Quantitt fertig zu bringen und auf den Markt zu werfen.

Die beiden jetzt leer stehenden Tische im unteren Zimmer verriethen vor
den brigen eine kleine Auszeichnung. Erstlich standen Rohrsthle davor,
und dann hatten die auf dem Brette liegenden Messer Perlmuttergriffe.

Hier sollten oder wollten Herr von Pulteleben und Oskar arbeiten, und in
der ersten Woche waren sie auch in der That die Ersten und Letzten dabei
gewesen. Dieser Eifer aber verrauchte freilich bald, und Oskar erklrte
schon am Montag Morgen der zweiten Woche, da er nicht nach Brasilien
gekommen wre, um wie ein Sclave zu schanzen, er htte sich sonst
gleich von vorn herein schwarz anstreichen lassen.

Herr von Pulteleben hielt lnger aus; er ging wenigstens ab und zu in
die Fabrik, um einestheils die Arbeiter zu berwachen, anderntheils
aber auch einmal ein paar Dutzend Cigarren fertig zu bringen, die aber
freilich alle noch eine solche auergewhnliche Form hatten, da er sie
selber rauchen mute und nur einzeln zwischen die regelrecht gefertigten
der Arbeiter einschieben konnte. Mit dem Wickeln selber ging es noch so
ziemlich, aber er brachte die Spitze nicht zu Stande, die sich in die
verschiedensten phantastischen Formen drehte und manchmal lang und dnn
auslief, oft aber mit Kleister zum Zusammenhalten gezwungen werden mute.

Selbst in die Zimmer der Frau Grfin waren die unnatrlichen Auswchse
der Cigarrentische gedrungen, und diese selber gab sich hier mit Helenen
derselben Beschftigung hin. Helene entwickelte vor allen Anderen
einen wahrhaft eisernen Flei in diesem neuen und ihr wahrlich
fremden Wirkungskreise. Mit der ihr in allen anderen Dingen eigenen
Geschicklichkeit hatte sie rasch gelernt, nicht allein rauchbare,
sondern auch gut aussehende Cigarren in regelmiger Form anzufertigen,
und schon nach drei Wochen arbeitete sie kaum weniger rasch, als irgend
einer der angestellten Gehlfen.

Wie sich aber die Arbeit bei ihr frderte, schien auch ein anderer,
besser Geist ber sie zu kommen; sie schien heiterer, glcklicher zu
werden, und wenn sie sich des Gedankens vielleicht selber nicht ganz
klar wurde, war es doch wohl nur ein Gefhl grerer Selbststndigkeit,
das sie durchzuckte, wenn sie sich bewut wurde, ihr Brod im Nothfall
selber verdienen zu knnen.

Jeder wirklich edle Charakter _hat_ dieses Gefhl, mag ihn das Schicksal
in eine Stellung geworfen haben, in welche es wolle -- jeder _sollte_ es
wenigstens haben, denn es ist die einzige Lebensversicherung, die uns
der Zukunft darf getrost in's Auge schauen lassen.

Helene, mit einem empfnglichen Herzen fr alles Schne und Gute, das
selbst durch die schlaffe, leichtsinnige Erziehung ihrer Mutter nicht
in ihr ertdtet werden konnte, hatte schon lange schmerzlich den Kampf
empfunden, den diese gegen das Leben ankmpfte, nur um eine leere,
uere Erscheinung aufrecht zu erhalten, und wenn sie sich bis dahin
selber machtlos gefhlt, das zu ndern, erffnete pltzlich diese neue
Beschftigung ihr dazu die Aussicht. Da ihre Mutter nur durch die
uerste Nothwendigkeit zu einem solchen Schritte getrieben war, sah sie
recht gut ein; aber sie dankte Gott dafr, und nur manchmal beschlich
sie, nach Andeutungen die jene fallen lie, ein eigenes dunkles Gefhl,
da von der sonst so stolzen Grfin dieses Mittel, sich eine Stellung
im Leben zu erzwingen, nicht ernstlich gemeint sei, ja, nur als
augenblickliche Aushlfe betrachtet werde und einem andern, tiefer
liegenden Zwecke dienen solle. Und welchem? Comtesse Helene prete die
feingeschnittenen Lippen fester zusammen und ihr Auge nahm wieder jenen
alten, zornigen Trotz an, den die letzten Wochen fast daraus verbannt
hatten -- aber sie dachte den Gedanken nie aus und arbeitete dann nur um
so rstiger weiter, um die ihr noch so nthige Fertigkeit in ihrer neuen
Beschftigung zu erlangen.

Die Frau Grfin selber hatte wohl auch ein paar Mal begonnen Cigarren
zu machen, aber es war stets nur bei einem leider nicht mit Erfolg
gekrnten Versuche geblieben. Selbst Jeremias weigerte sich, die von ihr
angefertigten Cigarren zu rauchen, weil er behauptete, er bekme die
Schwindsucht dabei und zge sich die Seele aus dem Leibe. Das Fabrikat
mute stets wieder zu Einlagen fr andere verwendet werden.

Jeremias hatte brigens in der neuen Fabrik eine nicht unbedeutende
Wichtigkeit erlangt, da sich sehr bald herausstellte, da _er_ die
einzige Person im Hause sei, die wirklich Etwas von Tabaksblttern
verstand und eingesandte Proben beurtheilen konnte. So oft man aber auch
versuchte, ihn zu thtiger Mitwirkung bei der allgemeinen Leidenschaft
zu veranlassen, so oft schlug er jedes solches Anerbieten auf das
Entschiedenste aus, und nahm sich nur die Interessen seines Gutachtens
in fertiger Waare, besonders von Oskar's Tische, der auch nur fr
eigenen Bedarf zu arbeiten schien.

Herr von Pulteleben war auer Helenen noch der Fleiigste der Familie,
zu der er sich jetzt vollkommen zu zhlen schien, und besonders
veranlate ihn dazu wohl die schon merkliche Abnahme seines kleinen
Capitals, das noch dazu nicht Alles in den Ankauf von rohem Tabak und
die Bezahlung der Arbeiter gesteckt war.

Die Frau Grfin hatte, da der schon so lange erwartete Wechsel angeblich
noch immer nicht eingetroffen (er war in der That angekommen, aber auch
augenblicklich verausgabt worden, um nur die dringendsten Glubiger
zu befriedigen), einige kleine Anlehen gemacht, um, wie sie Herrn von
Pulteleben sagte, besonders Helenens Garderobe in Etwas zu restauriren
und dann einige andere hchst nthige Verbesserungen in ihrer Wirthschaft
zu treffen, und die Einnahme der fertigen, aber noch nicht abgelagerten
Cigarren stellte sich auerdem als viel geringer heraus, als man im
Anfang erwartet haben mochte.

Herr von Pulteleben begann nachzudenken. Die ersten Zweifel stiegen
in ihm auf, ob er hier auf brasilianischem Boden wohl auch gleich die
richtige Speculation getroffen habe, in sehr kurzer Zeit ein reicher
Mann zu werden, und zwar ohne fremde Hlfe, aus eigener Geistesfhigkeit
und Ausdauer -- denn das mitgebrachte und ebenfalls nicht selber verdiente
Geld rechnete er natrlich gar nicht. Hinter dem Allem aber schwebte
freilich das Bild Helenens, deren Reize einen unwiderstehlichen Zauber
ausbten und ihn noch immer nicht recht zur Besinnung kommen lieen.

Hatte er sich gleich im ersten Augenblick von ihrer lieblichen Erscheinung
gefesselt gefhlt, so festigte sich das Band, das ihn zu ihr hinzog,
mit jedem Tage mehr und mehr, trotzdem ihm das schne Mdchen nicht
die geringste Ermuthigung gab, an eine gegenseitige Neigung glauben zu
drfen. Sie war stets mehr hflich und artig als freundlich gegen ihn;
sie ging, so muthwillig sie auch sonst sein konnte, nie auf die Scherze
ein, die Oskar oft in kindischer Ungezogenheit mit ihrem neuen Hausgast
trieb, denn Oskar war nicht gewohnt, irgend eine Verbindlichkeit gegen
Jemanden in der Welt anzuerkennen, selbst nicht einmal gegen seine eigene
Mutter. Helene aber wute, da sie Alle dem Fremden Dank schuldig seien,
sie, wenn auch nur fr den Augenblick, aus einer Lage befreit zu haben,
in die sie die unbedachte und zwecklose Verschwendung ihrer Mutter
gebracht; aber sie fhlte sich dadurch gedrckt, denn Herr von Pulteleben
war keine Persnlichkeit, der sie mit freudigem Herzen Etwas htte danken
mgen.

Arno von Pulteleben legte aber selbst diese oft nur kalte Hflichkeit
stets zu seinen Gunsten und seinen eigenen Wnschen gem aus, denn er
besa eine vortreffliche Meinung von sich selber, und hatte ihn der
_Rangesunterschied_ bei dem ersten Begegnen auch etwas schchtern
gemacht, so schwanden diese Bedenken immer mehr und mehr, als er erst
einmal die berzeugung gewann, da die grfliche Familie, vor der Hand
wenigstens, nicht die ihrem Rang entsprechenden Mittel besa, und die
Frau Grfin selber auf das Herablassendste seine pecunire Hlfe in
Anspruch nahm.

Die Sache hatte aber trotzdem ihren Haken; denn wenn sie mit
ihrem Geschfte wirklich nicht reussirten, ehe der fabelhaft lange
ausbleibende Wechsel der Frau Grfin ankam, so konnte er in eine Lage
kommen, die ihm viel zu fremd war, um sich vor der Hand auch nur selber
hineinzu_denken_; denn was er auch immer der Grfin von dem seiner
daheim noch wartenden Vermgen erzhlt haben mochte, selber hegte er
keineswegs die groen Erwartungen, die er in ihr erregt hatte. Desto
fester aber glaubte er an eine freundliche Mythe, die, in dem Kopfe der
Frau Grfin entsprungen, ein sehr bedeutendes Rittergut in Ungarn zur
Basis hatte, das jetzt durch ihren Anwalt verkauft wurde, und dessen
Ertrag dann ohne Weiteres an sie bermacht werden sollte.

Die Frau Grfin hatte ihm das eines Tages, als sie allein beisammen
waren, unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, denn Helene
sollte nichts von dem Verkaufe wissen, weil sie kindischer Weise noch
zu sehr an dem alten Stammgut hing.

_Bis_ diese Gelder aber ankamen, mute mit dem noch vorhandenen und
allerdings schon sehr zusammengeschmolzenen Capital gewirthschaftet
werden, und obgleich er selber Nichts in der Welt weniger als
Geschftsmann war, konnte er sich doch nicht verhehlen, da ihre
Ausgaben mit ihren Einnahmen auch nicht in dem geringsten Verhltni
standen. Ging die Sache also noch lange so fort, so _mute_ die Zeit
eintreten, in welcher seine Baarschaft verausgabt war -- und was dann?
Er beschlo deshalb, ganz ernsthaft mit der Frau Grfin zu reden -- er
war ihr das ja sogar schuldig -- und sie konnten dann gemeinsam einen
Plan entwerfen, wie -- ja, er wute eigentlich selber noch nicht recht,
ber was -- aber das ergab sich dann ja auch schon in der Unterhaltung.

Es waren, wie schon gesagt, heute Morgen wieder frische Proben von
Blttertabak eingesandt worden, und whrend Helene allein in ihrer
Stube, mit ihrer Arbeit und ihren Gedanken beschftigt, sa, hatte die
Frau Grfin mit Jeremias den Tabak geprft und die Sorten ausgesucht,
welche sie fr die besten zur Bearbeitung hielten. Damit im Reinen,
wurde Herr von Pulteleben gerufen, um zu einer abgemachten Sache seine
Zustimmung und dann, die Hauptsache, die schriftliche Ordre zum Ankaufe
zu geben, da die Frau Grfin die etwas unangenehme Erfahrung gemacht
hatte, ihre eigene Handschrift in der Geschftswelt nicht besonders
respectirt zu sehen.

Oskar lag auf dem Sopha, rauchte eine von ihm selbst gewickelte Cigarre
und pfiff in den Pausen eines von Helenens Liedern. Was kmmerten _ihn_
die Geschfte!

_Vor_ dem Zimmer stand ein Tausend Cigarren, das Oskar bernommen gehabt
hatte, schon gestern Abend zu dem Geistlichen zu befrdern und das Geld
dafr mitzubringen, und Herr von Pulteleben rgerte sich, da der junge
Bursche nicht allein zu gar Nichts zu bringen war, sondern sogar noch
wie zum Hohn hier ausgestreckt auf dem Sopha lag.

Ach, lieber Baron, sagte die Grfin, als er eintrat, und ohne seinen
auf Oskar geschleuderten, eben nicht freundlichen Blick zu beachten
-- wir haben hier den Tabak ausgesucht -- sehen Sie, diese beiden Sorten
-- von der einen zwlf Aroben zu Einlage und drei Aroben von der andern
zu Deckblatt -- ich denke, das wird vorlufig genug sein, und wir knnen
erst einmal mit der kleinen Quantitt versuchen, wie sich die Cigarren
machen werden. Von wem ist der Tabak, Jeremias?

Von Khler's Chagra, sagte der Angeredete, indem er sich von dem
Tische ebenfalls eine Cigarre nahm und sie abbi -- er hat aber gesagt,
er gb' ihn fr _den_ Preis nicht anders, als um baar Geld lacht -- die
landesbliche Mnzsorte.

Ich denke, da ihm sein Geld bei uns sicher ist, sagte die Frau
Grfin, rgerlich den Kopf zurckwerfend.

Kann wohl sein, meinte Jeremias, die abgebissene Spitze in die Ecke
spuckend -- er denkt's aber nicht, und ist dumm genug, das Geld lieber
in der eigenen Tasche wie bei fremden Leuten zu haben -- mit Erlaubni
-- damit ging er an das Feuerzeug und wollte sich ohne Weiteres seine
Cigarre anznden; die Frau Grfin schien aber nicht gesonnen, ihm _alle_
Freiheiten zu gestatten.

Sie wissen doch, Jeremias, sagte sie streng, da ich Niemandem
gestatte, in _meinem_ Zimmer zu rauchen -- meinem Sohne ausgenommen,
fuhr sie fort, als sie bemerkte, wie Jeremias einen halb lchelnden
Blick nach Oskar hinber warf -- ich dulde keine Unverschmtheit.

Reden wir nicht weiter davon, sagte Jeremias, indem er die Cigarre
in die Tasche schob und mit dem Fue den neben ihm liegenden Haufen
Blttertabak etwas lockerte -- Sie knnen wahrscheinlich den Tabaksgeruch
nicht vertragen. Soll ich dem Khler das Geld gleich mit hinauf nehmen?
denn er wollte sofort Antwort haben, weil jetzt gerade Gelegenheit ist,
den Tabak nach Rio Grande zu schicken.

Kommen Sie nachher wieder herauf, sagte Herr von Pulteleben, die
Antwort umgehend -- ich habe augenblicklich mit der Frau Grfin noch zu
reden.

Hm, sagte Jeremias, aus einer etwas engen Uhrtasche eine riesige, beinahe
kugelrunde Taschenuhr herauszwngend und den silbernen Deckel derselben
ffnend -- jetzt ist's in sechs Minuten zehn; um halb elf mu ich
sptestens fort, wenn ich zu Mittag wieder da sein will. Wre mir lieb,
wenn ich bei der Gelegenheit auch gleich meinen rckstndigen Lohn
bekommen knnte, um meine eigenen Rechnungen zu bezahlen -- und mit den
Worten schlenderte er langsam zur Thr hinaus.

Der Bursche wird mit jedem Tage unverschmter! sagte die Grfin, als
er das Zimmer kaum verlassen hatte -- und wenn Du seine bergriffe
duldest, Oskar, so habe ich nicht Lust, dem noch lnger ruhig zuzusehen.
Entweder er mu sich seiner untergeordneten Stellung fgen, oder das
Haus verlassen.

Und wo willst Du einen Andern herbekommen? sagte Oskar, ein Bein ber
das andere legend.

Mein lieber Oskar, fiel hier Herr von Pulteleben ein, es ist nicht
allein Jeremias, der sich ndern mu, wir werden Alle unsern Beruf ein
wenig mehr in's Auge fassen mssen, wenn wir es wirklich zu Etwas
bringen wollen.

Puh, sagte Oskar, den Dampf zu gleicher Zeit ausblasend -- wollen
Sie einmal wieder Moral lesen? Verderben Sie uns den schnen Tag nicht.

Moral gar nicht, sagte Herr von Pulteleben piquirt -- aber ein klein
Wenig mssen Sie doch auch mit zufassen, wenn nicht Alles rckwrts
gehen soll. Die Cigarren zum Beispiel, die Sie schon gestern Abend an
den Pfarrer Beckstein besorgen und das Geld dafr eincassiren wollten,
stehen noch immer drauen, und wenn es auch nur zwanzig Milreis sind,
so brauchen wir sie doch, um die laufenden Ausgaben zu decken.

Aber weshalb, zum Henker, schicken Sie da nicht den Jeremias? -- rief
Oskar mit gerunzelter Stirn -- glauben Sie, da _ich_ Ihren Laufburschen
machen soll?

Mein lieber Baron, sagte die Frau Grfin, Oskar hat da wirklich
Recht. Ich sehe auch nicht ein, weshalb das Jeremias nicht eben so gut
besorgen kann.

Aber Jeremias, meinte Herr von Pulteleben, kann die wenigen Stunden,
die er berhaupt hier ist, viel ntzlicher beschftigt werden, und Oskar
hat auf der Gottes Welt Nichts zu thun....

Als _Ihnen_ aufzuwarten, nicht wahr? rief der junge Bursche, rgerlich
vom Sopha aufspringend -- es wird doch wahrhaftig alle Tage besser,
und das Zimmer verlassend, schlug er die Thr hinter sich zu, da die
Scheiben klirrten.

Herr von Pulteleben blieb mit der Frau Grfin allein zurck, und zwar in
der peinlichsten Verlegenheit, denn wenn er sich auch in seinem vollen
Recht wute und nicht das geringste Unbillige verlangt hatte, fhlte er
doch, da die Frau Grfin selber einen andern Standpunkt einnahm, und
mochte um Alles in der Welt ihr nicht feindlich entgegen treten. War sie
nicht Helenens Mutter und mute er nicht schon Helenens wegen in allen
solchen, doch eigentlich Nichts bedeutenden Kleinigkeiten nachgeben?
Und doch hatte er gerade heute Morgen mit der Frau Grfin ber ihre
beiderseitige, sich schwieriger gestaltende Situation sprechen wollen,
wenn die Frau Grfin nur gerade nicht in diesem Augenblick so entsetzlich
stolz und vornehm ausgesehen htte.

Ob diese etwas hnliches vermuthete? Dann war sie jedenfalls augenblicklich
im Vortheile, und nicht die Frau, einen solchen unbenutzt zu lassen.

Sie haben Oskar ganz unnthiger Weise gereizt, lieber Freund, sagte
sie, zu ihrem Schreibtische gehend und ein Flacon ffnend, an das sie
mehrmals roch -- diese Scenen greifen meine Nerven an -- Sie mssen
doch bedenken, da er noch ein ganz junger Mensch ist, der nicht die
reifere Erfahrung des Alters haben kann, und das Leben stets von einer
leichten, ich will nicht lugnen, oft _zu_ leichten Seite betrachtet.
Mit guten und freundlichen Worten ist er aber zu Allem zu leiten.

Frau Grfin, stammelte von Pulteleben verlegen, ich will nicht
abstreiten, da ich vielleicht zu rauh gewesen bin, aber -- aber
die Schwierigkeit -- die Ungewiheit unserer augenblicklichen
Verhltnisse....

Schwierigkeit? -- Ungewiheit? sagte die Grfin erstaunt -- ich
verstehe Sie nicht.

Sie werden mir zugeben, da߫ -- fuhr Herr von Pulteleben verlegen fort,
und stak dann fest.

Zugeben? Was? fragte die Grfin ruhig.

Da unser Unternehmen doch noch keineswegs gesichert ist, setzte der
junge Mann mit einer Art von verzweifeltem Entschlu hinzu -- meine
Aus-- _unsere_ Ausgaben sind sehr bedeutend und die Einnahmen bis diesen
Augenblick noch auerordentlich gering gewesen.

Und ist das _meine_ Schuld? fragte die Grfin streng.

Um Gottes willen, verstehen Sie mich nicht falsch, bat Herr von
Pulteleben in Todesangst -- ich meine ja nur, da wir bis jetzt
entsetzlich wenig fr die Cigarren gelst haben. Die viertausend Stck,
welche der Wirth, Herr Bohlos, bekommen hat, wurden nicht bezahlt, weil
der Mann eine Gegenrechnung brachte, die Oskar....

Ja, leider, einer seiner jugendlichen Streiche, sagte die Grfin
seufzend, -- ich habe ihm aber auch meine Meinung darber gesagt und es
wird nicht wieder geschehen.

Unglcklicher Weise traf es sich auch, da unser erster Ankauf des
Tabaks so gnzlich milang.

Lieber Gott, sagte die Dame achselzuckend, das wissen Sie ja selber,
da man in jeder Sache erst einmal Lehrgeld bezahlen mu. Ich glaubte
einen ganz ausgezeichneten Kauf zu machen, glaubte mit einem ehrlichen
Manne zu thun zu haben, und wurde auf das Schndlichste betrogen. Der
nchste Tabak war dagegen vortrefflich, und dieser Herr Buttlich hat
unsere Kundschaft fr immer verloren.

Der Bckermeister -- wie heit er gleich -- fuhr Herr von Pulteleben
seufzend fort -- hat ebenfalls dreitausend Cigarren nicht bezahlt,
weil er es von der Miethe abziehen will.

_Das_ ist so gut wie baar Geld, lchelte die Grfin -- denn wir
mten es ihm sonst ja wieder herauszahlen.

Und der Kaufmann oben an der Ecke, von woher Sie Ihren Bedarf gezogen
haben --

Aber, bester Freund, sagte die Grfin gereizt, das sind ja lauter
Gegenrechnungen, bei denen wir nur gewinnen, da wir einen solchen
Betrag in unserem Fabrikat bezahlen knnen. Werfen Sie mir vor, da wir
leben?

Ich? Aber ich bitte Sie, Frau Grfin! rief Herr von Pulteleben bestrzt
-- ich erwhne diese einzelnen Posten ja nur, um Ihnen zu beweisen,
da wir schon eine ziemliche Quantitt von Cigarren verarbeitet, durch
ungnstige Umstnde aber kein baares Geld dafr einbekommen haben. _Mein_
an sich eben nicht bergroes Capital schmilzt dabei mehr und mehr
zusammen, und ich hielt es nur fr meine Pflicht, Sie von dem Umstande
in Kenntni zu setzen, damit wir nicht pltzlich einmal in -- in
Verlegenheit geriethen. Ein Geschftsmann sollte doch eigentlich auf
alle Zuflligkeiten gefat sein.

Sie sind zu ngstlich, lchelte die Grfin, welche sich noch nie im
Leben Sorgen gemacht hatte, wenn sie nur die unmittelbare Gegenwart
gesichert wute -- aber ich billige vollkommen Ihre Vorsorge etwa
mglicher Eventualitten. Wir wollen auch mit aller Umsicht zu Werke
gehen, und da wir es dabei nicht an _Flei_ fehlen lassen, setzte
sie mit einem Blick auf ihren heute freilich noch nicht berhrten
Cigarrentisch hinzu, werden Sie mir ebenfalls bezeugen knnen.

O, gewi -- de bin ich sicher berzeugt, stammelte Herr von Pulteleben,
von der Gte der Frau Grfin so entzckt, da pltzlich die Idee in ihm
aufstieg, den Moment zu benutzen und einen khnen Schritt zu seinem
knftigen Lebensglcke zu wagen -- Sie kennen mich ja aber jetzt auch,
Frau Grfin -- Sie wissen, da ich mit allem Eifer...

Ich wei es, sagte die Dame freundlich, und die nchste Zeit wird
Ihnen den Beweis bringen, wie rasch wir das jetzt vielleicht etwa
Versumte wieder eingeholt haben. Der neue Tabak ist vortrefflich und
wir werden brillante Geschfte damit machen. -- Aber da fllt mir gerade
ein, da Jeremias unten auf den Bestellzettel wartet -- ich habe ihn
hier schon geschrieben -- bitte, unterzeichnen Sie ihn nur noch -- als
unser Geschftsfhrer, setzte sie lchelnd hinzu -- das Geld knnen
Sie ja dann vielleicht dem Jeremias gleich mitgeben -- der Betrag ist
hier ausgefllt. -- Der alberne Bauer hat es sich nun einmal in den Kopf
gesetzt, nur gegen baares Geld zu verkaufen.

Mit Vergngen, stotterte Herr von Pulteleben, der in diesem Augenblicke
wirklich gar nicht mehr an den Tabak dachte -- aber -- werden Sie mir
auch nicht zrnen, wenn ich -- die Grfin sah ihn erwartungsvoll an,
und Herr von Pulteleben, welcher ber und ber roth geworden war, fuhr
schchtern fort: wenn ich mit einer -- mit einer recht groen Bitte vor
Ihre Thr kme?

Mit einer Bitte?

Sie sind immer so sehr gtig gegen mich gewesen.

Und die Bitte?

Und Comtesse Helene ebenfalls, stammelte Herr von Pulteleben, und sein
Gesicht sah in dem Augenblick aus, als ob ihm das Feuer heraus schlagen
wollte -- Sie -- Sie knnen wohl denken, Frau Grfin, da das -- da
das lngere Beisammenleben mit einem so liebenswrdigen Wesen -- ich
mu zwar gestehen, da ich eigentlich gar nicht daran denken drfte,
ein solches Glck zu verdienen -- eigentlich ist _Glck_ gar nicht der
passende Name -- Seligkeit sollte man sagen -- und -- und wenn ich nur
hoffen drfte, da....

Er stak wieder vollstndig fest, und die Grfin hatte seine
unzusammenhngenden Worte, als sie nur erst deren Sinn ahnte, auch mit
keiner Silbe weiter unterbrochen. Jetzt nickte sie leise lchelnd mit
dem Kopf und sagte dann freundlich:

Mein lieber Herr von Pulteleben, ich habe fast gefrchtet, da Ihnen
das tolle Mdchen den Kopf verdrehen wrde. berlegen Sie sich aber die
Sache wohl, denn Helene ist....

Ein Engel! unterbrach sie der junge Mann, der seiner berstrmenden
Gefhle nicht lnger Meister war -- ich wre selig, wenn ich nur hoffen
drfte, da ich ihr nicht ganz gleichgltig bin.

Die Grfin lchelte wieder freundlich vor sich hin und sagte dann in
gtigem, aber immer noch abwehrendem Tone:

Nun, wir wollen sehen; ich werde mit meiner Tochter sprechen -- ich
glaube, da wir zu einander passen, und wenn Sie auch noch etwas jung
sind....

Ich werde mit jedem Tage lter! rief Herr von Pulteleben, der vor
lauter Glckseligkeit schon gar nicht mehr wute was er sagte.

Nun gut, lachte die Grfin jetzt herzlich -- da Sie diesen Fehler
also tglich verbessern, so lt sich ja vielleicht ber die Sache
reden. Ich kann Ihnen natrlich ohne meine Tochter keine _bestimmte_
Zusicherung geben.

Sie heben mich in den siebenten Himmel! rief von Pulteleben.

Aber ich will doch sehen was sich thun lt, fuhr die Grfin fort,
und kann Ihnen wenigstens versprechen, da ich ein gutes Wort fr Sie
einlegen werde. Aber unsere Geschfte drfen wir darber nicht
versumen.

In zwei Minuten soll Jeremias abgefertigt sein, rief der junge Mann,
seinen Hut ergreifend.

Das Gestampfe ungeduldiger Pferde unter dem Fenster wurde in diesem
Augenblick hrbar, und als Herr von Pulteleben, von einer pltzlichen
Ahnung ergriffen, hinaus sah, bemerkte er, wie sich Helene in den Sattel
schwang und dann, als sie ihn am Fenster erblickte, hinauf rief: Reiten
Sie mit?

Wenn Sie nur einen Moment auf mich warten wollen, rief dieser hinab, und
sich dann zu der Grfin wendend, sagte er bittend: Ich bin heute nicht
mehr im Stande, zu arbeiten -- das Herz ist mir zu voll! Hier haben Sie
meinen Schlssel -- bitte, theuerste Frau Grfin, besorgen Sie das
Nthige, und mit zwei Stzen war er die Treppe hinunter und im Stalle,
und wenige Minuten spter bei den Geschwistern drauen, mit denen er in
flchtigem Galopp die Strae hinab sprengte.




6.

Der Ritt am Strande


Gnther von Schwartzau hatte indessen seine Geschfte in Santa Catharina
rascher besorgt, als er im Anfange selbst geglaubt, und da ihn Nichts
weiter an den Platz fesselte, so benutzte er die erste sich ihm bietende
Gelegenheit, auf einem der kleinen brasilianischen Schooner die Rckreise
nach Santa Clara anzutreten.

Die Reisen auf diesen Fahrzeugen sind freilich nur sehr unsicher, denn
so gut sie gebaut und seetchtig sie sein mgen, so ngstlich werden sie
von den brasilianischen Seeleuten behandelt. Gegen den Wind verstehen
diese gar nicht zu kreuzen, weil sie so erbrmlich und unregelmig
steuern, und selbst bei etwas starkem, wenn auch gnstigem Winde getrauen
sie sich nicht in die offene See hinaus. Kommt nun noch dazu, da der
Aufenthalt auf einem solchen Schooner, was Bequemlichkeit und Reinlichkeit
betrifft, ein hchst trauriger ist, so lt es sich denken, da sich
nicht gern Jemand der Gefahr aussetzt, vielleicht zwei oder drei Wochen
in solche Verhltnisse eingepfercht zu werden, wenn man irgend
Gelegenheit hat, in anderer Weise fortzukommen.

Eben so unregelmig ist aber auch selbst die brasilianische
Dampfschifffahrt an jener Kste, und da jetzt gerade ein gnstiger
Sdwind eingesetzt hatte, und sich Gnther nicht der Gefahr aussetzen
wollte, vielleicht acht, ja vierzehn Tage hier liegen zu bleiben, ehe
der nchste Dampfer von Rio Grande eintraf, beschlo er, die sich gerade
bietende Gelegenheit zu benutzen, und schiffte sich auf einem dieser
kleinen Kstenfahrer ein.

Die Reise war auch in der That eine gnstige, aber der Schmutz in der
engen Cajte so furchtbar, da ihm selbst die wenigen Tage zu einer fast
unertrglichen Plage wurden, und er dankte Gott, als der Schooner am
Abend des fnften Tages, nach einer ungewhnlich raschen Reise, die
Mndung des Santa Clara-Flusses sichtete.

Leider war jetzt gerade Ebbe, und die Barre zu seicht, mit dem ziemlich
schwer geladenen Fahrzeuge den bergang zu riskiren. Der Capitain
kannte auch vielleicht nicht einmal den Canal der Einfahrt genau, und
zog es vor, unter dem Schutze der sdlich vorspringenden Landzunge,
unter welcher er in fast ruhigem Wasser lag, vor Anker zu bleiben. Damit
versumte er aber auch die ganze Nacht und die nchste Fluth, und da die
zweitnchste erst wieder Morgens zehn Uhr eintrat, und Gnther unter
keiner Bedingung noch eine Nacht an Bord bleiben wollte, so beschlo er,
sich an Land setzen zu lassen.

Er kannte dort, von einer frheren Vermessung her, jeden Fu breit Boden.
Gar nicht weit vom Strande lag die Chagra eines Brasilianers, auf
welcher er leicht ein Pferd geborgt bekommen konnte, und ritt er dann
kaum zwei Legoas auf dem harten Sand des Strandes hinauf, und schnitt
nachher quer in die Hgel, von einer andern Chagra aus, hinein, so
erreichte er Santa Clara selber wenigstens drei oder vier Stunden
frher, als der Schooner den Biegungen des Flusses stromaufwrts folgen
konnte.

Der Abend war indessen schon zu weit vorgerckt, heute noch an einen
Ritt in stockfinsterer Nacht zu denken. Gnther nahm deshalb gern die
gastliche Einladung des Brasilianers an, bei ihm den Morgen zu erwarten.
Mit Tagesgrauen sollte dann ein Pferd fr ihn bereit stehen, mit dem er
die Colonie recht gut bis etwa elf Uhr Morgens erreichen konnte.

Die hier angelegte Chagra war nicht unbedeutend, denn in den zunchst
den Sanddnen liegenden Hgeln fanden mehrere Heerden vortreffliche
Weide, whrend ein kleines Stck weiter im Lande drinnen ein rother,
fruchtbarer Lehmboden Bohnen, Mais, Maniok, ja selbst Zuckerrohr reichlich
gedeihen lie. Der Brasilianer hielt auch zur Bearbeitung des Landes
und zur Beaufsichtigung seiner Heerden sechszehn bis achtzehn Sclaven
beiderlei Geschlechts, und den zahlreichen Gebuden nach zu urtheilen,
unter denen besonders ein stattliches Herrenhaus hervorragte, mute er
sich in vortrefflichen Umstnden befinden. Nichts desto weniger lebte
er aber so einfach, wie nur ein Mensch in der Welt leben kann, welcher
keine Ahnung von irgend einer mglichen Bequemlichkeit hat -- Luxus gar
nicht einmal gerechnet.

Das groe Zimmer des Haupthauses, in welchem fr die Familie heute Abend
der Tisch gedeckt wurde, war nicht einmal gedielt. Die hohen Fenster
hatten keine Gardinen, Tische und Sthle bestanden aus einfachem, weichen
Holz, und das jetzt aufgelegte Tischtuch war nur ein schlechter,
baumwollener Stoff, und deckte weder die volle Lnge noch Breite des
Tisches selber. Nur an den Wnden hatte der Eigenthmer sich einem ganz
wunderbaren Luxus hingegeben, der von den Hnden des Schneiders und
Zimmermalers Justus Kernbeutel herrhrte, und in einem auerordentlich
khn gehaltenen Entwurfe der brasilianischen Geschichte, in Farben
ausgefhrt, bestand.

Das erste Bild sollte wahrscheinlich die Entdeckung Brasiliens vorstellen.
Vorn, gleich rechts neben der Thr, stand wenigstens eine einzelne Palme,
und an beiden Seiten daneben befand sich ein Indianerpaar, welches
staunend alle vier Arme emporhob, weil ihnen gegenber auf dem hellblauen
Meere ein groes Schiff angeschwommen kam, das eine Besatzung von weien
Riesen, mit Hintansetzung jeder Perspective, an Bord hatte. Eigentlich
sah diese Abtheilung aus wie ein Besuch des Columbus bei Adam und Eva.

Die zweite Abtheilung, welche eine ganze breite Wand einnahm, beschftigte
sich mit der Unterjochung der Indianer, welche man berall von Leuten, mit
dreieckigen Hten und Federbschen auf, verfolgt und auf das Entsetzlichste
umgebracht sah. Sbel fuhren stets bis an's Heft in den getroffenen
Leib und an der entgegengesetzten Seite an einer vollkommen unmglichen
Stelle wieder heraus, Flintenkugeln sausten wie Hagel, und ein halbes
Dutzend braune Leichen, welche ganz vorn lagen, htten, wenn nicht die
Wunden schon tdtlich gewesen wren, allein in ihrem eigenen Blute
ertrinken mssen. Glcklicher Weise war aber gerade dieses Bild mit so
vollkommen rthselhafter Zeichnung und Farbenverschwendung ausgefhrt,
da man erst nach einem lngern Anschauen herausbekommen konnte, was
eigentlich ein Baum und was ein Mensch sein sollte, es htte sich sonst
auch nie eine friedliche Familie dicht darunter zu Tisch setzen knnen.

Das dritte Bild stellte wieder einen Kampf vor, aber dieses Mal unter
Weien, wahrscheinlich eine Anspielung auf die letzte Revolution. Hierbei
schien es aber blutlos herzugehen. Justus Kernbeutel war Demokrat durch
und durch -- ein Mann in einem groen Barte, wahrscheinlich Garibaldi,
sprengte auf einem keinesfalls schon entdeckten Ungethm Brasiliens
hinter den flchtigen Truppen her, unter denen sich ein Mann, wieder
mit einem dreieckigen Hute und einer Krone oben darauf, was vielleicht
den Kaiser darstellen sollte, auszeichnete. Der seiner Regierung
zugethane Brasilianer ahnte wahrscheinlich gar nicht den Sinn dieses
republikanischen Albumblattes.

Die vierte Wand sollte -- ber die Folgen der Revolution hinweggehend
-- Brasilien in seinem jetzigen Zustande darstellen. Kaffeebau,
Zuckerrohr, Reis, Mais, Maniok, Alles war auf einem unglaublich kleinen
Raume lebensgro zusammengedrngt, und vorn sa, inmitten aller dieser
tropischen Erzeugnisse, ganz gemthlich ein guter deutscher Bauer in
Pelzmtze und Leinwandjacke, die mit besonderm Fleie gemalte kurze
Pfeife im Munde, aus welchem der Qualm einem arbeitenden pechschwarzen
Neger gerade in's Gesicht stieg.

Gunther unterhielt sich vortrefflich damit, die wunderbare Fresco-Malerei
zu betrachten, bis sein Wirth wieder hereinkam und diesem eine Anzahl
von Sclaven mit dem Abendbrod, auf dem Fue folgte.

Die Mahlzeit selber, an welcher der Brasilianer mit seiner Frau und zwei
sehr schweigsamen jungen Damen Theil nahm, war uerst reichlich, aber
auch eben so einfach, und bestand als erster Gang aus einem halben aber
kalten Hammel, der in voller Lnge aufgetragen wurde und von welchem
sich die Herrschaft nur die besten Theile herunterschnitt, um das
brige jedenfalls der Dienerschaft zu lassen.

Der zweite Gang war das gewhnliche brasilianische Gericht, gekochtes
Schweinefleisch, etwas sehr fett, mit schwarzen Bohnen und Maniokmehl,
eine auerordentlich nahrhafte und auch wirklich wohlschmeckende Kost,
mit der sich Gnther auch schon lange befreundet hatte. Dazu wurde
Wasser getrunken.

So lange die Mahlzeit dauerte, sprach fast Niemand ein Wort, das
ausgenommen, was sich unmittelbar auf das Essen bezog, und erst als die
aufwartenden Mdchen die Schsseln wieder hinausgetragen und den Kaffee
hereingebracht hatten, zndeten sich die Mnner ihre Cigarettos an, und
der bisher so schweigsame Brasilianer schien aufzuthauen. Aber er sprach
auch nur ber das, was ihn speciell interessirte: das Land, das in seiner
Nachbarschaft lag, und ber das ihm sein Gast allerdings die beste Auskunft
geben konnte; ber die Vermessung des Coloniebodens, ber gnstige
Lagen, welche man etwa ankaufen knne, ber neue Ansiedelungen, die
vielleicht nchstens in Angriff genommen wrden, und die Nothwendigkeit
guter Verbindungswege fr das Fortbestehen und Wachsen der Colonien.

Die Frauen saen still dabei oder unterhielten sich unter einander
flsternd, und erst als der Gast Zeichen von Mdigkeit gab, wurde ihm
sein einfaches Lager angewiesen, auf welchem er seinen Kampf mit den
Flhen fr die Nacht beginnen konnte.

Gnther war aber nicht der Mann, sich durch solche Kleinigkeiten im
Schlafe stren zu lassen. An alle Arten von Lagern schon seit manchen
Jahren gewhnt, rollte er sich in seine Decke, schlief augenblicklich
ein und erwachte erst wieder, als er Morgens eine Hand auf seiner
Schulter fhlte.

Noch war es stockdunkel, da aber Gnther am Abend vorher den Wunsch
geuert hatte, eine Stunde vor Tag aufzubrechen, hatte der Brasilianer
seinen Negern Befehl gegeben, zu der Zeit Kaffee fr den Gast und ein
gesatteltes Pferd bereit zu halten, was auch pnktlich befolgt war, und
fnfzehn Minuten spter sa der Deutsche schon auf und ritt, als eben im
Osten der Tag zu grauen begann, den schmalen Pfad entlang, welcher nach
dem Strande fhrte.

Schon hrte er, gar nicht weit mehr entfernt, das dumpfe Schlagen und
Donnern der Brandung, die ihre Wogen gegen den Strand schleuderte, und
nach kaum einer Viertelstunde scharfen Rittes in der khlen prachtvollen
Morgenluft, sah sich Gnther unmittelbar am Rande des atlantischen
Meeres, welchem er, nach Norden zu, hier ziemlich anderthalb Legoas
folgen mute. Noch war aber glcklicher Weise Ebbe, oder die Fluth hatte
doch erst seit ganz kurzer Zeit wieder begonnen zu steigen, so da er
seine Bahn auf dem sonst vom Meere gepeitschten und dadurch hart und
fest gewordenen Sande halten, und sein Pferd tchtig austraben lassen
konnte.

Was fr ein merkwrdiges Gefhl das ist, so unmittelbar am Rande
der bumenden Wogen, im ungewissen, dmmernden Lichte des Morgens
hinzureiten, und wie wunderbar das Meer selber aussieht, das mit seinen
weiten, weien Wogenkmmen sich wie eine lebendige Mauer gegen den
Wanderer heranwlzt!

Dieser ganze Theil der brasilianischen Kste bietet bis Rio Grande
hinunter, mit Ausnahme weniger Flumndungen, keinen einzigen Platz,
wo ein Schiff geschtzt liegen oder ankern knnte. Alles ist seichter
Sandboden, welcher sich viele Hundert Schritte, oft halbe Legoas weit
in das Meer hinausdehnt, und ber den Untiefen rollt und bricht die See
und wirft ihre Wogen schumend und donnernd gegen den nackten Strand.

Und wie das Meer leuchtet und whlt und glht und zischt, zurckweicht
und wieder vorspringt und seine zngelnden Arme dem dahinsprengenden
Thier oft bis unter die Hufe wirft!

Aber das Pferd, welches Gnther ritt, war am Meeresstrande gro geworden.
Trotzdem, da es oft schien, als ob die nchste Woge Ro und Reiter
bedecken msse, trotzdem, da ihm eine schwerere Woge manchmal die
klare, zischende Fluth bis ber die Fesseln jagte, kmmerte es sich
nicht das Geringste darum, schnob wohl einmal und warf den Kopf wie
unwillig auf und nieder, schlug aber gleich darauf den wieder frei
gewordenen Sand nur desto krftiger mit den ausgreifenden Hufen.

Und jetzt dmmerte der Morgen. ber die See herber stahl sich das
mattgraue, erste Licht des Tages und gab den aufgeworfenen Sanddnen
zur Linken jene eigene gelbe Frbung, welche aus sich selber heraus zu
leuchten schien. Breiter und breiter wurde der lichte Streifen im
Osten, schon erglhten zur Linken die ferngelegenen und bewaldeten
Gebirgsrcken, die sich in malerischen, khn geschnittenen Ketten gen
Norden zogen, und pltzlich, ehe die Nacht noch recht geschwunden,
stieg wie glhendes Gold in riesenhaftem Umfang die Sonnenscheibe
aus dem Meer empor und sandte ihre Strahlen ber die erwachte Erde.

Und mit der Sonne begann das rege Leben der Thierwelt. Kleine
langschnblige Strandlufer kamen in ordentlichen Schwrmen von irgend
einem Inlandwasser, an dem sie die Nacht verbracht, um sich ihre Nahrung
in an den Strand gesplten Insecten zu suchen; eine gar wunderliche Art
schnepfenhnlicher Vgel mit langen, zinnoberrothen Schnbeln spazierte
ebenfalls am Strande herum, als ob sie nur die Morgenpromenade zu ihrem
Vergngen machten, rgerten sich ber einige leichtsinnige Mven,
welche von See aus zu ihnen herber kamen, um sich ihrer Gesellschaft
anzuschlieen, und trieben sie augenblicklich wieder in die Flucht,
whrend sie nur mitnahmen, was ihnen von Miniaturmuscheln und Seethieren
gerade in den Weg kam.

Vor Gnther am Strande strich ein einzelner groer Geier ein, der
sogenannte brasilianische Adler, und schien sich ebenfalls sein
Frhstck auf dem nackten Sande zu suchen. Aber er sah sich nicht
lange und nutzlos nach angesplten Muschelthieren um, sondern ging
gleich frisch an die Arbeit, das was er brauchte, aus dem Boden
herauszugraben.

Mit den scharfen Fngen ri er den feuchten Sand auf und grub sich
tiefer hinein, bis er, etwa vier Zoll unter der Oberflche, auf eine
dort eingesenkte Muschel traf. Der ansprengende Reiter strte ihn dabei
nur wenig; er drehte den Kopf nach ihm um, hob dann die Muschel mit
dem Schnabel heraus, setzte einen seiner Fnge darauf und ri sie
auseinander, verspeiste den leckern Bissen, und flog dann um den
indessen herangekommenen Reiter dicht herum, wo er sich gleich hinter
dem Pferde wieder niederlie, um sein Frhstck in Ruhe zu beenden.

Wie wunderbar die Natur fr ihre Geschpfe sorgt und eines mit dem
andern erhlt; so hier den Geier mit dem Schaalthier, der sonst auf den
weiten Sanddnen und im wilden Walde wohl nicht immer seine nthige
Nahrung fnde! Und hilft ihm dabei der _Instinct_, zu welchem viele
Menschen allein den wirklichen Verstand der Thiere gern herabdrcken
mchten, um fr sich selber etwas Apartes zu haben? Gott bewahre! Mit
dem Instinct allein sollte er lange und oft vergebens graben, ehe er
die kleinen, sicher versteckten Thiere tief im Sande fnde, aber jede
Muschel, die sich dort, um ihrer eigenen Nahrung nachzugehen, in den
Sand hineingewhlt, braucht zu ihrer Existenz die _Luft_, und um die zu
behalten, fhrt eine kleine Rhre an die Oberflche, die zum Verrther
ihres Aufenthalts wird. Der Geier nicht allein, vielleicht noch manche
andere Bewohner der Seekste wissen an den kleinen Lchern im Sande
augenblicklich, was darunter steckt, und selbst der Mensch sucht in der
Ebbe diese Stellen auf, um sich eine Quantitt der wohlschmeckenden und
mit leichter Mhe zu gewinnenden Muscheln zu sammeln.

Gnther hatte das Alles freilich schon oft und oft gesehen. Wenn aber
auch selber kein Jger, interessirte er sich doch fr das rege Leben und
Treiben dieser kleinen, geschftigen Thierwelt um sich her. Und wie viel
todte Penguins lagen am Strande -- man trifft so selten im Walde ein
selber verendetes Thier, und hier, auf dem nackten Sande, lag fast alle
zwei- oder dreihundert Schritt einer dieser wunderlichen Vgel todt und
durch die Fluth auf's Trockene hinaufgeschoben. Waren sie in den Strmen
umgekommen, die neulich hier gewthet? Der Penguin taucht aber wie ein
Fisch. Mglich, da sie der lang anhaltende Sdwind zu weit nach Norden
und in ein ihnen nicht mehr behagendes warmes Klima hineingejagt, denn
keiner der Vgel zeigte Spuren, da er von einem andern Thiere getdtet
worden.

Und ber die See zogen dstere Nebelstreifen, deckten den Strand und
verhllten die kaum erhobene Sonne, als ob es noch einmal Nacht werden
wollte. Und wie das die ganze Scenerie so rasch und wunderbar vernderte:
die niederen Hgel der Sanddnen hoben sich zu hohen, schattenhaften
Gebirgszgen; die bumenden Wogen zur Rechten wuchsen riesenhaft empor,
als ob sie das ganze Land berfluthen wollten, und dem Reiter schien es,
als ob sich der harte Strand, auf welchem sein Ro dahinflog, vor seinen
Fen selbst zu einem steil niederfhrenden Hange abdache, da er sich
fast unwillkrlich im Sattel zurcklehnte, um ein Rckgewicht gegen die
niedertretenden Hufe des Pferdes zu haben.

Und immer massenhafter lagerten sich die Schwaden ber den den Strand,
immer dichter umgaben sie den Reiter mit ihrer feuchten, kalten Hlle.
Da hob sich vor ihm ein lebendiger Gegenstand. Es waren zwei mchtige,
weie Schwne, die vor ihm herstrichen eine lange Zeit, und dann nicht
weit voraus, wie Schatten, wieder mitten zwischen die schumenden
Brandungswellen einfielen. Jetzt kam die Woge heran und berschlug sich;
aber dicht vor dem zerflieenden Gischt schaukelten die majesttischen
Vgel, und hoben sich erst wieder, als der Reiter sich ihnen nahte, um
weiter nach vorn dasselbe Spiel zu wiederholen.

Weiter sprengte das Pferd, der Stelle auf's Neue nahend, wo sie schwammen
und auf den Wogen schaukelten. Jetzt hoben sie sich noch einmal, aber
kaum so hoch, da sie die nchste Brandungswelle berfliegen konnten,
und mit den breiten Schwingen strichen sie gerade gen Osten in das
offene Meer und den Nebel hinaus, in dem sie spurlos, wie geisterhafte
Schatten, verschwanden.

Gnther hielt unwillkrlich sein Pferd an und sah ihnen nach, so lange
er sie noch mit seinem Blicke verfolgen konnte. Ein eigenes, unheimliches
Gefhl beschlich ihn; es war, als ob ihn selber in diesem Augenblicke,
mit den verschwimmenden Gestalten der Schwne, ein Verlust betroffen,
als ob das nicht wilde, gleichgltige Thiere wren, welche ihn da flhen,
sondern liebe, traute Freunde, und er sie nun nie, nie in diesem Leben
wiedersehen solle.

Und hat _Euch_ noch nie im Leben ein solches Gefhl erfat? Ist Euch
noch nie pltzlich das Blut zum Herzen zurckgetreten, als ob ein groes
Unglck Euch bedrohe oder befallen habe, ohne da man sich auch nur
denken konnte, wo, wie und wann? Der Mensch _hat_ solche Augenblicke, wo
eine Geisterhand seine Nerven berhrt, und seine Pulse selber stocken
macht. Sie kommen und gehen, und wohl Dem, welchem sie nicht den kalten
Reif zurcklassen auf seines Lebens Blthen.

Lange, lange schon waren die Schwne in dem dstern Nebel verschwunden,
und noch immer starrte Gnther in den leeren Raum, bis er sich ordentlich
gewaltsam aus seinen Trumen ri. Das Pferd fhlte dabei die Sporen, und
auf den Hinterbeinen herumfahrend, flog es gleich darauf in scharfem
Galopp den Strand entlang.

Unsinn! murmelte der Reiter dabei vor sich hin, und schttelte rgerlich
mit dem Kopfe; wie man so tolle Dinge in's Hirn kriegen kann ber ein
paar Schwne -- und was die berhaupt hier im Salzwasser zu thun haben
-- hatte immer geglaubt, die hielten sich nur auf Flssen und Binnenseen
auf -- ach, ich wollte, die Sonne schiene wieder und scheuchte die
feuchten Schwaden fort, die Einem ordentlich mit Bleischwere auf der
Seele lasten! Der Teufel hole die Gedanken!

Und zu immer schrferem Ritte spornte er sein Pferd, da dessen Hufe den
Sand kaum berhrten, als es mit ihm die ebene Bahn entlang flog, -- aber
die Gedanken ritten mit und trugen ihn hinber in die Heimath, trugen
ihn zu Allem, was er daheim verlassen und lieb und theuer im Herzen
wahrte, da er den Nebel nicht mehr sah und die riesenhaften Umrisse der
Dnen und die brandenden Wogen auf dem grauen Strande. Und wie der Nebel
pltzlich so rasch sich zertheilte, wie er gekommen, als ob ihn das
wogende Meer aufgesogen htte, die Sonne wieder hell und klar an dem
vollkommen wolkenreinen Himmel stand, und ihre jetzt schon warmen
Strahlen niedersandte, fhlte er selbst das nicht, und das Herz war
ihm so schwer, so schwer und gedrckt, da er kaum Athem holen konnte.

Und immer noch flog der Rappe die Bahn entlang, von den Sporen des
Reiters unbewut gestachelt, wenn er nur einen Moment in seiner Flucht
nachlassen wollte, als pltzlich der zwar schmale, aber doch tiefe
Ausflu einer Lagune den wilden Reiter in ziemlich rauher Weise zur
Besinnung brachte. Gnther nmlich, gar nicht auf seinen Weg achtend,
fand sich auf einmal dicht am Rande des Wassers, und im nchsten
Augenblicke auch mitten darin, da ihm die salzige Fluth ber dem Sattel
zusammenschlug, whrend sein keuchendes Thier wacker dem andern Ufer
entgegenarbeitete. Erschreckt fuhr er ihm in den Zgel, aber es war zu
spt, um jetzt noch die seichteste Stelle zum Durchritt auszusuchen;
schon befand er sich inmitten des schmalen Ausflusses, und wenige
Minuten spter sicher am andern Ufer.

Doch was that's? Die Sonne schien warm, und seinem freilich etwas
erhitzten Pferde hatte das frische Bad auch gewi Nichts geschadet, denn
diese halb wild aufwachsenden Thiere sind ja an derartige Dinge schon
gewhnt. Er stieg deshalb nur ab, entkleidete sich und rang das meiste
Wasser aus seinem Anzuge sowohl, wie aus den Satteldecken des Pferdes,
stieg dann wieder auf, um das weitere Trocknen der Sonne und der
Seebrise zu berlassen, und trabte jetzt, aber bedeutend langsamer als
vorher, den immer schmaler werdenden Strand entlang, wo er voraus schon,
hinter den Dnen her, den blauen Rauch der nchsten Ansiedelung konnte
aufsteigen sehen.

Es war auch Zeit da er diese erreichte, denn wenn die Fluth zu voller
Hhe angewachsen ist, deckt sie vollkommen den harten Boden, und zwingt
den Reiter in den weichen, lockern Sand der hher liegenden Dnen hinein,
welcher sein Pferd gar bald ermdet, da es die schweren Hufe kaum
weiter ziehen kann.

Etwa eine halbe Stunde spter erreichte er wieder ein kleines, aber
vollkommen seichtes Wasser, das sich nur mhsam durch den Sand dem Meere
entgegenarbeitete, und diesem aufwrts folgend die Chagra des andern
Brasilianers, von der aus er, quer durch die Hgel schneidend, die
kleine Colonie Santa Clara bald erreichen konnte.




7.

Die Begegnung


Eine gar eigenthmliche Scenerie bildet das Land, das sich zwischen dem
Meeresstrande und den nchsten bewaldeten Hgeln ausdehnt. Zuerst und
nchst dem unmittelbaren hartgepeitschten Strande liegen flache, durch
einander gewhlte und gewehte Haufen lockern, hellen Sandes. Je weiter
man sich aber vom Meere entfernt, desto hher werden diese, da ihnen
fortwhrend mit der scharfen Seebrise neue Deckung zugetragen wird, bis
sie endlich in ihrer dritten Reihe zu wirklichen Hgeln anschwellen, und
hier und da einen kleinen, mit hartgrnem Laube bedeckten Busch auf
ihrer Kuppe tragen. Dazwischen zeigt sich dann und wann eine kleine,
drftige Lagune mit einem Versuche zu Grasboden rings umher.

Hinter _diesen_ Hgeln beginnt, freilich immer noch drftig, die
Vegetation, denn der Sand ist ein schlechter Dnger, und nur einzelne
angewehte Pflanzenfasern schufen mit der Zeit eine Art von Humus, dessen
Schlinge sich noch schchtern und verkmmert ber die nackten Hnge
ziehen. -- Hier erscheinen die ersten Bsche, die an dem Westhange der
Hgel schon entschiedener auftreten und anfangen _Schatten_ zu geben.

Noch weiter hin liegt eine lange Reihe zwar niedriger, aber besonders am
Westhange dicht bestandener Hgel, deren Boden zwar noch ausschlielich,
wenigstens an der Oberflche, aus weiem Sande besteht, doch schon an
ein tragfhiges, mit der ppigsten Vegetation bedecktes Thal anstt, in
dem ein schmaler Bach lustig dahinfliet, und von da an verndert sich
auch der Boden und mischt sich mit einem rthlich gelben Lehm von oft
bedeutender Fruchtbarkeit. Wirkliches Gestein, Porphyr und Granit, tritt
aber erst in der nchsten Hgelreihe auf, wo oben der erste Gebirgszug
beginnt, und es unterliegt kaum einem Zweifel, da vor Tausenden von
Jahren dort die See brandete und erst nach und nach, mehr und mehr Sand
herauswerfend, fr sich selber einen breiten Damm aufbaute, der ihre
Grnzen jetzt lange Strecken weit zurckverlegt.

Erst dort, wo der Lehmboden beginnt, lassen sich natrlich die Colonisten
nieder, denn erst auf solchem Boden knnen sie hoffen, ihrer Arbeit
einen Lohn abzuringen. Der reine Sand giebt nur jenen kleinen, trockenen
Bschen und sonderbarer Weise auch einer niedern, wilden Dattelpalme
(die #Putia#-Palme) Nahrung, die kaum mehr als acht oder zehn Fu hoch
wird, ja oft so niedrig ist, da man die nicht unangenehm schmeckenden
Frchte mit der Hand erreichen kann.

Doch die drre, sandige Wste lag jetzt hinter dem Reiter. Schon
berhrten die Hufe seines Thieres wieder den festen Grasboden; ein
kleines Dickicht von lorbeerartigen Bumen und Palmen lag noch zwischen
ihm und der Ansiedelung, und jetzt lichtete sich dieses; ein freier
Weidegrund wurde sichtbar, auf dem sich etwa ein Dutzend tchtiger
Pferde umhertummelten, und gleich darauf konnte er von der kleinen
Erhhung, die er hier erreicht, die kaum noch dreihundert Schritt
entfernten Gebude der Chagra liegen sehen.

Hier schon standen einzelne fruchttragende Orangenbume, die
wahrscheinlich frher einmal eine jetzt abgebrochene Htte beschattet
hatten. Als er hinanritt, um sich ein paar davon nach dem scharfen
Ritt zu pflcken, bemerkte er eine menschliche Gestalt, die unter einem
der Bume sa und sich mit dem Rcken an den Stamm desselben lehnte.
Gnther wrde nicht weiter auf den Mann geachtet haben, denn da sich
die Brasilianer Morgens unter einen Baum legen und solcher Art ihre
Tagesarbeit beginnen, ist gerade nichts Seltenes; er hielt aber ein bei
den Brasilianern sehr auergewhnliches Instrument, eine Violine, in der
Hand, und mute schon deshalb ein Landsmann sein, obgleich Gnther nicht
gleich herausbekommen konnte, zu welcher Classe derselben er gehren
mochte -- wenigstens war er nicht wie ein Bauer gekleidet und htte als
solcher hier auch wahrlich nicht den schnen Morgen mig vertrumt.

Als Gnther sein Pferd aber unter den Baum lenkte, unter welchem der
Trumer lag, hob dieser den Kopf empor und sah den Fremden lange und
starr an.

Es war ein edles, von einem leicht gekrusten schwarzen Barte
beschattetes Gesicht, aus dem Gnther ein Paar groe dunkle Augen
wie fragend entgegen leuchteten, und fast unheimlich traf ihn der
schwermthige Schein derselben. Das Gesicht, so weit es der volle Bart
erkennen lie, hatte auch kaum einen deutschen Schnitt; trotzdem grte
Gnther in seiner Muttersprache und sagte freundlich: Guten Morgen,
Landsmann! Ich hoffe, ich habe nicht gestrt; wollte mir nur ein paar
Orangen pflcken, da ich heute schon eine gute Zeit im Sattel bin.

Der Fremde wandte noch immer kein Auge von ihm und sein Blick haftete
stier und ernst auf Gnther's Zgen. Eben so wenig erwiederte er den
Gru, und als Gnther schon glaubte, er habe sich in der Abstammung des
wunderlichen Menschen doch geirrt, und statt des geglaubten Deutschen
irgend einen Portugiesen oder Brasilianer vor sich, sagte der Fremde
mit leiser, aber deutlicher Stimme. Gnther von Schwartzau! -- Wie das
Schicksal doch die Menschen wunderlich umherwirft, auseinander reit und
wieder zusammenfhrt -- Gnther von Schwartzau! Ich htte nie geglaubt,
da ich Dir je in _Brasilien_ begegnen wrde!

Gnther schaute den Fremden in sprachlosem Erstaunen an, denn nicht
allein kannte er seinen Namen, sondern redete ihn auch mit _Du_ an, und
trotzdem waren ihm _seine_ Zge vollkommen fremd -- oder deckte nur der
Bart vielleicht das Gesicht eines Freundes? Dem Fremden aber konnte das
Erstaunen Gnther's nicht entgehen, und tief aufseufzend fuhr er mit
wehmthigem Lcheln fort:

Ja, Du hast Recht -- ich bin nicht allein alt, ich bin Dir auch fremd
geworden; meine Zge hat die Zeit gefurcht, und der sonst jugendlich
frische Felix ist wenigstens innerlich zum Greise zusammengetrocknet.
-- Felix -- berhaupt ein ominser Name fr einen Erdenbewohner, und
Eltern sollten es sich vorher wohl berlegen, ehe sie einen Knaben
#felix# nennten.

Felix? rief Gnther berrascht vom Pferde springend und zu dem
Sprecher tretend -- Felix? Beim ewigen Gott, Felix von Rottack
-- Mensch -- Bruder -- wie kommst Du hieher und was treibst Du hier?
Und mit den Worten hatte er den Freund gefat, umschlungen und gekt
und warf sich neben ihn in's Gras, seine Hand haltend und in das jetzt
freundlich auf ihm haftende Auge schauend.

Viele Fragen auf einmal, Freund, sagte dieser, traurig den Kopf
schttelnd, und ich wei kaum, ob ich eine einzige zur Genge
beantworten kann. _Wie_ ich hieher komme, ist auerdem eine lange
Geschichte und mchte Dich ermden, wenn Du sie von Anfang an hren
solltest -- seit wie viel Jahren bist Du von Deutschland fort?

Seit sechsen fast, und mit dem Entschlusse, in kurzer Zeit dahin
zurckzukehren.

Seit sechs Jahren -- ja, sie fliegen, und doch zhlen wir oft die
_Stunden_ -- thrichte Menschenkinder die wir sind! Seit sechs Jahren
-- das ist freilich eine lange Zeit, und was sich indessen mit _mir_
begeben, hast Du nie gehrt? -- doch um eine lange Sache kurz zu machen,
so bist Du vielleicht einmal zufllig in den Zeitungen einem Artikel
begegnet, nach dem eine sehr hochstehende Person von einem -- Wahnsinnigen
angefallen und mihandelt worden -- errinnerst Du Dich nicht?

Doch -- dunkel, sagte Gnther, aber wenn ich nicht irre, waren keine
Namen genannt.

Natrlich, lachte Felix bitter vor sich hin, wenn ich ein Handwerker
und mein sehr ehrenwerther und hochstehender Onkel ein Gewrzkrmer oder
etwas Derartiges gewesen wre, httest Du Dich darauf verlassen knnen,
die vollen Namen in den Blttern zu lesen, aber in der #haute vole# mute
man einen Skandal vermeiden; die Demokraten hatten auerdem rgerni genug
durch eine Reihe von Aufzhlungen skandalser Geschichten aus diesen
bevorzugten Kreisen gegeben. -- Genug, der Schuft, mein sehr hochstehender
Herr Onkel, verweigerte mir die von ihm geforderte Satisfaction, und als
ich ihm bald darauf einmal auf der Strae begegnete -- doch das sind alte,
lang berlebte Geschichten. Natrlich _mute_ ich wahnsinnig sein, um
Hand an einen solchen Ehrenmann zu legen, und -- Tod und Teufel -- sie
glaubten, da eine Cur in einer Privat-Irrenanstalt von den segenreichsten
Folgen fr mich sein wrde.

Sie wagten doch nicht? rief Gnther erschreckt.

Was? sagte der Fremde ruhig, mich einzusperren? -- Dabei war nicht
viel zu wagen. Der Frst selber gab den Befehl, denn mein guter Onkel
hatte ja in _seinem_ Namen gehandelt, um -- eine Scheulichkeit fr
_ihn_ auszufhren. Ich wurde allerdings in Sicherheit gebracht, aber
Geld, lieber Freund, regiert die Welt. Ich wiederholte einfach ein
altes, schon oft versuchtes und gelungenes Spiel, nahm meinen Wrter mit
und wanderte aus.

Verbannt aus der Heimath? rief Gnther traurig.

Nicht so ganz, sagte der Fremde ruhig der alte Schuft, mein Onkel,
starb bald darauf; meine Familie verwandte sich natrlich fr mich, und
ich wurde aufgefordert nach Hause zurckzukehren -- aber weshalb? -- Dem
widerlichen Treiben dort von Neuem zuzuschauen? Von Neuem eine Faust
in der Tasche zu ballen und ewig und ewig Zeuge zu sein, wie elendes
Geschmei, das kein Verdienst weiter hat, als seinen Rcken zur rechten
Zeit krmmen zu knnen, ber den Nacken des Volkes schreitet und den
Ehrenmann zu Boden tritt? -- Nein, geh' mir mit Deutschland -- glaubst
Du, da ich je wieder Freude an den Miniaturkmpfen unserer Kammern
haben, je wieder mit ruhigem Gewissen um des Kaisers Bart streiten
knnte, whrend der faule Kaiser selber unten in seinem Berge liegt
und trumt? Ich komme mir vor wie ein Thier der Wildni, das im Kfig
aufgezogen wurde und keine Ahnung, keine Erinnerung von der Freiheit
hatte, zu der es geboren wurde, bis es der Zufall einst hinaus in die
Steppe wirft. Glaubst Du, da es zurckkehren wird, weil es zu faul ist
sich sein Futter selbst zu suchen? -- Nein, beim ewigen Gott! Wenn ich
je nach Deutschland zurckkehren sollte, mte ich auch wissen fr was,
aber mich _allein_ wieder dort in der de der Gesellschaft herumtreiben
-- nie!

Und was treibst Du _hier_?

Was ich treibe? -- wei ich's doch selber nicht. Will ich aufrichtig
sein, so habe ich hier einfach vegetirt und ein Leben gefhrt, wie es
bei uns daheim nur eben Vagabunden oder -- Knstler fhren. Aber ich
will mich bessern -- ich habe hier schon den Anfang gemacht -- und werde
jetzt sehn, ob Graf Felix von Rottack nicht im Stande ist, sein Brod als
Bauer eben so gut zu verdienen, wie einer der Bauernlmmel, die daheim
zwischen Mistgabeln und Dreschflegeln gro geworden!

Gnther schttelte mit dem Kopfe. --

Und Du bist hier -- bei dem Brasilianer eingetreten? fragte er
endlich.

Eingetreten? lchelte Graf Felix; suche nicht nach einer Umschreibung
fr mich, alter Freund; ich _diene_ hier, ist das richtige und passende
Wort, und zwar seit einem vollen Monat, fr den ich mich Anfangs
verpflichtet hatte. Heute nun haben die Katholiken einen Feiertag, und
-- will ich recht aufrichtig sein -- so hatte ich heute Morgen meine
Scrupel, ob ich meinen zweiten Monat antreten sollte oder nicht; denn
als ich herauskam, um wieder einmal eine halbe Stunde mit meinem alten,
treuen Instrumente hier zu plaudern, fand ich, da mir die Finger steif
und ungelenkig geworden waren und es nicht mehr ging -- aber was thut's.
Es ist der Fluch des Arbeiters, da er keine einzige Freude haben soll
als die, die er sich mit sauerm Schweie verdient. Mag es darum sein
-- _so_ brech' ich mit der Vergangenheit, und die Zukunft -- hol' sie
der Bse, sie mag bringen was sie freut -- ich frchte sie nicht!

Und mit den Worten, ehe Gnther eine Ahnung hatte was er beabsichtigte,
nahm er das gute Instrument und schlug es hhnisch lachend gegen
den Stamm des Orangenbaumes, da es mit einem dumpfen Wehelaut der
zusammenlaufenden Saiten in Splitter flog.

Felix, rief Gnther erschreckt -- was hast Du gethan?

Die letzte Brcke hinter mir abgebrochen, die mich zum Trumer machte,
sagte der junge Graf finster -- ich will wieder ein Mensch werden!

Und was hat das arme Instrument gethan?

Es hat mich verrckt gemacht! rief der junge Mann in dsterm Brten.
-- Gnther Gnther, fuhr er pltzlich auf und ergriff des Freundes
Arm -- weit Du wohl da es eine Classe von Menschen giebt, die an
der Grnze des Wahnsinns, inmitten unserer geregelten brgerlichen
Verhltnisse, unbelstigt durch dieses Leben gehen, weil der Dmon,
der in ihnen lauert, noch nie Gelegenheit bekam auszubrechen? Die Welt
verkehrt mit ihnen und ahnt nicht, wie der geringste Zufall wie ein
Funke den Brennstoff znden knnte, der in der Brust noch eingeschlossen
ruht -- Arm in Arm gehen sie mit ihnen, und geht Alles gut -- sterben
sie im regelmigen Lauf der Zeit in ihrem Bette, so sagen die Bekannten
vielleicht: Schade um den Menschen, er war eine gute Haut, nur ein Bichen
excentrisch manchmal, ein wenig launisch und wunderlich. -- Fllt aber
der Funke an den rechten Platz, dann....

Felix war aufgesprungen und hatte Gnther's Arm dabei so fest gehalten,
da er diesen schmerzte, und sein Auge stierte wild in das seine.
Gnther begegnete dem Blicke freundlich, aber ruhig, und sagte endlich:
Und weshalb qulst Du Dich mit solchen Trumen?

Felix sah ihn noch einen Augenblick stier an; dann drehte er den Kopf
ab, lie Gnther's Arm los und strich sich mit der Hand das wirre Haar
aus der Stirn.

Du hast Recht, sagte er -- Trume sind es, weiter Nichts; aber sie
qulen mich manchmal, wie uns die furchtbarste Wirklichkeit nicht rger
qulen knnte. O, da ich ein Mittel wte sie zu bannen!

Schliee Dich nicht in Dich selber ab, bat Gnther freundlich, mische
Dich unter die Menschen, die doch nicht so schlecht sind, wie Du zu
glauben scheinst -- und all' diese trben Gedanken werden von selbst
schwinden.

Nicht so schlecht, wie ich zu glauben scheine? lachte statt aller
Antwort Felix bitter vor sich hin -- mein lieber Freund, Du bist wie
ein Mann, der mit einer Fackel in den Wald geht und berall, wohin er
sich dreht, nur die _Lichtseite_ der Bume sieht. _Die_ drehen sie Dir
zu, alles Andere ist dunkel und Nacht.

Ich schlage Dich mit Deinem eigenen Beispiel, lchelte Gnther. Alle
Menschen sind von Herzen wirklich gut, nur, Gott sei Dank, sehr selten
findest Du eine Ausnahme, die wirklich absichtlich Freude am Bsen hat
-- leuchte sie nur mit Deiner Fackel ordentlich an, rund herum, wenn Du
willst, und sie werden Dir berall die lichte Seite zeigen. Mag auch
Ha und Unfriede zwischen Einzelnen bestehen, nicht gegen Alle zeigen
sie sich so, und gerade Diejenigen oft, welche _Dir_ falsch und treulos
scheinen, sind die besten Familienvter oder Mtter, und sorgen fr die
Ihrigen mit Aufopferung ihrer letzten Krfte.

Bah, so viel fr Deine Lobpreisungen des Menschengeschlechts, sagte
Felix finster -- sie sind falsch und treulos, glaube mir, und wo Du
ihnen wirklich ein Herz entgegenbringst, triffst Du nur auf Spott und
kalten Hohn!

Und wo hast Du alle diese bitteren Erfahrungen gemacht, armer Freund?
fragte Gnther herzlich.

Wo nicht? lautete die dstere Antwort -- jetzt erst wieder in Santa
Clara, wo ich endlich glaubte mein Ideal gefunden zu haben, wo ich -- aber
Du lachst mich aus, wollte ich Dir alle den Unsinn erzhlen, den ich
getrieben, und bei Gott, ich verdiente es auch nicht besser. -- Ein
Mdchen lebt dort -- schn wie ein Engel -- mit Allem ausgestattet, was
die Natur nur verschwenderisch ber eines ihrer Lieblingskinder schtten
kann, mit einer Seele fr Musik, eine kecke, ja, wilde Reiterin, ein
Wesen, wie ich es kaum versuchen knnte Dir zu schildern!

Die junge Comtesse Baulen? sagte Gnther fragend.

Comtesse? -- wiederholte verchtlich der junge Mann -- eine Betrgerin,
die unter falschem Namen ihr Netz nach einem jungen Laffen, der den
Baronstitel trgt, ausgeworfen und den Gimpel darin gefangen hat.

Also Eifersucht, sagte Gnther lchelnd, und weil Dich ein Mdchen
getuscht, darum zrnst Du der ganzen Welt?

Weil _sie_ eben die ganze Welt fr mich war und ich jetzt wieder -- aber
zum Teufel mit den Gedanken, die mir wieder und wieder das Herz vergiften!
Ich _will_ nicht mehr an sie denken!

Und die Frau Grfin Baulen wre also wirklich gar keine Grfin? fragte
Gnther, der sich fr diese Neuigkeit besonders interessirte, da gerade
_sie_ die Beschwerdeschrift gegen Sarno zuerst unterzeichnet hatte
-- weit Du das gewi und knntest Du Beweise dafr bringen?

Gewi? lachte Felix hhnisch -- sie war die Kammerjungfer meiner
Mutter, der Grfin Rottack, Mademoiselle Baulen -- ihren Namen hat sie
wenigstens nicht gendert, und ich erinnere mich noch recht gut der
Zeit, wo sie ihren Dienst quittiren mute, weil meine Mutter erfuhr,
da sie einen Sohn hatte -- von einer Tochter wuten wir nie ein Wort.

Und wie viele Jahre knnen das etwa sein?

Wie viele Jahre? -- Ich wei es nicht -- die Zeit ist wie ein Rad ber
mich hingegangen und hat mir das Gedchtni zermalmt, da ich kaum noch
denken kann.

Und ist Dir diese Frau Grfin einmal begegnet?

Ja, aber ohne da sie _mich_ gesehen; ich sah nur _sie_, und bis jetzt
hat sie noch keine Ahnung, da ein Mensch in Brasilien ihr Geheimni
kennt.

Und da die Mutter ein falsches Spiel gespielt, hat, wie es scheint,
auch die Neigung zur Tochter in Dir ertdtet? -- Siehst Du, da Du doch
selber auch noch an den alten Vorurtheilen hngst!

Vorurtheilen? rief Felix rasch; glaubst Du, da ich _das_ Mdchen
weniger liebte, und wenn sie die Tochter eines Tagelhners wre? -- O,
mit welcher Seligkeit wollte ich fr sie schaffen und arbeiten, im
Schweie meines Angesichts mein Brod verdienen und glcklich sein, wenn
mich ein Lcheln ihrer lieben Augen lohnte. -- Aber die Betrgerin, die
mit der Mutter gemeinschaftlich einen Rang gestohlen, den Beide jetzt
nicht die Mittel haben zu behaupten, nur um nicht ehrlich zu arbeiten
-- nein, Gnther, _so_ toll ist meine Liebe nicht, oder war sie nicht,
wenn ich sonst auch nicht in Allem fr mich einstehen mchte. Aber Du
ahnst gar nicht, mit welcher Leidenschaft ich das Mdchen geliebt, wie
ich mein Leben mit Wonne htte wegschleudern knnen, nur um ein Lcheln
aus diesen seelenvollen Augen zu gewinnen! Selbst das Gercht, welches
mir zu Ohren kam, sie wolle sich dem faden Burschen verbinden, der in
ihr Haus gezogen, konnte mich nicht beirren -- ich glaubte es eben nicht,
denn eine Helene _konnte_ den nicht lieben! Wie ein bser Zauber zog es
mich dabei immer zu ihrem Hause zurck, und halbe Nchte lang habe ich
gelegen, ihr Fenster beobachtet, bis das Licht erlosch, und dann
getrumt -- getrumt...

Da -- eines Tages begegnete ich zufllig auf der Strae ihr und ihrer
Mutter -- Helene erkannte mich -- ich sah es an ihrem leichten Errthen;
wenn sie auch noch nie ein Wort zu mir gesagt, meine alte Violine da
-- armes Ding, wie sie jetzt aussieht! -- hatte oft zu ihr gesprochen,
wie ich die Antwort verstanden, die mir zurck durch ihre Lieder kam
-- aber ich sah sie kaum -- mein Auge hing an der aufgeputzten Nrrin,
die an ihrer Seite ganz im aufgeblasenen Gefhl ihrer Wrde schritt und
den armen Colonisten, fr den sie mich hielt, keines Blicks wrdigte.

Aber war denn das auch gewi ihre Mutter? -- Kann sie nicht eben so gut
mit einer Fremden gegangen sein?

Das glaubte ich auch und fragte Leute auf der Strae, die sie kannten:
das ist die Grfin Baulen mit ihrer Tochter, die bald den Herrn von
Pulteleben heirathen wird -- so lautete die Antwort, die ich erhielt,
und als ich ihr Haus von da an wie ihr eigenes bses Gewissen umschlich,
sah ich sie wieder und wieder am Fenster und in ihrem Garten. Nein,
Freund, der Sache bin ich gewi, und -- la sie jetzt todt und begraben
sein -- ich _will_ nicht weiter an sie denken!

Gnther schttelte mit dem Kopfe. -- Und da sich irgend ein dnkelhaftes
Frauenzimmer, von Stolz und Hochmuth oder aus sonst einem Beweggrunde
getrieben, einen hheren Rang anmat, als ihr gebhrt -- was auerdem
Tausende von _Mnnern_ jeden Tag ungestraft thun --, dadurch lt Du
Dich aus Deinem Leben reien? Dem magst Du nicht begegnen und flchtest
vor Dir selbst in eine Stellung, die _Dir_ eben so wenig gebhrt, als
_ihr_ der Grafentitel? -- Felix, Felix, Du warst im Begriff in den
nmlichen Fehler zu fallen, den sie begangen hat, denn ich kann mir
kaum denken, da Du unter Deinem eigenen Namen Knecht bei einem Bauer
geworden.

Du wirst mir doch nicht einreden wollen, rief Felix, aber doch leicht
errthend, da es nicht etwas ganz Anderes ist, wenn _ich_
incognito...

Bah, unterbrach ihn Gnther, treibe keine Sophisterei! Groe Herren
reisen incognito, um lstigen Empfangsfeierlichkeiten zu entgehen; wenn
_Du_ Dich aber Deines Namens unter solchen Verhltnissen begiebst, so
geschieht es, weil Du Dich Deiner neuen Thtigkeit _schmst_, und deshalb
allein nicht gekannt sein willst!

Gnther!

Sei mir nicht bse, da ich das Kind beim rechten Namen rufe; Du weit
ja doch, da ich es ehrlich mit Dir meine, und der Arzt mu mit der
schmerzenden Sonde in die Wunde fahren, wenn er im Stande sein soll sie
zu heilen. -- Hast Du nie nach Hause geschrieben?

Ich? -- ja, sagte der junge Mann zgernd; ich -- mu gestehen, da
ich schwach genug war, mich nicht von allen Banden losreien zu knnen,
die mich noch daheim fesseln -- an meine Schwester.

Merkwrdiger Mensch, sagte Gnther seufzend, er schmt sich alles
Dessen, was gut und edel in ihm ist!

Und machst _Du_ mir einen Vorwurf daraus, da ich mir ehrlich, mit
meiner Hnde Arbeit mein Brod verdienen will?

Ich? Bei Gott nicht! Aber Du sollst Dir dafr eine Sphre suchen, die
Deiner mehr wrdig ist. Selbst der Handwerker setzt einen Stolz darein,
nicht als Tagelhner zu dienen, weil er etwas Besseres versteht. Willst
Du Dich weniger als er dnken?

Und was anders _knnte_ ich ergreifen? sagte der junge Graf finster;
denn ich mu zu meiner Schande gestehen, da ich, sobald ich meine
Sphre verlie, zu der berzeugung kam, da ich weit weniger wisse als
ein Handwerker. Den Platz aber, welchen ich hier einnehme, flle ich
aus, und mit dem festen Willen fhr' ich's durch.

Und bist Du _gezwungen_ solche Arbeit zu thun? -- Fehlt es Dir hier an
Geld? -- Ich kann mit Leichtigkeit...

Bah, lachte der junge Mann verchtlich, ich habe Geld genug bei mir,
um drei solcher Bauern auszukaufen, wie der ist, bei dem ich jetzt um
Monatslohn arbeite. Nein, was mich hieher trieb, war der Ekel an dem
ganzen geselligen Treiben der Menschen, und vielleicht auch das Bewutsein,
da ich selber eigentlich zu Nichts ntze sei auf der Welt. -- Ich
wollte versuchen, ob ich nicht im Stande sei mich selber am Leben zu
erhalten und -- selbst _wenn_ ich einmal nach Deutschland zurckkehren
sollte, doch wenigstens das Gefhl mitzunehmen, _da_ ich im Stande war
mich zu erhalten. Kannst Du mich deshalb tadeln?

Ich wahrhaftig nicht, sagte Gnther; aber so weit wirst Du doch der
Vernunft Gehr geben, da Du Dich nicht gerade darauf capricirst
Tagelhner zu bleiben, wenn Du in einer andern, Dir mehr zusagenden
Laufbahn das nmliche Ziel mit den nmlichen Mitteln erreichen kannst?

Und welche wren das?

Hre mir zu, und in wenigen Worten mache ich Dir unsere beiderseitige
Stellung klar. Nach dem schleswig-holsteinischen Kriege wie viele meiner
Kameraden aus meiner Stellung geworfen, auerdem durch den Bankerott des
Hauses, in dem ich mein ganzes Vermgen liegen hatte, um Alles gebracht
was ich mein nannte, verlie ich Deutschland -- aber nicht mehr als
freier Mann -- ich liebte. -- Daheim lebt mir ein Wesen, dem mein Herz
gehrt und das treu zu mir gehalten hat die lange, lange Zeit, whrend
ich hier fr uns Beide arbeitete, unsere Zukunft zu sichern. _Jetzt_
habe ich mein Ziel erreicht -- vierzehn Tage hchstens noch, und meine
Arbeit ist hier vollendet; dann kehre ich nach Deutschland zurck, zu
meiner Braut, um das an ihrer Seite zu genieen, was ich mir hier, Gott
wei es, mit Mhe, Arbeit und Entbehrungen genug zusammengespart und was
unser Beider Zukunft mit bescheidenen Ansprchen sichert. Das Geschft
eines Landvermessers ist aber in Brasilien ein lohnendes, wenn man es
eben ordentlich und geschickt angreift. Du hast, wie ich recht gut wei,
alle die nthigen Vorkenntnisse dazu, und willigst Du ein, so lehre ich
Dich in den wenigen Wochen auch den praktischen Betrieb so weit, da Du
recht gut in meine Stelle treten kannst. Dieselbe Dir zu verschaffen,
la meine Sorge sein, und Du hast dabei nicht etwa eine todte Anstellung,
die ihren Mann nhrt, sondern mut Dir, was Du bekommst, Vara bei Vara
durch schwere Arbeit verdienen. Nur die Pltze bekommst Du von der
Regierung angewiesen, wo Du vermessen sollst, in jeder andern Weise
bist Du Dein eigener Herr -- willigst Du ein?

La mir Zeit zur berlegung, Gnther, sagte Felix berrascht, Dein
Antrag kommt so pltzlich -- so unerwartet...

Hast Du hier noch Verbindlichkeiten?

Keine -- gestern war mein Monat abgelaufen, und wie ich Dir schon
vorher gesagt, berlegte ich mir eben, ob ich den neuen an dieser Stelle
antreten solle oder nicht.

Und Du gehst mit?

Du bist ein wunderlicher Drnger, Freund, lchelte Felix, da Du Dich
so eifrig bemhst, Dir eine vielleicht fatale Last aufzubrden.

Wenn ich Dir aber nun versichere, da ich vielleicht weit mehr Egoist
als irgend etwas Anderes bin, und Dir mglicher Weise den Vorschlag nur
gemacht habe, um mir selber aus einer Verlegenheit zu helfen?

So wrde ich Dir nicht glauben.

Und doch ist dem so. Eigentlich bin ich der Regierung gegenber noch
einige Verbindlichkeiten eingegangen, die Vermessungen in einer andern
Colonie zu beenden, und wenn ich mich auch davon losmachen knnte, wrde
das doch immer mit Schwierigkeiten verbunden sein. Alles regulirt sich
aber mit der grten Leichtigkeit, wenn ich Dich als meinen Stellvertreter
zurcklassen kann, und whrend Du selber in eine vortheilhafte
Beschftigung eintrittst, ist uns zu gleicher Zeit Beiden geholfen.
-- Komm mit!

Und hast Du die feste berzeugung, Gnther, da ich im Stande bin, die
Stellung mit Ehren auszufllen?

Ja -- ich wrde Dir sonst nicht dazu rathen.

Topp dann, rief Felix und schlug in die ihm dargebotene Hand des
Freundes -- ich bin der Deine!

Und wann kannst Du fertig sein, mich zu begleiten? fragte Gnther.

Mein Bndel ist in zwei Minuten geschnrt, lchelte der junge Mann,
und wenn ich von meinem bisherigen Brodherrn Abschied genommen habe,
bin ich fertig.

Desto besser; und nun zum Hause, da wir das rasch besorgen, denn ich
mchte so bald als mglich in Santa Clara sein.

In Santa Clara? rief Felix und sah rasch zu ihm auf; willst Du
_dorthin_ zurck?

Frchtest Du Dich vor dem Platz? lachte Gnther; die Frau Grfin hat
Dir doch am Ende imponirt.

Du hast Recht, sagte Felix finster -- wen htte ich zu scheuen? Also
vorwrts zu einem neuen Leben -- was es auch bringen mag, es soll mich
vorbereitet finden! -- Und seinen Hut vom Boden greifend und das lockige
Haar aus der Stirn werfend, schritt er dem Freunde voran dem Wohngebude
zu, wo dasjenige, was sie zu thun hatten, allerdings rasch abgemacht war.
Nur darauf, da sie noch bei ihm frhstcken sollten, bestand der
Brasilianer, und auf zwei frischen Pferden -- da Gnther das an der
Mndung des Santa Clara geborgte von hier aus wieder zurckschickte
-- trabten sie bald darauf der Colonie zu.

Der Weg war ziemlich rauh, da sie einen der kleinen Hhenzge zu passiren
hatten, und der Reitpfad steil den Hang hinanlief. Wo sich aber ein
kleines Thal oder eine Ebene bildete, lagen auch berall freundliche
Wohnungen mit blhenden Orangenhecken und breitbltterigen Bananen, von
Palmenwipfeln malerisch berragt, und mitten dazwischen, im Schatten der
Fruchtbume und Palmen, kleine, freundliche, weiangestrichene Huser
mit rothen Ziegeldchern und blanken Fenstern, durch die Sauberkeit
der ganzen Umgebung, den kleinen Garten, die Reben am Hause und die
schattige Laube deutlich die Wohnung _deutscher_ Colonisten verkndend.

Jetzt nherten sie sich der Colonie. Im Wege, der hier oben auf dem
Hgelrcken hin von anderen Colonien herberfhrte, berholten sie
deutsche Fuhrwerke, die sich, von krftigen Pferden gezogen, mhsam auf
der noch immer nicht ganz abgetrockneten Strae durcharbeiteten; auch
ein paar Maulthiere mit einem Sacke querber und einem unverkennbar
deutschen Jungen oben drauf.

Hier am Wege trafen sie aber auch die Schneuen, die Gnther bei seiner
Vermessung durch den Wald gehauen, und einer von diesen folgten sie jetzt,
indem sie dadurch nicht allein dem etwas zerfahrenen Wege auswichen,
sondern auch ein tchtiges Stck nach der Colonie zu abschnitten.

In der Schneue selber muten sie allerdings hinter einander reiten;
bald aber erreichten sie wieder einen betretenen Weg, und hier hielt
Felix sein Pferd an und schaute zurck.

Alle Wetter, sagte er, ich glaube wahrhaftig wir haben uns verirrt,
denn das hier kann doch nicht der Weg zur Colonie sein!

Ein Landmesser und verirren, lachte Gnther, das wre nicht bel!
-- Kennst Du den Platz hier nicht? -- Gleich dort drben liegt die Chagra
jenes wunderlichen Menschen, jenes Meier, der sich wie ein Einsiedler in
seinem Hause vergraben hat, und das wahre Muster eines Maulwurfs sein
mu.

Ach richtig, jetzt erinnere ich mich wo wir sind -- aber warst Du nie
bei ihm?

Bei Meier? -- ich nie, obgleich ich sein Land sogar vermessen habe;
aber er ist nicht ein einziges Mal herausgekommen, um sich die Grnzen
anzusehen, und ich selber hatte weder Zeit noch Lust dazu, mich ihm
aufzudrngen...

Gnther schwieg und sah die Strae hinauf, die nach dem erwhnten Hause
fhrte; auch Felix wandte den Kopf dorthin, ja selbst die Thiere spitzten
die Ohren und schauten nach jener Richtung, denn wildklappernde Hufschlge
wurden laut, und im nchsten Moment flog ein reiterloses Pferd, von einem
andern, auf dem sich der bgellose Reiter noch krampfhaft festhielt,
dicht gefolgt, wie ein Sturmwind an ihnen vorber, da sie kaum Zeit
behielten, auszuweichen.

Ein paar durchgegangene Pferde, rief Gnther, der Mhe hatte, das
eigene Thier vom Folgen abzuhalten -- ruhig, Alter, mut Du denn auch
alle Dummheiten mitmachen?

Das war der junge Baulen, sagte Felix, ohne auf den Freund weiter
zu achten -- und da kommt noch ein Thier -- bei Gott, und mit seiner
Reiterin! Und noch whrend er sprach, sprang er aus dem Sattel, sein
Pferd vollkommen rcksichtslos sich selber berlassend.

Er hatte Recht; mit vorgestrecktem Kopf und schnaubenden Nstern folgte
der Schimmel den vorangeeilten Kameraden, und mit flatternden Haaren,
das Antlitz marmorbleich, aber keine Spur von Furcht verrathend, sa
Helene auf seinem Rcken, und klammerte sich an dem Sattel fest, whrend
das eine Ende des zerrissenen Zgels den Hals des Pferdes peitschte.

Hab' Acht, Felix, schrie Gnther, der mit Besorgni sah, wie sich der
Freund dem wild heranbrausenden Thiere entgegenwarf -- Du kannst es
nicht halten!

Aber Felix hrte ihn nicht. Der Weg war hier eng, denn das Dickicht an
beiden Seiten mit ein paar aus der Bahn geschobenen umgestrzten Bumen
hemmte ihn ein; das durchgehende Pferd _konnte_ nicht ausweichen. Als
es aber die mitten im Wege wartende Gestalt des Menschen erblickte,
parirte es pltzlich und bumte in die Hhe. In demselben Moment griff
des Unerschrockenen linke Hand in sein Gebi, und whrend es zur Seite
schreckte, verlor Helene das Gleichgewicht und strzte in Felix' linken
 Arm. Allerdings konnte er ihren Fall nicht hindern, denn das Pferd,
welches er nicht loslie, ri ihn zur Seite, aber er brach doch die
Schwere des Sturzes, so da das junge Mdchen mehr zu Boden glitt als
fiel, und Felix jetzt nur den Schimmel von ihr zurckdrngte, damit sie
nicht durch dessen Hufe beschdigt wrde.

Aber die Aufregung war zu viel fr sie gewesen. So stark und besonnen
sie sich bis dahin, trotz des zerrissenen Zgels, im Sattel gehalten
hatte, vergingen ihr jetzt die Sinne, und als der ebenfalls abgestiegene
Gnther hinzusprang, um wo mglich noch Hlfe zu leisten, lag sie
ohnmchtig vor ihm im Wege.

Das Ganze war natrlich das Werk nur weniger Secunden gewesen, und noch
war Felix mit dem nicht so leicht beruhigten Schimmel beschftigt, um
ihn aus dem Wege zu halten, als Gnther schon die ohnmchtige Jungfrau
aufgehoben hatte und sie in seinen Armen hielt.

Und was nun? rief er halb verlegen, halb lachend; das ist eine
vortreffliche Situation fr ein paar Junggesellen! Was fangen wir mit
der Ohnmchtigen an? -- Hier knnen wir sie doch nicht liegen lassen!

Der Schimmel stand endlich; er schnaubte zwar noch und warf den Kopf
herber und hinber, aber die Gefahr war vorbei, und er wute, da er
sich wieder in der Gewalt seiner Herren befand. Felix fhrte ihn ruhig
heran und sagte:

Meier's Haus ist ja, wie Du sagst, dicht bei -- da drben kann ich sogar
die Pinie erkennen, die in der Ecke seiner Umzunung steht -- trage die
junge Dame dorthin, indessen ich hier den Zgel des Pferdes wieder in
Ordnung bringe. In dem Hause findet sie auch weibliche Hlfe und kann
spter, wenn sie sich erholt hat, in die Colonie zurckkehren.

Aber sie werden mich nicht einlassen.

Klopf' nur an die Thr; einem solchen Unfall kann der alte Misanthrop
sein Haus nicht verschlieen! -- Und ohne sich weiter um die Bewutlose
zu kmmern, ja, ohne sie anzusehen, schritt er, den Schimmel noch immer
am Gebi haltend, zu Gnther's Pferd, dessen Zaum sein Reiter ber einen
Ast geworfen hatte, lste den Lasso, der um dessen Hals befestigt war,
mit der rechten Hand, und sicherte sich dann den Schimmel, indem er das
andere Ende durch den Ring seines unter dem Zaum sitzenden Halfters zog.

Gnther war indessen, weil er selber keinen besseren Rath wute, mit
seiner schnen Brde Meier's Chagra zugeschritten. An der Gartenthr
angelangt, hrte er Stimmen im Garten, und mit dem Fue gegen das Holzwerk
tretend, bat er, ihm zu ffnen, da er eine ohnmchtige Dame trage, die
Hlfe verlange. Zuerst antwortete Niemand; dann aber auf seine wiederholte
Bitte rief eine weibliche Stimme von innen: Gleich, gleich! -- Der
Riegel wurde zurckgeschoben, die Thr ging auf, und Gnther sah sich im
nchsten Augenblick Knnern und Elisen gegenber.

Graf Felix indessen, ohne sich weiter darum zu kmmern was aus der
jungen Dame wurde, befestigte den Schimmel mit dem Lasso an eine der
jungen Palmen, knpfte den Zgel wieder fest, da er wenigstens den Ritt
hinunter hielt, und schritt dann, da ihm sein eigenes Pferd ebenfalls
davon- und den anderen nachgelaufen war, zu Fu in die Colonie hinab.

Eine Viertelstunde mochte er wohl den Platz verlassen haben, als eine
klgliche Gestalt denselben Weg herabgehinkt kam, den vorher die Pferde
genommen hatten. Es war Herr von Pulteleben, sein Gesicht blutig und
mit einigen Rissen, die Dorn oder Stein darauf zurckgelassen, seinen
Rock beschmutzt und zerfetzt, und das Gewicht seines Krpers einzig und
allein seinem rechten Beine vertrauend.

Er hielt einen Augenblick, als er zu der Stelle kam wo der Schimmel
angebunden stand, und schttelte den Kopf. Er mochte sich wohl nicht
recht erklren knnen, wie der hierher gekommen, und wo die Reiterin
geblieben; aber er schien auch nicht in der Stimmung, sich lange bei
Vermuthungen aufzuhalten, denn in diesem Zustande konnte er doch
Niemandem seine Hlfe anbieten -- er sah zu unanstndig aus, und mit
einem Seufzer seine unteren Kleidungsstcke betrachtend, setzte er sehr
betrbt seinen Weg nach der Colonie fort.




8.

Ein Vielliebchen


Knnern verbrachte eine unruhige Nacht. Nicht etwa, da Sarno's Warnung
irgend einen Zweifel in seiner Brust wachgerufen oder seinen Entschlu
erschttert htte, aber die Aufregung, da sich mit dem morgenden Tage
sein Schicksal entscheiden sollte, lie ihn nicht schlafen, und erst
gegen Morgen fielen ihm die mden Augen zu, nur um einer Masse von
tollen und abenteuerlichen Traumbildern Raum zu geben. Mit Sonnenaufgang
war er auch schon wieder munter und konnte die Zeit jetzt nicht erwarten,
wo er Elise endlich sehen und sprechen wrde; denn heute, das hatte er
sich fest vorgenommen, lie er sich von dem Alten nicht abweisen, mochte
daraus werden was da wollte.

Vor zehn Uhr durfte er aber keinesfalls hinber; selbst das schien ihm
noch eine etwas frhe Stunde, aber seine Ungeduld ertrug eben nicht mehr,
und mit dem Schlage Zehn sprang er auf das schon fertig gesattelte Pferd
und trabte lustig der Richtung nach Meier's Chagra zu.

Dicht vor der Colonie berholte ihn eine kleine Cavalcade von Reitern,
die mit ihm denselben Weg ritten, und an der jungen, reizenden Dame, die
den Zug fhrte, erkannte er bald die Gesellschaft. Er war aber heute
Morgen nicht dazu aufgelegt, irgend eine neue Bekanntschaft anzuknpfen,
hielt deshalb sein Pferd an, grte und lie die Drei an sich vorbei
passiren, die dann auch bald in den Bschen verschwanden, welche bis zum
Fue der nchsten Hgel herabliefen.

Da die drei Reiter brigens mit ihm einen und denselben Weg verfolgten,
beeilte er sich nicht mehr so sehr; er wollte gern vermeiden, mit ihnen
wieder zusammenzutreffen, und lie sein Pferd erst wieder austraben,
als er sich der Chagra nherte. Dort fhrte er es seitwrts auf einem
schmalen Kuhpfade in den Wald, band es fest und setzte nun von hier ab
seinen Weg zu Fu fort.

Und wie ihm das Herz schlug! Als ob er ein Verbrechen begangen htte und
jeden Augenblick Entdeckung frchtete, so schlich er auf dem Wege dahin
und sah scheu hinauf und hinab, ob Niemand kme, der ihn stren knnte.
Und mit dieser Angst auf dem Herzen sollte er dem alten Mann entgegentreten
und ihn um die Hand seiner Tochter bitten? Er wagte es nicht, und zweimal
war er an der Thr und hob den Arm, und zweimal schlich er zurck in den
dichten Busch hinein, um sich erst wieder zu sammeln und das zu berdenken,
was er Elisens Vater sagen wollte.

Das zweite Mal war er der Hecke nahe gekommen, welche den Garten
umschlo, unfern von da, wo er an jenem Morgen Elisens Citherspiel
gelauscht und ihr zuletzt die beiden Waldhhner hinber geworfen; und
berdachte er sich jetzt, da er das Mdchen seit der ganzen langen
Zeit nicht ein einziges Mal wieder gesehen, ja, da er eigentlich nicht
einmal einen einzigen bestimmten Grund fr sich anzugeben vermochte,
nach dem er sicher schlieen konnte, sie sei ihm gut, so kam ihm seine
ganze Werbung eigentlich wie halber Wahnsinn vor, und er stand sogar auf
dem Punkte, sie vollstndig aufzugeben.

Was wute sie denn von ihm? Was konnte sie von ihm wissen, das ihm ein
Recht gab, sie fr sich zu fordern? Wenn sie ihm nun geradezu in's Gesicht
lachte, wenn sie ihm sagte -- -- da drangen wieder die weichen Tne der
Cither heraus an sein Ohr, und _ihre_ Stimme war es, welche sie begleitete.
_Was_ sie sang oder spielte, er hrte es nicht mehr; die Leidenschaft
der ersten heien Liebe hatte ihn bermannt, und kaum sich dessen klar
was er selber that, kletterte er im nchsten Augenblicke schon an einer
der dnnen, schlanken Palmen nchst der Hecke empor, schwang sich dort
hinauf, ergriff den berhngenden Zweig eines im inneren Garten stehenden
greren Baumes, welcher sich unter seinem Gewichte bog und langsam
brach, und stand nur wenige Secunden spter im Garten selber, und
kaum fnfzig Schritte von der Stelle entfernt, an der Elise mit ihrem
Instrumente im Schatten eines breitstigen Mandelbaumes sa.

Das junge Mdchen hatte aber ebenfalls das Brechen und Rauschen in den
Zweigen gehrt und den Kopf dorthin gewandt, und sprang erschreckt empor,
als sie die Gestalt eines Fremden bemerkte, welcher also gewaltsam in
ihr Heiligthum brach. Aber es war nur ein Augenblick; bald erkannte sie
den Eindringling, und zitternd stand sie neben ihrem kleinen Tische, als
Knnern rasch auf sie zuging und wenige Schritte vor ihr mit achtungsvollem
Grue stehen blieb.

Mein Frulein, sagte er, noch immer halb verlegen, aber doch jetzt schon
mit dem festen Entschlu, das nun Begonnene auch wacker durchzufhren
-- vor allen Dingen mu ich tausendmal um Entschuldigung bitten, mich
auf solche rauhe Weise in Ihre Nhe gedrngt zu haben, aber ich -- konnte
mir nicht mehr helfen; ich _mute_ Sie sprechen, und da mir Ihr Vater,
Gott wei aus welchem Grunde, hartnckig den Zutritt zu Ihnen weigerte,
nahm ich endlich meine Zuflucht zu einem verzweifelten Mittel und --
hier bin ich jetzt.

Ich wei nicht, stammelte Elise in schchterner Verlegenheit, whrend
sich der purpurne Strom ber ihre Wangen und ihren Nacken ergo und
ihren Zgen einen noch viel hheren Liebreiz gab -- ich wei in der
That nicht, weshalb Vater -- Sie mssen ihn entschuldigen -- er -- er
ist krnklich, und in der -- in der letzten Zeit besonders so leidend
gewesen, da er sich scheu vor allen, selbst den ihm liebsten Menschen
zurckgezogen hat.

Ich zrne ihm nicht, liebes Frulein, sagte Knnern herzlich -- welches
Recht htte ich auch, Etwas von ihm zu verlangen, was er allen brigen
Menschen eben so gut verweigert: den Zutritt zu seinem Hause -- und
dennoch bin ich hier -- setzte er leise und zgernd hinzu, whrend auch
seine Zge jetzt ein leichtes Roth frbte -- dennoch habe ich den Bann
gebrochen, der auf dem Platze liegt, und -- vielleicht Unrecht damit
gethan, aber ich konnte mir nicht helfen, Elise, fuhr er leidenschaftlich
fort -- ich mute _Sie_ sprechen, ich _mute_ Ihnen sagen, da, seit
ich Sie zum ersten Male gesehen und gesprochen, nur der Eine Gedanke
mich erfllt hat, Tag und Nacht -- _Sie_ -- mute Ihnen sagen, da ich
mir kein Leben lnger denken kann fern von Ihnen, und mir die Entscheidung
meines knftigen Schicksals von Ihren eigenen Lippen holen.

Herr Knnern! sagte Elise erschreckt, und jeder Blutstropfen verlie
in dem Augenblick ihre Zge.

Sie haben Recht, sagte Knnern abwehrend -- es war ein tollkhner
Schritt -- ein Schritt, der in dieser Weise kaum auf Erfolg rechnen
konnte, und erst jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, wo es zu spt ist ihn
zurck zu thun, fhle ich das Ungehrige desselben in seiner ganzen
Schwere. Aber sein Sie auch versichert, Elise, da ich ihn nicht ganz
leichtsinnig gethan, da ich mir vorher erst ganz klar geworden, ob ich,
was mich selber betraf, die Verantwortung bernehmen konnte, Sie aus
Ihrem elterlichen Hause zu fhren. Meine gesellschaftliche Stellung
im Leben ist eine ehrenvolle; ich besitze Vermgen genug, der Zukunft
sorgenfrei in's Auge zu schauen, selbst wenn ich nicht mehr die Kraft in
mir fhlte, mich durch meine Kunst zu erhalten. -- Aber das Alles sind
Eigenschaften, welche nur die Existenz selber -- nicht das Herz berhren,
und ich hatte nicht bedacht, da Sie _mich_ ja noch gar nicht kennen,
da Sie also auch kein Vertrauen zu mir haben knnen, ob ich es wirklich
so ehrlich und treu meine, wie meine Worte sagen.

Elise athmete kaum. Der Blick, den sie im Anfange schchtern zu ihm
aufgehoben, hatte schon lange den Boden wieder gesucht, und wenn sich
auch ihre Lippen ein paar Mal theilten, als ob sie irgend Etwas erwiedern
wollte, wurde doch keine Silbe laut. Auch Knnern schwieg jetzt und
Beide standen einander stumm, in peinlicher Pause gegenber. Da nahm
Knnern das Wort wieder auf und sagte leise:

Sie haben Recht, Elise -- die tolle Frage bedarf keiner Antwort. Lassen
Sie mich gehen und als einzige Erinnerung Ihr liebes Bild im Herzen mit
forttragen fr die weite, de Welt. Nur um das Eine bitte ich Sie, recht
aus Grund meiner tiefsten Seele, _zrnen_ Sie mir nicht. Vergessen Sie,
da ich leichtsinnig und unberlegt gehandelt, und denken Sie, da ich
fortan nur ein einsamer, armer Wandersmann sein werde, der -- so fortfahren
wird die Welt zu durchziehen, wie er begonnen, weil er eben -- nirgends
Ruhe finden kann. Leben Sie wohl, Elise -- ich werde Ihnen nie wieder
strend in den Weg treten und -- Gottes reichster Segen ber Sie!

Mit den Worten nahm er ihre Hand, welche sie ihm willenlos berlie,
drckte einen innigen Ku darauf, lie sie los und wandte sich rasch ab,
um den Garten wieder zu verlassen.

Knnern, rief da Elise mit leiser, zitternder Stimme -- gehen Sie
nicht so!

Elise -- darf ich glauben, da Sie mir nicht zrnen? bat der junge
Mann, welcher sich ihr bei dem Laute rasch wieder zudrehte.

Zrnen? flsterte das junge Mdchen, den Kopf traurig zu Boden gesenkt
-- _zrnen_? wiederholte sie, wo es das erste Freundeswort ist, das
ich seit langen, langen Jahren gehrt? Gehen Sie, Knnern, gehen Sie in
Ihre Welt hinein, welche ich nicht kenne -- welche ich nie kennen soll,
aber nehmen Sie die Versicherung mit, da Sie einer Unglcklichen einen
lieben, lieben Trost gebracht, da Sie ihr einen Augenblick des Glckes
geschaffen haben, an dem sie, mag er so kurz gewesen sein wie er will,
noch lange Jahre freudig zehren wird. Gehen Sie, Knnern, mein Vater
wird mir nie erlauben, mich von ihm zu trennen -- er knnte auch nicht
ohne mich leben, aber denken auch Sie manchmal freundlich eines armen
Mdchens, das....

Knnern hielt sich nicht lnger. Mit frohlockendem Herzen hatte er den
Worten des lieben Kindes gelauscht -- die Hindernisse, welche sie ihm in
den Weg warf, er achtete ihrer nicht, er hrte sie kaum, und jetzt rasch
zu ihr zurckkehrend, rief er jubelnd aus:

Elise -- _meine_ Elise -- Du bist mir gut? Du zrnest nicht dem kecken
Fremden, der es wagte, an Dein Herz zu pochen, Du lt mich hoffen, da
ich Dich gewinnen kann? O, nun ist Alles gut, Alles gewonnen, denn der
Vater wird und mu Dich mir geben. O, wenn ich Dir jetzt nur mit Worten
sagen knnte, wie herzlich ich Dich liebe; wie all mein Sehnen und
Trachten, all' meine Gedanken die ganze lange Zeit, in der wir uns
nicht gesehen, gesprochen, nur Dir gehrt, nur Dein gedacht! Sieh mich
an, Elise, o, la mich in Deinen lieben treuen Augen das Glck auch
lesen, das Du mir mit Deinen herzlichen Worten gegeben, la mich darin
die Besttigung finden, da ich nicht mehr allein stehe auf der Welt und
ein Herz gefunden habe, das mein sein will in Lust und Leid, in Sorge
und in Glck.

Elise schlug das thrnengefllte Auge zu ihm auf und lehnte ihr Haupt
dann schwer und seufzend an seine Brust.

Es kann nicht sein, flsterte sie -- ich darf nicht glcklich werden
-- werd' es nicht!

Du wirst es -- mit diesem Kusse gewinn' ich Dich zur Braut, und wie
mich Gott verlassen soll in meiner letzten Stunde, wenn ich je von Dir
lasse, so vertraue auch mir! Leg' Dein Geschick getrost in meine Hnde,
und steht uns auch noch eine Prfung bevor, sollten uns auch noch
Hindernisse in den Weg treten, la Dich nicht entmuthigen. Was es auch
sei, wir werden's berwinden, und wie ich jetzt mein ganzes Leben Dir
zu eigen gebe, so sei versichert, da Dein knftiges Glck in guten und
treuen Hnden ist.

Und wenn uns der Vater trennt?

Er kann, er darf es nicht, Herz, sagte Knnern, wieder und wieder
ihre Stirn kssend, denn sie hielt das Antlitz noch fest an seiner Brust
geborgen -- er wird auch in der Kinder Glck das eigene wieder finden,
wieder vergessen lernen, was ihm die Welt vielleicht zu Leid gethan, und
so nur knnen wir auch ihn dem Leben wieder gewinnen, dem er jetzt ja
fast vollstndig entsagt. Frchtest Du Dich _noch_?

In Deiner Nhe nicht, flsterte die Jungfrau -- hier an Deiner Brust
ist mir wohl -- o, so mcht' ich sterben. Wenn ich aber weiter denke
-- wenn ich glauben mu, da uns ein bses Geschick je wieder trennt -- o,
gehe nicht von mir, bat sie, ihn leidenschaftlich umschlingend -- la
mich nicht wieder allein, denn jetzt erst, in diesem Augenblicke erst
fhl' ich, was ich mein ganzes Leben lang entbehrt -- Liebe! -- Liebe!
-- Liebe!

Ein lindernder Thrnenstrom machte ihrem Herzen Luft, und zitternd,
weinend lag sie lange in Knnern's Armen. Endlich rang sie sich gewaltsam
von ihm los, und ihre Thrnen trocknend, sagte sie, mit einem gar so
lieben wehmthigen Lcheln zu ihm aufschauend:

Bin ich nicht ein Kind, da ich dem ersten Glck entgegenweine -- und
doch -- der Allwissende dort oben sieht es -- trage ich es mit bitter
schwerem Herzen -- o, Bernard, willst Du mich _nie_ vergessen, wenn uns
auch -- das Schicksal wieder auseinander reit?

Nie, nie soll das Eine noch das Andere geschehen! rief leidenschaftlich
der junge Mann -- und jetzt banne die trben Gedanken aus Deiner Seele,
Du ses Lieb -- oder -- fuhr er leise flsternd und lchelnd fort
-- soll ich Dich daran erinnern, da Du -- Dein Vielliebchen gefunden
hast? Wie hie doch der letzte Vers, Schelm?

Elise barg das errthende Antlitz wieder an seine Brust und sagte:

Wie Du mich damals erschreckt hast!

Und Du wutest, von wem es kam?

Sie antwortete nicht, aber er fhlte, wie sie leise mit dem Kopfe nickte
und sich dem Versuche hartnckig widersetzte, ihr Antlitz zu dem seinen
emporzuheben.

Du wutest, was es bedeutete? flsterte er so leise, da sie die Worte
kaum verstand, und wieder nickte sie und schmiegte sich fester an ihn
-- und, o der Seligkeit dieser Stunde, in der sich zwei Herzen fanden
und verstanden und des reinen Glckes inne wurden, nur in sich selber
Eins zu sein! Was kmmerte sie auch jetzt die Auenwelt, was Sorge und
Gefahr der nchsten Stunde? Knnern's muthiges Herz setzte sich leicht
darber weg und Elise selbst war zu selig, um nicht dem Augenblicke auch
sein Recht zu gnnen.

Knnern fhrte die Geliebte jetzt zu der kleinen Bank unter dem
Mandelbaume, vor welchem ihr Cithertisch stand, und Hand in Hand, Auge
in Auge saen die jungen Leute und plauderten und fanden des Himmels
Seligkeit in der Liebe Glck.

Da tnte vom Hause her ein kleines Horn, und erschreckt fuhr Elise
empor. Das war das Zeichen zum Frhstck, und sie mute fort aus dem
Garten.

Die Mutter ruft, sagte sie ngstlich -- ich darf nicht lnger sumen,
und -- groer Gott, es ist so spt geworden und der Vater jetzt auch
schon im Garten -- wenn er Dich sieht....

Frchtest Du Dich, Elise? Frchtest Du Dich an meiner Seite, sagte
Knnern herzlich -- und haben wir denn etwas Bses gethan, da wir
den Blick der Eltern zu scheuen htten? Offen will ich vor sie treten
-- jetzt, in diesem Augenblick, nicht im Geheimen mag ich zu ihrem Kinde
schleichen und mir dessen Liebe stehlen, wie ein unrecht Gut! Nein, ich
habe sie mir ehrlich gewonnen und will sie ehrlich wahren, als meinen
hchsten und theuersten Schatz.

Aber der Vater....

Frher oder spter mte er doch wissen, da wir einander angehren
wollen fr das ganze Leben; weshalb dann eine Zeit in Angst und Sorge
verleben, die nur dem reinsten Glck gehren sollte? Glaube mir, mein
ses Herz, Dein Vater ist lange nicht so schlimm, wie Du zu denken
scheinst. Auch er hat einst mit treuer Liebe um Deine Mutter geworben,
und _der_ Zeit mag er gedenken, wenn ich vor ihn trete. Auerdem stehe
ich selbststndig in der Welt, und der Director Sarno, welcher meine
Familie genau kennt, mag ihm bezeugen, da er um die Zukunft seiner
Tochter nicht besorgt zu sein braucht. Frchtest Du noch, da er Dich
mir verweigern wird?

Ja, hauchte Elise, whrend ihre Zge wieder erbleichten -- trotz alle
dem; Du kennst den Vater nicht.

Und Deine Mutter?

Elise stand unschlssig vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Endlich
schlug sie die treuen Augen zu ihm auf und sagte mit einem gar so
rhrenden Blick voll Vertrauen und Liebe:

So geh' zu ihm, Bernard -- sprich mit ihm -- ich vertraue Dir ganz! Wie
Dir mein Herz von jetzt allein gehrt, will ich mich auch von _Deinem_
Herzen leiten lassen. Ich fhle Du hast Recht; wir drfen kein Geheimni
vor den Eltern haben -- ich wenigstens nicht, nach Allem, was sie schon
fr mich gethan. Gehe zu ihnen und Gott mge des Vaters Sinn lenken,
da er das Glck des Kindes, zum ersten Mal wo es in seine Hand gelegt,
nicht selbst zerstrt. Aber noch Eins, Bernard, fuhr sie fort, als
er sie mit sich dem Hause zu ziehen wollte -- _was_ auch der Vater
beschliet -- wie auch sein Urtheil lautet -- und wenn mein eigen Herz
darber brechen mte -- ich kann und darf nicht ungehorsam sein.

Elise!

Ich bleibe Dir treu, bat die Jungfrau -- nie wird sich diese Hand in
eines andern Mannes Rechte legen, aber wenn mich des Vaters Gebot an
seine Seite zwingt, so werd' ich bleiben, was auch mit mir geschehe.

Es sei, sagte Knnern nach einer kurzen, peinlichen Pause -- wie
leicht ich aber auch vorher, als ich mich Deiner Liebe versichert wute,
dem entscheidenden Schritt entgegen ging, so schwer gehe ich jetzt, wo
ich frchten mu Dich wieder zu verlieren, in demselben Augenblick, wo
ich Dich mein auf immer geglaubt. Aber die erste Bitte kann und will ich
Dir nicht abschlagen -- ich fhle, da ich Dich nicht zwingen darf, wenn
ich damit nicht Deinen Frieden fr sptere Zeiten zerstren sollte. Ich
will allein _Dein_ Glck -- und da ich nur _das_ will, kann ich Dir
jetzt beweisen.

Ach, Bernard, sagte das junge Mdchen traurig -- nur an Deiner Seite
find' ich das, und gehst Du von mir, ist es doch vorbei -- aber trotzdem
danke ich Dir -- danke ich Dir recht von Herzen fr Deine Liebe, welche
Du mir jetzt strker als vorher gezeigt -- und nun zum Vater, da wir
unsere Bitten dort vereinen.

Schon vor einiger Zeit hatten sie drauen vor dem Garten wildes
Pferdegestampfe und Stimmen gehrt, aber, zu sehr mit sich selber
beschftigt, nicht weiter darauf geachtet. Jetzt eben hatte sich das
wiederholt, und sie blieben horchend stehen. Knnern dachte an sein
eigenes Pferd, ob sich das vielleicht losgerissen haben knnte, aber
das war fest und sicher angebunden -- vielleicht waren es trunkene
Colonisten, die hier dem Stdtchen zujagten -- was kmmerte es sie
-- Seite an Seite, Knnern seinen rechten Arm um der Geliebtem Schulter
geschlagen, schritten sie langsam den Kiesweg an der Hecke entlang hin,
welcher dem Hause zufhrte. Kaum aber waren sie in der Nhe der Thr
angelangt, die hinaus in's Freie fhrte und stets sorgfltig verriegelt
gehalten wurde, als ein paar heftige Ste dagegen erfolgten und eine
Stimme drauen, welche Knnern bekannt schien, um Einla bat.

Was ist das? sagte Elise, ngstlich seinen Arm ergreifend -- wir
drfen nicht ffnen.

Es ist ein Unglck geschehen! rief Knnern sollen wir nicht
nachsehen?

Ein Unglck? wiederholte das junge Mdchen erschreckt.

Ich halte eine Ohnmchtige hier im Arme! rief da Gnther's Stimme
wieder -- wollt Ihr sie hier im Wege sterben lassen?

Eine Ohnmchtige?! Gleich, gleich! rief Elise, jede weitere Furcht bei
Seite setzend -- der drfen wir ja doch unsere Hlfe nicht versagen
-- und zu der Thr springend, schob sie die beiden groen Riegel zurck.
Knnern drckte zugleich das breite Schlo auf, das nach auen keine Klinke
hatte, und sah erstaunt den Freund mit seiner Brde.

Gnther! rief er berrascht aus -- Sie hier und mit einer Dame im
Arm?

Ich knnte, glaub' ich, so ziemlich dieselbe Frage an Sie richten,
Knnern, lachte der Freund, wenn wir jetzt Zeit zur Unterhaltung
htten, aber die Arme sind mir schon erlahmt -- mein Frulein, drft'
ich Sie bitten, sich der armen Dame anzunehmen?

O, das Haus ist nur wenige Schritte von hier entfernt, rief Elise,
welche mit gefalteten Hnden vor der bleichen Fremden stand -- ach,
das bildschne, unglckliche Kind -- kommen Sie rasch mit mir, dort ist
Alles was ihr Hlfe bringen kann -- und mit flchtigen Schritten flog
sie ihnen voran, den Gang hinauf. Knnern hatte indessen, dem Freunde
die Last zu erleichtern, den Oberkrper der Bewutlosen in seinen Arm
genommen, so da sie rasch der Jungfrau folgen konnten, und unterwegs
erzhlte ihm Gnther mit kurzen Worten, was drauen vor dem Garten
geschehen.

Jetzt hatten sie das Haus erreicht, und stiegen die wenigen Stufen zu
dem untern Gartensaale hinauf -- die Mutter war schon durch ein paar
flchtige Worte Elisens von dem Unfall unterrichtet und in ihr Zimmer
gegangen, englisches Salz zu holen -- nur Elise erwartete sie am Eingang,
und die beiden Freunde legten die Ohnmchtige jetzt auf das an der
entgegengesetzten Wand stehende Sopha.

Gnther hatte ihre Kleider etwas geordnet, und richtete sich eben auf,
als die Thr links geffnet wurde, und Meier eilig hereintrat.

Was geht denn hier vor? rief er bestrzt -- was ist geschehen? Das
ist ja ein Lrm -- sein Auge begegnete Gnther's fest und erstaunt auf
ihm haftenden Blick, und Knnern, welcher sich eben bei ihm entschuldigen
wollte, bemerkte zu seinem Erstaunen, da der alte Mann zurckschrak,
als ob er einen Geist gesehen htte.

Noch standen sie sich so gegenber, whrend Elise mit der Bewutlosen
beschftigt war und ihr das Kleid zu ffnen suchte, als die andere Thr
aufging, und Elisens Mutter mit dem herbeigeholten Flschchen eintrat
-- nur Einen Blick aber warf sie auf die Gruppe der beiden Mnner, als
auch das Flacon ihrer zitternden Hand entfiel.

Mutter, liebe, beste Mutter! rief Elise, zu dieser springend -- es
ist Nichts -- nur eine Ohnmacht -- sie schlgt die Augen schon wieder
auf.

Herr _Sellbach_! sagte Gnther mit ruhiger, kalter Stimme -- ich
hatte allerdings keine Ahnung, da wir so lange schon nahe Nachbarn
gewesen waren, und kann dem Zufall nicht genug danken, der uns hier
zusammenfhrt.

Der alte Mann stand wie zu Stein erstarrt -- seine Lippen hatten sich
getheilt, aber er sprach kein Wort; seine Augen, vor denen er heute
nicht die blaue Brille trug, schienen aus ihren Hhlen drngen zu wollen,
und die beiden Arme hielt er wie abwehrend vorgestreckt.

Sie kommt zu sich! rief Elise, welche das ihr entgegengerollte Flacon
aufgehoben und der Kranken vorgehalten hatte -- Gott sei Dank! Beruhige
Dich, liebe Mutter, und Vater -- sie wandte sich, whrend sie sprach,
dem Vater zu und stie einen Angstschrei aus, als sie den Zustand sah,
in welchem er dem Fremden gegenber stand.

Vater! rief sie -- lieber, bester Vater -- um des barmherzigen Gottes
willen, was ist geschehen? und in Windeseile war sie an seiner Seite und
umschlang ihn mit ihren Armen. Erst die Berhrung schien den Zauber zu
lsen, von dem er befangen war. -- O, mein Gott! sthnte er -- endlich!
endlich! und wre jetzt zu Boden gesunken, htte ihn die Tochter nicht
in ihren Armen gehalten und zu dem nchsten Stuhl gefhrt, in den er, in
einander gebrochen, zusammensank.

Um Gottes willen, was geht hier vor? rief Knnern, des Freundes Arm
ergreifend -- welch' Geheimni lagert zwischen Euch?

Hier ist jetzt weder Platz noch Zeit, das zu erklren, drngte Gnther
-- das Frulein richtet sich auf und -- braucht eben nicht zur Mitwisserin
gemacht zu werden. Bitten Sie die junge Dame, da sie die Fremde in ihr
Zimmer fhrt, bis sie sich vollstndig erholt hat und das Haus verlassen
kann. Wir werden drauen auf sie warten, um sie sicher nach Hause zu
geleiten.

Aber ich begreife gar nicht!

Thun Sie, wie ich Ihnen sage. Alles Andere nachher.

Aber wir knnen die Familie doch nicht jetzt, nicht in diesem Zustande
verlassen?

Wir knnen ihr keinen greren Gefallen thun. Folgen Sie mir nur dieses
Mal, Knnern -- des jungen Mdchens wegen, wenn Sie sonst nicht wollen!

Helenens starke Natur hatte indessen vollstndig die augenblickliche
Schwche abgeschttelt. Mglich, da sie beim Sturze doch vielleicht
mit dem Kopf auf einen Stein getroffen und davon nur betubt gewesen
war; aber sie richtete sich empor und sah erstaunt auf ihre Umgebung.
Gnther, der in diesem Augenblick fr Alle zu denken schien, benutzte
den gnstigen Augenblick, und auf sie zutretend, bot er ihr seinen Arm.

Ich sehe zu meiner Freude, da Sie sich erholt haben, Comtesse;
erlauben Sie mir, Sie an die frische Luft zu fhren, die wird Ihnen
wohler thun, als alle Medicamente der Welt. Leise setzte er dann hinzu:
Die alten Leute sind auer sich ber Ihre Ohnmacht, die sie fr weit
gefhrlicher hielten als sie war. Zeigen Sie sich krftig, da wir sie
beruhigen.

Ich _bin_ krftig, sagte das junge Mdchen, aber ich begreife nur
nicht wo ich bin, wie ich hierher gekommen.

Ich erzhle Ihnen die Geschichte unterwegs, lachte Gnther, ihren Arm
ohne weitere Umstnde in den seinen ziehend. Knnern, thun Sie mir
den Gefallen, und sehen Sie drauen nach dem Pferd, da kein weiteres
Unglck geschieht -- Sie knnen ja dann zurckkehren, wenn Sie wollen,
flsterte er ihm zu.

Knnern war wie betubt. Er sah wohl, da etwas Auergewhnliches -- etwas
Furchtbares hier vorgegangen sei, aber er begriff nicht was; Elise war
dazu, ohne auch nur weiter seiner zu achten, mit dem Vater beschftigt,
und ehe er selber zu einem recht klaren Bewutsein gekommen war, hatte
Gnther, whrend er an dem rechten Arme Helenen fhrte, mit der Linken
ihn ergriffen, und zog den keinen Widerstand mehr Versuchenden mit sich
hinaus in's Freie, durch den Garten und auf die Strae, wo er ohne Weiteres
die Thr hinter sich in's Schlo warf, und ihnen dadurch Allen den Rckzug
vollkommen abschnitt.

Hier aber half ihnen Helenens Bruder aus der augenblicklichen Verlegenheit,
was sie mit der jungen Dame anfangen sollten. Als sie auf den Weg
hinaustraten, kam er, da er inde seines Pferdes wieder Herr geworden,
zurckgesprengt, um die Schwester zu suchen.

Allerdings frchtete Knnern, da sie sich noch nicht allein im Sattel
halten knne, und bat sie, das Pferd, welches noch an dem Lasso befestigt
stand, lieber zur Stadt fhren zu lassen. Helene schlug das aber lchelnd
aus.

Ich bin an derlei Abenteuer gewhnt, sagte sie freundlich; nur Eins
beunruhigt mich: so ganz ohne einen Dank von der Familie zu scheiden,
die mir so gtige Hlfe geleistet, und die ich dafr so erschreckt und
gestrt habe.

Ich werde Sie entschuldigen, wehrte Gnther ab, und Sie knnen ihr
immer spter einen Besuch abstatten. Jetzt halte ich es selber fr
besser, da Sie so rasch als mglich nach Hause zurckkehren und sich
dort erst vollstndig ausruhen. Die Folgen eines solchen Zufalls fhlt
man gewhnlich erst spter, und es ist immer besser, sich etwas
vorzusehen.

Gnther setzte seinen Willen durch. Knnern holte den Schimmel; der
Stamm eines umgestrzten Baumes machte es ihr leicht, in den Sattel zu
kommen -- und bald hielt sie den Zgel wieder fest in der Hand.

Von dem Moment an aber, als sie wieder die Strae betreten, hatte
Helene, als ob sie Jemanden suche, auf und ab gesehen, und selbst ihr
Bruder, der jetzt neben ihr hielt, bemerkte dies.

Suchst Du Freund Pulteleben? fragte er lachend; dem bin ich vorher in
einem traurigen Zustand zu Fu begegnet, und ihn selber hat der Rappe
bs zwischen Dornen und Gerll abgesetzt. Wenn er es hindern knnte,
lie er sich gewi vor keinem Menschen sehen, ehe er frische Toilette
gemacht hat; er ist bitterbse zugerichtet.

War nicht noch ein anderer Herr mit Ihnen? wandte sich Helene aber an
den noch neben ihr stehenden Gnther, ohne die Leidensgeschichte von
Pulteleben's weiter zu beachten -- derselbe -- wenn ich nicht irre
-- der sich meinem Pferd entgegenwarf?

Allerdings, erwiederte der Gefragte -- sein eigenes Thier war ihm
aber inde davongelaufen, und er wird wohl nachgegangen sein, um es zu
suchen.

Ich bin Ihnen zu vielem Dank verpflichtet! sagte das junge schne
Mdchen herzlich.

Mir nicht im Geringsten, wehrte Gnther lchelnd ab; ich habe kein
Verdienst, als da ich Sie in's Haus getragen habe, und das -- trug
schon seine eigene Belohnung in sich selbst.

Helene errthete, aber sagte freundlich: Und darf ich hoffen Sie
wiederzusehen, wenn Sie hier auf frischer That meinen Dank verschmhen?

Wenn Sie mir erlauben, werde ich sicher morgen bei Ihnen nachfragen,
ob der kleine Unfall, wie ich fest hoffe, keine weiteren nachtheiligen
Folgen fr Sie gehabt.

Und -- sagte Helene, aber sie hielt das Wort zurck, neigte sich
gegen die beiden Freunde und rief: Auf Wiedersehen denn! als der
Schimmel schon den Druck ihrer Hacken fhlte und mit ihr in scharfem
Trab der Colonie zuflog. Oskar hielt sich an ihrer Seite, und Gnther
nahm Knnern's Arm, und fhrte den, wenn auch im Anfang Widerstrebenden
trotz seinem Struben mit sich die Strae hinab, die Jene vorangeritten
waren.




9.

Sarno's Abschied.


Knnern folgte dem Freunde wie in einem halben Traume. Die letzten
Scenen waren so rasch auf einander gefolgt, da er sie kaum von einander
zu scheiden vermochte, und des Freundes sonderbares Betragen mute noch
mehr dazu beitragen ihn zu verwirren. Dieser sollte ihm aber jetzt Rede
stehen, denn er fhlte da Elise in diesem Augenblick seiner Hlfe
bedurfte, und er _mute_ wissen, weshalb Gnther so darauf drang, sie
gerade jetzt sich selber zu berlassen.

Mit diesem Entschlusse stehen bleibend, hielt er Gnther's Arm und sagte
vorerst: Nicht einen Schritt weiter geh' ich mit Ihnen, bis Sie mir Ihr
Betragen erklren, Gnther, bis Sie mir das Geheimni lichten, das Sie
und jenen alten Mann verbindet.

Glauben Sie, da ich es gut mit Ihnen meine, Knnern? fragte Gnther
herzlich, der Beantwortung der Frage fr jetzt noch ausweichend.

Ja, das glaube ich fest.

Gut, dann folgen Sie mir auch jetzt in die Colonie. Wir mssen Beide
mit einander berathen, was zu thun, und ehe das nicht geschehen, drfen
Sie jenes Mannes Haus nicht betreten.

Nicht betreten?

Nein -- doch Sie sollen Alles hren -- nur zuerst beantworten _Sie_ mir
eine Frage: Wie stehen Sie mit jenem jungen Mdchen? Glauben Sie um
Gottes willen nicht, da es bloe Neugier sei!

Sie brauchen keine Entschuldigung und ich kein Geheimni fr einen
ehrlichen Handel, sagte Knnern errthend. Ich liebe Elisen von ganzer
Seele -- heute Morgen habe ich ihr das Gestndni meiner Liebe abgelegt
und bin ihrer Gegenliebe sicher -- wir waren auf dem Wege zum Hause, um
die Einwilligung ihrer Eltern einzuholen, als Sie an die Thr
klopften.

So haben Sie mit Elisens Eltern noch nicht gesprochen? rief Gnther
rasch.

Mideuten Sie meine Worte nicht, Gnther, erwiederte Knnern ruhig
-- welcher Art auch Ihr Geheimni sei, ich halte mich fest gebunden an
das Mdchen, dem ich mit Leib und Leben zugehre!

Gnther seufzte tief auf und schwieg fr wenige Augenblicke; endlich
sagte er herzlich: Sie haben mir einfach und wahr geantwortet, Bernard,
und es soll Sie nicht gereuen. Eben so klar und aufrichtig will ich
Ihnen jetzt Alles mittheilen -- aber lassen Sie uns zu unseren Pferden
gehen; _wollen_ Sie nachher unmittelbar zurckkehren, steht es ja immer
in Ihrer Macht.

Und was wollten Sie mir sagen? fragte Knnern, der jetzt an des Freundes
Seite, ihre Pferde am Zgel fhrend, langsam den Weg hinabschritt -- Sie
mssen begreifen knnen, in welche Unruhe mich jene eben erlebte Scene
versetzt hat.

Ich begreife es, sagte Gnther ruhig, und will dabei so kurz als
mglich sein, denn nur die Umrisse meiner Mittheilung haben Interesse
fr Sie. Erinnern Sie sich noch, da ich Ihnen frher einmal erzhlte,
wie ich in Deutschland mein ganzes Vermgen durch den Bankerott eines
Kaufmannes verlor?

Ich erinnere mich dessen.

Eben im Begriffe, zu heirathen, zertrmmerte dieser furchtbare Schlag
alle meine Hoffnungen. Meine Braut war arm, ich selber besa Nichts mehr
auf der weiten Welt als meine Kenntnisse, die mich aber in Europa nicht
ber Wasser gehalten htten. So nahm ich den Kampf mit dem Leben auf und
ging nach Brasilien, um hier von vorn zu beginnen. Wie ich hier gearbeitet
habe wissen Sie, und ich stehe jetzt im Begriff, mit meinem erworbenen
kleinen Capital nach Deutschland zurckzukehren und mein wackeres
Mdchen, das treulich fr mich ausgeharrt hat, zu heirathen.

Aber was hat das Alles mit jenem alten Mann zu thun?

Der Bankerott jenes Banquiers, sagte Gnther finster, wurde durch
die Flucht seines Cassirers herbeigefhrt. In jener Zeit, wo fast kein
Geschft sicher war und die Kaufleute Alles einziehen muten, was sie an
Geld ausstehen hatten, nur um ihre Verbindlichkeiten zu decken, entfloh
er eines Tages mit der Casse -- man behauptet, mit mehr als hunderttausend
Thalern -- und konnte trotz der grten Mhe, die man sich gab, nicht
wieder eingeholt werden. Einige der Glubiger setzten damals Alles in
Bewegung, um wenigstens den Ort zu erfahren, wohin sich der Verbrecher
gewandt -- es blieb Alles umsonst. Wir kamen allerdings einmal auf eine
Spur, die nach Brasilien und sogar in diese Gegend fhrte, und ein
Agent, der jenen Menschen kannte, wurde herber geschickt, um die
genauesten Nachforschungen anzustellen -- aber ohne Erfolg. Da endlich
heute...

Heute? -- wiederholte Knnern und fhlte, da ihm das Blut wie Eis zum
Herzen zurcktrat.

Heute, fuhr Gnther leise fort -- begegnete ich ihm. Zu fest hatten
sich seine Zge meinem Gedchtni eingeprgt, denn daheim war ich oft in
seinem Hause, an seinem Tische gewesen. -- Auch er erkannte mich wieder
-- Sie sahen sein Erschrecken, das Erbleichen der Schuld, die ihm das
Antlitz so wei frbte, wie sie in ihrem Bewutsein sein Haar gebleicht
hat. Htte es brigens noch einer Besttigung bedurft, so lieferte seine
Frau dieselbe. Auch sie -- die, wie man damals allgemein behauptete,
die grte Schuld an ihres Mannes Verbrechen trug, ja ihn dazu allein
verleitet haben soll -- erkannte mich wieder, und wenn sie auch Beide
kaum ahnen, _wie_ elend sie mich damals gemacht haben, trieb doch die
_Furcht_ vor der endlichen Entdeckung das Blut aus ihren Wangen, die
Kraft aus ihren Sehnen.

Entsetzlich, entsetzlich! sthnte Knnern und barg sein Angesicht in
den Hnden -- und meine arme, arme Elise!

Das arme Mdchen dauert mich! fuhr Gnther leise fort -- sie kann
auch keine Ahnung von dem Verbrechen haben, denn sie war damals noch ein
Kind. Der Schlag wird sie jetzt, mit dem vollen Bewutsein der Schuld,
um so furchtbarer treffen.

Und was wollen Sie thun? fragte Knnern, rasch zu ihm aussehend.

Ich wei es selber noch nicht, erwiederte Gnther leise -- das Ganze
brach so berraschend schnell herein, da mir noch gar nicht Zeit
geblieben, zu berlegen, zu denken. -- Ich -- wollte das eigentlich auch
mit Ihnen besprechen, Knnern.

Mit _mir_?

Gerade mit Ihnen. Der alte Snder verdient allerdings keine Schonung,
denn er hat damals viele Menschen unglcklich gemacht, nicht mich allein
-- aber des Mdchens wegen die...

Und wird Elise dadurch den Schlag weniger furchtbar fhlen, wird sie
weniger unglcklich sein?

Lassen Sie mir Zeit zum berlegen, bat Gnther, nachdem sie wieder
schweigend eine Zeit lang ihren Weg verfolgt hatten; lassen Sie mir
Zeit zu berdenken, wie sich Alles am Besten richten lasse. Aber Sie
mssen selber fhlen da jetzt, in diesem Augenblick, Ihre Gegenwart da
drauen berflssig war. Der _Fremde_ in einem solchen Kreise htte das
Furchtbare der Situation nur noch erhht, davon ganz abgesehen, da es
fr Sie selber peinlich gewesen wre.

Aber die Ungewiheit ihres Schicksals wird jetzt noch so viel
entsetzlicher auf den Armen lasten!

Das haben sie reichlich verdient, sagte Gnther dster, und das
Schwerste was sie treffen knnte, wge das Elend das sie gestiftet, noch
nicht zum tausendsten Theile auf!

Knnern seufzte tief und starrte vor sich nieder, als Gnther den Arm um
seine Schulter legte und sagte:

Armer Freund -- auch Sie sind schwer, schwer getroffen, denn es mu
hart, recht hart sein, der Liebe erste Blthe so geknickt zu sehen!

Und glauben Sie, da ich Elise je verlassen knnte? rief Knnern,
rasch zu ihm aufschauend -- soll das Kind die Schuld der Eltern ben,
dem alttestamentarischen Rachespruche nach? Was wrde aus ihr, wenn sie
allein stnde in der Welt mit dem Gedanken, da sich selbst _der_
treulos von ihr abgewandt, dem sie ihr ganzes, reiches Herz zu eigen
gab?

Das ist schn und edel von Ihnen gedacht, sagte Gnther seufzend;
aber wollen Sie Ihre _Frau_ der Bosheit des Leumunds aussetzen, wenn
Sie nach Deutschland zurckkehren? Halten Sie die Abstammung Ihrer Frau
so geheim Sie wollen, ein unglcklicher Zufall kann sie stets verrathen,
und knnten Sie -- selbst nur mit dem Bewutsein solcher Gefahr -- Ihres
Lebens auch nur einen Augenblick froh werden?

Und was kmmert _mich_ das Urtheil der Menge, rief Knnern trotzig,
die ja immer nur Freude an dem Unglcke des Nchsten hat?

Sie vielleicht nicht, aber glauben Sie, da Ihre Frau die Verachtung
der Gesellschaft ertragen knnte, ohne sich wenigstens unglcklich und
elend zu fhlen?

Dann kehren wir zurck nach Brasilien! rief Knnern aus. Verweigert
mir die Heimath das Glck, das ich in ihr genieen knnte, dann hat sie
auch kein Recht, meine weitere Liebe zu fordern, und die Fremde mag
dann mein Vaterland werden und bleiben. Verlieren Sie kein Wort weiter
darber, Gnther -- ich wei, Sie meinen es gut und haben in Ihrer Art
vielleicht auch Recht -- aber Sie thun mir nur weh und sind nicht im
Stande, Etwas an meinem festen Entschlusse zu ndern.

Genug davon, mein lieber Knnern, sagte Gnther, ihm die Hand reichend
und die seine herzlich drckend; ich ehre Ihr edles Herz, und diese Stunde
wird uns fortan nur fester binden! Vielleicht lt sich auch Alles noch
gnstiger gestalten, als wir jetzt glauben. Noch wei Niemand um das
Geheimni, als wir Beide, denn glcklicher Weise haben wir die Comtesse
noch zur rechten Zeit beseitigt. Was aber jetzt geschehen mu, kann hier
nicht auf offener Strae besprochen werden -- zu bereilen ist auerdem
Nichts, und wir wollen Beide die Sache ruhig beschlafen. Morgen sehen
wir Alles mit klterem Blute und knnen dann ruhig beschlieen, was
geschehen soll. Hier nhern wir uns berdies auch der Colonie, und es
ist besser wir sitzen auf. Der neue Director ist schon angekommen, nicht
wahr? Ich sehe da wenigstens seine wrdigen Untergebenen, ein paar
betrunkene Soldaten, die sich jetzt mig in der Stadt herumtreiben und
Nichts als Unheil anstiften werden.

Allerdings -- schon vor einigen Tagen, und es ist sogar mglich, da
Sarno heute Abend die Colonie verlt, um mit dem Dampfer nach Rio
hinauf zu fahren. Jedenfalls wird er im Laufe des morgenden Tages
abreisen.

Dann lassen Sie uns ein wenig rascher austraben, sagte Gnther, denn
ich mchte ihn gern noch sprechen -- und seinem Pferde die Sporen
gebend, sprengte er im Galopp die Strae entlang. -- Unterwegs sah er
sich wohl nach Felix um, denn er hatte sich mit ihm kein Rendez-vous
gegeben und wute gar nicht, wohin er sich heute Abend gewandt haben
konnte. Aber Santa Clara war auch nicht so gro, da er lange nach ihm
htte suchen mssen, und im Laufe des Tages war er ziemlich sicher ihn
irgendwo zu treffen.

Sarno fanden sie zu Hause und eifrig mit Packen beschftigt. Als sie zu
ihm in's Zimmer traten, drehte er sich nach Gnther um und rief lachend:
Beinahe htten Sie mich hier gar nicht mehr gefunden. Alle Wetter, die
Frau Prsidentin hat Eile gehabt!

Wenn Sie meinem Rathe folgen, gehen Sie _gar_ nicht, sagte Gnther.
Der Prsident hat kein Recht, Sie so ohne Weiteres, ohne wichtige
Grnde Ihres Dienstes zu entlassen. Bleiben Sie hier und schicken Sie
mich mit dem Dampfer nach Rio. Ich garantire Ihnen, da ich einen
Gegenbefehl bringe.

Ich danke Ihnen, Herr von Schwartzau, sagte Sarno trocken -- aber ich
habe nicht Lust, mich hier mit dem Herrn Director herum zu zanken, nur
der unter solchen Umstnden sehr zweifelhaften Ehre wegen, Director zu
bleiben. Auerdem hat der Herr sich auch gleich eine Abtheilung Soldaten
mitgebracht und wrde nicht sumen, selbst gewaltsamen Besitz von dem
Directionsgebude zu nehmen.

Darauf liee ich es ankommen.

Ich nicht. Mit diesem Prsidenten, oder vielmehr seiner Frau Gemahlin
an der Spitze danke ich auerdem fr den Posten. Ja, wre _da_ eine
nderung getroffen, dann von Herzen gern, aber wie die Verhltnisse
jetzt stehen, _nicht_. Ich bin fest entschlossen, mit dem Dampfer nach
Rio zu fahren.

Gut, dann aber folge ich Ihnen. In kurzer Zeit kann ich meine smmtlichen
Arbeiten hier beendet haben, und dann sprechen wir ein weiteres Wort ber
diese Prsidialwirthschaft, der unter jeder Bedingung ein Ende gemacht
werden mu. Ich habe haarstrubende Dinge in Santa Catharina gehrt und
Beweise dafr in Hnden, mit den achtbarsten Leuten der Insel zu Zeugen.
Denen wird die Regierung in Rio ihr Ohr nicht verschlieen.

Ich bin Ihnen sehr dankbar fr Ihre Bemhungen, aber es wird Nichts
helfen, sagte Sarno achselzuckend -- hier in Brasilien geht nun einmal
Alles seinen gewohnten Schlendrian, und nur wer keine schmutzigen Hnde
scheut, kann sich allein emporarbeiten. Ich passe aber zu derlei Intriguen
nicht, und werde ruhig wieder meine Vermessungen beginnen, bei denen ich
doch wenigstens nur Arbeit und keinen rger habe.

Aber Sie bleiben, bis ich komme, in Rio?

Ich werde unter fnf oder sechs Wochen nicht von dort wegkommen.

Desto besser -- dann treffen wir uns jedenfalls. Sie wohnen?

Im Hotel Pharoux.

Schn; weiter brauche ich Nichts.

Und Knnern? fragte Sarno und sah lchelnd zu seinem jungen Freunde auf
-- haben Sie reussirt? Aber zum Henker, Mann, Sie sehen so melancholisch
aus! Ich will doch nicht hoffen, da Sie einen Korb nach Hause bringen?

Elise wird mein Weib, sagte Knnern fest.

Und dabei schneiden Sie ein Gesicht, lachte Sarno, als ob Ihnen das
grte Unglck begegnet wre. Sie haben Etwas auf dem Herzen...

Ja sagte Knnern zgernd -- es ist -- Etwas vorgefallen, das mein
Glck nicht strt, aber doch hinausschiebt; gestatten Sie mir jedoch,
da ich jetzt noch darber schweige.

Mein lieber, bester Freund! rief Sarno gutmthig -- Sie glauben doch
um Gottes willen nicht, da ich Sie habe aushorchen wollen?

Sie sollen Alles erfahren, denn ich bin es Ihnen schuldig, erwiederte
Knnern, aber -- ich mu erst selbst mit mir im Klaren sein. Ehe Sie
Rio verlassen, sehe ich Sie jedenfalls dort, denn auch mich werden bis
dahin meine Geldgeschfte nthigen, die Hauptstadt zu besuchen. Wen habe
ich denn auch noch in Santa Clara, wenn Sie Beide den Ort verlassen?

Dann treffen wir uns also Alle in Rio, und nun kommen Sie her und helfen
Sie mir ein Wenig mit packen, da ich die verwnschten Kisten und Koffer
in Ordnung kriege. Das wei der Bse, was man fr eine Quantitt Gepck
zusammenbringt, wenn man sich erst einmal ein paar Jahre an einem Platze
aufgehalten! Ein Glck nur, da mir Herr von Reitschen -- durch einen
Unterhndler natrlich -- meine Mbel hat abkaufen lassen, ich mte
sonst wahrhaftig eine Auction anstellen.

Knnern wie Gnther halfen jetzt Beide dem Freunde seine Sachen ordnen,
da die Abfahrt des Dampfers auf heute Abend festgesetzt war, und Sarno
sich gegen vier Uhr, um die rckgehende Fluth zu benutzen, einschiffen
mute. Eine Menge Leute, und zwar die achtbarsten der Colonie, kamen
auch heute noch, ihrem bisherigen Director Adieu zu sagen und ihm zu
versichern, wie leid es ihnen thue, da er sie verliee. Dann kam der
Transport des Gepcks zum Boote, welchen Jeremias bernommen hatte, und
mit seinem Handkarren wahre Wunder leistete.

Der Weg zur Landung war allerdings nicht so nahe, aber er ging von der
Thr des Directionsgebudes an immer leise bergab, und der kleine krftige
Bursche lud enorme Quantitten von Koffern und Kisten auf, mit denen er
dann im scharfen Trabe und in Schwei frmlich gebadet, aber immer guter
Laune, seinem Bestimmungsorte zueilte.

Der letzten Fuhre folgten die drei Freunde zusammen, und unten an der
Bootlandung lagen smmtliche Soldaten faul ausgestreckt im Schatten und
sahen zu, wie der alte Director fortgeschickt wurde. Sie lachten auch
unter einander und machten ihre frechen Bemerkungen, aber keiner der
Drei achtete auf sie. Die verschiedenen Colli wurden an Bord genommen,
und Sarno wandte sich jetzt erst noch einmal zu seinem bisherigen treuen
Factotum, Jeremias, welcher sich bescheiden zurckgezogen hatte und
neben seinem leeren Karren stand.

Hieher, alter Freund, sagte er zu ihm -- Du bist der Letzte, der noch
eine Forderung an mich hat.

Wenn Sie's nur gar nicht erwhnen wollten, Herr Director, sagte
Jeremias, und die Thrnen standen ihm dabei in den Augen -- hol's der
Teufel, ich wollte -- es wre der Andere, den ich htte herunterkarren
mssen! Hurrje, mit welchem Vergngen wre das geschehen -- aber Gott
straf' mich, wenn er hier in der Colonie eine Stunde seines Lebens froh
werden soll! _Da_ ist er, das ist richtig, aber er wird froh sein, wenn
er den Platz hier erst wieder mit dem Rcken ansieht!

Mach' keine dummen Streiche, warnte ihn Sarno, und gebt dem Herrn
keine gegrndete Ursache zur Klage; Ihr habt es Euch sonst selber
zuzuschreiben, wenn er Euch das Leben sauer macht.

Ja, aber...

Schon gut, Jeremias -- hier ist eine Kleinigkeit fr Deinen letzten
Monat und die heutige Arbeit...

Aber Herr Director! rief Jeremias ordentlich erschreckt, als ihm Sarno
eine ganze Hand voll Milreis in den Hut warf -- das kann ich ja gar nicht
nehmen -- ich bin so den letzten Monat schmhlich faul gewesen -- das
mte mir ja auf der Seele brennen!

Dann betrachte es als Strafe, lchelte Sarno -- und nun Adieu, Ihr
lieben Freunde, die Ihr noch bis zuletzt bei mir ausgehalten habt. Adieu,
Knnern, Adieu, Schwartzau, auf Wiedersehen in Rio! und in das Boot
springend, gab er das Zeichen zum Abstoen. Die Ruderer lieen ihre
Riemen einfallen; der Bug des trefflich gebauten Bootes fiel vom
Lande ab, und whrend noch ein freundliches Lebewohl herber- und
hinbergewinkt wurde, scho das kleine Fahrzeug seine Bahn entlang
dem Dampfer zu.

Hinter ihm aber folgte ein anderes kleineres, von vier Soldaten
gerudert, welches den Befehl gehabt zu warten, bis der bisherige
Director unterwegs sei. Es brachte die Briefe und Depeschen des neuen
Directors an Bord.

Herr von Reitschen hatte sich dem Abschied von seinem Vorgnger
entzogen.




10.

Bux & Comp.


Knnern und Gnther waren zusammen Arm in Arm in der Richtung nach
Bohlos' Hotel, wo sie jetzt wohnten, zurckgegangen, und Jeremias
folgte ihnen in einiger Entfernung mit dem leeren Karren. Er hatte das
erhaltene Silber in seine Hosentasche gesteckt und fhlte von Zeit zu
Zeit danach, sah sich auch wohl manchmal in der Strae um, ob ihm das
Gewicht nicht etwa die Tasche zerrissen htte und er jetzt, zum Besten
der Colonisten, Milreis auf den Weg streue. Unterwegs aber, als er sich
ziemlich allein sah, blieb er stehen, hob seine Tasche etwas mit der
rechten Hand und sagte leise vor sich hin:

Verwnscht schwer geworden heute -- kann's wahrhaftig nicht mehr lnger
so am Beine herumtragen und mu wieder einmal damit auf die Bank gehen
-- und kann ich abkommen? Hm! Bei meinem jungen Herrn Grafen die Pferde
abreiben, denn die werden wieder schn abgehetzt nach Hause gekommen sein
-- aber das kann warten -- thu' ich hernach beim Fttern -- bei Bodenlos
sollte ich heute Flaschen splen -- das hat auch bis morgen Zeit -- beim
Baron die Pfeifen rein machen -- er mag heute noch einmal aus einer alten
rauchen -- und beim Tischler Bitter -- Donnerwetter, der hat heute
Kindtaufe und dem sollt' ich den Kuchen vom Bcker holen, das hab' ich
doch in den Boden hinein vergessen! Na, jetzt ist's doch zu spt und er
wird sich ihn nun wohl selber geholt haben, der Kindtaufsvater -- man
kann ja auch nicht an Alles denken, und heute ist's berhaupt zugegangen
wie in Sodom und Gomorrha. Also abgemacht -- zuerst geh' ich auf die
Bank und deponire meine Capitalien -- dann mssen vor allen Dingen die
Pferde besorgt werden, und nachher -- ach was, nachher ist Feierabend
und morgen noch ein Tag! -- und damit hakte er sein Tragband wieder ein
und zog den Karren pfeifend die Strae hinauf und der Stelle zu, wo er
ihn gewhnlich unterstellte -- in einem von Bohlos' Schuppen. -- --

Oben vor seinem Hause stand Justus Kernbeutel, und zwar heute, mitten
in der Woche, in seinem Sonntagsstaat, einem blauen Frack mit gelben
Knpfen, einem Paar grocarrirter Hosen, gelber Piquweste, einer
hellblauen seidenen Halsbinde und einem zwar etwas abgetragenen, aber
doch wieder sorgfltig abgebrsteten Hut auf, ein kleines spanisches
Rohr mit einem groen geschliffenen Glasstein als Knopf unter dem Arm,
und jedenfalls gerade im Begriff, irgend einen wichtigen Besuch zu
machen -- denn zu einem Spaziergang brauchte er sich nicht so
anzuziehen.

Die Strae herauf kam ein junger Mann im Schritt angeritten; er war in
die gewhnliche Tracht der dortigen brasilianischen Farmer gekleidet,
mit breitrandigem Strohhut auf, und gerade als sich Justus zum Gehen
wandte, rief er ihn an: He -- holla -- halt, Freund!

Justus drehte sich um und wartete auf ihn, und als er herankam, sagte er
weiter Nichts als: Und?

Ihr wollt ausgehen? fragte der junge Mann -- da komme ich gerade zur
rechten Zeit. Ist mein Rock fertig?

Morgen, sagte Justus in grter Gemthsruhe -- nur noch die Knpfe
anzusetzen.

Ei zum Henker, Mann, das httet Ihr dann aber auch noch vorher thun
knnen! Ich brauche den Rock heute Abend und werde nun schon drei Wochen
immer von Tag zu Tag darauf vertrstet. Wenn Ihr nicht arbeiten wollt,
so sagt's doch lieber gleich heraus und habt die Leute nicht zum Narren.

Hoho, rief Justus, nur nicht so vornehm, Herr Khler -- hier in
Brasilien thut Jeder, was ihn freut, und ein Knstler lt sich nun
einmal gar keine Vorschriften machen.

Ach was, Knstler, rief Khler rgerlich, wenn die Schneider auch noch
Knstler werden, nachher hrts auf!

Ich verbitte mir alles Schimpfen! rief Justus und wurde ganz roth im
Gesichte.

Holla, zankt Euch nur nicht, lachte ein Vorbergehender, der Wirth
Buttlich; Ihr Deutschen sollt ja _einig_ sein, wit Ihr denn das nicht?
Ist ja eine ganz alte Geschichte -- und vergngt vor sich hinpfeifend,
schlenderte er in eine Nebenstrae hinein.

Zanken, brummte Justus vor sich hin, wer zankt sich denn? Ich will ja
gern meine Kunden befriedigen, wenn sie nur hflich sind. Das ist das
Wenigste, was ein Knstler auer der Bezahlung verlangen kann.

Und wann soll ich den Rock haben?

Morgen frh bestimmt, auf Ehre! rief Justus; mehr kann ich nicht
sagen, das ist mein hchster Schwur.

Und um wie viel Uhr kann ich herunterschicken?

So frh Sie wollen, und wenn's um neun Uhr ist.

Gut; aber was ist denn das, Kernbeutel, seid Ihr irgendwo zu Gevatter
gebeten, da Ihr Euch so furchtbar herausgedonnert habt? Ihr glnzt ja
ordentlich wie ein neuer Knopf.

Hm, schmunzelte Justus, an seinen carrirten Beinen hinuntersehend,
heute ist #Th dansant# und Concert bei Zuhbel, zur Feier des neuen
Directors -- wenigstens dazu, da wir den alten los sind, und da mu man
sich doch anstndig anziehen.

Hm, da httet Ihr auch etwas Besseres feiern knnen, meinte der junge
Mann. Der alte Director war ein Ehrenmann, und ich will zu Gott hoffen,
da der neue eben so gut einschlgt, glaub's aber nicht. Wenn Ihr brigens
nach Zuhbels hinaufgeht, so haben wir, wenigstens ein kurzes Stck,
_einen_ Weg, denn ich will nach Barthel's Chagra hinber.

Da reiten Sie aber doch nher die Strae, die hier hinberfhrt.

Es ist dort eine Colonie ausgemessen, die ich mir einmal ansehen wollte,
sagte Khler -- der Bach luft durch, und vielleicht liee sich dort
eine Mhle anlegen. -- Und die beiden Mnner, Justus neben dem Pferde
her, hielten zusammen die Strae hinauf, bis sie ein Stck im Walde
waren; dann bog Khler links ab an dem Hange hin und Justus Kernbeutel
setzte seinen Weg allein fort.

Es ging hier eine kurze Strecke ziemlich steil hinauf, und Justus, der
nicht wnschte, sich in Schwei zu bringen, stieg sehr langsam bergan.
Die Sonne war noch eine halbe Stunde hoch, und er konnte, ohne sich zu
bereilen, Zuhbel's Chagra recht gut vor oder wenigstens mit
Dunkelwerden erreichen.

Als er die Hhe des Weges gewonnen hatte, an der rechts ein steiler,
aus rauhen Blcken bestehender Felshang emporragte, drehte er sich um,
theils um auszuruhen, theils um einen Blick auf die sich hier weit
ausdehnende Scenerie zu werfen, die am Horizont sogar durch das Meer
begrnzt wurde. Das Stdtchen selber konnte er von hier oben aus nicht
sehen, da es hinter dem dichten Gebsche und Unterholze versteckt lag.

Justus war brigens, wie man danach vielleicht htte glauben knnen,
keineswegs ein groer Verehrer von Naturschnheiten, und wenn er einen
groen Berg hinaufstieg, fluchte er gewhnlich leise vor sich hin, bis
er oben war; aber er versumte nie, auf allen den Punkten gewissenhaft
anzuhalten, von wo aus er das Meer sehen konnte, und auch nicht etwa,
weil er es liebte -- Gott bewahre -- nein, nur um sich zu freuen, da er
nicht mehr darauf war und festen Boden unter seinen Fen hatte.

Auf der ganzen Seereise war er nmlich, von dem Augenblicke an wo er
sich in Bremerhaven eingeschifft, bis zu dem Moment wo er in die Mndung
des Santa Clara mehr wie ein Sack, als wie ein lebendiger Passagier
hineingerudert worden, so seekrank gewesen, da ihm noch bis auf den
heutigen Tag bel wurde, wenn er nur Theer roch und dadurch wieder
lebhaft an seinen Aufenthalt an Bord erinnert wurde. Sah er aber so
recht von Weitem aus die endlose blaue Flche, oder konnte er gar die
weien Kmme berstrzender Wellen erkennen, dann erfate ein eigenes
inneres Wohlbehagen seine Seele, er rieb sich die Hnde, stampfte mit
den Fen, schnalzte mit der Zunge und machte oft die wunderlichsten
und auergewhnlichsten Capriolen, um sein unbndiges Vergngen
auszudrcken.

Heute fhlte er sich dazu in ganz besonders gnstiger Stimmung -- war
es die Aussicht auf den vergngten Abend, war es der neue Anzug, den er
trug und den er, in Ermangelung eines Modejournals in Santa Clara, einem
Theil der Bevlkerung vorzufhren dachte; war es vielleicht die frische,
khle Abendluft, die hier drauen wehte, oder auch die Wirkung einiger
Glser Cognac, die er vorher zu sich genommen, kurz, er blieb stehen,
nahm den Hut ab, machte dem einige Meilen entfernten Meere eine sehr
formelle, ehrerbietige Verbeugung und sagte:

Ich empfehle mich Ihnen ganz gehorsamst, sehr verehrtes Brechmittel,
Salzwasserpftze verfluchte, die Einen herumschlenkert, da man am Ende
gar nicht einmal mehr wei, wo Einem der Kopf oder wo die Fe sitzen.
Hier, hier komm' her, wenn Du dazu Courage hast -- hier auf dem Felsen
schaukele mich einmal, wenn Du kannst, und wirf mich herber und hinber,
wie einen schlechten Groschen -- h! setzte er hinzu, eine Grimasse
gegen das Meer ziehend -- so viel fr Dich und alle das dumme Gesindel,
das sich auf Dir jetzt herumschtteln lt, um nach Brumsilien zu kommen
-- hei, wie die Kerle torkeln und wie hundeschlecht ihnen ist -- wie sie
wrgen und chzen -- wenn ich sie nur sehen und meine Freude an ihnen
haben knnte! -- Hurrah fr festen Boden -- hurrah hoch fr soliden
Steingrund! -- und seinen Hut in die Luft werfend, machte er selber
einen Sprung und schlug dabei mehrere Mal die Fe zusammen.

Na, Gott straf' mich, sagte da pltzlich eine Stimme dicht an seiner
Seite, wenn das nicht ber den grnen Klee geht!

Erschreckt fuhr Justus herum, denn er hatte vorher keinen Menschen
bemerkt, und ein unheimliches Grausen lief ihm ber den Rcken, als er
auch jetzt noch Niemanden neben sich sah, denn der Weg war vollkommen
leer.

Bux! -- der Gedanke scho ihm pltzlich durch's Hirn, als er laut den
Namen rief -- das ist kein Anderer, als der verfluchte Bux -- wo nur
der Himmelhund steckt?

Ein lautes, ordentlich wieherndes Gelchter antwortete ihm von einem der
Felsen unweit der Strae, und als er hinaufsah, sa der Bauchredner da
oben, schnitt aber jetzt schon wieder ein so finsteres Gesicht, da
Justus ordentlich unsicher wurde, ob nun nicht eben Jemand neben ihm
durch den Bauch gelacht und es nur so geschallt htte, als ob der Ton
von da oben kme.

Was, zum Teufel, machst Du denn da auf der Kanzel oben? rief er ihm
erstaunt zu.

Gerade das Entgegengesetzte von dem, was Du thust, sagte Bux mrrisch
-- ich gucke 'nunter und Du 'rauf. Aber komm' her, ich habe was mit Dir
zu reden.

Ja, komm' her, das ist leicht gesagt, meinte Justus, aber wie kann ich
hinauf? Komm' Du hieher, das ist bequemer.

Wenn Du nicht willst, lt Du's bleiben, brummte der mit der
Silbertresse -- so behalt' ich's fr mich.

Hm, sagte Justus, neugierig werdend -- ich zerreie mir die neuen
Hosen und will noch in Gesellschaft.

Bux antwortete ihm nicht und pfiff gleichgltig in's Blaue hinein, und
Justus, der jetzt eine Stelle entdeckt zu haben glaubte, an der er ziemlich
bequem aufwrts steigen konnte, kletterte mit einigen Schwierigkeiten,
denn seine Strupfen genirten ihn, ber das rauhe Gestein empor, wobei
er besonders ngstlich den Dornen auszuweichen hatte. Als er brigens
unterwegs einmal nach oben sah, war Bux verschwunden, und erst als er den
Stein selber erreichte auf dem er gesessen, entdeckte er den Bauchredner
hinter den Felsen dort, wo er von dem Wege aus gar nicht gesehen werden
konnte. Er hatte sich auf ein kleines Fleckchen Grasboden geworfen und
schien die Ankunft seines neuen Freundes ruhig zu erwarten.

Was, zum Henker, machst Du denn hier? sagte Justus, als er den Platz
endlich erreicht hatte und sich dabei das linke Knie rieb, das er sich
gegen einen Felsen gestoen. Das ist ja ein ganz verfluchter Weg hier
herauf.

Ich berlege mir eben, sagte Bux ruhig, ob ich mich am Liebsten hngen
oder ersufen soll, denn so viel Geld habe ich nicht mehr, um mir eine
Ladung Pulver und eine Kugel zu kaufen, und zum Hngen kann man Bast
nehmen. Aber ich glaube, das Ersufen sagt meiner Natur besser zu.

Und um Dich zu ersufen, bist Du hier oben auf den Berg geklettert,
lachte Justus, wo nicht einmal so viel Wasser ist, um sich die Finger
na zu machen zum Banknoten zhlen? Das ist nicht so bel.

Bux antwortete nicht; er lehnte sich mit dem Rcken an den Felsen, hielt
sein linkes Knie mit beiden Hnden umspannt und schaute finster vor sich
nieder.

Justus sah ihn eine Weile an, dann fragte er: Was war denn das, was Du
mir sagen wolltest?

Jetzt sitz' ich drin, brtete Bux weiter, ohne die Frage zu beantworten
-- mit den Vorstellungen ist es Nichts mehr. Gestern Abend waren drei
Personen drin, von denen zwei nicht einmal bezahlt hatten, und ich brauche
zwlf, um nur Beleuchtung und Miethe zu bezahlen. Die gottverfluchten
Schufte wollen mich zwingen, da ich die Kinder nicht soll tanzen lassen,
und wozu hab' ich denn da die blutigen Rangen. -- Verhungern _will_ ich
aber nicht -- Gott straf' mich! rief er, sein Knie loslassend und seine
Faust in die andere Hand schlagend -- und wenn sie mich dazu
treiben....

Seine Augen blickten stier und wild, und in den schmutzigen, gemeinen
Zgen glhte ordentlich Ha und tckische Bosheit.

Ei, zum Wetter, sagte Justus, der immer noch solidere Ansichten vom
Leben hatte -- wenn's mit der Kunst nicht geht, dann versuch's einmal
eine Weile mit der Arbeit -- verding' Dich bei einem Bauer und....

Da ich mich schinde und plage fr ein paar Milreis, nicht wahr, nur um
der Heulliese, meiner Frau, und den Rangen die Buche zu fllen? Verdammt,
wenn ich's thue -- da versuch' ich noch wenigstens erst, ob nicht auf
andere Weise 'was zu machen ist -- he, Schneider! sagte er pltzlich
und sah zu Justus mit einem scharfen, forschenden und doch mitrauischen
Blick auf -- bist Du ein Kerl, auf den man sich verlassen kann?

Nanu? sagte Justus und sah erstaunt zu ihm nieder.

Ich meine, fuhr Bux fort, ob Du das Herz auf dem rechten Fleck hast,
wenn es einmal gilt. Du bist auch arm wie eine Kirchenmaus, wenn Du auch
jetzt die paar bunten Lappen um Dich herum hngen hast; die Schulden
fressen Dich bald auf, und eh' das Jahr um ist, jagen sie Dich so zum
Platz hinaus -- halt's Maul, ich wei Alles, und mir brauchst Du Nichts
weis zu machen, aber -- _wenn_ Du Dir nun mit _einem_ Griff helfen und
Alles wieder in's Reine bringen knntest?

Donnerwetter! sagte Justus, und seine Augen wurden immer grer -- was
hast Du nur? _Weit_ Du einen Fleck, wo ein Haufen Gold liegt -- aber
warum hast Du ihn Dir da nicht schon lange selbst geholt?

Weil Einer allein Nichts ausrichten kann, knurrte Bux, und mit meiner
Vettel von Weib Nichts anzufangen ist. Doch ich will nicht lnger hinterm
Busche halten, denn Du verrthst mich nicht, so viel wei ich -- dchtest
Du daran, bei Hll' und Teufel, ich risse Dir das Herz lebendig aus dem
Leibe!

Aber was hast Du nur? rief Justus wirklich erschreckt.

Hr' zu, sagte Bux, sich selbst auf diesem abgelegenen Platz scheu
umsehend, ob sie Niemand hre -- Du weit, da der neue Director
angekommen ist.

Jedes Kind wei das, brummte Justus -- wir feiern's heute.

Du weit aber nicht, da er einen Haufen Geld mitgebracht hat, fuhr
Bux fort, um eine Menge Leute abzulohnen, welche der frhere Director
angestellt hatte.

Und was hilft _uns_ das?

Von Buttlich wei ich's, fuhr Bux fort, ohne sich stren zu lassen
-- und ich selber habe gesehen, wie der schwere Koffer hinauf getragen
wurde. Buttlich hat mir aber ebenfalls erzhlt, da nchster Tage eine
groe Gesellschaft oder ein Ball bei der Frau Grfin ist -- dahin geht
der Director jedenfalls, und das Haus ist oben leer -- Justus, hast Du
Courage?

Ne, sagte dieser, ganz entschieden mit dem Kopf schttelnd -- zu so
'was nicht -- hol's der Teufel, das klingt im Anfang ganz gut, aber
nachher wird's auf einmal faul, und dann sitzt man drin. Ne, Bux, das
wollen wir doch lieber _nicht_ machen.

Memme! knirschte der Bursche zwischen den Zhnen durch -- habe mir's
bald gedacht, da Du zu Nichts zu gebrauchen bist.

Und wenn sie uns erwischen?

Wenn wir's so dumm machen, verdienen wir's nicht besser!

Ne, sagte Justus noch einmal nach einer kleinen Pause, in welcher er die
Sache hin und her erwogen hatte -- ich verdiene gern einen Thaler Geld
und -- bin auch nicht bereigen, _wie_, aber auf _die_ Art -- nachher in
Eisen nach Rio hinauf geschafft werden und dort in _das_ Loch, wo man erst
am gelben Fieber stirbt, ehe man gehangen wird -- Gott soll mich bewahren,
da -- ernhr' ich mich lieber von meiner Kunst, wenn's auch ein Hundeleben
ist!

Esel! grinste da Bux pltzlich vor sich hin -- Du bist doch, Gott
straf' mich, zu dumm, da Du glaubst, ich dchte an so 'was. Sitzt der
Kerl auf -- hahahahaha!

Justus sah ihn erstaunt an.

Also war's nur Spa? fragte er verdutzt.

Na, Du glaubst wohl ich wr' ein Einbrecher im Ernst? lachte Bux -- ne,
Justus, fr dumm hab' ich Dich immer gehalten, aber fr _so_ dumm doch
wahrhaftig nicht.

Du machtest aber so ein ernsthaftes Gesicht dabei.

Bux war aufgestanden und sah ber den Felsen hin nach dem Weg hinber.
Sein scharfes Ohr hatte einen Schritt auf dem harten Boden gehrt, und
es dauerte auch nicht lange, bis ein Mann den Weg kam, der anscheinend
die Richtung nach Zuhbel's Chagra einschlug.

Kommt Jemand? fragte Justus.

Ist das nicht der Lump, der Jeremias? sagte Bux, der nur eben mit
seinen Augen ber den Stein hinausschaute -- Justus nahm seinen Hut ab
und sah ebenfalls vorsichtig hinber.

Ja wohl, flsterte er, das ist die rothkpfige Canaille, seine Perrcke
leuchtet ja wie Feuer durch den Wald. Wo will denn der noch heute Abend
hin? zu Zuhbel's doch wahrhaftig nicht, denn der wrf' ihn den Augenblick
aus dem Hause.

Und wie er sich immer umguckt, flsterte Bux zurck, genau so, als ob
er ein bs Gewissen htte.

Es war in der That Jeremias, der, seinen Hut in der Hand, den Weg von der
Colonie herauf gekommen war und jetzt auf derselben Hhe stehen blieb, auf
welcher Justus gehalten, um nach der See zurckzuschauen. Auch Jeremias
sah sich ein paar Mal um, aber es schien, als ob die Scenerie seine
Aufmerksamkeit nicht fesseln knne, denn er drehte den Kopf bald der
Richtung zu, von welcher er gekommen, bald der entgegensetzten, gerade
als ob er Jemanden erwarte und nicht wisse, von welcher Seite er kommen
wrde.

Was zum Teufel hat denn der? Auf wen wartet er denn? flsterte Bux,
als Justus seinen Arm ergriff, drckte und ihn durch ein Zeichen warnte,
vorsichtig zu sein. Bux sah ihn erstaunt an. Jeremias, der nicht daran
dachte, da da oben zwischen den Steinen irgend ein menschliches Wesen
sitzen knne, schritt vorsichtig weiter und bog endlich, kurz vorher,
ehe ihn die Wendung der Strae den Nachblickenden verborgen haben wrde,
in eben dieselbe Felswand ein, in der die Beiden standen.

Er mochte jetzt ungefhr hundert Schritte von ihnen entfernt sein, als
Justus sich zu Bux berbog und flsterte:

Bux, ich setze meinen Hals zum Pfande, da der Schuft jetzt nach dem
heimlichen Verstecke kriecht, wo er sein Geld vergraben hat. Wenn wir
_das_ ausfinden knnten, da wre ein Fang zu machen, und _dem_ Halunken
gnnt' ich's.

Glaubst Du wirklich? zischelte Bux zurck und stieg auf einen der
nchsten Steine, um den kleinen Burschen nicht aus den Augen zu verlieren.
Es war jetzt auch gar keine Gefahr mehr, da sie gesehen wrden, denn
Jeremias drehte ihnen den Rcken zu.

Gewi, sagte Justus -- was sollte er denn sonst hier oben zwischen
den Steinen herum zu kriechen haben, und da er Geld irgendwo vergrbt,
wei ich ganz gewi.

Komm, winkte Bux, als Jeremias jetzt gerade hinter dem Rcken der
nchsten Abdachung verschwunden war -- zwischen den Blcken hier kann
er uns nicht sehen, und vielleicht bekommen wir ihn da drben wieder
in Sicht -- und ohne eine weitere Antwort seines Kameraden abzuwarten,
sprang er von seinem Stein herunter, und glitt wie eine Schlange zwischen
den Felsstcken hin der Richtung zu, in der Jener verschwunden war. Justus
konnte ihm in seinen engen Kleidern und besonders mit den Stegen an den
Hosen, welche ihn im Steigen hinderten, kaum folgen. Bux erwies sich
brigens als ein vortrefflicher Sprhund, denn sein Terrain mit einer
wahren Meisterschaft benutzend und jeden Fels, jeden Baum zur Deckung
brauchend, pirschte er sich rasch und vollkommen geruschlos weiter vor,
und sah sich nur manchmal unwillig nach Justus um, wenn dieser achtlos
auf einen drren, knackenden Zweig trat oder an einen lockern Stein mit
dem Fue stie -- Dinge, die er verschiedene Mal mglich machte.

Jetzt hatte er den scharfen Kamm, welcher aber hier nicht so steil
ablief und einen Blick ber die nchste enge Schlucht gestattete,
erreicht, und entdeckte auch Jeremias schon an der andern Seite
derselben, an der er in die Hhe kletterte. Die Schlucht lag brigens
vollstndig vom Wege ab und tief und sicher versteckt mitten im Walde.

Bux mute hier abwarten, bis Jeremias wieder aus Sicht war, und Justus
kam indessen auch heran.

Ist er da?

Bux deutete nur einfach mit dem Arm ber die Schlucht, wo die lichten
Kleider des Deutschen, der langsam an dem Hang hinstieg, deutlich hinter
den Bschen sichtbar waren, wohl einmal einen Augenblick verschwanden,
aber doch immer wieder zum Vorschein kamen.

Wenn er noch lange macht, flsterte Justus, geht die Sonne unter,
nachher wird's Nacht.

Bux hob nur warnend die Hand, da er schweigen solle, denn Jeremias war
stehn geblieben und bckte sich dort. Die beiden Mnner schauten ihm mit
der gespanntesten Erwartung zu, aber keiner von ihnen sprach ein Wort
weiter, denn das da drben mute der Platz sein. Was Jeremias eigentlich
machte, konnten sie freilich nicht erkennen, aber whrend ihm Justus mit
grter Aufmerksamkeit zuschaute, merkte sich Bux genau die verschiedenen
Bsche, einen einzeln stehenden Baum, eine junge Palme und einen Felsblock,
an dem wie ein Teller gro ein Moosfleck wucherte.

Jeremias hatte sich etwa zehn Minuten an der Stelle aufgehalten; jetzt
richtete er sich wieder empor und schien erst vorsichtig umzuschauen, ob
er kein lebendes Wesen erkennen knne. Aber Todtenstille herrschte im
Walde, ber welchem nur ein einzelner Raubvogel kreiste und dann und
wann seinen eigenthmlich schrillen Ruf ertnen lie. Der kleine Bursche
mute sich auch fr vollkommen sicher halten, denn er stieg jetzt auf
einem andern Wege, als er gekommen, und vorsichtig von Stein zu Stein
tretend, gerade in die Schlucht hinab und der Richtung nach genau auf
die Stelle zu, wo die Beiden auf der Lauer lagen. Erwarten durften sie
ihn hier aber keinesfalls, und Bux, wieder hinter die nchsten Steine
zurckgleitend, ergriff Justus' Arm und zog ihn noch etwas weiter den
Hang hinauf hinter ein Dickicht von Lorberbumen, wo er sich niederkauerte
und seinem Begleiter ein Zeichen gab, das Nmliche zu thun.

In dieser Stellung blieben sie etwa eine Viertelstunde, und erst als
die Sonne den obern Rcken der westlichen Gebirge berhrte, hob sich
Bux wieder in die Hh und schritt auf seinen alten Stand zurck, um zu
erforschen, ob sich noch Etwas von Jeremias erkennen lie. Dieser mute
sich aber jedenfalls -- und fr ihn auch der bequemste Weg -- die Schlucht
hinunter gewandt haben, deren Mndung wahrscheinlich unten wieder auf
den Weg oder doch wenigstens in dessen Nhe fhrte. Es war nicht das
Geringste mehr von ihm zu erkennen. Trotzdem zgerte Bux, hier gerade
die Schlucht hinab zu steigen, wo sie sich jedenfalls ganz offen zeigen
muten, und zog es vor, einen kleinen Umweg zu machen. Dort begnstigte
sie auerdem das Terrain ganz besonders, da sich, ein kleines Stck
weiter oben, eine Terrasse ber die Schlucht hinber zog und dadurch
einen dnnen Wasserfall bildete, mit dem sich der Bergbach den Hang
hinunter warf. Sie erreichten, auerdem fast berall durch Gebsch
gedeckt, die andere Seite der Schlucht dadurch viel frher und konnten
nun ohne weiteres Zgern ihrem Ziel entgegen rcken, denn so lange hatte
sich Jeremias hier keinesfalls ausgehalten. Auerdem durften sie nicht
mehr viel Zeit verlieren, denn schon rtheten sich die Wolken im Westen.

Bux versumte aber auch in der That nicht viel Zeit. Seine Ortskenntni
lie Nichts zu wnschen brig. Bald hatte er den einzeln stehenden Baum
und die junge Palme gefunden; dicht darber stand der Stein mit dem
weien Moosfleck, und hier war die Stelle, wo Jeremias, zu welchem Zweck
auch immer, gehalten hatte. Hier aber war auch der Grund so steinig,
da er unter keinen Umstnden gegraben haben konnte.

Zum Henker auch! brummte Justus, der sich berall umsah, hier kann es
doch nicht sein; Du mut Dich im Platze versehen haben; ich glaube, es
war weiter oben.

Dann such' Du weiter oben, brummte Bux -- wenn ich mir einmal einen
Ort gemerkt habe, find' ich ihn auch wieder, und hier war's. Hat er aber
hier Etwas versteckt, so ist's nicht _vergraben_, sondern liegt unter
einem Steine, und dem wollen wir verdammt bald auf die Sprnge kommen.
Pa Du nur ein Bichen auf, da wir nicht etwa berrascht werden -- wir
sind freilich unser Zwei, aber -- besser ist besser -- und ungesumt
hob er einige der nchsten Steine auf, ohne jedoch das Geringste zu
entdecken -- unter denen konnte Nichts verborgen sein.

Teufel noch einmal! brummte er endlich und richtete sich wieder auf
-- wenn hier wirklich 'was liegt, ist es verflucht schlau weggestaut,
und wei der Henker, wie er's gemacht hat, denn den groen Felsblock da
hat er doch wahrhaftig nicht heben knnen. Das brchten _zwlf_ Menschen
nicht zuwege.

Sieh 'mal hier, sagte Justus, der etwas mehr seitwrts stand -- da
ist eine Spalte in dem Fels, aber so eng, da man nicht einmal den
Finger dazwischen bringen kann.

Bux ging zu dem bezeichneten Platze, hatte ihn aber kaum ein paar
Secunden betrachtet, als er sich zu der Platte niederbog und daran
probirte.

Bei Gott, die bewegt sich! flsterte er -- und siehst Du, hier oben
ist auch Etwas von dem Stein abgestoen, als ob Jemand mit einem eisernen
Instrument daran gewesen wre.

Wenn man nur ein Messer dazwischen brchte.

Bux hatte sein Taschenmesser schon heraus, und ohne die Klinge zu ffnen,
drckte er es ganz hinein und schob daran, bis sich der Stein etwas
ablste und er die Finger dazwischen bringen konnte.

Schieb Deinen Stock hinein, da es mich nicht fngt.

Justus gehorchte, und im nchsten Augenblick hob sich die Platte oben
los und zeigte einen ganz eigenthmlich geformten hohlen Raum im Innern,
der aber nur mit lockerm Gestein angefllt schien. Es dmmerte auerdem
schon, und sie konnten kaum noch auf zehn Minuten Tageslicht rechnen.

Halte die Platte -- so -- da ich dahinter greife! rief Bux -- aber
la sie nicht fallen. Justus hielt sie mit zitternden Hnden fest, und
Bux, der keine Rcksicht auf seine Kleider zu nehmen brauchte, zwngte
sich jetzt von der Seite hinein und warf die Steine drin zurck. Pltzlich
stie er einen leisen Jubelruf aus: Ich hab's!

Was? rief Justus -- was ist's?

Zieh die Platte noch ein klein Wenig zu Dir -- so -- noch ein Bichen
-- so, jetzt geht's -- ein Sack -- ein Sack mit Geld -- hurrah, das war
geglckt! und aus dem Gestein zerrte er einen klingenden Leinwandsack
heraus und hob ihn mit Mhe aus der Spalte mit einem Arme zu Tage.

Jemine! rief Justus und lie die Platte los, die wieder in ihre
alte Lage zurcksank und so vortrefflich pate, da man nur mit groer
Aufmerksamkeit den Platz entdecken konnte.

Esel! schimpfte Bux -- kannst Du denn den Stein nicht einmal halten,
bis man Dir's sagt? Wenn nun noch mehr drin stke -- Du bist doch zu gar
Nichts zu gebrauchen.

Na, wie viel Scke soll er denn haben, lachte Justus -- Junge, Junge,
in dem Beutel stecken wenigstens ihre dreihundert Milreis, wenn auch
nicht ein einziges Goldstck dazwischen wre. Aber was machen wir jetzt
damit?

Wir theilen, brummte Bux, der indessen mit einiger Mhe die Schnur
gelst hatte, in den Sack griff, eine Hand voll Mnzen herausnahm und
in seine Westentasche steckte.

Du, la mich auch einmal kosten, sagte Justus -- schmeckst Du
prchtig!

Komm hier fort! sagte Bux, den Sack wieder zubindend -- hol's der
Henker, der Teufel knnte doch noch sein Spiel haben -- dort drben im
Dickicht sind wir sicher.

Wenn wir nachher nur wieder zum Wege hinunter finden, meinte Justus
ngstlich.

Narr, der Mond geht ja in einer Stunde auf, brummte der Bauchredner
-- und hab' keine Angst -- _ich_ fhre Dich sicher. --

Jeremias, der einmal durch Zufall diesen wunderlichen Stein gefunden und
-- weil er keinem Menschen sein mhsam erspartes Geld anvertrauen wollte
-- zu seinem Depositorium benutzt hatte, war indessen wieder auf die
andere Seite der Schlucht hinbergestiegen und wollte derselben eben
thalabwrts folgen, um zu dem Wege und in die Stadt zurckzukehren. Da
entdeckte er an einer Stelle im Sand die Spuren eines Stiefels, welche
ziemlich frisch zu sein schienen, und er erschrak heftig darber. War er
etwa von Jemandem bei seiner letzten Arbeit beobachtet? War sein Versteck
entdeckt worden? Doch das _konnte_ ja nicht sein. Die Fhrten hier hatte
jedenfalls einer der Colonisten eingedrckt, der sich auf der Jagd in
der Gegend herumgetrieben, und bei dem jetzt trockenen Wetter konnten
sie eben so gut mehrere Tage alt sein -- was brauchte er sich deshalb
den Kopf zu zerbrechen. Auerdem brach auch die Nacht schon an, und er
stieg rasch den Hang hinab, um die Colonie noch vor vlliger Dunkelheit
zu erreichen. Nichtsdestoweniger fhlte er sich heute Abend nicht so recht
behaglich -- es drngte ihn sogar ein paar Mal, wieder umzukehren und
sich selber zu berzeugen, ob Alles sicher sei -- wie aber konnte er
glauben, da irgend ein Mensch der Welt -- noch dazu in der Dunkelheit
-- _die_ Stelle ausfinden sollte.

Und ich wollte doch, ich htte dem Director das Geld mit nach Rio
gegeben, brummte er endlich leise vor sich hin -- zum Kuckuck, _ich_
habe den Platz gefunden und ein Anderer knnte auch einmal darber
stolpern -- und noch dazu jetzt, wo das nichtsnutzige Soldatenvolk
berall herumschnffelt und spionirt -- da die braunen Bestien alle
der Teufel hole!

Er hatte den Weg jetzt erreicht und schlenderte langsam eine Strecke
darauf hin. Die Sonne war unter und es dmmerte schon stark. Er blieb
wieder stehen.

Ist mir doch ganz curios heut zu Muthe, murmelte er, indem er sich
nach den Bergen umsah, und ich gb' was drum, wenn ich noch eine Weile
da oben geblieben wre -- es wurde nur gar so spt -- und in den alten
Felsblcken kann man Nachts Hals und Beine brechen.

Er horchte erschreckt empor -- war es ihm doch fast, als ob er in der
Richtung nach seinem versteckten Schatz hin einen Ruf gehrt htte -- es
war Alles todtenstill -- die Grillen zirpten ihr Abendlied, und von der
See herber konnte man das dumpfe Rollen der Brandung hren -- weiter
keinen Laut.

's ist doch merkwrdig, dachte Jeremias, was mir heute nur Alles in
den Gliedern liegt und in den Ohren klingt, nur, weil ich da oben die
Spur von einem Schuh im Sande gefunden habe! Als ob es nicht Menschen
genug gbe, die da herumstreifen knnten -- und auerdem hat's in drei
Tagen nicht einmal geregnet. Aber wie Blei liegt's mir trotzdem in den
Gliedern und ich mchte die ganze Nacht hier sitzen, um nur morgen frh
mit Tagesanbruch gleich wieder an der Stelle zu sein. -- Dann nehm
ich's aber mit -- keine Sonne soll je wieder auf den Stein scheinen mit
meinem Geld darunter, so viel wei ich, denn die Angst will ich nicht
noch einmal ausstehen. -- Und was hindert mich denn, da ich's _jetzt_
noch hole? -- aber mit dem Gelde mitten in der Nacht den Weg da allein
gehen und alle die Soldaten um das Nest herum...?!

Jeremias war vollkommen mit sich im Unklaren -- er wollte Etwas thun und
wute nicht was. Wie machte er's am Gescheutesten?

Gerade, wo er stand, war ein Baum quer ber den Weg gefallen, von einem
vorbeipassirenden Krrner wahrscheinlich durchgehauen und eben nur
nothdrftig genug mit dem Stammende aus dem Weg gehoben, da die Rder
durchpassiren konnten -- wer die Passage breiter haben wollte, konnte
sich selber helfen. Auf den Stamm setzte sich Jeremias, seinen Hut
neben sich legend, und kratzte sich unter der rothen Perrcke in lauter
Zweifel und Ungewiheit den Kopf; es war indessen vollstndig dunkel und
Nacht geworden.

Endlich schien er zu einem Entschlu gekommen. Zum Schwerebrett!
brummte er, jetzt ist's Nacht geworden -- jetzt kriecht Niemand mehr da
oben herum -- und ich auch nicht -- und morgen, eine Stunde vor Tag,
steh' ich auf, und sprenge die Bank -- hol' mich Dieser und Jener wenn
ich's nicht thue!

Damit nahm er seine Perrcke ab, trocknete sich darunter mit einem
baumwollenen Taschentuch den Schwei, zog sie wieder fest, drckte sich
den Hut darber und wollte eben aufstehen und in die Stadt zurckkehren,
als er rasche und schwere Schritte auf den Steinen hrte.

Holla, wer ist das? fuhr er erschreckt empor. Aber die Schritte kamen
rasch nher -- es war Jemand, der aus Leibeskrften lief, und im nchsten
Momente sah er eine dunkle Gestalt auf sich zuspringen, und zwar genau
der Richtung folgend, welche die Strae selber nahm.

Das eine Ende des Baumes lag aber nach dort hinber, da der umgestrzte
Stamm am dnnen Ende durchgehauen war und der Bauer mit seinem Wagen
lieber einen kleinen Bogen gemacht hatte. Der Laufende schien den
Stamm gar nicht gesehen zu haben, bis er dicht davor war -- er wollte
einhalten, konnte aber nicht mehr, that einen Fehltritt und schlug der
Lnge nach ber das Holz weg. In demselben Augenblick klirrte Etwas wie
Geld auf dem Boden, wie ein Sack mit Silber, und Jeremias, zu dessen
Fen das Alles vorging, sprang in die Hhe und rief berrascht aus:
Holla! -- wen haben wir denn da?

Der Gestrzte mute keinesfalls die unmittelbare Nhe eines andern
Menschen geahnt haben; kaum aber hrte er die Stimme neben sich, so
stie er einen Angstschrei aus, so hell und gellend, da Jeremias selbst
davor zurckschreckte, raffte sich aber auch in demselben Moment empor
und war mit Einem Satze seitwrts im Dickicht verschwunden, wo er in
wilder Flucht durch Dornen und Gerll hindurchbrach.

Na ja, sagte Jeremias und sah verblfft hinter ihm drein -- was hat
denn der ausgefressen, und wer war's eigentlich? -- Kam mir beinahe so
vor, als ob's der Lump, der Bux -- alle Teufel! unterbrach er sich selber
und sprang der Stelle zu, aus der er das klirrende Gerusch gehrt. Er
brauchte auch nicht lange zu suchen, denn mitten im Weg lag ein dunkler
Gegenstand, whrend es ihm durch alle Nerven zuckte, als er nur seine
Hand darauf legte.

Es war ein Sack mit Geld -- genau so ein Sack, wie _er_ ihn unter dem
Stein verborgen gehabt, und als er mit vor Aufregung zitternden Fingern
darber hingriff, konnte er nicht lnger im Zweifel sein, da er sein
Eigenthum in Hnden halte.

Was war geschehen -- wie hing das Alles zusammen? Die Gedanken jagten
sich ihm wirr im Kopf und die Furcht berkam ihn jetzt, da der blos
erschreckte Ruber, vielleicht noch mit Genossen, zurckkehren und ihn
berfallen knne.

In die Stadt! war jetzt sein einziger Gedanke -- zu Menschen, zwischen
menschliche Wohnungen, und den wiedergefundenen Beutel fest unter den
Arm drckend, lief er, wie der Verbrecher vor ihm gelaufen war, den Weg
entlang, als ob ihn selber sein bses Gewissen treibe.

Selbst unterwegs aber berkam ihn die Angst, da der Flchtige schon
umgedreht sein knne und hinter irgend einem Busche auf ihn lauere,
und er brauchte jetzt die wunderlichsten Mittel, sich dagegen sicher
zu stellen. Wenn Jener nmlich glauben mute, da er nicht allein sei,
wagte er sicher nicht vorzubrechen, und Jeremias fing jetzt an zu rufen:
Hier ist er -- da hinter dem Busche! -- Spring' da herum, da er nicht
wieder durchbricht! -- Halt' ihn! -- Warte, Canaille, dieses Mal entgehst
Du uns nicht! Und dabei lief er so rasch ihn seine Fe trugen, bis er,
endlich bei Justus' Haus angekommen, vor Erschpfung und ausgestandener
Todesangst fast in die Knie brach.

Hier begegneten ihm aber Menschen. Zwei Soldaten gingen plaudernd die
Strae hinauf -- ein Reiter kam die eine Querstrae herein. In den
Husern war Licht und in den Zimmern konnte er die Leute sitzen sehen.
Vor der einen Thr saen sogar noch ein paar junge Burschen und sangen,
und Mdchen gingen ber die Strae, um Wasser zu holen. -- Er war in
Sicherheit.




11.

Knnern und Elise.


Am nchsten Morgen fehlte es in Santa Clara an allen Ecken und Enden:
bei Baulens war kein Pferd gefttert und geputzt, der Baron schimpfte
ber Jeremias und seine schmutzigen Pfeifen, bei Bohlos sollte Wein
abgezogen werden und keine Flasche war rein, beim Kaufmann Rohrland
waren die Kleider nicht rein gemacht und die Schuhe ungeputzt geblieben,
kurz, berall suchte man Jeremias, der noch im Leben nicht so nthig
gewesen schien als gerade heute, und gerade heute nicht gefunden werden
konnte.

Und wo war Jeremias? -- In seinem Dachstbchen, aber fest eingeschlossen,
das Schlsselloch verstopft, so sa er auf seinem Bett, antwortete auf
kein Klopfen, und brtete ber seinem Geldsack, den er wohl verborgen
unter der Matratze liegen hatte und sich nicht mehr getraute zu
verlassen.

So war es bald Mittag geworden, und er sa noch immer da, als es
pltzlich wieder, lauter als je, an seine Thr schlug. Er gab keine
Antwort; aber der Klopfer lie sich dieses Mal nicht abweisen, und rief,
mit dem Mund an der Thr:

Was, zum Teufel, treibst Du denn da drin, Jeremias? So mach' doch auf!
-- Keine Antwort -- verstelle Dich nur nicht -- ich habe Dich ja eben
nieen hren. Mach' auf, oder ich drcke wahrhaftig die Thr ein!

Jeremias kannte die Stimme -- es war der Kaufmann Rohrland selber -- konnte
ihm der vielleicht einen guten Rath geben? Jeremias stand auf und schob
den Riegel zurck.

Aber, zum Teufel, was treibst Du denn nur hier oben? rief ihm dieser
entgegen, berall wirst Du gesucht; der Bodenlos flucht und schimpft
und der junge Graf wettert im ganzen Orte herum. Bist Du krank?

Zahnschmerzen, sagte Jeremias, und hielt sich mit beiden Hnden die
Backe.

So la ihn herausreien -- wer qult sich denn so lange mit einem
kranken Knochen! Ist's denn jetzt besser?

Ja.

Kannst Du mir 'was besorgen?

Und was ist's?

Der neue Director war bei mir, und wollte fr etwa ein Conto de Reis
Silber; ich habe aber nur ein paar Hundert Milreis im Hause -- kannst
Du einmal herumlaufen und sehen, wo Du sie auftreibst? -- Er giebt ganz
gute Banknoten dafr, die eigentlich noch eine Prmie bekommen.

Ganz gute Banknoten? fragte Jeremias aufmerksam werdend.

So gut wie Silber, oder noch besser. Ich wechselte sie ihm gern ein,
wenn ich es nur htte.

Jeremias sprang wie der Blitz in die Hhe und in seine Schuhe; da war
Hlfe in der Noth.

Sieh' zu, da Du es bekommst, und wenn es nur wenigstens ein Theil ist,
das Andere schaffen wir dann schon.

Ich bring' es hinber, sagte Jeremias, und meinte seinen Sack -- also
gute Banknoten?

Ich tausche sie zu jeder Stunde wieder um, wenn ich's nur selber habe.
Kommst Du dann hinber?

In einer Viertelstunde; ich -- mu mich nur erst waschen.

Gut, sagte Rohrland -- also, ich verlasse mich darauf. Hier hast Du
erst einmal fnfhundert Milreis, und wenn Du noch mehr auftreiben
kannst, hol' Dir das brige -- siehst Du, es sind lauter gute Noten und
noch alle neu.

Er zhlte sie ihm vor, wickelte das Packet dann wieder in Papier ein,
und legte es ihm auf das Bett. Kaum war er aber fort, als Jeremias die
Thr wieder hinter ihm fest verriegelte und in voller Hast seinen Schatz
vorholte. -- Banknoten -- weshalb hatte er denn nicht an die schon lange
gedacht, da er sich immer mit dem schweren Silber herumgeqult und die
Angst ausgestanden hatte, es zu verlieren -- Banknoten -- die konnte er
in seinen Rock oder in seine Weste nhen, und wer wute nachher, da er
ein Vermgen auf dem Leibe trug? Aber zhlen mute er vorher, was er
hatte, und mit vorsichtiger Hand that er das jetzt auf der Bettdecke,
da die Mnzen nicht an einander schlugen. -- Und wie das hbsch aussah,
als da Alles in einer Reihe vor ihm lag -- aber Banknoten waren besser
-- die klimperten nicht und hatten kein Gewicht, und man brauchte nicht
drauen in den Bergen herumzukriechen, um sie einzeln zu verstecken, und
nachher alle auf einmal stehlen zu lassen. -- Wer nur der Dieb gestern
gewesen war, und wie er ihn ausgefunden hatte? Wirklich der Bux? -- Aber
wie konnte der wissen, da er Geld im Walde versteckt gehalten? -- Es
_mute_ jemand Anders gewesen sein -- vielleicht der Schneider, der
Justus, der ihn wie Gift hate? -- Er hrte bei dem Gedanken ordentlich
mit Zhlen auf, und brummte leise vor sich hin: So eine Canaille, -- dem
traut' ich's zu.

Jetzt war er fertig, aber wieder und wieder berzhlte er die Summe
-- vierhunderteinundzwanzig Stck, und _seiner_ Berechnung nach fehlten
neunzehn daran -- ob die der Schuft herausgestohlen hatte? -- Es wurden
aber nicht mehr, und er packte sie endlich wieder ein und trug sie fort.

Damit schien dem kleinen Burschen aber eine wahre Last von der Seele
genommen zu sein. So wie er sein schweres Silber los war, nhte er sich
die paar Banknoten sorgfltig in seine Weste ein, und ging dann an seine
Arbeit, und pfiff und sang dabei, da es eine wahre Lust und Freude
war. -- --

       *       *       *       *       *

Wir mssen jetzt noch einmal auf die Erlebnisse des vorigen Tages
zurckspringen, und zwar zu dem Augenblick, wo Knnern und von
Schwartzau in Begleitung Helenen's den Meier'schen Garten verlieen.

Noch sa der alte Mann auf dem Stuhl, die Hnde gefaltet und in sich
zusammengebrochen, den Blick stier und glanzlos auf den Boden heftend.
Neben ihm stand die Tochter, den linken Arm um seine Schulter geschlagen,
ihre Stirn auf sein Haupt gelehnt, und mit der rechten Hand seinen Arm
gefat, und flsterte leise:

Vterchen -- Vterchen -- was ist Dir? So fasse Dich doch -- sieh mich
an -- ich bin ja bei Dir, Deine Elise, Dein Kind, und will Dich nie
verlassen, wenn es Dir gar so schrecklich ist. Sprich nur mit mir -- hebe
nur die Augen zu mir auf -- sage mir nur das Eine -- Eine Wort, da Du
mir nicht bse bist!

Sprich mit ihr, flsterte die Frau, die ihre ganze Fassung wieder
gewonnen hatte, und ebenfalls zu dem Gatten getreten war -- sprich mit
ihr und sei ein _Mann_, Franz. -- Es ist Nichts, Kind, es wird gleich
vorbergehen -- vor acht Tagen hatte er ja auch schon einmal einen solchen
Anfall gehabt, nur da wir es Dir damals verheimlichten, damit Du Dich
nicht so sehr erschrecken solltest.

Meier hob den stieren Blick langsam zu seiner Frau empor, und sah sie so
scharf und durchdringend an, da sie ihre Augen zu Boden schlagen mute.

Es ist _Nichts_ -- gar Nichts? sagte er leise. -- Und war er nicht
hier -- hat er nicht...

Unsinn! rief aber die Frau jetzt rgerlich; schwatze dem Kinde Nichts
vor, da es sich ngstigen mu.

Noch immer haftete des alten Mannes Blick fest auf seiner Frau, und an
dem Arm der Tochter hob er sich empor, bis er aufgerichtet vor ihr stand
-- dann seine Hand auf Elisens Schulter legend, und sich zu ihr wendend,
whrend nur noch ein scheuer Blick nach der Frau hinberschweifte,
flsterte er:

Glaub' ihr nicht, Elise, glaub' ihr nicht. Jahr nach Jahr hat sie mich
eingeschlfert und mein Gewissen erdrckt, da es nicht ausbrechen konnte
an freie Luft. Jetzt ist's vorbei, jetzt ist's vorbei! Er ist gekommen,
der Rcher, und die Schuld mu geshnt werden.

Vater! rief Elise in furchtbarer Angst -- ist geschehen -- was hast
Du?

Er spricht im Fieber, rief die Mutter erbleichend -- hr' nicht auf
ihn -- lauf', Elise -- spring' hinaus und schick' das Mdchen nach einem
Arzt!

Zurck! rief der alte Mann, indem er Elisen's Arm jetzt krampfhaft
hielt -- zurck Versucher, Deine Zeit ist um. -- Lnger ertrag' ich's
nicht -- hat mir so schon das Herz fast abgedrckt die langen, langen
Jahre ber -- zurck! Und das Mdchen wieder an sich ziehend, flsterte
er ihr rasch und ngstlich zu: Komm mit auf mein Zimmer, Elise -- komm
mit -- Du sollst Alles -- Alles wissen -- Dir will ich beichten -- in
Dein reines Herz will ich meine ganze Schuld, meinen ganzen Jammer
ausschtten -- dann wird mir wohl -- dann wird mir wohl werden!

Franz, rief die Frau, mit krampfhaft gefalteten Hnden zu ihm
aufschauend -- um Gottes willen bedenke was Du thust! Willst Du das
Kind vom Herzen der Mutter reien?

Du _hast_ kein Herz! sthnte aber der alte Mann, die zitternde Hand
gegen sie schttelnd -- geh' -- geh' -- geh'! La mich mit dem Kind
allein, ich _mu_ sprechen -- mu endlich sprechen und fr meine Seele
Ruhe finden, wenn ich nicht hier und dort zu Grunde gehen soll. Komm',
Lieschen, komm -- ich _will_ reden, und mit zitternder Hast zog er
die Tochter in sein Zimmer. Die Frau aber wankte zum Sopha, warf sich
darauf, barg ihr Gesicht fest, fest in den Hnden und lag dort stumm und
regungslos.

Das war ein trauriger Tag in dem Hause. Die Dienstleute gingen herum und
wuten nicht, was mit der Herrschaft geschehen sei. Das Frhstck war schon
unberhrt auf dem Tisch stehen geblieben und kalt wieder hinausgetragen,
zum Mittagsessen wurde gar nicht gedeckt. Das Dienstmdchen ging ein paar
Mal zur Madame hinein, um zu fragen ob Niemand Etwas verlange -- aber
sie bekam nicht einmal eine Antwort. Die Frau lag noch immer auf dem
Sopha und regte kein Glied, und nur an dem schweren Athmen konnte man
sehen, da sie noch lebe, und Elise war, als sie den Vater verlie, auf
ihr Zimmer gegangen, und hatte sich dort eingeschlossen.

So kam der Abend heran, und als es anfing zu dmmern, erhob sich die
Frau langsam von ihrem Lager, stand auf, und verlie das Haus und den
Garten, und schritt langsam den schmalen Weg zum Thal hinab. Karl sah
sie gehen, und schttelte den Kopf, denn wie selten war die Frau hinaus
vor die Gartenthr gegangen, und nie und nimmer nach Dunkelwerden -- wo
wollte sie jetzt hin? Einmal fiel es ihm ein, ob er nicht lieber hinein
gehen sollte und es dem Herrn sagen; aber der hatte seinen Riegel inwendig
vorgeschoben, und das Frulein war eben so wenig zu sprechen. Er ging
dann selber hinaus vor den Garten, um nach der Madame da drauen
auszuschauen -- aber sie war nirgends zu sehen, und es fing an, ihm
selber ganz unheimlich dabei zu werden.

Endlich kam Elise herunter, um ihre Mutter zu sprechen. -- Das Mdchen
kam ihr weinend entgegen, um ihr zu erzhlen, da die Frau fort sei, und
so gar schrecklich bleich ausgesehen habe, wie sie gegangen, und so gar
groe und glnzende Augen gehabt habe. Und kein Tuch hatte sie mitgenommen,
keinen Hut -- ruhig und langsam war sie hinausgeschritten auf die Strae
und dort hinab.

Elise seufzte tief auf und fate krampfhaft ihr armes, gequltes Herz
-- die Ahnung von etwas Furchtbarem kam ber sie; aber so viel war schon
geschehen -- so Entsetzliches, da der Eine Schlag nicht betubender
wirken konnte als der andere. Das Mdchen durfte auch nicht ahnen was
geschehen -- wenigstens jetzt noch nicht, denn lange lie es sich ja
doch nicht mehr geheim halten.

Wo ist der Karl? fragte sie ruhig.

Hier, Frulein, sagte der junge Bursche, der schchtern an der Thr
gestanden.

Geh' hinunter in die Stadt und suche die Mutter -- sie ist krank
-- benachrichtige auch zugleich den Arzt, da sie in einem heftigen
Fieberanfall das Haus verlassen habe. Wenn Du sie allein nicht gleich
findest, so schick' andere Leute nach allen Richtungen aus -- Du wirst
aber schon von ihr hren -- Menschen werden sie schon hier oder da
gesehen haben -- lauf', Karl -- sei geschwind, und -- wenn Ihr sie
gefunden habt, schick' mir rasch einen Boten voraus, da ich Euch
entgegen komme.

Karl nickte stumm mit dem Kopfe, und seine Mtze nehmend lief er in die
Stadt hinab, so rasch ihn seine Fe trugen -- aber der Abend verstrich
und er kehrte nicht zurck, und Elise ging still und allein in dem den
Zimmer auf und ab. Es war tiefe Nacht, und der Mond ging auf und warf
sein bleiches Licht in zitternden Schatten durch den Orangenbaum, der vor
dem Fenster stand; Elise sah es nicht -- die Augen auf den Boden geheftet,
wanderte sie die halbe Nacht mit schweren, sorgenvollen Schritten, bis
sie etwa gegen zwei Uhr Morgens die Hausthr gehen hrte und wute, da
jetzt Karl zurckgekehrt sei. Sie schritt zur Thr, und rief: Karl!

Ach, Frulein, sind Sie noch auf?

Hast Du keine Spur gefunden?

Wir haben Alles abgesucht -- in allen Husern nachgefragt, sie kann
-- sie kann sich nirgends aufgehalten haben.

Sie war in der Stadt?

Ja -- des Liebel's Mdchen hat sie gesehen, wie sie dort am Haus, aber
hinten am Garten vorbeigegangen ist, auf dem kleinen Wege -- der --

Der?

Der nach dem Flu fhrt.

Nach dem Flu? wiederholte Elise, und sie fhlte, wie ihr das Blut
im Herzen stockte, aber gewaltsam raffte sie sich empor und fuhr leise
fort: Und weiter hat sie Niemand gesehen?

Der Mann, welcher die Fhre unten hlt, behauptet, es sei eine Frau
in einem weien Kleide an seinem Hause vorbeigegangen, immer den Weg
entlang; unten, wo die Soldaten liegen, will sie aber Niemand gesehen
haben.

Ihr habt nicht ordentlich nachgefragt.

Gewi, Frulein -- aber es wurde so spt -- die Leute schliefen schon
alle. Morgen mit Tagesanbruch bin ich wieder in der Stadt und -- bringe
Ihnen gewi gute Nachricht.

Es ist gut; leg' Dich nieder -- Du wirst auch mde sein.

Ach, gar nicht, bestes Frulein, wenn ich nur...

Leg' Dich nieder, Karl, und sei morgen frh wieder auf.

Ehe es nur grau im Osten wird, bin ich in der Stadt unten.

Es mochte etwa zehn Uhr am nchsten Morgen sein, als ein einzelner
Reiter am Gartenthor hielt, sein Pferd dort befestigte und an das Thor
pochen wollte; aber er sah, da dieses nur angelehnt sei, und betrat den
Garten. Es war Knnern, und sein erster Blick flog nach dem Mandelbaum
hinber, an dem er gestern Elisen getroffen. Der Cithertisch stand noch
dort mit der Cither, wo sie vergessen und dem Nachtthau ausgesetzt gewesen
war -- ein kleines Halstuch, das Elise getragen und abgenommen, als es
ihr zu warm wurde, lag daneben auf dem Tisch.

Knnern seufzte tief auf; die Brust war ihm so beklommen, er konnte
kaum athmen; aber er fate sich gewaltsam, und schritt auf das Haus zu.
Unten traf er das Mdchen, das in der Kche neben dem Heerde sa und
roth geweinte Augen hatte.

Ist Ihr Frulein zu Hause? fragte er leise.

Ja -- drin im Zimmer, sagte die Magd, scheu zu dem Fremden aufsehend,
denn das war ja Einer von Denen, die gestern dagewesen, wonach das
Unglck ber ihr Haus hereingekommen.

Kann ich sie sprechen?

Ich wei nicht -- sie wird wohl Niemand sprechen wollen -- das arme
Kind -- ach, bei uns geht's zu!

Sind die Eltern bei ihr?

Der alte Herr ist in seinem Zimmer und schreibt, antwortete das Mdchen,
sich die Augen abtrocknend -- er hat die ganze Nacht geschrieben und
ist in kein Bett gekommen -- und die Frau ist fort -- kein Mensch wei
wohin, und sie suchen sie schon seit gestern Abend vergeblich berall.
Sie haben 'was Schnes angerichtet, und Gott im Himmel verzeih' Ihnen
die Snde!

Ich mu das Frulein sprechen -- gehen Sie hinein -- sagen Sie ihr, da
ein Freund da sei, der ihr Trost brchte.

Den knnte sie brauchen, seufzte das arme Mdchen, und erhob sich
von der Kchenbank, als die Thr des Zimmers aufging und Elise auf der
Schwelle stand. Sie sah todtenbleich aus, war aber vollkommen ruhig und
sagte leise: Kommen Sie herein, Herr Knnern, ich habe Ihre Stimme
gehrt -- ich mu mit Ihnen reden.

Elise, meine arme, arme Elise! rief Knnern, als er das Zimmer betreten
hatte und ihre Hand ergriff -- welch ein kalter Reif ist auf Dein junges
Leben gefallen!

Elise barg ihr Antlitz in den Hnden und stand eine Weile schweigend vor
ihm. Er legte seinen Arm um sie und zog sie an sich -- sie duldete es;
endlich richtete sie sich wieder empor, machte sich von ihm frei und
flsterte:

Ich danke Ihnen, Herr Knnern, da Sie mich noch einmal aufgesucht
haben -- der Gedanke wre mir schrecklich gewesen, auch Sie in jener
furchtbaren Stunde so verloren zu haben. Jetzt ist Alles gut, jetzt kann
ich ruhig mit Ihnen sprechen -- ruhig von Ihnen Abschied nehmen...

Elise, bat Knnern, und wollte wieder ihre Hand ergreifen, die sie ihm
aber entzog.

Lassen Sie mich ausreden, bat sie -- meine Gedanken sind ohnedies
verwirrt, mein Kopf ist mir wst und leer -- so lassen Sie uns denn
wenigstens diese schwere Stunde abkrzen -- es knnte sonst meine Krfte
bersteigen.

Mein armes, armes Kind! flsterte Knnern.

Sie wissen Alles, wie ich voraussetzen darf, nicht wahr? fuhr Elise
fort, und sah scheu zu ihm auf.

Alles, hauchte Knnern -- Herr von Schwartzau hat mir gestern Abend
Alles erzhlt, denn ich _mute_ es wissen, wenn ich rathen und helfen
soll.

Gott sei Dank, seufzte Elise, dann wird mir das wenigstens erspart!
Ich hatte mich davor gefrchtet.

Und hat Dein Vater, Elise...

Er hat mir sein ganzes Herz ausgeschttet, sagte die Tochter -- seine
ganze, furchtbare Schuld bekannt und -- mich noch viel Furchtbareres
ahnen lassen, was ihn dazu getrieben -- setzte sie leise und scheu
hinzu. Das Unglck ist aber so pltzlich ber uns hereingebrochen, da
es mir selber manchmal noch wie ein bser, furchtbarer Traum vorkommt,
aus dem ich endlich erwachen msse, weil es ja gar nicht mglich sein
knne, da er wahr -- da er wirklich sei. Und doch ist er wahr und
wirklich; -- ich wache -- ich lebe bei vollem Bewutsein, und darf mir
das Entsetzlichste -- meine Mutter -- noch nicht einmal denken, wenn
ich die armen, gequlten Sinne zusammenhalten will. -- Doch jetzt fort
mit Allem, was mich stren oder hindern knnte -- _der_ Schmerz ist
_mein_ -- und ich will ihn allein tragen.

Und verschmhst Du die Hand, die sich ausstreckt, Dir tragen zu
helfen?

Lassen Sie mich ausreden, bat Elise, denn der Weg, den ich mir
vorgezeichnet habe, liegt so klar und offen vor mir, da kein Irren
davon mglich ist. -- Ich will auch nicht den Vater -- die Eltern
entschuldigen -- das Furchtbare ist geschehen, und die Folgen brechen
herein. Nichts bleibt uns jetzt brig, als gut zu machen was noch
mglich ist -- und das soll geschehen. Mein Vater hat die ganze Nacht
damit zugebracht, seine Papiere zu ordnen -- ich habe ihn heute Morgen
gesprochen -- bis heute Nachmittag wird er mit Allem fertig sein, und
lt bis dahin Ihren Freund bitten, sich zu ihm her zu bemhen.

Knnern schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf.

Er wird ihm, fuhr Elise fort, und Knnern sah, welche Gewalt sie
sich anthun mute, ruhig zu bleiben -- Alles bergeben was wir haben
-- _Alles_, setzte sie rasch hinzu, selbst das Letzte, und morgen
-- verlassen wir dann die Colonie.

Elise, das geht nicht -- das geht bei Gott nicht! rief Knnern
erschreckt.

Es geht nicht? rief das junge Mdchen, und ihre ganze Gestalt
zitterte, ihre Glieder bebten, die Lippen halb geffnet, mit stieren
Blicken streckte sie die Arme nach Knnern aus und bat mit vor innerer
Angst fast erstickter Stimme: Und soll auch noch das Furchtbarste ber
uns hereinbrechen? Soll der arme, alte Mann, dessen Leben schon durch
seine Gewissensbisse zerstrt und vergiftet wurde, auch noch in den
Kerker mssen? Soll ich den Vater hinter Eisenstben sterben sehen,
whrend die Mutter... Sie konnte nicht mehr, der schwache Krper hatte
das bermenschliche ertragen, und sie wre zu Boden gesunken, htte sie
nicht Knnern in seinem Arm aufgefangen.

Elise, flehte der junge Mann in Todesangst, woher diese schrecklichen
Gedanken -- qule Dich nicht unnthig mit einer leeren Furcht! Dein Vater
kann _frei_ hinziehen, wohin er will -- Gnther von Schwartzau ist ein
Ehrenmann und mein treuer Freund, und was in _seinen_ Krften steht, Dein
hartes Geschick zu mildern, wird er mit Freuden schon meinetwegen thun.

O, Dank -- tausend, tausend Dank fr diesen Trost! schluchzte Elise,
ergriff Knnern's Hand und prete sie an ihre Lippen, ehe er es verhindern
konnte -- dann ist Alles gut -- Alles gut -- und mit der Angst von sich
genommen, die seine Tage vergiftet hat, kann er, wird er ein neues Leben
beginnen. Ich bin ja auch jung und krftig, fuhr sie lebhafter fort
-- ich will und kann arbeiten, und Gott wird uns nicht verlassen, wenn
er die wahre Reue des Schuldigen sieht.

Elise, rief Knnern, der sich nicht lnger halten konnte -- Du
zerreiest mir das Herz mit solchen Reden -- bin ich Dir gar Nichts
mehr? Sind die lieben Worte, welche Du gestern zu mir gesprochen, schon
verhallt und todt? Elise, ich entbinde Dich nicht des Wortes, das Du mir
gegeben -- _was_ auch geschehen, was verschuldet ist, nicht Du -- nicht
ich trage die Schuld davon, und wir drfen deshalb nicht darunter leiden.
Du bist mein -- mein fr immer, und auf Hnden will ich Dich tragen mein
ganzes Leben lang!

Er hatte noch seinen Arm um sie geschlungen, und prete sie fest und
leidenschaftlich an sich, und Elise duldete die Umarmung und lehnte ihr
Haupt mde an seine Brust. Dann machte sie sich leise von ihm los und
sagte, indem sie ihn mit einem rhrenden Blick voll Liebe und Dankbarkeit
ansah:

So -- jetzt ist mir wohl -- ich habe _ein_mal an diesem treuen Herzen
geruht, und die Erinnerung dieses Augenblicks wird mir ein Trost mein
ganzes, langes Leben sein -- und jetzt, Bernard, la uns scheiden.

Elise...

Rede mir nicht zu, sagte das Mdchen, indem jetzt wieder Leichenblsse
ihre Zge entfrbte -- mein Entschlu steht fest -- unerschttert fest
-- ich kann und darf Dir nicht angehren -- ich kann und will das Opfer
nicht von Dir annehmen, Dich an das Leben eines Verbrechers zu ketten.
Aber das Kind gehrt zum Vater, und wie mich Gott geschtzt, da ich den
Augenblick berstanden, in dem ich Dir das gesagt -- wird er mich auch
weiter schtzen auf meiner langen, dornenvollen Bahn. Ja, Bernard, fuhr
sie wie verklrt fort, als er stumm vor Schmerz vor ihr stand -- ich
habe Dich geliebt mit meiner ganzen Seele -- mit jedem Athemzug, den ich
gethan, mit jedem Schlage meines armen Herzens -- ich liebe Dich noch
und werde Dich immer lieben, aber -- ich darf nicht Dein sein -- darf
nicht -- kann es nicht. Leb' wohl! Mge Dir Gott den Frieden geben,
welchen Dein reines Herz verdient -- mgen Dich dereinst wieder se
Bande fesseln, die nicht von Schuld und Snde getrbt sind; _mein_ Segen
begleite Dich auf allen Deinen Wegen, denn Du hast mir mehr gegeben, als
die ganze Welt -- _einen_ glcklichen Augenblick an Deinem Herzen. Und
nun leb' wohl, Bernard -- leb' ewig wohl -- Gott schtze Dich! Und ihr
Antlitz zu ihm hebend, bot sie ihm selber den Abschiedsku -- aber ihre
Lippen waren kalt und bleich, und wie sie sich von ihm wandte und die
Thr ihres Zimmers hinter sich schlo, war es, als ob ein Geist aus
einer andern Welt zu ihm gesprochen und vor seinen Augen in Duft und
Nebel zerstoben sei.




12.

Verschiedene Interessen.


In dem Zimmer der Frau Grfin stand Helene am Fenster, sah hinaus und
trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern an der Fensterscheibe.

Die Grfin hatte noch nicht Toilette gemacht -- sie sa in ihrem
Lehnstuhl, ein Buch in der Hand, ohne jedoch darin zu lesen, den rechten
Fu, von welchem der Pantoffel heruntergefallen war, ber den linken
geschlagen, in einem weien, nicht frisch gewaschenen Morgengewand, auch
die Haare noch nicht in Ordnung und auerdem nicht in der besten Laune.

Helene selber dagegen sah aus, wie der frische, junge Morgen da drauen
vor den Fenstern. Die Wangen gerthet von einem Frhritt, den sie schon
gemacht, ein paar duftende Orangenblthen und eine Rose im Haar stand
sie da, und selbst in den Augen, wie der funkelnde Thau da drauen noch
auf den Blthen lag, ein paar blitzende Tropfen, die aber mehr der
Unmuth als der Schmerz ausgepret haben mute und die sie zu stolz war
wegzuwischen, damit die Mutter die Bewegung nicht etwa sah.

La nur um Gottes willen das schreckliche Fenstertrommeln, sagte die
Mutter endlich -- Du machst mich noch ganz nervs, und -- schicke mir
dann die Dorothea herein, denn ich _mu_ mich jetzt anziehen -- es ist
wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei.

Helene hrte allerdings mit ihrem Marsch auf der Fensterscheibe auf,
aber sie rhrte sich nicht von der Stelle und sagte endlich erregt:

Du treibst mich noch zu einem verzweifelten Schritte, Mama, mit Deiner
grnzenlosen Ruhe und Gleichgltigkeit.

Gleichgltigkeit? fragte die Grfin zurck -- Du nennst das
Gleichgltigkeit, was vorsichtige berlegung und Berechnung ist -- und
was _kannst_ Du berhaupt dagegen einzuwenden haben? Pulteleben ist ein
anstndiger, hbscher, junger Mensch aus guter und wohlhabender Familie
er liebt Dich leidenschaftlich und ist in seinen Forderungen auch nicht
unbescheiden. Er will ja gar nicht, da die Hochzeit _gleich_ sein soll
-- er will nur die feste Zusicherung Deiner Hand -- nur eine vorlufige
Verlobung, weiter Nichts, und -- lieber Gott -- nachher knnt Ihr ja
noch immer thun, was Ihr wollt. Es ist schon manche Verlobung rckgngig
geworden, ohne da beide Theile darber gestorben sind.

Helene drehte sich rasch und scharf nach der Mutter um.

Und wenn ich mich weigere? sagte sie, und der Blick, mit dem sie die
Mutter dabei ansah, zeigte viel mehr Trotz als Liebe.

Es ist ganz vernnftig, sagte die Grfin ruhig, ohne jedoch zu ihr
aufzusehen, da wir die Sache von beiden Seiten betrachten; wir wissen
dann Beide gleich besser, woran wir sind. Wenn Du Dich also weigerst,
wird Herr von Pulteleben augenblicklich ausziehen und das Geschft
aufgeben -- das versteht sich von selbst. So wie _er_ aber aus dem Hause
ist, kannst Du auch versichert sein, da unsere Glubiger wie ein
Rabenschwarm ber uns herfallen, und das Resultat ist dann sehr einfach:
wir mssen ausziehen -- wohin? wirst Du vielleicht angeben knnen
-- unsere Mbel und Sachen werden ffentlich verauctionirt und Deine
Mutter verlt mit ihren Kindern in Schande und Spott einen Platz, in
dem sie bis jetzt wenigstens eine achtbare Stellung gehalten. Hab' ich
Recht oder nicht?

O wrest Du mir nur gefolgt! rief Helene leidenschaftlich -- htten
wir uns nur eingeschrnkt wie ich Dich bat und wieder bat, und mit dem
Wenigen, was wir hatten, Haus gehalten, es wre nie und nimmer so weit
gekommen!

Liebes Kind, das verstehst Du nicht, sagte die Grfin ungeduldig mit
dem Kopf schttelnd, -- wir muten standesgem leben, oder die Leute
htten den Augenblick gemerkt, da wir -- mit unserem Einkommen beschrnkt
sind. Es giebt gar kein mitrauischeres Volk als diese Bauern.

Aber _kann_ es denn auf die Lnge der Zeit verheimlicht bleiben?

Zeit gewonnen. Alles gewonnen, ist ein altes, gutes Sprchwort, und wir
_haben_ Alles gewonnen, wenn Du nur, Deiner Mutter zu Liebe, nachgiebst
und nicht mit dem alten Starrkopf Recht behalten willst.

Aber ich liebe den Mann nicht! rief Helene, ihre Augenbrauen zogen sich
dabei fest zusammen und ihre kleine Hand ballte sich.

Liebe -- Liebe, sagte die Frau Grfin, sich hin und her wiegend -- in
unserem Stand wird selten eine Heirath aus _Liebe_ geschlossen. _Hast_ Du
eine andere Wahl, so nenne sie -- hast Du sie nicht, so sei vernnftig.

Warum lt Du mich nicht Stunden geben? fragte Helene rasch -- ich habe
Dich so oft darum gebeten.

Damit knntest Du Dich _selber_ am Leben erhalten, und was wird dann
aus _mir_, was aus Oskar? Aber thu' es -- thu' es nur -- was kmmerst Du
Dich um Deine Mutter; die mag dann untergehen und verkmmern, wie sie
will -- es ist ja nur die _Mutter_!

Helene hatte sich auf den Stuhl an's Fenster gesetzt, sttzte den Kopf
auf ihre linke Hand und sah, von ihren Gedanken geqult, hinaus in's
Leere. Endlich stand sie auf, ein schwerer Seufzer hob ihre Brust, und
sie sagte leise:

Thu', was Du willst, Mutter -- _den_ Vorwurf sollst Du mir wenigstens
nicht machen knnen.

Und morgen Abend haben wir die Gesellschaft? fragte die Grfin, und
ein triumphirendes Lcheln zuckte ber ihre Zge.

Richte es ein wie Du willst, wehrte Helene ab -- ich sage Dir ja,
ich fge mich Allem, aber -- qule mich nicht weiter! und mit raschen
Schritten verlie sie das Zimmer, um ihre eigene Stube aufzusuchen. --

Herr von Pulteleben sa oben, eine Treppe hher, noch in seinem
Morgenanzuge vor dem geffneten Koffer und berzhlte seinen
Cassenbestand.

Das wei doch der Henker, murmelte er dabei vor sich hin -- ob ich
mich um fnfzig Milreis verzhlt habe, oder wo sie hingekommen sind
-- die Frau Grfin hat doch den Schlssel gehabt und das Schlo war
unbeschdigt -- na ja, das fehlte auch noch, da das Geld auf _die_
Weise weggeht, es wird _so_ dnn genug, und wenn die versprochenen
Wechsel jetzt nicht bald eintreffen, so sitzen wir hier Alle mit einander
auf dem Trocknen. Verfluchte Geschichte mit der Cigarrenfabrik -- ganz
verfluchte Geschichte, und ich will nur wnschen, da die Leute bald
anfangen sich um unsere Producte zu reien, sonst steh' ich fr Nichts.

Er sttzte seinen Ellbogen auf's Knie und schaute lange in tiefen Gedanken
in den Koffer hinein. Endlich sagte er, diesen zuschlieend und wieder
aufstehend:

Aber was thut's -- Thorheit! -- ich habe noch die alte ngstlichkeit
von Europa mitgebracht, welche sich erst hier in Brasilien verlieren
mu. Eine kleine Weile hlt's noch aus -- bis dahin kommen ebenfalls
Gelder ein, und da meine gndige Schwiegermutter #in spe# ihr Capital
fr das Rittergut mit dem nchsten flligen Dampfer schon erwartet, so
wr' ich ja ein wahrer Thor, wenn ich mir ganz unnthiger Weise Sorgen
machen wollte. Glck mu ein junger Mensch haben, und der Zufall -- oder
vielmehr dieser verzweifelte Jeremias, der mir heute Morgen meine Kleider
_noch_ nicht rein gemacht hat -- scheint mich in dieser Familie dem
Glck mitten in den Schoo geworfen zu haben; da ich das aber beim
Schopf ergreife, versteht sich von selber.

Der Jeremias ist aber wirklich ein Lump, fuhr er in seinem
Selbstgesprche fort, indem er seinen Rock hernahm und ihn selber
ausbrstete -- nicht der geringste Verla mehr auf den Menschen, und
wenn ich ihm nicht wirklich so viel Dank schuldig wre, ich jagte ihn
heutigen Tages zum Teufel!

Drauen an seiner Thr klopfte es an.

Wer ist da?

Ich bin's, sagte die Dorothea -- ich bringe das zerrissene Zeug
wieder -- der Schneider ist die Nacht nicht nach Haus gekommen -- er
ist auf einen Ball ber Land -- soll ich's zu einem Andern tragen?

Aber das versteht sich doch von selbst! rief Herr von Pulteleben
rgerlich -- so gescheidt htten Sie doch gleich sein knnen.

Na, dann mag's auch unten liegen bleiben, bis der Jeremias kommt,
brummte die Alte leise vor sich hin, indem sie die Treppe wieder hinunter
stieg -- ich htte Zeit, den ganzen Morgen in der Stadt herum zu laufen!

Schne Wirthschaft das bei den Handwerkern, dachte indessen Herr von
Pulteleben, indem er seinen Rock anzog und dann in die noch ungewichsten
Stiefel fuhr -- mu ihnen doch hier verwnscht gut gehen, da sie so
bermthig werden -- die Nacht auf einem Ball ber Land -- es wird
wahrhaftig alle Tage besser! --

       *       *       *       *       *

Es war Abend geworden -- die Sonne neigte sich schon den westlichen
Gebirgen zu, und in seinem Zimmer, in Bohlos' Hotel, ging Knnern
bereits Stunden lang mit untergeschlagenen Armen auf und ab, jedesmal
an's Fenster springend, wenn der Huf eines Pferdes auf der harten Strae
hrbar wurde. -- Und Gnther kam noch immer nicht, trotzdem, da er seit
zehn Uhr Morgens fort war, und oft schon hatte der junge Mann selber in
den Hof gewollt, um sein eigenes Pferd zu satteln und ihm entgegen zu
reiten, jedoch immer wieder seine Ungeduld bezhmt. Jetzt litt es ihn
nicht lnger mehr; er griff seinen Hut auf und wollte eben fort, als die
Thr aufging und der lngst Ersehnte eintrat.

Endlich, endlich! rief Knnern ihm entgegen -- wo sind Sie nur so lange
geblieben -- und ich habe nicht einmal Ihr Pferd gehrt?

Ich bin zu Fu gekommen.

Zu Fu? Und ist Alles geordnet?

Das war ein bser Nachmittag, Freund, seufzte Gnther, seinen Hut auf
den Tisch werfend -- und wr' es nicht _Ihnen_ zu Liebe gewesen, ich
htte mich dem im Leben nicht unterzogen. Aber welchem Fremden htten
wir es anvertrauen knnen, ohne den Klatsch augenblicklich durch die
ganze Colonie getragen zu haben. Nun -- jetzt ist es Gott sei Dank
berstanden und Sellbachs -- oder Meiers, wenn Sie wollen -- sind
abgereist.

Abgereist? rief Knnern, erschreckt seinen Arm fassend.

Fort! sagte Gnther ruhig -- und -- es war das Beste, was sie thun
konnten. Wir bekamen heute auerdem die _Gewiheit_, da sich die
unglckliche Frau noch in der nmlichen Nacht in den Strom gestrzt,
und ihrem Leben dadurch auf gewaltsame Weise ein Ende gemacht hat;
die Leiche wird natrlich nie gefunden werden, denn die zahlreichen
Alligatoren darin machen das hoffnungslos.

Und Elise? sagte Knnern leise und scheu.

Nahm die Nachricht viel ruhiger auf, als ich erwartet hatte, fuhr
Gnther fort -- Sie haben Recht, Knnern, das Mdchen ist ein Engel
und jeder ihrer Gedanken nur eine Sorge um den Vater. Mit einer fast
unheimlichen Gewalt bezwang sie dabei ihren Schmerz, und obgleich ich
ihr erklrte, da ich selber nicht den geringsten Auftrag, und fr mich
selber keineswegs die Absicht habe, gegen ihren Vater des Geschehenen
wegen vorzugehen -- da er selber, wenn er wolle, ein Abkommen mit
seinen Glubigern in Deutschland treffen mge, ja, da ich ihm, wenn er
dies wnsche, mit Freuden die Hand zu einer Vermittlung bieten wrde,
wies sie Alles ruhig aber fest zurck. Sie behauptete dabei, da sie im
bestimmten Auftrage ihres Vaters handle, der seine Schuld allerdings
nicht mehr ungeschehen machen knne, wie er aber die That bereue, so
auch Alles thun wolle, was jetzt noch in seinen Krften stehe, den
erlittenen Verlust zu ersetzen. Er _knne_ freilich Nichts weiter thun,
als Alles hergeben was er habe, und sie bte mich daher, nicht allein
Haus und Grundstck mit Allem was es enthielt, sondern auch noch eine
sehr bedeutende Summe von Werthpapieren zu bernehmen, welche sie mir
einhndigte. Das Einzige, was sie bat mitnehmen zu drfen, sei das
Nothwendigste fr sich und den Vater an Wsche.

Ich versuchte Alles, sie zu berreden, sich nicht von allen Mitteln zu
entblen -- ich stellte ihr vor, da, wenn ich als Stellvertreter der
Glubiger hier handeln solle, um ihr Vermgen zu bernehmen, ich auch
das Recht haben msse, zurckzuweisen, was ich fr berflssig halte
-- umsonst! Sie sei jung und krftig, erwiederte sie mir, und knne und
wolle arbeiten, und kein Milreis, auf dem ein Fluch hafte, solle in
ihrem Besitze bleiben, um ein neues Leben damit zu beginnen. Das Einzige,
was ich sie endlich anzunehmen vermochte -- und das auch nur nach
stundenlanger berredung und ihres Vaters wegen, der einen langen
Marsch nicht ausgehalten htte -- war mein eigenes Pferd -- und vor
zwei Stunden etwa, der alte Mann im Sattel mit dem kleinen Bndel
Gepck hinter sich, die Jungfrau zu Fu an seiner Seite -- so zogen
die Unglcklichen in den Wald hinein.

Knnern der, bleich wie ein Todter, die Augen von Thrnen gefllt, dem
einfachen Bericht gelauscht, sank jetzt auf einen Stuhl, barg sein
Gesicht in den Hnden und sa lange stumm und regungslos. -- Und darf
ich sie ziehen, darf ich sie ihrem Schicksale _so_ berlassen? sthnte
er endlich -- es kann -- es kann nicht sein!

Wie ich das Mdchen heute habe kennen lernen, sagte Gnther ernst, so
wrden Sie ihr durch ein Nachfolgen nur noch einmal die Schmerzen des
Abschiedes bereiten -- weiter Nichts -- und das arme Kind hat Leid und
Schmerzen genug gehabt. Sein Sie nicht grausam; Anderes wrden Sie nicht
damit bezwecken.

Und ohne Mittel -- ohne das Nthigste, sich am Leben zu erhalten, auf
fremde Menschen -- auf ihrer eigenen zarten Hnde Arbeit angewiesen
-- Hnde, die nie gewohnt waren, eine schwere Arbeit zu verrichten, mit
einem Krper, der solchen ungewohnten Anstrengungen erliegen mu, selbst
wenn ihr Geist das Furchtbare ertrgt -- Gnther, Gnther, der Gedanke
allein kann mich zur Verzweiflung treiben! Und wenn sie nun krank, nun
selber hlfsbedrftig wird, wer soll ihr beistehen, wo der alte Mann ja
selber Hlfe und Pflege fr sich gebraucht?

Das Einzige was wir thun knnen, sagte Gnther, ist, unter der Hand
nachzuforschen. Ein so aufflliges Paar kann in unseren Colonien nicht
spurlos verschwinden; man wird immer in der Nhe Nachricht von ihnen
bekommen knnen, und sollte dann Hlfe nthig sein, so lt sie sich
vielleicht indirect und ohne da Elise Etwas davon wei, vermitteln.
Nahen drfen Sie ihr aber jetzt nicht, wenn Sie nicht Alles verderben
wollen, das ist meine feste berzeugung. -- Aber gnnen Sie mir eine
Stunde Zeit; ich mu diese Papiere ordnen und gleich nach Hause berichten,
denn bermorgen frh bin ich gezwungen, meine Arbeiten wieder zu beginnen
und zu beenden. Morgen werde ich deshalb die Auction der Sellbachschen
Sachen halten, und dafr ist es nthig, gleich noch ein paar Anzeigen
fr die Gasthuser und ffentlichen Pltze zu schreiben. Der Jeremias,
dem ich eben begegnet bin, wird dann die weitere Verbreitung noch heute
Abend bernehmen. In einem solchen Neste, wie dies, ist ein derartiges
Ereigni gleich allgemein bekannt, und wir haben das unglckselige
Geschft dann abgemacht, ehe das Publicum nur Zeit gehabt hat, sich
seine Vermuthungen mitzutheilen -- es mu Alles Schlag auf Schlag folgen.
Die Eincassirung der in der Auction gelsten Gelder werde ich dann hier
dem Kaufmann Rohrland bertragen. Apropos, setzte er hinzu, als er eine
Anzahl Papiere aus seiner Tasche nahm und ein paar ziemlich umfangreiche
Karten auf den Tisch warf -- da hat mir der Jeremias auch ein paar
Einladungen auf morgen Abend zu der Frau Grfin mitgebracht. Sie giebt,
glaub' ich, eine Art Soire, oder etwas Derartiges. Es ist auch eine fr
Sie dabei.

Fr mich? Ich kenne die Frau Grfin gar nicht, sagte Knnern
gleichgltig.

Ich auch nicht, lachte Gnther; die Einladung ist wahrscheinlich eine
Art von Erkenntlichkeit fr den Dienst, den wir ihrer Tochter vorgestern
Abend geleistet haben. Wie doch oft kleine, unbedeutende Ursachen so
furchtbare Wirkungen haben -- dachten wir damals daran, da das
durchgehende Pferd in zweimal vierundzwanzig Stunden ein Menschenleben
kosten und eine Familie von Haus und Hof treiben knnte?

Kann ich Ihnen bei Ihren Papieren helfen?

Nein; aber wenn Sie mir einen Gefallen thun wollten, so knnten Sie
sich einmal nach meinem neugefundenen Freund und neuen Kameraden, dem
jungen Grafen Rottack umsehen. Er ist wahrscheinlich hier im Hause, und
ich habe mit ihm zu reden. Fr ihn ist brigens auch eine Einladung
gekommen; da sie aber seinen Namen nicht wuten, steht er mit auf meiner
Karte. --

       *       *       *       *       *

Die Sonne ging unter, und die Strae von Zuhbel's Chagra herein kam
unser alter Bekannter Khler und hielt an des Schneiders Justus' Haus.
Es war finster in der Arbeitsstube Kernbeutel's; aber der junge Mann
ritt dicht an das Fenster und klopfte mit der Hand an eine der Scheiben.
Niemand antwortete, und er klopfte strker. Endlich ging in der Stube
eine Thr auf und die Frau kam herein.

Na, sagte sie, was giebt's? Wer klopft da?

Ist der Justus zu Hause?

Der Liedrian! keifte die Frau; wer wei; wo der die Nacht trunken
gelegen hat und jetzt seinen Rausch ausschlft. O, Du mein Herrgott,
wie oft habe ich die Stunde schon verschworen, wo ich das nichtsnutzige
Mannsbild zum ersten Mal mit Augen gesehen habe -- aber ich mag die
Wirthschaft auch nicht lnger mit ansehen und gehe aus dem Hause!

Was, der ist noch nicht von seinem Ball zurck? rief Khler rgerlich.
Da ist mein Rock auch _noch_ nicht fertig, und er hat sich verschworen,
da ich ihn heute Morgen haben sollte.

Wer htt' ihn sollen fertig machen -- ich? knurrte die Frau -- weiter
fehlte auch Nichts mehr; die Schinderei hab' ich so schon allein, soll
ich auch noch die Arbeit fr den Lumpen thun?

Ist er denn bei Zuhbels oben?

Ja, was wei ich, wo er sich herumtreibt! sagte die Frau und schlug
rgerlich die Thr wieder hinter sich zu.

Schne Wirthschaft, das, brummte Khler vor sich hin, als er sein
Pferd wieder zurck auf die Strae und heimwrts lenkte; aber soll mich
Dieser und Jener holen, wenn ich bei dem liederlichen Halunken auch je
wieder ein Stck arbeiten lasse! --

       *       *       *       *       *

In dem kleinen Kfterchen, das Bux in Buttlich's Hause mit seiner Familie
bezogen, sa die Familie Bux beim Abendbrod. Die Frau hatte das jngste
Kind, das wieder recht unruhig war, an der Brust und sa auf einer kleinen
Kiste neben der Holzlade, die zum Tisch dienen mute, whrend an dem
andern Ende Bux selber rittlings Platz genommen. Rechts und links von ihm
kauerten die beiden lteren Kinder, und ein Stck gekochtes Rindfleisch
mit schwarzen Bohnen, wie auerdem eine Flasche Schnaps, der Bux schon
ziemlich lebhaft zugesprochen, standen in der Mitte.

So fret Euch heute einmal satt! lud Bux die Familie ein; wer wei,
wann's wieder Fleisch in den Topf giebt. Und Du, bring einmal den Balg
zum Schweigen, oder ich werf' es, Gott straf' mich, vor die Thr hinaus
-- und Dich mit!

Bux hatte nicht seinen #beau jour#; er sah wst und wild um die Augen
aus, deren eines roth unterlaufen war, wie nach einer Schlgerei. Auch
ein paar Schrammen trug er in dem ungewaschenen Gesicht, und um die
linke Hand einen schmutzigen Lappen gebunden. Der hufig genossene
Branntwein war ihm dazu schon etwas in den Kopf gestiegen, und immer
wieder auf's Neue hob er die Flasche an die Lippen.

Ach Du lieber Gott! sthnte die Frau, indem sie von ihrem langersehnten
Mahl aufstand und das Kind in der Stube herumtrug -- denn es wollte
die Brust nicht mehr nehmen, die ihm ja doch keine Nahrung bot -- ich
wollte, Du wrfst uns Beide nur hinaus und gleich in's Wasser, da wrst
Du uns mit Einem Mal los, und uns -- wr's auch wohl da unten!

Halt's Maul und mach' mir den Kopf nicht wild, schrie der Mann -- heute
wollen wir lustig sein, und ich will die Heulerei nicht haben! Hast Du
mich verstanden?

Die Frau schwieg und suchte das Kind zu beschwichtigen, das jetzt, so
lange es auf und ab getragen und geschttelt wurde, auch ruhiger war,
und der Mann fuhr, seine Gabel vor sich hin auf die Lade werfend, mit
zusammengebissenen Zhnen fort:

Gott verdamm' mich, nicht einmal das Bichen Fressen kann man in Ruhe
verzehren, mit so einer himmelhundischen Last am Bein! Macht mir den Kopf
nicht warm, das sag' ich Euch, denn ich _bin_ heute gerade guter Laune
und will mir den Abend nicht verderben lassen! -- Und dabei sprach er
wieder fest der Flasche zu. Dann aber schnitt er das Fleisch in kleine
Stcke und schob es den Kindern hin, die scheu und stumm darber herfielen,
denn der Vater sa ihnen zu nahe, als da sie htten wagen drfen ein
Wort einzuwerfen. Auch die Frau kam endlich wieder herzu, denn das Kind
war ihr im Arm eingeschlafen, und sie legte es leise auf die im Winkel
zusammengeschobenen Lumpen, die ihm zum Bettchen dienten.

Da, trink' einmal, sagte der Mann endlich und schob ihr, als die
Mahlzeit schon fast beendet war, die Flasche hin.

Ich kann nicht, lehnte die Frau ab -- der Schnaps ist mir zu scharf
-- er brennt mir den Hals entzwei und -- mchte auch dem Kinde schaden.

Kinde schaden, brummte der Mann unwirsch -- so la es bleiben -- soll
Dir's auch wohl noch eingieen, die Gottesgabe -- und er hob die Flasche
an den Mund und leerte den noch darin befindlichen Rest auf Einen Zug.

Die Frau sah ihm ngstlich zu, sagte aber kein Wort; sie wute recht gut,
da sie ihn in diesem halbtrunkenen Zustande nicht reizen durfte, und
Bux schien wirklich heute Abend guter Laune, denn er schob die Flasche
zurck, nahm seinen Pfeifenstummel aus der Tasche, stopfte sich denselben
und legte sich dann, den blauen Dampf in das Dunkel hineinqualmend, in die
Ecke auf sein Lager.

Ist der Junge beim Justus drben gewesen und hat ihn eingeladen, uns zu
besuchen? fragte er endlich; htt's beinahe ganz vergessen, und von dem
Lumpengesindel sagt Einem auch keines Antwort, wenn man einmal 'was
bestellt.

Ich war drben, Vater, sagte der Knabe, aber der Mann war noch nicht
nach Haus gekommen; wenn er kme, wollt's ihm die Frau bestellen.

So? -- hm -- hahaha, lachte Bux vor sich hin -- liederlicher Strick,
wo der sich wieder einmal herumtreibt! -- Sonst war Niemand da, der nach
mir gefragt htte, wie ich da vorhin lag und schlief?

Niemand als der Fleischer, der sein Geld haben wollte, sagte die Frau.

Soll zum Teufel gehen! brummte der Mann und qualmte immer strker.

Dann war Alles ruhig. Die Frau rumte die Lade ab und stellte das
Geschirr in einen Winkel, um morgen mit Tagesanbruch wieder aufzustehen
und es auszuwaschen. Sie htte den Mann gern gefragt, ob er heute Morgen,
als er aus war, irgend eine Beschftigung oder Aussicht auf Erwerb
gefunden, denn vorgestern schon war das letzte Stck Geld ausgegeben
gewesen, und jetzt schien er doch wieder Etwas bekommen zu haben; aber
sie wagte es nicht. Das Kind schlief gerade, und wenn er bse wurde und
auffuhr, konnte er es wieder wecken und sie dann die halbe Nacht mit ihm
im Zimmer herumlaufen, wie gestern und vorgestern.

Der Mann war auch ruhig. Das starke Getrnk bte seine betubende
Wirkung. Er hatte die Pfeife ausgeraucht und hielt sie noch leer in der
Hand, whrend er schon schwerfllig mit dem Kopfe zu nicken anfing. Ein
paar Mal fuhr er wieder in die Hh und sah sich scheu um, dann sank
sein Kopf zurck auf das Kissen; er begann zu schnarchen, und die Frau
winkte den Kindern, vorsichtig zu Bett zu gehen, lschte das Licht aus
und legte sich dann selber neben dem Kleinsten nieder, um dieser Nacht
vielleicht ein paar Stunden Schlaf abzuringen.

Ende des zweiten Bandes.


Druck von G. _Ptz_ in Naumburg.




TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME

Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected; missing punctuation has been silently added. Words in Roman
type are identified like #this#.

Zeitgenssische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert; fehlende Zeichensetzung wurde ergnzt. In
Antiqua gedruckte Wrter wurden #so# gekennzeichnet.

The following additional changes have been made:

Die folgenden zustzlichen nderungen wurden vorgenommen:


 seinen eigenen Hoffnungen         seinen eigenen Hoffnungen
 und Planen                        und _Plnen_

 da mir Sr Excellenz Nichts       da mir _Se_ Excellenz Nichts
 mehr zu befehlen hat              mehr zu befehlen hat

 das Mdchen ist ein Engel         das Mdchen ist ein Engel
 und und jeder                     _und_ jeder





End of Project Gutenberg's Die Colonie. Zweiter Band., by Friedrich Gerstcker

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE COLONIE. ZWEITER BAND. ***

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