The Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold

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Title: Novellen
       Hausgenossen. -- Und Doch! -- Der tolle Junker. --
       Finderlohn. -- Glck mu man haben!

Author: Hans Arnold

Release Date: April 30, 2016 [EBook #51901]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                               Novellen

                                 von

                             Hans Arnold.


                      Hausgenossen. -- Und doch!
                          Der tolle Junker.
                 Finderlohn. -- Glck mu man haben!


                               Berlin.

                     Verlag von Gebrder Paetel.

                                1881.


                       Alle Rechte vorbehalten.


                                Herrn

                      Theodor Hermann Pantenius

                       in dankbarster Verehrung

                                                      zugeeignet.




                            Hausgenossen.

In dem sonnenhellen, saubern Stbchen, das sie nun schon seit zwanzig
Jahren bewohnte, sa Frulein Sabine Krauthoff und strickte, whrend
sie, mit einer Hornbrille auf der Nase, in einem abgegriffenen Buche
las, welches sehr weit ab von ihr auf dem Tische lag.

Am Fenster blhten, trotz des Winters, Nelken und Balsaminen, und an
den Wnden hingen allerlei Photographien in jeder Gre und Stellung.
Aber nur Bilder von jungen Mdchen -- Frulein Sabine war Lehrerin
gewesen. Mitten ber dem Sofa prangte ein nach Frbelscher Methode
kunstvoll gefertigtes Flechtblatt unter Glas und Rahmen -- das hatte
die Lieblingsschlerin des Fruleins, Kthchen Lang, geflochten, bei
deren Eltern die alte Dame im Hause wohnte, und die inzwischen zu einem
groen Mdchen herangewachsen war.

Aus dem Schler- und Lehrerinnenverhltni hatte sich mit der Zeit
eine herzliche Freundschaft zwischen dem alten und dem jungen Mdchen
gestaltet. Kthe, die sonst leicht ein wenig hochfahrend sein konnte,
ja die in ihren Bekanntenkreisen sogar wegen ihrer kurzen Antworten
und ihres gelegentlichen Uebermuthes als sehr schnippisch bezeichnet
wurde, legte in der stillen Stube von Frulein Sabine all ihre kleinen
Airs ab, und wurde immer wieder zum Kinde, das seine Thorheiten
beichtete und sich liebevoll absolviren lie.

Nie verging ein Tag, ohne da Kthe die drei Treppen erstieg und an
Frulein Sabines Thr pochte -- und so sehr hatte sich die letztere an
diese tglichen Besuche gewhnt, da sie es recht schmerzlich empfand,
als Kthe vor einiger Zeit zu einer verheiratheten Freundin nach
auswrts ging und fast drei Wochen abwesend blieb.

Doch nun war das vorbei -- gestern hatte die Frau Doktor Lang sich ihr
Tchterchen von der Eisenbahn geholt, und Frulein Sabine erwartete
nun ungeduldig den Besuch des allgemeinen Lieblings. Ihr Harren sollte
belohnt werden. Nicht lange, so klopfte es; auf das herein kam ein
junges Mdchen in die Thre, schlank und gro gewachsen, mit einem
bermthigen Zug um den kleinen Mund, und einem sonnigen Lcheln in
den dunkeln Augen. Sie begrte ihre alte Freundin mit der ihr eigenen
ungestmen Herzlichkeit und setzte sich zu ihr -- nicht auf den Stuhl,
sondern aufs Fensterbrett.

Und wie hast du dich bei Laura amsirt? fragte die alte Dame,
nachdem sie den mitgebrachten warmen Shawl zur Genge betrachtet und
bewundert hatte.

O sehr gut, Sabinchen, es war eine nette Zeit! aber --

Nun, was aber? fragte Frulein Sabine erwartungsvoll, und schob die
Brille auf die Stirn zurck.

Ach -- ich habe wieder einmal eine meiner gewhnlichen Dummheiten
gemacht! Soll ich sie dir erzhlen? aber du mut nicht schelten?

Das kann ich nicht so gewi versprechen, sagte die Alte, indem sie
ihren reizenden Liebling mit strahlenden Augen betrachtete, indessen
fang nur an -- es lt dir ja doch keine Ruhe, ehe du gebeichtet hast.

Kthe rckte sich auf dem Fensterbrett zurecht, und pflckte eine von
den rothen Nelken von Sabinens Blumenstock.

Nun also, begann sie, ich reiste allein von Laura zurck, und auf
einer kleinen Station -- Siegersdorff -- wo der Zug hielt, sah ich zum
Coupfenster hinaus. An der Wand des Bahnhofsgebudes mir gegenber
steht ein Herr und sieht mich an -- nicht gerade unbescheiden, aber er
fixirt mich doch unverwandt. Du weit ja, Sabine, so etwas kann ich
nicht leiden, ich denke also: sollst ihm mal die Zunge herausstecken
-- der Zug fhrt ja sofort ab, und du siehst ihn nie wieder.

Aber Kthe! rief das Frulein erschrocken.

Siehst du, siehst du, da du schiltst! rief Kthe, und fiel ihrer
alten Freundin ungestm um den Hals, sei ganz still, sonst erzhle
ich nicht weiter, und du hast dein Leben lang die Angst mit dir
herumzutragen, da ich etwas noch viel Schrecklicheres gethan habe, was
du nicht weit!

Die Alte machte sich lachend los.

La mich nur -- ich bin ja schon still! Also --

Also -- in dem Augenblick, wo der Zug sich in Bewegung setzt, fhre
ich mein Vorhaben aus! Nur ein ganz kleines bichen, Sabine -- ich
dachte schon, er htte es nicht gesehen! -- aber er lchelte spttisch
und nahm den Hut ab. Da fuhren wir hin.

Frulein Sabine schttelte den Kopf.

Wirst du nie deinen Uebermuth ablegen, Kind!

Kthe zerpflckte die rothe Nelke unbarmherzig in Stcke.

O ja, Sabine, sagte sie dann verlegen, aber --

Was aber? noch mehr solcher schne Streiche?

Ach, Sabine -- die Geschichte ist ja noch gar nicht zu Ende, das
Schlimmste kommt nach. Also wir fuhren, aber kaum hundert Schritte weit
-- der Zug wurde zu meinem Entsetzen nur rangirt und rutschte nach fnf
Minuten wieder in denselben Bahnhof ein. Da stand auch noch der Herr --
und hatte er vorhin gelacht, so lachte er nun erst recht!

Angenehm! sagte Frulein Sabine. Und wie benahm er sich?

Er benahm sich gar nicht, sondern warf die Cigarre weg und stieg in
dasselbe Coup mit mir. Und wir fuhren mit einander bis hierher, wo er
auch ausstieg!

Kthe sprang vom Fensterbrett. Und was sagst du jetzt?

Herzchen, erwiderte die alte Dame und lchelte gutmthig, was soll
ich sagen? Zu geschehenen Dingen schweigt man am besten -- das einzig
Angenehme ist, da du den Mann wahrscheinlich nicht wieder sehen wirst.

Kthe sah nicht so entzckt aus, als man htte vermuthen sollen, und
streute ihre Nelkenblttchen in die Luft. Meinst du?

Die Alte warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, und zog die
Augenbrauen etwas in die Hhe, als wollte sie sagen: aha! Sie schwieg
aber.

Weit du, Sabine, begann Kthe nach einer Weile von Neuem, er --
der Mitreisende -- benahm sich brigens sehr taktvoll. Da er merkte,
in welch tdtlicher Verlegenheit ich war, that er, als ob gar nichts
vorgefallen sei, und unterhielt mich von allen mglichen Dingen -- ganz
ernsthaft und sehr nett. Nur einmal, als eine alte Dame, die mitfuhr,
von der Gegend sprach, und ihn fragte, ob er nicht auch whrend der
Reise auf die hbsche Aussicht geachtet habe? sagte er ruhig: o ja --
besonders in Siegersdorff! und dann sahen wir uns an und lachten beide
-- ich auch, Sabine -- das konnte ich nicht ndern! Sonst war ich sehr
wrdevoll -- nein, wirklich!

Davon bin ich berzeugt, sagte die Alte ernsthaft, wie sah denn dein
Freund oder Feind aus?

Sehr gut -- gro, dunkelblond und humoristisch -- und er war sehr
hbsch angezogen.

Die alte Dame lachte.

Wenn's nur kein Weinreisender war!

Aber, Sabine, schme dich! als ob man das nicht merkte! In dem
Augenblicke klopfte es.

Frulein Kthchen mchten gleich herunter kommen, Frau Majorin Scharff
wre da, und wollte etwas aus dem Eckschrank, und Frulein Kthchen
htten die Schlssel mit.

Unausstehlich! sagte Kthe verdrielich, Scharffs erwarten in den
Tagen den grlichen Sohn, und borgen sich wieder einmal die ganze
Wirthschaft zusammen. Ich komme, rief sie dem Mdchen zu.

Ist der junge Scharff so grlich, wie du sagst? fragte Sabine.

Ich habe ihn nie gesehen -- aber wenn von einem Menschen schon so viel
gesprochen wird, hat man genug. Kurt sagt, Kurt schreibt, Kurt meint
-- so geht es immerfort, als ob =ich= mich darum kmmerte, was ihr Kurt
fr Ansichten hat.

Frulein Sabine war auch aufgestanden.

Weit du, was ich glaube, Herzchen? Frau Scharff mchte dich sehr gern
fr den grlichen Sohn haben.

Ach, das wei ich ja schon lange! Aber ich danke, Sabine -- ich danke
-- ich will gar nicht heirathen -- oder

Hr einmal, Kthe, du kommst mir sonderbar vor! Deine Beichte war
unvollstndig! Oder heit das etwa: oder die Bekanntschaft mte
damit anfangen, da ich ihm die Zunge heraussteckte?

Sabine, sagte das junge Mdchen wrdevoll, ich begreife gar nicht,
wie du mich so lange aufhalten kannst, wenn du hrst, da Mama auf die
Schlssel wartet!

Und fort war sie.

       *       *       *       *       *

Whrend diese Unterhaltung stattfand, herrschte bei Kthens Eltern
groe Unruhe. An der Hausthre war schon seit lngerer Zeit eine
Wohnung ausgeboten worden, und der Hausherr hatte sich bereits stummer
Verzweiflung berlassen, weil noch keine Nachfrage stattgefunden hatte.

Jeder Mensch hat bekanntlich seinen Tollpunkt -- die Vermiethungsfrage
war der Tollpunkt des Doktors!

So lange der unheilvolle, weie Zettel ber seiner Thre prangte,
war er melancholisch -- seine Gedanken irrten mit bengstigender
Beharrlichkeit, aufgescheuchten Vgeln gleich, um das betreffende
Quartier, und er begann und schlo den Tag mit Seufzen. Wenn seine
Frau mit dem triftigen Trostgrunde ins Feld rckte, da ja noch nie
eine Wohnung in ihrem Hause leer geblieben sei, so grub der Doktor
regelmig einen alten General aus, der inzwischen, nach der seitdem
verflossenen Zeit zu schlieen, lngst zum Feldmarschall oder unter die
himmlischen Heerscharen avancirt sein mute, und dessen Quartier einst
ein volles Vierteljahr unvermiethet gestanden hatte.

Zeigte sich dann ein prsumtiver Miether, so begann ein neues Stadium
in dem Zustande des Doktors. Er hatte fr nichts anderes Sinn und
Gedanken, als fr die Chance, er sang mit dem franzsischen Grenadier
was schiert mich Weib, was schiert mich Kind? und war fr alle
huslichen Vorkommnisse taub und blind.

Heute nun war, gleich einem Sonnenblick, in sein umdstertes Gemth ein
Brief gefallen, in dem ein der Familie bekannter Baron von Rabeneck
um die Erlaubni bat, am Nachmittag zu erscheinen und die annoncirte
Wohnung in Augenschein zu nehmen.

Der Baron galt zwar fr einen etwas langweiligen und unsglich
neugierigen Herrn -- aber in der Noth ist man nicht whlerisch -- der
Baron wollte miethen, und der Hausherr sah seinem Eintreffen seit drei
Uhr mit fieberhafter Spannung entgegen.

Die Familie -- Kthe, die lteste, ausgenommen, die, wie wir wissen,
bei Frulein Sabine war, sa um den Kaffeetisch. Eine stattliche
Reihe von schulpflichtigen Kindern -- zwar nicht so viel, als unser
schwbischer Freund besa, der auf eine Anfrage nach dem Befinden der
Seinen antworten konnte: ich danke, die Meischte sind wohl -- aber
immerhin genug, um zu Zeiten recht angenehmen Spektakel zu machen.

Die Hausfrau dirigirte mit Wort und Blick die stillbewegte Gruppe, die
zur Eile angetrieben wurde, um beim Erscheinen des Miethers nicht den
Eindruck der Rume abzuschwchen. Jetzt klingelte es.

Kinder, schnell -- trinkt aus, das ist er! rief der Vater, und lie
sich in der Eile zu der unmnnlichen Handlung des Umgieens aus der
Ober- in die Untertasse fr seinen jngsten Sohn verleiten -- doch zu
spt! Die Thr ging auf -- aber nicht der Baron erschien, sondern das
heiter lchelnde Angesicht der Frau Majorin Scharff. Die Kinder gingen
trotzdem auf einen Wink der Mutter hinaus. --

Frau Scharff bewohnte mit ihrem Gatten, einem Major a. D., die
Beletage. Dieser Gatte und ihr Sohn waren ziemlich die beiden einzigen
Gegenstnde, welche sich die Frau Majorin nicht geborgt hatte, sondern
rechtmig besa. Man kann es ihr daher nicht bel nehmen, wenn sie mit
besonderem Stolz auf diese beiden blickte. Eine gute, ganz gescheidte
Frau von stets heiterem Temperament, hatte sie nur die Manie, alles
zu verlegen, zu verlieren, und sich mit einer wahrhaft genialen
Unverdrossenheit durch Entlehnen von dem, was ihr momentan fehlte, aus
der Verlegenheit zu ziehen.

Ihr Mann wute entweder nichts davon -- oder er wollte nichts davon
wissen, was ziemlich auf eins herauskommt. Er hatte es zu seiner
Vorgesetzten und seinem eigenen grten Erstaunen bis zum Major
gebracht und war dann erschpft ins Privatleben zurckgesunken. Seine
Geisteskrfte, die ohnehin nie ppig wucherten, hatten sich seitdem auf
Whist konzentrirt, und keine Gemthsbewegung, kein Familienereigni
freudiger oder trauriger Natur war bisher im Stande gewesen, ihn derart
zu erregen, da er nicht, so wie der erste Sturm vorber war, die
Seinigen gefragt htte: machen wir heute keine Partie?

Ja es ging die dumpfe Sage, da er an dem Abend, wo sein einziger Sohn
das Licht der Welt erblickte, zwei Stunden darauf einen Whisttisch
herbeigeschoben und seiner Schwiegermutter zur Erholung eine Partie
Whist vorgeschlagen habe.

So lange seine Bequemlichkeit und sein Whist ihm ungestrt
blieben, lie er den Dingen ihren Lauf, und seine Frau mochte die
Wirthschaftsutensilien aus allen benachbarten Familien rekrutiren --
ihn focht es nicht an.

Sein Sohn, der inzwischen als sehr begabter und tchtiger Offizier die
beste Carriere machte, hatte fr ihn erst Interesse gewonnen, als er
den Dritten beim Whist abzugeben vermochte, was den jungen Mann nicht
hinderte, seinen Vater sehr zu lieben, und mit groer Ehrerbietung
an beiden Eltern zu hngen. Dieser Sohn, das Glck und der Stolz der
Mutter, wurde, wie wir von Kthe gehrt haben, erwartet, und die Frau
Majorin hatte bereits eine Bettstelle mit Betten, einen Teppich, einen
Waschtisch und zwei Leuchter von der Doktorin Lang entlehnt, und kam
soeben, um zu fragen, ob ein berzhliger Flgel reiner Gardinen vakant
wre, da sie das Gastzimmer sonst soweit in Ordnung habe.

Die gutmthige Doktorin versprach, danach zu sehen, und lud ihre
Hausgenossin zum Sitzen ein. Doch diese lehnte ab.

Nein, nein, sagte sie eilfertig, o ich habe noch sehr viel zu thun
-- denn, liebste Lang, ich komme mit einer groen Bitte -- trinken Sie
nicht heute Abend mit uns Thee? Keine Gesellschaft -- nur etwa zwlf
bis fnfzehn Personen -- bitte, schlagen Sie es mir nicht ab!

Wir kommen herzlich gern, sagte die Doktorin, wenn mein Mann nichts
dagegen hat.

Der Doktor war herausgegangen, um die Strae herunter zu sphen, ob der
Miether sich nicht zeigte. --

Ach, was sollte er dagegen haben! sagte Frau Scharff, heut mu er
kommen -- ich habe eine kleine berraschung vor! Aber liebe Lang --
eine Bitte! Meine Pauline ist so ungewandt -- knnen Sie mir Ihre
Kchin auf heute Abend leihen? Wir haben nur zwei Gerichte, und sie ist
so prchtig flink -- das wei ich! Im Hause geht das ja sehr gut!

Ja, ja, das will ich thun, Frau Majorin, sagte Frau Lang lchelnd,
kann ich sonst mit etwas dienen?

Nun ja -- wenn Sie mir Ihre groe Bratenschssel und zwei Dutzend
Mittelteller und Ihre Gabeln, fnfzehn Weinglser und die silberne
Zuckerdose leihen wollten, so wre ich Ihnen sehr dankbar! Ach, und
Beste -- die beiden groen Lampen -- aber lassen Sie sie bald fllen;
meine Leute verstehen sich so schlecht darauf! Das ist alles -- denn
die Kompottschsselchen und die Bowlenglser habe ich noch oben. Aber
richtig -- Sie haben wohl nicht ein Pfund Speck zu Hause? meine Pauline
hat es heut frh mitzubringen vergessen! Wir haben Rehrcken und sie
soll ihn noch spicken.

Ich werde sogleich nachsehen, erwiderte Frau Lang, und griff in die
Tasche -- die Schlssel fehlten! Bei dieser Gelegenheit schickte sie zu
Frulein Sabine, um Kthe holen zu lassen, die auch bald erschien und
von der Majorin aufs zrtlichste begrt wurde.

Mein liebes Kthchen -- nein, wie reizend steht Ihnen die neue Frisur!
Wie haben Sie sich bei Ihrer Freundin amsirt? Ich bitte eben bei
Mamachen vor, ob Sie uns heute Abend nicht besuchen wollen -- ich habe
eine kleine Ueberraschung _in petto_! Nicht wahr, Sie kommen doch? Ich
schrieb noch neulich an meinen Sohn: eine Gesellschaft ohne Kthchen
ist mir gar nicht denkbar -- sie ist so belebend!

Kthe, die bis zu diesem letzten Satz sehr freundlich ausgesehen
hatte, machte eine ungeduldige Bewegung und zog die Hand fort.

Nun mu ich aber gehen, liebe Frau Doktorin, sagte die Majorin
eilfertig, also Ihre Anna bringt nachher alles mit herauf, nicht wahr?

Damit ging sie, und die Doktorin blieb mit Kthe allein. Sie legte
ihrer Tochter die Hnde auf die Schultern und sah ihr forschend ins
Gesicht. Kthe, warum bist du nur wieder so unfreundlich gegen die
gute Majorin?

Weil sie mich nicht mit ihrem langweiligen Sohn in Frieden lt!
erwiderte Kthe unartig.

Die Doktorin schttelte den Kopf.

So la sie doch -- fr die Plne der Mutter kann der Sohn nichts --
und auerdem -- Kthe, wre es denn nicht sehr hbsch, wenn etwas
daraus wrde? Eine andere Neigung hast du nicht --

Kthe mute wohl an der Tischdecke gezupft haben, denn der
Schlsselkorb fiel zur Erde, und sie mute die Schlssel aufheben, wozu
sie eine ganze Weile brauchte und sehr roth wieder zum Vorschein kam --
vom Bcken jedenfalls!

Und der junge Scharff soll ein vortrefflicher, hchst gescheidter Mann
sein, fuhr die Mutter fort, thu mir wenigstens den Gefallen, dich
nicht von vornherein gegen ihn einzunehmen! Seine Briefe haben dir ja
immer so gut gefallen!

Kthe schwieg hartnckig.

Da klingelt es, unterbrach sich die Mutter, hier, Kthe, ich habe
mir alles notirt, was die Majorin sich zu heute Abend leihen will --
gieb es einmal heraus!

Kthe nahm mit einem ironischen weiter nichts? das Verzeichni
in Empfang, und ging hinaus, eben, als der Vater zur andern Thr
hereintrat.

Er kommt wieder nicht! sagte er resignirt, ich werde jetzt ausgehen!
Hausbesitzer sein ist ein Vergngen.

Ja, ja, er kommt, beschwichtigte seine Frau, eben klingelt es -- da
ist er schon!

Richtig -- so verhielt es sich! Herr Baron von Rabeneck erschien mit
einer tadellosen Verbeugung auf der Schwelle. Er war ein mittelgroer,
schlanker Mann, mit sehr vorsichtig frisirtem, dunkelblondem Scheitel,
mit kurzsichtigen Augen, die er stets etwas einkniff, mit einem
parfmirten Taschentuch, und einem kornblumenblauen Schlips.

Ganz ergebensten guten Tag, meine Herrschaften, sagte er eintretend,
Sie sind beim Kaffee? lassen Sie sich nicht stren! Trinken Sie immer
hier Kaffee?

Ja, sagte der Hausherr etwas kurz. Seine Frau, der die Fragepassion
des Barons, und die kurze Geduld ihres Mannes schon bekannt war, wollte
mit einer Gegenfrage dazwischen kommen, aber der Baron lie sich nicht
so leicht beirren. Ich trinke auch Kaffee, fuhr er fort, sehr
gesundes Getrnk? Was? Trinken Sie auch Kaffee, Frau Doktorin?

Ja, sagte der Doktor gereizt, meine Frau trinkt Kaffee -- meine
Tochter auch, meine ganze Familie trinkt Kaffee!

Die Hausfrau mischte sich ins Gesprch. Sie wollten unser leeres
Quartier sehen, Herr Baron?

Ja, erwiderte der Neuangekommene behaglich, ich sah heute bei meinem
Morgenspaziergang, den ich immer durch diese Strae mache -- hbsche
Strae, was? -- da hier ein Miethszettel hngt -- wollte doch mal
nachfragen. Erster Stock, was?

Nein -- zweiter Stock -- vier Zimmer mit Balkon, gab der Doktor
zurck.

Oh -- charmant -- vier Zimmer? Balkon? Ganz mein Fall! Alles
Vorderzimmer? Kche? Gesund? Hoch? Still?

Wie wre es, schlug die Hausfrau vor, wenn Sie mit mir einmal
hinaufgingen, Herr Baron, und die Wohnung selbst in Augenschein nhmen?
Ich hole mir nur ein Tuch, und bin gleich wieder da!

Bitte, bitte, erwiderte der Baron verbindlich, und ging Kthe
entgegen, die eben wieder hereintrat, und am Fenster mit einer Arbeit
Platz nahm.

Sie lud den Gast durch eine schweigende Handbewegung ein, sich auch
niederzulassen. Kthe war sehr wortkarg, wenn ihr jemand nicht gefiel.

Der Baron in seiner Frageseligkeit empfand die Pause schmerzlich, und
wandte sich an das junge Mdchen.

Sie sticken, mein Frulein? Wei?

Kthe hielt ihm ihre Arbeit hin.

Ja, Herr Baron! Interessiren Sie sich fr dergleichen?

Der Baron hustete zierlich.

Ich interessire mich fr alles, mein Frulein! Schon meine selige
Mama sagte immer: Chlodwig, du interessirst dich fr alles! Ich heie
nmlich Chlodwig! Hbscher Name, was? Der fnfte Chlodwig in unserer
Familie -- mein Papa hie auch Chlodwig! Wie heit Ihr Papa?

Friedrich, erwiderte Kthe, die mit Mhe ein Lcheln unterdrckte.

Friedrich -- so so -- und Ihre Frau Mama?

Fragen Sie sie selbst, sagte der Doktor ungeduldig, da kommt sie.

Als die Hausfrau mit dem Baron verschwunden war, sagte der Doktor zu
Kthe: wenn =dieser= Fragekasten die Wohnung miethet, znde ich das
Haus an allen vier Ecken an. Der fragt einen todt.

Kthe lachte. La ihn, Papa! Du brauchst ja nicht mit ihm umzugehen.
Vielleicht spielt er Whist, da kann er sich mit Scharffs befreunden,
die er ohnehin schon kennt. Weit du denn, da sie heute eine
Gesellschaft geben?

So? brummte der Doktor, was haben sie sich denn schon geborgt?

Vorlufig unsere Teller, unsere Lampen, unsere Kchin und unsere
Familie, erwiderte Kthe spttisch, wir werden uns also wohl recht
heimisch fhlen. --

Der Baron und die Doktorin kamen nach geraumer Zeit wieder, und der
erstere war entzckt von dem Quartier.

Wenn es Ihnen recht ist, Herr Doktor, sagte er, so knnen wir gleich
Kontrakt machen -- liebe schnelle Entschlsse -- Sie auch, -- was?

Gewi! sagte der Doktor hflich -- die Aussicht, einen Miether zu
bekommen, go l auf die Wogen seines Zornes. Die beiden Herren nahmen
an einem Seitentischchen Platz, um ber den Kontrakt einig zu werden.

Kaum hatte der Doktor den ersten Paragraphen vorgelesen, als die Thre
aufging und eine Dame erschien. Sie war nicht mehr ganz jung, aber auch
durchaus nicht alt -- so hbsch in der Mitte. =Ganz= jung waren ihre
Toilette, ihre Haartracht und ihr Wesen! sie flog wie eine Elfe ins
Zimmer und umarmte Kthe mit kindlichem Ungestm.

Das war Frulein Leontine von Faldern, die mit ihrer Gromama, der
verwittweten Generalin, die Hlfte des zweiten Stockes im Hause
bewohnte. Der Baron hatte sie kaum erblickt, als er aufstand und auf
sie zutrat.

Der Doktor, im Ausfertigen seines Miethskontraktes unterbrochen,
kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurck und sagte dster:
nett!

Mein gndiges Frulein, begann der Baron, ich bin entzckt, Sie zu
begren! Wie ist Ihnen die Stumme von Portici bekommen?

O ausgezeichnet! erwiderte Leontine, es war eine allerliebste
Auffhrung! Ich war mit Schraffenaus da -- Will ist jetzt bei ihnen
zum Besuch -- Sie wissen ja -- Will Schraffenau, der bei den zweiten
Krassieren stand! Will kann zu amsant sein, nicht?

O ja, meine Gndigste, erwiderte der Baron, aber nichts gegen Lu!
Sie erinnern sich doch? Lu Schraffenau, der die zweite Sandrowsky --
Peppi Sandrowsky -- zur Frau hat? Sie kennen sie doch? Grazis, was?

Na! brummte der Doktor vor sich hin, bis die beiden jetzt den
Grafenkalender durchgearbeitet haben, kann mein Miethskontrakt schwarz
werden!

Denken Sie nur, meine Gndigste, ich bin im Begriff, Ihr Hausgenosse
zu werden! Charmant, was?

Ach, wie reizend! Das mu ich Gromama erzhlen! rief Leontine
entzckt.

Ja, dann lassen Sie aber den Herrn Baron erst hier zu Ende kommen,
sagte der Doktor, und schob sein Tischchen in die andere Ecke des
Zimmers -- dort konnte er hoffen, ungestrt zu bleiben, bitte, Herr
Baron! -- der Miether verpflichtet sich --

Whrend die beiden sich wieder in den Kontrakt vertieften, plauderten
die Mdchen in der Fensternische.

Kthchen, ich komme nur, um Sie etwas zu fragen -- ist heute groer
Zauber bei Scharffs? Ich dachte schon, der Sohn wre gekommen, den ich
von frher her kenne -- wissen Sie, er war Adjutant bei meinem Vetter
Storrwitz, und meine Cousine neckte mich immer entsetzlich mit ihm --
ist er gekommen?

Nein, er wird erst erwartet, erwiderte Kthe, ich wei auch nicht,
warum sie heut pltzlich eine Fte geben.

Nun ja -- aber die Frage ist, =was= zieht man an? Rabeneck ist auch
da, ich habe die Scharff gefragt.

Die Beiden errterten die Toilettenfrage und Leontine hpfte endlich ab.

Inzwischen wurde es so dunkel, da der Doktor zu seinem Miethskontrakte
nach der Lampe rief. Das Mdchen erschien, brachte aber nur einen
Armleuchter mit einem Licht.

Die Lampe! donnerte der Hausherr.

Verzeihen Sie, Herr Doktor -- unsere Lampen sind alle oben beim Herrn
Major -- die Kinder arbeiten auch bei Licht.

Darauf machen Sie sich gefat, sagte der Doktor, kochend vor Wuth,
wenn Sie hier ins Haus ziehen, wird Ihnen von Majors alles abgeborgt,
was Sie haben und nicht haben!

Aber Papa! rief Kthe vorwurfsvoll und verlegen.

Ich bitte Sie, rief der Baron ngstlich, das ist ja sehr unangenehm!
Alles verborgen? Mu man das?

Das frage ich mich schon seit zwei Jahren! grollte der Doktor, denn
so lange wohnen sie hier, und =was= sie sich alles borgen, spottet
jeder Beschreibung. Ich wollte nur, sie lieen einmal auf einen halben
Tag um =mich= bitten, da wollte ich es ihnen schon abgewhnen! Aber
weiter: die Wsche mu in dem dazu bestimmten Waschhaus --

Eine Empfehlung von der Frau Majorin, und ob sie die silbernen
Armleuchter bekommen kann? sagte das Dienstmdchen und griff bereits
nach dem fraglichen Gegenstand.

Sie sind wohl verrckt! schrie der Hausherr in verzeihlichem Ingrimm,
sollen wir hier im Dunkeln sitzen?

Mein Gott, ist es denn schon so spt! sagte der Baron, und sah nach
der Uhr, wahrhaftig -- halb sieben! Pardon, Herr Doktor, aber ich
mu an meine Toilette gehen -- wir sehen uns ja wohl heute Abend beim
Herrn Major? Ich komme dann morgen in aller Frhe, und wir beenden das
Miethsgeschft, was? Wann stehen Sie auf? Um sieben? Acht? Neun?

Der gnzlich resignirte Doktor pfiff statt aller Antwort einen Walzer
-- das Symptom des letzten Verzweiflungsstadiums, als er seinen Gast
zur Thr geleitete.

Nun borgen sie sich auch schon die Miether! sagte er vor sich hin,
als er hinausging.

Kthe blieb allein. Die Dunkelheit, die sanft und leise zum Fenster
hinein schlich, kam ihr eben recht. Sie dachte so still vor sich hin
-- die Phantasie ist ein Nachtfalter, der seine Schwingen am liebsten
in der Dmmerstunde ausbreitet. Warum war ihr noch nie so bange vor
der Zukunft gewesen als heut -- warum noch nie der Gedanke an die
von den Ihrigen so sehnlichst gewnschte Heirath mit dem Hauptmann
Scharff so schrecklich erschienen? Ach, die Trume von den kommenden
Tagen hatten seit ihrer Reise eine bestimmte Gestalt angenommen -- zum
ersten Mal! Kthes Herz war bisher ein unbeschriebenes Blatt -- noch
nie hatte eine Begegnung ihre Einbildungskraft, viel weniger ihr Gefhl
zu erregen vermocht -- aber es war ihr auch noch nie jemand mit so
liebenswrdiger Ironie, mit so gutmthig berlegenem Ernst entgegen
getreten, als der Fremde, dem sie sich doch wie ein unartiges Kind
gezeigt! Sein festes, kluges Gesicht mit dem humoristischen Lcheln,
seine tiefe, freundliche Stimme gaben ihr das Gefhl einer Sicherheit
und Zuversicht, wie sie es nie zuvor gekannt hatte. Doch was half
das alles! sie kannte seinen Namen nicht -- er nicht den ihren --
sie wrden sich wahrscheinlich nie wiedersehen! Und mit einem tiefen
Seufzer stand sie auf, und ging in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.

       *       *       *       *       *

Inzwischen herrschte bei der Majorsfamilie schon einige Aufregung.
Die Frau des Hauses wanderte in den menschenleeren Rumen umher, die
bereits im festlichen Lichterglanz erstrahlten, rckte hier und da
an den Sthlen und stand dann wieder berlegend still, ob noch etwas
fehlte, wonach man zu Doktors schicken knnte.

Da ffnete sich die Thr und ein groer, blonder Mann trat ins Zimmer.

Die Majorin wandte sich um.

Nun, Mamachen, sagte der Eintretende freundlich, du hast noch zu
thun? Ich hoffte eben auf eine gemthliche halbe Stunde mit dir, ehe
die Gste kommen.

Ich bin fertig, sagte die Mutter, und trat vor den Stuhl, in den sich
ihr Sohn niederlie. Sie legte ihm die Hnde auf beide Schultern und
sah ihm zrtlich ins Gesicht.

Mein alter Junge -- wie du wieder verbrannt bist!

Im Winter, Mama? Nein, das ist wohl meine natrliche Farbe, du mut
dich schon daran gewhnen.

Und du warst ein so weies Kind! sagte die Mutter lchelnd. Jetzt
sage mir aber einmal, Kurt -- ist es dir eigentlich recht, da ich heut
Abend unsere Hausgenossen eingeladen habe? Du machtest mir bei der
Ankndigung ein so besonderes Gesicht.

Nun, offen gesagt, wre ich eben so gern mit Euch allein gewesen,
Mutterchen -- aber wir sind ja, so Gott will, noch viele Abende
zusammen. Wer kommt denn heut?

Also, begann die Majorin, da ist erstens die Generalin Faldern mit
ihrer Enkeltochter Leontine --

Was? unterbrach der Hauptmann lebhaft, Tine Faldern ist hier?

Kennst du sie?

Wie sollte ich nicht! -- Als ich bei Storrwitz Adjutant war, hielt sie
sich ja einen ganzen Winter dort auf! Sie hie damals immer die Tochter
des Regiments, weil sie so genau in der Rangliste Bescheid wute.
Uebrigens ein hbsches, amsantes Mdchen -- es ist mir ganz lieb, sie
einmal zu treffen, wir haben eine Menge gemeinsamer Beziehungen.

Die Majorin sah etwas mivergngt aus, sagte aber nichts.

Dann, fuhr sie fort, von Hausgenossen heit das, kommt noch unser
Wirth -- der Doktor Lang mit Frau und Tochter --

Ach -- die berhmte Kthe! Ich kenne dich, Mama! Htte ich mir's
nicht denken knnen, da du wieder einen Heirathsplan wie einen Lasso
bereit hltst, um ihn mir Unglcklichen ber den Kopf zu werfen? Aber
gieb dir keine Mhe, Mama -- es wird nichts!

Sei doch nicht so absprechend, bat die Mutter, du hast Kthe noch
gar nicht gesehen -- ich sage dir, sie ist allerliebst! Hbsch, sehr
gut erzogen und sehr gescheidt -- sie wrde ausgezeichnet fr dich
passen!

Kann sein, Mama! aber ich will dir etwas sagen -- ich werde wohl
berhaupt nicht heirathen. Sieh, fuhr er lebhaft fort, als die Mutter
eine Bewegung des Unmuths machte, ich bin -- nenne es phantastisch,
unpraktisch, kurz, was du willst -- aber ich bin entschlossen, mich
nur zu binden, wenn ich ein Mdchen finde, von der ich sage: 'Die oder
keine!' Und solche Dinge kommen vor! -- Ich sage dir, sie kommen vor!
Lache mich nicht aus, Mutter -- aber ich habe ein Mdchen gesehen, das
mir gefllt, und wenn ich =die= wiedersehe, und sie will mich -- dann
sollst du am lngsten auf eine Schwiegertochter gewartet haben. Frage
mich aber nicht weiter -- ich bin auf der Suche -- das la dir genug
sein. Und verschone mich mit deiner Kthe -- ich mag sie nicht!

Guten Abend, Frau Majorin, sagte in diesem Augenblick die Generalin
Faldern, die in taubengrauer Seide ins Zimmer rauschte, von der
rosafarbenen Leontine gefolgt. Sie waren so freundlich, uns zu
erlauben -- ah, das ist wohl Ihr Herr Sohn?

Ja, er ist gestern angekommen, sagte die glckstrahlende Mutter, ihn
den Damen vorstellend, er hat mich berrascht! Es ist doch einzig von
ihm; aber er war von jeher ein so guter Junge!

Wenn diese ffentliche Liebeserklrung dem Hauptmann peinlich war, so
lie er es durch keine Miene merken -- er lchelte sehr freundlich und
wandte sich an Frulein Leontine, die ihm als altem Bekannten vergngt
die Hand hinstreckte.

Herr Hauptmann -- das ist aber eine Ueberraschung, die Ihrer Frau
Mutter vollstndig gelungen ist! Allerliebst, das mu wahr sein! Und
nun erzhlen Sie mir von W.... -- was machen die dritten Husaren? Und
wo stehen jetzt die Vierundzwanziger? Hat Trotha wirklich einen so
groen Pas gemacht, und mu Schulten den Abschied nehmen? Ach, es waren
doch schne Zeiten?

Ihre Theilnahme fr meine Kameraden rhrt mich aufs tiefste, mein
gndigstes Frulein, erwiderte der Hauptmann ernsthaft, ich kann
Sie versichern, da die dritten Husaren sich sehr wohl befinden, und
da die Vierundzwanziger sich ohne Ausnahme Ihnen durch mich zu Fen
gelegt htten, wenn sie htten ahnen knnen, da ich so glcklich sein
wrde, Sie zu sehen.

Ach, Sie spotten wieder, schmollte Leontine, aber ohne Scherz --
erzhlen Sie mir ein bischen! Hat mein Vetter Storrwitz sich ein neues
Pferd gekauft? Der Braune von damals war doch ein ses Thier -- er ist
mir noch manchmal im Traume erschienen!

Glcklicher Brauner! sagte der Hauptmann -- und begann nun wirklich
zu erzhlen. Leontine hrte fcherschlagend zu, und die Unterhaltung
war so lebhaft, da der eintretende Gastgeber kaum seine Begrung
dazwischenschieben konnte. Er sah mit seinem Orden im Knopfloch und
mit seinem grauen Haar wirklich ganz stattlich aus und machte ganz
zeitgeme Konversation mit der Generalin -- freilich sagte er meist
nur: nun eben! eine Wendung, die er vorzugsweise gern anwendete, und
mit der man merkwrdig weit kommt, wenn man sich erst einmal darauf
eingerichtet hat.

Inzwischen fanden sich die Gste nach und nach ein -- schon klingelte
es wieder.

Das sind gewi Langs, rief Leontine, ich mu Kthe entgegengehen,
und damit flog sie hinaus.

Der Hauptmann sah ihr etwas verwundert nach, und wandte sich dann, um
den Baron Rabeneck zu begren, der eben erschien.

Entzckt -- entzckt, Herr Hauptmann, Sie kennen zu lernen, begann
der Baron schmelzend, Sie stehen bei einem B.'schen Regiment?

Ja wohl, Herr Baron -- schon seit zwei Jahren, erwiderte der
Hauptmann.

Und vorher?

Bei den --schen Husaren!

Kamen Sie dort gleich aus dem Corps hin? Wo stehen die Husaren?

In W.... sagte der Hauptmann etwas verwundert.

Ist das eine hbsche Stadt? Ja? Ich war auch Offizier -- bei den
--ten Dragonern -- reizende Uniform, was?

Allerliebst! sagte der Angeredete, ber dessen Gesicht ein immer
vergngteres Lcheln flog. Sie sind pensionirt, Herr Baron?

Ja -- ich sehe Ihnen wohl noch zu jung aus -- was?

Whrend der Hauptmann in diesem Kreuz- und Querfeuer von Fragen stand,
in dem ihm nach und nach heier wurde als im Kugelregen, hatte Leontine
auf dem Flur die Langsche Familie in Empfang genommen und Kthe sofort
zugeflstert: der Sohn ist da!

Kthe zog die Augenbrauen zusammen: Wie albern -- warum hat uns die
Majorin das nicht gesagt?

Sie wollte Sie wohl berraschen, fuhr Leontine eifrig fort, aber
Kthe, Sie brauchen kein so verzweifeltes Gesicht zu machen -- er
scheint kein Spiegeselle bei der Verschwrung seiner und Ihrer Mutter
zu sein -- eben als wir kamen, sagte er vernehmlich zur Majorin,
verschone mich mit deiner Kthe -- die Art Mdchen ist nichts fr
mich!

Das hatte zwar der Hauptmann nicht gesagt -- aber darauf kam es
Leontine nicht an. Kthe, ohne sich klar zu werden, da diese uerung
schon dadurch sehr unwahrscheinlich wurde, da der Hauptmann sie nie
gesehen hatte, richtete sich hoch auf -- das stolze, jugendliche Blut
scho ihr bis in die Stirn -- nun, dann stimmen ja unsere Ansichten
ber einander auf ein Haar -- sagte sie -- warf den kleinen Mund
verchtlich auf, und folgte ihren Eltern in den Saal. Kthe sah
heute Abend sehr hbsch aus. Ein einfaches, weies Kleid lie ihre
jugendliche Gestalt zum Vortheil erscheinen, und ein Strau von
Frulein Sabines rothen Nelken hing an ihrem Grtel.

Die Majorin eilte den Hausgenossen entgegen und begrte sie aufs
lebhafteste.

Guten Abend, Herr Doktor -- nein, das ist reizend, da Sie gekommen
sind, Frau Doktorin -- und hier ist auch meine kleine Ueberraschung --
sie ist freilich ein wenig gro ausgefallen -- mein Sohn!

Kthe blickte auf -- und pltzlich drehte es sich vor ihren Augen wie
ein feuriges Rad. Der groe, blonde Mann, der sich eben mit einem
ernsten, wiedererkennenden Lcheln vor ihr verbeugte, war ja ihr
Reisegefhrte -- so mute es enden! Er hatte sie also erkannt -- er
hatte auf der Tour hierher sondiren wollen, wie die Kthe sei, von
der seine Mutter ihm wohl schon eben so oft erzhlt hatte, wie dieser
selben Kthe von ihm -- und was war das Resultat seiner Beobachtungen?
-- Verschone mich mit deiner Kthe -- ich mag sie nicht!

Alles dieses dachte sie blitzschnell in einem einzigen Augenblicke, und
ehe der Hauptmann Zeit gehabt hatte, ein Wort an sie zu richten, neigte
sie den Kopf ein ganz klein wenig, und wandte sich ab. Guten Abend,
Herr Baron, sagte sie mit fieberhafter Lebendigkeit, also Sie sind
doch noch rechtzeitig mit Ihrer Toilette fertig geworden? das freut
mich.

Der Baron erffnete sofort ein Kreuzfeuer von Fragen ber die rothen
Nelken, und daran anknpfend ber Frulein Sabine -- Kthe war
gerettet. Denn der Hauptmann, der ihr finsteres Gesicht wohl mute
verstanden haben, trat ruhig zurck und sprach weiter mit Leontinen,
die noch das _curriculum vitae_ eines Pferdes von ihm verlangte,
das er einst besessen hatte, und dessen weitere Schicksale sie mit
leidenschaftlicher Aufmerksamkeit durch sechs Regimenter verfolgte.

Die lteren Herrschaften gruppirten sich inde um den runden Sofatisch,
es war noch eine Familie hinzugekommen, die eines Regierungsraths a.
D. -- in unserem Stdtchen waren die meisten Leute a. D. -- vielleicht
den Bcker und den Fleischer ausgenommen -- und der letzte Gast war ein
Justizrath, der noch von Zeit zu Zeit verfehlte Versuche machte, eine
Frau zu bekommen, und nach jedem Versuch sich auf ein Jahr wieder von
der Gesellschaft zurckzog, so da er durchschnittlich nur den dritten
Winter in der Welt glnzte.

Die Generalin, deren Enkeltochter in bestndigem _tte--tte_ mit dem
hoffnungsvollen Hauptmann war, stieg von ihrer unnahbaren Hhe herab
und war ganz liebenswrdig -- gewhnlich sprach sie kein Wort. Wie das
junge Vlkchen heiter ist! bemerkte sie zum fnftenmal, als sie ihre
Lorgnette von den Augen lie.

Die Majorin nickte etwas bitters -- Kthe sa mit dem Justizrath
und dem Baron zusammen, sie war bla und ziemlich schweigsam, und der
Hauptmann machte auch nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nhern.

Die Doktorin hatte im Stillen auch schon ihre Beobachtungen angestellt
und sich gergert -- aber erstens konnte ihre Kthe ja nicht die
Initiative ergreifen, und sodann mute sie bei der Lage der Dinge doch
thun, als ob ihr gar nichts an einer Annherung der beiden lge. So
that sie denn sehr unbefangen, und wenn die Majorin sie verstohlen am
Kleide zupfte und betrbte Seitenblicke nach der Gruppe der jungen
Leute warf, dann lchelte sie so harmlos, als freue sie sich mit der
Generalin, da das junge Vlkchen so heiter sei. Ihr Mann umschlich
die Plaudernden wie ein beutelustiger Tiger -- immer den Baron im
Auge, der ja sein prsumtiver Miether war. Durch die unerhrtesten
Anstrengungen gelang es ihm auch wirklich, die Aufmerksamkeit des
Betreffenden zu erregen -- der Baron wandte sich um.

Spielen Sie Whist, Herr Doktor?

Sehr gern! erwiderte der Angeredete eifrig -- erstens langweilte er
sich, und dann wollte er den Baron wegen der Wohnung ausforschen.

Nettes Spiel -- was? Ich spiele leider nicht -- kein Kartenspiel --
fehlt mir jedes Talent dafr. Sonst habe ich viel Talente -- meine
selige Mama sagte schon immer Chlodwig, du bist sehr talentvoll --
aber Karten --

Dummkopf, murmelte der Doktor in sich hinein.

In diesem Augenblick klopfte ihm der Major auf die Schulter, machen
wir heute keine Partie?

Der Doktor war bereit, der Justizrath, der inzwischen schon im Stillen
berlegt hatte, ob er vielleicht um Leontine anhalten sollte -- sie
war ziemlich die einzige in der Stadt, bei der er sein Heil noch nicht
versucht hatte, wurde als Dritter zum Whist angeworben, und die drei
Herren setzten sich an den Spieltisch, der in dem Zimmer aufgestellt
war, wo die Jugend sa.

Bei dieser -- der Jugend -- herrschten inde die verschiedensten
Empfindungen. Kthe, die dem Baron zum Opfer gefallen war, antwortete
auf seine zahllosen Fragen immer aufs Gerathewohl mit ja und nein
-- nur wenn die Augen des Hauptmanns zu ihr hinber flogen, nahm sie
einen Schein von Lebhaftigkeit an und wurde gesprchiger.

Leontine, an der anderen Seite des Tisches, lie alle Minen springen.
Sie erinnerte sich an jeden einzelnen Ball aus der Saison, die sie mit
dem Hauptmann erlebt hatte, mit berraschender Genauigkeit, und wissen
Sie noch? war immer der Refrain jedes dritten Satzes.

Der Hauptmann wute aber gar nichts -- er wurde immer zerstreuter, und
als Leontine ihn nach einem Rittmeister zu fragen begann, der seiner
Zeit zu den Husaren kommandirt war, bot sich ihm ein Ausweg.

Herr Baron, rief er hinber, stand Straten nicht bei den --ten
Dragonern? den mssen Sie ja gekannt haben! Frulein von Faldern
erkundigt sich nach ihm!

Straten? versteht sich! erwiderte der Baron aufstehend, sehr gut
gekannt, haben zwei Jahr bei einer Schwadron gestanden -- netter
Mensch, was?

Jawohl! erwiderte der Hauptmann, ebenfalls aufstehend, hier --
erzhlen Sie einmal von ihm -- _changeons_! Und damit berlie er
seinen Platz neben Leontinen dem Baron und begann, sich Kthe zu nhern.

Kaum hatte Kthe seine Absicht bemerkt, als sie sich erhob, und an den
nchsten, mit Albums bedeckten Tisch tretend, sich in die Besichtigung
derselben vertiefte.

Der Hauptmann folgte ihr und ergriff ebenfalls ein Buch.

Das kann ich auch, bemerkte er halblaut.

Kthe schien mit Blindheit und Taubheit geschlagen.

Was habe ich denn hier? fuhr der Hauptmann gemthlich fort, und
bltterte in dem Buch, ah -- Gedichte -- eine ganze Sammlung -- darf
ich Ihnen etwas vorlesen?

Ich danke, erwiderte Kthe kurz, ich sehe mir Bilder an!

Schn, erwiderte ihr Gegner ernsthaft, dann werde ich mir selbst
vorlesen -- ich liebe die Lyrik ungemein -- ah hier -- das ruft mir
ein Erlebni zurck, das Dampfro schnaubt entlang der Halde -- sehr
nett! Wer wei, was wir noch von dem Dampfro zu hren bekommen --
sollte das nicht in Station Siegersdorff halten? Ich mu mich einmal
berzeugen!

Ich will das Gedicht nicht hren! sagte Kthe.

Ich bitte sehr, mein gndiges Frulein -- ich lese =mir= vor! -- Er
bltterte weiter.

Hier -- ein anderes! Als ich zum erstenmal dich sah, verstummten
meine Worte. Stimmt! Also ist es schon mehr Leuten so gegangen. Der
hat am Ende auch mit dem Dampfro zu thun gehabt!

Kthe, die sich inzwischen gesetzt hatte, sttzte den Kopf in die Hand
und las, als sollte sie zu morgen eine Aufgabe lernen.

Hier ist ja noch ein sehr schnes Gedicht, sagte der Hauptmann,
immer schmollen, immer grollen, fr ein' Ros' wr's zu viel Dorn! Und
nun lassen Sie uns zur Prosa bergehen, fuhr er pltzlich ernsthaft
fort und nahm neben Kthe Platz, bitte, sehen Sie ruhig weiter in Ihr
Buch -- ich werde ein gleiches thun -- und nun, er senkte die Stimme
--, warum sind Sie eigentlich bse auf mich?

Woraus schlieen Sie, da ich bse bin? fragte Kthe etwas unsicher.

Nun, mein gndiges Frulein, wenn =das= bei Ihnen =gut= heit, dann
mchte ich Sie allerdings einmal sehen, wenn Sie bse sind! Ich bin
zwar nicht an bertrieben freundliche Behandlung von Ihnen gewhnt --
denken Sie nur an Station --

Lassen Sie doch endlich die alte Geschichte ruhen! rief Kthe und
errthete tief.

Sie ist noch gar nicht alt, noch nicht sechsunddreiig Stunden --
aber ich will sie begraben -- klaftertief -- wenn Sie mir Rede und
Antwort stehen. Wollen Sie das? Sonst wird die Geschichte, die =alte=
Geschichte, wie Sie sie ungerechter Weise nennen, als Gespenst solange
vor Ihnen auftauchen --

Hren Sie auf, unterbrach ihn Kthe, wider Willen lachend, was soll
ich denn antworten?

Das will ich Ihnen gleich sagen -- also, =was= habe ich Ihnen zu Leide
gethan?

Ist hier bei diesen Bildern eine Ansicht von der Grafschaft T...?
fragte in diesem Augenblick der Baron, sich dem Tisch nhernd, ich
wollte Frulein von Faldern einen Begriff von der Gegend geben, wo mein
Gut liegt. Sie kennen die Grafschaft? Hbsche Gegend, was?

Reizend! sagte der Hauptmann, und nahm einen dicken Band
Landschaftsbilder vom Tisch, hier, Herr Baron, in diesem Buche ist ein
sehr hbscher Stich, der gerade die Gegend vorstellt, die Sie zu sehen
wnschen. Wollen Sie sich berzeugen?

Der Baron ging mit dem Buche ab.

Natrlich wird er die Grafschaft nie finden, bemerkte Hauptmann
Scharff, ich habe ihm einen Band Ansichten von Spanien gegeben, da mag
er suchen! Doch zurck zu unserem Gesprch -- was habe ich Ihnen zu
Leide gethan? Warum sind Sie bse?

Kthe nahm sich gewaltig zusammen, und begann sehr tapfer: Ich bin
bse, weil -- nun ja, weil ich es sehr hlich finde, da Sie mich
unterwegs ausforschen und kennen lernen, und mir nicht sagen, wer Sie
sind.

Die Majorin hatte indessen durch die geffnete Thr schon ein paar sehr
befriedigte Blicke nach dem Paar gethan, und als sie sah, da Leontine
im Begriff stand, sich dem vielversprechenden Tische zu nhern, eilte
sie wie ein Stovogel herbei.

Frulein Leontine, singen Sie uns ein Lied? Wir sind ja immer ganz
Ohr, wenn Sie am Flgel sitzen -- bitte, bitte!

Ach ja, mein gndiges Frulein, stimmte der Baron ein, Sie singen?
Bitte, tragen Sie uns etwas vor -- ein _Chanson_ -- eine Ballade, was?
Ich liebe die Musik leidenschaftlich -- reizende Kunst, was?

Leontine willigte mit etwas gezwungenem Lcheln ein -- ob der Gedanke,
da ein Baron in der Hand sicherer sei, als ein Hauptmann auf dem Dache
ihren Entschlu beeinflute, wollen wir dahin gestellt sein lassen. Sie
verschwand, von dem Baron gefolgt, im Nebenzimmer, und bald klang ihre
sehr hbsche Stimme wohlthuend durch die Rume.

Der Hauptmann und Kthe blieben nun ungestrt, denn die Herren am
Spieltische waren ganz in ihre Karten vertieft, und der jeweilige
Ruf: zwei Trick -- _deux honneurs_ -- vermochte eine leise gefhrte
Unterhaltung nicht zu beeintrchtigen. Als das Feld rein war, begann
der Hauptmann von Neuem. Ich verstehe Sie gar nicht, mein Frulein!
Ich htte Sie ausgeforscht? Wo denn? Unterwegs?

Kthe nickte.

Aber Sie sind wirklich hchst ungerecht, rief der Hauptmann
ungeduldig, woher sollte ich denn in der Eisenbahn wissen, da Sie
und die viel beschriebene Kthe ein und dieselbe sind? Nun sagen Sie
einmal selbst, da ich es nicht wissen konnte!

Ja ja! gab Kthe zgernd zu.

Nun gut -- also darin bin ich gerechtfertigt! Aber selbst, =wenn= ich
Sie gekannt htte -- ich gestehe Ihnen offen, da ich auch dann noch
kein Verbrechen begangen zu haben glaubte! -- es steckt wohl noch etwas
Anderes dahinter! Nicht wahr? drngte er, als sie schwieg und tief
errthend zu Boden blickte.

Aber in aller Welt, so geben Sie mir doch wenigstens die Mglichkeit,
mich zu vertheidigen, rief er fast heftig, mein gndiges Frulein --
Frulein Kthe -- wir waren doch so gute Freunde unterwegs -- waren
wir das nicht? Sehen Sie -- Sie nicken ja! nun seien Sie einmal recht
vernnftig und sagen Sie mir, =was= ich Ihnen gethan habe!

Was haben Sie denn zu Ihrer Mutter gesagt, ehe ich kam? fragte Kthe
trotzig und blickte auf.

Er sah sie erst zweifelhaft an, dann lachte er -- aber etwas verlegen.
Ich kann mir denken, =wer= Sie instruirt hat! Soll ich Ihnen das
Gesprch erzhlen? fragte er in sonderbar weichem Ton, und bckte
sich, um ihr in die Augen zu sehen. Ja oder nein?

Ja! sagte sie hastig und leise -- ihr Herz fing an, heftig zu klopfen.

Nun denn -- ich sagte meiner Mutter, da ich nicht Lust htte, hier
irgend ein junges Mdchen kennen zu lernen, -- heie sie Kthe oder
sonst wie -- weil -- nein, sehen Sie mich einmal an, Frulein Kthe
-- weil ich mich unterwegs in der Eisenbahn, wie ein Student verliebt
htte -- in eine Unbekannte, -- und wenn nun ein freundlicher, lieber,
guter Zufall es so gefgt hat, da diese Unbekannte diejenige ist,
die meine Mutter -- Gott segne meine Mutter -- schon lange fr mich
ausgesucht hat --

Ein blendend heller Lichtstrahl fiel in die Stube, es ist
angerichtet, rief der Lohndiener mit Stentorstimme.

Der Flgel wurde zugeklappt, Sthle gerckt, die Whistspielenden warfen
die Karten zusammen -- man ging zum Abendessen.

Kthe war bei dem Eintreten des Lohndieners schnell wie der Blitz vom
Sofa fort und zu den Herren am Spieltisch geeilt. Dafr hatte sie nun
ihre Strafe! Der Justizrath reichte ihr den Arm, um sie zum Souper zu
fhren.

Die Anordnung der Pltze bot noch einige Schwierigkeiten -- die Majorin
hatte aus Versehen fr zwei Personen zu wenig decken lassen, und diese
beiden Uebriggebliebenen standen nun ziemlich verlegen hinter den
besetzten Sthlen der anderen.

Whrend noch schnell nach den fehlenden Tellern, Messern und Gabeln
zu Doktors hinaufgeschickt wurde, kroch der Major unter allen Sofas
und Schrnken umher, um die Tischzettel zu suchen, deren einige ihm
verloren gegangen waren. Bei der etwas genialen Hausordnung konnte
es geschehen, da er von seiner Entdeckungstour bestaubt, wie alter
Ungarwein zurckkam, und nicht einmal fand, was er suchte.

Der Hauptmann hatte es nicht mehr mglich machen knnen, sich Kthe
zu nhern, die schon seit zehn Minuten wartend Arm in Arm mit dem
Justizrath stand -- eine Situation, die zu den allerpeinlichsten
gehrt, und die die wenigsten Leute den Verstand haben, dadurch zu
coupiren, da sie die Dame bis zum geeigneten Moment loslassen.

So fiel denn dem Hauptmann Leontine zu, an deren anderer Seite der
Baron Platz nahm. Kthe sa schrg gegenber; sie sprach kaum ein Wort
und sah nicht in die Hhe, so sehr der Hauptmann sich bemhte, einen
Blick von ihr aufzufangen.

Leontine bemerkte sein Bestreben wohl -- sie gab ihn auf! Als
kriegsgewandte, junge Dame nderte sie ihre Taktik sofort, und
schwenkte blitzschnell zu dem Baron hinber, der ihr von seinem Gut
erzhlte, und sie fragte, ob sie das Landleben liebe?

Diese Anknpfung war vielversprechend, und Leontine schmiedete das
Eisen, so lange es hei war. Von ihrem Soldatenenthusiasmus sprang sie
zur Oekonomie ber, schwrmte fr Stallftterung und Rieselwiesen, und
that ganz lndlich.

Im allgemeinen belebte eine zwanglose Heiterkeit den kleinen Kreis.
Nur die Generalin machte eine Ausnahme, als sie bemerkte, da der Sohn
ihrer Gastgeber fahnenflchtig wurde. Ihr seelenvolles Lcheln erfror
in der schnsten Blthe, sie war wieder ganz Wrde, und der Major, der
sie gebhrender Weise zu Tisch gefhrt hatte, erntete fr seine ohnehin
nicht glnzenden Unterhaltungsversuche nur ein khles hm oder ja,
ja!

Der Doktor war in bester Laune. Hatte nicht der Baron ihm soeben als
seinem liebenswrdigen Hauswirth zugetrunken, und um die Erlaubni
gebeten, im Lauf des folgenden Vormittags Kontrakt zu machen. Dann
soll mir aber gewi nichts dazwischen kommen, gelobte sich der
beglckte Vermiether innerlich, und riegelte schon im Geist alle Thren
in dem Verhandlungszimmer ab.

Seine Frau war still und wich der Majorin scheu aus -- sie wute nicht,
was sie von dem vernderten Wesen ihrer Tochter denken sollte -- und
ehe nicht feststand, da der Hauptmann daran keine Schuld trug, mochte
sie mit der ganzen Familie nichts zu thun haben.

Dem Hauptmann selbst war am unbehaglichsten zu Sinne. Wenn ein Mann
von 36 Jahren sich im Lauf von 36 Stunden verliebt und erklrt, so
ist zehn gegen eins zu wetten, da ihm der Erfolg seiner Werbung
zweifelhaft erscheint, wenn die Angebetete ihn auch nur zehn Minuten
auf das entscheidende Wort warten lt. Und er wartete nun schon eine
ganze Stunde! Fisch, Rehbraten und Eis hatten seine Qualen mit ansehen
mssen, und jetzt sa alles so gemthlich in den Sthlen zurckgelehnt,
als sei dies _con amore_ Nachtafeln das Beste vom ganzen Abend.

Nun, es giebt kein wahreres Wort, als: alles nimmt ein Ende. Die
Generalin, die sich neben dem Major nicht gerade im siebenten Himmel
des Amsements befinden mochte, rckte hrbar mit dem Stuhl -- die
andern folgten. In dem Moment =mute= Kthe aller menschlichen
Berechnung nach emporsehen -- sie that es! Der Hauptmann erhob sein
Glas unmerklich gegen sie, sah sie fragend an, und hielt es einen
Augenblick. Da -- o Freude! -- nahm sie ihr noch unberhrtes, volles
Glas vom Tisch, sah ihn einen kurzen Moment wieder an -- errthete
dunkel -- und trank dann in ihrer Verlegenheit so geschwind aus, als
sei sie gewohnt die Nagelprobe zu machen!

Nun war alles gut! Der Hauptmann wute, ohne ein gesprochenes Wort,
wie die Sache stand -- hatten sie sich nicht eben zugetrunken? Und war
dieser Comment nicht die zarteste Art einer Erklrung, so war er doch
ehrlich gemeint, und das ist die Hauptsache!

Als der Hauptmann daher im Trouble des Gesegnete Mahlzeitwnschens
Kthe zuflsterte: darf ich morgen zu Ihrem Vater kommen? gengte
er damit eigentlich nur einer Form -- er wre auch ohne diese Frage
gekommen, und ihrer Zustimmung gewi gewesen.

Die Hoffnung der Beiden, sich am heutigen Abend noch einen Moment
unter vier Augen sprechen zu knnen, trog -- kaum waren die zehn
Anstandsminuten nach Tisch durchgestanden, so rauschte die Generalin
abschiednehmend auf ihre Wirthe zu -- Leontine folgte, vom Baron auf
das liebenswrdigste geleitet. Leontine hatte eine Eroberung gemacht
-- das war klar! Am Ende htte sie heut schon sagen knnen: Sprechen
Sie mit meiner Gromutter, ohne, wie jenes voreilige Mdchen meiner
Bekanntschaft, die betrbende Antwort zu riskiren: wovon?

Aber als sie heut Abend den Kopf aufs Kissen legte, lchelte sie
befriedigt. Aus allen Fragen des Barons hatte sie die Lebensfrage
schon verblmt herauszuhren geglaubt -- am Ende =mu= es gerade kein
Offizier sein, dachte sie im Einschlafen, ein Gut in der Grafschaft
ist auch nicht zu verachten! -- was steht dort? die 26er oder die 62er?

ber dem Zweifel schlief sie ein.

Die Doktorsfamilie empfahl sich bald nach Generals. Vergebens hoffte
Kthe, da ihre Mutter in Anbetracht des kurzen Weges, den sie
zurckzulegen hatten, noch ein Viertelstndchen zugeben werde. -- Die
Doktorin hatte zu morgen verschiedene wirthschaftliche Absichten, mit
deren Ausfhrung man in aller Frhe beginnen wollte -- da war es hohe
Zeit zur Ruhe zu gehen! Man trennte sich.

Die Majorin bedankte sich noch viele, viele Male fr die Geflligkeiten
-- Morgen in der Frhe schicke ich Ihnen alles wieder, was Sie mir
geborgt haben, liebe Lang, versicherte sie in der Thr.

Der Hauptmann, der es sich als artiger Sohn des Hauses nicht nehmen
lie, die Gste bis in den Flur zu geleiten, und Kthchen beim Umnehmen
der Sachen behilflich zu sein, schied mit einem so innigen Hndedruck
vom Doktor, da dieser, bei der kurzen Bekanntschaft, sich mit Recht
ber diese Gefhlsverschwendung verwunderte. --

Als die brige Gesellschaft sich empfohlen hatte, ging der Hauptmann
noch auf sein Zimmer, um sich eine Cigarre zu holen, deren er in
wichtigen Augenblicken zur Sammlung bedurfte. Sie war auch ein
prchtiger Verlegenheitsableiter, als er zu den Eltern zurckkehrte,
die gemthlich im Sofa saen, und im Genu der eingetretenen Ruhe
schwelgten.

Beide sahen auf, als der Sohn eintrat -- er aber schnitt, whrend er
sprach, emsig die Cigarre ab, steckte ein Schwefelhlzchen in Brand,
kurz nahm alle mglichen Handarbeiten vor, und begann dann mit etwas
unsicherer Stimme eine kleine Rede zu halten.

Liebe Eltern, sagte er halb heiter, halb verlegen, ich bringe ein
paar Neuigkeiten. Die eine habe ich soeben erfahren -- ich fand auf
meinem Zimmer diesen Brief vor, der mir meine Versetzung hierher,
vorlufig privatim mittheilt.

Die Majorin sprang, wie elektrisirt, vom Sofa auf.

Kurt -- wirklich? mein lieber Junge! Wie ist das so schnell gekommen?

Ja, Mutterchen, bei uns Soldaten geht dergleichen immer mit Dampf!
Die Wahrheit zu sagen erwartete ich aber die Nachricht schon lngere
Zeit, und verschwieg sie Euch nur, um Euch nicht unntze Spannung und
Aufregung zu bereiten.

Ich bin ganz glcklich, Kurtchen, rief seine Mutter immer wieder,
und du sollst mal sehen -- sei nicht bse -- aber wenn ich dich hier
habe, wirst du dich auch viel leichter zum Heirathen entschlieen.

La' ihn doch in Ruhe! brummte der Major.

Der Sohn lchelte. Liegt dir wirklich so viel daran, Mama? So
unendlich viel?

Aber, mein Junge, sagte die Majorin etwas verwundert, das weit du
doch!

Nun denn, Mamachen -- ich bin ja kein Unmensch -- siehst du mir gar
nichts an?

Und als die Mutter halb zweifelnd, halb bestrzt zu ihm aufblickte,
streckte er ihr beide Hnde entgegen: Gratulire mir, liebe Mama --
lieber Vater, ich bin mit Kthchen Lang verlobt.

Die Exclamationen der berraschten Eltern, besonders der Majorin,
bei dieser zweiten Freudenbombe, die in ihr Haus fiel, zu schildern,
vermag ich nicht. Wer sich einmal vor kurzem so recht gefreut hat, wei
ganz genau, wie man sich in solchem Fall benimmt -- und wer es nicht
wei, dem wnsche ich von Herzen, da er es bald erleben und an sich
ausprobiren mge.

Als man sich fr die spte Stunde lang genug gefreut hatte, ging man
auseinander und zu Bett -- d. h. der Hauptmann ging nicht zu Bett,
sondern wanderte die Nacht ber unruhig und glcklich in seiner Stube
auf und ab, was seinem ahnungslosen knftigen Schwiegervater einige
Donnerwetter ber die Lohndiener von Majors entlockte, die ber seinem
Kopf immerfort noch ab und zu liefen.

Einen Versuch Kthens, die Mutter noch einen Augenblick zu sprechen,
schnitt der Doktor kurz ab: Ihr habt den ganzen Tag Zeit zum
Unterhalten, brummte er, jetzt will ich Ruhe haben. Die Frauen sind
doch wahrhaftig wie die schweren Fuhrleute -- wenn sie von frh bis
Abends nebeneinander auf der Landstrae hergegangen sind, und des
Abends ins Wirthshaus kommen, giebts kein Ende mit Erzhlen. Und er
entfhrte seine Gattin ohne Gnade und Erbarmen.

So suchte denn Kthe die Ruhe auf, ohne irgend jemand ihr Herz
entlastet zu haben, nur ihre Trume bauten gefllig auf dem sicheren
Grunde der jngsten Vergangenheit glnzende Luftschlsser der Zukunft,
in deren lichten Rumen sie die Nacht verbrachte.

Der nchste Morgen ist an und fr sich schon etwas Ernchterndes --
nach einem Ball, -- nach einem Streit -- nach einem abgeschlossenen
Geschft. -- Der nchste Morgen in seiner khlen Beleuchtung zeigt
alle Schwchen und Mngel so viel besser, als der dmmernde Abend.

Nur fr eine glckliche Braut hat der nchste Morgen nichts
Prosaisches -- der Zauber ihrer Erlebnisse hlt dem grellen Tageslicht
Stand -- und wie schlimm auch, wenn's anders wre! Die Liebe mu ja
im Leben durch alle Zeiten wandern, sie mu die schwle Mittagshitze
und die Schauer des Abends tragen helfen, -- und zu glauben, da dies
Kinderspiel sei, fllt nie so leicht, als im Brautstand, wo Wehr und
Waffen zum Lebenskampf noch glnzend und neu in der Sonne des Glcks
auffunkeln, und alle Illusionen in ungetrbter Pracht wie glnzende
Schleier sich ber die Wirklichkeit breiten, so da sie uns nur wie ein
schimmernder Garten im Morgenthau erscheint.

Kthe empfand dieses frische Glcksgefhl auch so recht, als sie am
nchsten Tage aufstand und an ihre tglichen Pflichten ging, deren
erste war, die Geschwister zur Schule zu besorgen. Sie flocht die
Zpfchen der Schwestern mit wahrem Vergngen, strich den Brdern die
Butterbrte besonders reichlich, und dachte bei sich, wie doch alles
heut viel hbscher sei, als gestern.

Die Mutter schlief noch, und Kthe konnte es nicht lassen, die freie
Zeit, nachdem die Kinder abmarschirt waren, zu einem kurzen Besuch bei
Frulein Sabine zu verwenden, um dieser treuen Seele die Botschaft
ihres Glckes zu verknden.

Wir drfen es uns schenken, sie dahin zu begleiten, da wir den Gang der
Begebenheiten kennen, und kehren in die Wohnung des Doktors zurck, der
sich eben zu einem Krankenbesuch anschickte. Er praktizirte nur noch
sehr ausnahmsweise bei zwei oder drei Familien, im ganzen hatte er sich
zur Ruhe gesetzt.

Der Doktor gehrte zu der weit verbreiteten Klasse von Mnnern,
die verlangen, da die Stuben stets rein sind, aber nie gewaschen
werden. Dieser Eigenthmlichkeit wurde insofern gengt, als sein Haus
nur meuchlings gescheuert wurde -- d. h. man berfiel ihn mit der
vollendeten Thatsache und er ergab sich dann.

So auch heute. Im Hintergrunde lauerten schon zwei Scheuerfrauen
auf sein Verschwinden, und begannen sofort das Werk der Erneuung
an smmtlichen Stubenbden, auf welchen die zwlf Stiefelsohlen
der schulpflichtigen Kinder deutliche Spuren des Novemberwetters
zurckzulassen pflegten. Nur das _sanctum_ des Doktors blieb verschont
und wurde fr diesen Tag der Zufluchtsort der brigen Familie.

Die Hausfrau war sehr verwundert, da Kthe zu dieser ungewhnlichen
Stunde zu Frulein Sabine heraufgegangen war, sie setzte sich daher
etwas verdrielich mit ihrer Arbeit ans Fenster in ihres Mannes Stube,
und sah auf die Strae hinab.

Als der Doktor heimkehrte, traf er im Hausflur den Hauptmann in voller
Uniform, der sehr stattlich aussah und ihn um die Erlaubni bat, in
einer wichtigen Angelegenheit unter vier Augen mit ihm sprechen zu
drfen.

Htte dem Doktor nicht der Miethskontrakt so sehr im Kopf gesteckt,
so wre ihm am Ende der Gedanke gekommen, da es sich hier um Kthe
handeln knne. So aber lud er den Hauptmann zerstreut ein, ihm zu
folgen, ffnete die Thr zu seinem Zimmer, und steckte den Kopf herein
-- da sa seine Frau.

Aergerlich ber diese Invasion schlug er die Thr wieder zu und ffnete
das Ezimmer, dessen Pforte ihm die Perspektive auf die brige Wohnung
erschlo. O weh -- ber die Dielen der Zimmer rieselte das Wasser, ein
intensiver Seifengeruch belebte die Atmosphre, und aus jedem Raum
stieg ein feuchtes Weib empor.

Das Scheuerfest in seinem unangenehmsten Stadium hatte begonnen!

Der Doktor fgte sich ins Unvermeidliche. Er lud den Gast ein, abermals
in sein Zimmer zurckzukehren, wo inzwischen das Feld rein geworden
war. Die Doktorin hatte nur ihren Mann und nicht den Hauptmann gesehen,
und wollte den ersteren, ihrem Prinzip getreu, sich erst austoben
lassen -- sie verschwand daher in der Kche und schnitt mchtige
Frhstcksschnitten fr das heut vermehrte Hauspersonal.

Indessen stand der Hauptmann in mnnlich gefater Haltung vor dem
Doktor. Das Anfangen war doch entsetzlich -- =so= schwer hatte er
sich's nicht gedacht.

Ich komme, verehrter Herr Doktor, begann er mit etwas gepreter
Stimme, um Ihnen eine Bitte vorzutragen.

Bautz -- ging die Thre auf -- der Baron von Rabeneck ist da, Papa!
rief Kthe ins Zimmer tretend, erblickte den Hauptmann, stie einen
kleinen Schrei aus, und war weg, wie der Blitz.

Ach, verzeihen Sie -- verzeihen Sie einen einzigen Augenblick, sagte
der Doktor eilfertig, der Baron kommt, um seinen Miethskontrakt
abzuschlieen -- ich stehe dann sofort zu Diensten! -- Guten Morgen,
Herr Baron -- ich freue mich -- die Herren kennen sich ja! Bitte, Herr
Hauptmann, verziehen Sie einen Augenblick, wir sind bald fertig.

Wie ist den Herren das gestrige Fest bekommen? fragte der Baron
im Eintreten, anscheinend ganz aufgelegt zu einer Unterhaltung, die,
recht breit in der Anlage, einen hbschen Zeitraum bis zur Vollendung
versprach.

O, recht gut, sagte der Doktor, der auch nicht eilig schien, es war
ein bischen spt.

Aber ein allerliebstes Fest -- auf Ehre! Wie ist Ihren verehrten
Eltern der Abend bekommen? (zum Hauptmann gewendet.)

Dieser murmelte etwas Unverstndliches -- er erstickte fast vor Zorn
und Verlegenheit.

Und Ihre Damen, Herr Doktor?

Die sind schon lange wieder auf den Fen! bemerkte der Doktor
wohlgefllig.

Oh -- so matinal? Sind Sie immer so matinal? Aber das finde ich sehr
recht! Morgenstunde hat Gold im Munde! Mein seliger Papa pflegte das
immer zu sagen -- Morgenstunde hat Gold im Munde -- ganz richtig --
was?

Der Hauptmann verbeugte sich stumm -- er htte um die Welt jetzt nicht
sprechen knnen. Der Doktor trat zum Schreibtisch und whlte in den
Papieren.

Wollen wir an unseren Kontrakt gehen, Herr Baron?

Sofort -- ganz zu Diensten! Ja -- noch einen Augenblick -- denken Sie,
Herr Hauptmann, wie der Zufall spielt -- nicht wahr? Einzig manchmal!
Wir sprachen doch gestern Abend von Straten -- was?

Ich erinnere mich nicht! sagte der Hauptmann unklug und wuthbebend.

Aber ich bitte Sie! Sie fragten mich noch nach ihm -- Straten, der zu
den Husaren kommandirt war, und mit dem ich bei den Dragonern stand --
besinnen Sie sich jetzt? was?

Ja, ja! grollte der Hauptmann.

Nun denken Sie, wie der Zufall spielt -- nein, man kann wirklich sagen
'=spielt=', denn er spielt manchmal, was? und wir sind sein Spielzeug!
Das ist so ein Aperu von mir -- liebe solche Aperus! -- nun, um auf
unsern Hammel zurckzukommen, womit ich aber nicht etwa den guten
Straten gemeint haben will -- bewahre! -- dagegen protestire ich von
vornherein -- es ist nur so eine Redensart! Ja, _enfin_! -- ich gehe
gestern Abend nach der blauen Krone -- ich komme ins Gastzimmer -- wer
sitzt da? -- Straten! Nein, ich bitte Sie!

Der Baron lachte herzlich.

Nun, warum sollte er nicht dasitzen? fragte der Doktor, jetzt auch
etwas unwirsch.

Aber, ich sage Ihnen ja -- wir hatten eben vorher von ihm gesprochen!
Er steht in Rotbergen -- zwei Meilen von hier -- und kommt gerade den
Abend her. 'Guten Abend, Straten!' sage ich. Nun htten Sie mal seine
Ueberraschung sehen sollen! 'Guten Abend, Rabeneck!' sagt er. 'Nein,
das ist doch sonderbar, da ich Sie hier treffe! was machen Sie denn
hier?' frage ich. 'Ach, ich langweile mich so in Rotbergen, da bin
ich heut hier herber gekommen, um mal mein Glas Bier wo anders zu
trinken', sagt er. Und nun plauderten wir von dem alten Regiment --
ach, da hat sich auch viel verndert! Der Kommandeur ist weg -- nach
Braunschweig versetzt, mein damaliger Schwadronschef. --

Ja aber, Herr Baron, unterbrach der Doktor diese interessante
Geschichte, wenn wir vielleicht erst unseren Kontrakt machen wollten
-- Herr Hauptmann Scharff wnscht mich dann noch in einer anderen
Angelegenheit zu sprechen.

Ach, Pardon! -- bitte tausendmal um Entschuldigung! aber es war mir --
ich dachte, es mte den Herrn Hauptmann interessiren -- es war doch
ein zu sonderbares Zusammentreffen, was?

Und der Baron lchelte vergnglich und wiegte den Kopf hin und her ber
den merkwrdigen Zufall.

Whrend die Herren den Kontrakt durchlasen und daran herumkorrigirten,
stand der Hauptmann stumm am Fenster und sah auf die Strae. Fatal!
=Einmal= anfangen war schon schlimm genug -- aber =zweimal= -- das ging
gar nicht! Er bi sich zornig auf die Lippen. Und der Moment mute
gleich wieder da sein -- die Feder des Doktors jagte nur so ber das
Papier.

Da klopfte es, und ohne das Herein abzuwarten, wurde die Thr sehr
weit aufgemacht. Ein Dienstmdchen mit einem groen Tablet erschien,
auf dem Porzellan, Glas, Silber und andere Gerthschaften sauber
aufgestapelt waren. Sie setzte ihre Brde auf den Tisch, und begann,
ohne auf die Herren besondere Rcksicht zu nehmen: Eine Empfehlung von
der Frau Majorin, und sie schickt die Sachen wieder.

Still! rief der Doktor mit furchtbarer Stimme -- er hatte sich
verschrieben, und das hate er!

Und die Frau Doktorin ist drauen nicht zu finden, da mute ich alles
hier herein bringen, fuhr das Mdchen unbeirrt fort.

Der Doktor schrieb.

Wollen Sie mir nicht die Sachen abnehmen, Herr Doktor? fragte das
Mdchen, ich mu dafr stehen, da nichts fehlt.

Rufen Sie Frulein Kthe, sagte der Doktor, ohne den Kopf zu wenden.

Die will nicht hereinkommen, erwiderte die unerschtterliche Magd.

Hinaus! rief jetzt der Hauptmann donnernd, und wandte sich um. Dieses
Wort hatte die Wirkung eines Sprenggeschosses -- die Botin flog davon,
und ward nicht mehr gesehn.

So! sagte der Doktor aufathmend und erhob sich -- ich habe
unterzeichnet -- wollen Sie nun auch noch die Gte haben, Herr Baron?

Der Angeredete hustete und sah etwas verlegen aus.

Ich htte noch eine Bitte, verehrter Herr Doktor, ehe ich
unterschreibe. -- Sie wissen, eine Wohnung ist eine wichtige Frage,
-- man mu doch einmal drin wohnen -- und -- kurzum, ich mchte mir
das Quartier noch ein letztes Mal ansehen -- so einen Ueberblick, wie
mein Papa immer zu sagen pflegte. 'Chlodwig, verschaffe dir immer einen
Ueberblick', hat er unzhlige Male zu mir gesagt! Drfte ich um diese
Gunst bitten?

Der Doktor pfiff leise -- aber er fate sich, und die Herren schickten
sich an, das Quartier zu besichtigen.

Den Hauptmann rhrte bei dieser neuen Verzgerung seiner Aussprache
fast der Schlag! Htte ihm ein Gott gegeben, zu weinen, so htte er
geweint! Er trommelte den Dessauer Marsch im rasendsten Tempo auf der
Fensterscheibe -- er nahm ein Buch vom Tisch und fing an zu lesen --
obwohl er fr sein Leben nicht zu sagen gewut htte, =was= er las.

Nachdem einige Zeit -- fr den Hauptmann eine halbe Ewigkeit --
verstrichen war, traten die Herren wieder ein. Der Baron sah sehr
bekmmert aus und zog sich einen Handschuh an.

Der Doktor stellte sich an das zweite Fenster und wippte mit dem Fu
hrbar auf und nieder -- er war offenbar schwer gereizt.

Der Miethskontrakt lag unbeachtet auf dem Schreibtisch.

Endlich nherte sich der Baron, auf den Zehen gehend, dem Hauptmann.

Ich wei nicht -- es ist mir so unangenehm, nein, wirklich -- es ist
mir =sehr= unangenehm! flsterte er, der Herr Doktor ist so bse --
aber ich habe neulich ganz bersehen -- das Schlafzimmer liegt nach
Nordosten, und das vertrage ich nicht! Meine selige Mama sagte immer:
'Chlodwig, um alles in der Welt, Sonne im Schlafzimmer -- halbes Leben
-- halbe Gesundheit.'

Schlafen Sie doch wo anders! stie der Hauptmann rauh hervor.

Kann ich nicht, mein Bester -- kann ich nicht! Und dann fehlt mir auch
ein Zimmer -- ein einziges Zimmer -- mein Friedrich =mu= neben mir
logiren! Ja, htte das allerliebste, reizende Eckzimmer -- ein _bijou_
von einem Zimmer -- noch ein einziges Fenster! aber so!

Ich will Ihnen etwas sagen, explodirte der Doktor, haben Sie die
Gte, mein Haus nach Ihren Wnschen umbauen zu lassen, und dann wollen
wir wieder vier Stunden Kontrakt machen. Das ist ja --

Der Baron sah hilflos aus.

Umbauen? Sie scherzen, Herr Doktor! Der Herr Doktor scherzt -- nicht
wahr? ich liebe das sehr! scherze selbst gern -- ich war immer dafr
bekannt, da ich viel scherze! mein Kommandeur sagte oft: glaubt dem
Rabeneck nicht, er scherzt nur! =Wie= oft! --

Nun, dann scherzen Sie nach Belieben, schrie der Doktor, mit mir
haben Sie genug gescherzt!

Und er wandte sich ab.

Mein Gott, wie peinlich! sagte der Baron, und zog sich den zweiten
Handschuh an, und ich wre so gern hier ins Haus gezogen! aber jeder
ist sich selbst der Nchste! was? Wenn ich noch ein Zimmer brauche, das
kann mir doch keiner bel nehmen -- das finde ich -- da kann ich mir
nicht helfen!

Und damit retirirte der Baron, und ging -- ungeleitet, denn der Doktor
war =zu= rgerlich -- und man hrte den Weggehenden noch im Hausflur,
wie ein abziehendes Gewitter fragen, ob er sich nicht selbst der
Nchste wre.

=Wen= er fragte, wuten die Zurckgebliebenen nicht -- es war ihnen
auch hchst gleichgltig. Der Doktor rannte wie ein gefangener Tiger
im Kfig auf und ab, und erging sich in den wohlthuendsten Aeuerungen
ber den Baron.

Dieser Einfaltspinsel -- dieser alberne Kerl -- fragt einen erst todt,
und miethet dann nicht einmal! Nein, ich war gestern Abend schon so
glcklich -- mein Quartier so gut wie vermiethet, und nun? Prosit die
Mahlzeit! Nun sagen Sie einmal selbst, ist das nicht eine ganz infame
Manier, so im letzten Augenblick abzuschnappen?

Der Hauptmann bejahte durch eine Verbeugung -- in =diesem= Sturm konnte
er sein Schifflein nicht auslaufen lassen, erst mute der Himmel wieder
ruhig werden.

Aber eins sage ich, fuhr der erregte Doktor fort, =einen= Rath gebe
ich jedem, der ihn haben will. Wer kein Haus hat, freue sich, und wer
eins hat, znde es an allen vier Ecken an. Das ist ja --! alle Tage was
Neues! Da will der einen Ofen gesetzt haben -- dem soll man die Thren
streichen lassen, und dabei bleiben einem die Wohnungen noch leer
stehen! Ich danke fr mein Haus -- ich schenke es weg -- da mache ich
immer noch ein gutes Geschft. So habe ich keinen Miether und Aerger,
dann habe ich doch wenigstens keinen Miether und keinen Aerger -- nein,
wahrhaftig!

Der Doktor schwieg erschpft, und nahm den Kontrakt in die Hand.

Den Wisch mchte man doch nun gleich in tausend Stcke reien, begann
er von neuem, der Mensch hat sich verklausulirt, als wenn er ein
Testament ber eine Million fr drei leichtsinnige Shne machen sollte
-- um jeden Paragraphen hat er geredet und gefragt -- eigentlich kann
ich Gott danken, da ich =den= nicht als Miether bekommen habe. Ein
unausstehlicher Kerl! Aber mein Quartier -- nein, ich bin auer mir!
nun hngt der Miethszettel wieder aufs unbestimmte aus, und jedesmal,
wenn ich nach Hause komme, rgere ich mich darber.

Der Hauptmann trat einen Schritt nher.

Herr Doktor, begann er mit halbem Lcheln, darf ich Ihnen einen
Vorschlag machen, mit dem uns vielleicht beiden gedient wre? Das
Quartier hat vier Zimmer, wie ich hre -- htten Sie etwas dagegen,
mich als Miether aufzunehmen? Ich bin zum ersten Januar hierher
versetzt.

Das Gesicht des Doktors klrte sich auf.

Ja, aber, sagte er etwas zgernd, ist Ihnen denn die Wohnung nicht
zu gro?

Nun, dem liee sich auch abhelfen! Herr Doktor, ich kam heute, wie
Sie in der Sturm- und Drangperiode mit dem Baron vielleicht vergessen
haben, um in einer persnlichen Angelegenheit mit Ihnen Rcksprache zu
nehmen -- darf ich meine Bitte jetzt vortragen?

Dem Doktor ging ein Licht auf.

Bitte! stammelte er verlegen.

Ich liebe Ihr Frulein Tochter, fuhr der Hauptmann ernsthaft fort,
und sie ist meiner Werbung trotz unserer kurzen Bekanntschaft nicht
abgeneigt. Darf ich hoffen, Herr Doktor, da von Ihrer Seite unserer
Verbindung kein Hinderni im Wege steht? Sie kennen mich ja durch meine
Eltern --

Eine Viertelstunde spter rief ein energisches Klingeln die Damen in
des Doktors Zimmer. Eine kleine feierliche Scene fand statt, nach deren
Beendigung der Doktor sich zur Thr wandte, um Majors herunter citiren
zu lassen. Aber er prallte zurck, denn in der Thr stand, verlegen
und unsglich neugierig aussehend, der Baron. Er hatte sich drauen
vor der Doktorin in seiner gewohnten Ausfhrlichkeit gerechtfertigt,
und als die Klingel des Hausherrn so ungestm erscholl, hatte ihn sein
Wissensdrang nach dem Zimmer zurck getrieben, wo er zur allgemeinen
Entrstung und Bestrzung der feierlichen Verlobung unbemerkt assistirt
hatte.

Aber der Zorn der belauschten Familie machte in der berflieenden
Freude der Frhlichkeit Platz, und der Baron brachte seine Gratulation
an und fragte: Verlobt, was? -- ja, das mu sehr hbsch sein -- ich
finde das allerliebst! werde mich wohl auch entschlieen -- nur kein
Junggesell bleiben, was? Meine selige Mama sagte immer: 'Chlodwig, du
bist frs Familienleben geschaffen!' Nachdem er diesen Satz zu Ende
gebracht hatte, war der beglckte Schwiegervater so erheitert, da er
den Baron fr seine Heftigkeit von vorhin um Verzeihung bat, die der
gutmthige Mann auch sofort bereitwillig zugestand.

Als Majors erschienen, und ein improvisirtes Verlobungsdejeuner servirt
wurde, wozu die noch aufgestellten Glser und Tassen vortrefflich zu
statten kamen, lie sich der Baron mit Leichtigkeit bewegen, daran
Theil zu nehmen, und alles gruppirte sich um den Tisch in des Doktors
Stube.

Nun freute sich jedes auf seine Art! Das Brautpaar war still, aber sehr
zufrieden, sie sahen allerliebst zusammen aus. Der Doktor und der Major
stieen an, und tranken Brderschaft. Die Majorin nickte allen mit der
Unverdrossenheit einer Pagode zu und weinte Freudenthrnen ber ihren
Sohn und ihre liebe Kthe. Um diese zu trocknen, borgte sie allerdings
schluchzend das Tuch von der Doktorin -- ihr eigenes war momentan nicht
zur Hand. Die Doktorin htte auch gern geweint, doch unter diesen
Umstnden ging es nicht und sie mute sich sehr zusammennehmen. Aber
bei der Gelegenheit gelobte sie sich heilig und theuer, das Borgen
mte von nun an seine Grenzen haben, was ihr niemand verdenken wird,
der sich in einen hnlichen Fall versetzen kann.

Der Baron fragte alle der Reihe nach, wie es so gekommen wre, und
erzhlte kleine, geistreiche Aussprche seiner Eltern und ihres
Chlodwig, wobei er der Bowle tapfer zusprach, und es durchaus nicht
bel nahm, als man Frulein Leontine leben lie und ihn ein klein wenig
neckte. Und an dieser Stelle will ich denjenigen meiner Leserinnen, die
sich fr Leontine interessiren, unter tiefster Diskretion verrathen,
da der Baron ganz ernste Heirathsplne hat -- die beiden werden sehr
gut fr einander passen! Aber es soll noch nicht darber gesprochen
werden! -- Ja -- nicht zu vergessen, auf Kthes Bitten wurde ein
Eilbote zu Frulein Sabine heraufgeschickt, die zitternd und strahlend
in ihrem besten Kleide und ihrer Staatshaube erschien, und die
Verlobungsbowle ihres Lieblings mit leeren half.

Da sitzen sie nun alle vergngt beisammen -- jeder hat, was sein Herz
wnscht, freilich mehr oder weniger -- in den Glsern funkelt der Wein
und alles ruft: hoch das Brautpaar!

Rufst du mit, lieber Leser? Ich hoffe ja!




                              Und doch!



I.


Er hielt die Hausthr einen Augenblick in der Hand, als berlege er, ob
er sie, seinen Gefhlen gem, donnernd zuwerfen und der Undankbaren
da oben eine Art von zornigem Abschiedsgru senden solle -- aber die
Vernunft siegte doch -- die Thr wurde mit keiner ungewhnlichen
Kraftanstrengung geschlossen -- und nun stand er auf der Strae! --

Unwillkrlich besah er sich das Haus, das er eben verlassen hatte, von
oben bis unten, -- nicht als htte es einen besonders schnen Anblick
gewhrt, -- aber er hatte doch seit Monaten jeden freien Augenblick
dort zugebracht, -- die blhenden Gewchse hinter den weien Gardinen
hatten ihm allabendlich freundlich zugenickt, wenn er von seiner nahe
bei der Stadt belegenen kleinen Besitzung auf muthigem Rlein vor
das Haus der Verwandten gesprengt war. Dann hatte er die Reitpeitsche
zierlich zum Gru gegen das Eckfenster erhoben und ein dunkelblonder
Kopf mit schelmischen, blauen Augen hatte ihm freundlich wiedergewinkt.

Die Hausthr lie ihn gastfreundlich ein, -- wie viel Stufen hatte
die Treppe? -- jedesmal schien eine mehr, bis er den messingnen
Klingelgriff in der Hand hielt! Der Hausherr war sein Onkel, nicht ein
ganz richtiger Mutterbruder, -- aber der schmucke, junge Landmann war
als Neffe und Vetter doch schnell und gern genug aufgenommen worden.

Die Familiengruppe blieb allabendlich dieselbe, -- in einem bequemen
Stuhl, dessen etwas abgeschabte grne Saffianlehne durch gelbe
Knpfchen eine mehr wohlgemeinte als geschmackvolle Einfassung erhielt,
sa der Vater, ein Kppchen auf dem Haar, die lange Pfeife in einer
Ecke des Mundes, eine Brille auf der Nase, durch die er die weit von
sich gehaltene Zeitung studirte, um von Zeit zu Zeit die Handlung
eines Monarchen durch wohlgeflliges Brummen zu billigen oder ber die
unbedachten Worte eines Ministers langsam und unwillig den Kopf zu
schtteln. Seine Frau sa in der Sophaecke, sehr gerade aufgerichtet,
-- diese vorzgliche Haltung auch ihren Kindern beizubringen, bestrebte
sich die Gute fortwhrend durch Blicke, Winke und Bewegungen, whrend
ihre Hnde Alles, was vorging, durch harmonisches Stricknadelgeklapper
in Musik setzten. -- Und wenn dann der Theetisch gedeckt war, saen
die vier Kinder dieses gemthlichen Paares wie Orgelpfeifen um sie
her, -- die Aehnlichkeit unter den Geschwistern war auffallend, --
alle vier zeigten entschiedene Stumpfnschen, stets zum Lachen bereite
Lippen und waren blond und blauugig. Mit der ltesten konnten sich
aber die andern nicht messen, -- was in Frnzchens Gesicht zierlich und
allerliebst war, hatte bei den beiden Buben eine gewisse unfertige
Plumpheit, und die Kleinste befand sich noch in dem Alter, welches fr
junge Mnner einen Gegenstand des Schreckens und Abscheus bildet.

So war unser Held denn natrlich mit der Zeit dahin gekommen, seine
Aufmerksamkeit der erwachsenen Tochter zuzuwenden, und sie hatte
das ganz freundlich hingenommen, hatte erlaubt, da er ihr das
Streichhlzchen anzndete, um die Spiritusflamme unter dem Theekessel
in Brand zu stecken, freute sich ber die Blumenstrue, die er aus
seinem Garten mitbrachte, und lachte ber seine Spe und Erzhlungen
beinahe so herzlich wie er selbst, -- und das wollte etwas sagen!

Kurzum, es war durchaus keine Verblendung und Selbstberhebung nthig,
um die Entschlsse reifen zu lassen, die in nchster Zeit unsern
Helden bewegten. Noch nicht drei Wochen war es her, da hatte er sich
in der Stadt neue Tapetenmuster ausgesucht und dem Bschen zur Auswahl
prsentirt. Da war besonders eins, das er in's Herz geschlossen hatte,
mit blauen, schmalen Streifchen und kleinen Rosenknospen dazwischen, --
als er ihr das zeigte und frug:

Mchtest Du wohl in einer Stube wohnen, die so tapezirt wre? Ist es
nicht niedlich?

Da antwortete sie freilich nur auf die letzte Frage und sagte:

Sehr niedlich!

Aber sie wurde roth und lachte. Warum war sie roth geworden, wenn sie
nicht wute, was er damit meinte? Und mit triumphirenden Gefhlen
warb er einen ganzen Leiterwagen voll Tapeziere und Stubenmaler, lie
seine ganze Wohnung neu herrichten und umgab sich viele Tage lang mit
dem abscheulichsten Kleistergeruch, -- und Alles um nichts und wieder
nichts! --

Tagelang ging er dann umher wie ein Verschwrer, -- berlegte, --
verwarf, -- und kam endlich zum Entschlu. Heut, -- diesen selben Tag,
an dem er fiebernd vor Zorn und Beschmung in der nchtlichen Strae
stand, war Frnzchens achtzehnter Geburtstag gewesen! Schon frh ritt
er mit einem Blumenstrau in die Stadt, so gro, da ihm alle Leute
verwundert nachsahen, -- das Mdchen empfing ihn mit der grten
Freundlichkeit, -- zeigte ihm ihren bekrnzten Geburtstagstisch, -- und
man lud ihn ein, am Abend wieder zu kommen, wo eine Gesellschaft junger
Leute sich versammeln sollte.

Das that er denn auch, und als er im Hausflur einen kleinen
Taschenspiegel hervorzog und sein ehrliches, braunes Gesicht darin
betrachtete, kam er sich beinahe hbsch vor. Eine Rosenknospe hatte er
in's Knopfloch gesteckt -- und unter der Rosenknospe schlug ein Herz
voll Lwenmuth!

Frnzchen hatte sich auch sehr schn gemacht, sie trug ein weies Kleid
mit feinen, blauen Streifen, -- es sah seiner Tapete beinahe hnlich,
-- und die blonden, glatten Zpfe waren mit einer frischen Nelke
geschmckt, -- er htte sich sehr irren mssen, wenn die nicht aus dem
Strau war, den er heute Morgen gebracht hatte!

Die kleine Versammlung war schon vollzhlig, als er eintrat, und
Frnzchen vor Allen als Geburtstagskind begrte. Er sah aber gleich,
da sie schlechter Laune war.

Guten Abend, Karl, sagte sie flchtig und mit einem Anflug von
Verdrielichkeit in der Stimme. Du kommst genau eine Stunde spter als
du eingeladen bist! Wir htten schon lange anfangen knnen zu tanzen,
wenn wir nicht htten auf Dich warten mssen.

Karl war nun ein herzensguter Junge, aber sein Fehler bestand darin,
da er einen ganz unglaublichen Brausekopf besa. Er wurde rther, als
es selbst der Dame seines Herzens gegenber nthig war, machte ein
steifes Kompliment und zog sich zurck. Eins kam zum andern, -- die
Beiden stichelten auf einander, wo sie nur konnten, -- und schlielich
geschah es, da Frnzchen sich an ihrem Geburtstag von einem Andern
zu Tisch fhren lie und Karl mit einem schnippischen: ich bin schon
versagt, abfertigte.

Aber Karl rchte sich! -- Unmittelbar nach Tisch wollte man beginnen,
nach dem Klavier zu tanzen. Als sich der Heimtckische durch einen
schnellen Ueberblick versichert hatte, da auch ohne ihn eine
ausreichende Zahl von Tnzern da sei, ging er ber die Stube, stie
pltzlich einen Schmerzensschrei aus und sank auf einen Stuhl. Die
ganze Gesellschaft umdrngte ihn besorgt, -- Frnzchen allein stand an
ihrem Geburtstagstisch und zhlte die Blttchen an ihrem Rosenstock,
-- das erbitterte ihn nun vollends! Er erklrte, er habe sich den Fu
verstaucht, knne unmglich tanzen, und wolle lieber zusehen, wenn man
ihn nicht nach Hause schicke, da er als Invalide nichts auf einem Ball
zu suchen habe.

Davon wollten sie nun alle nichts hren und Karl blieb, -- aber er
tanzte konsequent nicht! Die Fenster waren geffnet, um die nchtliche
Sommerluft einzulassen, -- er setzte sich hinter die Gardine und dachte
zornig darber nach, wie anders er sich diesen Abend vorgestellt hatte!
Und eigentlich war er ja schuld gewesen, -- was mute er gleich so
empfindlich sein! Sie hatte Recht, er =war= zu spt gekommen, -- und es
war doch Frnzchens Geburtstag! -- Er erhob sich, -- es wurde ihm zu
hei hinter der Gardine, -- und humpelte, seiner Rolle getreu, ber das
Zimmer, um den Tanzenden zuzuschauen. Da er besser tanzte wie jeder
der anwesenden Herren, war klar, -- das wute Frnzchen auch, -- und
deshalb rgerte es sie so sehr, da er heute nicht tanzen =wollte=,
denn sie glaubte mit Recht nicht an seinen Unfall.

Kinderchen, jetzt wird aber aufgehrt, rief da die Mutter, es ist
schon sehr spt!

Man war an diese peremptorische Art von Frnzchens Mutter schon
gewhnt, -- da erhob sich Karl und bat die Tante flehentlich, noch
einen Augenblick zu verziehen, die Schmerzen in seinem Fu htten
nachgelassen und er wolle einmal mit seiner Cousine tanzen. Eben sollte
der Befehl an die Klavierspielerin ertheilt werden, als Frnzchen mit
blitzenden Augen dazwischen trat.

Es thut mir leid, Karl, wenn =du= auch wieder hergestellt bist, --
ich habe mir soeben den Fu versprungen -- und zwar so grndlich, da
ich glaube, wir wrden nie wieder in den richtigen Takt kommen.

Karl bi sich auf die Lippen und schwieg. -- Die tanzenden Paare
trennten sich, -- man ging umher, um sich abzukhlen, und endlich
brach man auf. Da Karl, als Verwandter des Hauses, sich noch nicht
mitempfahl, konnte Niemandem auffallen.

Als die Gste fort waren, trat Frnzchen ans offene Fenster, um ihnen
nachzusehen, und Karl, von Reue und Liebe beseelt, strzte sich Hals
ber Kopf in das ungeheure Wagni, bei den Eltern um ihre Hand zu
werben. So -- nun war's heraus, -- Gott sei Dank! -- er sah seitwrts
nach ihr hin, ob sie wohl eine Bewegung der Ueberraschung machen wrde,
-- aber sie stand so still und unbeweglich am Fenster, als ginge sie
die ganze Sache gar nichts an. Verlegen und zweifelhaft blieb er
stehen. Der Vater legte die Pfeife weg, fate das Mdchen an beiden
Schultern und drehte sie herum.

Nun, Frnzchen, fragte er in einer Mischung von Rhrung und Humor,
was sagst du? Hier, der Karl will dich zur Frau haben, -- na, du hast
dir's wohl schon gedacht? Nun, Mdchen, so sprich doch, -- sag' Ja oder
Nein!

Da sah sie trotzig in die Hhe und sagte mit undeutlicher Stimme ein
kurzes Nein! drehte sich wieder um und trommelte an den Scheiben.

Die drei Anderen sahen sich zweifelnd und bestrzt an. -- Das kam
ihnen allen Dreien unvermuthet, -- bis Karl leise bat:

Lat mich einen Augenblick mit ihr allein, -- ich will sie schon zur
Vernunft bringen!

Die Eltern schienen ihm dies Amt nicht ungern zu berlassen, Karl trat
zu der kleinen Eigensinnigen und sah, da ihre Augen voll Thrnen
standen.

Frnzchen, bat er herzlich, sei nicht kindisch! Ich wei, du hast
ein Recht, mir bse zu sein, aber es kann dir nicht mehr leid thun wie
mir, da wir uns heute so miverstanden haben, -- verzeihe mir doch!

Er wollte ihre Hand fassen, sie zog sie hastig und unwillig zurck.

Sieh', fuhr er fort, das Nein, was du mir jetzt sagst, ist doch
ein anderes, als eine Absage fr einen Tanz! Ich kann dann nicht mehr
wiederkommen und fragen, ob du dich anders besonnen hast, -- du weit,
ich wrde es auch nicht thun, -- berlege dir's einmal, Frnzchen!

Da sie fortfuhr, stumm den Kopf zu schtteln, trat er verzweifelt
zurck und rief die Eltern wieder herein.

Ich kann nicht mit ihr fertig werden, Onkel, rede du ihr einmal zu, --
sie ist zu kindisch!

Der Vater erschien und rief in etwas barschem Ton das Mdchen, welches
sich trotzig vor ihn hinstellte.

Was fllt dir ein, fuhr er sie ziemlich rauh an, lt den Karl
ablaufen wie einen dummen Jungen, weil ihr irgend eine alberne
Uebelnehmerei mit einander gehabt habt! Gleich bist du vernnftig und
sagst entweder einen Grund fr dein verschrobenes Betragen oder giebst
ihm die Hand.

Nein, ich will nicht und ich will nicht! rief das Mdchen jetzt,
von Schluchzen unterbrochen, erst kommt er zu spt, dann ist er so
unhflich gegen mich wie mglich, dann tanzt er nicht und verdirbt
mir meinen ganzen Geburtstag, -- nennt mich zweimal in einem Athem
kindisch, -- und wenn er dann zum Schlu fr den reizenden Abend gndig
kommt und mich heirathen will, -- da soll ich Ja sagen! Ich thu's
nicht, -- ich mag nicht aufs Land, ich will berhaupt nicht heirathen
und ich wollte, ihr httet mir meinen Geburtstag nicht verdorben!

Es ist gut, Frnzchen, sagte Karl trocken, whrend sie sich abermals
abwandte und ihr Gesicht ins Tuch barg, wir wollen nicht mehr davon
sprechen! Ich habe mich geirrt und bin ein Narr gewesen, -- und jetzt
kann ich dich nur um Verzeihung bitten, da ich dir deinen Geburtstag
verdorben habe, wie du sagst. Gute Nacht, lieber Onkel, gute Nacht,
Tante!

Frnzchen wurde durch eine stumme Verbeugung beglckt, -- dann strmte
Karl davon und der Moment, wo er die Hausthr ffnete und auf die
Strae trat, war es, wo wir seine Bekanntschaft machten. Er schlug den
Weg nach dem Gasthaus ein, wo sein Pferd stand, und fhlte mit Behagen,
da ein heraufziehendes Gewitter schwere Regentropfen auf seine heie
Stirn sandte, die er schon lngst vom Hut befreit hatte. Von Zeit zu
Zeit wies er bedeutsam nach seinem Kopf, um ihm durch diese Bewegung
vorzuwerfen, er habe ihm einen schlimmen Streich gespielt, da er nicht
mehr mitsprach, als das Herz heut durchging.

Der muntere Trab seines Rleins sagte seiner Stimmung weit besser zu,
als die langsame Fortbewegung der Fe, und doch kam er viel zu frh
fr seine Wnsche daheim an. Die Wohnung, die er jetzt seit lngerer
Zeit mit so anmuthigen Zukunftstrumen ausgeschmckt hatte, dnkte
ihm unwirthlich und de, -- er erschien sich wie Einer, der zu einer
schnen Reise gerstet auf den Bahnhof ging, den Zug versumte -- und
mit entsetzlich ernchterten Gefhlen den Heimweg antritt. Dieses
letzte Gleichni leuchtete ihm immer mehr ein, -- aber es giebt ja
mehr Zge als den einen, sagte er halblaut vor sich hin, fhren sie
auch nicht alle in das gelobte Land der Ehe, -- man kann auch sonst
noch Reisen machen, denn hier bleiben ist mir jetzt ein unleidlicher
Gedanke! Aber wohin? -- ich kann fr die nchsten zwei, drei Tage
abkommen, ich werde nach Schrobeck fahren!

Schrobeck war ein kleiner, vielbesuchter Badeort, den die Bewohner
der Provinz hufig zu Sonntagsausflgen benutzten. Fr gewhnlich war
er nur sehr stark von alten Damen frequentirt, daher er fr einen
jungen Mann wenig Anziehendes bot. Aber Schrobeck war nun einmal der
nchste zu erreichende Ort -- und fr Schrobeck entschied sich Karl.
Ein flchtiges Bedenken erregte ihm die undeutliche Vorstellung, da
eine alte Tante Amalie, die er zu besitzen sich rhmen durfte, meist
um diese Zeit des Jahres in Schrobeck zu weilen pflegte, -- aber er
trstete sich mit den beliebten Vielleichts: vielleicht ist sie
jetzt noch nicht da! oder vielleicht sieht sie mich gar nicht,
kurz, er sprang auf und nahm aus seinem etwas sparsam ausgestatteten
Bcherschrank ein Coursbuch, in dessen Studium er sich eifrig vertiefte.


II.

Als Resultat dieser Abendlektre sehen wir Karl am nchsten Morgen in
grauem Reiseanzuge mit blauer Kravatte und einer gestickten Reisetasche
mit Rosen und Veilchen im Wartesalon des Bahnhofs sitzen, die frhe
Stunde -- sechs Uhr -- hatte dem Landmann keine Ueberwindung gekostet,
denn fort, -- nur fort! war seine Losung und der erste Zug ging
um sechs Uhr zwanzig Minuten. Sein Platz war so gewhlt, da er der
Eingangsthr den Rcken wandte und doch im Stande war, mit Hlfe eines
ihm gegenber hngenden groen Spiegels Alle zu beobachten, die den
Wartesaal betraten.

Bis jetzt hatten noch nicht Viele seine Aufmerksamkeit zu fesseln
vermocht, -- zwei verschlafene, verdrielich aussehende Damen, deren
eine ein Kind in unaufhrlich schaukelnder Bewegung erhielt, lieen
in ihm nur den Gedanken aufsteigen: Gott bewahre mich vor solcher
Gesellschaft! Dann befand sich ein Handlungsreisender in seiner Nhe,
der zum Benefiz der Kellner und der kaffeeschenkenden Nymphe am Bffet
sich in zahllosen Scherzen und Scherzchen erging, -- vor diesem graute
ihm noch weit mehr! Die einzige, wirklich gut aussehende Mitbewohnerin
dieses interimistischen Aufenthalts war eine kleine, sehr hbsche
Brnette, die mit einem schwarzen Htchen geschmckt war, auf dem sehr
naturgetreue, rothe Kirschen jeden Sperling htten durstig machen
knnen. Die kleine Dame sah, gegen die Gewohnheit des alleinreisenden
weiblichen Geschlechts, ganz sicher und vergngt aus, und a, trotz der
frhen Morgenstunde, unverdrossen Pfefferkuchen.

Das wre schon eher Etwas! dachte Karl bei sich.

In diesem Augenblick empfand er jene heftige, schreckhafte Bewegung,
bei der wir, wie der Volksmund sagt, aus der Haut fahren mchten.
Seine Augen erblickten im Spiegel zwei Gestalten, deren Erscheinen in
ihm den unmnnlichen Wunsch rege machte, sich sofort unter den Tisch
zu verkriechen, was doch nicht anging, ohne unerwnschtes Aufsehen zu
erregen.

Ein etwa vierzehnjhriger Bursche, blond, blauugig, stumpfnsig, mit
einer zierlichen Ledertasche und mehreren Paketen beladen, hatte den
Raum betreten, gefolgt von einer jungen Dame mit sehr hnlichen blauen
Augen, blonden Haaren und einem groen Hut, der vergebens die Rthe der
Augenlider zu verdecken bestrebt war, -- Frnzchen und ihr ltester
Bruder!

In Karl's Gehirn fhrten allerlei Gedanken einen verworrenen Tanz aus,
-- er fhlte den unbestimmten Wunsch, etwas zu unternehmen, -- und
zugleich die beschmende Zuversicht, da es etwas Dummes sein wrde, --
endlich that er, was meist das Klgste ist, was man thun kann, -- wenn
es die Menschen nur einsehen wollten! -- er wartete ab!

Frnzchen achtete nicht auf ihre Umgebung, sie sttzte den Kopf in die
Hand und sah vor sich nieder, der sie begleitende Knabe Fritz dagegen
lie seine munteren Augen im ganzen Saal umherschweifen, bis sie
glcklich im Spiegel Karl's wohlbekannte Zge entdeckt hatten. Doch
im selben Moment fuhr der Zeigefinger des Spiegelbildes blitzschnell
nach den Lippen, und Fritz, der einer der pfiffigsten Sekundaner des
neunzehnten Jahrhunderts war, begriff, -- und nickte! Ja, noch mehr,
-- als Karl mit der Hand nach dem soeben geffneten Perron zeigte,
dann auf sich selbst und schlielich auf Fritz, Frnzchen aber durch
ein abwehrendes Kopfschtteln bezeichnete, begriff der kluge Fritz
sofort, Karl wolle ihn allein sprechen, und seine etwas unsichere
Knabenstimme machte der Schwester den Vorschlag, er wolle in dem schon
drauen haltenden Zuge einen Platz fr sie belegen, sie solle ruhig
hier bleiben.

Frnzchen nickte nur matt mit dem Kopf und legte dann wieder die Hand
ber die Augen. Karl konnte also unbemerkt den Saal verlassen und den
Perron betreten, dessen Uebersicht dem Mdchen durch einen dicken
Wandpfeiler unmglich wurde.

Fritz, der whrend dessen an den Coups umherirrte, wurde, wie die
Taube vom Stovogel, von Karl gepackt und festgehalten.

Wo wollt ihr hin, Unglckskinder? stie Karl hervor, den Sekundaner
mit Blicken durchbohrend.

Nach Schrobeck, erwiderte dieser, sich mit einer mehr krftigen als
anmuthigen Bewegung von den Hnden befreiend, die seine Schultern
hielten.

Nach Schrobeck? wiederholte Karl dumpf, dachte ich mirs doch! Aber
warum gerade dorthin?

Weil Tante Amalie dort ist, -- ich bringe die Frnzchen nur vor der
Schule auf den Bahnhof, -- sie fhrt allein!

Und ich fahre auch nach Schrobeck, sprach Karl in dsterem Tone, sein
Billet emporhaltend.

Fritz beantwortete diese Mittheilung durch ein so unauslschliches
Gelchter, da mehrere Bahnbeamte sich argwhnisch und neidisch nach
dem Eigenthmer so vieler Heiterkeit umsahen.

Was lachst du denn, dummer Junge? rief Karl jetzt ergrimmt, sage
lieber, wie Frnzchen so pltzlich darauf kommt, abzureisen! Gestern
Abend war doch noch gar nicht davon die Rede!

Denkst du denn, ich wei gar nichts, erwiderte Fritz, dessen
Schlauheit bereits keine Grenzen mehr kannte. Die halbe Nacht ist noch
bei uns ein frchterlicher Spektakel gewesen, -- Frnzchen hat geweint,
der Vater hat gezankt, sie sei ein dummes Ding, die nicht wisse, was
sie eigentlich wolle, und sie solle gleich zur Tante reisen, bis sie
zur Vernunft gekommen wre. Dann hat mir der Vater einen Brief gegeben,
den sollte ich zu dir tragen, wenn ich aus der Schule kme, -- da du
aber nach Schrobeck fhrst, behalte ich ihn natrlich!

Her mit dem Brief! herrschte Karl mit so wildem Ton und Blicke, da
Fritz, vor diesem furchtbaren Anblick erzitternd, den Brief aus der
Tasche zog und Karl einhndigte.

Dieser berflog ihn, dann glitt ein triumphirendes Lcheln ber sein
Gesicht, er faltete den Brief zusammen, steckte ihn in die Tasche und
wandte sich wieder zu Fritz.

Hre Fritz, -- in diesem Zuge giebt's keine Damencoups. Du belegst
hier in diesem Wagen einen Platz fr Frnzchen, -- ich lasse meine
Reisetasche in die Ecke legen und komme nicht eher auf meinen Platz,
bis der Zug eben fortfahren will.

Fritz nickte und erklomm das bezeichnete Coup.

Nach wenig Minuten brachte ein blaujckiger Dienstmann Karl's
Reisetasche und legte sie auf den Eckplatz. Fritz begab sich wieder in
den Wartesaal, um seine Schwester zu rufen, -- es klingelte zum ersten
Mal.

Karl sah hinter der Gardine des nchsten Wartezimmers zum Fenster
hinaus.

Hier, Frnzchen! rief der wohlinstruirte Fritz und half der Schwester
in das Coup steigen, an dessen Fenster ein Tfelchen mit der
bedeutsamen Inschrift prangte: Fr Nichtraucher!

Kein Damencoup? frug das Mdchen schon im Einsteigen.

In diesem Zuge giebt's keine Damencoups, lautete die Antwort, und
Frnzchen nahm ihren Platz gerade der gestickten Reisetasche gegenber,
um den Anblick der brderlichen Stumpfnase noch so lange als mglich
zu genieen.

Fritz hatte den Wagentritt bestiegen und nahm noch allerlei Auftrge in
Empfang.

Erlauben Sie, junger Herr, sagte da eine muntere Stimme hinter ihm,
und die junge Dame mit dem Kirschenhut bestieg den Wagen und nahm die
dritte Ecke an der andern Seite ein.

Ob das Karl lieb sein wird? dachte Fritz bedenklich, -- doch da er
nicht befugt war einzuschreiten, schwieg er wohlweislich.

Um so gesprchiger war die Neueingetretene vom ersten Augenblick an,
sie klagte ber die Hitze, legte ihr Htchen ab und bot Fritz und
Frnzchen gutmthig von dem Pfefferkuchen an, den sie in unvertilgbaren
Quantitten bei sich zu fhren schien.

Ich fahre nicht mehr allzu lange, sagte sie jetzt, sich bequem in die
Ecke zurcklehnend, in Eisdorf steige ich aus. Sie auch, Frulein?

Ich habe noch eine Station weiter bis zu meinem Ziel, -- ich will nach
Schrobeck, erwiderte Frnzchen mde.

Ein erneutes Klingeln, -- ein kurzer, zwitschernder Pfiff lie sich
vernehmen, -- Fritz wurde hflich ersucht, seinen erhabenen Standpunkt
zu verlassen, -- und eben wollte der Beamte die Thr zuschlagen, als
in vollem Lauf ein uns wohlbekannter, graugekleideter Herr ber den
Perron eilte, in den Wagen sprang und kaum darin war, als der Zug sich
in Bewegung setzte.

Karl hatte in diesem Augenblick einen bedeutenden Vortheil ber
Frnzchen, -- er wute, was ihm bevorstand, und vermochte es in Folge
dessen, seinen Hut abzunehmen und beide Damen wie fremde Mitreisende
zu gren. Frnzchen aber, gnzlich unvorbereitet, starrte ihn mit
weitgeffneten Augen an, als sehe sie einen Geist, und wechselte
unaufhrlich die Farbe.

Die kleine Dame mit dem Kirschenhut blickte verwundert von Einem zum
Andern, von dem so sehr gefaten, jungen Mann zu dem fassungslosen
Mdchen, -- und schttelte unmerklich den Kopf.

Karl aber that ganz, als wenn er zu Hause wre. Er legte seine
Reisetasche in das oberhalb angebrachte Netz, den Hut daneben, und
begann dann, ber Frnzchen weg, die kleine Brnette mit freundlichem
Wohlgefallen anzusehen. Er suchte in seinem Herzen nach einem
Vorwand, um sich zu ihr zu setzen und Frnzchen durch Entfaltung
seiner glnzenden Unterhaltungsgabe tief fhlen zu lassen, =wen= sie
verschmhte.

Um Karl's vernderte Stimmung und gehobenen Muth zu begreifen, bedarf
es nur eines Einblickes in den Brief, den ihm sein hoffentlicher
Schwiegervater geschrieben hatte. Dieser Ehrenmann that ihm schwarz
auf wei zu wissen, da Frnzchen gleich nach seinem Weggehen den
ausgetheilten Korb bitter bereut und sich des schwrzesten Betragens
angeklagt habe. Von seinem Vorschlag aber, Karl diese Mittheilung
zu machen, habe sie unter keiner Bedingung etwas hren wollen,
wahrscheinlich weil das gegen ihre Wrde gestritten htte. So habe
denn der Vater beschlossen, um ihr ber die nchsten, unbehaglichen
Tage hinwegzuhelfen, sie auf eine Woche zu Tante Amalie nach Schrobeck
zu schicken, und glaube er, seinem lieben Karl die Versicherung geben
zu drfen, da, falls er nach Ablauf dieser Frist noch einmal anfrage,
er ein um so freudigeres Ja fr das trotzige Nein von gestern
erwarten drfe.

So wute denn unser Held, woran er war, -- und wer das =nicht= wei,
kann erst den unschtzbaren Werth dieser Kenntni ganz wrdigen.

Der Vorwand seinen Platz zu wechseln, fand sich bald. Die Kirschendame
stand auf und rttelte mit beiden Hnden an dem geschlossenen
Coupfenster. Es wich ihren Anstrengungen nicht sogleich und
Karl sprang mit einem verbindlichen erlauben Sie mir! auf die
gegenberliegende Seite und ffnete das Fenster, sich bequem an diesem
niederlassend.

Die lustige, kleine Dame war hoch erfreut, ihre sehr unfreiwillige
Schweigsamkeit aufgeben zu mssen. Karl erffnete die Unterhaltung mit
der geistreichen Bemerkung:

Jetzt ist es nicht mehr so hei, durch das offene Fenster kommt ein
angenehmer Luftzug.

Die kleine Dame nickte mehrmals mit dem Kopf zum Zeichen der
Zustimmung, und fgte bei:

Darum kam ich eben auf den Gedanken!

Es war ein sehr kluger Gedanke, sagte Karl verbindlich.

Die Kirschendame sah geschmeichelt aus und bot Karl von ihrem
Pfefferkuchen an.

Herren essen zwar so etwas nicht gern, bemerkte sie.

Aus so schnen Hnden, erwiderte Karl, der schon merkte, da diese
Waare hier guten Absatz fnde.

O, bitte, erwiderte sein _vis--vis_ erfreut.

Frnzchen sah unbeweglich zum Fenster hinaus. Das war zu stark, da
Karl noch nicht vierundzwanzig Stunden nach dem betrbenden Vorfall
in ihrer Gegenwart so harmlos lustig sein und dieser kleinen,
unternehmenden Person schne Redensarten machen konnte! Sie war sehr
erbittert und durfte sich doch nicht verrathen!

Drben ging inde die Unterhaltung unermdlich fort, die kleine Dame
lachte ber Karl's Einflle, die meist mehr durch Vortrag als durch
Neuheit glnzten, -- sie lachte so laut und herzlich, da sie sich
die Augen trocknen mute. Karl hatte aber heute lauter selbstische
Zwecke im Auge, -- erstens wollte er Frnzchen rgern und sodann sein
_vis--vis_ gnstig stimmen, damit sie ihm das Rauchen erlaubte.
Bescheiden brachte er die Anfrage vor.

Bitte, rauchen Sie, sagte seine gemthliche neue Freundin, wenn es
die andere Dame nicht genirt?

Karl wandte sich mit einer verbindlichen Bewegung an Frnzchen, mit
gezcktem Streichholz.

Ich bedaure sehr, erwiderte sie in eiskaltem Ton, das Rauchen macht
mir Kopfweh.

Das war aber unrichtig, wie Karl genau wute. Schwer gergert ber
diese Ungeflligkeit, verga er die gebotene Vorsicht.

Du hast es doch immer vertragen, fuhr er heraus, bi sich aber
erschreckt auf die Lippe, als die Kirschendame sichtlich die Ohren
spitzte und Frnzchen, dunkelerrthend, sich zum offenen Fenster
hinausbog.

Die Kirschendame ertrug's nicht lnger. Sie beugte sich zu Karl hinber
und sagte lautlos, nur mit den Lippen:

Frau!

Er schttelte den Kopf.

Braut? im selben Ton.

Karl bedachte sich nicht lange, sondern nickte frischweg.

Gezankt? deutete das _vis--vis_ an.

Abermals nickte er.

O, sagte das Frulein jetzt mitleidig und htte wohl noch weiter
geforscht, wenn nicht in dem Moment der Zug gehalten htte.

Station Eisdorf, rief der Schaffner.

Die kleine Dame begann sofort in fieberhafter Angst ihren Hut,
ihre Schachteln und ihren Pfefferkuchen zu erfassen und mit einem
bedeutungsvollen: Glckliche Weiterreise, meine Herrschaften! verlie
sie den Wagen und taumelte in die Arme einer groen Familie, die sie
erwartet hatte.

Langsam setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Karl sah nun
seinerseits zum Fenster hinaus.

Nur sich nichts vergeben! dachte er.

Ein zaghaftes Karl! veranlate ihn, sich umzuwenden.

Karl, willst du nicht deine Cigarre anznden?

Du bist sehr freundlich, sagte er kurz, und bald schwebten die blauen
Dampfwolken zum Fenster hinaus ber die grnen Felder.

Mehrere Minuten vergingen, -- Karl berlegte, was er wohl jetzt sagen
sollte, -- er beschlo, dem Mdchen seine Launenhaftigkeit ernstlich
zu Gemth zu fhren, -- und whrend er sich diese Worte in Gedanken
zurechtlegte, strte ihn ein leises Schluchzen.

Er schielte vorsichtig herum und sah Frnzchen mit dem Tuch vor dem
Gesicht, in Thrnen aufgelst, in der Ecke lehnen. Da schmolz sein
ohnehin nicht sehr hartes Herz und mit einem Satz war er neben ihr. Zu
einer leidenschaftlichen Liebeserklrung hatte Karl gar kein Talent, --
und so mgen unsere Leserinnen verzeihen, da er sich seinem Charakter
gem ausdrckte.

Aber sage mir einmal, Frnzchen, wozu machst du nun dir und mir das
Leben schwer? Wrst du vernnftig gewesen und httest gestern Abend
'Ja' gesagt, wie du doch meinst, -- nein, sei still, ich wei es ganz
gut, -- da sen wir heute als glckliches Brautpaar in Eurer Wohnstube
und Abends fhren wir mit dem Vater zu mir heraus und du shest dir die
blaue Tapete an, die du ja selber ausgesucht hast.

Sie lachte unter Thrnen und schttelte den Kopf.

Nun, freilich hast du sie selber ausgesucht, fuhr Karl gemthlich
fort, und wir Beide, die sich schon gemeinsam die Wohnung eingerichtet
haben, fahren hier, wie die Landstreicher, in der Eisenbahn, als
wten wir nicht, wo wir hingehren! Nein, Frnzchen, wie soll das
spter werden, wenn wir da drauen auf dem Lande allein sitzen, und du
willst so unvernnftig sein! Das geht nicht, und jetzt steh' auf und
sage: 'Ich will sehr gut folgen, lieber Karl!'

Er zog sie an der Hand empor und sie sprach zwischen Lachen und Weinen
die bedeutungsvollen Worte nach.

So, sagte Karl nach einer Weile, als die erste Rhrung beiderseits
berstanden war, -- denn, gestehen wir es, auch unserem Helden wurde
die Stimme etwas unklar, -- nun will ich dir auch beichten, -- ich
habe dich schon Jemandem als meine Braut vorgestellt!

Wem denn? frug Frnzchen erstaunt.

Der kleinen Dame mit dem Kirschenhut, erwiderte Karl ruhig, was
htte die sich sonst denken sollen?

Station Schrobeck, rief der Schaffner, die Thr ffnend.

Unser Paar sah sich bedenklich an. Karl als Herr und Gebieter beschlo,
was zu thun sei.

Wann geht der nchste Zug nach L.... zurck? frug er, den Namen von
Frnzchens Heimathsort nennend.

In einer halben Stunde.

Nun, Frnzchen, sagte Karl heiter, dann fahren wir in einer halben
Stunde hbsch zu deinen Eltern! Aber was thun wir die halbe Stunde? Nur
nicht zu Tante Amalie, schauderte er.

Wir trinken hier auf dem Bahnhof Kaffee, schlug Frnzchen vor.

Bravo, rief Karl und schlug drhnend in die Hnde, du bist die
richtige Frau fr mich! Natrlich trinken wir Kaffee!

Und nach einer halben Stunde sa das neue Brautpaar wieder im
Eisenbahnwaggon und dampfte den Weg zurck, den es vor wenig Stunden
gekommen war. Lassen wir sie ruhig ziehen, -- die kommen durch die
Welt!




                          Der tolle Junker.


                Sie haben mich gezwungen zu einem ehrlichen Mann.

Die zu ebener Erde belegene Weinstube von Gerhold war heute schon fast
leer und nur eine einzige Gruppe nahe dem Fenster schien ausharren zu
wollen, bis der Herbstmorgen dmmerte.

Drei oder vier Herren saen bei einigen Flaschen Wein in lebhaftem
Gesprch und zwei andere waren an einem Billard beschftigt. Die
Spieler gehrten anscheinend zu der sitzenden Gesellschaft, denn ab und
zu warf einer von ihnen eine kurze Bemerkung in die Unterhaltung am
Tisch.

Jetzt ffnete sich die Glasthr, die von der Strae aus in das Zimmer
fhrte, noch einmal, und ein Herr in mittleren Jahren, blond, bla und
vornehm aussehend, trat ein, warf seinen Oberrock ab und nherte sich
der Versammlung am Fenster, welche ihn lebhaft begrte, whrend die
Billardspieler seinen Eintritt noch nicht zu beachten schienen.

Nun, Raven, Sie erffnen die Saison recht frh, bemerkte einer der
bereits Anwesenden, es ist doch strflich, im September schon in
Gesellschaft zu gehen.

Was haben Sie da? sagte der als Raven Angeredete, _chteau d'Yqum_?
Schn, ich bin von der Partie! Und was die Gesellschaft betrifft, so
werden Sie mir zugeben, da man Ausnahmen macht; ich wette, Sie Alle
htten heut Abend mit mir getauscht, ich war bei Ertings und habe im
kleinen Kreise die Verlobung mitgefeiert.

Bei diesen Worten wandte sich einer der Herren am Billard rasch um; er
hatte ein scharfes, geistvolles Gesicht, dessen dunkle Augen durch eine
goldene Brille blickten, ohne darum weniger jugendlich auszusehen.

Ei, da ist ja auch unser Hippokrates! sagte Raven, dem allbeliebten
jungen Arzt die Hand schttelnd; nun, Doktor, ist Alles zu Tode
curirt, da Sie 'mal Zeit haben, hier Billard zu spielen? Welch
glnzendes Zeugni fr den Gesundheitszustand unserer Stadt!

Berufen Sie mein Glck nicht! erwiderte Doktor Stein, ich bin selbst
ganz erstaunt ber diesen Ausnahmezustand, und habe zu Hause Befehl
gegeben, mich fr alle, auer die dringendsten Flle, zu verleugnen. Da
ist brigens mein letzter Ball gemacht, Schrader, fr heute sind wir
quitt!

Er warf die Queue auf das Billard, trat zum Tisch und schenkte sich ein.

Und nun, sagte er, sich einen Stuhl heranziehend, erzhlen Sie vom
Verlobungsfest, Raven, das ist ja interessant!

Ja, ja, riefen die Anderen durcheinander, erzhlen Sie, wie war das
Arrangement, und wie benahm sich das Brautpaar?

Das Arrangement war tadellos, wenn Sie das Bffet meinen, sagte
Raven, es hatte nur wieder den alten Erting'schen Fehler, weniger
wre mehr gewesen! Ich bitte Sie, fr eine Gesellschaft von zwanzig
Personen ein Souper wie bei Hofe, Sect in Strmen -- nun, wir knnen es
ja haben!

Und das Brautpaar?

Der Brutigam war still, ngstlich und gutmthig wie immer, die Mama
soufflirte ihm bestndig! Er glaubte, seinen Geschmack durch seine
Wahl gengend bewiesen zu haben, und hatte sich im Uebrigen nicht mit
dem Artikel angestrengt, brillantne Vorstecknadel und mehr Ringe wie
Finger! Nachdem mich ein schaudernder Blick darber belehrt hatte, war
ich unfhig, noch einmal hinzusehen. Die Alteration konnte mir schaden,
man mu auch an sich selbst denken!

Sie sind ein malitiser Mensch, sagte der Doktor. Ludwig Erting
ist ein guter, anstndiger Kerl, der sich immer als solcher benehmen
wird, wenn ihm auch die Lcherlichkeiten seiner Mutter ankleben. Wre
er innerlich anders, so wrde Edith Brandau ihm auch nie ihr Jawort
gegeben haben, verlassen Sie sich darauf!

Vergessen Sie die anderthalb Millionen nicht, bester Stein, die diesem
Juwel als Fassung dienen!

Aber erzhlen Sie weiter, Raven, wie sah die Comtesse aus?

So schn wie immer, oder vielleicht noch schner, sagte Raven,
bla, ernst und still! Ganz in Wei mit einer alterthmlichen, feinen
Goldkette wohl zehnmal um den Hals geschlungen, wie ein Aquarell von
Passini!

In diesem Augenblick rasselte drauen ein schwerer Wagen, er hielt
vor der Thr des Weinhauses und ein graubrtiger Mann in Hut und
Kutschermantel trat hastig und verstrt in die Stube.

Das gilt mir! sagte der Arzt und ging dem Ankommenden entgegen.

Herr Doktor, Sie mssen gleich mitkommen, begann der Alte mit
unsicherer Stimme, die noch mehr seine Angst verrieth, als das bleiche
Gesicht, unser Herr liegt im Sterben!

Was Teufel! rief der Doktor und fuhr schon mit einem Arm in den
Ueberzieher, whrend er sich von den Anderen verabschiedete, ich
empfehle mich bis auf Weiteres meine Herren, hoffe, es wird so schlimm
nicht sein!

Wer ist denn krank? fragte Raven den Eilfertigen.

Der alte Baron in Wolfsdorf, rief der Doktor schon im Hinausgehen,
die Thr klirrte ins Schlo und wenig Augenblicke darauf rasselte der
schwere Landwagen ber das Straenpflaster.

Ernchtert durch diesen Zwischenfall, kehrten die Herren zu ihrem Tisch
zurck und begannen sich auch zum Aufbruch zu rsten.

Raven hatte sich mit Schrader von den Anderen getrennt.

Seltsam, begann er jetzt, als sie mit einander durch die
menschenleeren, mondhellen Straen schritten, wie diese Botschaft fr
den Doktor an unser Gesprch anknpfte!

Inwiefern? frug sein Begleiter berrascht.

Ja so, Sie sind hier fremd in der Gegend! Sie mssen wissen, Brandeck
und Wolfsdorf grenzen, und Edith Brandau war als Kind mehr bei dem
alten Baron Rdiger als bei ihren Eltern, die sie, glaube ich, etwas
vernachlssigten. Der alte Wolfsdorfer hat einen Neffen, auch einen
Rdiger, der bei ihm aufwuchs, und der, wie man sagte, eine Art
Jugendliebe oder Kinderliebe der schnen Edith war.

Und warum wurde nichts daraus?

Pah, weil es eben ein Unsinn war! Der junge Mensch hatte nichts und
war nichts, ein Tollkopf vom reinsten Wasser. Und Brandau's -- _cela va
sans dire_ -- dadurch, da Edith statt des erhofften Sohnes kam, ging
ihnen das Majorat durch die Finger, von dem Ertrag des verkommenen,
verwirthschafteten Brandau konnten sie eben existiren! Ueberdies bekam
der junge Rdiger wegen ein paar ganz besonders tollen Streichen
den Abschied und ging als Fhnrich oder blutjunger Lieutenant nach
Australien, man hat nie wieder etwas von ihm gehrt. Und seine schne
Jugendliebe ist ja getrstet, wie ich mich heute berzeugen konnte!

Sie waren bei ihrem Gesprch vor Ravens Haus angelangt.

Wie ist mir denn, sagte Schrader, das Majorat ist einer andern Linie
zugefallen? Und dabei sprach Comtesse Edith doch fters von einem
Bruder!

Stiefbruder, Bester, Stiefbruder! Die alte Brandau hat aus erster Ehe
einen Sohn, Carl Dringshofen, ein leichtsinniger Junge! Er steht bei
den Husaren in M... Jetzt aber gute Nacht, Schrader, schlafen Sie aus,
es ist sndhaft spt geworden!

Die Hausthr schlo sich hinter ihm, und Schrader trat den Heimweg an.


                        O Grtel und Schleier, o brutlich Gewand!
                        Der Heini von Steier ist wieder im Land!

Der Sptherbst rauschte in seinem rothgoldenen Mantel in voller Pracht
durchs Land. Er streute mit verschwenderischer Hand einen leise
knisternden Teppich aus gelben Blttern ber die groen Rasenpltze im
Wolfsdorfer Park und verschttete den breiten Wallgraben rings um das
Schlo mit dem Laub der uralten Weinstmme, die an den grauen Mauern
emporkletterten, und im Sommer als lichtgrne Fahnen von den Thrmen
wehten.

Der alte Baron Rdiger, auf dessen Grabhgel jetzt die Octobersonne
schien, hatte seine Freude daran gehabt, dem Schlo sein
mittelalterliches Ansehen zu erhalten, und war es zum Theil verfallen
und dster, so that dies dem Charakter des Ganzen keinen Abbruch. Noch
immer mute der einkehrende Gast der herabgelassenen Zugbrcke harren
und wurde vom Thurmwchter mit Hrnerschall begrt. Und da alle diese
Einrichtungen noch auf Jahre hinaus unverndert blieben, dafr hatte
der seltsame alte Herr in seinem Testament gesorgt.

Dies Testament hatte Aufsehen gemacht und die verschiedensten
Empfindungen und Gefhlsuerungen im weitesten Kreise hervorgerufen.
Mit Umgehung zahlreicher, liebevoll besorgter Vettern, die es an
Erkundigungen und Besuchen bei dem kranken Oheim nicht hatten fehlen
lassen, ernannte der Verstorbene seinen Neffen, den verabschiedeten
Lieutenant Gerald von Rdiger, zum Universalerben seiner beiden Gter,
Wolfsdorf und Ewershausen, und seines ganz ansehnlichen Vermgens.

Ein Aufruf in allen Blttern meldete dem Betreffenden, dessen
zeitweiliger Aufenthalt unbekannt war, das Geschehene. Falls er sich
nicht einstelle, so lautete die letztwillige Verfgung, sollte ein
Curatorium durch zehn Jahre lang die Gter fr ihn verwalten, und ihm
bei seiner etwaigen Rckkehr unverzglich bergeben. Erst nach Ablauf
dieser Frist hatte der Erblasser anderweitig ber den Besitz verfgt.

Heut zu Tage fliegt ja Alles durch die Welt, und so konnte es
geschehen, da wenig Wochen nach der Testamentserffnung der
verschollene Rdiger seinen Einzug in Wolfsdorf hielt, und mit
anscheinend leichter, aber doch sicherer Hand die Zgel der Regierung
ergriff.

Er hatte von vornherein keinen schweren Stand mit seinen Untergebenen.
Die Leute hingen an dem alten Namen, sie hatten auerdem den
tollkpfigen Junker von klein auf gekannt und gnnten ihm sein
unerwartetes Glck und vor Allem, Rdiger verstand es, mit ihnen
umzugehen.

Wo er sich zeigte, mochte er zu Fu ber die Stoppeln schreiten,
und den Gru der Vorbergehenden freundlich erwidern, mochte er in
der herrschaftlichen Loge der Dorfkirche sitzen, die Herzen flogen
ihm entgegen! Ein wildes Scherzwort, sein bermthiges Lachen, sein
schnes, tiefgebruntes Gesicht, in dem bei aller Formengewandtheit
und Sicherheit eine gewisse unbezhmte Kraft fremdartig anmuthete, hin
und wieder einer jener tollen Streiche, die ihn von Jugend auf zum fast
sagenhaften Helden der Umgegend gestempelt hatten, dabei seine warme,
offene Herzensgte, die fr jeden Bedrngten ein williges Ohr, eine
offene Hand hatte, alles Das kam zusammen, um seine Untergebenen mit
einer Art Eigenthumsrecht und Stolz auf ihn blicken zu lassen.

So war er denn in der alten Welt schnell wieder heimisch geworden,
und fand sich in seine gnzlich vernderte sociale Stellung, vom
heimathlosen Abenteurer zum festen Grundbesitzer, mit der ihm eigenen
Leichtigkeit hinein; freilich behielt er nebenbei noch ein ganz
gengendes Anrecht auf seinen alten Namen der tolle Junker!

Besuche in der Nachbarschaft hatte er noch wenige gemacht, er strzte
sich vorlufig mit Feuereifer in die landwirthschaftliche Thtigkeit,
und jede freie Stunde fand ihn auf der Jagd in seinen ausgedehnten
Forsten.

Man hatte es in dem benachbarten Brandeck in Folge dieses seines
zurckgezogenen Lebens bis dahin ermglicht, der Tochter des Hauses,
Edith Brandau, die Heimkehr des Jugendgespielen zu verschweigen, was um
so leichter war, als sie bis zum gestrigen Tage in der Residenz ihre
Aussteuer besorgt hatte.

Der Hochzeitstag rckte heran, im Anfang des Winters sollte der stolze
Name Brandau gegen den reichvergoldeten, aber bescheideneren Erting
eingetauscht werden. Man sah zwar in gut unterrichteten Kreisen
voraus, da die Frstin von T..., eine dem Herrscherhaus nahestehende
lebenslustige Wittwe, die Edith besonders liebte und bevorzugte, ihren
Einflu geltend machen wrde, um Erting den Adel zu verschaffen, doch
mute dieser Schritt anstandshalber verzgert werden, bis die Trauung
stattgefunden hatte.

Der Brutigam war heute auch zum ersten Male seit der Verlobung auf
wenige Stunden nach Brandeck herausgekommen, und das Paar machte noch
einen kleinen Weg durch den Park, ehe Erting zur Stadt heimkehrte.

Edith war im Reitanzug, sie wollte nach des Verlobten Abreise noch
einen ihrer einsamen Ritte durch den herbstlichen Wald unternehmen.
Erting bestieg nie ein Pferd, er vermochte es sogar selten ber sich,
Ediths Rappen anders zu berhren, als da er ihm mit weit von sich
gestrecktem Arm den Hals klopfte. Die Schchternheit und Zaghaftigkeit
seines ganzen Wesens trat berhaupt auffllig zu Tage, nie aber mehr,
als im Zusammensein mit seiner Braut.

Die alten Ulmen und Eichen im Park von Brandeck hatten wohl noch
kein so ungleiches Paar unter ihren Wipfeln hinschreiten sehen, als
heute an diesem Oktoberabend. Edith, hoch, blumenschlank gewachsen,
in der strengen Einfachheit ihres dunklen Reitanzuges, das schwarze
Htchen tief in die Stirn gezogen, unter dem krauses, goldrothes
Haar in einen einzigen starken Zopf geflochten, ber die Schultern
herabhing, bildete mit ihrer stolzen, sichern Haltung, ihrem anmuthig
festen Gange den schroffsten, fast komisch wirkenden Gegensatz zu
dem schmalschultrigen, blassen kleinen Manne mit dem festanliegenden,
schwarzen Haar, der im Gesellschaftsanzug und schwarzen Cylinder neben
ihr einherschritt. Das Gefhl des verlegenen Unbehagens, welches
ihm jedes Alleinsein mit seiner Braut verursachte, stand in seinem
gutmthigen Gesicht geschrieben. Er peinigte sich bestndig ab, etwas
zu finden, womit er Edith unterhalten knne, und es gelang ihm nie.

Edith gab sich keine Mhe, ihm beizuspringen. Sie blickte gedankenvoll
in den zartnebeligen Wald hinaus, von dessen Wipfeln hier und da ein
goldschimmerndes Blatt langsam, leise zur Erde fiel. Ein schner
Herbstabend ist ein mchtiger Zauberer; mit den weien Fden, die vom
Gewand des scheidenden Sommers in der Luft hngen bleiben, spinnt sich
gar zu gern ein Stck Vergangenheit im Menschenherzen wieder an, es
tndelt vor uns her, leicht und ungreifbar, wie die Schleier der Elfen
-- und wenn wir die Hand darnach ausstrecken, legt es sich uns trb vor
die Augen -- Herbstspiel!

Endlich brach Erting das Schweigen.

Haben Sie noch einen Auftrag fr mich, Edith? Ich kann ja Alles
bestellen! Vor Sonntag komme ich wohl nicht wieder heraus?

Es lag eine Art schchterner Frage in dem letzten Satz, die Edith zu
berhren schien.

Ich danke Ihnen, sagte sie freundlich; sie war stets sehr freundlich
gegen ihren Brutigam, aber ich glaube, es ist Alles besorgt, was man
berhaupt in der Welt besorgen kann, wir haben ja seit vierzehn Tagen
nichts Anderes gethan!

Ein Ausdruck von Abspannung und Mdigkeit lag auf ihrem Gesicht, sie
nahm den Hut ab und strich die dicken, goldenen Haarwellen aus der
Stirn wie eine Last.

Sie sehen bleich aus, bemerkte Erting besorgt, ist Ihnen auch unser
Spaziergang zu weit?

Sie schttelte lchelnd den Kopf.

Vergessen Sie nicht, da Sie ein Landmdchen vor sich haben, ich bin
an stundenlange Wege gewhnt. Nein, es ist nur die kstliche Ruhe und
Stille hier, die mir pltzlich klar macht, wie unruhig mir die letzten
Wochen vergangen sind, man lebt doch nur halb, wenn man in der Stadt
lebt!

Falls Sie den Wunsch hegen, Edith, da wir aufs Land ziehen -- ich
habe ja keine bindende Stellung in W...., dann kaufe ich ein Gut
in der Nhe. Sie wissen ja, da mich nur Ihre Wnsche bei meinen
Zukunftsplnen bestimmen!

Nein, nein, erwiderte sie mde und abwehrend, was sollte das?
Sie sind kein Landmann und ich mchte mich in kein fremdes Gut mehr
einleben.

Nun wir knnten ja Brandeck kaufen, sagte Erting, die Mama wrde
gewi ganz gern darin willigen, und der Kaufpreis mte so gestellt
werden, da er ihr eine sorgenfreie Existenz ermglichte.

Sie schnitt mit einer leidenschaftlichen Geberde seine Rede ab.

Hren Sie auf, es macht mich wild, wenn Sie von einem Kaufpreis fr
Brandeck sprechen, Sie sollen es nicht kaufen, ich habe den dringenden
Wunsch, da Karl es bernimmt.

Ihr Bruder? Nun, Edith, das ist wohl ein wenig sanguinisch! Wenn
ich als Kaufmann nichts von Landwirthschaft verstehe, wird ein so
lebenslustiger Husarenlieutenant wohl auch kein Held darin sein!

Man hat aber fter den Fall gehabt, da aus einem Husarenlieutenant
ein Gutsbesitzer wurde, als aus einem Kaufmann. Uebrigens sind Sie
nicht Kaufmann -- knnen Sie denn nie vergessen, da Sie dazu erzogen
wurden?

Gewi nicht! entgegnete er mit einiger Energie, meine Neigungen und
Interessen ziehen mich zum Handelsstand, und wenn ich Ihnen auch mit
Freuden das Opfer bringe, demselben zu entsagen, so bin ich doch weit
davon entfernt, mich zu gut fr einen Stand zu halten, dem mein Vater
seinen Reichthum und unsere ganze Familie ihre Stellung verdankt.

Sie blieb stehen.

Sie sind ein ehrlicher Mensch, Ludwig, sagte sie, und gab ihm die
Hand, und das habe ich gern! Seien Sie nicht bse, da ich Sie hart
anlie, mir ist heut so grenzenlos nervs zu Muthe und ich habe Ihnen
ja von Anfang an gesagt, da Sie kein leichtes Leben mit mir haben
werden!

Edith war bezaubernd, wenn sie liebenswrdig sein wollte und Erting,
der meist mehr Furcht vor seiner Braut empfand, als Liebe zu ihr --
hatte er sie doch zumeist auf den Wunsch seiner Mutter gewhlt --
vermochte sich diesem Zauber auch nicht zu entziehen. Er beugte sich
ber die schne Hand, die seinen Ring trug, und fhrte sie an die
Lippen, das einzige Vorrecht, das ihm die Etikette im Brandau'schen
Hause und besonders die einschchternde, khle Freundlichkeit Ediths
whrend des Brautstandes gestattete.

Eine kleine, von Seiten Ertings etwas verlegene Pause folgte, die er
endlich unterbrach, indem er seine Absicht aussprach, jetzt nach der
Stadt zurckzukehren, da er den Abend noch eine Versammlung zu besuchen
habe.

Darf ich vor Sonntag noch einmal herauskommen? fragte er, als er sich
am Parkeingang von Edith verabschiedete.

Eine leise Enttuschung flog ber ihr Gesicht.

Gewi, sagte sie dann, indem sie einen kleinen Tannenzweig
zerpflckte, und die einzelnen feinen Nadeln zerstreut in die Luft
warf, kommen Sie, so oft Sie wollen, aber erwarten Sie nicht zu viel
von meiner Gesellschaft zu haben, ich geniee noch die Waldeinsamkeit
und meine schnen, langen Ritte -- und dann sind wir auch sehr fleiig
jetzt -- aber wie gesagt, kommen Sie nur!

Sie reichte ihm die Hand.

Wenn Sie ins Schlo gehen, so sagen Sie Mama, ich htte meinen Ritt
fr heute aufgegeben, bliebe aber noch ein wenig im Freien, rief
sie ihm dann schon im Weitergehen zu, und whrend er stand und ihr
nachsah, verlor sich ihre schlanke Gestalt in der Herbstdmmerung der
Parkgnge. Sie schritt langsam, wie absichtslos, dahin, und erst, als
sie sich rechts gewandt hatte, und fast an der Grenze von Brandeck
angelangt war, wurde es ihr klar, da sie, einem unbewuten Zuge
folgend, den Lieblingsplatz frherer Tage aufgesucht hatte. Es war ein
Theil des einstigen Gartens, den jetzt selten mehr ein Fu betrat, und
der schon seit Jahren unbeachtet grnte und wucherte. Hier war es so
schweigsam und abgeschlossen, der leise Moderhauch am Boden welkender
Rosenbltter flog ber die Beete und der schluchzende Ton einer kleinen
Fontaine machte die Stille nur bemerklicher.

Als die schne, junge Braut sich jetzt neben dem Marmorbassin jener
Wassersule auf den Rasen niederlie und mit gedankenschweren Augen in
den blassen Abendhimmel sah, htte die Elfe dieser einsamen Stelle,
die im Begriff steht, von ungeweihter Hand vertrieben zu werden, nicht
lieblicher verkrpert werden knnen.

Vergangene Zeiten flogen ihrem Blick vorber, eine lngst in der Ferne
verhallte Stimme klang an ihr Ohr. Wie oft hatte sie frher hier
gesessen, das verschchterte, kleine Mdchen, unbewillkommnet und
unbeliebt, scheu und wild, wie ein Geschpf des Waldes. Bald gesellte
sich dann in ihrer Erinnerung die Gestalt des Jugendgespielen zu dem
Bilde des einsamen Kindes -- an diesem Pltzchen hatte er sie stets
zu finden gewut. Die Lcke in der Hecke, die Brandeck von Wolfsdorf
trennt, war wohl lngst zugewachsen. Wie schnell hatte er immer
durchzuschlpfen verstanden.

Dann saen die Kinder zusammen, jagten sich, spielten, wurden grer
und ernsthafter, aus den Mrchen, die sie sich erzhlten, wuchs
langsam eine wahre Geschichte empor und sah sie mit hoffnungsfreudigen
Augen an! Dann kam eine Trennungszeit, ein paar tolle Streiche des
bermthigen Spielkameraden, und ein khler, stiller Sommermorgen, an
dem Gerald Rdiger vor Sonnenaufgang an ihr Fenster kletterte, zum
letzten Lebewohl; damit war's aus gewesen!

Von Liebe hatten sie Beide nie gesprochen, und wenn Edith im Herzen
daran geglaubt, so war sie eben thricht gewesen; fnfmal hatten
seitdem die Rosen geblht, und kein einziges Briefblatt, kein
Gru aus der wilden Ferne, in die der Jngling damals so khn und
abenteuerlustig gezogen, hatte ihr bewiesen, da er noch ihrer gedacht!

Inzwischen war ihr Vater gestorben, grollend mit sich, mit seiner
Gattin, mit der ganzen Welt, vor Allem mit der Tochter, die ihm sein
Majorat gekostet -- und dann kam eine Zeit harter Entbehrungen, die
um so hrter waren, als man dabei den Schein der Vornehmheit wahren
mute. Es kamen unsglich bittere Stunden, in denen die Mutter, sich
der ganzen Heftigkeit ihres ungezgelten Temperaments berlassend, es
Edith tglich und stndlich zum Vorwurf machte, da sie geboren, da
sie noch im Hause sei. Der bevorstehende Ruin ihres Stiefbruders, der
in einem Meer von Spielschulden zu versinken drohte, wurde natrlich
auf das verlorene Majorat zurckgefhrt, kein Augenblick, der nicht
tausend Krnkungen fr das Mdchen gebracht htte! Und als nun wieder
ein Freier sich zeigte, ein Millionair, dabei nach allgemeinem Urtheil
ein braver, guter Mensch, der ihr seine Hand und sein fast frstliches
Vermgen bot, da hatte sie freilich erst Nein gesagt, und tausendmal
Nein rief es noch heute in ihr, aber der leidenschaftliche Zorn der
Mutter, die flehentlichen Bitten ihres Stiefbruders, und endlich ihr
gekrnkter Mdchenstolz, der nicht Einem nachtrauern wollte, der sie
so ganz vergessen, alles Das trat wieder vor ihr inneres Auge, als sie
frug, warum sie doch nachgegeben!

Am Tage ging es gewhnlich gut, ganz gut!

Man lie sie im wahren Sinne des Wortes nicht zu Athem kommen, die
Hochzeit stand ja nahe bevor, und die Frstin von T.... hatte es sich
frmlich erbeten, fr die Aussteuer sorgen zu drfen. Edith mute
tagtglich mit ihrer unermdlichen Beschtzerin umher fahren, in den
glnzenden Lden der Residenz Bestellungen machen, Mbelstoffe und
Tapetenfarben whlen. Die Abende fhrten sie dann meist in Gesellschaft
oder ins Theater, und dem klsterlich erzogenen Mdchen war dies
Treiben so neu, so fremd und berauschend, da sie zeitweise dachte, es
sei wohl wirklich ein glckliches Loos, das sie gezogen!

Aber dann konnte eine stille duftige Fahrt durch den Sommerabend
kommen, ein einfaches Volkslied von alter Liebe und vergessener Treue
sich ihr auf die Lippen drngen, und aller trgerische Glanz war fort
-- verwischt -- zwei bermthige blaue Augen blitzten sie an -- und es
war Alles, Alles wieder wach in ihr, was sie so tief begraben geglaubt.

Sie schrak zusammen und erhob sich. Gewi vermite man sie schon, wer
hatte sie auch geheien, gerade heute den alten Platz aufzusuchen?
Sie schritt hastig vorwrts, um auf einem Umwege ber die waldige
Fahrstrae ins Schlo zurckzukehren, und den Abendwind ihre heien
Augen khlen zu lassen, ehe sie der Mutter gegenber trat.

Als sie so in tiefen Gedanken dahinschritt, die Schleppe des
Reitkleides emporhaltend, einen Bschel frischen Haidekrauts im Grtel,
mit dem ihre Hand spielte, lie ein Knistern und Knacken in den Zweigen
sie berrascht aufsehen. Aber gingen sie denn wirklich um in der
Herbstsonne, die Geister der alten Zeit?

Ein riesiger Bernhardinerhund sprang mit ungestmen Stzen auf sie
zu, und hinter ihm stand ein hochgewachsener Mann mit tiefgebrunten,
wildschnen Zgen, nicht mehr der blasse, abschiednehmende Jngling von
damals, aber wann und wo htte sie diese Augen nicht erkannt! Stumm
und bleich wie ein Mondstrahl stand sie ihm gegenber -- ihr war, als
mte das erste Wort den Zauber brechen, und er wieder verschwinden auf
Jahre, auf immer!

Und auch er sprach nicht, er sah fest und unverwandt auf den kleinen
Ring an ihrer Hand, den der letzte Sonnenstrahl eben auffunkeln lie.
So standen sich Beide still gegenber, Keins fand einen Laut zur
Begrung, an ihrem Fu klirrten die goldenen Ketten eines reichen
Freiers, und er wute es!

Endlich berwand sich Edith zum ersten Wort, wir haben uns lange nicht
gesehen, Gerald, und streckte ihm die bebende, kleine Hand hin.

Wie bengstigt von dem regungslosen Schweigen, in dem er verharrte,
ohne auf ihren Gru zu antworten, fuhr sie hastig, mit fliegendem Athem
fort:

Ich war mehr wie berrascht, Sie so pltzlich vor mir zu sehen, seit
einigen Wochen bin ich von Brandeck fort gewesen und bei meiner Abreise
fehlte noch jede Nachricht ber Sie, man hielt Sie allgemein fr
verschollen.

Das Gercht ist ein wenig voreilig, wie Sie sehen, erwiderte
er langsam und mit erzwungener Ruhe, auch war die Annahme nicht
allgemein, wie Sie sagen. =Eine= hat immer von mir gewut, haben Sie
sich in den ganzen, langen fnf Jahren nicht um meine Mutter bekmmert?

Seine Stimme war bei dem ehrlichen, einfachen Ton der Frage weicher
geworden, aber Edith erhob den Kopf so stolz, als wollte sie den
Vorwurf, der in den Worten lag, schon zurckweisen, ehe sie sprach.

Ich hatte keine Berechtigung dazu, sagte sie kalt, warum haben Sie
in den ganzen langen fnf Jahren nicht =einmal= direct von sich hren
lassen?

Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich nieder.

Sie haben recht, Edith, ganz recht, aber wie Sie mich kennen, sollten
Sie nicht so fragen! Ich bin kein Federheld und htte auch in den
ersten Jahren verzweifelt wenig Rhmenswerthes von mir zu erzhlen
gewut! Ich habe mich in allen Sphren des Lebens umhergetrieben, nur
in keiner, die ich Ihnen htte anschaulich machen knnen oder mgen!
Sie wissen, ich habe es mndlich nie verstanden, mich besser zu machen
als ich bin, so wollte ich es auch schriftlich nicht versuchen. Und
da ich von meiner Mutter bis vor einem Jahr, wo ich sie verlor, immer
hrte, da es Ihnen wohl ging, so nahm ich an, da Sie auf dieselbe Art
auch von mir hren und an mich denken wrden.

Sie unterbrach ihn mit einer stolzen Bewegung des Unmuths.

Sie haben mich zu hoch oder zu niedrig geschtzt, Baron Rdiger; man
mag in meiner Lebenssphre nicht so viel Kenntnisse erwerben, als Sie
Gelegenheiten hatten, zu thun, aber Eines habe ich gelernt, bis zur
Vollkommenheit -- zu vergessen, wo ich vergessen war!

Sie brach ab, und strich aufathmend mit der Hand ber die Stirn. Er
stand schweigend vor ihr und sah sie traurig an, dann trat er einen
Schritt auf sie zu.

Edith, sagte er, und bot ihr herzlich die Hand, einen solchen Ton
mag ich nicht von Ihnen hren, ob ich ihn verdient habe oder nicht! Er
ist des Mdchens nicht wrdig, die an einem khlen Frhjahrsmorgen mit
Thrnen in den Augen zu mir sagte, wenn Sie auch wiederkommen, Gerald,
Sie werden mich als dieselbe finden, die Sie verlassen haben! Diese
Worte haben mich auf all meinen wilden Wegen begleitet, Edith, ich
hrte sie, wenn ich des Abends mit meinen Jagdgesellen im Walde lag,
in den Schein des Wachtfeuers starrte und meine thrichten Trume von
der Heimath trumte. Wollen Sie wissen, was Der, der Sie verga, wie
Sie sagen, da trumte, Edith? Von einem alten Schlo, wild und einsam,
unter deutschen Buchen, in dem ich und noch Eine Abends am Fenster
standen, wenn die Nachtigallen schlugen --

Hren Sie auf, unterbrach ihn Edith mit zitternder Stimme, selbst
wenn ich Ihnen glaubte, oder glauben wollte, ich habe nicht mehr das
Recht, solche Worte anzuhren -- ich bin Braut!

Man hat es mir erzhlt, sagte Rdiger finster, und ich habe erst
gelacht, dann geflucht und mich immer wieder gefragt: was haben sie
mit meinem stolzen Mdchen angefangen, durch welche Teufelsknste ist
sie so weit gebracht worden, Ertings Braut zu werden! Edith, es wre
zum Lachen, wenn es nicht so furchtbar ernst wre! Wissen Sie, was Sie
thun?

Sie schwieg und kmpfte einen schweren Kampf mit sich, ehe sie
antwortete -- die Stimme vor ihr war ja doch und trotz Allem die Musik
ihrer Jugendjahre gewesen! Aber es war vorber!

Sie haben eigentlich kein Recht zu dieser Frage, erwiderte sie
hochmthig, aber ich will Ihnen antworten, um alter Zeiten willen!
Ja, ich wei, was ich thue, Erting hat nicht nur mein Wort, sondern
ich schulde ihm aufrichtige Achtung und Dankbarkeit, weil er gro und
zartsinnig an uns gehandelt hat. Ist Ihnen das genug?

Ja und nein, sagte er, whrend er den Zorn niederzukmpfen suchte,
den ihr kalter Ton in ihm anfachte, ich verstehe Sie, Edith -- in
drren Worten, Erting hat Ihrem Stiefbruder die Schulden bezahlt,
und dafr sind Sie seine Braut geworden. Hlle und Teufel, rief er
pltzlich, und schleuderte sein Gewehr, mit dem er gedankenlos gespielt
hatte, in jh ausbrechender Wuth weit von sich, da es mit dumpfem
Klange auf den Boden schlug, da ich hier stehen soll, ich vor allen
Menschen auf der ganzen Erde, und mit Ihnen Ihre Verlobungsgeschichte
verhandeln, Edith -- das ist mehr als ich ertragen kann. Machen Sie ein
Ende, sage ich, machen Sie ein Ende, meine Geduld hat ihre Grenzen!

Und worin soll dies Ende bestehen? frug sie, whrend sie ihn
unverwandt ansah. Wie gefiel er ihr in seinem urwchsigen Zorn!

Sie sollen mir sagen, da ich ihn, oder mich, oder Sie niederschieen
darf, da diese ganze Brautschaft ein widerwrtiges, tolles Puppenspiel
ist, und Sie mir doch im Grunde treu geblieben sind, trotz aller Ihrer
schnen Reden.

Sie trat einen Schritt auf ihn zu.

Gerald, Gerald! sagte sie in halb traurigem, halb leichtem Ton, und
legte ihre kleine Hand auf seinen Arm, ich habe doch mehr gelernt, als
Sie in den fnf Jahren, mein alter Spielkamerad! Man kommt mit solchen
Sturmesflgeln nicht durch die Welt, glauben Sie es nur! Mir hat das
Leben die Schwungfedern schon geknickt, eine nach der andern, und ich
habe es ganz hbsch begriffen, da man sich in Unabnderliches fgen
mu. Aber Sie, wie Sie da vor mir stehen, und mit dem Fu aufstampfen,
ist es mir gerade, als wren wir um zehn Jahre jnger, und spielten
hier im Walde Ruber und Prinzessin! Sie sind wirklich noch ganz
derselbe --

Der vor fnf Jahren aus dem Stubenarrest entwischte, und seine
Carrire in die Luft fliegen lie, um Edith Brandau einen
Cotillonstrau zu bringen. Sie mgen Recht haben, sagte er spttisch,
nun, Sie haben ja Ruhe fr uns Beide, ich knnte darin viel von Ihnen
lernen! Fr heut ist wohl aber die Lektion beendet, ja? Ich darf mich
empfehlen, und Sie gehen ins Schlo zurck, Erting kommt doch gewi zum
Thee, ich will Sie nicht aufhalten, Comtesse!

Er nahm seinen Hut auf, und ging mit tiefer Verbeugung. Als er einige
Schritte gethan hatte, rief Edith zgernd: Gerald!

Er wandte sich hastig um.

Ihr Gewehr, Baron Rdiger -- und Sie haben mir nicht Lebewohl gesagt!

Er kam langsam nher und hob das Gewehr vom Boden auf, dann sttzte er
sich darauf und blieb einen Augenblick stehen.

Edith, sagte er hart und kalt, hten Sie sich vor mir! Wie wir Beide
uns kennen, taugt es nicht, wenn Sie mit mir spielen wollten, wie
damals, wo ich fr ein freundliches Gesicht von Ihnen bis ans Ende der
Welt gelaufen wre. Ich bin zu alt dazu, Edith, und es knnte Ihnen
doch einmal verzweifelt schlecht gefallen, wenn ich Ernst aus dem
Spiel machen wollte! Ich habe noch ein gutes Theil Wildheit in mir,
lassen Sie mich lieber in Frieden -- es ist fr uns Beide, und fr Ihre
Porzellanpuppe von Brutigam besser, wenn ich andere Wege gehe! Und
nun, gute Nacht Edith!

Er streckte ihr die Hand hin, sie nahm sie nicht.

Nein, Gerald, sagte sie weich und traurig, gehen Sie nicht so im
Zorn von mir fort! Ich habe vorhin, weil ich gekrnkt war, nicht
bedacht, da auch Sie im Augenblick etwas zu verwinden hatten,
wollen wir uns nicht gegenseitig verzeihen, Gerald? Es ist doch
wahrscheinlich, da uns die nahe Nachbarschaft hier jetzt bisweilen
zusammenfhrt, sollen wir, zwei so getreue Kameraden von einstmals,
dann fremd und kalt an einander vorbeigehen? Ich bin ja ohnehin nicht
mehr lange hier --

Eine heftige Bewegung flog ber ihr Gesicht und pltzlich brach ein
Strom von heien Thrnen aus ihren Augen, der zur Genge bewies, da
die Ruhe der letzten Stunden erknstelt gewesen.

Edith, was thun Sie? rief er, wie auer sich, und streckte die Arme
nach ihr aus. Aber sie hatte sich schon gefat, und wies ihn mit einem
energischen Kopfschtteln zurck.

Gerald, verstehen Sie mich recht, sagte sie fest im Ausdruck, wenn
auch die Stimme noch bebte, ich schme mich dieser Thrnen nicht, sie
waren ein Tribut an unsre schne, lustige, traurige Vergangenheit, die
uns ja doch kein Mensch rauben kann! Aber wir leben in der Gegenwart,
Gerald, und drfen nur danach fragen, ob wir recht thun, nicht ob es
uns gefllt! Dazu helfe mir Gott -- und Sie, mein alter Kamerad, Sie
werden mir dabei gewi nicht hinderlich sein wollen! Gute Nacht Gerald!

Und whrend er noch erregt und zweifelnd stand, ohne ihr zu antworten,
verlie sie ihn, und ging nach dem Park zurck. Der hher und hher
steigende Herbstnebel schien, wie ein wallendes Meer, sie in sich
aufzunehmen, und als er sich hinter der verschwindenden Gestalt, einem
grauen Vorhang gleich, zusammen schlo, da erst empfand es Gerald mit
wildem Schmerz, da er sie wirklich und unwiederbringlich verloren habe!


                          Gott schtz' Dich vor dem ungeschlachten,
                          Ohn Maen groben Cavalier!

Der groe Wohlthtigkeitsbazar, der unter dem Protectorat der Frstin
von T... alljhrlich zum Besten eines von ihr gegrndeten Krankenhauses
stattfand, wurde in diesem Jahre bei Lampenlicht abgehalten, wie bse
Zungen behaupteten, weil der Teint der hohen Frau nicht mehr so ganz
dem Tageslicht Probe hielt, wie in frheren Zeiten.

Die Frstin verkaufte zwar nicht selbst, aber sie ging ab und zu, und
war unermdlich im Anordnen, wie in Allem, was in irgend einer Form
Vergngen hie.

Edith Brandau hatte ihre Mitwirkung selbstredend zusagen mssen,
sie war schon von je durch ihre Erscheinung die Krone jedes solchen
Unternehmens, und jetzt, wo der etwas seltsame Brautstand die
allgemeine Neugier in Bezug auf das schne Mdchen noch erregt hatte,
durfte man eine besondere Anziehungskraft fr die Kauflust des
Publikums von ihr erwarten.

Die Stunde, wo die Gesellschaft sich in die Verkaufssttte drngte,
hatte noch nicht geschlagen, doch waren die Unternehmerinnen schon
erschienen, und nahmen beim strahlenden Lampenlicht an den sehr bunt
und geschmackvoll arrangirten Tischen Platz, whrend sie hier und da
noch einen Gegenstand in besseres Licht stellten, dort einen mehr
wohlgemeinten, als geschmackvollen Beweis des Wohlthtigkeitssinnes in
den Hintergrund schoben.

Edith sa unbeschftigt in ihrem Sessel zurckgelehnt. Ein mattblauer,
schwerer Stoff umrauschte sie, wie das Element, dem sie mit ihren
Nixenaugen und ihrem Goldhaar anzugehren schien. Neben ihr lag ein
riesiger weier Camelienstrau, die zarten Blumenbltter waren fast
nicht bleicher, als das Gesicht der schnen Braut, der sie in Ertings
Auftrage vor wenigen Augenblicken beim Eintritt in den Saal berreicht
wurden.

Das Mdchen war in tiefes Sinnen verloren. Die kurzen Wochen, die
zwischen ihrer Unterredung mit Gerald und dem heutigen Abend lagen,
hatten ihr so manche Stunde gebracht, die jede Fiber ihres Herzens
erzittern lie, und sie in den seltsamsten Conflict mit sich brachte.

Zufall und Absicht verbndeten sich, um sie wieder und wieder mit dem
Jugendfreunde zusammenzubringen, und der auf freundschaftlicher
Basis angeknpfte Verkehr, den ihr eigener Wille hervorgerufen hatte,
nahm nur zu bald die leidenschaftliche Frbung wieder an, die Geralds
ganzem Wesen seine Eigenthmlichkeit und seinen Reiz verlieh. Er hatte
sich mit scheinbarer Unbefangenheit im Hause ihrer Mutter eingefhrt,
er, der sonst so ungestm Reizbare, schien die Klte der Grfin, den
schlecht verhehlten Widerwillen Ertings nicht zu bemerken, fr ihn
existirte nur Edith!

Und sie hatte nicht die Kraft, ihm zu zeigen, da es so nicht sein
drfe -- hatte sie wenigstens nur, wenn er nicht in ihrer Nhe war!
Dann gelobte sie sich jedes Mal, sie wollte ihm mit klaren Worten
sagen, da er lieber fernbleiben solle, da es fr alle Theile das
Beste sei, wenn er vor ihrer Hochzeit das Zusammentreffen vermeide, und
wenn er dann wiederkam, und sie den ganzen Zauber empfand, den seine
Stimme und seine Augen auf sie bten, dann trstete sie sich mit jenem
gefhrlichsten Trost: es ist ja nicht auf lange, ich bin ja bald fort,
und einmal Frau, werde ich ihn nicht wiedersehen! Und sie vermied es
nicht, wie sie gesollt htte, ihn zu sprechen und ihm zu begegnen,
sie spielte ein gefhrliches Spiel an einem Abgrunde, weil sie nicht
vergessen konnte, da jenseits dieses Abgrundes die blaue Blume wuchs,
die Jeder trumt, und Jeder anders benennt und die ihr -- erste Liebe
hie.

Sie wurde aus ihren Gedanken durch ein pltzliches Gerusch gerissen.
Soeben erschien die Frstin mit ihren Damen in den weit geffneten
Flgelthren. Mit einem prfenden Blick berflog sie das Arrangement
der Tische, eine Verbeugungswoge begleitete sie von einer Verkuferin
zur andern, bis sie den Brandau'schen Tisch entdeckte.

Sie eilte mit ausgestreckten Hnden auf Edith zu.

Seien Sie mir willkommen, mein liebes Kind, sagte sie, und strich
zrtlich ber das goldrothe Haar der jungen Dame, die sich tief
verneigte. Sie sehen bleich aus! ich wei, da Sie sich heute opfern
durch Ihr Erscheinen, aber ich erkenne es auch an, glauben Sie mir!

Wenn die Anwesenheit meiner Tochter wirklich ein Opfer ist,
Durchlaucht, sagte die Grfin Brandau, als Edith schwieg, und warf
ihr einen zornigen Blick zu, so wre es durch diese Anerkennung schon
reichlich vergtet!

Die Frstin winkte begtigend.

Lassen Sie mir meinen Liebling unangefochten, Grfin, sie hat das
Vorrecht, ein wenig launenhaft zu sein, es steht ihr ja doch Alles gut!
Und nun, meine liebe Edith, was haben wir hier? Wie ich sehe, sind noch
neue Schtze angekommen!

Whrend die Damen sich in die Besichtigung und Erklrung der
ausgestellten Gegenstnde vertieften, und die Grfin sich nach ihrem
etwas weiter entfernten Tische begab, begann der Saal sich langsam zu
fllen.

Eine groe Anzahl von Herren fand sich ein, unter ihnen die meisten
Vertreter jener Gesellschaft, die am Eingange unserer Erzhlung in der
Weinstube zusammengesessen hatten, auch Raven fehlte nicht, und gab
seine gewohnten ironischen Bemerkungen ber Menschen und Dinge zum
Besten, whrend er an den Verkaufssttten entlang schritt.

Nach einer Weile zeigte sich Ertings unscheinbare Gestalt, im Frack und
weier Halsbinde, eine Rosenknospe im Knopfloch. Er ging langsam von
Tisch zu Tisch, wurde berall gerufen und aufgehalten, und kam endlich
bei seiner Braut an, gleichzeitig mit Raven, der eben die Frstin
begrt hatte, und sich nun neben ihren Sessel placirte.

Nun, Herr Erting, rief sie dem sich tief Verbeugenden entgegen,
Sie kommen doch mit geflltem Beutel? Ich hoffe um so mehr von Ihrem
Wohlthtigkeitssinn, als Sie den Gaben, die Ihnen diese Hand darreicht,
sicher nicht zu widerstehen vermgen.

Erting verhlt sich doch am Ende passiv, sagte Raven fr den verlegen
Verstummten, er wei, da er bereits das Schnste zu eigen hat, was
ihm die Welt bieten kann, was sollte ihn da wohl noch verlocken?

Das steht auf einem andern Blatt, erwiderte die Frstin, whrend ihr
Blick lchelnd Edith streifte, welche durch keine Miene verrieth, ob
sie Ravens Worte berhaupt gehrt, ich rede von Dingen die =gekauft=
werden knnen!

In dem Augenblick glitt ein schmerzlicher Zug ber das bleiche,
schne Mdchengesicht, sie wandte sich hastig ab und suchte in den
Gegenstnden auf dem Tisch umher.

Es blieb dahingestellt, ob Einer der Anwesenden den Doppelsinn der
Worte erfat hatte, oder nicht.

Die Aufmerksamkeit der Frstin richtete sich pltzlich auf den Eingang
des Saales, und sie wandte sich zu Raven.

Ich bitte Sie, Herr von Raven, wer ist der groe, blonde Mann, der
eben eintritt? -- ach, Sie sehen ja nicht hin, dort im Jagdcostm --

Das ist der sogenannte tolle Junker, Baron Rdiger, erinnern sich
Durchlaucht nicht mehr? -- der jetzt Wolfsdorf geerbt hat. Eine
sonderbare Idee, in =diesem= Aufzug hier zu erscheinen!

Jedenfalls eine kleidsame Idee, sagte die Frstin, deren Augen immer
noch den Besprochenen fixirten, das ist eine interessante Erscheinung;
wie kommt es brigens, da man diesen neuen Ankmmling noch gar nicht
zu Gesicht bekommen hat?

Rdiger liebt es, gegen die gesellschaftlichen Formen zu verstoen,
Durchlaucht, sagte Erting etwas bitter, er sucht darin eine gewisse
Originalitt!

Das thut er =nicht=, rief Edith pltzlich mit Energie und tief
errthend, er ist ein Naturmensch durch und durch, und wenn er sich in
seiner sorglosen Weise gehen lt, so ist das eben originell, und er
braucht es nicht erst zu =suchen=, wie Sie sagen!

Erting bi sich auf die Lippen. Die Frstin sah mit einem forschenden
Blick nach dem pltzlich so lebhaft sprechenden Mdchen, und wandte
sich dann zu Raven:

Bringen Sie mir doch diesen seltenen Vogel einmal, Herr von Raven, ich
mchte gern durch den Augenschein urtheilen.

Durchlaucht gestatten wohl, da ich mich fr einige Minuten
beurlaube, sagte Erting rasch, whrend Raven sich anschickte, Rdiger
aufzusuchen.

Die Frstin winkte gndig gewhrend mit der Hand, und wandte sich zu
Edith, als Erting sich entfernt hatte.

Edith, dieser Rdiger sieht unbndig interessant aus, ist es wirklich
eine Jugendliebe von Ihnen? Wie schade dann!

Und ein nicht mizuverstehender Blick folgte der kleinen Gestalt
Ertings.

Durchlaucht sind grausam, erwiderte Edith mit zuckenden Lippen,
habe ich das verdient? Wer mir in der Zeit meiner Verlobung so nahe
gestanden hat, sollte anders denken, oder sprechen!

Edith durfte viel wagen. Die Frstin sah einen Augenblick wie bestrzt
vor sich nieder.

Verzeihen Sie mir, sagte sie dann in ihrer gewohnten leichten Art,
Sie wissen, ich sage gern, was ich denke, und im Moment kam mir die
Idee, welch herrliches Paar Sie Beide -- doch halt, er kommt!

Rdiger trat mit Raven zu der Frstin.

Sie haben uns auf Ihre Bekanntschaft warten lassen, Baron Rdiger,
sagte sie in liebenswrdigem Ton, ich habe Ihren Oheim sehr wohl
gekannt, und wei mich Ihrer selbst aus Ihrer Fhnrichszeit dunkel zu
erinnern! Haben Sie alles Attachement fr alte Bekannte in der Fremde
verlernt?

So wenig, wie die deutsche Sprache, Durchlaucht, erwiderte Rdiger
verbindlich, wenn ich trotzdem ein Versumni beging, so bitte ich, es
in Gnaden der partiellen Verwilderung zuschreiben zu wollen, der man
bei einem Jgerleben, wie ich es seit fnf Jahren fhre, doch nicht
entgeht.

Rdiger kokettirt ein wenig mit dieser Verwilderung, sagte Raven
in seiner gewohnten ironischen Weise, man mu seine tadellosen
Verbeugungen sehen, um zu staunen, da er in Californien Gold gegraben,
in Australien --

Ich bitte, erklren Sie mich nicht, unterbrach ihn Rdiger etwas
kurz, auerdem sagen meine Verbeugungen durchaus Nichts -- man mu mit
den Wlfen heulen -- meinen Sie, ich htte in Amerika nicht mit den
Affen um die Wette klettern, und mit der grten Eleganz Cocosnsse
pflcken und Grimassen schneiden knnen? Dafr ist man eben Kosmopolit!

Die Frstin sah belustigt aus, ihr Interesse an dem schnen,
wildaussehenden Jgersmanne wuchs.

Nun, da Ihnen das Parquet nicht so ganz fremd geworden ist, sagte
sie, sich erhebend, so hoffe ich, Sie fters zu sehen. Wir musiciren
jeden Freitag in kleinem Cirkel, und Sie sind hiermit benachrichtigt,
da Sie erwartet werden. Nun aber mu ich gehen, ich habe mich schon
ber die Gebhr lange bei Ihnen verweilt, Edith, auf Wiedersehen!

Raven geleitete sie zu den anderen Tischen, whrend Rdiger schweigend
vor Edith stehen blieb.

Ich dachte, Sie wollten mir heute berhaupt nicht guten Abend sagen!
nahm sie endlich lchelnd das Wort, ihn anzusehen.

Ich =wollte= auch nicht, aber Ihnen gegenber =mu= ich stets, auch
was ich nicht will! Schtteln Sie nicht wieder den Kopf, erzhlen Sie
mir lieber, wie Ihnen unser gestriger Weg bekommen ist!

Ich liebe keine Reminiscenzen, und heute bin ich auch gar nicht als
Privatperson hier, ich denke, Sie sollen mir viel abkaufen, hier, diese
schne Jagdtasche --

Haben Sie sie gearbeitet?

Sie schttelte den Kopf.

Kennen Sie meine ungeschickten Hnde nicht mehr? Ich verstand stets
besser mit der Reitpeitsche umzugehen, als mit der Nadel! Aber nun
ernstlich, was kaufen Sie?

Nur Eins! erwiderte er langsam, aber fr dieses Eine gebe ich Ihnen
meine ganze Brse preis!

Und das wre?

Sie werden es nicht geben wollen!

Ist es bei den Verkaufsartikeln? frug sie, ahnungslos, was er meinte.

Er lachte.

Ja, es liegt dabei!

Nun, dann habe ich nichts zu geben oder zu verweigern, mein ganzes
Sinnen und Trachten ist auf einen mglichst hohen Preis gerichtet, wo
ist es?

Hier, erwiderte er, und nahm das Camelienbouquet vom Tisch, whrend
er seine gefllte Brse ernsthaft in ihre kleine Geldkasse gleiten lie.

Was machen Sie mit dem Bouquet meiner Braut? sagte pltzlich Ertings
Stimme hinter ihm, ehe Edith Zeit gehabt hatte, Einspruch zu thun.

Ich habe es gekauft, sagte Rdiger, und blickte herausfordernd auf
seinen kleinen Rivalen nieder.

Edith mischte sich hastig ein.

Thorheit, Baron Rdiger, Sie muten selbst sehen, da ich nicht daran
denken konnte, Ihnen diesen Gegenstand zu verkaufen -- legen Sie
gleich das Bouquet wieder her! Es war nur ein Scherz, wandte sie sich
verwirrt an Erting.

Das Bouquet ist mein, erwiderte Rdiger, ohne sich an Ertings
zornbleiche Miene zu kehren, dort liegt meine Brse, Geschft ist
Geschft, Herr Erting, das mssen Sie als Kaufmann doch am besten
wissen!

Sie sind unartig, Gerald, fiel Edith wieder hastig ein, und ich
allein habe das Recht, hier zu entscheiden. Legen Sie das Bouquet
wieder her, ich mag Ihr Geld nicht haben, auf sophistischem Wege bin
ich nicht wohlthtig! Sie hielt ihm die Brse hin.

Das Bouquet, wiederholte sie.

Geben Sie das Bouquet her, sagte Erting gleichzeitig, mit vor Wuth
fast erstickter Stimme, haben Sie ein Recht darauf, oder ich?

Leider Sie! erwiderte Rdiger lachend und hielt den fraglichen
Gegenstand hoch in die Hhe, aber trotzdem bleiben diese Blumen mein,
ich wrde ebenso gern meinen Kopf hergeben, wie auch nur ein einziges
Blttchen aus dem Strau! Geben Sie sich keine Mhe, Erting, Sie knnen
ihn gar nicht erreichen!

Genug, sagte Edith jetzt schnell und besorgt, da sie sah, da Erting
aufs Aeuerste gereizt war, ich =befehle=, da Sie die Blumen meinem
Brutigam geben, Gerald!

Sie hatte noch nie mit diesem Ausdrucke von Erting zu Rdiger
gesprochen, sein schnell entfachter Zorn loderte auf. Er nahm den
Strau und die schwere Brse, und mit dem heftigen Ausruf: So soll sie
Niemand haben! schleuderte er Beides durch das geschlossene Fenster
in den Garten und verlie dann den Saal, ohne irgend Jemand Lebewohl
gesagt zu haben, whrend die ganze Gesellschaft stumm und entsetzt dem
tollen Junker nachsah, der sich eben wieder seines Namens so werth
gezeigt hatte.

Die Frstin, welche am andern Ende des Saales beschftigt gewesen,
hatte sich beim Klirren der Fensterscheibe rasch und erstaunt
umgewendet, und sandte jetzt Raven ab, um den Grund dieser Strung zu
erfahren. Als er mit dem Bericht zu ihr zurckkehrte, lachte sie hell
auf:

Kstlich, Herr von Raven, dieser Rdiger ist wirklich ein Original!
Aber wie erfrischend wirkt das in unseren nchternen Kreisen!

Ich frchte, Durchlaucht, da Herr Erting die Sache nicht in diesem
Sinne auffassen wird, sagte Raven, er schumte geradezu vor Wuth, und
seine Mutter, die eben eintrat, um das Bouquet des Shnchens fliegen zu
sehen, war mindestens ebenso emprt! Wenn die Sache nur nicht ernstere
Folgen hat!

Das wre ja abscheulich! rief die Frstin lebhaft, und gerade
jetzt, wo ich mir vorgenommen habe, den interessanten Goldgrber zu
unseren kleinen Festen heranzuziehen; eine derartige Differenz wrde
Alles zerstren. Das mu verhindert werden, um jeden Preis! Ich
werde die Familie Erting vershnen, Herr von Raven, ich bringe der
Auergewhnlichkeit ein Opfer!

Sie ging lachend davon, und Raven folgte ihr, etwas ingrimmig murmelnd:
Besonders, wenn diese Auergewhnlichkeit ein so hbsches Gesicht
hat, da opfert man sich mit Leichtigkeit!

Aber Ludwig Erting war bereits den suchenden Augen der Frstin
entrckt. Er fate den Arm seiner Mutter und zog sie mit sich hinaus.

Ich gehe nach Haus, sagte er auf ihren verwundert fragenden Blick.

Und Edith? Ich wei nicht wie du bist, Ludwig, du wirst doch deine
Braut nicht allein hier lassen!

Ich gehe nach Haus, wiederholte er heftig, fr heute habe ich wieder
einmal genug von dem vornehmen Brautstand. Was, ich soll mich wohl von
dem infamen Abenteurer, dem Rdiger, wie einen Schuljungen necken und
zerren lassen? Mutter, ich sage dir, es geht nicht gut; wenn =du= nicht
merkst, da man sich hier ber uns lustig macht, =ich= merke es, und
was habe ich denn davon?

Aber Ludwig, rief die erschrockene Frau, die whrenddessen mit dem
zornigen, kleinen Sohn ihren bereitstehenden prchtigen Wagen bestiegen
hatte, und nun an seiner Seite durch die Straen rollte, Ludwig,
hast du denn gar kein Gefhl fr die Ehre, die dir geschieht, wenn du
eine solche Heirath machst? Du mut doch steigen wollen und in hhere
Sphren kommen, mein liebes Kind -- ich will ja nur dein Glck, wenn
ich dir dazu rathe!

Du meinst es gut, Mutter, das wei ich, sagte er, schon ruhiger,
und es ist ja auch mglich, da eine Heirath mit Edith ein Glck
ist, in manchem Sinne! Aber ich denke jetzt oft, es wre besser fr
mich, ich htte mich nicht von dir bereden lassen, aus meinem Kreise
herauszugehen, durfte ich nach meinem Sinne whlen, so wre ich spter
einmal Herr in meinem Hause, und nicht, was ich hier immer sein werde,
der Mann meiner Frau, die ja sehr schn, sehr vornehm und sehr klug
ist, die aber wenigstens zehn Stufen herunter steigen mu, um sich mir
gleich zu dnken. Das ist nichts fr mich, Mutter, aber wir wollen
nicht weiter davon sprechen. Geschehene Dinge sind nicht zu ndern!

Die Mutter schwieg auf diesen Ausbruch eines lange verhaltenen Aergers,
einfach, weil sie nichts darauf zu erwidern wute.

Dann aber fhlte sie doch das Bedrfni, ihren Sohn zu beschwichtigen.
Sie legte Ludwig die Hand auf die Schulter.

Mein liebes Kind, sagte sie ngstlich, so sei doch nicht so heftig!
Da ich nur dein Glck im Auge hatte, als ich dich zu der Verlobung mit
Edith drngte, weit du ja! Und warum solltest du nicht glcklich mit
ihr werden? Ist sie nicht das schnste und liebenswrdigste Mdchen,
das die ganze Provinz aufweisen kann? Und so distinguirt, so viel
_chic_!

Mutter, thu mir die einzige Liebe, und sei nicht vornehm, so lange wir
unter vier Augen sind! Dir steht es nicht, und mir gefllt es nicht,
und auerdem gehrt das _chic_ und was du sonst sagst, nicht zur Sache.
Antworte mir einmal einfach: glaubst du, da Edith mich liebt?

Frau Erting wurde verlegen, als die ehrlichen, kleinen Augen des Sohnes
sich so fest auf sie richteten.

Was verstehst du unter lieben? frug sie ausweichend.

Nun, ungefhr, was =du= darunter verstandest, als du meinen Vater
heirathetest, der ein armer Mensch war, und dir keine glnzende
Existenz bieten konnte! Oder ungefhr, was =ich= darunter verstand, ehe
Martha unter fremde Leute gehen mute, damit ich eine vornehme Heirath
machen konnte!

Ludwig, sagte die Mutter, jetzt fast ebenso heftig, als vorhin der
Sohn, reize mich nicht! Willst du deine Verlobung mit Edith Brandau
rckgngig machen, so thue es, ich kann dir nichts befehlen, aber ich
kann dir etwas verbieten! Du hast mir am Todtenbette deines seligen
Vaters versprochen, nicht gegen meinen Willen zu heirathen, und wenn
ich den bittersten Kummer erleben sollte, dich als Junggesellen sterben
zu sehen, meine Einwilligung zu einer Heirath mit Martha Erting
erhltst du nie! So lange du ledig bleibst, kann ich sie aber natrlich
nicht wieder ins Haus nehmen. An deinem Hochzeitstage, das verspreche
ich dir, will ich an sie schreiben, und sie zurck holen lassen; also
du hast es in deiner Hand, wie lange Martha unter fremden Leuten sein
soll! Ich dachte, du httest dir diesen Unsinn nun nachgerade aus dem
Kopf geschlagen!

Reden wir nicht mehr davon, sagte Erting finster, ich habe mich
vergessen! Eins aber sage ich dir, Mutter, wenn mir dieser bermthige
Junker, der Rdiger, noch ein einziges Mal zu nahe tritt, oder sein
unverschmtes Hofmachen bei meiner Braut fortsetzt, so werde ich ihm
zeigen, da man Courage haben kann, auch wenn man nicht baumlang und
baumstark ist! Ich fordere ihn auf Pistolen, Mutter -- du weit, ich
habe noch kein solches Ding in der Hand gehabt, und wenn er mich
todtschiet, so hast du wenigstens das trstliche Bewutsein, da ich
vornehm umgekommen bin!

Der Wagen hatte whrend dieser Rede gehalten, und Ludwig half Frau
Erting aussteigen.

Gute Nacht, Mutter, sagte er dann, da kommt schon einer von unseren
Herrn Bedienten; ich will noch zu Gerhold, ein Glas Wein wird mir
heute ganz dienlich sein!

Und damit wandte er sich ab und ging die Strae hinunter, whrend die
Mutter, halb entsetzt, halb stolz ber den heldenmthigen kleinen
Eisenfresser, im Hause verschwand.


                                            Entflieh' mit mir!

Die Frstin lie es seit dem Bazartage nicht an Gelegenheiten fehlen,
die gefhrlichen Zusammenknfte zwischen dem Brautpaar und Rdiger zu
veranlassen. Theils hatte sie, trotz ihrer vierzig Jahre, noch jenes
kleine _faible_ fr Rdiger, welches er fast bei jeder Frau, mit der
er in Berhrung kam, hervorrief, theils auch ergtzte es sie, die
Reibereien und Intriguen zwischen Erting und Rdiger zu beobachten. So
jagten sich denn Lese- und Musikabende, Schlittenfahrten und Eisfeste
nach einander, und immer war der tolle Junker der Held aller dieser
Festivitten.

Wie Edith, die in jenen Gesellschaften mit Gerald las und musicirte,
und sich seinem eigenartigen Wesen unbefangener als je hingab, dachte,
das wute Niemand. Die khle, vornehme Zurckhaltung ihres Wesens
htte jede Frage von vorn herein zurckgewiesen, und ob sie selbst
sich fragte? Sie lie sich von dem glnzenden Strome der Gegenwart
dahin tragen, wie in einem Traume, in dem uns schon bewut ist, da
wir bald erwachen werden, den wir aber mit um so grerem Entzcken
weiter trumen. Das dunkle Gefhl, da die Wellen dieses Stromes sie
vielleicht pltzlich erfassen und in den Abgrund ziehen knnten,
kam ihr nur selten, und wurde so schnell wieder unterdrckt, wie es
entstand.

Als eine Art Abschiedsfest hatte noch so eben ein glnzender Maskenball
die Gesellschaft vereint. Unmittelbar von diesem Balle aus kehrte
Edith, die mehrere Tage bei der Frstin gewohnt hatte, nach Brandau
zurck.

Der Maskenball war glnzend und es herrschte nur =eine= Stimme vollster
Befriedigung. Die Frstin, die als Maria Stuart durch die Zimmer
rauschte, hatte das Signal zum Demaskiren noch nicht gegeben. Sie
selbst war natrlich sofort erkannt worden, zu ihrem geheimen Verdru,
und so blieb ihr nichts brig, als, auf eigene Abenteuer verzichtend,
solche in mglichst groer Zahl unter ihren Gsten anzustiften.

Edith hatte auf den dringenden Wunsch der Frstin einen altdeutschen
Anzug gewhlt, und als sie jetzt in ihrem lichtblauen, faltenreichen
Gewande, mit den herabhngenden, schweren Goldflechten sinnend am
Fenster lehnte, htte allerdings das Gretchen nicht reizender gedacht
werden knnen. Der dieser Erscheinung widersprechende Zug von Stolz
und Herbheit, der Ediths Wesen sonst leicht kennzeichnete, war durch
den wehmthigen Gedanken an den so nahe bevorstehenden Abschied von
der Mdchenzeit zu einer weichen Lieblichkeit gemildert, die ihr einen
neuen und geradezu hinreienden Zauber verlieh.

Erting zu erkennen, war ihr sofort gelungen, er hatte, mit richtigem
Takt, einen einfachen schwarzen Domino gewhlt, aber seine schchterne
Unbehlflichkeit lie ihm selbst diese anspruchslose Tracht als eine
Prtension erscheinen. Er stand, sich entschieden unbehaglich fhlend,
am Fenster des zu ebener Erde gelegenen Ballsaales und blickte in
die Schneenacht hinaus. Edith trat mit jenem, aus freundschaftlicher
Zuneigung und Mitleid gemischten Gefhl, welches sie stets fr ihn
empfand, auf ihn zu.

Nun, Ludwig, haben Sie mich wirklich noch nicht erkannt, oder wollen
Sie sich Ihre Maskenfreiheit wahren? sagte sie, und legte ihre kleine
Hand auf seine Schulter.

Er wandte sich hastig um und nahm die Larve ab; es lag ein Zug von
trbem Nachdenken auf seiner Stirn.

Wollen Sie mich daran erinnern, da es mit unserer Freiheit berhaupt
bald zu Ende ist? sagte er in einem Tone, der scherzhaft sein sollte,
aber bitter klang.

Was haben Sie, Ludwig? frug Edith halb erstaunt und halb verletzt,
indem sie einen Schritt zurck trat. In dem Moment fiel ihr Blick auf
eine hohe Gestalt in der dsterschnen Tracht eines spanischen Granden.
Eine tiefe, jhe Rthe scho ihr sinnverwirrend in den Kopf, und war
trotz der Larve wohl zu bemerken.

Was ich habe? gab er finster zurck, sehen Sie einmal in den
Spiegel, Edith, aber jetzt, in diesem Augenblicke, und fragen Sie sich,
was ich habe, wenn das Mdchen, das in drei Tagen meine Frau sein
wird, beim Anblick eines Anderen so tief errthet -- Sie haben sich zu
frh demaskirt!

Sie richtete sich auf und wollte ihn ohne ein weiteres Wort verlassen,
aber ihr ehrliches Herz sagte ihr, da er so Unrecht nicht habe! Sie
bezwang sich und blieb.

Ludwig, seien Sie nicht hart, sagte sie, fast bittend, Sie kennen
mich genug, um zu wissen, da ich bei jedem berraschenden Wort oder
Anblick roth werde, und das unertrgliche Gefhl, da Sie mich stets
beobachten, wenn Gerald kommt --

Ach was Gerald -- Gerald, rief er heftig, Sie brauchen den Baron
nicht beim Vornamen zu nennen, ich kann diese Jugendfreundschaft nicht
leiden, die er zum Vorwand nimmt, um Ihnen vor Aller, und auch vor
meinen Augen in der unerhrtesten Weise den Hof zu machen! Sie werden
ihn nicht mehr beim Vornamen nennen, und Sie werden heute Abend nicht
mit ihm tanzen!

Edith war leichenbla geworden.

Sie demaskiren sich gleichfalls ein wenig frh, sagte sie langsam und
eiskalt, aber noch brauche ich mir in solchem Tone nichts befehlen zu
lassen, ich werde Gerald Rdiger beim Vornamen nennen, und werde mit
ihm tanzen, bis Sie mir wirklich etwas zu befehlen haben!

Und mit einem hochmthigen Kopfneigen trat sie aus der Fensternische,
und nahm Geralds Begrung mit um so seltsameren Gefhlen entgegen,
als der leidenschaftlich entzckte Ausdruck, mit dem er sie erkannte,
schneidend von dem Wesen Ertings abstach.

Das Orchester begann einen rauschenden Walzer zu spielen, man
demaskirte sich, und als Rdiger jetzt mit Edith durch den Saal flog,
da folgten Aller Blicke bewundernd und -- bedauernd dem herrlichen
Paar, welches dem feurigen Rhythmus des Tanzes so anmuthig nachgab, und
jetzt stillstehend, unwillkrlich an zwei schlanke Edeltannen denken
lie, die neben einander und fr einander gewachsen schienen.

Noch nie hatten Beide, Rdiger und Edith, es so klar empfunden, was
sie einander waren, als an diesem Abend, wo das schmerzliche Gefhl
des letzten Males ihrem Beisammensein einen erhhten Reiz verlieh.
Noch nie hatte Rdiger es so offen gewagt, von seiner Leidenschaft zu
sprechen -- und Edith, im Gefhl einer an ihn begangenen Hrte, wies
ihn nicht zurck!

Und bermorgen ist Ihr Polterabend! sagte Gerald jetzt ohne
Uebergang, als er Edith den Arm bot, und langsam mit ihr durch den Saal
nach einem khleren Zimmer schritt. Sie lie sich ermdet in einen
Sessel gleiten, und wehte sich mit ihrem groen Fcher Khlung zu, ohne
zu antworten. Erlauben Sie! sagte er jetzt, und nahm den Fcher aus
ihrer Hand, das pat nicht fr Gretchen -- berlassen Sie es Faust!

Sie sind nicht Faust! erwiderte sie lebhaft, und richtete sich auf,
um ihn anzusehen.

Vielleicht doch! Die Frstin wollte mich wenigstens sofort dafr
erkennen, freilich hat sie mir dies Kostm auch warm genug empfohlen!

Abscheulich! rief Edith errthend, weil sie wute, da es Ludwig
krnken wrde!

Und warum soll Ludwig sich nicht krnken lassen? sagte Rdiger
hhnisch, soll ich das ganz allein thun?

Sie brauchen sich ja auch nicht zu krnken!

Das ist auch nicht das Wort fr meine Empfindungen: ich grme mich,
ich habe die rasendsten Plne; wenn Sie ahnten, wie es in meinem Kopf
und Herzen aussieht!

Ich bin gar nicht neugierig! erwiderte sie anscheinend ruhig, aber
mit leicht bebender Stimme, berdies kann ich es mir denken!

Nun, wie sieht es darin aus? Sagen Sie wahr!

Toll, nicht? Das ist ja Ihr gewhnlicher Zustand!

Und wenn es wre? Wer hat mich toll gemacht? Edith, ich gebe Ihnen
eine letzte Bedenkzeit, sagen Sie mir, da Sie mich lieben, da Sie
Erting nicht heirathen wollen, und Alles ist gut! Sonst fllt die
Verantwortung fr jede, auch die grte Thorheit und Schlechtigkeit,
die ich von jetzt ab begehe, auf Ihr Haupt, vergessen Sie das nicht!

Sie schttelte still den Kopf, ohne zu sprechen, aber in dem Zittern
der kleinen Hnde, die zusammengefaltet, unthtig im Schoe lagen,
verrieth sich der tiefe, peinvolle Zwiespalt, in den seine Worte sie
versetzten.

Entscheiden Sie sich, Edith, fuhr er athemlos vor Aufregung fort,
ich gebe Ihnen eine ganze Minute, sechzig Secunden; glauben Sie, da
ich den zehnten Theil so lange brauchte, um zu wissen, ob ich Ja oder
Nein sagen sollte? Ein Wort, Edith, er blickte sich hastig um, sie
waren allein im Zimmer, ein Wort und ich gehe mit Ihnen davon, mein
Schlitten ist hier, Sie kennen den alten Job, meinen Diener, er fhre
mich zum Teufel in die Hlle, wenn ich wollte! Der Saal ist zu ebener
Erde, durchs Fenster knnen wir fort, wie nichts! Ich pfeife und der
Schlitten ist hier! Noch zwanzig Secunden, Edith, ehe die aber um sind,
drfen Sie auch kein Wort sprechen!

Sie schnitt ihm die Rede ab, indem sie sich hastig erhob.

Genug, Baron Rdiger, sagte sie mit gepreter Stimme, Sie beleidigen
mich tief, tdtlich, wenn Sie noch eine einzige Silbe sagen! Was, Sie
haben es fr mglich gehalten, da ich, die Braut eines Andern, mit
Ihnen davonlaufen wrde, um die drre Wahrheit zu sagen? Und nicht
nur fr mglich, fr wahrscheinlich haben Sie es gehalten, fuhr sie
fort, indem sie ihn durch eine stolze Handbewegung schweigen hie, auf
wen wartet Ihr Schlitten, wenn nicht auf mich? Ich glaubte doch, Sie
kennten mich besser, Baron Rdiger! Und jetzt darf ich Sie wohl bitten,
mich zu meiner Mutter zu begleiten, Sie haben mich hart dafr gestraft,
da ich Ihnen die Rechte alter Jugendfreundschaft so vertrauend
einrumte.

Er bot ihr schweigend den Arm, an der Thr stand er still und zwang sie
dadurch, gleichfalls stehen zu bleiben.

Edith, verzeihen Sie mir, sagte er rauh und ohne sie anzusehen,
es war ein verzweifelter Versuch, Sie zu gewinnen, ich habe nicht
berlegt, da Sie der Gedanke krnken mute; was blieb mir schlielich
brig? Verzeihen Sie mir, wiederholte er zornig, als sie schwieg und
vor sich niederblickte. Sagen Sie, da Sie mir verzeihen oder es wird
nicht gut!

Er prete bei diesen Worten ihren Arm so heftig an sich, da sie einen
leisen Schmerzensschrei ausstie. Hastig lie er sie los.

Sehen Sie, sagte er mit erzwungenem Lcheln, aber ohne sich zu
entschuldigen, was davon kommt, wenn man mir den Willen nicht thut?
Aber jetzt noch einmal, Edith, verzeihen Sie mir, wir sind fr lange
Zeit das letzte Mal zusammen gewesen -- gnnen Sie mir diesen einen
armen Abend aus Ihrem ganzen reichen Leben. Ich will heute noch einmal
vergngt sein, ich reise in dieser Nacht ab!

Weshalb? frug sie berrascht, und sah zu ihm auf.

Was soll ich noch hier? Ihr Brautfhrer sein? Sie taxiren mich denn
doch etwas zu zahm, Edith! =viel= zu zahm, wie Sie noch einmal einsehen
werden! Aber Sie haben mir noch nicht geantwortet, verzeihen Sie mir?
Hlle und Teufel, wie oft soll ich fragen?

Noch oft, und in ganz anderem Ton, ehe ich antworte, erwiderte sie
kalt.

Nun, dann bin ich zu Ende, rief er trotzig und wild, thun Sie was
Sie wollen, aber wundern Sie sich nicht, wenn ich es auch thue!

Er strmte fort, und Edith folgte ihm langsam, mit wildschlagendem
Herzen. Eine unbestimmte Furcht schien sich wie ein Bleigewicht an ihre
Schritte zu hngen. Als sie beim Eintreten in den Saal ihre Mutter
nicht sofort sah, sondern nur Erting erblickte, ging sie, in einem ihr
sonst fremden Gefhle der Schutzbedrftigkeit zu ihm, und legte ihre
Hand in seinen Arm.

Ludwig, Sie drfen mich nicht so viel allein lassen, sagte sie, was
soll man davon denken?

Sie lieen mich allein, erwiderte er, halb vershnt durch ihr
Einlenken, -- aber es soll mir um so lieber sein, wenn ich jetzt in
Ihrer Nhe bleiben darf! Geben Sie mir den nchsten Tanz, es ist eine
Quadrille!

Gern, sagte sie, erleichtert, da er ihr nicht mehr grollte, sehen
Sie sich, bitte, nach einem _vis--vis_ um, ich erwarte Sie bei Mama!

Er geleitete sie zur Grfin Brandau, die inzwischen wieder in den Saal
getreten war. Dann ging er, sich einer Gruppe von Herren zugesellend,
zu der auch Rdiger gehrte.

Edith beobachtete einige Augenblicke die Plaudernden mit angstvoller
Spannung, aber da nichts Aufflliges zu bemerken war, wandte sie sich
ihrer Mutter zu, und bemhte sich, die kritischen Bemerkungen zu
belcheln, welche die Grfin schonungslos ber Alt und Jung laut werden
lie.

Das Zeichen zur Quadrille ertnte von dem hoch placirten, durch
Orangerie fast versteckten Orchester. Die verschiedenen Gruppen im Saal
geriethen in Bewegung, ein Paar nach dem andern stellte sich auf, Edith
warf einen suchenden Blick in den Saal hinein, Erting kam nicht, und
sie vermochte ihn auch nicht zu entdecken.

Verwundert und etwas rgerlich wollte sie sich eben zurck ziehen, als
Raven zu ihr trat.

Nun, gndigste Comtesse, Sie verschmhen diesen Tanz?

Sagen Sie lieber, der Tanz oder mein Tnzer verschmht mich, sagte
sie lchelnd, ich habe die Quadrille meinem Brutigam zugesagt, und er
scheint dies vergessen zu haben!

Erting? O, der wird sofort kommen, er wurde eben abgerufen, weil ihn
Jemand auf einen Augenblick zu sprechen wnschte, mag sein, da die
Unterredung sich ein wenig in die Lnge zieht!

Ah so! erwiderte Edith beruhigt, nun, plaudern wir, bis er kommt,
Herr von Raven, oder besser, plaudern Sie, Sie verstehen das ja so
meisterhaft!

Raven verbeugte sich.

_Tempi passati_, meine gndigste, _tempi passati_, jetzt berlt man
es jngeren Krften!

Die Quadrille nahm inde ihren Fortgang. Ediths anfngliches Befremden
ber das Ausbleiben Ertings wich nach und nach dem Zorn. Mochte er in
noch so dringenden Angelegenheiten abberufen sein, ein Moment fand sich
doch wohl, mute sich finden, um der Braut Aufklrung zu geben, was ihn
verhindere!

Irgend eine Brsennachricht, dachte sie bitter, das ist wichtiger,
als Hflichkeit und Rcksichten! Man wird zum Cavalier geboren, das
lt sich eben spter nicht anlernen!

Als der Tanz vorber war und sie Raven mit seinen vielen
Unbegreiflich, unerklrlich, unverzeihlich entlassen hatte, trat
Rdiger zu ihr. Ihre Augen verriethen die innere Erregung, ein zartes,
aber doch tiefes Roth frbte ihre Wangen.

Rdiger sah mit unverhohlenem Entzcken in ihr Gesicht. Wenn sie,
als er sich ihr nahte, eine leise Befangenheit in seinem Wesen zu
erkennen geglaubt hatte, so war diese verflogen, er sah lustiger und
bermthiger aus, wie je!

Darf ich Sie zum Souper hinber fhren? frug er, indem er ihr
Spitzentuch vom Sessel nahm und ihr umgab.

Das drfen Sie, sagte Edith, gegen ihr besseres Gefhl, ich bin ja
ohne Cavalier; Herr Erting hat, Gott wei warum, den Ball verlassen,
ohne ein Wort der Aufklrung an mich!

Hat er das?

Und weiter sagen Sie nichts? Ist es nicht unerhrt rcksichtslos?

Sie wissen, ich flle nie scharfe Urtheile, sagte Rdiger, der sie
zu ihrem Platze geleitet hatte, er konnte zwingende Grnde haben!
Jedenfalls rechnen wir mit Thatsachen -- er ist fort, ich bin da, es
lebe die Gegenwart!

Er hielt sein berschumendes Champagnerglas hin, und das ihrige klang
leise dagegen. Er leerte es in einem Zuge, und noch eins, er steigerte
sich zu fast fieberhafter Frhlichkeit, sein Lachen klang durch den
Saal, und noch nie hatten die blauen Augen des tollen Junkers so
geblitzt, wie an diesem Abend.

Edith gab sich voll und rckhaltslos dem Zauber der Minute hin, sie
fhlte ein Recht dazu, da Erting sie so rcksichtslos, so gleichgltig
verlassen hatte, und die Stunden flogen vorber, leicht und glnzend,
wie die Schneeflocken, die drauen dicht und dichter niederfielen.

Endlich gab die Frstin das Zeichen zum Aufheben der Tafel und zugleich
zur Beendigung des Festes.

Whrend man sich empfahl und der Saal sich zu leeren begann, trat
Rdiger noch einmal zu Edith.

Ich darf Sie und Ihre Mutter nach Hause fahren?

Ich glaubte, Sie verreisten heute Abend?

Das thue ich auch, aber es bleibt mir trotz dessen noch Zeit, wenn ich
Sie erst nach Brandau bringe, ich bentze dann einen spteren Zug.

Aber Edith war inzwischen zu ruhigerem Besinnen gekommen. Sie
schttelte den Kopf.

Nein, Baron Rdiger, ich danke Ihnen! Ich bleibe heute noch bei der
Frstin, es ist mir zu spt geworden, um nach Brandau hinaus zu fahren,
und meine Mutter hat gleichfalls die freundliche Einladung angenommen,
im Schlo zu bernachten. Wir knnen uns also Ihrem Schutze nicht
anvertrauen.

Wie Sie befehlen, sagte Rdiger, ohne zu ihrer Ueberraschung noch mit
Bitten in sie zu dringen, dann fahre ich von hier direct zur Bahn, und
fort. Leben Sie wohl, Edith, auf Wiedersehen!

Ein weiter Begriff, wenn Sie mehrere Tage fortbleiben, sagte sie mit
etwas mhsamem Lcheln, wir reisen gleich nach der Trauung fr den
Rest des Winters nach Italien.

Gleich nach der Trauung, und fr den ganzen Winter? O, wie schade!
Nun, der Frhling kommt ja auch ins Land, Comtesse, und berdies, wer
darf so sicher sagen, was er thun wird? Sie knnen Ihre Entschlsse
auch noch ndern. In jedem Falle, leben Sie wohl!

Was war das? Dieser khle, fast vergngte Ton, in dem er, der sie noch
vor wenig Stunden wie auer sich beschworen hatte, mit ihm zu fliehen,
jetzt ihre Hochzeitsreise besprach -- war dies Comdie, oder alles
Vorhergegangene? Nun, sie wollte sich nicht bertreffen lassen.

Leben Sie wohl! sagte sie frostig, und reichte ihm die kleine Hand im
Handschuh, die er ehrerbietig an die Lippen fhrte. Aber als er sich
wieder aufrichtete, und zurcktrat, so edel, stolz und fest in jeder
Bewegung, da stand die gewaltsam bekmpfte Liebe in ihrem Herzen noch
einmal auf, mit bitterem Schmerz bei dem Gedanken: Du siehst ihn =nie=
wieder, wie Ihr Euch heut gesehen! und sie gab ihm nochmals die Hand:

Gott behte Sie, Gerald, auf allen Ihren Wegen -- und wandte sich
hastig ab, whrend er eben so rasch das Zimmer verlie, und seinen
Mantel umwerfend, die Freitreppe nachdenklich hinunter schritt.

Auf seinen leisen Pfiff fuhr ein kleiner Schlitten vor. Der graubrtige
Kutscher schlug schweigend das Tigerfell zurck, und gab seinem Herrn
die Zgel. Beide vermieden es sorgfltig, einander anzusehen.

Vorwrts! rief Rdiger, und die Pferde zogen an. Pfeilschnell flog
der Schlitten ber die dichte Schneedecke, zur Stadt hinaus. Lautlos
sauste das Gefhrt ber die Landstrae, im kalten Vollmondlicht von
seinen gespenstischen, kohlschwarzen, jagenden Schatten begleitet.
Eine scharfe Biegung des Weges brachte den Schlitten in den stummen,
funkelnden Wald, der Mond verschwand hinter den schwarzen Tannen, und
ein Ruck mit den Zgeln lie die Pferde langsam gehen. Schon stieg das
Wolfsdorffer Schlo, in seinem Schneemantel seltsam und ungestaltet
aussehend, vor den Blicken Rdigers auf. Er zog den Hut tiefer ins
Gesicht, und wandte sich zu seinem Kutscher.

Job!

Gndiger Herr?

Alles ruhig oben?

Nein, gndiger Herr!

Was macht er denn, Job?

Er flucht, gndiger Herr, und wirft die Stiefel gegen die Thren. Zwei
Fenster hat er auch schon eingeschlagen.

Rdiger bi sich auf die Lippen und schwieg. Nach einer Pause, die den
Schlitten wieder nher an das Schlo brachte, begann er von Neuem.

Job!

Gndiger Herr!

Warum sagst du nichts?

Ich wei nichts, gndiger Herr!

Job, mir ist verflucht ungemthlich zu Muthe!

Das glaub' ich, gndiger Herr!

Der Baron peitschte pltzlich wie wthend auf die Pferde, da sie im
Sturmschritt hinflogen, bis das Schlo erreicht war. Der gellende Ton
der Pfeife bte auch hier seine Wirkung. Langsam und kreischend wurde
die Zugbrcke herabgelassen, der Schlitten sauste in den Schlohof, die
Zugbrcke ging empor und nun war Rdiger zu Hause.

Ein zweiter Diener, eben so alt und verdrielich aussehend, wie Job,
trat ihm mit einer Lampe entgegen, die einen breiten, rthlichen
Schein ber den Schlohof fallen lie. Rdiger schttelte sich die
Schneeflocken vom Hut und aus dem Gesicht, warf dem Diener den Mantel
zu, und ging langsam die breite, halbdunkle Treppe hinauf, die nach den
Wohnrumen fhrte. Der Diener folgte ihm mit der Laterne.

Oben angelangt, blieb der junge Schloherr stehen. Wenn er htte sehen
knnen, welch seltsam malerischen und schnen Anblick er in seiner
altspanischen Tracht, an der dunkeln, geschnitzten Holztreppe lehnend,
darbot, er htte sich mglicher Weise gefreut, wahrscheinlicher aber
ist es, da es ihm in seiner momentanen Stimmung hchst gleichgltig
gewesen wre.

Er entlie den Diener mit einer kurzen Handbewegung und schritt dann,
nachdem er noch einen Augenblick nachdenklich gestanden hatte,
den langen, hallenden Gang herunter, der nach dem unfreiwilligen
Aufenthaltsort seines Gastes fhrte. An einem Zimmer, ber dessen Thr
sich ein Spitzbogen von Sandstein wlbte, hielt er an, schlo auf und
klopfte gleichzeitig.

Wer ist da? rief Ertings Stimme von drinnen, zwischen Aengstlichkeit
und Wuth.

Ich, Gerald Rdiger, Herr Erting, -- wollen Sie --

Es blieb ihm nicht Zeit den Satz zu vollenden, die Thr wurde
aufgerissen, und Erting stand dicht vor ihm, in dem ungewissen
Mondlicht, welches sein vom Zorn bleiches Gesicht noch weier
erscheinen lie.

Wo haben Sie Ihre Pistolen? knirschte er, indem er Miene machte, sich
auf Rdiger zu strzen, wo haben Sie Ihre Pistolen, ich will nicht
mehr leben, wenn ich nicht an Ihnen Rache nehmen darf!

Rdiger war so versteinert ber diesen Wuthausbruch, da er im ersten
Moment kein Wort fand, um zu erwidern. Erting mochte das fr den
kalten Hohn des Siegers dem Besiegten gegenber halten, er kam wie ein
Rasender auf Rdiger zu, und packte ihn am Arm.

Wollen Sie mir sofort Genugthuung geben fr den Schimpf, den Sie mir
angethan haben, oder soll ich Sie dazu zwingen?

Er hob drohend die Hand, Rdiger trat einen Schritt zurck, noch sehr
ruhig, wie es schien.

Seien Sie nicht toll, Erting, ich schiee mich nicht mit Ihnen!

Weshalb? weil Sie der Strkere sind? Ich will keine Schonung!

Nein, einmal, weil wir keine Secundanten und keinen Arzt zur Stelle
haben, von einem Duell also keine Rede sein kann, sodann aber, weil Sie
mit Schiegewehr nicht umzugehen wissen, und ich kein Vergngen daran
finde, einen Wehrlosen niederzuschieen.

Wenn Sie Vergngen daran finden, einen Wehrlosen durch Ihre Leute
knebeln und fortschleppen zu lassen, so ist das reichlich eben so
feige!

Erting, nehmen Sie sich in Acht, rief Rdiger, auf dessen Stirn eine
unheilverkndende, dstre Rthe erschien, ich dulde heute Viel von
Ihnen, weil Sie der Beleidigte sind, aber nicht Alles!

Sie wollen sich nicht mit mir schieen? schrie Erting mit fast
erstickter Stimme, als der Andere sich abwendete, und im Begriff stand,
das Zimmer zu verlassen.

Nein! erwiderte Rdiger kurz, er fhlte, da er keine Silbe mehr
sagen durfte, ohne in Zorn auszubrechen.

Wer hat die Schonungsparole ausgegeben? fuhr Erting, sinnlos vor
Wuth, fort, Edith, ich sehe jetzt klar, sie war doch jedenfalls im
Complott, als es galt, den unbequemen Brutigam fortzuschaffen!

Genug! sagte Rdiger todtenbleich und fest, Sie haben einen Namen in
unseren Streit hineingezogen, der es mir unmglich macht, Ihnen noch
ferner Genugthuung zu verweigern, ich werde die nthigen Anordnungen
treffen. Erwarten Sie mich hier, Sie haben es so gewollt!

Er verlie das Zimmer, und Erting blieb allein zurck, in einem
Tumult von Empfindungen, der ihm fast den Verstand zu rauben drohte.
Ueberwiegend war immer noch die furchtbarste Wuth und Entrstung, die
aber in der Voraussicht, seinen Rachedurst khlen zu knnen, ja zu
mssen, bereits nachzulassen begann.

Blitzschnell jagten sich die Gedanken, was wird man zu Hause von dir
denken? in welchem Lichte mut du Edith erscheinen? denn im Innern
hatte er an ihre Mitwissenschaft nicht geglaubt! Dann kamen andere
Bilder -- wenn er nun hier fiel! er, der dem Waffenhandwerk gnzlich
Fremde, dem besten Schtzen auf Meilen in der Runde gegenber! Was
wrde seine Mutter sagen? was Martha, die kleine, gute Cousine, die er
geliebt, ehe er in diesen wsten Traum verflochten wurde? Er starrte
auf den breiten, weien Streifen Mondlicht, der durchs Zimmer flo. Wer
wei, ehe die nchste Stunde ablief, lag er vielleicht dort, hlflos,
zum Krppel geschossen, todt, das war das Wahrscheinlichste.

Ach was half das Qulen! Er sprang auf und schritt durchs Zimmer,
in dem seine Schritte unheimlich wiederklangen. Dann trat er zum
Fenster, ri zwei Bltter aus seiner Brieftasche und warf im grellen
Vollmondschein mit etwas unsicherer Hand zwei Zeilen hin, an seine
Mutter! Dann faltete er das Blatt und schrieb unter die Adresse: fr
den Fall meines Todes abzugeben. Dann ergriff er das andere Blatt --
sollte er Edith Lebewohl sagen? sie wird seinen Tod schon erfahren,
durch Rdiger, der sie zweifelsohne darber zu trsten verstehen wird!
Nein, im Angesicht des Todes giebts keine Lge mehr, er schreibt hastig
und fliegend: Liebe Martha, wenn du diese Zeilen erhltst, bin ich
nicht mehr unter den Lebenden, und du sollst dann wissen, da ich dich
immer geliebt habe, und da nur der Wille meiner Mutter uns trennte.

Er hatte kaum Zeit, auch hier die Adresse beizufgen, als der Schall
von Schritten seiner Thr nahte.

Rdiger trat ein, gefolgt von zwei graubrtigen Mnnern, deren einer
ein paar riesige Armleuchter trug, die das Zimmer pltzlich zum Theil
mit grellem Licht erfllten, whrend die verjagte Dunkelheit scheu und
doppelt finster in den Ecken niederkauerte, als lauere sie auf den
Augenblick, wo hier Alles wieder ihrem Reich anheimgegeben sein wrde.

Rdiger stellte das Pistolenkstchen, welches er trug, auf den Tisch
und wandte sich zu Erting.

Ich habe Sie warten lassen, Herr Erting, sagte er im verbindlichen
Ton, aber um die nthigsten Formalitten zu erfllen, habe ich uns
wenigstens einen Zeugen citirt, hier, mein Frster Strauch, er wird uns
die Waffen reichen, und versteht im schlimmsten Fall nothdrftig zu
verbinden.

Er trat zum Tisch und nahm die Pistolen heraus.

Gestatten Sie, da mein Frster Ihnen das Laden abnehme, sagte er
dann zu Erting, meine Waffen sind etwas eigensinniger Natur, und
lassen sich nicht von Jedermann handhaben!

Erting verbeugte sich stumm.

Ein Wort, Herr von Rdiger, sagte er dann.

So viel Sie befehlen! erwiderte sein Gegner, indem er mit ihm zum
Fenster trat.

Wenn ich falle, so darf ich wohl bitten, diese beiden Zettel an ihre
Adresse zu befrdern, ich stelle mich fr einen gleichen Auftrag zur
Verfgung.

Rdiger warf, nachdem er die Aufschriften gelesen, einen schnellen
verwunderten Blick auf Erting.

Nichts an Comtesse Brandau?

Ich vermuthete, da Sie ihr mndlich Bericht erstatten wrden!

Rdiger zuckte die Achseln.

Wer wei! Und nun, sind wir fertig?

Erting schwieg einen einzigen Moment.

Ja, sagte er dann. Sie haben mir keinen Auftrag zu geben?

Besten Dank! Wenn mir ein derartiges Malheur zustt, so wrden die
sogenannten Meinigen, deren ich wenig besitze, sich durchaus nicht
wundern; sie erfahren es dann am Besten durch meinen alten Job. Und
Comtesse Brandau -- ich vermuthe, Sie werden ihr mndlich Bericht
erstatten, Herr Erting!

Er lchelte flchtig und streckte Erting die Hand hin. Dieser nahm sie
nicht, und sah ihn zornig verwundert an.

Es ist Usus so, oder hnlich, sagte Rdiger freundlich, aber wie Sie
wollen!

Die beiden Gegner nahmen Aufstellung, der Diener hatte das Zimmer
wieder verlassen.

Ich denke, wir schieen _a tempo_, sagte Rdiger, noch immer in einem
Ton, wie im Ballsaal, zhlen Sie, Strauch, bis drei!

Fast gleichzeitig ertnte der scharfe Knall der Pistolen, Rdigers
Kugel zischte etwa handbreit ber Ertings Kopf fort und schlug in die
Wand. Als sich die blauen Rauchwolken langsam verzogen, sah der vor
Aufregung halb sinnverwirrte Erting Rdiger schwanken, oder glaubte es
zu sehen. Im nchsten Augenblick hatte sich der Baron aufgerichtet, und
trat auf Erting zu, ihm die linke Hand bietend.

Bravo, Erting, Sie haben sich die Sporen verdient, -- und nun zrnen
Sie mir nicht mehr, ich habe eine ganz hbsche Lehre bekommen!

Erting starrte mit weitgeffneten Augen auf seinen Gegner, dessen
rechter Arm schlaff und regungslos herabhing, und von dem das Blut
dicht und schnell niederrieselte und in dem Streifen Mondlicht am
Fuboden unheimlich aufglnzte. Rdigers bleiches Gesicht und die
finster zusammengezogenen Augenbrauen verriethen, da er heftige
Schmerzen fhlte. Seine Stimme hatte nichts von ihrem bermthigen
Klange verloren.

Aber bei den letzten Worten ging es wie ein Schleier ber seine Zge,
und der Frster hatte eben noch Zeit, den ohnmchtig Zurcksinkenden
aufzufangen.

Jetzt erst fand Erting Sprache und Bewegung wieder.

Groer Gott, ich habe ihn gemordet! schrie er auf, und warf sich
neben seinem bleichen Feinde nieder.

Der Frster schwieg und bemhte sich, Rdigers Rock auszuziehen,
was ihm aber nicht gelang, da der zerschmetterte Arm in seiner
Unbehlflichkeit ihn daran hinderte.

Helfen Sie 'mal, herrschte er Erting zu, der, das Gesicht in den
Hnden verborgen, noch immer regungslos auf den Knieen lag, heben Sie
den Arm in die Hhe, damit ich ihm den Aermel aufschneiden kann.

Erting, dessen Zhne wie im Fieberfrost zusammenschlugen, versuchte
zu gehorchen, aber seine zitternden Hnde erwiesen sich als so
ungeschickt, da der Frster ihn rgerlich bei Seite schob.

Rufen Sie den Job, sagte er, wir mssen uns eilen, da wir das Blut
stillen, sonst wird das nicht gut!

Ich wei nicht, wo ich ihn finden soll, sagte Erting klglich, dessen
durch die Erregung des Moments aufgeflackerter Muth bereits wieder zu
einem Nichts zusammengeschrumpft war.

Dann werde ich ihn holen, sagte der Frster, bleiben Sie hier bei
dem Baron!

Und damit verlie er das Zimmer. Erting blieb mit Rdiger allein.

Sein erstes Gefhl war, sich ins Fenster mglichst weit von seinem
Opfer zu flchten, aber eine bessere und muthigere Regung berwog. Er
nahte sich dem noch immer Bewutlosen und kniete, obwohl zitternd,
neben ihm nieder, ohne ihn jedoch zu berhren. In der kalten
Doppelbeleuchtung der flackernden Lichter und der Schneenacht drauen
war Rdigers edles, regungsloses Gesicht wirklich kaum von dem eines
Todten zu unterscheiden. Als Erting, von einem unheimlichen Zauber
bezwungen, starr in die stillen Zge seines Feindes blickte, ging ihm
das Herz in Reue und Wehmuth auf. Dies schne, starke Leben hatte er
zerstrt; zum Wenigsten den Mann dort auf ein monatelanges Siechenlager
gezwungen, ihm, dem freies, wildes Streifen in Wald und Flur, Jagdlust
und Jagdeifer Leben hie, wahrscheinlich fr immer die Freude an
solchen Dingen geraubt! Jener Arm, der dort so schlaff, so schauerlich
bewegungslos herabhing, er wrde sich vielleicht nie mehr heben; mit
den dunklen, schweren Tropfen, die ihm entstrmten, ging vielleicht die
letzte Hoffnung auf ein Wiedererwachen des Leblosen dahin!

Wo blieb nur der Frster? Erting getraute sich nicht, bis zur Thr zu
gehen, er hielt frmlich den Athem an.

Seine Reflexionen begannen von Neuem. Stand diese Strafe im Verhltni
zu dem tollen Streich, der ihn hierhergebracht? Htte er nicht ruhiger,
nachgiebiger sein sollen? O, und wer war gestraft, wer, als er selbst,
der wie ein Fluchbeladener hier kniete, und auf den Herzschlag des
Mannes lauschte, den seine Waffe hingestreckt, und der sich ihm, wie
er nun wohl wute, ohne Gegenwehr zum Ziel gesetzt! Als er, tief
aufsthnend, den Kopf erhob, und Rdiger anblickte, ffnete dieser
langsam die Augen, und sah ohne bestimmtes Ziel vor sich hin.

Dann erhob er die linke Hand nach der Stirn und versuchte, sich
aufzurichten.

Erting, obwohl bebend am ganzen Krper, untersttzte ihn. Rdiger
erkannte seinen kleinen Feind und ein leises Lcheln flog ber sein
Gesicht.

Herr Erting, bemhen Sie sich nicht! Und sehen Sie nicht so jmmerlich
aus, es war mir ganz gesund, da Sie mir etwas Blut abzapften!

Der schwache Ton der Stimme traf Erting wie ein Dolchsto.

Ich habe Sie unglcklich gemacht, sthnte er, die Hnde vor's Gesicht
schlagend, knnen Sie mir verzeihen?

Rdiger errthete leicht.

Erting, machen Sie mich nicht verlegen, sagte er hastig und streckte
die Hand nach dem Andern aus, ich Ihnen verzeihen! Ich habe Sie
auf das Unerhrteste behandelt und kann von Glck sagen, mit einer
so gndigen Strafe davon zu kommen. Und was das Unglcklichmachen
betrifft, bester Freund, diese linke Hand wird schon noch eine Bchse
fhren knnen, bis die rechte wieder dienstfhig ist!

Er schlo wieder die Augen, die letzten Worte hatte er schon fast
gemurmelt -- aber endlich, endlich kamen Schritte den Corridor entlang.
Der Frster, Job und noch ein paar Unbekannte drangen ins Zimmer.
Einer davon, ein kleiner, untersetzter Mann, nherte sich dem jungen
Schloherrn und begann mit anscheinender Sachkenntni den verwundeten
Arm zu untersuchen.

Erting wartete auf seinen Ausspruch, wie auf das Urtheil ber Tod und
Leben, nachdem Job ihm mit finsterer Miene gesagt, es sei der Wundarzt.

Ist das Bett des Herrn Baron bereit? frug der Heilknstler jetzt.

Wie lange schon! murrte Job, es ist ja glcklich fnf Uhr vorbei!

Nun, Scholz, was meinen Sie zu mir? sagte Rdiger, sich ein wenig
aufrichtend, heulen Sie mir aber nichts vor, denn ich verstehe ebenso
viel von der Chirurgie wie Sie, alter Bartscheerer! Kaput oder nicht?

Der Knochen ist durch und durch, Herr Baron, erwiderte der Wundarzt
trocken. Erting klappte zusammen wie ein Taschenmesser, whrend Rdiger
kein Zeichen der Bewegung sehen lie.

Herr Baron fangen auch schon an zu fiebern, vor allen Dingen ruhige
Lage und khles Getrnk!

Trstlich! sagte Rdiger, dessen Augen allerdings bereits fieberhaft
zu glhen begannen, denken Sie aber nicht, da ich Ihrem bldsinnigen
Gewsch folge! Was, ruhige Lage! -- sitzen werde ich bis morgen frh
und mein khles Getrnk wird auch von anderer Art sein, als Sie sich
einbilden! Was, Erting? Haben wir unsere schne Feindschaft mit
Menschenblut besiegelt, so soll nun Rebenblut dran! Job, flink, in den
Keller!

Baron Rdiger, sagte Erting flehend, und fate in seinem Eifer die
Hand des Gegners, ich beschwre Sie, thun Sie, was der Arzt Ihnen
sagt! Bedenken Sie, was daraus entstehen knnte, wenn Sie sich seinen
Anordnungen widersetzen.

Dem kleinen, gutmthigen Mann traten fast die Thrnen in die Augen.
Rdiger sah ihn einen Moment verwundert an und lachte kurz auf.

Sie sind eine gute Seele, sagte er, und sollen sich nicht ngstigen!
Ich werde zu Bett wandern, damit Sie nicht, wenn ich mit achtzig Jahren
sterbe, sich einbilden, ich wre an Ihrem Tellschu draufgegangen und
sich ihr Greisenalter durch Gewissensbisse verderben. Aber vor allen
Dingen sollen Sie jetzt in die Stadt zurckkehren. Job, la anspannen!
ah, der Wagen kommt schon eine -- schwere Kutsche, wie sie rasselt!
Aber die Todten reiten schnell!

Er schlo die Augen.

Zu Bett mit ihm, sagte der Chirurg energisch, das Fieber steigt
rapide. Wenn Sie nach der Stadt fahren, wandte er sich an Erting, so
schicken Sie doch noch einen Arzt heraus, ich mag die Verantwortung
nicht allein bernehmen.

Rdiger, der inzwischen wieder zu sich kam, lie sich ohne weiteren
Widerstand von Erting und Job in sein Zimmer bringen, dann kehrte
Ersterer zu dem Arzt zurck.

Geben Sie mir Ihre Directionen fr die Nacht, sagte er mit
ungewhnlicher Festigkeit, ich bleibe bei dem Baron, er hat schon
darein gewilligt.

Der Chirurg sah ihn erstaunt an.

Nun meinetwegen, sagte er, legen Sie ihm fleiig Eis auf den Kopf,
und halten Sie ihn mglichst ruhig. Aber ein Arzt mu noch heraus!

Schn, bestellen Sie einen reitenden Boten, ich schicke zu Doctor
Stein, er ist einer der besten Aerzte und mir persnlich bekannt.
Halten Sie denn den Zustand des Barons fr gefhrlich? Ertings Lippen
zitterten.

Offen gesagt, ja! erwiderte der Wundarzt nach einigem Besinnen,
das Fieber tritt so schnell und heftig auf, da es die Krfte sehr
hinnehmen mu und fr einen Mann von des Barons ganzer Natur ist ein
Krankenlager immer eine bse Sache. Aber wir wollen das Beste hoffen!

Erting schrieb in fliegender Eile, whrend der Bote sich bereit machte;
er citirte Doctor Stein heraus und benachrichtigte in einem zweiten
Briefe Edith von seinem Aufenthalt und dem stattgehabten Duell.

Dann kehrte er zu Rdiger zurck, den er in den wildesten Phantasien
vorfand.

Doctor Stein, den wir gleichfalls am Eingang unserer Erzhlung kennen
lernten, traf in wenig Stunden ein. Er trat mit dem ihm eigenen,
besonnenen Wesen an das Lager des wilden Kranken, und sein Einflu
vermochte Rdiger so weit zu beruhigen, da er auf einige Fragen
ziemlich klar antwortete. Aber nach wenig Augenblicken verfiel er schon
wieder in heftige Raserei. Erlebtes und Getrumtes mischte sich auf
eine fr Erting unbeschreiblich qualvolle Weise in seine Reden.

Doctor Stein sah bedenklich aus, als er sich empfahl.

Wir wollen die Bchse nicht gleich ins Korn werfen, sagte er auf
Ertings verzweifelt fragenden Blick, aber das Ungestm des Fiebers
macht mich besorgt. So viel ich wei, hat Rdiger keinen nahen
Verwandten, ich werde einen Pfleger aus der Stadt schicken.

Thun Sie das nicht, bat Erting flehentlich, sagen Sie mir Alles, was
geschehen soll, Stein, ich will gewi nichts an ihm versumen! Gnnen
Sie mir den kleinen Trost fr das Schreckliche, was ich in meinem
unsinnig gereizten Zustand angerichtet habe!

Er sah so tief unglcklich aus, da Stein ihm theilnehmend die Hand auf
die Schulter legte.

Ruhig Blut, alter Freund, sagte er trstend, Rdiger ist jung und
hat schon mehr Strme ausgehalten, als diesen! Ich traue Ihnen brigens
Umsicht und Sorgfalt genug zu, um die Pflege durchzufhren, aber eins
sage ich Ihnen, Sie mssen nach aller Voraussicht eine ganze Zeit lang
tchtig auf dem Platze sein, Tag und Nacht!

Erting nickte nur stumm und kehrte, nachdem der Doctor das Schlo
verlassen hatte, sofort zu seinem Posten zurck. Tage und Nchte sa er
nun an Rdigers Lager, nur selten auf kurze Stunden von Job abgelst.
Keine Mutter htte zarter und sorglicher mit dem Verwundeten umgehen
knnen, als der kleine, ehrliche Mann, den er so schwer gekrnkt.

Und whrend dieser angstvollen Stunden im stillen Krankenzimmer ging
in dem Herzen der beiden Rivalen eine seltsame Wandlung vor. Erting
fhlte, wie die Sorge um seinen Pflegling, die Freude an den --
freilich seltenen -- Momenten, wo es besser zu gehen schien, ihm nach
und nach eine wirkliche Neigung zu dem Gegenstande dieser Sorgen und
Freuden einflte. Oft ertappte er sich dabei, da er fast mit einem
Gefhl von Zrtlichkeit in das schne, bleiche Gesicht des Kranken
blickte, und seine fieberglhende Hand sanft streichelte. Und Rdiger,
der nie die Augen bewut aufschlug, ohne in das treuherzige Gesicht
Ertings zu blicken -- der jeden Labetrunk aus den Hnden des einst so
Gehaten und Verspotteten entgegennahm -- er hatte, unklar, wie die
Krankheit ihn denken lie, doch schon ganz die Empfindung, da dieser
kleine Mann zu ihm gehre -- da ihm etwas fehle, wenn Erting nicht an
seiner Seite sei.

Jeden Tag kamen Erkundigungen nach Rdigers Befinden -- aus Brandeck
und aus der Residenz, und die tgliche Antwort -- noch beim Alten,
wollte und wollte keiner Besserung weichen.

Eines Abends, als Erting in traurigem Hinbrten an Rdigers Lager sa,
blickte dieser pltzlich mit ungewohnter Klarheit zu ihm auf.

Erting, sagte er, mir ist heut auf einmal merkwrdig vernnftig
im Kopf, das mu ich schnell benutzen! Ich danke Ihnen, Erting, fr
alle Liebe, die Sie mir erwiesen haben -- Sie sind ein braver, treuer
Kamerad und ich habe es nicht um Sie verdient!

Schweigen Sie doch, sagte Erting rauh, um seiner Bewegung Herr zu
werden.

Rdiger schttelte den Kopf.

Lassen Sie mich heute reden! fuhr er schwach, aber ganz ruhig fort,
wer wei, ob ichs morgen noch kann! Ich glaube beinahe, alter Freund,
es wird am lngsten gedauert haben mit mir und darum will ich Ihnen
heut noch Alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Lassen Sie mich
reden, wiederholte er hastig und erregt, oder ich springe aus dem
Bett, so viel Krfte habe ich schon noch!

Nun, so reden Sie, sagte Erting rathlos, als er sah, da Rdiger sich
mhsam emporrichtete, aber fassen Sie sich kurz, und dann schlafen
Sie!

Ich will Ihnen nur sagen, begann Rdiger in kurzen Stzen und schnell
athmend, da ich nicht ganz der hinterlistige Schurke bin, fr den
Sie mich gehalten haben. Als ich an dem Abend, Sie wissen ja, dem
Maskenabend, ins Schlo kam, wollte ich Sie nicht entfhren, bei Gott
nicht! Ich wollte -- ja sehen Sie mich nur an, ich wollte Edith -- er
seufzte schwer auf -- also -- Edith ein letztes Ultimatum stellen --
sie sollte mit mir davongehen! Sie wurde zornig -- und wir geriethen
aneinander!

Er schwieg einen Augenblick erschpft, fuhr aber gleich wieder fort:

Da kam mir pltzlich, blitzschnell der Gedanke, wie, wenn du =ihn=
wegbrchtest? Dann knnte keine Hochzeit sein und du httest der ganzen
Bande noch einmal tchtig die Hlle hei gemacht. An Das, was spter
kommen knnte -- dachte ich nicht -- habe ich nie gedacht -- nie!

Ja, ja! sagte Erting beruhigend, als Rdiger wieder schwach
zurcksank, das wei ich ja! Aber nun schweigen Sie auch wieder still!

Nur Eins noch, Erting, sagte Gerald, und fate des Andern Hand, ich
spreche nicht aus Egoismus, beim Himmel nicht! Ich werde keinem Freier
mehr in den Weg treten! Aber glauben Sie mir, geben Sie Edith los! Sie
Beide taugen nicht fr einander, ich kenne das Mdchen besser -- sie
wrde unglcklich werden und machen! Die htte zu so einem Durchgnger
gepat wie ich bin, -- nun, es sollte nicht sein!

Rdiger, sagte Erting mit vor Rhrung zitternder Stimme, nun hren
Sie, was ich zu sagen habe. Glauben Sie wirklich, da wenn Sie sterben
sollten -- wenn ich Sie umgebracht htte, und das htte ich doch! da
ich dann noch Edith Brandau heirathen knnte? Nein, Rdiger, das nicht!
das nicht! Und sie wrde es auch nicht thun, denn sie wei ganz gut,
da Sie um ihretwillen hier liegen! Nein, mein lieber Freund, wenn Sie
wieder gesund sind -- und Sie =werden= wieder gesund werden -- dann
sollen Sie sie selbst fragen, was sie davon denkt -- =ich= stehe Ihnen
nicht mehr im Wege!

Und Sie glauben, ich wrde eine solche Gromuth annehmen? rief
Rdiger fieberhaft erregt, ich htte gehofft, da Sie mich nun besser
kennten!

Erting sah vor sich nieder.

Ich will einmal ehrlich sein, Rdiger, sagte er und wurde roth, so
sehr gromthig wre es nicht 'mal von mir! Ich habe schon lange das
Gefhl, als wenn Edith Brandau und ich einen dummen Streich begangen
htten, als wir uns verlobten, und -- und ich mu Ihnen nur sagen, ich
habe irgendwo in der Welt eine kleine Cousine, -- nun, Sie knnen sich
das Andere denken!

Rdiger schwieg eine Weile, dann strich er sich das Haar von der Stirn.

Das ntzt mir Alles nichts, Erting! Erstens sterbe ich, das wissen
Sie ja so gut wie ich, und dann, wie Edith ist, habe ich sie mir durch
meinen tollen Streich von vornherein verscherzt! Ein Mdchen wie sie
lt sich nicht ertrotzen; wenn ich ihr nicht gleichgltig war -- und
ich war es nicht -- jetzt bin ich es geworden, glauben Sie mir, Erting!
Aber ich habe nun genug gesprochen, ich will schlafen!

Und er wandte den Kopf ab und verbarg das Gesicht in den Kissen.

Spt Abends jagte ein reitender Bote nach der Stadt. Doktor Stein wurde
geholt, Rdigers Zustand hatte sich aufs Heftigste verschlimmert.

Stein blieb mehrere Stunden da, und als er um Mitternacht zurckfuhr
und versprach, gegen Morgen noch einmal wiederzukommen, da wute man im
Schlo, da Rdigers Leben menschlicher Voraussicht nach nur noch nach
Stunden zhle.

Im Dorf verbreitete sich die Kunde mit Blitzesschnelle, sie flog mit
ihren schwarzen Flgeln ber die Grenze von Brandeck und schlug an die
Fenster, hinter denen Edith wohnte, und schlug auf das verzweifelnde
Herz von Geralds erster Liebe.

Als der Wagen des Doctors noch vor der Dmmerung wieder in den
Schlohof fuhr, lag Rdiger in unruhigem Halbschlummer. Erting ffnete
leise die Thr, als er Schritte im Vorzimmer vernahm.

Stein, sind Sie es?

Ja, und ich habe noch Jemand mitgebracht, sagte der Doctor mit
unterdrckter Bewegung, machen Sie einmal Platz, Erting!

Er zog ihn sanft von der Thr zurck und eine tief verschleierte
Frauengestalt trat ihm entgegen und streckte ihm beide Hnde hin.

Ludwig, verzeihen Sie mir, was ich Ihnen angethan habe -- und
verzeihen Sie mir auch diesen Schritt -- aber ich mute Ihn noch
=einmal= sehen!

Erting nahm ihre Hnde sanft in die seinen. Gehen Sie zu ihm, Edith,
ich habe Ihnen nichts mehr zu verbieten -- der da drinnen hat Sie mit
seinem Blut erkauft!

Sie trat langsam, bebend an das Bett des Schlummernden, sie sah einige
Augenblicke in sein bleiches Gesicht und dann kniete sie neben ihm
nieder und kte seine Hand.

Da sah er empor, nicht erstaunt, sondern nur sehr glcklich, und sagte:
Nicht wahr, du bleibst jetzt bei mir?

Und als sie vor Thrnen nur stumm zu nicken vermochte, schlo er die
Augen und verfiel in einen sanften Schlummer.

Das war ein Gewaltstreich, sagte Doctor Stein eine Stunde spter
zu Erting, aber er hat die Krisis beschleunigt. Ich halte ihn fr
gerettet!

       *       *       *       *       *

Und als der nchste Sommer davon fliegen wollte, war Alles gekommen,
wie es hatte kommen mssen! Gerald Rdiger und seine schne Frau
standen auf der Freitreppe ihres Schlosses; in den bermthigen blauen
Augen des tollen Junkers war ein ernsteres Licht aufgegangen; dies
und der steife Arm, der noch immer nicht wieder ganz beweglich sein
wollte, gemahnte noch an die Vergangenheit, die ihm heute wieder
besonders lebhaft nahe gerckt worden.

Denn der heutige Tag hatte liebe Gste gebracht -- Ludwig Erting, der
den Freunden seine Braut vorstellte! Die Mutter war Angesichts =dieser=
treuen Liebe gerhrt worden, um so leichter, da sie sich mit Martha in
ihrer hauptschlichsten Ueberzeugung fand, darin, ihren kleinen, braven
Sohn fr den Inbegriff alles Guten, Schnen und Tchtigen zu halten.

Und Rdiger? -- Der Traum, den er auf seinen wilden Fahrten getrumt,
ist zur Wahrheit geworden; wenn der Mond sanft und klar ber dem
Wolfsdorffer Schlo emporsteigt, stehen er und -- noch Eine am
Fenster und hren die Nachtigallen schlagen, und ihr Lied erzhlt ihm
immer wieder die Geschichte, die zu hren er nicht mde wird -- die
Geschichte von der Liebe seiner Jugend -- von dem Kampfpreis seines
Lebens.




                             Finderlohn.


Im Sptsommer des vergangenen Jahres, so erzhlte eine mir befreundete
Dame, unternahm ich eine kleine Reise nach dem Badeort K... Der Zufall
fhrte mich auf dem Bahnhof mit einer Freundin zusammen, und froh, die
etwas einfrmige Fahrt durch angenehme Gesellschaft verkrzt zu sehen,
bestieg ich dasselbe Coup mit ihr. Es war allerdings kein Damencoup,
welches ich bei allein unternommenen Reisen sonst vorziehe, inde ist
dies eigentlich ein Vorurtheil, welches jede Frau, die ber sechzehn
Jahre zhlt, zu ihrem eigenen Besten bekmpfen sollte. Alle Hochachtung
vor den reisenden Reprsentantinnen meines Geschlechts -- aber ich bin
noch nie in einem solchen Coup gefahren, ohne mich ber die kleinliche
Ungeflligkeit meiner Reisegefhrtinnen, ihre Empfindlichkeit gegen
Hitze und Klte und ihre bestndigen Wnsche nach solchen Lebensmitteln
zu rgern, die eben auf den Stationen =nicht= zu haben waren.

So dankte ich denn dem Zufall, der mich heute aus diesem Dilemma
erlste, und bestieg mit meiner Freundin zusammen einen Waggon, der
den Gebildeten beiderlei Geschlechts zugnglich war. Auer uns befand
sich nur noch ein alter Herr im Wagen, der uns, als wir einstiegen,
freundlich begrte.

Da unser Reisegefhrte der Held der Geschichte ist, die ich zu
erzhlen im Begriff stehe, so kann ich es nicht unterlassen, ihn
zu beschreiben mit all' dem Enthusiasmus, den ich fr ihn empfand;
erstens um dem Leser damit ein Bild von ihm zu geben, und zweitens in
der stillen Hoffnung, da der Gegenstand meiner Zuneigung vielleicht
irgendwo diese Bltter zur Hand nimmt, darin liest und nach einer Weile
mit dem mich noch in der Erinnerung entzckenden herzlichen Lachen, in
welches er zuweilen ausbrach, ruft: Das soll =ich= wohl am Ende sein?

Mein lieber, alter Herr! Denn jung war er insofern nicht mehr, als
seine freie Stirn von schneeweiem, feinem Haar umwachsen war, welches,
glnzend wie die Federn eines Silberreihers, ein wenig keck in die Luft
stand, und die sehr schnen, auffallend hochgeschwungenen Augenbrauen
auch schon ein wenig beschneit aussahen. Jung aber war er doch, denn
unter diesen seltsamen Augenbrauen sahen zwei so schne, lebhafte,
recht junge Augen hervor, da sie einem Zwanziger Ehre gemacht htten
-- jung war er, denn das blhende Roth einer erprobten Gesundheit lag
auf seinem schnen Gesicht, die liebenswrdige, goldene Heiterkeit
einer ewigen Jugend tnte aus dem unwiderstehlich herzlichen Lachen,
mit welchem er in jeden Scherz einstimmte.

Man sieht, ich verlor sofort mein Herz an den reizenden alten Herrn!
Das ist ein Damenwort, ich wei es, aber ich bleibe dabei und rufe
zum Schlu meiner Beschreibung noch einmal energisch aus: Nicht nur
ein reizender alter Herr war mein Reisegefhrte, ich brauche sogar
den Superlativ, es war der reizendste alte Herr, den ich je gesehen
habe. Wie er sich ber Alles amsirte! Nur daran zu denken, erheitert
mich noch! Ueber den kleinen, schbigen Jungen, der auf einer Station
emsig und still vor sich hin Purzelbume scho, ber die Mnner, die
mit eintnigen Ausrufen Kirschen und Birnen den Wagen entlang trugen,
ber die Ankommenden und Abreisenden! Wie elektrisirt er war, als eine
klangvolle italienische Leier uns die schne blaue Donau zu hren
gab, wie ernst und gerhrt er wurde, als dieselbe Leier dann eine
sanfte, traurige Melodie spielte, und wie herzlich er dann wieder ber
seine eigene Rhrung lachte!

Meine Freundin und ich kamen, nachdem wir uns ein Weilchen mit diesem
liebenswrdigen Coupgenossen unterhalten hatten, durch eine zufllige
Ideenverbindung auf eine Verlobung zu sprechen, die in unseren Kreisen
vor kurzem stattgefunden.

Ein sehr hbsches, viel umworbenes Mdchen hatte einen Ausflug zu ihrer
Schwester unternommen, war acht Tage dort geblieben, hatte am zweiten
dieser acht Tage einen jungen Gutsbesitzer kennen gelernt und sich vor
Ablauf der genannten Frist mit demselben verlobt. Wir fanden das nach
Frauenart sehr leichtsinnig, zuckten ein wenig die Achseln ber so
schnell gewonnene Herzen und ich meinte:

Wenn das nur gut abluft! Ein Brautpaar, das sich nur acht Tage
gekannt hat, ehe es ein Brautpaar wurde! Eine bedenkliche Sache!

Bei diesen Worten wendete der alte Herr den Kopf nach uns um.

Verzeihen Sie, begann er lchelnd, wenn ich mich in Ihr Gesprch
mische, welches von Persnlichkeiten handelt. Aber von der Bemerkung,
die Sie eben machten, mein Frulein, fhle ich mich zu sehr getroffen,
als da ich mich nicht vertheidigen mchte. Ich war auch in dem Fall,
von dem Sie eben sprechen -- ich habe meine Frau sogar nur drei oder
vier Mal gesehen, eh' wir uns verlobten, und wir sind doch ein sehr
glckliches Ehepaar geworden.

Um mein Leben nicht konnte ich die tactlose Aeuerung nicht
unterdrcken, da ich in diesem Fall das sehr natrlich fnde. Mein
alter Herr nickte mir lachend mit herzlicher Miene zu, es mochte ihm
wohl schon fter vorgekommen sein, da er so schnell Eroberungen machte.

Meine Freundin, noch khner als ich, richtete nun die Frage an ihn, wie
das denn gekommen sei, ob er nicht Zeit gehabt htte, sich lnger zu
besinnen?

Der alte Herr sah mit einem schelmischen Lcheln in unsere neugierigen
Gesichter, dann sagte er freundlich:

Ja, so etwas hren junge Damen immer gern! Aber es ist eine lange
Geschichte, am Ende komme ich an's Ziel meiner dreistndigen Fahrt, eh'
ich zu Ende bin!

Ach bitte, riefen wir Beide, es wird schon gehen, die Geschichte ist
=uns= sicher nicht zu lang -- wenn Sie so sehr freundlich sein wollen!

Der alte Herr lie sich erbitten, wir rckten uns alle Drei gemthlich
zurecht und er begann:

Da es schon eine ganze Weile her ist, seitdem ich auf Freiersfen
ging, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Ja, diese Eisenbahn, auf
der wir jetzt so selbstverstndlich durch die Welt fliegen, war damals
etwas ganz Neues, ein Wunderwerk, welches nur mit ehrfurchtsvollem
Staunen und einem leisen Schauder benutzt wurde. So gewhnt sich der
Mensch an Alles und wir nennen die Jugend mit Unrecht anspruchsvoll,
ihr wird nur eben Das schon in die Wiege gelegt, was wir als groe
Leute erst staunend und dankbar bekommen haben. Der Telegraph war
damals auch erst eben erfunden -- ja, ja, denken Sie nur!

Ich war im Begriff, eine kleine Vergngungsreise auf unbestimmte Zeit
anzutreten, ein Entschlu, der mir um so leichter wurde, als ich ganz
frei und ungebunden in der Welt dastand, und von Angehrigen Niemanden
besa, als zwei alte Tanten und einen kleinen Hund, der, ein Nachklang
der Zeitstrmung, auf den schnen Namen Nap hrte. Nicht wahr, eine
ziemlich durchsichtige Abkrzung im Jahrhundert der Freiheitskriege?

Nap, ein kleiner, guter, schwarzer Kerl, war als einziger und letzter
Bewohner meiner Kinderheimath mit mir in die Fremde gewandert, hatte
mit mir studirt, Examina gemacht, und war mir stets ein lieber Freund
und treuer Genosse gewesen, ja, ich glaube, ich war damals so weit, da
ich den alten Hund mehr liebte als irgend ein Wesen auf der Welt, meine
lieben alten Tanten nicht ausgenommen.

Diese Tanten htten Sie sehen sollen! Das waren noch ein paar
Reprsentantinnen der gemthlichen Vergangenheit, wo die Leute sich
Zeit lieen. Schon die uere Umgebung der beiden alten Damen war die
Zierlichkeit selbst. Sie wohnten in einem kleinen, saubern Hause,
nicht am selben Ort mit mir, welches sich durch die blitzendsten
Fensterscheiben auszeichnete und grne Jalousien hatte. Das Huschen
war umgeben von einem etwas pedantischen Garten, dessen Hecken
und Graspltze von einem asthmatischen alten Factotum mit der
Papierscheere in Ordnung gehalten wurden. Da knnen Sie glauben, da
kein Zweig sich erlauben durfte, nach seinem Gutdnken zu wachsen,
sofort war die Papierscheere da und stutzte den Naseweisen. Ein Paar
ordnungsliebendere, gutherzigere, ngstlichere und gewissenhaftere
Seelchen, als meine beiden lieben Tanten gab es nicht! Sie trugen
sich ganz gleich, hatten Jede vier weie, mathematisch genau gekmmte
Lckchen, Hauben mit jenen thurmhohen weien Krausen, wie man sie jetzt
nur noch auf Bildern sieht, und trugen Beide Brillen.

An einem schnen Sommerabend traf ich denn mit meinem Nap bei den
Tanten ein, die mich herzlich und liebevoll aufnahmen, und mich in ihre
Gartenlaube zu einem zierlich aufgestellten Nachtmahl luden, dessen
Dimensionen ungefhr der Art waren, als htten die sieben Zwerge fragen
knnen: wer hat von meinem Tellerchen gegessen u. s. w. Aber ich
lie es mir wohlschmecken, und nachdem ich den Tanten meine Plne
fr die nchste Zeit mitgetheilt hatte, rckte ich vorsichtig mit dem
khnen Ansinnen heraus, ob sie Nap, eine sonst bei ihnen wohlgelittene
Creatur, fr die Zeit meiner Abwesenheit wohl in Pflege und Obhut
nehmen wollten.

Sie knnen sich denken, da die beiden Schwestern nicht wenig
erstaunten, selbst erschraken. Ein Zuwachs ihrer Hausbewohnerschaft,
ein bellender, springender, zottiger Mitbewohner ihres stillen,
beschaulichen Daheim; sie sahen sich wechselweise eine gute
Viertelstunde an, schnupften, niesten, selbst dies Mittel schien heut'
nicht anzuschlagen, endlich nahmen sie _a tempo_ die Brillen ab und
sagten so feierlich, als gelte es ein Eheversprechen, ein lautes,
deutliches Ja!

Ich wute, welch' ein Opfer sie mir brachten, und sprach ihnen es auch
dankbar aus, ich fgte bei, da nur das Bewutsein, meinen Hund in den
besten Hnden zu wissen, mich zu der groen Bitte ermuthigt htte, und
dann machte ich mich eilig davon, damit die Tanten ihren edelmthigen
Entschlu nicht etwa bereuen mchten. Ich erklrte meinen schnellen
Aufbruch damit, da ich am nchsten Morgen sehr frh mit der Bahn
weiter msse, welche nur noch zu einem nah belegenen Stdtchen fhrte,
von da wollte ich mit Postpferden und auf eigenen Fen meinen Weg
fortsetzen.

Und, liebe, beste Tanten, fgte ich noch dringend hinzu, lat Nap
die nchsten Tage nicht aus den Augen, er wird gewi Versuche machen
mir nachzusetzen und knnte alsdann verloren gehen!

Feierlich wurde mir dies angelobt, und ich nahm gerhrten und dankbaren
Abschied, whrend Nap, durch ein Schsselchen Milch in's Haus gelockt,
ahnungslos diesen Labetrank schlrfte.

Der andere Tag war leider trbe und schwl. Als ich in das Stdtchen
H... einfuhr, welches die Grenze zwischen Flachland und Gebirge bildet,
zog ein Gewitter dumpf grollend herauf und der erste Willkommensgru,
der mir in H... wurde, war ein groer Regentropfen, der auf meine Nase
fiel. Ihm folgten mehrere, ein wahrer Wolkenbruch strzte hernieder
und das liebenswrdige Wetter benutzte den Tag, um sich, wie man sagt,
recht grndlich einzuregnen. Unter diesen Umstnden eine Futour
beginnen, oder sich einer Postchaise anvertrauen zu wollen, um das
Gebirge kennen zu lernen, wre mehr als Thorheit gewesen. Es hie also
warten!

Ich quartierte mich in dem ersten Gasthofe der Stadt ein, der
vermuthlich so hie, weil es keinen zweiten gab, und sah zum Fenster
hinaus. Zum Glck war ich von jeher besonders unfhig, mich zu
langweilen, ich hatte manchmal den besten Willen, da kam mir etwas
Unterhaltendes in die Quere -- es ging nicht!

Auch hier war es so. Ich htte mich eigentlich recht gut langweilen
knnen, aber da lag gerade dem Gasthause gegenber ein ganz
allerliebstes Haus, das immer etwas zu sehen oder zu hren gab.
Ich konnte freilich nur die Seitenfront des freundlichen Gebudes
beobachten, denn die Vorderzimmer gingen nach einem schnen, groen
Garten hinaus, dessen Lavendelduft, selbst durch den Regen nicht
ertrnkt, Abends zu mir herber geflogen kam.

An diesen Seitenfenstern nun sa fters eine junge Dame und nhte. Ihr
Gesicht konnte ich nicht sehen, sie bckte sich immer sehr tief auf die
Arbeit; ich sah nur ein Stckchen Wange, zuweilen flchtig die Umrisse
eines zierlichen Profils, und ein Nest dunkelblonder Zpfe um einen
seltsam geformten weien Kamm geschlungen.

Da es nun schon den zweiten Tag regnete, hatte ich volle Mue, diese
Beobachtungen anzustellen. Freundlicherweise hatte das Haus seinen
Eingang auch auf der Seite. Gegen Abend kam ein dicker, stattlicher
Herr nach Hause, dessen Kopf ich auch noch nie zu Gesicht bekommen
hatte, denn er hielt immer einen groen, wohlhabend aussehenden Schirm
ber sich, den er erst zumachte, wenn seine behbige Person schon
innerhalb der Hausthr war. Und dann zur Thr hinaus schttelte und
spritzte er diesen Schirm aus, als wenn die Strae noch nicht na genug
wre.

Ich htte ja durch eine Frage leicht etwas ber mein _vis--vis_
erfahren knnen, aber ich wollte es nicht -- es war so sehr ergtzlich,
mir meine Schlsse aus Dem zu ziehen, was ich sah.

Der Hausherr war entschieden =kein= Arzt, dazu kam er zu regelmig
nach Hause, sondern Beamter, ein Mann mit Bureaustunden. Die junge Dame
am Fenster war seine Tochter und zwar sein Liebling, denn er begab sich
stets geraden Weges zu ihr in's Zimmer. Dann stand sie sofort auf,
legte die Arbeit zusammen und ging mit ihm hinaus. Eine dritte Person,
die ich hufig ausgehen und wiederkommen sah, eine Dame in mittleren
Jahren, mute die Gesellschafterin sein, nicht die Frau vom Hause, denn
wenn sie dem Vater begegnete, machte sie einen Knix.

Am Nachmittag des dritten Tages schien der Himmel ein ganz klein
wenig lichter zu werden, ich trat an's Fenster und, wie mir schon zur
Gewohnheit geworden war, blickte ich nach dem Hause gegenber. Da sa
die junge Dame -- dies Mal ohne Nharbeit -- ich htte ihr Gesicht
gewi ganz gut sehen knnen, aber sie hielt ein Tuch vor die Augen --
sie weinte!

Ich blieb erstaunt stehen. Warum mochte sie weinen? Sie werden mir
zugeben, da ein junges Mdchen mit so schnen blonden Zpfen, die
von ihrem Papa verzogen wird und -- weint, ein Fall ist, ber den man
nachdenklich werden kann.

Nach einer Weile trocknete sich mein Gegenber die Augen, schrieb
einige Worte auf einen kleinen Zettel, stand auf und verlie das
Fenster. Wenige Minuten darauf ffnete sich die Hausthr, sie trat
heraus, einen Regenschirm in der Hand, in Hut und Mantel und blickte
nach dem Himmel. Ein reizendes Gesicht war es, das mu ich schon sagen!

Warum ich meinen Paletot ergriff und die Treppe hinunterging, wei
ich nicht zu sagen, aber ich that es und folgte der jungen Dame in
respectvoller Entfernung, auch mit dem Regenschirm bewaffnet.

Ein pltzlicher, heftiger Windsto fate den Schirm meiner Schnen und
drehte ihn von innen nach auen, er machte, wie man zu sagen pflegt,
eine Tulpe daraus. Im selben Moment strzte der Regen mit verdoppelter
Gewalt hernieder und das Mdchen, nach einem vergeblichen Versuch, den
treulosen Beschtzer wieder in seine alte Form zu bringen, verdoppelte
ihre Schritte und eilte in einen gerumigen Hausflur, von wo sie in das
tobende Wetter hinaussah. Ich dachte: Das kann Jeder! und nicht faul,
betrat ich denselben Hausflur, zog den Hut und postirte mich der jungen
Dame gegenber an die Wand. Nach einer kleinen Weile trat sie an die
Hausthr, zog den rechten Handschuh ab und streckte die Hand hinaus, um
zu fhlen, ob der Regen noch nicht nachgelassen habe. Kein Trauring!
dachte ich erfreut, ohne eigentlich zu wissen, warum es mich freute.

Da es noch mit aller Gewalt vom Himmel heruntergo, nahm das Frulein
ihren Schirm wieder vor und versuchte ihn in die richtige Verfassung
zu bringen. Es gelang ihr aber nicht und ich hielt dies fr einen Wink
des Schicksals, ein Gesprch anzuknpfen. Mit abgezogenem Hut trat ich
bescheiden vor und bot meine Hlfe an, die auch freundlich angenommen
wurde.

Da es mir nicht gelang, den Schirm zurechtzubringen, versteht
sich von selbst. Sanfter Ueberredung wollte er nicht weichen, ich
wendete alle Gewalt an, der Tckische aber verstand keinen Spa,
sondern brach gelassen mitten durch. Das Frulein sah erschrocken
aus, aber nicht zornig -- durchaus nicht zornig, was ich mir
mit richtiger Menschenkenntni als einen Beweis liebenswrdigen
Temperaments auslegte. Ich stand da wie ein armer Snder, stammelte
ein paar Entschuldigungen und bat endlich um die Erlaubni, meinen
Schirm als Ersatz anbieten zu drfen, wozu mich noch die egoistische
Hoffnung stachelte, ich wrde durch Rckgabe des von mir zerbrochenen
Individuums einen Vorwand haben, um in die Burg zu dringen, die von der
blondzpfigen Prinzessin bewohnt war. An Abreise dachte ich schon nicht
mehr, wie Sie sehen. Aber es kam anders!

Ich danke sehr, mein Herr, sagte das junge Mdchen freundlich, ich
kann Sie Ihres Schirmes nicht berauben. Wollen Sie mir aber eine
Droschke besorgen, damit ich meinen Weg fortsetzen kann, so nehme ich
es dankbar an!

Nun, das that ich natrlich und hatte die Genugthuung, da ein sehr
liebenswrdiges Danke mich belohnte, dann, whrend ich, den Hut in
der Hand, wie ein Lakai mich am Schlage aufstellte, rief die junge Dame
zum Kutscher hinauf: Nach der Zeitungsexpedition! Der Schlag fiel zu
-- und da stand ich.

Nach der Zeitungsexpedition! Was thut eine junge Dame in der
Zeitungsexpedition? Allerlei finstere Gedanken bestrmten mich --
sie wird doch nicht einen Brief abholen, von dem der Papa nichts
wissen soll? Erst Thrnen, dann Zeitungsexpedition -- verdchtige
Zusammenstellung!

Dahinter mu ich kommen, rief ich so zornig, als wre ich der
Beichtvater der kleinen Dame.

Eine Idee fuhr blitzschnell durch meinen Kopf! Ich mute einen Vorwand
haben, auch nach der Expedition zu gehen. Sollte ich nach Briefen
fragen? Nein, das war mit einem Nichts fr Sie! zu schnell abgemacht.
Also ich mute etwas annonciren! Gedacht, gethan, ein Blatt aus der
Brieftasche gerissen und im Stehen geschrieben wie folgt: Ein kleiner,
schwarzer Affenpinscher mit hellblauseidenem Halsband, auf den Namen
Nap hrend, hat sich verlaufen. Der ehrliche Finder wird gebeten,
denselben gegen eine angemessene Belohnung im Hotel zum grnen Falken,
Zimmer Nr. 10, abzugeben. Meine Adresse fgte ich bei, damit die Sache
an Wahrscheinlichkeit gewnne und die junge Dame nicht glaubte, ich
wollte sie nur unter einem Vorwand wiedersehen.

Nun denken Sie -- der arme Nap! Er mute noch herhalten, mute sich
angeblich verlaufen haben, um seinen Herrn auf den richtigen Weg zu
bringen! Einige Kreuz- und Querfragen fhrten mich rasch nach der
Expedition des Blattes, welches, wie ich hrte, das einzige fr den
ganzen Kreis, daher mit Inseraten stets sehr berhuft war.

Auch heute fand sich in dem Local eine bedeutende Menschenmenge vor,
welche fast bis an die Thr hin sich drngte und nur langsam zum
Schalter avancirte. So sah ich denn auch meine Unbekannte gleich am
Eingang stehen, ihr Zettelchen in der Hand wartete sie geduldig auf den
Augenblick der Befrderung.

Als ich sie mit ehrerbietiger Verbeugung begrte, dabei etwas von
glcklichem Zufall murmelte, sah sie mich berrascht an, errthete
und ein leichtes Zucken ihrer Augenbrauen verrieth, da sie diese
zweite Begegnung fr keine zufllige hielt. Auf meine Bemerkung
erwiderte sie kein Wort, sondern sah mit einer schnellen Kopfwendung
nach der andern Seite hin. Ich that, als bemerkte ich es gar nicht.

Denken Sie, mein Frulein, wie traurig es mir ergeht! Ich komme vor
drei Tagen ganz fremd hier in die Stadt und bin heute schon in der
Lage, eine Annonce in die Zeitungsexpedition zu tragen, in der ein
verlorener Besitz und ein ehrlicher Finder die Hauptrolle spielen!

Meine Nachbarin blickte rasch auf. Sie mochte fhlen, da sie mir
Unrecht gethan -- nach =ihrer= Ansicht -- und rgerte sich vielleicht
ein wenig ber die Eitelkeit, welche ihr zugeflstert, ich sei
wohl ihretwegen nach der Expedition gekommen, kurz, sie entgegnete
etwas freundlicher, sie sei in demselben Fall. Sie habe ein kleines
Schmuckstck verloren, ein liebes, unersetzliches Andenken.

So, wie es hier beschrieben ist, fgte sie hinzu und reichte mir den
kleinen Zettel, den ich behutsam ergriff. Knnen Sie mir wohl sagen,
mein Herr, ob die Anzeige so richtig gefat ist? Ich wollte zu Haus
Niemand darum fragen, setzte sie treuherzig hinzu, weil -- nun, weil
ich frchtete, mein Vater knnte sehr ungehalten sein, wenn er erfhre,
da ich eben =dieses= Besitzthum verloren habe!

Der Zettel enthielt in einer zierlichen Schulmdchenhand die Anzeige,
da ein schmaler goldener Ring mit einem Vergimeinnicht von Trkisen
darauf verloren gegangen und gegen Belohnung T...strae Nr. 6
abzugeben sei.

Sie knnen sich einige Worte sparen, bemerkte ich; mit Ihrer
Erlaubni gebe ich dem Ganzen eine geschftsmigere Form.

Sie nickte und ich lie mit groer Geschicklichkeit das Original des
kleinen Schriftstckes in meiner Brieftasche verschwinden, als ich dem
Frulein die Copie berreichte. Sie schien es gar nicht zu bemerken.

Sie sagten, Sie htten auch etwas verloren, begann sie nun ihrerseits
etwas schchtern, ist es auch ein Andenken?

Ja, aber anderer Art, erwiderte ich, =mein= Andenken hat vier Beine,
einen krausen, schwarzen Pelz und bellt -- mein Hund ist mir verloren
gegangen!

Ach, wie schade, sagte sie bedauernd, aber wie kann man einen Hund
verlieren! setzte sie vorwurfsvoll hinzu.

Nun, gab ich ruhig zurck, ebensogut, wie man einen Ring verlieren
kann, den man am Finger trgt.

Sie lachte.

Ich hatte ihn aber abgezogen, erwiderte sie eifrig, ich wollte ihn
zu dem Juwelier dort drben tragen, sie wies nach einem hbschen Laden
mit groen Spiegelfenstern, wie ich nun hinkomme und den Ring abgeben
will -- ist er fort, und ob ich ihn auf dem Wege oder sonst wo verloren
habe, wei ich nicht.

Ich denke, er findet sich wieder, trstete ich, und ich fr meine
Person werde jetzt immer mit niedergeschlagenen Augen umhergehen -- wer
wei, ob ich nicht das verlorene Vergimeinnicht irgendwo treffe und
dann so glcklich bin, es Ihnen zu geben.

In diesem Augenblick wurde Platz am Schalter, die junge Dame eilte
vor, gab ihren Zettel ab und verlie mit einer flchtig freundlichen
Kopfneigung gegen mich die Expedition, whrend ich nach ihrem
Verschwinden gedankenlos mein Inserat bezahlte und mir dann berlegte,
da es ja nun ganz unnthig gewesen sei, meine Lge dem Druck zu
bergeben. Doch Sie wissen, zu geschehenen Dingen lt sich zwar noch
viel sagen, aber nichts mehr thun. Ich ging dann meiner Wege, grbelnd
und sinnend, wie ich den angeknpften Faden der Bekanntschaft weiter
spinnen sollte.

Pltzlich fiel mir etwas ein.

Ich dachte, einmal gelogen, ist nach einem alten Sprichwort kein Mal,
also wollen wir es noch ein zweites Mal thun, und dabei mehrere Fliegen
mit einer Klappe schlagen -- die Gelegenheit zur Fortsetzung einer
Beziehung finden, die mich schon mchtig anzog, und dem liebenswrdigen
Mdchen vterliche Vorwrfe ersparen.

Schnell, um dem Gewissen nicht erst Zeit zu lassen, mir etwas
vorzubellen, betrat ich den mir von der jungen Dame bezeichneten
Juwelierladen und bat, mir verschiedene Ringe vorzulegen. Whrend der
Kaufmann das Verlangte herbeiholte, durchbltterte ich rasch den auf
dem Ladentisch liegenden Adrekalender, der mir auch bald ber Namen
und Stand meines Gegenber bereitwillig Auskunft ertheilte.

Ich hatte Recht, der Vater des Mdchens war, wie ich vermuthete,
Justizrath -- leider sind die Adrebcher nicht ausreichend, um
sonstige gewnschte Details ber eine Familie zu erfahren. Inde ich
wute genug und begann mein Lgengewebe zuversichtlich weiter zu
spinnen.

Ich suchte unter den Schmucksachen, die der freundliche Kaufherr mir
vorlegte, schttelte den Kopf und sagte endlich, dies sei Alles nicht
was ich wollte, ich brauchte einen bestimmten Ring.

Ich will genau denselben haben, den Frulein W..., die Tochter des
Justizrath W... in der T...strae, besitzt, es handelt sich um eine
Wette, fgte ich rasch hinzu, da der Juwelier mich erstaunt ansah und
sogar ein wenig lchelte.

Ich erinnere mich des Ringes ganz gut, sagte er nun, und ich hatte
genau denselben noch einmal, habe ihn aber meiner Tochter geschenkt,
der er bei Frulein W... so gut gefiel.

Das ist betrbend, erwiderte ich achselzuckend, denn ich mte ihn
bald haben. In zwei bis drei Tagen sptestens verlasse ich die Stadt
und mchte meine Wette gern vorher noch zum Austrag bringen.

Der Juwelier besann sich ein Weilchen.

Wenn Ihnen so sehr viel daran gelegen ist, begann er dann zgernd,
so knnte ich ja meiner Tochter spter ein anderes Exemplar des
Gewnschten anfertigen lassen -- er ist nun freilich schon lngere Zeit
getragen worden und sieht nicht mehr ganz so blank aus, wie ein neuer
Ring.

Um so besser, rief ich erfreut und unvorsichtig, setzte aber dmpfend
hinzu, ich meine, das schadet nichts -- wenn Ihr Frulein Tochter so
sehr gtig sein wollte!

Ich will mit ihr sprechen, bemerkte der Vater, dem die Sache
zweifelhaft schien, vielleicht bemhen Sie sich morgen frh noch
einmal zu mir.

Ich versprach es und verlie den Laden, rgerlich darber
nachdenkend, wie ich nun den Tag hinbringen werde. Nachdem ich mein
schnes _vis--vis_ einmal gesprochen, konnten mich die stummen
Fensterbeobachtungen nicht mehr ergtzen, und waren gewissermaen auch
unstatthaft geworden.

In reiferen Jahren sieht man erst ein, wie thricht es ist, sich
darber zu beklagen, da die Zeit nicht rasch genug vergeht! Aber die
Jugend, mit ihrem unerschpflichen Reichthum an zuknftigen Tagen,
mchte oft das heute mit den Hnden vorwrts schieben, um bald zu
irgend einem ersehnten morgen zu gelangen!

Nun, auch mein Tag ging dahin -- und ehe ich mich's versah, war der
Abend da und die Nacht -- ich ging auf mein Zimmer, um mich zur Ruhe zu
begeben.

Vorher ffnete ich noch einmal das Fenster und sah auf die Strae und
auf das Haus gegenber.

Das Wetter hatte sich aufgeklrt, ein ruhiger Mondschein lag auf den
Dchern, milde, warme Luft strich ber meine Stirn -- ich konnte weiter
reisen -- wenn ich wollte!

Ich schlief bis tief in den nchsten Morgen hinein und trat im Traum
auf einen kleinen harten Gegenstand, der sich als ein Ring mit einem
blauen Stein auswies. Freudestrahlend will ich mich eben damit nach dem
Hause des Justizraths begeben -- da klopft es an meine Thr, und die
naseweise Bemerkung: Der Barbier ist da! ruft mich aus der Traumwelt
in die rauhe Wirklichkeit zurck.

Ich frhstckte eilig -- es war mittlerweile elf Uhr geworden -- und
wollte eben das Hotel verlassen, als ich neben meiner Kaffeetasse die
neueste Zeitung liegen sah.

Hastig durchsuchte ich den Inseratentheil -- richtig -- da stand der
kleine, blaue Ring, und da stand Nap, im Falken Zimmer Nr. 10 abzugeben.

Sofort machte ich mich auf den Weg zum Juwelier.

Der prachtvollste Sommertag, klar und warm, war angebrochen -- zu einer
Gebirgsreise wie geschaffen!

Ich schmte mich eigentlich, da ich nicht reiste!

Im Laden angekommen, bemerkte ich sofort an dem lchelnden Gesicht des
Inhabers, da Goldschmieds Tchterlein wirklich so liebenswrdig
gewesen sei, den Ring herzugeben. Ich bezahlte, steckte mein
neuerworbenes Eigenthum schleunigst in die Tasche und begab mich nach
dem Hause, welches schon so lange der Gegenstand meiner eifrigsten
Beobachtungen war.

Vor der Thr stand ich einen Augenblick still. Mir sagte eine innere
Stimme, da ich mit dieser Schwelle zugleich einen bedeutungsvollen
Lebensabschnitt betrte -- und mit heiligem Schauder zog ich an dem
Klingelgriff.

Meine Karte, die ein sauberes Dienstmdchen hineinbefrderte, mochte
wohl Verwunderung erregen, um so mehr, da ich nach den Damen gefragt
hatte, also nicht wohl fr einen geschftlichen Besucher gelten konnte
-- aber ich wurde angenommen und befand mich bald in einem groen,
hellen Zimmer, das in einen schnen, blumengeschmckten Gartensalon
Einblick gewhrte.

Auf dem Sopha sa die schon erwhnte ltere Dame -- aber sonst war
Niemand zu sehen!

Das Schicksal schien mir durch meinen schon ganz ausgearbeiteten
Entwurf einen hlichen Strich machen zu wollen -- inde ich konnte
nichts weiter dabei thun!

Die Dame stand auf, machte mir eine Verbeugung und sah mich fragend an.

Ich mu sehr um Entschuldigung bitten, begann ich, mit einer
mir durchaus neuen Verlegenheit kmpfend, da ich so fremd hier
einzudringen wage. Meine Khnheit ist nur durch einen besondern Umstand
zu entschuldigen -- ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, da
eine Dame aus diesem Hause einen kleinen Ring verloren hat -- und ich
bin so glcklich gewesen, denselben wiederzufinden!

Ach, Sophiechen's Ring, rief die Dame mit sehr freundlichem Gesicht,
das ist sehr liebenswrdig von Ihnen, mein Herr, da Sie sich selbst
zu uns bemhen. Das arme Kind hat sich schon soviel um den Ring
gegrmt, sie hatte ihn von der Tante Adele, die dann so bald gestorben
ist, eine Schwester der Frau Justizrthin, die uns auch leider so frh
entrissen wurde, und da durfte gar nichts verlauten, da der Ring
verloren war, denn der Herr Justizrath ist im Allgemeinen sehr gut,
wirklich, man kann sagen, ausnehmend gut und nun gar zu Sophiechen ein
sehr guter Papa, aber Sie wissen ja, wie die Herren sind, sie haben
alle ihre Eigenheiten und eigen ist der Herr Justizrath auch.

Ich fand begreiflicher Weise weder Zeit noch Gelegenheit, ein Wort
einzuschieben.

Nun aber, fuhr die gute Dame fort, will ich Sophiechen holen. Sie
sollen selbst sehen, was sie fr eine Freude haben wird! Sie ist ja
schon ganz unglcklich ber den Ring! Nein, ich kann mich gar nicht
genug wundern, da er wieder da ist! So ein kleines Ding, wie leicht
konnte er zertreten werden, oder bei dem Regen gestern -- er konnte
in die Gosse fallen -- und weg war er! Es konnte ihn ja auch Jemand
finden, der nicht ehrlich war -- es giebt zu schlechte Menschen!

Hier ging ihr glcklicherweise der Athem aus und sie verlie mit den
Worten: Einen Augenblick, mein Herr! das Zimmer, whrend ich meinen
Ring in der Hand hielt, mich schmte und mich freute.

Es verging eine ziemliche Zeit, ehe die Dame wieder eintrat, und dicht
hinter ihr das junge Mdchen, deren Bekanntschaft ich schon gestern
gemacht.

Sie stutzte, als sie mich sah, errthete und setzte eine kleine
vornehme Miene auf. Ich wollte mich ihr eben mit einigen erklrenden
Worten nhern, als die Alte wieder dazwischen fuhr.

Na, Sophiechen, du wirst dich wundern! Du wunderst dich wohl schon,
nicht wahr? Wie ich ihr sage, da sie mitkommen soll, es wre ein
fremder Herr da, da sagt sie: Tante, was soll ich denn drben, du
kannst doch wohl einen fremden Herrn allein annehmen, denn sie war
gerade ber dem Einkochen von --

Liebe Tante, unterbrach sie das Mdchen freundlich, das kann den
Herrn unmglich interessiren!

Und dabei wandte sie sich zu mir und sah mich fragend an.

Darf ich wissen, was es ist, wovon meine Tante sich so groe
Verwunderung meinerseits verspricht?

Ich war so glcklich, begann ich stockend, hielt aber inne und
berreichte ihr den Ring.

Eine helle Freude flog ber das reizende Gesicht und zwei groe Thrnen
traten ihr in die Augen. Mit ausgestreckter Hand kam sie auf mich zu.

Ich danke Ihnen -- ich danke vielmals! Sie machen mir eine unendlich
groe Freude -- mein lieber Ring!

Ich kam mir in dem Augenblicke wie ein ganz nichtswrdiger Betrger
vor! Hier stand ich und nahm Dank, Freudenthrnen, freundliche Aufnahme
-- sogar einen freundlichen Hndedruck entgegen -- fr einen ganz
abscheulichen Schwindel.

Ich war drauf und dran, meine Snden zu bekennen, und herausgeworfen zu
werden, als sich die Thr auf's neue ffnete und der stattliche Herr
des Hauses eintrat.

Er blieb berrascht stehen, als er die Gruppe in der Mitte des Zimmers
erblickte.

Sie -- die Gruppe -- sah auch nicht unbedenklich aus! Ein verlegener
junger Mann, ein errthendes Mdchen mit Thrnen in den Augen und einem
Ringe in der Hand und eine ltere Dame, die eben htte segnen knnen!

Diese Letztere strmte inde sofort auf den verblfften Justizrath ein
und berschttete ihn mit Ausrufen, Erklrungen, Vorstellungen -- bis
er sich lachend die Hnde vor die Ohren hielt.

Das Kurze und Lange von der Sache ist jedenfalls, da Sophie ihren
Ring verloren und wiederbekommen hat und da wir Ihnen, mein Herr,
dafr zu danken haben.

Hfliche Verbeugung! Wieder ein Dank, den ich nicht verdiente! Ich
erstickte fast daran und mute mich nun noch von dem Papa auf's Sopha
nthigen lassen und eine halbe Stunde lang mit ihm ber Juristerei
plaudern!

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich begreifen, wie einem Friseur
oder Schneidergesellen zu Muth sein mu, der als Graf in ein Weltbad
reist und demgem behandelt wird.

Ich war, wie ich schon sagte, wirklich immerfort im Begriff, meine
Larve abzuwerfen und als blamirtes, aber ehrliches Schaf aus meinem
Wolfspelz hervorzukriechen -- aber der Zauber des Augenblicks war
strker als ich -- ich blieb und schwieg.

Als ich es endlich an der Zeit fand, die Familie nicht lnger vom Genu
des Mittagessens zurckzuhalten, lud mich der Hausherr in freundlicher
Weise ein, den Abend bei ihnen zu verleben, was ich tief beschmt, aber
uerlich mit schner Fassung annahm.

So war ich denn nun durch die Dornenhecken gnzlicher Unbekanntschaft
in das verzauberte Schlo gedrungen, aber das Ritterschwert, welches
mir den Weg zur Prinze Dornrschen gebahnt hatte -- war eine Lge! Mit
einem Seufzer und dem alten Wort, da der Zweck die Mittel heilige,
sang ich mein Gewissen in Schlaf, und kehrte in den Gasthof zurck.

Im Hausflur stand ein Mann in einer blauen Jacke, mit einer groben
Physiognomie, er trug einen kleinen schwarzen Hund auf dem Arm. Ich
achtete nicht auf ihn, sondern begab mich auf mein Zimmer, um mich
angenehmen Erinnerungen und noch schneren Erwartungen zu berlassen.

Leises Pochen an der Thr schreckte mich auf.

Auf mein Herein! erschien zuerst der wohlfrisirte Oberkellner, hinter
ihm der Mann in der blauen Jacke mit dem Hunde, den ich beim Eintreten
bemerkt hatte. Der Letztere trat einen Schritt nher und indem er das
Thier am Genick fate und mir mit vorgestrecktem Arm entgegenhielt,
sagte er:

Ich wollte fragen, ob das der Hund ist, den Sie verloren haben?

Meine Empfindungen sind schwer zu beschreiben! Lachlust und Beschmung
kmpften heftig in mir -- die greifbaren Folgen der =zweiten= Lge
machten sich bemerklich.

Nein, sagte ich kurz, das ist nicht mein Hund!

Am Ende doch! bemerkte der Fremde, er ist ja schwarz und klein!

Hierbei setzte er das Thier auf den Boden und schien es nicht wieder
an sich nehmen zu wollen. Die kleine, hchst gemein aussehende Creatur
fuhr, wahrscheinlich durch schlechte Behandlung gereizt, sofort bellend
und schreiend auf mich ein und schnappte in hchst ungemthlicher Weise
nach meinen Stiefeln.

Sehen Sie, er kennt Sie! sagte das blaujackige Individuum mit der
grten Frechheit, ich bitte um die Belohnung, die in der Zeitung --

Das ist doch zu stark! rief ich nun meinerseits gergert, dieses
Thier habe ich nie gesehen, es beit mich, und Sie wollen von mir noch
eine Belohnung? Dort ist die Thr!

Der Mann rhrte sich nicht.

Nun, dann bitte ich mir wenigstens ein Trinkgeld aus -- ich habe zwei
ganze Stunden hier auf Sie gewartet und meine Zeit kostet Geld!

Nemesis! dachte ich und gab ihm, um es kurz zu machen, ein Geldstck,
worauf er den Hund wieder wie ein Bndel Lumpen ergriff und mit einem
hhnischen Kratzfu das Feld rumte.

Im Laufe des Nachmittags erschienen noch zwei Frauen und ein groer
schurkischer Junge, die Alle Hunde brachten -- der Junge sogar einen
weien! -- und die mit Jammern und Grobheiten Futterkosten, Wartegeld
und wer wei was sonst noch von mir erpreten. Aber der Abend sollte
mich fr diese Mhsal belohnen.

Ich sa in dem hbschen Garten drben bei meinen neuen Freunden, und
wir plauderten so gemthlich, als kennten wir uns schon seit langer
Zeit.

Dann ging Sophie in den Gartensaal und sang uns ein Lied; der Vater
sah vergngt dazu aus -- und ich -- nun ich war auch ganz befriedigt
von meiner Lage. Aber Eins wute ich schon an diesem Abend ganz genau,
da meine Bekanntschaft mit Sophie nicht umsonst durch einen Ring
angefangen hatte -- wenn es nach mir ging, sollten noch mehr Ringe in
unseren gegenseitigen Beziehungen eine Rolle spielen. Also, es geht
manchmal schnell mit solchem Entschlu, wie dies Beispiel zeigt!

Den nchsten Tag verbrachte ich wieder fast ganz im Hause des
Justizraths, wir hatten sogar eine Art Verwandtschaft aufgestbert,
die zwischen einer Gromutter meiner Stieftante und einem Onkel des
Justizraths bestanden haben konnte -- ich hatte also gewissermaen ein
Recht, dort zu sein!

Nun, und es traf sich so, da ich am dritten Abend mit Sophie und der
Tante im Gartensaal sa und die Letztere abgerufen wurde.

Jetzt, werden Sie denken, htte ich meinen schnell erblhten Gefhlen
gleich Worte gegeben? O nein, so von selber ging das nicht! Ich mute
noch gehrig durch die Traufe.

Wir saen in etwas stockender, verlegener Unterhaltung zusammen, wie
das so leicht kommt, wenn man mehr zu sagen wte, als recht angehen
will -- da strzt freudeglhenden Antlitzes die Magd des Hauses herein.

Na, Frulein Sophie, Sie werden sich aber freuen! Ich bin in Ihrer
Stube und nhe und da fllt mir der Fingerhut auf die Erde und kollert
unter den groen Schrank. Ich hole mir den Johann und wir rcken den
Schrank etwas beiseite und was finde ich? -- Ihren Ring, den Sie so
gesucht haben!

Prosit die Mahlzeit!

Ich wei kaum anzugeben, was ich in dem Moment dachte. Mein Hauptgefhl
war lebhaftes Bedauern, da die Wohnungen wohlhabender Privatleute
keine Versenkungen haben, in denen man in so entschieden blamablen
Augenblicken verschwinden knne.

Sophie war ganz ruhig, nur sehr bla geworden. Ich danke, Christiane,
es ist mir sehr lieb, da der Ring da ist -- Sie knnen gehen!

Die Magd verschwand, augenscheinlich sehr verblfft ber die ruhige
Aufnahme dieses freudigen Ereignisses.

Sophie wandte sich zu mir, ihre Stimme zitterte etwas.

Ich darf Sie wohl bitten, Herr Doctor, mich ber dies sonderbare
Zusammentreffen aufzuklren und -- Ihr Eigenthum wieder an sich zu
nehmen!

Bei diesen Worten streifte sie langsam den Ring, den ich gefunden haben
wollte, vom Finger und hielt ihn mir hin.

Und ich? Nun ich that, was ich gleich htte thun sollen -- ich
beichtete ehrlich, demthig, zerknirscht, wie sie mich interessirt
htte, ehe ich ein Wort mit ihr gesprochen, wie lebhaft ich gewnscht,
in das Haus ihres Vaters zu kommen, wie ich dann im Moment die ganze
Finte ersonnen und, einmal drin, nicht wieder herausgekonnt htte. Und
dann bat ich sie flehentlich, den Ring zu behalten und wurde immer
eifriger und beredter und sagte schlielich Alles heraus, da ich
den Ring nur dann wiedernehmen wrde, wenn ich ihn mit einem andern
vertauschen drfte -- mit dem Verlobungsring!

Und da mir verziehen wurde, beweist Ihnen die Thatsache, da der
wirkliche Ring noch heut hier an meiner Uhrkette hngt -- sehen Sie,
das ist er! und da Sophie seit einer langen Reihe von Jahren meine
Frau ist. Um aber noch einmal auf den Verlobungsmoment zurckzukommen,
so saen wir ganz stillvergngt zusammen, als pltzlich der Diener
erschien und mir ein Telegramm berreichte.

Erschrocken und berrascht ffnete ich dasselbe. Es war von meinen
Tanten und lautete:

Anzeige im Kreisblatt unnthig, Nap ist hier! Da nun die
Hundegeschichte auch noch an den Tag kam, da Abends, als die
Gesundheit des Brautpaares getrunken wurde, der Schwiegervater meine
ganze Schlechtigkeit erfuhr, das knnen Sie sich denken.

Aber sehen Sie, es kann manchmal schnell gehen mit dem Kennenlernen und
Verloben und es hlt doch.

Der Zug begann langsamer zu fahren.

Leben Sie wohl, meine jungen Damen, sagte der liebe, alte Herr
mit seinem freundlichsten Lcheln, vergeben Sie, wenn Ihnen meine
Geschichte zu lang war, und nehmen Sie ja kein Beispiel daran! Immer
geht's nicht so gut ab mit dem Lgen und dann ist es doch sehr
unangenehm, wenn es an's Licht kommt!

Der Zug hielt an, der alte Herr verlie uns und ich habe ihn seitdem
nicht wieder gesehen. -- Aber noch heute besteige ich keinen Dampfwagen
ohne die leise Hoffnung, den silbernen Kopf meines alten Herrn mir
entgegenglnzen zu sehen und ihn noch einmal lachen zu hren!




                         Glck mu man haben!

Und wenn Sie, verehrtester Herr Amtsrath, meiner Werbung nicht
durchaus abgeneigt sein sollten, so darf ich wohl die ergebene Bitte
aussprechen, die Inlage Ihrer Frulein Tochter zu bergeben und mir,
in freundlicher Rcksichtnahme auf die Verhltnisse, Ihre Antwort
womglich noch im Laufe des heutigen Tages zugehen zu lassen, was sich
ja bei der fast stndlichen Eisenbahnverbindung zwischen hier und
Frankenberg sehr wohl ermglichen lt.

Mit diesen Worten schlo der Lieutenant Fritz Sterneck seinen Brief,
steckte ihn ins Couvert, schrieb die Adresse: An Herrn Amtsrath
Solgers in Neu-Tessin bei Frankenberg und legte das bedeutungsvolle
Schriftstck mit einem erleichterten So vor sich auf den Tisch.

Die Lampe, welche diesen Tisch beleuchtete, kmpfte schon in
unschner Mattigkeit gegen den jungen Sommermorgen -- noch dazu einen
Sonntagsmorgen -- der frisch, duftig und noch in leichten Frhnebel
verhllt ber der schlafenden Stadt emporstieg.

Fritz lschte das Licht, welches ihm zu seiner nchtlichen Schreiberei
gedient hatte, und nahm mit dem seltsamen Gemisch von nchterner
Mdigkeit und nervser Erregung, welches wir in dieser allerfrhesten
Morgenstunde so leicht empfinden, am geffneten Fenster Platz. Es
schien ihm kaum mehr der Mhe zu lohnen, den Schlaf noch einmal
aufzusuchen; er blickte, den Kopf in die Hand gesttzt, gedankenvoll
auf den leeren Marktplatz zu seinen Fen und unwillkrlich drngte
sich ihm die Frage auf, ob wohl jedem Brutigam nach der Abfassung des
Werbebriefes so -- ja so richtig nchtern zu Muthe sei? Oder lag es bei
ihm in den besonderen Verhltnissen?

Er stand gewissermaen in doppelter Hinsicht auf dem Sprunge. Sein
Abschied vom Militair war eingereicht und er trat bis zur Bewilligung
desselben am nchsten Tage einen Urlaub an, um sein vterliches Gut
selbst zu bernehmen, auf welchem er aufgewachsen, und an dem ihm jeder
Zoll Boden bekannt war.

Ebenso bekannt war ihm die Familie eines Gutsnachbarn seiner Eltern,
des etwas gewaltthtigen Amtsraths Solgers, seiner schchternen,
graublonden Frau, und seiner noch schchterneren und noch graublonderen
Tochter Amalie.

Nach der Meinung und Ansicht der Seinigen konnte Fritz gar nichts
vernnftigeres thun, als Amalien zu heirathen -- die Aecker grenzten
nachbarlich zusammen, die Herzen stimmten berein -- oder wenn sie
es nicht thaten, so war dies, wie ltere Leute oft zu sagen und an
Beispielen zu erlutern lieben, durchaus kein Grund, warum die Besitzer
dieser Herzen nicht uerst glcklich mit einander werden sollten.

Fritz war im Grunde seiner ehrlichen Seele, trotz eines hin und wieder
hervorbrechenden knabenhaften Uebermuthes, ein ganz klein wenig
Philister -- das heit Familienphilister! -- was man daheim fr gut
und wnschenswerth erklrte, hatte er bis jetzt auf Treu und Glauben
ebenfalls dafr hingenommen, und so war ihm auch Amalie Solgers immer
als etwas gutes und wnschenswerthes geschildert und erschienen. Immer
-- bis heute Morgen, wo er sich entschlossen hatte, um sie zu werben!

Als er, den groen Entschlu couvertirt und adressirt vor sich auf dem
Tische, in den herrlichen jungen Tag hinausblickte, der in seinen halb
durchsichtigen Wolkenschleiern die waldigen Hgel des nahgelegenen
Hhenzuges bald zeigte und bald verbarg -- da berfiel ihn mit
pltzlicher Traurigkeit das Bewutsein, =was= ihm eigentlich fehle! So
duftig, so unbegrenzt und unbestimmt in Form und Umri mu nicht nur
die Frhstunde eines schnen Tages -- nein auch die Morgenstunde des
Lebens sein, wenn sie nicht ihren Zauber verlieren soll! Der Reiz der
=Ungewiheit= war es, der seinem Zukunftsbilde mangelte -- es lag nicht
vor ihm, wie eine blaue Ferne im Frhlicht, die man mit ahnungsvollem
Entzcken, unbekannten Abenteuern entgegen, betritt -- sein Schicksal
glich einem kleinen, prosaischen Pachterhof im Mittagssonnenschein,
abgegrenzt, durch und durch alltglich -- und nur =dem= begehrenswerth,
der die ersten Schaumperlen vom Lebensbecher schon getrunken hat!

Er versuchte, sich einzureden, da nur die schlaflose Nacht es sei, die
ihm sein neues Glck in so berwachter, mattfarbiger Beleuchtung zeige,
und griff nach der Mtze, entschlossen, den mahnenden und grollenden
Stimmen in seinem Innern durch eine vollendete Thatsache, d. h. durch
Abschicken des Briefes, Schweigen zu gebieten.

Whrend er das Couvert noch in der Hand hielt, und zweifelhaft
betrachtete, wurde ihm klar, da vor dem spten Abend auf Antwort
nicht zu rechnen sei, selbst angenommen, da sein zuknftiger
Schwiegervater in der Laune sein sollte, ihm sofort ein Ja oder
Nein zuzurufen oder besser zuzudonnern; der Amtsrath war, wie gesagt,
ein gewaltthtiger Herr und hatte eine seinem Temperament entsprechende
Stimme, vermittels derer er die sanften Einwrfe seiner Frau und
Tochter einfach todtschrie.

Im gnstigsten Falle einen ganzen Tag lang auf solchen Bescheid zu
warten hat um so weniger etwas Verlockendes, wenn die Zeit einem
Sonntage angehrt. Das dunkle Gefhl, da dies der letzte Sonntag
ungebundener Freiheit fr ihn sei, da er vielleicht vor Ablauf der
Woche schon als mig beglckter Verlobter an der Seite der blassen
Amalie mit der stets etwas duldenden und leidenden Miene sitzen
werde, bewirkte, da unser Held aufsprang und schnell, ohne viel zu
berlegen, einen grauen Civilanzug statt seiner Uniform anlegte, mit
dem Entschlusse, diesen letzten Sonntag noch auf irgend eine Weise
auszuntzen, und sich als Spielball dem lustigen Dmon Zufall in die
Hand zu geben, der es vielleicht gut genug mit einem ehrlichen Gesellen
meinte, um ihm vor Thoresschlu noch einen amsanten Tag zu gnnen.

Aber der Brief mu fort, sagte Fritz vor sich hin, whrend er sich
anschickte, das Haus zu verlassen, denn sonst bleibt die Geschichte
wieder wochenlang liegen, und ich mchte nun endlich einmal damit ins
Reine kommen.

Bei diesen Worten trat er auch schon auf den Marktplatz hinaus, an
dessen Eckladen ihm ein Briefkasten einladend entgegenwinkte.

Als Fritzens Werbung in dem breiten Spalt des Kastens verschwunden war,
erhob er die Augen und erblickte zwei weibliche Gestalten, welche an
ihm vorbei ber den Platz gingen.

Es fiel ihm auf, da die Damen zu so frher Stunde das Haus
verlieen, und sein Interesse an ihren Beweggrnden wuchs mit groer
Schnelligkeit, als er bemerkte, da eine der beiden Spaziergngerinnen
ein junges Mdchen von ganz besonderer Anmuth war. Der breitrandige
Strohhut warf zwar ber den oberen Theil ihres Gesichts einen leichten
Schatten, vermochte aber nicht zu verbergen, da zwei blitzende,
dunkelblaue Augen sich als Licht in diesem Schatten befanden. Den
Augen entsprechend trug das ganze Gesicht, ja die ganze Erscheinung
des Mdchens, welches eben der Schule entwachsen zu sein schien,
ein unverkennbares Geprge furchtlos schelmischen Uebermuthes und
Frohsinnes, dabei hatte sie eine gewisse vogelhnliche Beweglichkeit
in der Art, wie sie ihren zierlichen, blonden Kopf nach allen Seiten
drehte und mit der naiven Neugier eines Kindes berall umhersah. Sie
trug einen ziemlich groen Arbeitskorb mit festschlieendem Deckel am
Arme; dieser und ein kreuzweis ber der Brust zusammengestecktes weies
Tuch gaben ihr ein gewisses sehr reizvolles Rokokoansehen, welches
unseren Fritz unwillkrlich an Friederike von Sesenheim gemahnen wollte.

Die Begleiterin der jungen Schnheit war eine sehr wohlbeleibte Dame
mit einem unendlich gutmthigen breiten Gesicht, welches in Form und
Ausdruck den Abbildungen der Sonne in manchen Bilderbchern glich.
Gleichwohl bekam dieses Gesicht durch einen leisen Bartanflug auf der
Oberlippe, sowie durch einen Hut, der sich scheinbar durch Zauberei,
jedes Bindemittel verschmhend, auf ihrem Haupte erhielt, einen
gewissen Anstrich von energischer Unternehmungslust.

Fritz schlo aus dem Krbchen, welches das junge Mdchen am Arme
trug, da die Damen sich nach einem der Kaffeegrten zu begeben im
Begriff standen, welche, in der Vorstadt gelegen, hufig zu solchen
Morgenausflgen benutzt wurden, wenn auch selten zu so frher Stunde.
Er folgte in gemessener Entfernung und trat mit einem gewissen
Vergngen in die Spuren sehr zierlicher Absatzstiefelchen, welche die
junge Dame in dem Sande der Promenadenanlagen hinterlie.

An der nchsten Ecke wandten sich die Spaziergngerinnen nach rechts,
Fritz that ein Gleiches und befand sich auf einem freien Platze, einer
zahlreichen, munter durcheinander sprechenden Gesellschaft gegenber,
die, um einen Omnibus gruppirt, sich entschieden zu einer Landpartie
rstete. Die energische Dame mit ihrer reizenden Tochter, Nichte,
Pflegebefohlenen, was sie auch sein mochte, wurde freudig und zugleich
wegen der Versptung vorwurfsvoll begrt, wobei Fritzens scharfes Ohr
es auffing, da die junge Dame Lotte hie, und man schickte sich an,
den Wagen zu besteigen.

Fritz entwarf, als guter Stratege, blitzschnell seinen Plan und
ging als schlechter Diplomat an dessen Ausfhrung, ohne sich Zeit
zur Ueberlegung zu lassen. Er mischte sich mit edler Dreistigkeit,
ohne ein Wort zu sprechen, unter die Gesellschaft, und als ein sehr
geschniegelter, sehr blonder junger Mann eben im Begriff stand, seinen
Platz neben Fritzens Schnheit einzunehmen, schob letzterer ihn mit
einem hflichen erlauben Sie zurck und nahm, seinen Hut artig
lftend, die Stelle des grenzenlos Verblfften ein.

Fr wenige Sekunden bemchtigte sich eine solche wort- und
bewegungslose Ueberraschung der Gesellschaft, da ein Unparteiischer in
Versuchung gekommen wre, Fritzens hbsches, biederes Gesicht fr ein
Medusenhaupt zu halten. Aber der unheimliche Zauber lste sich schnell,
und ein lterer, jovial aussehender Herr mit einem grauen Vollbart
trat mit den Worten auf unseren Helden zu: Mein Herr, darf ich Sie
wenigstens bitten, uns zu sagen, =wen= wir die Ehre haben, in unserer
Mitte zu sehen?

Fritz, Erstaunen und sogar leichte Entrstung heuchelnd, erwiderte mit
groer Unbefangenheit: Ich sehe eigentlich keinen Grund dafr, mein
Herr, jeder Mensch hat doch das Recht, einen Omnibus zu einer kleinen
Spazierfahrt zu benutzen, ohne sofort ber sein _Curriculum vitae_
befragt zu werden!

Der dstere und kampfesmuthige Ausdruck, der sich bei der ersten
Hlfte von Fritzens Entgegnung ber die mnnlichen Gesichter in der
Gesellschaft verbreitet hatte, wich nach und nach dem ironischen
Lcheln der Ueberlegenheit; der wird einen guten Schreck bekommen,
stand in leserlicher Schrift auf den Mienen der Anwesenden. Auch der
alte Herr, welcher der Festordner bei dieser Vereinigung zu sein
schien, lchelte.

Sie sind im Irrthum, mein Herr, dieser Omnibus ist von uns fr
den heutigen Tag gemiethet und zu einem gemeinsamen Ausfluge im
geschlossenen Kreise bestimmt.

Der durchaus nicht berraschte Fritz war sofort ganz Beschmung und
Schrecken, er entschuldigte sich bei jedermann und der dazu gehrigen
Frau, er bedauerte auf's lebhafteste, ahnungslos einen solchen _faux
pas_ gemacht zu haben, und war, wie er versicherte, schon bestraft,
indem er eine ziellose Spazierfahrt, zu der ihn der schne Morgen
verlockt, nun aufgeben und bescheiden in seine heie Stadtwohnung
zurckkehren werde.

Fritz konnte wirklich =sehr= liebenswrdig sein! Auch bei diesen
Entschuldigungen entwickelte er so viel Artigkeit und Gewandtheit,
da sich das Vorurtheil der Gesellschaft fast ausnahmslos fr ihn
entschied, was er schlau genug war, zu bemerken. Nur der blonde junge
Mann, den er von der Seite des schnen Mdchens verdrngt hatte, sah
dster und drohend aus und schielte zornig auf unseren Helden.

Nach einer leise gefhrten Berathung mit den einflureichsten
Mitgliedern der Gesellschaft trat der ltere Herr wieder auf Fritz
zu und forderte ihn freundlich auf, da er nun einmal in ihren Kreis
gekommen sei, den Platz im Wagen zu benutzen und mit ihnen zu fahren.
Fritz, dessen Uebermuth durch die ganze Situation sowohl, als durch
die etwas kleinbrgerlichen Allren eines Theils der Gesellschaft
gestachelt war, stellte sich, um zu seinen neuen Bekannten zu passen,
auf seinen Civilanzug hin keck als Kaufmann Schrter vor, und nahm
mit den Gefhlen eines groen Jungen, der hinter die Schule geht,
glckselig neben der reizenden Lotte Platz. Er benutzte die wenigen
Minuten bis zur Abfahrt dazu, sein Herz gnzlich an das feine
Gesichtchen neben sich zu verlieren, noch ehe er eigentlich mehr als
zehn Worte mit der Eigenthmerin desselben gewechselt hatte. Das
Mdchen antwortete auch vor der Hand nur in schchterner, kurzer
Weise und errthete jedesmal sehr lieblich, wenn Fritzens Augen mit
unverhohlener Bewunderung auf ihr ruhten.

Bald aber verflog ihre Befangenheit, und als der Wagen die Stadt
verlassen hatte und zwischen blhenden Saatfeldern hinaus auf das
Land zu rollte, plauderten die beiden schon so lustig und harmlos mit
einander, als htten sie sich Jahre lang gekannt. =Was= zwei junge
Leute, die groes Gefallen aneinander finden, sich an einem schnen
Morgen auf einer Landpartie erzhlen, darauf kommt es gar nicht an, das
=wie= ist die Hauptsache!

Und =wie= konnte Fritz heute sprechen und parliren! Er entdeckte
in der frohen Erregtheit des Augenblickes eine ungeahnte Fundgrube
von guten Einfllen in seinem Innern, er hatte nie gewut, da es
ihm gegeben war, gefhlvolle Andeutungen in so leichter, geflliger
Form anzubringen, es war ihm noch nie gelungen, ein so reizendes
Rosenroth auf einem Mdchengesicht durch seine Worte hervorzurufen,
mit einem Wort, er war noch nie verliebt gewesen, dafr war er es
jetzt intensiver, als er selbst wute! Und auch seine allerliebste
Nachbarin schien dem Reiz des Augenblicks nicht ganz unzugnglich, die
Unterhaltung der beiden gerieth nie ins Stocken.

Fritz vermied -- er wute nur zu gut, warum -- jedes Eingehen auf
seine persnlichen Verhltnisse, obwohl er seine Lge schon zu bereuen
begann. Er htte am liebsten seine Identitt mit dem ernsthaften,
berlegten jungen Mann ganz vergessen, der seit heute Morgen im Begriff
stand, eine Vernunftsheirath zu schlieen. So viel stand bei ihm
schon nach der ersten Stunde, der greren Hlfte der zurckzulegenden
Tour, fest, htte er die Landpartie oder besser die Bekanntschaft
seiner anmuthigen Nachbarin =vor= der Abfassung des heutigen Briefes
gemacht, so wre derselbe nicht geschrieben worden.

Er bedurfte in doppelter Beziehung der Vorsicht, um sich nicht zu
verrathen, er mute, um die Situation nicht zu verwickeln, nicht
Lieutenant Sterneck sein, sondern Kaufmann Schrter, und er durfte
nicht daran denken, da sein Werbebrief jetzt, vielleicht in diesem
Augenblicke, vom Postboten aus dem Kasten genommen und zur Eisenbahn
befrdert wurde. Beide Umstnde boten einige Schwierigkeit, sowie die
Unterhaltung auf ihn selbst kam.

Seine kleine Nachbarin war um so offenherziger, sie hatte nichts zu
verbergen. Seit Ostern war sie aus der Schule entlassen und nun bei
ihren Eltern zu Haus. Auf die heutige Landpartie hatte die Tante -- sie
wies auf ihre Nachbarin mit dem Schnurrbrtchen -- sie mitgenommen,
sonst war sie noch wenig aus dem Hause gekommen.

Die Tante meint es sehr gut mit mir, fgte sie dankbar hinzu, sie
wei, da ich zu Hause mit den vielen kleinen Geschwistern tchtig zu
thun habe, und nimmt mich fters gegen Abend mit spazieren. Sie ist
eine Wittwe und gewhnlich ganz allein. Mich hat sie sehr lieb, und
wenn sie nchsten Winter auf einen Ball geht, soll ich mitkommen, und
sie will mir ein weies Kleid und rosa Rosen dazu schenken. Aber was
ich Ihnen alles erzhle, brach sie errthend ab, ich freue mich nur
schon so sehr darauf und vergesse ganz, da Sie mich noch gar nicht
kennen.

Ich denke, ich kenne Sie sehr gut, sagte Fritz lachend, und wenn Sie
mich etwa nicht kennen wollen, so ist das sehr undankbar von Ihnen!
Wten Sie, was ich alles heut gewagt habe, um diesen Tag in Ihrer Nhe
zu verleben!

Sie sah ihn verwundert und fragend an; ach, wie mit jedem Blick dieser
klaren, dunkelblauen Augen Amaliens Aktien sanken!

Ja, ja, sehen Sie nur nicht so erstaunt aus! Ich mu Ihnen beichten;
denken Sie wirklich, da ich nicht wute, was ich that, als ich,
ohne zu fragen, in Ihren Kreis hineinplumpte, wie der Zucker in den
Kaffee? War ich nicht schon eine halbe Stunde vorher hinter zwei Damen
hergegangen, vom Markte auf die Kronenstrae, von der Kronenstrae ber
den Wall, vom Wall nach dem Omnibus, und wute ich nicht, da eine
dieser Damen wiederzusehen oder gar mit ihr bekannt zu werden fr mich
das grte Glck -- hier fiel ihm sein Brief an den Amtsrath ein --
er stockte und fuhr verwirrt fort: Mit einem Wort, mein Frulein, ich
habe Ihretwegen gelogen, schmhlich gelogen, ich wute ganz genau, da
ich bei Ihnen und den Ihrigen gar nichts zu suchen hatte und da um
diese Zeit des Morgens noch gar kein ffentlicher Omnibus fhrt -- und
nun sagen Sie, da Sie =sehr= bse sind!

Sehr! erwiderte sie, ohne aufzublicken.

Soll ich herausspringen und zu Fu nach Hause gehen? Oder noch besser,
soll ich so lange neben dem Wagen herlaufen, bis Sie mir verziehen
haben und mich wieder hereinrufen? Sie haben nur zu befehlen!

Und wenn ich den Befehl gbe, sagte Lottchen verwirrt und lachend,
wrden Sie ihn ja doch nicht ausfhren!

Denken Sie, da ich um Ihretwillen nicht noch ganz andere Dinge thte?

Fritz war auf gutem Wege, das mu man sagen! Aber das ungestrte
Lachen und Plaudern der beiden sollte ein Ende finden. An der anderen
Ecke des Wagens, der Tante gegenber, sa jener Blonde, den Fritz
so rcksichtslos verdrngt hatte. Er schien ein Proteg von Lottens
mtterlicher Freundin zu sein, und beide beobachteten unser Paar
unaufhrlich, wobei die Augen des Blonden mit den Wagenrdern frmlich
um die Wette rollten.

Pltzlich erhob sich die Tante, wankte wie eine stattliche Fregatte
zwischen den Sitzenden hindurch, wobei verschiedene Ste des Wagens
sie als solides Schokind bald dem einen, bald dem anderen auf die Knie
setzten, und langte mit den Worten bei Lotte an: Liebes Kind, wechsele
doch den Platz mit mir, der Wind blst mir ins Gesicht.

Mit einem fast unmerklichen Zgern erhob sich die kleine Schnheit
und begab sich an die Stelle der intriguanten Tante, welche mit
durchbohrenden Blicken neben dem verblfften Fritz sich niederlie.

Nun, wie gefllt Ihnen unsere Landpartie, Herr Schrter? fragte sie
sofort.

Bis jetzt ausgezeichnet, sagte der doppelzngige Fritz und
blickte forschend nach der anderen Ecke, wo der Blonde eine eifrige
Konversation ins Werk zu setzen begann.

Die Tante betrachtete inde aufmerksam unseren Helden, und sanftere
Gefhle begannen ihr Herz zu bewegen.

Er sieht wirklich sehr gut aus, dachte sie, und wer wei, ob unser
Lottchen nicht hier ihr Glck macht! Ich mu ein wenig auf den Busch
klopfen, und ist er ein ordentlicher Mensch in angenehmer Lage, so kann
man ja weiter sehn!

Die gute alte Tante stiftete fr ihr Leben gern Heirathen, wie alle
guten alten Tanten, und indem sie, ihrer Meinung nach sehr vorsichtig
und unmerklich, unseren Fritz auszuforschen begann, entspannen sich die
weitaussehendsten Plne in ihrem Kopfe.

Whrend Fritz, der ihre Absicht mit hchlichem Ergtzen durchschaute,
ihr in der vertraulichsten Weise von seinem eintrglichen
Kolonialwaarengeschft erzhlte und Kaffeeproben zu senden versprach,
mit denen sie wohl zufrieden sein sollte, whrend er in dieses
bermthige Lgengewebe die liebenswrdigsten kleinen Schmeicheleien
und Anspielungen auf ihre reizende Nichte einflocht, mit denen je eine
arglose Tante gefangen wurde, sah sich die wohlwollende Dame schon im
Geiste in einem violetten Seidenkleide an der Hochzeitstafel sitzen,
und hrte, wie der gerhrte Brautvater ans Glas schlug und sie, die
Tante, als Begrnderin dieses jungen Glckes hoch leben lie, denn
htte sie Lotte nicht mit auf die Landpartie genommen, so wre ihr der
hbsche und vermgende Bewerber vielleicht, nein gewi, nie begegnet.

Um nun das Ihrige bei der Sache zu thun, erzhlte sie dem aufhorchenden
Fritz mit geheimem Stolze, wie huslich und fleiig Lottchen erzogen
worden, wie sie fr jeden Mann ein wahrer Schatz sein wrde, und,
fgte sie bedeutungsvoll hinzu, so jung das Kind noch ist, sie hat
schon einen recht wohlhabenden Freier, sehen sie wohl, Herr Schrter,
den jungen Mann, der ihr gegenber sitzt? Ich sage Ihnen, sie brauchte
nur mit den Augen zu winken und er hielt morgen um sie an! Aber
Lottchen hat ihren Kopf fr sich, und ...

Hier hielt der Wagen mit einem gewaltigen Ruck und der Redeflu der
Eifrigen gerieth ins Stocken. Das Ziel der Fahrt war erreicht, bald
vereinigte ein vergngtes Mahl die Gesellschaft, bei dem Fritz, Dank
sei es dem Glck und der Tante, seinen Platz neben Lottchen fand.

Whrend unser Held, mit jedem Moment tiefer in die Empfindung
hineingerieth, deren erstes Keimen ihn heute zu seiner folgenreichen
Lge verleitet hatte, behielt er gleichwohl den Kopf noch frei genug,
um sich beim Beobachten der Versammlung mit einiger Beschmung zu
gestehen, da sein Uebermuth hier gar nicht am Platze gewesen, und
da er ruhig in seiner wahren Gestalt htte erscheinen knnen, ohne
sich etwas zu vergeben. Eine harmlose, mavolle Heiterkeit belebte den
kleinen Kreis, und jeder geno auf seine Weise die frohe Stunde bei
gutem Wein und in der hbschen Umgebung.

Fritz nicht am wenigsten! Aus dem scherzenden, neckischen Tone von
unterwegs war er mit seiner Tischnachbarin allmhlich in das Geleise
einer ruhigen Unterhaltung gekommen, in der sich das anziehendste aller
Bilder, eine kindlich klare und reine Mdchenseele, vor seinen Augen
aufrollte. Ihre Lebensanschauungen und Geschmacksrichtung entsprachen
so vollkommen dem Ideal, welches er im stillen lange vergeblich
gesucht, da es ganz bestimmte Gedanken waren, mit denen er, sein
geflltes Glas erhebend, halblaut zu ihr sagte: Die Zukunft!

Warum nicht lieber die Gegenwart? gab sie unbefangen zurck, wer
wei was die Zukunft bringt, ich baue nicht gern Luftschlsser!

Ich um so lieber, erwiderte Fritz, und bauen Sie mir zu Gefallen
einmal mit -- wie denken Sie sich Ihre Zukunft?

Fragen Sie lieber, wie ich sie mir =wnsche=, das kann ich Ihnen
ebenso sicher sagen, wie es sicher nie in Erfllung gehen wird: ich
mchte auf dem Lande leben!

Bravo, rief Fritz, das lobe ich mir! Und auf die Erfllung dieses
Wunsches leere ich mein Glas! Das Landleben ist das einzig vernnftige
Leben und ein Landwirth der glcklichste Mensch, vorausgesetzt -- er
vollendete mit einem sehr beredten Seitenblick, der wieder ein tiefes
Errthen in Lottchens Gesicht trieb.

Wenn Sie aber auch so fr das Landleben schwrmen, begann sie hastig,
wie ablenkend, warum bleiben Sie denn in der Stadt?

Dort war ich ja nur vorbergehend fr einige Jahre, erwiderte Fritz
unvorsichtig, von morgen an ist es mit dem --

Er stockte, erschrak und wurde fast noch rther, als seine Nachbarin.
Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt.

Fritz schwieg, er schmte sich! Kein angenehmer Zustand, solchen
vertrauenden, blauen Augen gegenber!

Bitte, fragen Sie mich nicht, ich kann mich jetzt nicht nher
erklren, sagte er verwirrt und ohne sie anzusehen, in mir ist heut
alles unklar und unsicher, wundern Sie sich nicht, wenn ich viel
thrichtes rede, es kommt hoffentlich ein Moment, wo ich Ihnen alles,
was Sie nur berhaupt von mir wissen mgen, deutlich sagen kann und
darf!

Fritz, Fritz! Eine Uhr im Gastzimmer holte zu drhnenden Schlgen aus,
die Zeit war schon weit vorgeschritten. Jetzt mute der Brief lngst in
Neu-Tessin sein, die Antwort -- alle Chancen sprachen dafr, da sie
eine bejahende sein werde -- war mglicherweise schon unterwegs, und
dann?

Fritz wurde es hei und kalt, nun war aber auch hohe Zeit, da er hier
ein Ende machte! Als man sich vom Tische erhob, begab er sich allein
und tief nachdenklich in den Garten, der um das Wirthshaus blhte und
grnte. Er kmpfte einen harten Kampf mit sich, mit seinem Gewissen
und seiner jungen Liebe, die ihn um so lockender ansah, als sie hinter
einem Gitter von Schwierigkeiten stand, welches seine eigene Schuld
errichtet hatte! Er athmete tief auf, sein Entschlu war gefat. Wie
auch die Sachen kommen sollten, er wollte sich nicht noch mehr Vorwrfe
zu machen haben, als er ohnehin schon empfand -- er ging festen
Schrittes auf das Haus zu, um seinen Hut zu holen und unter einem
Vorwande der Gesellschaft und allen schnen Trumen Lebewohl zu sagen!

Aber der Zufall, dem er sich heute so leichtsinnig in die Arme
geworfen, ist ein heimtckischer Gesell, der seine Anhnger freilich
oft auf reizenden Waldpfaden zum erwnschten Ziele fhrt, oft aber
auch an jeder Biegung eines guten und verstndigen Weges als neckender
Kobold sitzt und ruft: Halt, du hast die Rechnung ohne den Wirth
gemacht, hier wird hbsch umgekehrt und ausgegessen, was du unter
meiner Aegide dir so schn eingebrockt hast!

Diesmal sa er, dieser bse Zufall, in Gestalt eines der Theilnehmer
am heutigen Ausfluge vor einem groen, verstimmten Dorfpianino und
gab im Schweie seines Angesichtes einen etwas unregelmigen Walzer
zum Besten, nach dem sich die Gesellschaft, alt und jung, leicht und
schwer, geschickt und ungeschickt, munter zu drehen begann.

Als Fritz in der offenen Thre erschien und suchend nach seinem Hut
umhersah, begegnete ihm ein einziger, ganz kurzer und flchtiger Blick
Lottchens, der, wenn je ein Blick gesprochen hat, fragte: Tanzen Sie
nicht?

Fritz schwankte innerlich, wie ein Rohr im Winde, er tanzte gut,
das wute er! Gut genug, um die Produktionen der ganzen hier
versammelten Gesellschaft in den tiefsten Schatten zu stellen, und
gern -- fast immer gern! Heute aber, in seiner halb glcklichen, halb
traurigen Stimmung mit dem reizendsten aller Mdchen dem Rhythmus
eines weichmthigen Walzers zu folgen, whrend durch die geffneten
Fenster die laue Sommerluft hereinstrich und die Rosen dufteten --
ade Vernunft, ade Gewissen -- eben schreitet der blonde Rival im
zierlichsten Pas durch das Zimmer, das entscheidet alles! Fritz kommt
ihm zum zweiten Male zuvor, und der schnste Tanz beginnt, den er je
gehrt oder getanzt hat!

Wie er jetzt mit Lottchen dahinflog, feurig und doch taktmig, so, das
fhlte er deutlich, wrde er mit ihr durch das Leben fliegen knnen!
Es mochte ja unrecht und unvernnftig sein, da er geblieben war, aber
der Mensch ist so traurig geartet, da ihm das Unvernnftige manchmal,
oft -- um nicht zu sagen meist, am besten gefllt! Und mit dem schnen
Gefhl, nun hast du die Dummheit einmal gemacht, nun ist es auch
ganz gleich, wie weit du dich verrennst, gestattete sich Fritz die
allerdeutlichsten Anspielungen auf seinen ohnehin sehr durchsichtigen
Herzenszustand und fand kein ganz unwilliges Gehr!

Im Rausche des Moments und um sein Gewissen zu betuben, steigerte
sich unser Held zu fast ausgelassener Lustigkeit; er tanzte wie
unsinnig, nicht nur mit Lottchen, nicht nur mit allen =jungen= Damen,
nein, er bewog sogar die Mtter und schlielich die gute Tante,
einen ehrsamen Schleifer unter seiner Fhrung zu wagen, was nach dem
nthigen Struben, Lachen und Fingerdrohen die grte und allgemeinste
Heiterkeit hervorrief, er brachte mit Aufbietung aller Familienvter
eine Franaise zu Stande, die an knstlicher Verwickelung jedes
Erschaffene und Erfundene bertraf, er entzckte alles, auer dem
Blonden, der, von seinem Platze als Hahn im Korbe verdrngt, dster vor
der Punschbowle sa, und sich durch Massenvertilgung von Speise und
Trank an der Gesellschaft rchte.

Endlich trieb man zum Aufbruch. Die Plaids, Tcher und Paletots wurden,
zu einem wsten Knuel geballt, von zwei Hausknechten herbeigetragen
und entwirrt. Fritz hatte Lottchens Sachen gewandt herausgefunden und
sie sorglich darin einzuhllen geholfen, bis er seinen Platz neben ihr
wieder einnahm.

Bald flog der Wagen durch die duftende Sommernacht hin. Ringsum war
es still und friedlich, die Sterne blitzten in schweigsamer Pracht;
sanft und gro stieg der Mond ber den schwarzen Baumwipfeln herauf
und leuchtete mild auf dem dunkelklaren Hintergrunde des Nachthimmels.
Ganz, ganz fern schlug eine Nachtigall, es klang fast nur, wie das Echo
ihrer Stimme zu den Fahrenden hinber. Wem sollte da nicht weich ums
Herz werden!

Je nher sie der Stadt kamen, deren Lichter schon am Horizont
herauffunkelten, desto lebhafter fhlte Fritz den Wunsch, fast die
Pflicht, vor seinem Abschiede noch ein erklrendes, rechtfertigendes
Wort zu sagen, und fand keines!

Ihm schlug das Herz mchtig, als er sich in der Stille der Sommernacht,
nach all dem Getse und frhlichen Lrm, wieder sagen mute, was er
gethan! Das schweigende Mdchen hier neben ihm, dessen liebliches
Gesicht jetzt so seltsam nachdenklich dreinsah, es war mit der
unbefangenen Lust des Kindes heut von Hause gegangen, und hatte nicht
an die Mglichkeit gedacht, da ein bleibender Eindruck, vielleicht ein
Geschick sich an diesen Tag knpfen werde.

That er jetzt, was er thun mute, verlie er sie, ohne sie
wiederzusehen, nachdem er mit Wort und Blick sich bestrebt, ihr Herz
zu gewinnen, so hatte er von einem jungen, glcklichen Schmetterling,
der ahnungslos in den Blumengarten des Lebens fliegt, den ersten
Blthenstaub in frevelhaftem Leichtsinn gestreift, nie wieder wrde
das reine Vertrauen wiederkehren, mit dem das Mdchen in die Welt
getreten war, um sofort eine solche Enttuschung zu erleben. Und doch
konnte, doch durfte er nicht sprechen, wer stand ihm denn dafr, da er
nicht jetzt, in diesem Augenblicke der Verlobte einer anderen war? Der
Gedanke stieg ihm sinnverwirrend zu Kopfe, er seufzte tief auf.

Lottchen wandte den Kopf und sah ihn an; es lag etwas so kindlich
Vertrauendes in diesem Blicke, da er ihm ins Herz schnitt.

Sie seufzen so schwer? sagte sie, halb lchelnd.

Ich denke wieder einmal an die Zukunft, erwiderte er ernster, als er
noch heut gesprochen.

So lassen Sie doch Ihre Zukunft! rief sie munter, sie wird schon von
selbst kommen, und ndern knnen Sie doch nichts daran!

Das frage ich mich eben! gab er immer noch ernst zurck, ich stehe
vor einem Wendepunkte in meinem Leben, Frulein Lottchen, und das habe
ich heut den ganzen Tag zu wenig bedacht!

Er sah, da seine Worte einen leichten Schatten auf ihr frohes
Gesichtchen riefen, der ihm einen neuen Reiz verlieh, aber einen Reiz
wehmthiger Natur. Er fuhr hastig fort:

Wir sind bald am Ziel unserer gemeinsamen Fahrt, wer wei, ob wir uns
noch einmal wieder treffen! Lassen Sie mich eine Bitte aussprechen, ehe
ich gehe!

Sie war ganz bla und still geworden und nickte seinen Worten nur stumm
Gewhrung.

Ich sagte Ihnen schon, da ich vor einer Wendung meines Geschickes
stehe, vielleicht entscheidet der heutige Abend noch ber jene Zukunft,
an die ich vorhin dachte -- wollen Sie mir nicht Glck auf meinen Weg
wnschen?

Seine Stimme war leise und innig bei diesen Worten, er beugte sich zu
ihr und nahm ihre Hand, zum ersten -- vielleicht zum letzten Mal!

Nun, kein Glckwunsch? wiederholte er dringend, da sie schwieg.

Doch, erwiderte sie, und zwang sich, ihn anzusehen, obwohl eine
seltsame Verwirrung auf ihren Zgen lag, ich wnsche jedem Menschen
Glck, warum nicht Ihnen?

Damit mu ich mich fr heute begngen, sagte er, und fhrte ihre Hand
leicht an seine Lippen, geht Ihr Wunsch in Erfllung, so werde ich es
Ihnen noch einmal selbst sagen, und dann --

Der Wagen rollte hier zum Glck ber das Straenpflaster in die Stadt
hinein, die nickenden Beschtzer und Beschtzerinnen fuhren empor,
und an der ersten Ecke, wo der Omnibus einen Theil der Gesellschaft
absetzte, nahm Fritz sich den Entschlu ber den Kopf weg, und
verabschiedete sich mit flchtigem, herzlichen Dank von den Anwesenden,
die ihn wie einen alten Bekannten mit frhlichem Zuruf entlieen,
whrend Lottchen stumm und sichtlich erregt nur durch eine Kopfneigung
seinen Gru erwiderte.

       *       *       *       *       *

Als Fritz nach wenig Minuten vor seiner Hausthr stand, und der groe
Schlssel sich kreischend im Schlo drehte, war es ihm, als ffne er
sich selbst den Eingang zu einem lebenslangen Gefngni. Wenn er nun
jetzt in sein Zimmer trat, und den Brief vorfand, der ihm das Jawort
brachte -- wie sollte er sich dann benehmen? Er war, das fhlte er,
er war zu weit gegangen, um einfach mit franzsischem Abschied aus
Lottchens Gesichtskreis zu verschwinden, und doch fehlte ihm Muth und
Lust, sich in seiner ganzen Schlechtigkeit vor ihr zu offenbaren, und
dann zu dieser ohnehin harten Strafe noch die andere, ungleich hrtere
zu fgen, eine Verlobung mit der unseligen Amalie, die ihm in der
parteiischen Beleuchtung seiner anderweitigen Verliebtheit nicht mehr
als ein blasses, negatives Bild der Alltglichkeit, sondern als ein
wahres Monstrum erschien!

Als er die Stubenthr ffnete, begegnete sein Blick zunchst keinem
Briefe, sondern egyptischer Finsterni, welche durch das laute
Schnarchen seines Burschen etwas gespenstisches erhielt.

Da Fritz keine Streichhlzer in der Tasche hatte, versteht sich von
selbst, wenn man sich gern schnell durch den Augenschein von etwas
berzeugen mchte, fehlt dergleichen immer!

Der Bursche erwachte etwas mhselig, krabbelte, an alle Gegenstnde
im Zimmer anstoend, eine Zeit lang umher, die Fritz zur Ewigkeit
wurde, und die er doch nicht durch die Frage, ob ein Brief gekommen
sei, zu unterbrechen wagte, weil er bei sich dachte: das erfahre ich
immer noch frh genug, und endlich erstrahlte das Zimmer im Glanz
einer Kerze. Der Tisch, auf dem die eingegangenen Depeschen zu liegen
pflegten, war leer!

Ist nichts mit der Post gekommen? frug endlich Fritz, bebend vor
Erwartung.

Nein, Herr Lieutenant!

Also nichts! Das Allerfatalste, weder Ja noch Nein, eine widerwrtige,
flaue Fluth von Mglichkeiten, in der man nun noch bis zum andern
Morgen schwimmen konnte!

Eine zweite Nacht brach heran, die gleich der vergangenen schlaflos zu
werden drohte, das Durchkonjugiren von htte ich! ist stets eine der
unerfreulichsten Beschftigungen, ganz abgesehen von ihrer vlligen
Nutzlosigkeit. Und dennoch beschftigt sich jeder, der eine Dummheit
begangen hat, hinterher damit, sich zu sagen: htte ich dies gethan,
oder das =nicht= gethan!

Zum Glck siegte die bermdete Natur fr diesmal, unser armer Held
schlief ein, und schlief, traumlos, wie man immer schlafen sollte, bis
tief in den nchsten Morgen hinein, der ihm beim Erwachen grell und
golden in die Augen schien.

Beim Frhstck konnte er wieder einen Brief erwarten, aber die Klingel
rhrte sich nicht, und der Vormittag verging ihm, dem schon vom Dienst
Dispensirten, in bleierner Schwere. Endlich schlug die Stunde, wo er
sich, um sich abzumelden, nach der Kommandantur begeben mute, er warf
sich in seinen Staat, und schritt wenige Minuten darauf mit Helm und
Schrpe, uerlich ein energischer, junger Kriegsgott, innerlich ein
deprimirter Hase, seinem Bestimmungsort zu.

Die Sache war schnell erledigt, und als Fritz den Heimweg antrat,
beschlo er, um seinen Gedanken ein wenig Audienz zu geben, noch einmal
durch die Anlagen zu wandern.

Ihm war, er wute selbst nicht, warum, jetzt hoffnungsfreudiger zu
Muthe. Htte er ein Ja erhalten, so wre die Antwort jetzt gewi
schon da. Es war ja mglich -- entzckende Mglichkeit! da er Amalien
ber Nacht eben so widerwrtig geworden, wie sie ihm! Wenn er sich's
recht bedachte, hatte er berhaupt gar keinen Grund, anzunehmen, da
sie ihm besonders gewogen sei; was er fr Stille und Zurckhaltung
in ihrem Wesen genommen, war vielleicht -- nein gewi! verborgene
Abneigung gewesen. Man kann sich bekanntlich nichts so leicht einreden,
als was man wnscht, Fritz war noch keine zehn Minuten gegangen, als er
schon glckselig einen imaginren Korb von Amalien am Arm, und einen
ebenso imaginren Ring von Lottchen am Finger trug.

Diese letzte Mglichkeit spann sich denn in seinem Inneren zu dem
farbenreichsten Bilde aus, er stellte sich das Mdchen in ihrer ganzen
Lieblichkeit vor, so deutlich, da es ihn kaum berraschte, als er, um
eine Ecke biegend, sich pltzlich ihr gegenber sah.

Mit unverhohlenem Entzcken griff er an den Helm, aber Lottchen blickte
ihn erst erschreckt, dann vllig fassungslos an, pltzlich wandte sie
sich ab, und setzte, ohne seinen Gru zu erwidern, ihren Weg fort.

Jetzt erst begriff Fritz ihre Empfindungen! Der Kaufmann
Schrter von gestern, der bescheidene Besitzer des eintrglichen
Kolonialwaarengeschfts, dem -- d. h. dem Besitzer! -- sie in ihren
Trumen bereits eine nicht ganz nebenschliche Rolle zugewiesen hatte,
er klirrte heute als bewaffnete Macht ihr entgegen, und sie wute
begreiflicherweise nicht, ob eine wunderbare Aehnlichkeit sie tusche,
oder was sie sonst von ihm denken solle.

Blitzschnell hatte Fritz die Davoneilende eingeholt, und schritt, ohne
ihr stummes Kopfschtteln, womit sie all seine Worte der Begrung
und Freude erwiderte, zu beachten, neben ihr her, die ziemlich
menschenleeren Anlagen entlang.

Wenn Sie wten, begann er verwirrt und ganz unberechtigt
vorwurfsvoll, =wie= ich mich freute, als ich Sie so berraschend
wieder vor mir sah, Sie wrden mich nicht durch Ihren Zorn betrben.
Sagen Sie mir nur, was Sie eigentlich von mir denken, um das eine bitte
ich Sie!

Ich denke =gar nichts= von Ihnen, erwiderte das Mdchen in einem
seltsam harten und kalten Tone, den man ihrer jugendlichen Stimme gar
nicht zugetraut htte, ich kenne Sie berhaupt nicht, und bitte Sie,
mich augenblicklich meinen Weg allein fortsetzen zu lassen.

Frulein Lottchen, bat der unglckliche Fritz flehend, wollen Sie
mich nicht wenigstens anhren? Sie thun mir sicher in Gedanken unrecht,
ich bin nicht so schuldig, als es den Anschein hat.

Sondern noch viel schuldiger, jammerte es in seinem Inneren, wenn
sie schon ber die einfache Namensverwechselung =so= bse ist, was
wrde sie erst sagen, wenn sie wte! --

Fritz schauderte.

Was bezwecken Sie eigentlich mit dieser zweiten Komdie? sagte
jetzt das Mdchen stehen bleibend, noch immer im selben Ton. Was
Sie =gestern= gewollt haben, sehe ich heute wohl ein, uns alle zum
Spielzeug Ihrer hochmthigen Laune bentzen, nun es ist Ihnen ja
gelungen -- Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht -- was soll ich
nun noch anhren?

Fritz blieb gleichfalls stehen, und lie seine Augen erst einen Moment
traurig auf ihr ruhen, ehe er sprach.

Wenn Sie =so= fragen, dann bin ich zu Ende, ich kann dann nur meiner
Wege gehen, denn ich fhle, da Sie ein Recht haben, mir zu zrnen,
und da ich mich nur dann vertheidigen darf, wenn Sie es mir selbst
erlauben. Soll ich wirklich =so= von Ihnen scheiden?

Sie machte einen tapferen Versuch ja! zu erwidern, er scheiterte aber
an halb erstickten Thrnen, die sich pltzlich in ihre Stimme und in
ihre Augen drngten. Heftig aufschluchzend schlug sie beide Hnde vors
Gesicht und wandte sich von ihm ab.

Ich mu gestehen, auf die Gefahr hin, meinen Helden sehr wenig
heldenmthig erscheinen zu lassen, da Fritz diesem Anblick nicht ganz
weit davon entfernt war, dem Mdchen herzhaft Gesellschaft zu leisten!
Eine solche Hochfluth widerstrebender Empfindungen schlug ber seinem
Haupte zusammen, da er sich von den wilden Wogen seiner Gefhle
rcksichtslos dahintragen lie, er gestand Lottchen in fliegenden
Worten seine Liebe, und bekannte ihr, da er gestern zwar anfnglich
in bermthiger Laune seinen wahren Stand und Namen verleugnet habe,
da er aber bald, sehr bald groe Beschmung ber diesen tollen Einfall
empfunden, und sich schon vor Ende des Tages bewut gewesen sei, da
aus seinem Scherz tiefster Ernst fr ihn geworden, und da er -- nun
kurz, was man in solchen Fllen sagt.

Und Lottchen, fgte er dringend hinzu, indem er ihre Hand nahm, wenn
ich Ihren Thrnen eine Deutung geben darf, wenn auch Sie jener alten
Geschichte von der Liebe auf den ersten Blick seit gestern glauben
gelernt haben, dann lassen Sie mir als ersten Beweis davon Verzeihung
zutheil werden, oder lieber, fgte er lchelnd hinzu, da sie ihn, wenn
auch noch durch Thrnen, doch schon wieder freundlicher ansah, seien
Sie so bse auf den Kaufmann Schrter, wie Sie nur irgend wollen,
aber haben Sie den Lieutenant Sterneck dafr umso lieber -- was meinen
Sie? Darf ich mich Ihren Eltern vorstellen, und ihnen sagen, da Sie
mir diesen Besuch gestattet haben?

Nun, Lottchen war nicht von Stein, sie sagte zwar nicht ja, aber sie
nickte mit dem Kopfe, und das that dieselben Dienste!

Nher kommende Schritte lieen unser Paar etwas bestrzt auffahren,
und Fritzens Schreck steigerte sich zu pltzlichem Entsetzen, als der
Strenfried sich in der sonst harmlosen Gestalt eines Brieftrgers
prsentirte, der in geschftsmigem Tritt, ohne rechts oder links zu
blicken, an ihnen vorber nach der Stadt ging. Glaubst du, dieser
Adler sei dir geschenkt? schien mit feurigen Buchstaben um die Mtze
des ehrlichen Postbeamten geschrieben -- was fr eine Pandorabchse
konnte jene Ledertasche sein!

Fritz verbarg mit Mhe seine Verwirrung, und trennte sich von
seiner reizenden Braut, wo die Anlagen in die Stadt mnden, mit dem
nochmaligen Versprechen, sobald es seine Zeit gestatte, sich bei ihren
Eltern einfinden zu wollen. Noch ein herzlicher Hndedruck, und ihre
Wege fhrten auseinander. Lottchen trippelte mit der ihr eigenen,
anmuthigen Schnelligkeit von dannen, und Fritz wandte wohl noch
zehnmal den Kopf, um mit Freude und Gewissensangst der Verschwindenden
nachzusehen.

Als er einige Stunden spter in stiller Beklommenheit auf seinem Sopha
sa, klopfte es, der Bursche brachte ihm einen Brief, Poststempel
Neu-Tessin! Nun also! Fritz hatte noch nie vor der Mndung einer
geladenen Pistole gestanden, er wute demnach nicht aus Erfahrung,
wie einem dabei zu Muthe ist, ungefhr konnte er sich's aber nach
diesem Moment vorstellen. Es hilft doch nichts -- auf mit dem Brief! Er
lautete:

         Mein verehrter, junger Freund!

Ihr Schreiben hat mich und die Meinigen geehrt und erfreut. Wir nehmen
Ihre Bewerbung um unsere Tochter gern an, und hoffen, in Ihnen einen
lieben Sohn zu finden. Meine Frau wollte schon bei unserem letzten
Zusammensein ganz klar die demnchstigen Ereignisse voraussehen, doch
hielt ich dies fr eine Illusion, zu der das weibliche Geschlecht in
Betreff von Heirathsabsichten ja stets neigt. Nun hat sie doch Recht
behalten!

Wir erwarten Sie morgen Abend zum frohen Verlobungsmahl, und wollen
dann alles andere mndlich errtern. Ein Gru von Malchen wird Ihnen
wohl nicht unangenehm sein?

            Ihr treu ergebner Schwiegervater _in spe_

                          Solgers, Amtsrath.

Der Brief trug das Datum des gestrigen Sonntags.

Das lhmende Entsetzen, welches sich unseres Fritz beim Durchlesen
dieses an sich ja sehr netten Schreibens bemchtigte, spottet jeder
Beschreibung. Er starrte den verhngnivollen Zettel an, eigentlich
ohne Bewutsein, er las ihn wieder, und noch einmal, aber auch nicht
ein Schimmer von Zweifel lie sich daraus entnehmen!

Bei unserem letzten Zusammensein will die Amtsrthin etwas gemerkt
haben, murmelte er dumpf, =ich= habe nichts gemerkt! Wann soll denn
das gewesen sein? Ich bin ja seit fast vier Wochen nicht in Tessin
gewesen -- nun, es wird doch am Ende etwas daran sein! Es mu wohl den
Tag =sehr= guten Punsch gegeben haben, sagte er gedankenlos vor sich
hin.

Fritz sprang auf und schritt in wahrer Verzweiflung im Zimmer auf und
ab, sein Herz schlug so laut vor Angst, da er es zu hren meinte.
War wohl je ein Mensch in solcher schrecklichen Lage, und solchen
verwickelten Familienverhltnissen! Nun hatte er zwei Brute, zwei
Schwiegermtter und zwei Schwiegervter, von denen der ihm bekannte ein
wahrer Br von deutscher Grobheit war.

=Wessen= er sich versah, wenn er mit seiner Beichte in Tessin
herausrckte, war gar nicht auszudenken, und er durfte doch nicht
wieder grob werden; hatte er nicht frevelhaft den Hausfrieden und
Seelenfrieden einer glcklichen Familie gestrt? Und Amalie schien ihn
nun doch zu lieben, der schalkhafte Schlusatz des Briefes deutete auf
das Aergste!

Armer Fritz, zwei Mdchenherzen liegen zu deinen Fen, =eines= mut du
unfehlbar zertreten, magst du einen noch so knstlichen, moralischen
Eiertanz ausfhren!

Aber alles jammern und sich abmartern ntzte nichts, jetzt hie es
handeln, rasch, klug und rechtlich, er hatte nie gedacht, da dies so
schwer wre!

In einer halben Stunde ging der letzte Zug an diesem Tage nach Tessin
ab, und man erwartete ihn zum frhlichen Verlobungsmahle! Sollte er
schreiben? das war ihm unmglich, er =konnte= sich nicht entschlieen,
seine Schandthaten schriftlich in das Familienarchiv des Amtsraths
niederzulegen, nein, es mute ausgebadet werden! Er schickte den
Burschen nach einer Droschke, und whrend dieser unterwegs war, schrieb
er eilig und innerlich zerfleischt von Hllenqualen einige Zeilen
an Lottchen, worin er ihr mittheilte, da Familienangelegenheiten
unaufschiebbarer Natur ihn zwngen, die Stadt auf einige Stunden zu
verlassen. Sie mge ihm nur vertrauen, der nchste Tag finde ihn sicher
bei ihr und ihren Eltern.

Schweren Herzens sandte er den Brief an seinen Bestimmungsort ab, und
fuhr dann zur Bahn. Seine stille Hoffnung, er werde den Zug versumen,
und sich auf diese Weise eine Galgenfrist schaffen, trog, er kam
rechtzeitig an, und die Stunde, welche die Stadt und Neu-Tessin trennt,
war bald auf Dampfesflgeln durcheilt.

Das von dem Amtsrath bewohnte Dominium Tessin, lag etwa zehn Minuten
von der Bahnstation Frankenberg. Als Fritz den Zug verlie, entdeckte
er bald die wohlbekannte, geschlossene Chaise seines Schwiegervaters
Nr. 1, wie er ihn in Gedanken nannte, denn nach dem alten Sprichwort:
wer zuerst kommt, mahlt zuerst, hatte Amalie entschieden den Vorrang
bei diesem seltsamsten aller Wettrennen.

Ein ihm fremder Kutscher lenkte das Gefhrt, und blickte sphend in
die aussteigende Menschenmenge. Als Fritz sich ihm nherte, und zur
Sicherheit sich noch einmal erkundigte: Herrn Amtsrath Solgers Wagen?
nickte der Rosselenker, und frug, das trbselige Gesicht vor ihm mit
einigem Mitrauen betrachtend: sind Sie der Herr Brutigam?

Unwillig bejahte der gequlte Fritz, und bald rollte das Gefhrt auf
der Landstrae dahin. Noch eine Biegung des Weges, da lag das Amtshaus,
von der untergehenden Sonne vergoldet, vor ihm.

Als Fritz sich dem Hofe nherte, welchen man zu passiren hat, ehe
man das Haus erreicht, begrten ihn zwar arg verstimmte, aber doch
wohlgemeinte, schmetternde Klnge, die Dorfkapelle blies einen Tusch.
Die durch diese Ovation etwas erregten Pferde lieen sich erst schwer
zum Stehen bringen, Fritzens verstrte Augen bemerkten ber der
Hausthr eine dicke Guirlande, und als er, halb betubt vor Verwirrung,
dem Wagen entstieg, strmte ihm der warme Duft von Punsch und Braten
festlich entgegen.

Vor der Thr stand der Amtsrath im schwarzen Leibrock, das
Ordensbndchen im Knopfloch, die Amtsrthin im Seidenkleide,
neugierige kleine Schwger, Schwgerinnen und Dienstboten drngten
sich im Hausflur, Malchen schien sich in brutlicher Verschmtheit im
Hintertreffen zu halten.

Fritz schwankte, wie ein Gerichteter, der das Schaffot besteigen soll.

Aber Unerwartetes begab sich.

Das drhnende Willkommen, mit dem der Hausherr den Wagen bereits
anzuschreien begonnen hatte, verstummte pltzlich wie abgeschnitten,
als er unseren Fritz erblickte. Es wre schwer zu sagen, wessen Zge
die grere Verlegenheit ausdrckten, die des Ankommenden, oder die
der Erwartenden.

Die Amtsrthin machte kurz kehrt, und zerstreute mit Wort und Geberde
die Neugierigen im Hausflur, dann ward sie nicht mehr gesehen.

Ihr Gatte erhob mechanisch die Hand, kratzte sich hinter dem Ohr, und
-- schwieg.

Fritz schwieg auch, ihm war frchterlich zu Muthe. Er glaubte, er mute
ja glauben, da der Anblick seines bleichen, deprimirten Gesichts so
niederschmetternd auf die schwiegerelterlichen Nerven wirke, da man
keine Worte fnde, ihn frhlich als frhlichen Brutigam zu gren.

Aber dies gegenseitige, schweigende Anstarren war zum Tollwerden! Noch
zwei Sekunden so, dachte Fritz, und ich gebe Fersengeld, und laufe,
so weit mich meine Fe tragen.

Er rusperte sich mehrmals, streckte etwas gezwungen die Hand aus, und
begann: Sie waren so beraus gtig, Herr Amtsrath --

Der alte Herr sah starr auf den Boden nieder, ergriff die dargebotene
Hand und schttelte sie krftig, dann sagte er mit bedrckter Stimme:
Bitte, bitte, nicht Ursach', mein lieber Freund! Ich hatte freilich
nicht erwartet -- aber wollen Sie nicht einige Augenblicke nher
treten? Wir knnen unsere Besprechung ja in meinem Zimmer vornehmen.

Er lie dem Schwiegersohn hflich den Vortritt ins Haus und ffnete
die Thr seiner zu gleicher Erde belegenen Wohnstube, in die ihm Fritz
ungefhr mit den Gefhlen folgte, die man im Vorzimmer des Zahnarztes
durchzumachen pflegt.

Darf ich Ihnen eine Cigarre anbieten? unterbrach der Amtsrath die
Grabesstille.

Sie sind sehr gtig! und Fritz begann zu rauchen, und zwar mit einem
Eifer, als hinge sein Leben daran, da er die Cigarre in zehn Minuten
bis auf die letzte Spur vertilgt habe.

Der Amtsrath paffte eben so krampfhaft in seiner Ecke.

Endlich erhob sich Fritz, und stellte sich, militrisch hoch
aufgerichtet, vor den alten Herrn.

Ich wei in der That nicht, Herr Amtsrath, was Sie von mir denken
werden, wenn ich Ihnen eine Erklrung meiner Handlungsweise gegeben
habe, die --

Aber ich bitte Sie, mein lieber, junger Freund, erwiderte der Alte
ganz ngstlich, wozu wollen Sie sich und mir eine solche unnthige
Qual bereiten! Ich habe ja alles, was zu der Sache irgend zu sagen
war, in meinem Briefe auseinandergesetzt, und um Ihnen die Situation
zu erleichtern, wiederhole ich Ihnen noch einmal mndlich, was ich
schriftlich sagte, an meinem und meiner Tochter Entschlu ist nichts
mehr zu ndern, wenn Sie eine derartige Absicht herfhrt, so ist jedes
Wort unnthig.

Fritz rang mit dem Tode! Er sah die Zornader auf der Stirn des Alten
schon im Geiste anlaufen, aber es half nichts -- durch!

Herr Amtsrath! begann er von neuem, und fuhr sich mit dem Taschentuch
ber die Stirn, halten Sie mich fr einen Elenden -- ich halte mich
selbst dafr, aber ich beschwre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist,
mein Gott, wie soll ich mich nur ausdrcken? ich flehe Sie an, nehmen
Sie Ihr Wort zurck!

Aber sagen Sie mir, Herr, rief jetzt der Amtsrath, was ficht Sie
denn eigentlich an? Allen Respekt vor Ihnen, aber Sie benehmen sich, um
mich ganz gelinde auszudrcken, wie ein Narr! Seien Sie ein Mann, fgen
Sie sich ins Unvermeidliche, was ich gesagt habe, habe ich gesagt! Ich
werde mich doch jetzt nicht zum Gesptt der ganzen Gegend machen, als
ein alter Schwachkopf, der nicht wei, was er will! Meine Tochter ist
Braut -- und damit basta.

Nun dann, sagte Fritz mit der Ruhe eines Verzweifelten, dann bleibt
mir nichts brig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schieen! Ich habe
wie ein Ehrloser gehandelt, ich mu die Folgen tragen! Denken Sie von
mir, was Sie wollen, aber ich kann Ihre Tochter nicht heirathen!

Was! schrie der Amtsrath und sprang auf, =was= sagen Sie da?

Ich kann Ihre Tochter nicht heirathen, wiederholte Fritz dumpf und
leichenbla, und nun machen Sie mit mir, was Sie wollen!

Meine Tochter nicht heirathen? brllte jetzt der Amtsrath, und
sprang auf Fritz zu, ihn bei den Schultern packend, aber Mensch, wer
verlangt denn, da Sie sie heirathen? Bin ich toll, oder sind Sie toll,
oder sind wir's alle beide?

Ich wei nicht, sagte Fritz ganz erschpft, und sank in seinen Stuhl
zurck.

Der Alte trat zum Nebentisch, go zwei Glser Wasser aus einer Karaffe
ein, trank eins, und reichte das andere unserem Helden. So, das
schlgt nieder, sagte er dann etwas ruhiger, und nun sagen Sie mir
einmal, =was= Sie eigentlich wollen! Sie halten um meine Tochter
an, ich schreibe Ihnen, umgehend, wie Sie es verlangten, eine ganz
vernehmliche, mglichst freundlich abgefate Antwort, und statt sich
dabei zu beruhigen, wie ein vernnftiger Mensch, kommen Sie hierher
wie ein Tollhusler, und schreien, Sie knnen meine Tochter nicht
heirathen! Ich mu Ihnen gestehen, ich finde es, gelinde gesagt, sehr
dumm und albern, da Sie heute berhaupt hierher kommen!

Aber mein Himmel, rief Fritz, und durchwhlte seine Brieftasche mit
zitternden Hnden, Sie haben mich ja doch selbst eingeladen!

Ich -- Sie? schrie der Amtsrath noch lauter, i, so schlag doch --

Hier! sagte Fritz lakonisch, und reichte dem alten Herrn seinen Brief
hin.

Der Amtsrath las -- verfrbte sich -- wiegte den Kopf hin und her --
pltzlich rief er: Ach, du meines Lebens! Da habe ich eine schne
Geschichte gemacht, lieber Sterneck, ich bin ja an allem schuld! Ich
habe den Absagebrief an Sie gleichzeitig mit dem Zusagebrief an meinen
Nachbar Rummler geschrieben -- der hielt zufllig vor zwei Tagen auch
um Amalie an, und wie ich nun Ihren Brief sofort beantworten mute, da
habe ich in der Eile und Aufregung die Adressen verwechselt! Nein, das
ist ja schrecklich -- und nun sitzt mir der mit einem Korbe da! Er hat
auch Bahnstation in Frankenberg, und der Wagen sollte =ihn= holen und
nicht Sie! Ach, ich bin ein geschlagener Mann -- ich alter Esel! Nein,
ist denn das aber menschenmglich?

Whrend der Alte wie auer sich im Zimmer umherrannte, ergo sich in
Fritzens umdsterte Seele eine wahre Sonnenhelle. Er sollte Amalien
nicht heirathen -- die gute, die liebe Amalie wollte ihn nicht, hatte
sogar schon einen Ersatzmann gefunden -- ach, das hatte er nicht
verdient!

In berstrmender Glckseligkeit sprang er auf und fiel dem erstaunten
Amtsrath um den Hals. Lieber, alter Freund -- bester Herr Amtsrath --
meine innigsten Glckwnsche -- ach, so habe ich mich doch in meinem
ganzen Leben noch nicht gefreut!

Es sprach eine so innige Ueberzeugtheit aus diesen Worten, da dem
guten Amtsrath, was man ihm auch nicht verdenken kann, wieder ganz
unheimlich zu Muthe wurde. Er machte sich etwas unsanft los.

Na, lassen Sie das nur gut sein, sagte er, und schob Fritz
mitrauisch zurck, was =Sie= denken und ob Sie sich freuen, ist mir
im Augenblick ganz egal -- ich wei nur nicht, wie =ich= meine Eseleien
wieder gut mache, ohne da es meine Weibsleute merken, sonst haben die
eine Handhabe gegen mich bis ans Ende meiner Tage!

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, nahm Fritz, dessen
Gefhlswogen sich zu legen begannen, jetzt das Wort, Gefallen gegen
Gefallen! Borgen Sie mir Ihren Rappen bis morgen frh, dann reite ich
jetzt zu Herrn Rummler hinber und besorge Ihnen einen Brief hin, den
Sie schnell schreiben, whrend ich mich anziehe -- und dann reite
ich zur Stadt und schicke Ihnen das Pferd morgen wieder heraus. Herr
Rummler kann in einer Stunde hier sein und niemand erfhrt etwas!

Ach, das ist Unsinn, sagte der Amtsrath, ich will Ihnen etwas
anderes sagen -- mir wird das Briefschreiben sauer -- geben Sie mir
Ihren Brief, und ich schicke ihn zu Rummler, und schreibe nur, =das=
wre der richtige, und der andere wre fr Sie bestimmt. Wenn ich das
schreiben kann, so ist die Sache abgemacht.

Meinetwegen, rief der glckselige Fritz, aber den Rappen geben Sie
mir mit. Ich =mu= nothwendig heute Abend nach Hause -- Sie sollen bald
erfahren, warum!

Ich bin nicht neugierig, sagte der unliebenswrdige Alte, aber
eins sagen Sie mir -- =warum= haben Sie denn eigentlich um die Amalie
angehalten, wenn Sie so froh sind, da sie Sie nicht haben will?

Das ist eine lange Geschichte, erwiderte Fritz, und wurde roth,
wollte ich Ihnen die jetzt erzhlen, so verbrennte der Braten, und der
Punsch, den das Brautpaar heute noch trinken soll, wrde kalt. Lassen
Sie mich fort und schicken Sie den Wagen zu Ihrem Schwiegersohne. Und
nun leben Sie wohl, mein lieber, guter Herr Amtsrath -- sagen Sie Ihren
Damen -- -- was Sie wollen! Ich lasse mir den Rappen satteln!

Im Hause des Amtsraths ging es den Abend noch sehr lustig her --
in manchen anderen Husern gewi auch -- es giebt ja, trotz aller
Pessimisten, noch immer eine ganze Menge vergngter Leute auf der Welt
-- aber ein frhlicherer Geselle, als unser Fritz, den sein tnzelnder
Rappe durch den schnen Sommerabend nach der Stadt hin trug, die sein
Glck barg, war an diesem Abend schwerlich zu finden! -- Wie er es
angefangen hat, seine reizende Braut mit dem zweiten Akt der Komdie zu
vershnen, die er auf der Landpartie zu spielen begonnen -- das geht
uns nichts an. Er wird schon mit ihr fertig geworden sein!


W. =Moeser Hofbuchdruckerei=, Berlin, Stallschreiber-Strae 34. 35.




                          Inhalt.



                                                 Seite

      Hausgenossen                                 1

      Und doch!                                   59

      Der tolle Junker                            85

      Finderlohn                                 161

      Glck mu man haben!                       193




    Anmerkungen zur Transkription


    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen, nur
    offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.
    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
    der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
    war, wurde mit _ markiert.






End of the Project Gutenberg EBook of Novellen, by Hans Arnold

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