The Project Gutenberg EBook of Zur Freundlichen Erinnerung, by Oscar Maria Graf

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Title: Zur Freundlichen Erinnerung

Author: Oscar Maria Graf

Release Date: April, 2005  [EBook #7985]
[This file was first posted on June 9, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: US-ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG ***




E-text prepared by Eric Eldred, Marc D'Hooghe, Charles Franks, and the
Online Distributed Proofreading Team



ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG--ACHT ERZAEHLUNGEN

von

OSCAR MARIA GRAF







INHALT

Zwoelf Jahre Zuchthaus.
Sinnlose Begebenheit.
Die Lunge.
Ohne Bleibe.
Etappe.
Michael Juergert.
Ein dummer Mensch.
Ablauf.




ZWOELF JAHRE ZUCHTHAUS


I.

Weit hatte es der Schlosser Peter Windel im Laufe einer beinahe
zwanzigjaehrigen Arbeitszeit bei der Motorenfabrik Jank gebracht. Als
blutjunger Geselle trat er damals in den Dienst und heute war er
erster Werkmeister. Seine stumpfe, schweigende Energie, sein
fanatischer Lerneifer und seine fast pedantische, aber keineswegs
devote Puenktlichkeit hatten ihm Respekt und Achtung verschafft, bei
den Arbeitern sowohl, wie bei den Vorgesetzten. Beliebt war er nicht,
aber es war keiner in der ganzen Fabrik, der auf ein einmal
gesprochenes Wort von Windel nichts gab. Es dauerte allerdings lange,
bis er mehr als das Allernotwendigste sprach. Verschlossen, wortkarg
und mit jener stoischen Strenge im Gesicht, die schon nahe an der
Grenze des Missmuts steht--so kannte man ihn seit Jahr und Tag. Noch
dazu war er keineswegs eine Erscheinung. Von Gestalt klein und nicht
gerade kraeftig, etwas vornuebergebeugt, mit langem Hals, auf dem ein
unfoermiger, zu grosser Kopf mit borstigen, kurzen, schon etwas
angegrauten Haaren und weitwegstehenden Ohren sass. Das lederne,
scharfe Gesicht machte einen ueberreizten Eindruck. Die tiefliegenden,
unruhigen Augen waren von vielen blutunterlaufenen Aederchen
durchzogen. Aus dem schroffen Tal der Backen hob sich die plumpe,
unregelmaessige Nase wie ein spitzer Huegel. Griesgraemig griff die
massige, verfaltete Stirne von einer Schlaefenbucht zur andern.

Das Merkwuerdigste an diesem Antlitz aber war der untere Teil. Er
schien fast von einem anderen Menschen zu sein, hatte etwas so
Hilfloses und Schuechternes, dass man den Eindruck des Maedchenhaften
nicht losbrachte, wenn nicht hin und wieder der geoeffnete kleine,
aufgeworfene Mund die eingerissenen, stark mitgenommenen Zaehne gezeigt
haette. Kam noch hinzu ein ungewoehnlich kurzes, fast in den Hals
gefallenes und nur durch einen ganz kleinen Ballen angedeutetes Kinn,
aus dem ein sproeder Knebelbart spritzte wie eine Rettung. Sonst haette
man buchstaeblich der Meinung sein koennen, nach dem Hals ginge der Mund
an.

Man sagt im allgemeinen, Pedanten, die ihr Dasein fast abgezirkelt
genau ableben, haetten ein sorgfaeltig gepflegtes Erinnerungsvermoegen
und vergaessen die kleinste Kleinigkeit oft jahrelang nicht.

Peter Windel hatte keine Erinnerung.

Schliesslich, dass man irgendwie zur Welt kommt, aufwaechst und
allmaehlich auf einen Namen hoert, dann, in der Schule, noch auf einen
zweiten; in die Lehre kommt, etliche Stellen wechselt; dass es einem
schlecht oder besser geht, dass man auf einem Gottesacker unter anderen
Leuten um ein Grab steht und den Kies auf den Sarg einer toten Mutter
oder eines verstorbenen Vaters, eines Bruders oder einer Schwester
fallen hoert und endlich Hinterlassenschaftspapiere, Notariatszimmer
und Pfandbriefe zu sehen bekommt,--das erlebt so ziemlich jeder Mensch
auf die eine oder andere Weise.

Ein schepperndes Weckerlaeuten. Es ist noch tiefste Nacht draussen, die
Fenster sind gefroren und hoch herauf verschneit, man hoert auf den
weiten, ueberschneiten Strassen nur seine eigenen Schritte knirschen.
Aus Schnee und Dunkelheit kommt langsam eine flimmernde Strassenbahn,
dann hinter einer gelben Fensterscheibe ein verschlafenes, aergerliches
Pfoertnergesicht, ueher einen Hof viele, dumpf trommelnde Schritte und
ineinanderschwimmende Laute, endlich einen glatten Hebel in der Hand,
--herumgezogen--und ratsch! ein ganzer Hauskoloss surrt bebend
auf, die Riemen klatschen, aechzen, es haemmert, feilt, quietscht,
kracht, klingt, braust--das wusste Peter Windel seit ewiger Zeit.
Zwischendurch freilich auch Sommertage. Ein offenes Fenster, Kuehle und
Daemmerung und etliche schuechterne Vogeltriller beim Erwachen. Das
meiste der zwanzig Jahre--: Naechte ueber technischen Buechern,
Sonntagnachmittage ueber dem Zeichenblock und manchmal ein Zaehlen des
ersparten Geldes. Oefters als wuenschenswert Streitigkeiten, Zaenkereien
mit der halbtauben, beschraenkten Logisfrau koennen noch hinzugezaehlt
werden. Das war alles. Peter Windel hatte keine Erinnerung. Er kannte
nur Interessen.

Wenn nicht--

Und hier beginnt diese Geschichte.


II.

"Sie sind eine Sau! Vier Wochen kein frisches Handtuch, zwei Monate
keine Bettwaesche gewechselt! Wenn das nicht aufhoert, ziehe ich!"
schrie Peter Windel an einem Sonntag seine Logisfrau an.

Wie immer. Das Weib blieb stehen, glotzte ihn an, verzog das Gesichtzu
einer weinerlichen Grimasse und winselte ein paar unverstaendliche
Worte heraus. Und weinte erst leise, dann immer unertraeglicher.

Das Fenster stand offen. Es war Sommer. Klar fiel die Sonne in den
Hof. Windel riss die Schranktuere auf, nahm seinen Regenmantel, schob
die Frau beiseite und ging.

Vierzig Mark fuer ein Zimmer ist nicht viel und die Frau schnueffelte
nicht, war uralt, hockte den ganzen Tag in der dumpfen Kueche und
lispelte Gebete. Unreinlich war sie nur von Zeit zu Zeit. Man musste
sie dann grob anschreien.--

Auf der Treppe fiel Peter ein, dass er "Die Elektrizitaet als Nutzkraft"
vergessen hatte. Er drehte sich rasch um und ging zurueck. Immer noch
stand das Weib in der Zimmermitte, fast unbeweglich und wimmerte.
Einen Augenblick mass sie Peter veraergert. Dann stampfte er mit dem Fuss
auf den Boden.

"Herrgott nochmal!" stiess er heraus, warf seinen Mantel hin, riss die
Bettlaken herunter, zog in aller Eile Decke und Kopfkissen ab und warf
die ganze Waesche der Frau vor die Fuesse, samt dem schmutzigen Handtuch.
"Gehn Sie doch in die Kueche mit Ihrem Lamentieren und legen Sie mir
die Bettwaesche dann herein, ich mach's mir selber!" sagte er noch,
nahm vom Nachtkasten das vergessene Buch und schmiss wuetend die Tuere
zu.

"Meine Lies' ... heut wird's das zweite Jahr!" wimmerte die Frau noch.
Und fiel wieder in ihr wimmerndes Weinen.--

Als Peter Windel tief in der Abendstunde nach Hause kam, lag sie quer
auf dem Zimmerboden, den Kopf auf die Waschtischkante geschlagen, eine
ziemlich grosse Wunde auf der Stirn--reglos, steif.

Eine kleine Lache geronnenes Blut umgab den Kopf. Die Tote musste sich
in den hingeworfenen Bettuechern mit den Fuessen verwickelt haben und
dann hingefallen sein.

Peter Windel stand und stand. Er fuehlte das Brennen des angesteckten
Streichholzes nicht auf den Fingern. Erst als es wieder dunkel war,
zuckte er ein wenig, steckte schnell ein neues an und liess es wieder
verglimmen. Stand und stand.

Ploetzlich gab er sich einen Ruck und lief wie ein Irrer davon, liess
die Tueren offen, polterte die Treppen hinunter, rannte hastig und
totenbleich an Leuten vorbei und meldete das Geschehene auf der
Polizeiwache. Als er mit zwei Schutzleuten und dem Polizeiarzt
zurueckkam, waren schon Leute aus den Tueren gekommen und musterten ihn,
trippelten nach und blieben an der Eingangstuere stehen mit gereckten
Haelsen, brummten, lispelten.

Der eine der Schutzleute schloss endlich die Tuere. Man machte Licht in
Peters Zimmer, schaute eine Zeitlang auf die Tote, nahm die zwei oder
drei schwarzen, verkohlten Streichholzkoepfe auf ein Papier und sagte
zu Windel, der saeulenstarr dastand: "Setzen Sie sich."

Der Arzt beugte sich ueher die Tote, ein Schutzmann pruefte die
Waschtischkante. Der Arzt nickte.

"Setzen Sie sich!" sagte ein Schutzmann strenger.

Peter brach endlich in einen Stuhl.

Die drei lispelten in der Ecke.

Der Arzt steckte seine Instrumente ein, hustete und stellte sich neben
die Tote.

Ein Schutzmann nahm neben Peter Platz, einer blieb an dessen Seite
stehen.

"Wann haben Sie die Frau verlassen?" fragte der Schutzmann und
notierte.

Fragte weiter, mit einer gewissen haemischen Herausforderung:

"Haben Sie Beziehungen zu der Hullinger gehabt?"

"Nein."

"Wie lange wohnen Sie hier?"

"Und haben schon oefters solche Streitigkeiten mit der Hullinger gehabt?"

"Ja," sagte Peter.

"Und diesmal?"

"Weil sie mir schon vier Wochen keine frische Bettwaesche mehr gab."

"Sie waren also grob zu ihr?"

"Ja."

Und noch, was er Gehalt haette, was er bezahlen muesse fuer Logis, ob die
Hullinger vielleicht eine groessere Hinterlassenschaft in bar irgendwo
aufbewahrt, beziehungsweise ob ihm bekannt waere, in welchen Verhaeltnissen
die Hullinger gelebt habe.

Peter antwortete meistens mit Ja oder Nein. Seine Stimme klang
zerbrochen und schwer.

"Dann muss ich im Hotel schlafen ... Herr Schutzmann ... wenn die Leiche
hier liegenbleiben muss," sagte er endlich hilflos. Er hatte diese
Anordnung vom Arzt gehoert.

Da stand der Schutzmann selbstbewusst auf, sagte: "Sie kommen mit!"-Alle
Menschen waren noch auf dem dunklen Hof, und entsetzte Blicke fielen auf
die Davongehenden.


III.

Wegen dringenden Verdachts, seine Logisfrau ermordet zu haben, wurde
Peter Windel in Untersuchungshaft genommen und in einer Einzelzelle
untergebracht. Vier hohe, glatte, mit kahler, graugruener Oelfarbe
gestrichene Waende umgaben ihn von nun ab. Unter der Lichtluke stand
die hoelzerne Pritsche, daneben der Abort. Auf dessen Deckel konnte man
bei den Mahlzeiten den Essnapf oder die blecherne Wasserkanne stellen.

Die erste Nacht lehnte Peter schlaflos an der kalten Tuer. Als die
Waerter in der Fruehe aufschlossen, mussten sie fest druecken, bis seine
steife Gestalt nachgab und endlich, als sie wuetend fluchten, mechanisch
etliche Schritte in den Raum machte. Waehrend die Waerter die Brotration
auf die Pritsche legten und den Kaffee in die blecherne Tasse gossen,
stand der Gefangene die ganze Zeit unbeweglich und zusammengeschrumpft
da. Sie achteten nicht weiter darauf und schlossen geraeuschvoll wieder
die Tuer.--

Jetzt war Licht. Die Gefaengnisuhr schlug sieben.

Peter schaute schuechtern im Raum herum und begann zu gehen. Ging
stoisch die Waende lang. Immer zehn Schritte der Laenge nach und zwoelf
Schritte der Breite nach. Den ganzen Tag, ohne innezuhalten, wenn man
Essen oder Abendbrot brachte.--

Erst als das Licht beim Hereinbruch der zweiten Nacht verlosch, legte
er sich auf die Pritsche, zog die rauhe Decke ueher sich und schlief
wie immer. Jaeh erwachte er in der anderen Fruehe. Es war stockdunkel.
Er griff in die Gegend des Abortes, als suche er etwas oder wolle
Licht anstecken und stiess dabei so hastig an die Wand der Wasserkanne,
dass dieselbe mit einem Knall auf den Boden fiel und klatschend die
Fluessigkeit aus ihr peitschte. Erschreckt schwang sich Peter von der
Pritsche, hielt seine aufgeknoepften Kleider raffend zusammen und
lauschte aufmerksam.--

Jetzt schlug es fuenf. Er atmete auf und begann unsicher und vorsichtig
umherzutasten. Auf einmal fuehlte er die Naesse an seinen Fuessen.

"Herrgott! Herrgott!" brummte er muerrisch und besann sich. Aber in
diesem Augenblick raekelte wer an der Tuer. Ein Atmen wurde vernehmbar,
das Licht in der hohen Decke flammte auf und wieder standen die kahlen
Mauern ringsherum, das kleine Loch glotzte in den totenstillen Raum.

"Was machen Sie denn da?!... Sind Sie ruhig!" bruellte der Waerter
draussen aergerlich. Peters Finger streckten sich und liessen von den
Kleidern. Seine Hose fiel langsam herab. Ein Zittern schuettelte seinen
ganzen Koerper.

"Es ist schon fuenf Uhr vorbei, ich muss weg!" hauchte er gedaempft.
--Aber es war schon wieder dunkel. Und still.--

Erst nach einer Weile brachte Peter die Kraft auf, seine Hose
hochzuziehen, und tastete sich zur Pritsche, legte sich darauf. Sein
Herz schlug hoerbar und mit jedem Uhrenschlag erregter. Um sechs Uhr
schwang er sich empor und blieb dann hoelzern sitzen.

Das Licht griff endlich wieder von der hohen Decke in den Raum. Die
Tuer oeffnete sich unter dem Knarren der Schluessel. Ein Waerter stellte
das Fruehstueck herein und der andere an der Tuer warf den Aufwischlumpen
her und beide brummten und schimpften wegen des Wasserumschuettens,
hiessen Peter aufwischen. Fast froh darueber ergriff dieser den Lappen,
kniete hin und wollte alles moeglichst in die Laenge ziehen. Aber die
Waerter zeterten und trieben zur Eile.

"Vorwaerts! Vorwaerts! Glauben Sie, wir sind zu Ihrer Unterhaltung da!
... Marsch! Marsch! ... So ... fertig!"

Sie rissen ihm den Lumpen aus der Hand und waren schon draussen. Wieder
wich die Tuer in die Wand zurueck. Die Schluessel knirschten. Das Guckloch
starrte wie ein graessliches, ausgestochenes Auge in den kahlen Raum.

Peter kniete benommen da. Lange.

Es war still! Still!!

Fuerchterlich still!

Wie ein aufgescheuchtes Tier hob der Kniende ploetzlich den Kopf,
schaute scheu um sich und sprang mit einem Satz an den Abort, hob den
Deckel und schloss ihn hastig wieder, hob und schloss.

Die Spuelung rauschte. Auf und zu klappte der Deckel. Es krachte,
rauschte. Immer hastiger, schneller, motorisch riss Peter auf und zu,
auf und zu, immerfort, immerzu, nur um die Stille nicht mehr zu hoeren,
hob und deckte zu, es rauschte, rauschte--bis der Waerter schrie:
"Sie!! ... Sie! Sind Sie verrueckt geworden!!--Passen Sie auf! ... Man
ist schon mit anderen fertig geworden! ... Warten Sie, Sie!!"

So erschrocken war Peter, dass er noch lange zitterte, dann ging er
hastig wieder die zehn und die zwoelf Schritte. Den ganzen Tag.--

Viele, viele Tage, jedesmal um fuenf Uhr frueh, erwachte Peter so jaeh.
Immer griff er hinueber zum Abortdeckel, wollte Licht anstecken, sprang
auf, brachte seine Kleider in Ordnung,--machte etliche Schritte, stiess
an die kalte Tuer und prallte zurueck.

Neunzehnunddreiviertel Jahre gleichmaessiges Aufstehen lassen sich
schliesslich nicht aus der Gewohnheit ausloeschen.

Um sechs Uhr pfiff es. Wenn er am Hebel stand undihn herumriss, fing
der maechtige Koloss der Fabrik zu surren an, die Riemen klatschten,
quietschten, es krachte, bebte, haemmerte....

Peter war so mit dem Kopf an die Tuer gestossen, dass er taumelnd
zurueckfiel, glatt auf den Boden und liegenblieb.--

Wo!? Wo war man denn? Wo denn! Wo!!?

Auf der Welt? In der Hoelle? Tief in der Erde?--

Es war still!

Nirgends war man! Nirgends! Gar nirgends!

In einem Grab, in einem luftleeren, steinernen Sarg! In einer
fressenden Stille! Und durfte langsam, ganz langsam sterben. Niemand
wusste, sah und hoerte etwas. Es war still! Still!!--Still!!!

Doch--man hoerte etwas, zeitweilig ein ganz fernes Klopfen, ein Kratzen
in den Waenden. Aus einer anderen Gruft vielleicht?!--Nein! Es waren
Holz--oder Mauerwuermer, die nagten, nagten, weil sie einen Kadaver
witterten.--

Die dann herabfielen wie Tropfen und langsam in den Leibbohrten,--nagten,
nagten und alles auffrassen!--

Das Licht kam wieder. Peter Windel stand auf, ging zehn und zwoelf
Schritte. Er ass jetzt auch.--


IV.

Endlich nach fuenfzehn Wochen Haft fand die Verhandlung gegen Peter
statt.

Stupid folgte der Gefangene den Waertern durch lange Gaenge, dann fuehlte
er Luft und bekam Angst, atmete sparsam.

Und dann sass er in einem Saal, sah Gestalten, sah starre Augen und
hoerte Redegeraeusche um sich herum und aus sich heraus.

Zuerst sass er da wie eine leblose Puppe. Dann, mit jedem gehoerten
Wort, kam mehr und mehr das Leben in ihn. Sein Gesicht bewegte sich,
als oeffne es sich aus einer Erstarrung--und dann lag ein Laecheln die
ganze Zeit auf seinen stoppeligen Falten und blieb.--

Die Dienstmagd vom Vorderhaus sagte aus. Einfach klangen ihre Worte.
Sie sprach nicht zu viel und nicht zu wenig.

Das Geraeusch der Worte war erst undeutlich, dann wurde es klarer und
klang.--

Am fraglichen Sonntag nachmittags zwei Uhr vernahm diese Dienstmagd
ein Wimmern aus dem offenen Fenster des Windelschen Zimmers. Dem
folgte ein grobes, kurzes Schimpfen. Dann sah sie den Angeklagten auf
der Treppe, wie er ploetzlich innehielt und wieder umkehrte. Und wieder
hoerte sie das Wimmern, noch deutlicher sogar und ein wuetenden Schimpfen,
dann einen Tuerzuschlag und Windel mit grimmigem Gesicht die Treppe
hinunterrennen.

Wie ruhig sie das sagte: "Und dann, gleich darauf, habe ich einen
dumpfen Knall und einen kurzen, nicht recht lauten Schrei, der eher
ein Stoehnen war, gehoert und das Wimmern hat auf einmal aufgehoert. Ich
weiss nicht mehr genau, war's gleich nach dem Tuerzuschlagen oder ein
wenig spaeter. Ich bin dann zu meiner Schwester gegangen, weil ich
Ausgang hatte.... Die Leute im Vorderhaus und im Hinterhaus? ... Ja
... soviel ich gesehen habe, die waren fast alle weggegangen ... schon
mittags.... Es war ja auch so schoenes Wetter."

Peter Windel sass da und lauschte. Es klang!--

Er begann auf einmal langsam--dann aber stossweise zu schluchzen. Eine
Bewegung kam in den Saal. Eine Glocke laeutete. Lauter rief wer!
Ja!--Ja! Das konnte der Vesperruf in der grossen Halle sein! Das war
dasselbe, duenne, schrille Laeuten.--

Dann klangen wieder Stimmen hin und her.

Der Chef, die Arbeiter und Angestellten und die fruehere Logisfrau
sagten guenstig ueber den Angeklagten aus. Die letztere weinte sogar
buchstaeblich und sprach erregt, dass der Staatsanwalt sich verpflichtet
fuehlte, sie zu fragen, wie lange Windel sie kenne, ob er sie zuletzt
noch aufgesucht und ob sie zu ihm in naeherer Beziehung gestanden habe.

Die dicke Frau wurde darob sehr schrill, schrie und es laeutete
abermals. Peter Windel war wieder ruhig geworden und laechelte
wieder.--

Laechelte, trotz der furchtbaren Anklagerede des Staatsanwalts,
laechelte starr in den Raum, als der Rechtsanwalt redete und redete.--

Man fand keine Absicht in dieser Tat. Die Beweise waren zu mangelhaft.
Der Angeklagte war ein unbescholtener Mensch. Bis in die Schulzeit
hatten die eifrigen Nachforschungen der Behoerden zurueckgegriffen,
nichts liess auf einen jaehzornigen, boeswilligen Menschen schliessen,
sondern eher auf einen schuechternen, scheuen, dem das Leben stark
mitgespielt hatte.--

"Alles, was die tote Frau Hullinger hinterlassen hat, fand man
unberuehrt. Sie haben ein Zeugnis aus der weitaus ueberwiegenden
Mehrzahl der Aussagenden, dass der Angeklagte nie zu einer solchen Tat
faehig sei. Wie kann man annehmen, dass ein solcher Mensch wegen einer
geringfuegigen Unreinlichkeit einfach eine alte Frau dermassen an den
Waschtisch wirft, dass sie augenblicklich tot ist!" rief der Verteidiger.
Und viele nickten. Man hoerte deutlich ein Aufatmen, als der Freispruch
bekanntgegeben wurde und sah aufgeheiterte, fast erloeste Gesichter.--

Peter Windel war frei.

"Kommen Sie nur gleich wieder!" hatte sein Chef gesagt, als er ihm
beim Weggehen die Hand drueckte. Und der Rechtsanwalt hatte einen Blick
wie ungefaehr: "Na, das haetten wir wieder durchgedrueckt!"

Nach fuenfzehn Wochen spuerten Peters zoegernde

Schritte wieder Strassen, hoerten seine Ohren Trambahnrattern, sahen
seine Augen Menschen, Farben, Fenster, und er wusste selber nicht, wie
und weshalb er ploetzlich an einen Schalter herantrat und sagte:
"Dritter Klasse! Ja!"

Er stieg auf den Zug und ging nicht in die Kupees. Eine Nacht lang
stand er auf dem eisernen, ratternden Vorplatz eines Wagens und
atmete.--

Der Wind pfiff. Der Zug sauste, riss die Luft auseinander, zog
vorbeifliegende Lichter in die Laenge, bohrte hemmungslos in eine
dunkle, ungewisse Ferne.

Keine Wand mehr, keine zehn und zwoelf Schritte, kein Ende--das Toben
und Brausen wieder! Nur diesmal wie ein Flug durch einen unermesslichen
Raum.--


V.

Aber--es ist nicht wahr! Man kann nichts wegtrinken, nichts vergessen
machen, nichts ausloeschen! Man traegt es mit sich wie ein unsichtbares
Schneckenhaus und zuletzt!?--

Es sind immer wieder die kahlen, glatten Mauern, die Tuer mit dem
ausgestochenen Aug' in der Mitte, die zehn und zwoelf Schritte....

Es klopft.--

Es kratzt in den Waenden. Die Wuermer nagen. Sie warten und fallen
ploetzlich in einer Nacht wie schwere Tropfen herab, bohren sich ins
Fleisch, nagen--nagen.--

Peter Windel hatte eine wilde Flucht hinter sich. Durch Staedte und
Doerfer war er gefahren, in Hotels und in Wirtschaften, in
Animierkneipen oder am Leib eines Weibes hatte er die Naechte
verbracht. Er trank, warf das Geld weg, ass, sass in den Theatern und
den Kinos, in den Bars und Vergnuegungslokalen jeder Klasse.

Es war immer wieder die Stille, das Stockdunkle, das Grab!--

Er floh und kehrte endlich wieder zurueck zu Jank, nahm die Arbeit
wieder auf und wurde ruhiger. Es trat die alte Regelmaessigkeit in sein
Leben. Ereignislos verliefen die Jahre. Er wurde alt. Gebueckt ging er.

Der Chef nahm ihn in die Abteilung fuer technische Angelegenheiten ins
Bureau. Da sass er nun jeden Tag auf seinem Drehstuhl und rechnete,
schlug das Buch zu, kam am aendern Tag wieder und rechnete.

Neben ihm sass das Schreibmaschinenfraeulein, weiter am Fenster vorne
der Ingenieur und manchmal auch der Chef.

Jahre.--

Ploetzlich an einem Nachmittag gegen drei Uhr warf Peter Windel die
Feder weg, riss sich fast soldatisch herum, ging an den Schreibtisch
des Ingenieurs und sagte mit hohler, kalter Stimme: "Die Sache
liegt vollkommen glatt. Fuer den Verlust mache ich Sie keinesfalls
haftbar."

Steif stand er einen Augenblick vor dem verbluefften Herrn und drehte
sich rasch um, rannte zur Tuer und war weg.

Schon nach der Mittagspause hatte er sich den Hut unter den
Schreibtisch gelegt. Und jetzt war er froh, dass kein ihm bekannter
Strassenbahner den Wagen fuehrte, in den er stieg.

Nach der fuenften Haltestelle stieg er aus. Er war mitten in der Stadt.
"Das Urteil im Heinold-Prozess! Zwoelf Jahre Zuchthaus!" schrien die
Zeitungsverkaeufer und flatterten mit den Extrablaettern herum.

Wichtige, gespraechige Gesichter tauchten auf, gedraengte Gruppen
stauten sich um die Anschlagssaeulen.

Peter bohrte seine Augen spaehend in die staubige Luft. Nach einem
regen Ausschreiten blieb er auf einmal stehen, murmelte etliche Worte
heraus, drehte sich mechanisch herum und ging in den Blumenladen,
vor dem er jetzt stand. Nach einer langen Weile kam er mit einem
grossen, auffallend schoenen Rosenstrauss heraus, und ein kaltes Laecheln
lag auf seinen stoerrischen Zuegen.

"Lebenslaenglich in einem Grab ... da schon lieber gleich weg," hatte
er gestern beim Treppenhinaufgehen gehoert, und dann sagte eine andere
Frau superklug: "Beantragt erst. Es haengt noch vom Gericht ab."

Heute war niemand im Treppenhaus. Auch die Wohnung war leer. Die
Logisfrau war wahrscheinlich zum Putzen gegangen und ihr Mann kam erst
gegen sieben Uhr abends von der Arbeit.

Peter oeffnete rasch und schritt behend in sein Zimmer, legte behutsam
den Rosenstrauss auf den Tisch und holte sich in der Kueche warmes Wasser
zum Rasieren.--

Als er bereits im Gebrock vor dem Spiegel stand, ueberfiel ihn auf
einmal ein massloses Zittern, und eine Totenblaesse ueberzog sein
Gesicht. Mit Gewalt straffte er seine Fuesse. Dann nahm er endlich den
Strauss und verliess die Wohnung.

Es war schon dunkel, als er vor der Tuer des Staatsanwalts Petersen
stand und laeutete.

"Ich moechte gern ... wenn es erlaubt ist ... dem Herrn Staatsanwalt
diese Blumen bringen ... und--und gratulieren," stotterte er dem
Maedchen ins Gesicht. Das liess ihn ein und fuehrte ihn in ein
Empfangszimmer. Nach ganz kurzer Zeit tat sich die Mitteltuer auf, und
Peter stand vor dem Staatsanwalt. Einen Augenblick hatte der Mann eine
steinern ernste Miene, dann flossen alle Falten in ein Wohlwollen und
er laechelte geschmeichelt.

Mit vielen unbeholfenen Verbeugungen reichte ihm Peter den Rosenstrauss
und stotterte devot: "Fuer ... fuer den ausserordentlichen Eindruck, den
ich von Ihrer Anklagerede empfing ... nur eine kleine Erkenntlichkeit
meiner Wenigkeit, Herr ... Herr Staatsanwalt, Herr....!"

Der Staatsanwalt nahm ihm mit aller Freundlichkeit der Herablassung
den Strauss aus der Hand, fuehrte ihn an die Nase und sog in vollen
Zuegen den Duft ein, hob den Kopf wieder, sagte: "Ah ...!" und drehte
sich laechelnd um, zur anderen Tuer schreitend: "Das muss ich gleich
meiner Frau sagen...."

Jetzt, da er ihm den Ruecken zugewendet hatte, rief Peter ploetzlich mit
schneidender Hast: "Eins, zwei, drei! ... einen Augenblick ..." und er
laechelte, wie um sich zu besinnen ... "sind drei ... aber nein, nein!
Das stimmt nicht! ... Zehn und zwoelf, verstehn Sie ... sind?"

Der Staatsanwalt hatte sich erschreckt umgedreht, stand unschluessig.
Peters Mund bewegte sich fieberhaft. Schaum stand auf seinen Lippen:
"Verstehn Sie ... zehn und zwoelf Schritte! Den ganzen Tag! Den ganzen
Monat--ein Jahr--zwei!--drei!--vier--zwoelf Jahre! Zwoelf Jahre!!"

Und noch ehe der Staatsanwalt auf ihn zustuerzen konnte, stiess ihm
Peter mit aller Wucht sein feststehendes Messer in die Brust, dass er
lautlos zusammenbrach und vornueber hinfiel. Dumpf hallte es. Der
Koerper warf sich etliche Male zuckend und blieb dann steif liegen.

Peters Mund ging auf und zu: "Zehn und zwoelf Schritte--einen Tag,
einen Monat--ein Jahr--zwoelf Jahre, zwoelf----"

Die Tuer ging auf. Hoch stand ihr Dunkel. Etwas Buntes, Weisses
flimmerte dazwischen! Peter schrie in einem Schrei:

"Fuer den Verlust mache ich Sie keinesfalls haftbar,--Zwoelf Jahre Grab!
Verstehn Sie ... Das ausgestochene Aug'! Die Wuermer! Zwoelf Jahre ...
Verstehn Sie! Zwoelf Jahre Nirgends! Nicht Hoelle! Nicht Welt! Zehn und
zwoelf Schritte ... die Wue-ue-uermer!"....

Nach der irren Hast der ersten Worte spaltete sich die Stimme,
ueberschlug sich und klang zuletzt wie ein keuchendes, ersticktes
Stoehnen. Jetzt hielt er inne.

Die hohen Tueren standen offen da. Schwarz und duester. Gegen ihn
gerichtet wie drohende Rachen.

Die Gestalten und Gesichter waren fort. Es war still. Still!--Mit weit
aufgerissenen Augen starrte Peter in diese Leere. Sein Koerper begann
zu schlottern, aber er riss sich zusammen. Er wich zurueck. Sein Kopf
stiess dumpf an den Fenstergriff. Erschrocken wandte er sich herum. Die
Helle brach ueher ihn. Er oeffnete rasch.

Jetzt befiel ihn wieder das Zittern. Sein Gesicht verzerrte sich. Er
wollte umsehen und wagte es nicht. Seine Arme umklammerten das
Fensterkreuz.

Furchtbar schrie er: "Hilfe! Hi-ilfe!"

Er schwang sich ploetzlich mit einem wilden Satz aufs Fenster und
sprang in die Tiefe.--




SINNLOSE BEGEBENHEIT


Um es ohne Umschweife zu sagen--: Michel Zoell hatte heute einen guten
Tag.

Vorgestern, als er stumpfsinnig in der Waermestube der Arbeitsvermittlung
sass und an dem nassen, verfilzten Zigarrenstummel saugte, den er auf dem
Hergang in der Fruehe gefunden hatte, kam sein Weib herein und sagte zu
ihm: "Dein Alter ist gestorben ... Vom Elektrizitaetswerk haben sie
hergeschickt, dass er auf der Strasse umgefallen ist.--Schau nach!"

Es stimmte.

Jetzt lag der Tote unter der Erde.

"Ich komm schon!--Nachher!" sagte Michel zu seinem Weib nach dem
Begraebnis und schickte es heim, waehrend er zur Logisfrau des
Verstorbenen ging.--

Wie oft hatte Michel es nicht gehoert, wenn Fusstritte auf ihn traten,
wenn er in eine Ecke flog, wenn die Faeuste seines Vaters auf seinen
Kopf niedersausten oder eine Eisenstange, ein Teller, eine Buerste:
"Knochen, verstockter!--Der Teufel soll mich kreuzweis' holen, wenn
ich dir einen Pfennig hinterlass'! Ertraenkt sollte man dich im ersten
Bad haben, du Nichtsnutz!"

Mit sechszehn Jahren noch, als Michel schon im letzten Lehrjahr stand
und eigentlich keine Last mehr war, wollte der Alte den Jungen
wegraeumen und uebergoss ihn beim Heimkommen mit siedendem Kartoffelwasser,
weil er das Vogelfutter fuer den Kanarienvogel mitzubringen vergessen
hatte.

Michel musste damals ins Krankenhaus gebracht werden und sah zum
erstenmal, wie ein Bett aussah.

Es war schoen in diesen hellen Raeumen. Man sah viele fremde Menschen,
die allerhand erzaehlten. Michel fasste Mut da und ging nach seiner
Entlassung mit dem was er auf dem Leibe trug, auf die Wanderschaft,
schlug sich auf alle moegliche Art und Weise durchs Leben.

Mutter--?! Ein komischer Begriff!

Michel hatte noch so etwas wie eine abgemagerte Frau in einem Haufen
Lumpen im Gedaechtnis. Ein Paar spindelduerre Arme wie Stoecke. Und
Huesteln.

Und das, was er nun seit ungefaehr zwei Jahren unausgesetzt ablebte:
Eben ein Zimmer voll Gerumpel, mit erstickender Luft und einem
Vogelbauer im staubigen Fenster.

Nur--dass Michels Weib zwei Kinder hatte und hin und wieder zum Putzen
ging, dass das jetzige Zimmer keinen Vogelbauer hatte, ein klein wenig
heller war, aber enger als das fruehere.

Vor zwei Jahren war es etwas anders. Damals arbeitete Michel noch in
der Motorenfabrik. Es war guter Verdienst. Aber wie der Teufel sein
wollte, die Firma machte Bankrott, kam noch hinzu, dass das damalige
Haus, in dem Michel mit Weib und Kindern in einer Zweizimmerwohnung
hauste, in ein Warenhaus umgewandelt wurde, und die Leute nach langem
Hin und Her auf die Strasse gesetzt wurden.

Weshalb soviel Aufhebens machen! Die Entwicklung der Dinge laesst sich
leicht denken. Die Hauptsache war immer: Man hatte zur Not ein Dach
ueher dem Kopf bekommen. Man wusste, wo man hingehoerte.--

Nun, es ist etwas Wahres dran an dem Sprichwort: "Wo die Not am
groessten, ist Hilfe am naechsten."

Trotzdem der Verstorbene sich vielleicht geschworen haben mochte, nie
und nimmermehr fuer Michel etwas zu hinterlassen, fiel dem Sohn jetzt
die ganze erraffte Habschaft des Alten zu.--

Es war erst fuenf Uhr nachmittags. Michel konnte in aller Ruhe das
Zimmer des Verstorbenen durchstoebern und alles mitnehmen. Er fand
ausser baren fuenftausend Mark einige Anzuege, von denen er den besten
sogleich anzog, einen Ueberzieher, den er ebenfalls umlegte, und
allerhand Gerumpel, das er dem Taendler Finsterhofer verkaufte.

Er war gut aufgelegt, der Michel, lachte und gab schliesslich dem
draengenden Taendler auch das ganze andere Geschleppe, die uebrigen
Anzuege und was da noch war.

Die Tasche voll Geld schritt er in die daemmernde Stadt.

"Ist doch gut, wenn man weiss, wer einen auf die Welt gebracht hat,"
brummte er aufgeheitert und ging in eine der bekannten Wirtschaften
inder Bahnhofsnaehe, um noch ein paar Glaeser zur Feier des Tages zu
trinken.

Es kam ihm merkwuerdig vor, als er so unter den anderen Arbeitern,
Zuhaeltern, Herumlungerern und alten Huren sass.

Einige kannten ihn und massen ihn von der Seite.

"Hast das grosse Los gezogen, Michel! He ... gibst was aus?" rief ihm
ein Tisch zu und in jedem Blick war ein konstatierendes Zwinkern.

Michel setzte sich. Es tat ihm wohl, dass soviel Freundlichkeit ihn
umgab. Auf seinem Gesicht war sogar eine Art Goennerhaftigkeit.

"Meinetweg'n ...," rief er und lachte, "trinkt. Mein Alter hat ins
Gras gebissen! Es kommt mir nicht drauf an....!"

Und die Gesichter um ihn zaeunten sich enger, fingen zu glaenzen an.
Man trank sich kameradschaftlich zu.

"Erste Runde ... wer bezahlt!" schrie der martialische Kellner und
Ordnungsmann in den Tisch.

"Daher!" schrie Michel und griff in seine Hosentasche, zog die Scheine
heraus.

"Da gehn schon noch ein paar Runden, Michel?!" riefen mehrere.

"Kameradschaft bleibt Kameradschaft!" bekraeftigte ein anderer.

Und Michel legte einen Hundertmarkschein auf den Tisch: "Soviel soll
genug sein!"

Der Tisch war zufrieden, wurde laut, man brachte Bier und liess Michel
leben!

Dann stand Michel endlich auf. Einige wollten ihn noch halten,
bettelten. Aber ein paar andere mischten sich ein und riefen: "Nein
... richtig gesagt, sind wir zufrieden ... der Michel kommt wieder!"

Und jeder drueckte Micheln die Hand.

"Ein kreuzguter Mensch!" hoerte dieser noch, als er die Tuer hinter sich
zuzog und seine Schritte eiliger straffte.

Die grossen Bogenlampen leuchteten schon durch den nachtdurchwobenen
Nebel. Aus den Kaffeehaeusern griffen die Lichter, die Strassenbahnen
flimmerten, surrten und laeuteten.

Michel stieg nicht ein. Er ging zufrieden dahin und laechelte manchmal.
Es schien, als wolle er noch einmal, ganz fuer sich allein, das eben
zuteil gewordene Glueck auskosten.

Er griff nach seinem Geld. Er griff hastiger. Nichts.

Seine Knie begannen zu schlottern, sein Herz stand jaeh still. Er griff
nochmal.

Das ganze Geld war weg. Man hatte es ihm gestohlen.

Er taumelte an eine Hauswand. Griff, suchte--suchte alle Taschen
durch, vorsichtig, zitternd, furchtbar.

Nichts mehr.

Einen Augenblick stand er starr.

Die Trambahn surrte vorbei. Ganz duenner Schnee fiel. Die Lichter
flimmerten. Es rauschte, rauschte--und war doch grauenhaft still. So
als ob alles wie ein fliessendes Wasser leise um ihn herumfloesse. Er
hoerte es nicht und hoerte es doch, hoerte es wie ein verborgenes, leises
Kichern....

Der Schnee fiel. Michel bewegte sich nicht von der Stelle.

Lange.--

Endlich gab er sich einen Ruck, rannte in die Wirtschaft zurueck, auf
den Tisch zu.

Es war keiner mehr da. Er fuhr den Ordnungsmann an. Fragte, flehte,
weinte. Vergebens.

In sich zusammengesunken verliess er die Wirtschaft. Machte sich auf
den Heimweg. Als er vor dem Haus stand, in dem er wohnte,--hielt er
inne. Er griff nochmal in alle Taschen.

Dann, als er die Treppen emporstieg, schien es, als haette sein Gang
wieder die gewoehnliche Ruhe und Gleichgueltigkeit, mit der er sonst
dahinschritt. Der Dunst des Zimmers schlug ihm aetzend entgegen. Es war
still und duester. Die zwei Kinder lagen im Korb, in einem Berg von
Lumpen, und schliefen. Anna sass am Tisch, die Petroleumlampe flammte
aermlich und blaeulich ueher ihre Haende.

Gleichgueltig schaute das Weib vom Sockenstopfen auf und rief: "Hast
was gefunden?"

Michel schwieg, drehte sich umstaendlich um und schloss die Tuer. Dann,
seinem Weib wieder zugewendet, sagte er: "Zuwas stopfst' Socken? ...
Brauchst bloss Licht."

"Hast denn solang braucht?" fragte Anna und fixierte nunmehr die
ungewohnte Kleidung ihres Mannes.

"Ja ...," sagte Michel und zog seinen Ueberzieher aus, "ist eine schoene
Strecke gewesen...."

"Ist ein schoenes Stueck Gewand," sagte Anna wieder, als Michel naeher
ans Licht getreten war und sich auszuziehen begann, "sonst hat er also
nichts gehabt?"

Der Michel schnaubte ein paarmal auf. Dann rief er einsilbig: "Geh,
leg dich nieder ... fuer uns waer's besser gewesen, man haett' uns im
ersten Bad ertraenkt ... leg dich nieder, Alte!"

Und plumpsig liess er sich ins Bett fallen, dass die Federn knarzten.
Bald darauf lag auch Anna an seiner Seite.

Am aendern Tage trug Michel den Ueberzieher aufs Leihamt und gab Anna
das Geld.

Wieder wie immer hockte er stumpfsinnig in der Waermestube der
Arbeitsvermittlung.--




DIE LUNGE


Die Arbeiterin Manztoeter ist der Lungenschwindsucht erlegen. Sie war
eine stille, fleissige Person. Sie schaffte sich auch etwas.

Vor vier Jahren trat sie in die Zigarettenfabrik Zuccalisto ein.
Bauernmagd war sie vorher gewesen. Eine von den vielen, die die Stadt
anzog, der Verdienst und die Aussicht auf eine baldige, einigermassen
ertraegliche Ehe vielleicht.

Die Maenner auf dem Lande waren plump und bedacht auf offene manchmal
in den Stall, fassten sie an der Brust, packten ihr Kinn, leckten ihre
Wangen. Ein rothaariger Knecht setzte ihr aufdringlich zu, stand und
stand ueberall und schlug einmal sinnlos auf sie ein. Daraufhin floh sie
in die Stadt.

Sie aenderte sich nicht, sparte, arbeitete und war fromm ohne
Bigotterie. Noch immer las sie das Wochenblatt jedesmal aus und den
Roman und hielt sich ausserdem "Die christliche Dienstmagd". Unter dem
vielen Gemisch von afrikanischen Missionsberichten, fand sie eines
Tages die Geschichte eines Farmers in Suedwestafrika, leis ueberhaucht
von friedlich-fleissigem Eheidyll.

Einem solchen sparte sie das Geld vielleicht.

Vierhundert Mark hatte sie schon auf der Sparkasse. Noch vielleicht
zwei Jahre oder laengstens drei und es waeren tausend gewesen. Tausend
Mark!--

Das ist schliesslich nur Angewohnheit, dass man zur Vesper fuer fuenfzig
Pfennig Kaese oder ein Stueck Wurst haben muss mit Bier. Kaffee mit einer
Semmel geht auch oder Gerstenauflauf von Mittag. Machte schon wieder
zwanzig Pfennig weniger.--

Ausserdem kann man sich woechentlich zweimal zu den Ueberstunden melden.
Sind auch wieder drei Mark fuenfzig Pfennig fuer je eine Stunde. Man
macht jedesmal drei, sind zusammen woechentlich einundzwanzig Mark.
Eineinhalb Tagelohn mehr. Dann, wenn man heimkommt, ist's meistens
schon dunkel, man braucht kein Licht mehr, legt sich einfach gleich
ins Bett und schlaeft ein, hat gar keinen Hunger mehr.--

Zuletzt waren es schon sechshundert Mark. Sechshundert!

Und da kam die Lunge.

Und kurz darauf haette es eine allgemeine Aufbesserung gegeben, weil
die Zigarettenfabrik Zuccalisto fuenfundvierzig Prozent Dividende
verteilen konnte dieses Jahr und auch was tun wollte fuer ihre Arbeiter.




OHNE BLEIBE


Es war schneidend kalt.--

Der Schutzmann an der Ecke sah einem angeheiterten Doppelpaar
griessgraemig nach und knurrte muerrisch.

Durch den Gedanken, dass diese Leute nun in ihre warmen Stuben heimgingen
und vor dem Zubettgehen vielleicht noch heissen Tee tranken und eine
Kleinigkeit zu sich nahmen, hatte er sich davon abbringen lassen, weiter
auf und ab zu gehen und seine durchfrorenen Beine durch zeitweiliges
Stampfen einigermassen warm zu erhalten. Jetzt stach die Kaelte doppelt
quaelend in allen seinen Gliedern.

Er knirschte verdrossen, zog seinen Kopf noch tiefer in den
aufgestuelpten, starren Mantelkragen, bog mit sichtlicher Ueberwindung
die steifgewordenen Knie und ging wieder weiter.--

Die Stimmen der Spaetlinge verschwammen mehr und mehr. Es wurde wieder
still. Wie ausgestorben dehnte sich das verlassene Geviert aus. Duester
und drueckend ragten die Hauswaende empor. Der Schnee fiel dicht und
sehr ruhig.--

Missmutig schwenkte der Schutzmann in eine breitere Strasse ein. Durch
die gleichmaessiger verteilte Schneeflaeche schien es hier heller und
weiter zu sein. Er blickte erleichtert in die weisse Eintoenigkeit. Eine
strichhaft hagere Gestalt kam auf ihn zu. Der Mann schien weder Kopf
noch Arme zu haben. Nur die Beine warf er mechanisch nach vorne wie
ein aufgezogenes Gespenst. Als er kaum noch fuenf Schritte von ihm
entfernt war, hustete der Schutzmann sehr vernehmlich und hob sein
veraergertes Gesicht.

"Sie!" rief er dem Herankommenden gehaessig laut entgegen und warf sich
in straffere Haltung.

Die Gestalt blieb stocksteif stehen. Nur der Frost schuettelte sie.

"Haben Sie Papiere?" fragte der Schutzmann, noch einen Schritt
machend, und musterte den Mann.

Der ruehrte sich nicht.

"Sie!!" bruellte der Schutzmann wie fluchend und leuchtete dem Fremden
mit der Taschenlaterne entgegen. Alles an ihm war wieder in bester
dienstlicher Ordnung.

Ein harkiger, abgerissener, verdorrter Baumstamm oder eine arg
ramponierte Saeule konnte es sein, was da im Lichtkreis stand. Raschen
Blicks ueberflog sie der Polizist.

"Ihre Papiere!--Sind Sie denn taub!" schrie er abermals, wuetend ueber
das Aufgehalten werden bei solcher Kaelte, und setzte schnell, wie
witternd hinzu: "Oder haben Sie keine?"

Der Fremde zog endlich seine erstarrte Hand aus der tiefen Hosentasche
und reichte ihm die schmutzigen, durchnaessten Ausweise.

"Karl Pruvik, Klempnergehilfe" stand auf der ueberleuchteten
Invalidenkarte. Herkunft, Geburts--und letzter Dienstort und Datum
waren verzeichnet. Abgestempelte Marken klebten auf der ersten Haelfte.

Der Schutzmann steckte das Papier unter den blauen Militaerpass und
schlug diesen auf.

"Infanterist Pruvik, Karl.--14. Regiment" orientierte die erste Seite.

"Verwundet bei Luneville (Armschuss rechts), desgleichen bei Tarnopol
(Knieschuss links), verwundet bei Verdun (Schulterschuss links)" war im
Anhang eingetragen, und so und soviele Gefechte und Schlachten erwaehnte
das naechste Blatt.

Das Gesicht des Schutzmanns verlor mehr und mehr die stiere Haerte, hob
sich etwas hoeher aus dem Mantelkragen.

"Hm!--Auch Kriegsteilnehmer? ... Ohne Bleibe, was?" sagte er mit
zufriedener Ruhe und streckte dem regungslos Dastehenden die Papiere
him. Dessen Gestalt schwankte ein klein wenig nach vorne.

"Hundekaelte das! Warten Sie, es geht schon!" rief da der Schutzmann
noch loyaler und steckte dem Mann die Papiere hilfsbereit in die
Rocktasche: "Ist ja noch nicht so spaet. Noch alles offen in der Stadt.
Sie kommen sicher unter!"

"So," sagte er eben, als in naechster Naehe die Uhr zehn schlug. Einen
Augenblick horchte er auf, nickte und entfernte sich eilsamen
Schritts. Schon von weitem erspaehte er die Abloesung.

Karl Pruvik riss sich fest zusammen und schritt wieder weiter.

Der Schnee fiel und fiel.

Nach einer langen Weile wurde es endlich etwas lichter. Menschen
stapften vorueber. Grelle Autolaternen glotzten ueher einen freien
Platz. Ueher einem maechtigen Saeulenportal leuchteten gross die
Buchstaben "Schauspielhaus".

Vielleicht vom Licht angezogen verschnellerte Karl Pruvik unwillkuerlich
seine Schritte, eilte geraden Wegs auf den Theaterausgang zu. Eben
stroemte die Besucherschar aus den grossen, glitzernden Toren. Er befand
sich im Nu mitten im dichtesten Gemeng und draengte sich vorwaerts. Eine
warme Duftwelle schlug ihm entgegen, starkgeschminkte Gesichter tauchten
auf und seltsam kuehne Reflexe warf das grelle Licht auf glaenzende,
rauschende Damentoiletten. Ueberschnell schwirrten geschaeftige Stimmen
ineinander, Seidenrauschen, Laecheln, Autohupen und das fadenduenne Zirpen
suesslicher Tonfaelle vermischten sich zu einem betaeubenden Geraeusch.
"Einfach glaenzend!" rief wer. "Ruehrend, wie die Hohlmann spielt!--Nein,
einfach entzueckend!" zwitscherte eine ueberhelle Stimme. "Huw, dieses
Schweinewetter!-Kommt schnell ins Auto!" liess sich zwischendurch vernehmen.
Und wieder: "Kritisch gewertet--: Eine Glanzleistung in Regie und Spiel!"
Dann das laute, aufdringliche Gekicher der Backfische: "Dieses herrliche
Rueschenkleid, Mama!--Hast du gesehen,--den Sonnenschirm!--und das
Biedermeierkostuem im dritten Akt? Entzueckend!--Du Lilly, weisst du was!
So gehen wir heuer im Fasching!--Gell Mammi! Gell!"

Es plaetscherte fort und fort, oben, unten, ueberall. Abschiednehmen,
Handkuesse, Einladungen fuer das morgige Festessen, Lachen, Autovor--und
Abfahren--alles wie ein flimmernder Hexentanz!--

Karl Pruvik war mittlerweile unbemerkt bis an das Eingangstor
gelangt. Noch eine geschickte Finte und er hatte fuer heute nacht
ein Dach ueber dem Kopf. Sein Herz schlug heftig. Es war wieder Leben
in seine froststarren Glieder gekommen. Behende glitt er an den
aufeinandergedraengten Gestalten vorbei und fuehlte auf einmal Raum und
Waerme. Er lugte spaehend nach dem betressten Portier, duckte sich mehr
noch zusammen, hielt den Atem an, arbeitete sich an der Wand entlang.

Im selben Augenblick aber stockte die Bewegung des Menschentrupps. Er
zerteilte sich und jaeh brachen die Reden ab. Durch eine glotzende
Gaffergasse hastete der Portier mit steinernem, finster drohendem
Gesicht auf ihn zu.

"Was suchen Sie denn da?--He! Sie! Sie!" schrie der Tuerhueter. Karl
Pruvik zog wie ein gezuechtigter Hund die Schultern hoch und verbarg
den Kopf voellig in seiner schlotternden Brust.

"Was Sie wollen, frag' ich!?" bellte der Portier hinter ihm und packte
ihn heftig am Arm, riss ihn zurueck. Ohne Wort und ohne Abwehr liess sich
der Eingedrungene von dem belfernden Tuerhueter und zwei inzwischen
herbeigeeilten Logendienern ins Freie schieben. "Hm, sowas?--Sich ins
Theater einzuschleichen!" sagte jemand von den Stehengebliebenen und
schuettelte den Kopf. Der ins Stocken geratene Menschenhaufe bekam
wieder Bewegung und draengte sich durch den Ausgang. Die Tore schlossen
sich finster. Schwaetzendtrabten die letzten Paare vorueber.

Karl Pruvik stand zoegernd und benommen im glitzernden Schneegeflock.
Einen Augenblick hatte es den Anschein, als straffe sich sein Koerper,
als hole er zu einem Satz aus und wolle in die vorbeigleitenden,
duftenden, rauschenden, geschwaetzigen Menschen springen, aber
schliesslich torkelte er doch ueher die verschneite Freitreppe hinunter
und bog in die Seitengasse ein, die vom Theaterplatz abzweigte. Ein
letztes Auto surrte weg. Die Stimmen verloren sich in der Ferne. Die
erleichternde Helligkeit, die die Beleuchtung des Theaterpalastes nach
allen Seiten him verbreitet hatte, verlosch lautlos. Es war wieder
ringsherum die fahle, unwirkliche Duesternis der Winternacht.--

Karl Pruvik hob den Kopf hilflos. Eine knappe Wurfweite vor ihm ragte
etwas Schwarzes aus dem Schnee und bewegte sich wie schwebend von der
Stelle. Willenlos und ohne Grund folgte er der Erscheinung.

Lange ging er so.

Es musste schon tief nach Mitternacht sein. Trist gaehnten die
menschenleeren Strassen und Plaetze.

Man stand am Rande des Stadtparkes. Die kerzengerade Gestalt verschwand
zwischen den Baeumen.

In der aufgeworfenen Bahn der Spur schritt Karl Pruvik weiter. Es war
viel dunkler hier. Die schneebeladenen Baumaeste lasteten schwer herab.
Nur zeitweilig gab sich eine hellere, freiere Stelle und undeutlich
liessen sich eingemummte Baenke erkennen. Auf einer solchen hockte die
zusammengekauerte Gestalt nun, der er die ganze Zeit gefolgt war.
Stoisch liess sich Karl Pruvik neben ihr nieder und legte wie aus einer
ploetzlichen Eingebung heraus seinen steifen Arm um nasse, scharfe
Schultern. Lahm schmiegten sich die beiden Koerper aneinander. "Kalt,"
murmelte es kaum hoerbar aus dem Kopf, der haltlos auf seine Brust
herabglitt.

"Kalt," brummte Pruvik ebenso leise und schloss seine Augen. Auch sein
Kopf sank herueber auf das Genick des anderen.

Kein Schnee fiel mehr. Es war seltsam--: Jetzt, da man schonungslos
der Kaelte ausgeliefert war, wussteman nicht mehr, war's eine rasende
Hitze oder eine gaenzliche Eisigkeit, was in den Gliedern bruetete. Der
ganze Koerper hatte das Gewicht verloren. Es schien als schwebe er
durch eine unsaeglich friedliche Stille.... Auf einmal drueckte etwas
Hartes an den Arm, umklammerte, zerrte. Es schrie wie durch
Nebelschwaden, dann naeher. Es ruettelte staerker. Das Geschrei schwoll.
Der Kopf' an der Brust bewegte sich stumm.

Karl Pruvik oeffnete die Augen. Das grelle Licht einer Taschenlaterne
stach ihm ins Gesicht, blendete, schmerzte.

"He!--He! Was ist da!!" schrie ein Schutzmann, riss erregt am Arm.

"Was ist denn das! Auf! Auf!!"

Alles tat wieder weh. Die zerfrorenen Knochen ruehrten sich, schmerzten,
als seien sie alle einzeln abgeschlagen und bewegten sich wie in einem
geplatzten Gipsverband klappernd von dannen.

Erst in der Stube der Polizeistation sah Karl Pruvik, dass noch einer
neben ihm stand, genau so reglos und stumpf wie er. Auf den redeten
die zwei Schutzleute ein, fragten, schrien ihn an.

Endlich nach einer Weile schritt man durch eine Tuer und das Licht war
aus den Augen. Die beiden lagen auf einer Pritsche, in warme Decken
gewickelt. Die Glieder bewegten sich ohne Schmerz. Waerme kam langsam.
Von Zeit zu Zeit beruehrten sich Arm oder Fuss.

Nach langer Zeit hoerte Karl Pruvik wieder polternde Stimmen und kalte
Luft huschte ueher sein Gesicht. Die Pritsche knarrte und Schritte
dumpften. Eine Tuer fiel zu. Jetzt war es leer neben ihm.--

Es fiel glaeseriges Tageslicht durch die vergitterte Luke, als er die
Augen oeffnete.

Ein etwas ins Rundliche gehender Schutzmann mit gemuetlichem, wohlig
geroetetem Gesicht stand vor ihm und sagte in friedlichem Bass: "Sie
koennen sich wieder fertig machen. Es liegt nichts vor gegen Sie!"

Karl Pruvik hob seinen uebermuedeten Oberkoerper auf der Pritsche.

"Haben Sie denn den andern gekannt?" fragte der Schutzmann.

Pruvik schuettelte dumpf den Kopf.

"Hat ein paarmal eingebrochen," erzaehlte der Polizist beilaeufig und
redete weiter: "Stehn Sie dann auf und kommen Sie. Sie koennen wieder
gehen."

Karl Pruvik sah ihn verstaendnislos an.

"Eine harte Zeit jetzt--und hundekalt diesen Winter!" brummte der
Schutzmann und bat Pruvik abermals aufzustehen.

Der erhob sich endlich und ging mit ihm durch die Tuer in die
Polizeistube hinaus.

Ein Wachtmeister sass am Tisch und hatte seine Papiere in der Hand, sah
ohne Arg, beinahe mitleidig auf Pruvik.

"Sie koennen wieder gehen," sagte er in dienstlichem Brustton und
reichte ihm Invalidenkarte und Militaerpass.

Karl Pruvik stand zoegernd da und machte keine Bewegung.

"Es liegt nichts vor gegen Sie!--Dass einer keine Bleibe hat, kann
jedem einmal passieren," sagte der Wachtmeister menschlich.

Pruvik nahm mechanisch seine Papiere.

"Gruess Gott," sagten die beiden Polizisten und nickten dem Gehenden zu.

Einer oeffnete freundlich die Tuer.

Karl Pruvik ging.

Es schneite nicht mehr auf den Strassen. Das Bleich des Tages tat den
Augen weh. Ein Wind hatte sich erhoben und pfiff schonungslos um die
scharfen Hausriffe. Es war kalt. Es war wirklich grausam kalt....




ETAPPE


I.

Der Stab fuer das Eisenbahnbauwesen der Ostarmee lag vor Duenaburg. Es
ging die Rede von einem russischen Durchbruchsversuch. Die Baukompagnie
14 geriet ins Feuer. Es gab Verluste. Der Bau der Feldeisenbahn kam ins
Stocken. Die Verbindung mit der Kampffront blieb auf Tage unterbrochen.
Vom Oberkommando der Armee lief eine Beschwerde beim Stab ein. Draengende
Befehle peitschten zur Beschleunigung. Der Major hatte wieder jenen
gehaessigen Aerger auf seinem finsteren Gesicht, der an den Brueckenbau in
Kowno vor der Ankunft des Kaisers erinnerte.

Zwei Tage vorher bereits ueberwoelbte das fertiggebaute, riesige hoelzerne
Mittelstueck die gesprengte Memelbruecke damals. Die Belastungsprobe war
glatt verlaufen. Allenthalben sah man entspannte, befriedigte Gesichter.
Die ermuedete Mannschaft trat schon zum Heimmarsch in die Quartiere
zusammen. Ploetzlich murrte ein langgezogenes, ruckendes Grollen ueber
den nebeligen Fluss. Die Brueckenmitte hatte nachgegeben, war fast um
einen halben Meter tiefer gesunken. Eine Totenstille herrschte minutenlang.
Dann bellten abgehackte Befehle durch die Luft. Die erschoepften
Abteilungen schwaermten wankend auseinander, wieder auf die Bruecke und
ins eisige Wasser. Die ganze Nacht haemmerte, aechzte, krachte, schob und
schrie es aus dem spaerlich beleuchteten Geruest des Notbaues und aus der
Flusstiefe. Fieberhaft, mit verdrossenem, verbissenem Grimm wurde
gearbeitet.

Wie Rudel totgehetzter Ziehtiere trotteten die Kolonnen am Morgen in
die zerschossene Stadt.

Zwanzig Stunden wurde am darauffolgenden Tage gearbeitet. Zweiundzwanzig
ununterbrochen am andern. Die Ruhr brach aus unter der Mannschaft.

Mehr als vierzig Mann starben, fuenf ertranken in der Memel.

Als der Kaiser ankam, erhielt der Major das Eiserne Kreuz erster
Klasse.

"Herr Major,--hoffentlich ist es uns allen noch gegoennt, dass wir den
Pour le merite ebenso vergnuegt mit Ihnen feiern duerfen," sagte damals
der geschnuerte, glatzkoepfige Stabsadjutant piepsend.

Und zerschlissen freundlich laechelte der Major: "Wenn Petersburg faellt!"
--Damals ging es unaufhaltsam vor.

Nun stockte es erstmalig waehrend des ganzen Feldzugs.--

Die Russen funkten sehr nahe. Die zurueckgetriebenen Eisenbahnbaukompagnien
verpendelten die Zeit mit nutzlosen Appellen. Vom Hauptquartier kam Befehl
auf Befehl. Die Offiziere flitzten nervoes und gewichtig herum. Bei der
Mannschaft gab es Arreste.

Unuebersehbare Mengen Baumaterialien stapelten sich und mussten
liegenbleiben.

Der Major ritt die Bauzuege ab, schrie, polterte, teilte Strafen aus.

Fuenfzehnhundert Russen, die an der Front gefangengenommen worden waren,
trafen ein. Befehl zur Aufnahme des Weiterbaues der Feldeisenbahn erging.

Langsam rollten die stehengebliebenen Bauzuege vorwaerts, in die tristen
Schneefelder hinein. Vor, vor--immer noch vor ging es! Bis zu der Stelle,
wo die Arbeit aufgegeben werden musste.

Die Geschosse schwirrten hoch in der schneeigen Luft. Ganz nahe.

Schnee, Schnee. Kaelte, Kaelte.

Die Baukompagnie 14, 15 und die Russen marschierten auf die
Arbeitsstellen.

"Mist!--Humbug!--Unsinn!" knurrte von Zeit zu Zeit irgendeiner halblaut.

In kilometerweiter Entfernung schlugen die Geschosse ein, warfen
Kotfontaenen.

Schlaggg!--lag alles am Boden.

Man lag die halbe Zeit in Deckung. Die Arbeit machte kaum wesentliche
Fortschritte.

Meldung erging an den zurueckliegenden Stab.--

Der Ordonnanzreiter Peter Nirgend ritt durch den peitschenden Schnee.
Das Pferd dampfte. Die Lenden spritzten Blut. Fiebernd bog sich der
furchtsame Ruecken im Galopp.--

Hauptmann und Oberleutnant der Baukompagnienempfingen den Heransprengenden
mit muerrischen Gesichtern.

"Meldung vom Stab der Eisenbahntruppen!" keuchte Nirgend. Nur mit Muehe
konnte er sich stramm halten.

Hastig oeffnete der Hauptmann den Umschlag, ueberflog mit unterdrueckter
Entruestung das Papier und sah auf den Oberleutnant, reichte es ihm.

"Hm!" brummte er kopfschuettelnd. "Hm!" machte der Oberleutnant
gleichfalls achselzuckend und ratlos.

Dann stiegen beide in den Kanzleiwagen.

Peter Nirgend fuehrte sein schweisstriefendes Pferd auf und ab. Aus den
Quartierwagen der Mannschaft glotzten missmutige Gesichter.

"Geht's vor?" fragte einer.

"Der Hund!" knurrten etliche dumpf, als Nirgend nickte. Der
Kanzleiunteroffizier rief aus dem Wagen, uebergab ihm die Rueckmeldung
an den Stab. Der gefrorene Boden klapperte unter den ausgreifenden
Hufen des Pferdes. Schneewolken staubten auf und nichts mehr sah
man.--

Ein abermaliger Befehl des Stabes bestimmte unverzuegliche Aufnahme der
Arbeit und sofortige Herstellung der Verbindungslinie mit den Fronten.

Schon tags darauf meldeten die vorgeschickten Kompagnien schwere
Verluste. Die fuenfzehnhundert Russen weigerten sich, aus ihrem Bauzug
zu gehen. Man pruegelte sie heraus. Aber am selben Abend noch mussten
die Zuege zurueckrollen. Viele Wagen waren zerstoert. Die Eisenbahnlinie
ueberall ramponiert.

Die ganze Nacht schrie es die Zuege entlang. Neue Wagen wurden
eingeschoben. Unaufhoerlich wurde rangiert.--

Am andern Mittag raunte es von Ohr zu Ohr: "Es geht wieder vor!" Es
ging ein Geruecht herum von einem scharfen Aufeinanderprallen zwischen
Major und Hauptmann. Kurz darauf hiess es: "Antreten zum Appell!" Vor
den gepferchten Reihen der zum abermaligen Vorruecken bestimmten
Truppen hakte ein fremder Offizier auf und ab und hielt eine
schwunghafte Rede. "Das deutsche Wesen darf nicht untergehen! Hurra!
Hurra! Hurra!" schloss er und alles bruellte mit. Wie ein einziger
Tierlaut klang's.

"Fuers Vaterland!" murrte einer zynisch beim Auseinandergehen.

"Fuer den Pour le merite!" brummte ein baertiger Kerl und sah
herausfordernd auf die lethargischen Gesichter der Kameraden.

"Kotze!--Sich den Schwanz verbrennen ist die einzige Rettung!"
murmelte der Mannschaftskoch stoisch.

"Nulpe! Wo denn?--Wenn weit und breit kein Puff ist!?" warf ihm der
Vagabund Tuempel hin und spuckte in grossem Bogen durchs offene Fenster.

Tief am Nachmittag aechzten die Bauzuege abermals finster in die
schneeige, verlassene Gegend hinaus.

Am zweiten Tag, als Nirgend von den Kompagnien zum Stab zurueckritt,
knallten Schuesse hinter ihm her. Einer davon streifte leicht seinen
rechten Arm.

"Hu-u-und!" surrte es langgedehnt durch die kalten Nebelschwaden und
lief ihm nach wie ein unterirdisches Grollen.

Gegen Morgen tauchten auf einmal die gelben Lichter der Bauzuglokomotiven
auf und kamen zischend naeher. Die vierzehnte Kompagnie war his auf zirka
hundert Mann aufgerieben, und die fuenfzehnte hatte gleichfalls zahlreiche
Verwundete und Tote. Die Russen hatten in der allgemeinen Panik des
Zurueckflutens die Fluchtergriffen und irrten rudelweise in den
Schneefeldern herum.--

Nirgend trat dumpf ins Leutnantszimmer des Stabsbureaus, straffte
seine Glieder und sagte: "Zur Stelle!"

Der schmaechtige, elegante Offizier drehte sich wippend, etwas nervoes
herum, mass den Hereingetretenen von oben his unten und fragte: "Na,--und?"

"Man hat mich angeschossen," sagte Nirgend unvermittelt.

"Ja--und?"

"Es waren welche von uns, Herr Leutnant."

Die gepflegten, spitzen Augenbrauen des Offiziers griffen zuckend in
die ploetzlich streng gefaltete Stirn.

"Quatsch!--Woraus schliessen Sie denn das;" rief er wegwerfend.

"Weil jeder wuetend ist," sagte der Meldereiter einfach.

"Halten Sie Ihr Maul, Sie Luemmel!--Was bilden Sie sich eigentlich
ein!" belferte der Leutnant drohend und schnellte auf.

"Ich rede nicht um meinethalben," erzaehlte Nirgend ruhig und schaute
dem Schimpfenden entschlossen ins Gesicht, "aber um den Pour le merite
geht keiner mehr vor. Ich reite nicht mehr!"

"Wasss!!" zischte es durch die warme Zimmerluft.

Matratzenfeder. Die Tuer des anderen Zimmers wurde ruckhaft aufgerissen.

"Wasss!--Was ist da!?" schnarrte der Major und machte einen Schritt
auf Nirgend zu. Schon riss sich der Leutnant schlank und stramm herum,
wollte melden. Aber der Soldat kam ihm zuvor, sagte, zum Major
gewendet, mit der gleichen, einfachen Ruhe: "Ich reite nicht mehr,
Herr Major! Um einen Pour le merite geht keiner mehr vor, sagen alle!"

Einen Moment fielen die beiden Offiziere fast auseinander. Dann
schrien sie, bellten drohend: "Hinaus! Hi-naus! Sie Schweinehund!"

Ganz korrekt drehte sich Nirgend um und ging aus dem Zimmer. In der
angrenzenden Schreibstube wurde fieberhaft gearbeitet. Jeder sass
geduckt da und kaum einer wagte aufzuschauen. Nur einige aengstliche
Blicke trafen den Hindurchschreitenden. Der Stab nistete in einem
einstoeckigen Gelehrtenhaus. In den unteren Raeumen waren die Bureaus,
oberhalb die Schlafzimmer der Offiziere und auf dem Dachboden hausten
die Mannschaften. Dort angelangt, legte Nirgend sich so wie er war
aufs Stroh und zuendete sich eine Zigarette an.

Es war merkwuerdig, heute kam keiner zu Bett. Duester glomm der spaerlich
helle Kreis der brennenden Zigarette im Dunkel. Wie in einer
verlassenen Totengruft lag man hier. Langsam fielen die Minuten von
der Decke herab.

Eine lange Zeit verging.

Dann knarrten Schritte die Treppe herauf, kamen naeher. Es mussten
mehrere Leute sein. Peter Nirgend ruehrte sich nicht.

Die Tuer wurde geoeffnet. Im Lichtkreis einer Taschenlaterne tauchte
undeutlich die Gestalt des Leutnants auf. Dahinter mussten noch einige
Leute stehen. Zwei Seitengewehre funkelten zur Hoehe.

Nirgend erhob sich ohne Hast. Irgendeine dunkle, breite Gestalt tappte
herein, tastete herum und entzuendete die Lampe. Jetzt traten der
Leutnant und die zwei Soldaten mit den aufgepflanzten Seitengewehren
an den Tisch, wo der Unteroffizier, der Licht gemacht hatte, stand.
Der Leutnant verlas etwas von sofortiger Inhaftierung und Ueberweisung
an ein Kriegsgericht, faltete den Bogen wieder, sah Nirgend fluechtig
an und sagte zum Unteroffizier: "Wenn er in fuenf Minuten nicht folgt,
wenden Sie Gewalt an!"

"Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der strammgestandene Korporal.

"Naja!" sagte der Leutnant und ging.

Einige Augenblicke standen sich die Soldaten schweigend gegenueber.

"Kamerad!--Mensch?" brachte der Unteroffizier endlich heraus, stockte
aber ploetzlich und sagte dumpfer: "Packen Sie Ihre Sachen zusammen und
kommen Sie."

"Seid ihr Vierzehner?" fragte Nirgend unbeweglich. Keine Antwort.
Keine Bewegung der anderen. Starr standen die drei.

"Gestern nacht habt ihr auf mich geschossen--einer von eurer Kompagnie
war's!--Weil ich den Befehl zu euch brachte zum Vorruecken.--Einen
Denkzettel habt ihr dem Major geben wollen--jetzt macht ihr drei
wieder die Handlanger der Ordensjaeger!" stiess Nirgend heraus.

Keine Bewegung. Schweigen. Starr standen die drei. Wie glatte, finstere
Glassturze. Alles rutschte an ihnen herab.

Man stand selber unter einem solchen Glassturz. Gespannt his aufs
aeusserste musste man an sich halten. Eine einzige Bewegung--und alles
konnte zusammenfallen, klirrte herab. Und--?

Und man stand ohnmaechtig, ausgeliefert und vereinsamt zwischen den
anderen. Die nackten Arme halfen nichts. Nicht einmal zu einer
Umschlingung, denn man rutschte ab. Fiel hin und war ein Haeuflein
nichts.

Und was war geschehen?

Nichts!

Die nackten Arme halfen nichts! Gar nichts!

Nur die Kartaetschen der Feinde, Hekatomben auseinandergerissener Leiber.
Das Unertraegliche. Die Sinnlosigkeit fuehrte zum Sinn zurueck.

"Wollen Sie den Befehl befolgen?!" rief der Unteroffizier jetzt.

"Ja!" schrie Nirgend fast ueberlaut: "Ja--am liebsten wuerde ich wieder
hinausreiten zu euch. Immer vor! Immer vor muesstet ihr--fuer den Pour le
merite!"

"Los--los!" plapperte der Unteroffizier veraergert, "reden Sie nicht!
Los!"

"Ja!" bellte Nirgend abermals, "das ist das deutsche Wesen!"

"Marsch!" bruellte der Unteroffizier: "Vorwaerts jetzt!" Und zog ihn in
die Mitte.

Man ging.--


II.

Der Schnee lag tief. Langsam ging es vorwaerts.

"Was macht man eigentlich mit mir?" fragte Peter Nirgend auf einmal
steif stehenbleibend. Es antwortete niemand.

"Los--los!" brummte der Unteroffizier vorne wie fuer sich. Die Soldaten
schoben den Gefangenen weiter.

"Er hat euch geschunden his aufs Blut.--Ihr habt es selbst gesagt, dass
ihr nicht mehr mitmachen wollt," sagte Peter beharrlich und stemmte
sich gegen die schiebenden Haende.

"Los--los! Wir moechten auch zur Ruh kommen!" stiess der Unteroffizier
abermals murmelnd heraus und machte eine halbe Wendung.

Einer der Soldaten setzte dem Haeftling das Knie in den Ruecken.

"Gibt doch bloss Arrest, Mensch!" sagte der Unteroffizier beilaeufig.

Peter Nirgend liess nach. Man watete wieder weiter.

Die lange, geschwertete Linie eines spaerlichen Lichtes stach durchs
Dunkel. Das war das Gemeindehaus, wo der Arrest abgesessen wurde.
Landstuermler versahen dort den Dienst.

"Ihr kriecht, bis man euch die Kugel in den Leib jagt!" knirschte
Peter.

Schweigen.

Der Unteroffizier schlug mit der Faust an die Gemeindehaustuer. Mit
hochgehobener Petroleumlampe erschien der verschlafene Sergeant in
ihrem Rahmen. Der Trupp trat in die wohligwarme Wachstube. Zwei
Landstuermler hoben schlaefrig ihre Oberkoerper auf den Pritschen, rieben
sich die Augen. Einer davon stieg herab und nahm den Schluesselbund,
winkte Peter.

"Kommt vors Kriegsgericht! Befehlsverweigerung!" sagte der Unteroffizier
zum Sergeant, der den Einlieferungsschein unterschrieb. Eine leise
Verachtung schwang mit den Worten mit. Der Landstuermler fuehrte den
Haeftling in die letzte Zelle. "Kamerad, leg dich gleich hin und wickle
dich fest ein. Es ist kalt," sagte er und trat aus der Zelle, schloss ab.

Peter Nirgend blieb lauschend stehen.

Jetzt hoerte man die Leute vorne im Korridor. Er ging an die Tuer, schlug
fest mit den Faeusten an dieselbe, schrie: "Ich muss dem Herrn Unteroffizier
noch was ausrichten!"

Und sein ganzer Koerper zitterte.

Der Trupp kam den Korridor entlang, oeffnete.

"Was ist's denn?" fragte der Unteroffizier aergerlich und trat ein. Die
anderen blieben draussen.

"Werde ich erschossen?" fragte Peter unvermittelt.

"Quatsch! Festung wird's geben!" raesonierte der Unteroffizier: "Was
wollen Sie denn?"

"Da--da ist eine Blutlache!" rief Peter hastig und deutete auf die
Bodenflaeche hinter der Pritsche. Der Unteroffizier trat einen Schritt
naeher heran und beugte sich vornueber, hinter die Pritschenecke. Jetzt
war der Lichtkreis der Taschenlaterne nur noch ganz klein in der
Nische. Peter machte einen ruckhaften Satz, stemmte blitzschnell sein
Knie auf den Ruecken des Korporals und schnitt mit aller Gewalt in
dessen Hals, tiefer--tiefer. Das warme Blut rann ueher seine Finger.
Der Koerper des Ermordeten gab nach, hing schraeg ueher die Pritsche.

Die anderen stuerzten herein und warfen sich auf Peter, schlugen auf
ihn ein, his er liegenblieb.

Ihn ueberleuchtend, sagte ein Soldat zum Gefesselten: "Hund! Morgen
stehst du an der Wand!"

Peter Nirgend schloss die Augen.

Nach einer ziemlichen Weile wurde die Tuer wieder aufgeriegelt. Wieder
erschien der hochgehobene Arm des Sergeanten mit der Petroleumlampe,
nur diesmal sehr zitternd. Offiziere traten ein. Einer beugte sich
ueber den Toten am Boden. Dann trugen zwei Soldaten die Leiche hinaus.

"Was haben Sie denn da gemacht!?" fragte der Major Peter.

Der schwieg. Kopfschuetteln. Ein Soldat trat ein, stand stramm, erzaehlte
den Hergang.

"Sowas heisst sich deutscher Soldat!" schnarrte der Leutnant beflissen.

Inzwischen trug man ein Tischchen herein. Die Lampe wurde daraufgestellt
und der Gerichtsoffizier nahm das Protokoll auf. Nach der Vernehmung des
gaenzlich gebeugten, zusammengefallenen Sergeanten und des anderen Soldaten,
trat der Leutnant abermals an Peter heran, stiess ihn: "Und Sie?"

"Was haben Sie anzugeben?" rief der Gerichtsoffizier gleichfalls ueber
den Tisch.

Keine Antwort kam.

"Kerl!"

Schweigen.

Das Protokoll wurde verlesen.

"Geben Sie das zu?" fragte der Gerichtsoffizier den Angeklagten.

Dieser nickte stumm.

Kopfschuettelnd verliessen die Offiziere den Raum. Zwei Soldaten der
Baukompagnie 14 mit bajonettbepflanzten Gewehren blieben zurueck. Der
Tisch mit der Petroleumlampe gleichfalls.--

"Schuft!" knurrte einer der Waechter und versetzte Peter einen Stoss in
den Leib. "Du sollst unsere Ueberstunden schmecken, Hund!" fluchte der
andere und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Muede geworden, setzten sich die zwei Wachhabenden auf das trockene
Flecklein des Bodens und zuendeten sich Zigaretten an.

"Kamerad! Einen Zug! Einen Zug!" wimmerte mit einem Male Peter
flehend.

"Ah?" rief der Raucher haemisch, ging an den Gefesselten heran und
hielt ihm die rauchende Zigarette unter die Nase: "Riecht gut, Herr
Halsabschneider, hm?"

"Lass ihn doch! Er ist nicht wert, dass man ihn anschaut!" brummte der
andere Soldat. Aber der Angesprochene liess sich nicht abhalten.

Da reckte sich Peter stemmend, schrie: "Hasenfuesse!"

"Halt die Fresse, Hund!" fielen die beiden ihn an und warfen ihn
zurueck, dass die Pritsche knarrte. "Hasenfuesse!" plaerrte Peter wilder.

Die beiden hielten die Gewehrlaeufe drohend auf ihn gerichtet: "Noch
ein Wort und wir knallen dich nieder!"

"Hasenfuesse!" schrie Peter noch greller. Die Waechter schlugen sinnlos
auf ihn ein.

"Hasenfuesse!" bellte der Gefesselte aus Leibeskraeften: "Hasenfuesse!
Hasenfuesse!"

Da schossen sie. Das Gehirn peitschte an die Wand.

Als der Sergeant und die Landstuermer schlotternd angestuermt kamen,
standen sie wie geistesabwesend stramm. Erst als kurz darauf der
Leutnant eintrat, meldeten sie zugleich: "Melden Herrn Leutnant, dass
wir ihn erschossen haben, weil er uns Hasenfuesse genannt hat."

Der Leutnant warf einen fluechtigen Blick auf die Leiche, drehte sich
herum und sagte befehlsmaessig: "Gut! Abtreten!"--

Tags darauf diktierte er dem Kanzleiunteroffizier folgende Meldung an
das Oberkommando der oestlichen Streitkraefte in die Maschine:

"Meldereiter Peter Nirgend, zugeteilt dem Stab der Eisenbahntruppen,
wurde wegen Befehlsverweigerung inhaftiert. Weiterleitung des Verfahrens
war dem Kriegsgericht der Etappenkommandantuer uebergeben. Nirgend
ermordete kurz nach seiner Einlieferung in die Arrestanstaltin seiner
Zelle den Unteroffizier der Eisenbahnbaukompagnie 14 Joseph Thiele durch
Durchschneidung des Halses. Sofortige Protokollaufnahme durch den
Gerichtsoffizier ergab Mord. Exekution wurde auf andern Tag 9 Uhr
festgelegt. Infolge fortgesetzter Widersetzlichkeiten gegen die
Wachhabenden und Verhoehnung des Feldheeres, mussten die Pioniere
Traugott Schloch und Otto Flemming von der Eisenbahnbaukompagnie 14
von der Waffe Gebrauch machen, was den Tod des Nirgend zur Folge
hatte."--

Wegen Nachlaessigkeit im Dienst wurde der Arrestsergeant strafversetzt.--

Einige Wochen spaeter stand in einem Tagesbericht des Oberkommandos:
"Wegen pflichtmaessiger Ausfuehrung eines Befehls wurden ausgezeichnet
mit dem Militaerverdienstkreuz zweiter Klasse laut Beschluss des O.K.d.
O.A.: der Pionier Traugott Schloch bei der Eisenbahnbaukompagnie 14,
der Pionier Otto Flemming bei der Eisenbahnbaukompagnie 14."




MICHAEL JUERGERT


I.

"Alle Dinge sind eitel." Immer kehrt dieses Wort wieder, wenn der Name
Michael Juergert in meiner Erinnerung auftaucht. Viele Male habe ich
nachdenkend dieses Leben umschritten wie einen verfallenen, traurigen,
raetselhaften Garten. Unruhig suchte ich nach dem Sinn dieses Ablaufs,
trachtete danach, all die widerstrebenden Geschehnisse folgerichtig
aneinanderzureihen, um moeglicherweise ein erklaerendes Bild zu finden,
einen Abschluss, eine befriedigende Loesung.

Es gelang nicht.

Hoffend, dass mir vielleicht eine Stunde doch noch die Erleuchtung
bringt, habe ich--so gut es ging--vorerst nur das nackte Tatsaechliche
aus diesem Leben aufgeschrieben, alles so, wie es sich zugetragen hat.
Und hier ist es:

Michael Juergert kannte seinen Vater nicht. Als er sieben Jahre alt
war, erfuhr er von seiner Mutter so etwas wie ein Gestorbensein durch
einen merkwuerdigen Unfall. Und einmal beim Maitanz warf ein Knecht in
sein Ohr, dass sein Vater "im Suff ertrunken sei". Darum, so hiess es,
saesse ja seine Mutter schon all die Jahre im Gemeindehaus und wisse
nicht, von was sie leben sollte.

Der Bruder von Michaels Vater, der wegen einer Weibergeschichte "ins
Amerika durch sei", huete sich wohlweislich, etwas von sich hoeren zu
lassen, raunten sich die Doerfler zu, wenn die Rede von den Juergerts
ging.--

Nach seiner Schulentlassung kam der etwas schwaechliche Knabe als
Knecht in den Reinaltherhof. Es waren vier Knechte und zwei Maegde da.
Fuenf Jahre staehlten den wachsenden Koerper, ergossen versteckten und
offenen Spott auf Michael.

Auf Maria Lichtmess, als er zwanzig Jahre zaehlte, wechselte er seinen
Dienstplatz und trat beim Peter Soellinger ein, dessen Gehoeft auf der
runden Anhoehe vor dem Dorfe lag.

Rechts vom Soellingerhof, nah am Waldrand, hockte die baufaellige Huette
des Guetlers Johann Pfremdinger, den man im ganzen Umkreis den "Letzten
Mensch" hiess, weil er die bigotte alte Pfanningerin zur Haushaelterin
hatte und im allgemeinen sehr schlecht auf die Weiber zu sprechen war.
Wenn man ihn aergern wollte, brauchte man bloss eine junge Dorfmagd oder
Bauerstochter des Sonntags an seinem Haus vorbeigehen zu lassen.--

Rundherum lagen die Felder Soellingers, weit verstreut die zwei Tagwerk
Pfremdingers und oft, wenn der alte Haeusler zur Erntezeit schwerfaellig
und muehsam auf den Fusswegen durch die Wiesen des Bauern ging, um auf
seine Grundstuecke zu gelangen, sagte der letztere muerrisch zu ihm:
"Bist saudumm!--Wennst tauschen taetst mit mein' Rainacker, haettst
alles ums Haus ... Aber mit dir kann man ja nicht reden!"

"Auf'm Rainacker wachst das nicht wie bei mir," gab ihm der "Letzte
Mensch" stets mit der gleichen Beharrlichkeit zurueck und trottete
weiter.--

Die Jahre gingen, schwiegen. Der Peter Soellinger wurde unterdessen zum
Buergermeister gewaehlt und kam eines Tages in den Stall zu Michael,
sagte: "Das geht jetzt nimmer, dass die Gemeinde deine Mutter aushaelt.
Bist ein Mordstrumm Mannsbild worden und kannst selber fuer sie
aufkommen. Der 'Letzt' Mensch' wird sterben. Die Pfanningerin muessen
wir ins Gemeindehaus tun."

Michael nickte stumm.

"Da draussen kann's nicht bleiben, die Pfanningerin," fuhr der Bauer
fort, indem er eine veraechtliche Geste in die Gegend des
Pfremdingerhauses machte, "die alte Kalupp' passt grad noch fuer ein'
Heustadel."

Und wieder nickte Michael stumm.

"Herrgott, bist du ein Stock!" stiess der Bauer heraus und ging
kopfschuettelnd und brummend aus dem Stall. Die Knechte lachten.--

Michael ging nach Feierabend zu seiner Mutter ins Gemeindehaus und
brachte ihr die Nachricht. Die alte Frau sah ihm nur in die Augen.
Dann sagte sie: "Ja ja, ist ja auch wahr, die alte Pfanningerin ist ja
auch aelter als ich."--

Spaet, nachdem seine Mutter laengst schlief, zaehlte Michael sein
erspartes Geld. Zaehlte, zaehlte. Dachte, dachte. Rechnete, rechnete.

Am andern Tag, waehrend der Arbeit, hielt er manchmal inne und schaute
starr ins Leere. Des oefteren sah man ihn jetzt am Abend in die
Pfremdinger-Huette gehen. "Was er nur immer beim 'Letzten Mensch'
anfaengt, das Hornvieh!? Moecht wohl gar Haeusler werden?" spoettelten die
Knechte, und Soellinger schaute dem fast furchtsam Davonschleichenden
mit finsterem Blick nach.--

Die Sterbeglocken klangen duenn durch die Luft. Mit dem alten
Pfremdinger ging es zu Ende. Die Pfanningerin, der Pfarrer--und
Michael Juergert standen in der niederen Kammer um das Bett. Dann kam
noch die Juergertin.

Ganz zuletzt erst waelzte sich der Haeusler nochmal herum. Schon drehten
sich seine Augen.

"Er soll's haben, Hochwuerden! Aber die Haelft' gehoert der Kirch'!"
hauchte er schon roechelnd mit letzter Kraft heraus.

"In Ewigkeit, Amen," murmelte sich bekreuzigend die alte Pfanningerin.
und der Pfarrer sah Michael an, nickte ihm zu.

"Hab's denkt, dass er's kriegt, wenn er fleissig in die Kirch' rennt und
um den Pfarrer herumscharwenzelt recht bigott! Sowas tragt immer was
ein!" war ungefaehr die uebliche Bauern-Nachrede, als es verlautbarte,
dass Michael das Pfremdinger-Anwesen vom "Herrn Hochwuerden zudiktiert"
bekommen habe.

Acht Tage nach dem Begraebnis fuhr Michael auf einem Schubkarren die
spaerliche Habschaft seiner Mutter ins Pfremdingerhaus und am
darauffolgenden Tag die Sachen der alten Pfanningerin ins Gemeindehaus.
Hinter manchem Fenster stand ein spoettischspitzes Gesicht und sagte
ungefaehr: "Der hat's leicht. Kann sein Zeug auf dem Schubkarren fahren."

Gut ein Vierteljahr war Stille.

Wenn die Maeher beim Morgendaemmern auf die Felder gingen, sang immer
schon die Sense Michaels unter dem flinken Schleifstein.--

Dann kam das Unglueck.

Die einzige Kuh, die im Juergertstall stand, ging ein. Notschlachtung
musste vorgenommen werden.

Die Bauern kamen, musterten das Fleisch misstrauisch, kauften,
schimpften: "Ob er vielleicht nicht wisse, dass die Suppenbeine als
Zuwag' dreingingen?" Und einige wieder sagten in beinahe mitleidigem
Tonfall: "Ja, mein Gott, Bauer sein ist nicht so einfach! ... Sonst
taet's ja jeder machen."

Drei Wochen nachher begrub man die alte Juergertin.

"Waerst' Knecht geblieben, waer gescheiter gewesen," sagte Soellinger zu
seinem ehemaligen Knecht, "wenn's einmal angeht, hoert's nicht mehr
auf."--

Michael stuerzte sich in die Arbeit. Der Pfarrer kam ein paarmal ins
Haus, sah nach.

"Eine Kuh halt, eine Kuh, Herr Hochwuerden!" murmelte Michael hin und
wieder dumpf.

"Der Herr hat's gegeben--der Herr hat's wieder genommen," antwortete
der Geistliche nur.--

Und Michael verkaufte Heu und die zwei letzten Saecke Korn. Droben auf
dem schmalen Streifen, ueber den Soellingerfeldern, hatte er dieses im
letzten Jahr noch gebaut. Vom Reinalther lieh er sich damals den
Fuchsen und den Pflug, ackerte. Und seine Mutter humpelte hinterdrein
und saete.--

Es war Ferkelmarkt in Greinau. Die ganzen Bauern aus der Umgegend
standen gruppenweise auf dem Platz vor der Gastwirtschaft "Zur Post",
handelten hartnaeckig herum mit den Haendlern und kauften endlich. Die
eingepferchten Jungschweine machten einen Heidenlaerm, die Pferde
scharrten ungeduldig und wurden unsanft zurueckgerissen. Die Wirtsstube
war vollbesetzt. Aus und ein ging man, redete, schmauste, und knarrend
und knirschend, in scharfem Trab, rollten die Waegelchen davon.

Schuechtern kam tief am Nachmittag Michael an. Die Bauern stiessen
einander, zwinkerten, tuschelten spoettisch.

"Jesus! Jesus! Jetzt wird's besser, der Michl kauft Ferkel!" lachte
der pralle Postwirt aus einer Gruppe und alle richtetengeringschaetzige
Blicke auf den Haeusler. Schweigsam und scheu umschritt der die
Ferkelsteigen. Es wurde schon leerer auf dem Platz.

"Pass fein auf, dass sie dir nicht im Sack ersticken, Michl!" warf der
Soellinger ruelpsend auf den Wagen steigend Michel zu, als er sah, dass
dieser zwei lautgrunzende Jungschweine in seinen Sack zog. Sein
haemisches Lachen schnitt die Luft auseinander.--

Daemmer stieg schon von den Feldern auf. Nacht sickerte gelassen vom
Himmel. Michael schritt beschwerlich aus. Die Schweine rumorten
immerzu im Sack auf seinem Ruecken. Er musste fest zuhalten, dass ein
lahmer Krampf langsam in seine Arme rieselte. Aber die bogen sich wie
aus Eisen von der Brust ueber die Schulter.--

Die Schritte hallten vereinsamt.

Stille.--

Jetzt waren auch die Schweine still geworden, ganz still. Auf einmal
merkte es Michael. Ein Schreck durchfuhr ihn. Jaehe Mattigkeit fiel
bleischwer in seine Kniegelenke. Er ruettelte den Sack vorsichtig, fast
wie einer, der zwischen Hoffnung und Angst vor der Gewissheit schwankt
und nicht mehr aus noch ein weiss.

Nichts.

Er ruettelte staerker.

Nichts.--

Inzwischen war er an der schmalen Bruecke, nah vor dem Huegel angelangt,
auf dem das Soellingergehoeft mit gelben Augen sass.

Der Bach murmelte gleichmaessig versunken.

Schweisstriefend zerrte Michael den Sack auf die Bruecke, wollte--in
unseliger Verzweiflung blitzhaft an den Spott Soellingers denkend
--nachsehen. Da--da--wupp!--fiel der Sack in die Tiefe. Es platschte.
Breite Ringe warf das Wasser und jetzt plaerrten ploetzlich die Schweine
heulend auf. Es gurgelte etliche Male und war jaeh grauenhaft still.

Mit einem furchtbaren Aufschrei sprang Michael ins Wasser, tappte wie
ein schwimmender Hund ungelenk auf der Oberflaeche herum, weinte,
hustete, tauchte, schrie, bruellte.--

Am aendern Tage fischten die zwei Knechte des Buergermeisters den leeren
zerrissenen Sack mit den Heugabeln aus dem Wasser und spiessten ihn auf
einen Zaunpfahl vor Michaels Haeuschen. Dann klopften sie. Aber niemand
gab an.--

Das ganze Dorf lachte knisternd.

Als man drei Tage niemanden aus--und eingehen sah beim Juergert, schickte
Soellinger den Nachtwaechter und Gemeindediener Peter Gsott hinaus. Der
klopfte wieder und wieder, drohte mit wuetenden Fluechen, als niemand
angab und holte dann den Schmied zum Tueroeffnen.

Die beiden fanden Michael in der Schlafkammer ganz starr auf dem
Bettrand sitzend und wie irr ins Leere glotzend. Einen Augenblick
zwang ihnen dieser Zustand Schweigen ab. Endlich sagte der Schmied:
"Was hast' denn, dass' dich einsperrst, Michl?"

Aber der Angesprochene machte nur mit der Hand eine lahme, wegwerfende
Geste. "Deinen leeren Sack haben die Soellingerknecht' gefunden! Die
Ferkel selber sind ersoffen," sagte dann der Gemeindediener. Als beide
sahen, dass Michael beharrlich mit der gleichen Apathie antwortete,
gingen sie und meldeten dem Buergermeister, dass der "spinnerte Kerl"
schon noch lebe. Er sei, meinten sie, nur ein wenig irr noch.--

Im Dorf ging daraufhin die Rede: "Der Michl hat's Spinnen angefangen
wegen der ersoffenen Ferkel."

Michael sah man nur ganz selten seit diesem Vorfall. Hoechstenfalls bog
er einmal scheu ums Hauseck und eilte dem Wald zu.--

Um diese Zeit kam zum Buergermeister Soellinger eine seltsame Nachricht
aus Amerika, betreffend die Familie Juergert und deren Nachkommen. Der
Bauer, der sich, wie er sich ausdrueckte, "darin nicht rechtauskannte",
schickte zum Pfarrer und dieser entzifferte endlich, dass die Familie
Juergert (Ueberlebende oder Nachkommen) infolge des Todes eines Bruders
des verstorbenen Vaters Michaels zur Generalerbin einer ausserordentlich
hohen Hinterlassenschaft in barem Geld eingesetzt sei und den Betrag
von einer Bank in Hamburg einverlangen koennte, sobald der Nachweis der
Erbberechtigung erbracht sei.--

Als der Pfarrer, der selber ein wenig zitterte, dies dem Soellinger
auseinandersetzte, erbleichte dieser sichtlichund sank wie vom Schlag
getroffen in einen Stuhl.

"Ruhig beibringen, ist das beste. Ich geh' selber zu ihm hinaus,"
sagte der Geistliche nach einigem Schweigen, nahm seinen Hut, steckte
das Papier zu sich und begab sich zu Michael.

Ins Haus getreten, bemerkte er diesen doesig neben dem Herd hockend,
und als der geistliche Herr in sanftem, vorsichtigem Tonfall seinen
Namen rief, sprang er ploetzlich auf, schluepfte, so schnell es nur
ging, furchtgepackt in das russige Holzloch unter dem Ofen und gab
keinen Laut von sich. Eine gute Weile stand der Geistliche ratlos da.
Endlich fand er wieder zum Entschluss zurueck.

"Geh heraus, Michl," sagte er sanft, "wir wollen wieder eine Kuh kaufen
und Ferkel."

Michael raekelte sich erst und schluepfte dann vollends aus dem Loch.
Seine Blicke waren mit einer schmerzvollen Bitthaftigkeit auf den
Pfarrer gerichtet.

"Und dein Haeusl, Michl, das werden wir auch wieder richten lassen. Es
ist arg baufaellig," ermunterte dieser den Zoegernden. Und als Michael
endlich aufrecht stand, nahm ihn der Gottesmann mild am Arm und zog
ihn sacht hinaus ins Freie.

Frische Fruehe lag ueher den Feldern. Die Wiesen dufteten schwer. Die
Sonne stieg langsam in die Mittagshoehe.--

Wie zwei Kranke schritten die beiden dahin. Der Soellinger wagte nicht
herauszutreten, als sie vorbeikamen. Er lugte nur schweigend durchs
Fenster.

Im Pfarrhaus angekommen, sagte der Geistliche zu Michael: "Du musst
jetzt eine Zeitlang bei mir bleiben. Die Marie wird dir ein Zimmer
einrichten, bis dein Haeusl fertig ist. Bis dahin ist auch wieder
Viehmarkt in Greinau."

Und als verstuende er von alledem nichts, als hoere er nur eine
erleichternde Melodie aus den Worten, stand Michael da und schwieg.
Allmaehlich glaettete sich sein bangvolles Gesicht und eine aufatmende
Ruhe glaenzte in seinen Augen.

Drei stille Wochen glitten him. Jeden Tag sassen die zwei zusammen in
der Pfarrstube oder gingen wohl manchmal im Garten umher. Langsam
wurde Michael ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit konnte man ein boeses
Aufblitzen auf seinem knoechernen, schweigend gefalteten Gesicht
wahrnehmen. Die vaeterliche Arglosigkeit seines Pflegers aber machte
ihn nach und nach etwas zutraulicher und offener. Manchmal des Abends,
wenn der Geistliche aus einem Betbuch laut einige Stellen vorlas, hob
der Haeusler den Kopf und lauschte sichtlich aufmerksamer. Ein
friedlicher Hauch hob Stueck fuer Stueck von dem Feindseligen ab, das
hinter den Falten bruetete, und lebendiger kreisten seine Augen.

Endlich nach einem Monat eroeffnete der Pfarrer seinem Pflegling die
Nachricht aus Amerika.

Michael hoerte stumm zu. Er schien anfaenglich nicht zu begreifen. Dies
erkennend, legte der Geistliche das Papier auf den Tisch.

"Du bist jetzt ein reicher, sehr reicher Mann geworden, Michl," sagte
er, "du kannst dir hundert Kuehe kaufen, ein Haus und soviel Ferkel,
als du willst. Es ist von jetzt ab keiner mehr im ganzen Umkreis, der
nur ein Drittel soviel Geld hat wie du. Begreifst du? Gott hat dir
geholfen. Es geht alles seinen gerechten Gang, wenn er es will."

Michael schien die letzten Worte nicht mehr zu hoeren. Seine Augen
waren auf einmal weit geworden. Eine Gier flackerte in ihnen und der
ganze Ausdruck seines Gesichts war ploetzlich voellig veraendert.

"Ich--ich kann also auch das Soellingerhaus und das vom Reinalther
kaufen?" fragte er hastig und gedaempft.

"Das kannst du, wenn sie wollen," nickte der Geistliche, "du kannst
zehn solche Haeuser kaufen, wenn du willst."

"Zehn....!?" stiess Michael lauernd heraus und bohrte seine Blicke in
die Augen des Pfarrers.

"Es ist sehr viel Geld," gab der zurueck.

"Und," fuhr Michael noch leiser, fiebernd vor Unruhe, scheu, als
lausche an den Waenden irgendein ungebetener Gast, fort: "Und ich
krieg' das ganze Geld in die Hand. Ich brauch' nur schreiben lassen?"

"Ja, wenn Du willst."

"Ja ...!! Ja, gleich! Gleich! Ich will!" schrie Michael verhalten.

"Gut," sagte der Pfarrer und ging an den Tisch, "ich schreibe."

"Und ... und die Haeuser vom Soellinger und--und vom Reinalther?" fragte
Michael beharrlich.

"Die ...? Ich kann mit ihnen reden," antwortete der Geistliche, waehrend
er schrieb. Dann liess er Michael unterzeichnen.--


II.

Im Dorf ging ein Schweigen um. Langsam verbreitete sich die Kunde von
Michaels Erbschaft. Betroffenen Gesichts raunten sich die Bauern die
Neuigkeit zu.--

Der Baumeister von Greinau, Michael Lindinger mit Namen, wurde ins
Pfarrhaus geladen. Michael laechelte schraeg, als der Mann eintrat und
beauftragte ihn, einen Plan fuer ein neues Haus zu bringen. Trotz der
Einwendungen des Pfarrers wurde der Umbau des alten Anwesens abgelehnt.

Michaels Rede war jetzt sicher geworden, fast bestimmt.

"Ein neues Haus muss her!" sagte er beharrlich.

Und der andere Michael erwiderte pfiffig: "Ja--schon lieber was Neues
als Flickwerk. Das taugt ein paar Jahr', dann geht's wieder von vorn'
an."

Diese Beipflichtung entwaffnete den Geistlichen. Der Plan wurde
gefertigt. Der Auftrag gegeben. Die ehemalige Pfremdinger-Huette
krachte zusammen mit allem, was sie barg. So hatte es Michael
gewuenscht, steif und fest. Alles Dawider des Pfarrers nuetzte nichts.

Krachte zusammen.

Und die Doerfler standen herum, schwiegen, staunten, starrten. Vom
Pfarrhausfenster aus ueberschaute Michael den Vorgang.

Auf einmal begann der Hausrist zu wanken, broeckelte, krachte. Die
Herumstehenden rannten auseinander und zuletzt war minutenlang eine
ungeheure Staubwolke. Dann, als es wieder lichter geworden war, lag
ein riesiger Truemmerhaufen da.

Deutlich sah Michael, wie einige die Koepfe schuettelten. Eine Weite
dehnte seine Brust.

"Das ist nicht recht," rief der Pfarrer hinter ihm. Michael hatte ihn
nicht eintreten hoeren und riss sich erschrocken herum. Reglos und stumm
standen sich die beiden gegenueber.--

Seitdem begegnete Michael seinem Pfleger mit verstocktem Schweigen.
Mied ihn.--

Der Bau wurde begonnen. Jeden Abend kam Lindinger ins Pfarrhaus und
berichtete ueber den Stand, machte Vorschlaege, legte Rechnungen vor.

Sein fast beteuerndes, sich immer wiederholendes: "S'ist wahnwitzig
teuer, die Sach', wahnwitzig teuer," liess Michel laecheln.

"Macht nichts, macht gar nichts," erwiderte er stets.

"Ja--es ist gut, dass' wieder Arbeit gibt," meinte dann der
Maurermeister meistens und ging. Kaum war er draussen, schrumpfte
Michaels Gestalt im Lehnstuhl zusammen. Das Kinn schob sich vor. Nur
die Pupillen kreisten im Raum.--

An einem der Abende, als eben der Maurermeister das Zimmer Michaels
verlassen hatte, trat der Pfarrer ein. Michael erhob sich und wandte
ihm den Ruecken zu.--

"Gelobt sei Jesus Christus!" brachte der Geistliche nach einigem
Schweigen heraus.

Ohne sich umzuwenden, nickte Michael. Dann ging er ans Fenster,
deutete in die Talmulde, die der erste Mond silbern bestrich.

"Haehaehae--hae! Wird hoch der Turm, hoch!" keuchte er, reckte den Kopf
stoerrisch vor, nahe an die Scheibe: "Wenn man ganz droben ist, muessen
schon die Wolken angehen!"

Unschluessig stand der Geistliche. Schwieg.

"Zum Soellinger kann ich hinunterschaun und aufs ganze Dorf!" redete
Michael weiter, ohne ihn zu achten.

"Die zwei Kirchenfenster?" fragte endlich der Geistliche fast
schuechtern und hielt ploetzlich mitten im Wort inne, als sich Michael
nunmehr hastig umwandte.

"Zwei ...?! Sechs! Sechs Fenster ...--und neue Glocken, damit ich's
hoer' in der Frueh!" ueberfluegelte dieser ihn, "da muss die Luft zittern,
wenn die laeuten!--Schafft sie an! Morgen! Gleich! Gleich! Und drei
neue Messgewaender!--Muessen fertig sein zum Jahrtag meiner Mutter!
Bestellt's! Bestellt's auch gleich!--Gleich!"

Wie von einem wilden Strudel dahergetragen stuerzten die Worte
heraus.--

Mit sehr ernstem Gesicht verliess der Pfarrer fast traumwandlerisch das
Zimmer. Lange noch hoerte ihn die Marie im Zimmer auf- und abgehen und
laut beten.

Klare, kalte Maerztage zeigten das hereinbrechende Fruehjahr an.

Michael ging manchmal aus. Selten suchte er den Bau auf. Nie beschritt
er ihn. Immer bog er scheu ums Dorf und stapfte auf die Sandgrube zu,
aus der man den Kies fuer sein Haus holte. Es schien ihn dort etwas zu
interessieren. Er stand meistens oben am Rand und ueberschaute die
zackige Mulde.

Boehmen und Italiener arbeiteten auf Taglohn dort und sprengten hin und
wieder einen Felsen, wenn an einer Stelle der Kies ausging.--

Eben lud man wieder. Michael war ganz nah herangekommen, stand wie
witternd, mit spaehendem, vorgebeugtem Kopf da und sah aufmerksam auf
jede Bewegung des Lademeisters.

"Und das--das reisst alles ein?--Mit einem Krach?" fragte er diesen
gespannt. Der Mann nickte und murmelte ein paar unverstaendliche Worte.

Dann entzuendete er ein Streichholz und steckte die Zuendschnur an.
Alles rannte aus der Grube, wartete bis es knallte.

Als dies geschehen war und die Leute wieder in die Grube zurueckgingen,
sah man Michael im Tuerrahmen des Werkmeisterhauses stehen. Er liess
sich das Pulver zeigen, rieb es merkwuerdig lange auf seiner flachen
Hand und sagte harmlos zum Werkmeister: "Und so ein Staub hat's
drinnen, dass alles in die Luft fliegt?--Hm--hm--hm!" Ging wieder.--

Der Nachtwaechter Peter Gsott glaubte bemerkt zu haben, dass eine
maennliche Gestalt am Rand der Sandgrube auftauchte, sich schwarz vom
bleichen Mondhimmel abhob, dann aber ploetzlich, wie in den Erdboden
gesunken, verschwand.

Der Werkmeister schimpfte die Sprenger, dass sie soviel Pulver
brauchten. Es entstand ein Streit. Ein Italiener bruellte, dass die
ganze Grube hallte. Auf einmal kam man ins Handgemenge. Ein
furchtbares Raufen entstand. Der Werkmeister bekam einen Schlag auf
den Kopf und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Am aendern Tag
verhafteten die Gendarmen von Greinau zwei Boehmen und einen Italiener,
der beim Soellinger auf der Tenne logierte. Er hatte sich im
Taubenschlag verkrochen und als man ihn herunterholte, stiess er
furchtbare Drohungen auf den Buergermeister aus, die aber niemand
verstand. Anscheinend glaubte er, die Leute haetten ihn verraten.

Michael begegnete der Haftkolonne und sah sich die drei Burschen sehr
genau an. Spaeter trat er ins Buergermeisterhaus und oeffnete die
Stubentuer hastig. Der Soellinger war im Augenblick so erstaunt, dass er
foermlich aufschrak und kein Wort fand. Saeulenstarr stand er da und
heftete seinen Blick auf den naehertretenden Michael. Gemessen kam
dieser heran, ganz nahe und eine ungeheure Spannung lag in seinem
Gang.

"Gibst dein Haus nicht her?" fragte er den stummen Bauern lauernd.

"Nicht?" wiederholte er, als der verneinte und mass ihn scharf von der
Brust bis zur Stirn.

"Ich ...!?" fand endlich der Soellinger das Wort.

"Ja?"

"Solang ich leb' nicht!" schrie der Buergermeister schroff, als wolle
er sagen: "Was willst denn du auf einmal bei mir?"

"Es passt mir nicht vor meinem Turm," sagte Michael tonlos und sproede
und laechelte hoehnisch in sich hinein. Draussen, vor der Tuer, hoerte er
noch den Schlag der Soellingerfaust auf die Tischplatte.


III.

Richtig, der eine von den Boehmen lud damals den Felsen, erinnerte sich
Michael. Und der Italiener, der aus Soellingers Taubenschlag geholt
worden war, stand neben ihm, als es krachte. Dem konnte man nichts
nachweisen und musste ihn nach vier Tagen wieder aus dem
Amtsgerichtsgefaengnis entlassen. Nun strolchte er mit finsterem
Gesicht herum, und da bei den Bauern von alt her der Aberglaube
herrschte, dass solche Kerle mit ihren Verwuenschungen kraft einer
innewohnenden daemonischen Macht Schaden und Unglueck anrichten koennten,
so wagte keiner etwas gegen sein Kampieren in Heustaedeln und Tennen
einzuwenden.--

An einem Aprilnachmittag traf ihn Michael auf der Waldstrasse, ging
entschlossen auf ihn zu und sprach ihn an.

"Habt's keine Arbeit mehr kriegt?"

Offenbar verstand der Angesprochene dies, denn er nickte finster.

"Geht's zu meinem Bau. Verlangt's den Lindinger und sagt's, ich hab
Euch geschickt," sagte Michael.

Am aendern Tag schleppte der Italiener auf dem Bau Moertel.--

Das Haus wuchs. Der Turm der Vorderfront bedurfte nur noch des
Dachstuhls. Beim Soellinger wurde eingebrochen. Man nahm wieder den
Italiener fest, obwohl ihn niemand angezeigt hatte. Da man ihm aber
nichts nachweisen konnte, entliess man ihn abermals. Michael traf ihn
am Pfarrhaus, nickte schon von weitem gruessend und hatte ein Laecheln
wie ungefaehr: "Gut so!" Und wieder arbeitete der Italiener auf dem
Bau, finster gegen jedermann, verschlossen und wortkarg, nur etwas
aufgetaner zu Michael.--Die Kirche war nun jeden Sonntag drueckend
voll. Die sechs Fenster strahlten ihren vielfarbigen Prunk ueber die
Koepfe der Betenden. Einen Monat spaeter erschollen die neuen Glocken
erstmalig. Und in der Luft schwang ein Surren weithin. Wenn man jetzt
Michael sah, lag ueber seinem Gesicht etwas wie ein leuchtender,
verschwiegener Triumph.

Der April zerging in Regen, Schneegestoeber und fluechtigen Sonnentagen.
Die ersten Maitage liessen die grauweissen Waende des Neubaus sehr
schroff leuchten. Man konnte Michael manchmal mit dem Baumeister durch
die Raeume schreiten sehen. Die Schreiner brachten Moebel. Es ging dem
Vollenden zu.

Es war wahr, was der erste Knecht vom Reinalther sagte: "Einen solchen
Stall trifft man so schnell nicht mehr." Und: "Eine Lust muesse es
sein, dort zu arbeiten."

Aber der Soellinger warf veraechtlich hin: "Was hilft ihm das schoene
Haus und alles, wenn er kein Grundstueck hat!"

Und aus den Reden der Doerfler am Biertisch konnte man deutlich
heraushoeren, dass keiner bereit war, auch nur ein Tagwerk von seinen
Gruenden abzugeben.

"Unser Heu bleibt unser Heu," sagte der Gleimhans. Und alle nickten.

"Der kommt schon und will einen Grund!--Aber da bleibt ihm der
Schnabel sauber!" brummte der Reinalther.

Der Soellinger blickte duester drein und schwieg.--

Pfarrer und Ministrant gingen mit Michael durch die Raeume des neuen
Hauses, beweihraeucherten und besprenkelten alles. Eine Woche spaeter
trieben drei Viehtreiber wohl an die zwanzig Kuehe auf der Strasse von
Greinau her ins Dorf und lieferten sie bei Michael ab. Der wohnte
schon vier Tage in seinem Haus. Zwei fremde Maegde, ein Knecht und
jener Italiener, den man von der Sandgrube davongetrieben und
verhaftet hatte, waren da. Und Heufuhren kamen an. Ganz fremde
Gesichter blickten von den leeren Wagen herunter, die durchs Dorf
ratterten.

"Wenn er jeden Pfifferling kaufen muss, wird die Herrlichkeit bald ein
End' haben," brummten die Bauern, "mit den paar lumpigen Wiesen kann
er grad' eine Kuh fuettern."

Nach etlichen Wochen kam eine Magd Michaels zum Reinalther und zum
Gleimhans und richtete aus, die Bauern sollten zu ihm kommen.

"So--!? Sonst nichts....?!" rief der Reinalther hoehnisch und schaute
das dralle Frauenzimmer haemisch an, "sagst, er soll sich einen aendern
Dummen suchen!"

Und--: "Der hat grad so weit zu mir her!" fertigte der Gleimhans die
Botschaftbringerin ab.--

Gleichsam, als haette man sie ohne jeden Grund persoenlich beleidigt,
kam die Magd zurueck und berichtete Michael das Verhalten der beiden
Bauern.

"Geh!--Ist schon gut!" schnitt dieser ihr das Wort ab, als sie
gespraechiger werden wollte. Seine Zuege veraenderten sich nicht. Nur
seine Augen glommen einmal funkelnd auf.--

In der Wirtsstube Simon Lechls herrschte diesen Abend ein belebteres
Gespraech.

"Jetzt wird er langsam angekrochen kommen und Gruend' wollen," brummte
der Reinalther.

"Da kann er alt werden!" erwiderte der Gleimhans. Und alle nickten.
"Mit seinem Geldhaufen ist er gar nichts!" sagte der Lechlwirt:
"Gruend' machen den Bauern!"

"Das ist's!" bestaetigte der Soellinger.

Und wieder nickten alle.--


IV.

Die Jahre verstrichen. Das kahle, grell leuchtende Haus am Waldrand
nahm mehr und mehr eine verwitterte Farbe an. Bisweilen, wenn die
Scheune leer war, sah man die schwarze Kutsche Michaels in scharfem
Trab aus dem Dorf rollen, Greinau zu. Vorne auf dem Bock sass der
Italiener mit finster gefaltetem Gesicht und schaute nicht nach links
und nicht nach rechts.

An den darauffolgenden Tagen knarrten dann meistens schwerbeladene
Heufuhren auf der Greinauer Strasse daher und fuhren durchs Hoftor
Michaels.

"Nette Wirtschaft!" brummten die Bauern: "Jeden Bueschel Futter muss er
kaufen!" Und halb war es Missmut, halb Schadenfreude, was auf ihren
Gesichtern stand. Die Ernten in dieser Gegend waren mehr als
ueberreichlich. Die Aufkaeufer, die aus der Stadt kamen, hatten es
leicht und konnten anmassend sein. Sie minderten die Preise, wo und wie
immer es nur ging. Die Transportkosten his zum Bestimmungsort mussten
die Bauern tragen. Es kostete stets einen ganzen Tag Zeit, wenn ein
Doerfler seinen verkauften Hafer, sein Korn oder Heu nach Greinau auf
den Bahnhof fuhr und dort in den Waggon lud. In die "Ferkelburg" aber,
wie man Michaels Haus nannte, fuhren fremde Heuwagen!--

Michael war fast nie zu sehen. Er sass in seiner Turmkammer und sann.
Gruebelte, als warte er auf etwas. Gleichmaessig und ereignislos verlief
die Zeit.

Durch irgendeinen findigen Kopf angeregt, war die ganze Doerflerherde
um Greinau darauf gekommen, dass eine Eisenbahnlinie gerade in dieser
Gegend notwendig sei. Eine Vereinigung bildete sich, wurde "Lokalverband
der Eisenbahninteressenten" genannt. Eine Eingabe um die andere
bestuermte das Ministerium. Die Regierung nahm endlich Kenntnis davon,
der Landtag sprach sich befuerwortend aus. Die Eisenbahnlinie wurde
genehmigt.--

Michael verfolgte die Berichte im "Greinauer Wochenblatt" eifrig. Man
sah ihn jetzt oefters am Gemeindekasten vor dem Buergermeisterhaus
stehen und die Anschlaege lesen. Vom Soellingerhuegel aus konnte man das
ganze hingebreitete Land uebersehen.

Da stand er auch.

Und nicht selten. Oft sogar lange.--

An jenem Tag, da die amtliche Bekanntmachung von der Genehmigung der
Eisenbahnlinie angeschlagen war, wandte er sich behend, wie von einer
verhaltenen Freude ergriffen, herum und ueberblickte die Weiten.

"Hm!--Jetzt!" stiess er ploetzlich heraus, nickte etliche Male und ging
zuversichtlicher von dannen.

Erst nachdem er in der Tuer der Ferkelburg verschwunden war, trat der
Buergermeister aus seinem Haus und heftete die Bekanntmachung der
grossen Versammlung im Gasthaus "Zur Post" in Greinau in den Kasten.

Am darauffolgenden Sonntag war der Tanzsaal der Postwirtschaft zum
Bersten voll. Die Bauern aus der Ganzen Umgebung waren zusammengestroemt.
Die bejahende Entschliessung der Regierung wurde bekanntgegeben. Die
ganze Versammlung bruellte und klatschte begeistert.

"Eine Bahn muss her!" erscholl von allen Seiten. Es gab schwere
Raeusche.--

Schon nach einer knappen Woche erschienen die Vermessungsbeamten im
Dorf und wurden mit ehrwuerdiger Neugier empfangen, durchschritten die
Felder, steckten weiss-rote Stangen auf, kamen immer naeher an die
Haeuser heran, zogen eine Linie durch Reinalthers Garten, ueber das
Gehoeft Soellingers hinweg.--

Die Haende in den Hosentaschen, schweigend und gewichtig, sahen ihnen
die Bauern erst zu.

"Also so ging's?" fragte der Gleimhans einen Vermesser.

"Jawohl, ganz so," erwiderte dieser und war schon wieder weiter.

"Hm!" brummte der Gleimhans, hob den Kopf und sah den Reinalther
verwundert an.

"Muesst also mein halber Garten weg?" sagte dieser und sah den Geometern
nach. Die entfernten sich mehr und mehr. Weiter ging es--ueber das
Gehoeft Soellingers hinweg.

"Hoi--Hoi! Da waer demnach das ganze Buergermeisterhaus im Weg!" stiess
jetzt der Reinalther fast entsetzt heraus und sah betroffen, mit
offenem Maul, auf Gleimhans.

"Das wird sauber!--Gibt's nicht!" schrie dieser wuetend und straffte
seine Gestalt.

"Und--schau nur!--durch meine schoensten Gruend' gings'!" rief der
Reinalther, als eben die Vermesser die Linie durch seine Weizenlande
zogen, faeustete seine Haende drohend und polterte gleichfalls: "Gibt's
nicht!"

Und auf der Stelle gingen die beiden zum Soellinger hinauf und erhoben
lebhaften Einspruch gegen dieses Vermessen.

"Dein Haus soll weg! Dein Haus, Soellinger! Und unsere schoensten Gruend'
wollen's!" schrie der Reinalther aufgebracht. Und der Gleimhans, der
sich schon wieder ermannt hatte, sagte drohend: "Sollen kommen und mir
durch meinen Acker bauen!"

Der Buergermeister war wutrot his hinter die Ohren, schlug gewaltig in
den Tisch und rief ebenfalls: "Gibt's nicht! Gleich morgen fahren wir
zum Bezirksamtmann!"

Als die beiden Bauern aus dem Buergermeisterhaus traten, stand Michael
am Rande des Huegelrueckens und sah den Vermessern gespannt nach.

"Hm,--der Michl!" brummte erstaunt der Reinalther.

"Den freut's, weil's ihm keine Gruend' nehmen koennen!" stiess der
Gleimhans wuetend heraus.--

Das ganze Dorf war am naechsten Tag in Aufruhr. Man riss ueberall die
weiss-roten Stangen heraus, zerbrach sie. In aller Fruehe schon fuhren
Soellinger, der Gleimhans und Reinalther nach Greinau zum Bezirksamtmann
und verlangten schimpfend eine sofortige Regelung der Angelegenheit.
Sie schrien, fluchten und drohten zuletzt auf das gefaehrlichste. Der
Bezirksamtmann rannte erregt in seinem Arbeitszimmer auf und ab,
gewann aber dann die Ruhe wieder und zuckte mit den Achseln: "Ja,
meine Herren, wenn keiner durch seinen Acker die Linie laufen laesst,
dann gibt es eben keine Bahnstrecke!"

"Wir pfeifen auf eine!" riefen die drei Bauern zugleich.

Der Bezirksamtmann machte ihnen klar, dass der Beschluss der Regierung
nicht rueckgaengig gemacht werden koenne, dass doch angemessen entschaedigt
werde und dass "die Herren der betreffenden Instanzen doch keine
Kindskoepfe seien und doch--"

"Das ist uns gleich! Die Bahn kommt nicht! So nicht!" fuhr ihm der
Soellinger ins Wort und vertrat starrkoepfig den Standpunkt seiner
Begleiter.

Schliesslich nach langem Hin und Her wurde beschlossen, eine Versammlung
der "Eisenbahninteressenten" einzuberufen.--

Bis auf die Strasse heraus standen am naechsten Sonntag die Bauern, die
sich beim Postwirt in Greinau zusammengefunden hatten. Zeitweilig
entstand ein gefaehrliches Gedraenge nach der Saaltuer. Furchtbar
stuermisch ging es zu. Ein Regierungsvertreter war erschienen. Er wurde
niedergeschrien, als er betonte, dass "wenn die Abgabe der Gruende nicht
gutwillig geschaehe, einfach abgeschaetzt wuerde."

Einfach abgeschaetzt!--Einfach abgeschaetzt!!! Was sollte denn das heissen?
Etwa gar, dass einem einfach die Aecker genommen wuerden!?

Die Bauern wurden wild, standen auf, richteten sich drohend gegen die
Tribuene. Die auf der Strasse Stehenden zwaengten sich gewaltsam herein.

"Gibt's nicht!" schrie der ganze Chorus. Ein ungeheurer Laerm erhob
sich. Alles machte Miene anzugreifen. Der Bezirksamtmann fuchtelte
voellig ratlos mit den Armen. Der Assessor schwang wehrlos die Glocke.
Es half alles nichts. Der Laerm wurde nur noch aerger.

"'naus!--'naus! 'naus aus unserm Gau!" bruellte der ganze Saal. Saftige
Grobheiten flogen den Herren da droben an den Kopf.

Als nichts mehr auf die tobende Schar einwirken konnte, schrie der
Bezirksamtmann heiser: "Die Versammlung ist geschlossen!" und
verschwand eiligst mit dem Herrn von der Regierung. Die rebellischen
Bauern wurden allmaehlich wieder ruhiger, betranken sich weidlich und
hielten die Sache fuer gewonnen.

Ohne besonderen Zwischenfall verliefen die naechsten Tage.--

In seinem Turmzimmer ging Michael auf und ab, blieb hie und da stehen,
hob rasch den Kopf und laechelte schmal. Und frueh am Morgen, him und
wieder, schritt er ueher die nebeligen Felder.--

Inzwischen wurde der Bau der Eisenbahn im Landtag zum Beschluss erhoben.
Soweit liess man sich noch ein, dass man Soellingers Haus umkreiste.
Dafuer aber lief jetzt die Linie durch seine besten Getreideaecker.
Und war beschlossene Sache! Naechstes Fruehjahr sollte die Strecke in
Angriff genommen werden.

Beim Soellinger liefen die amtlichen Schriftstuecke ueber die
abzutretenden Grundstuecke ein. Die Bauern standen vor den Anschlaegen
mit verbissenen Gesichtern, brummten und fluchten. Eine furchtbare
Erbitterung hatte das ganze Dorf ergriffen. Aber es half alles nichts.
Alles nichts!

Und die Schaetzpreise waren spottniedrig.

Es gab kein Zurueck mehr. Missmutig fuegten sich die Bauern.

"Eine Bahn! Eine Bahn! hat alles geschrien!--Jetzt haben wir's!"
polterte der Gleimhans beim Lechl; "ich hab's immer schon gesagt: es
kommt nichts Besseres nach! Wo man mit der Regierung zu tun hat, ist
Schwindel!"

Und die anderen, die am Tisch sassen, sahen ihn finster an. Finster und
besiegt, ueberlistet und ratlos.

"Muessen ja doch! Hilft uns alles nichts!" brummte der Reinalther und
spuckte wuetend aus. Und manchmal sagte ein Veraergerter: "Ach was,--ich
verkauf mein ganzes Zeug dem Juergert und mach' ihm einen saftigen Preis!
Dann kann der sich mit der Regierung herumstreiten!"

Kaum einer--so schien es--hoerte darauf. Aber dann wiederholte es sich
des oefteren. Schuechtern klang es erst. Allmaehlich erzeugte es
nachdenkliche Gesichter und dann--dann sah man eines Tages den
Reinalther aus der "Ferkelburg" herausgehen. Keiner fragte nach dem
Grund dieses Besuches. Zwei-, dreimal wiederholte er sich und wieder
einmal fuhr die schwarze Kutsche aus dem Tor der "Ferkelburg".
Reinalther und Michael sassen hinten drinnen, der Italiener auf dem
Bock. Es ging Greinau zu.

"Warum hast deine Alte nicht mitgenommen?" fragte Michael im
Dahinfahren.

"Brummt und brummt bloss! Hat keinen Verstand fuer so was!" antwortete
der Bauer mit leichtem Aerger.

"Hat's doch schoen jetzt! Kann sich in die Stub'n sitzen und
privatisieren!" meinte Michael fast ermunternd.

"Freilich! Das hab ich ihr doch schon hundertmal gesagt! Aber sie
meint halt immer: 'Der Feschl! Der Feschl--wenn er von der Fremd'
kommt--koennt' eine schoene Metzgerei aufmachen und hat jetzt auf einmal
keine Heimat mehr!" redete der Reinalther in die Luft, als spraeche er
mit sich selbst.

"Aber Geld hat er! Einen Batzen Geld!" erwiderte Michael darauf. Und
der Bauer nickte: "Das mein' ich eben auch!"

Nachdem sie das Notariat verlassen hatten, lag auf Michaels Gesicht
eine freudig erregte Farbe. Er lud den Reinalther sogar zu einem
richtigen Schmaus ein und der wurde nach dem zweiten Krug schon
gespraechig.

"Waeren noch andere im Dorf, die ihr Zeug anbringen moechten, sag ich
dir, Michl, brauchst dich bloss dranmachen," schwatzte er vertraulich
ueber den Tisch.

"Brauchen bloss kommen,--alle nimm' ich!" gab ihm Michael zurueck.

Ueber Reinalthers Gesicht huschte eine wohlige Roete. Offen und richtig
freundschaftlich betrachtete er seinen ehemaligen Knecht.

"Weiss dich noch, wie'st mein Knecht warst, Michl," erzaehlte er,
"haett'st dir auch den Buckl krumm gearbeit', wenn dein Amerikaner
nicht ins Gras 'bissen haett'!"

Und Michael nickte und schloss mit einem: "Jaja, so ist's auf der Welt
hie und da!" Dann fuhren sie wieder ins Dorf zurueck.

Der Reinalther durfte in seinem Haus bleiben und sass von jetzt ab Tag
fuer Tag beim Simon Lechl in der Wirtsstube. Oft kam er angeheitert
nach Hause. Dann brummte sein Weib: "Wirst noch grad so wie der
ersoffene Juergert."

"Hab'ns doch, Alte! Hab'ns doch!" groehlte dann der Bauer bierselig
heraus.--


V.

Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Veraenderung der Sachlage
mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Doerfler ein. Die Kleinhaeusler
fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre kaerglichen Feldstreifen
trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und waehrend
des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser
Verdienst war, wie man sich auszudruecken pflegte, "zum Leben zu wenig
und zum Sterben zu viel."

Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab ertraegliche Loehne dort.

"Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!--Und brauch' nicht bitten und
betteln bei den Bauern," aeusserte sich der Fendt, dessen baufaellige Huette
am Dorfausgang stand. "Ich bleib' ueberhaupt nicht mehr da," sagte der
Rieminger, "ich verkauf mein Haeusl dem Juergertmichl und mach' eine
Waescherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!"

Und so geschah's auch.

Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthaeusl
und den baufaelligen Reishof gekauft. Die beiden Haeusler bekamen eine
saftige Summe und konnten in ihren Haeusern bleiben. Michael verlangte
nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr.
Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.--

Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens Aecker trampelten
die Arbeiter, dicht hinter dem Soellingergehoeft, in den Weizenlanden
wuehlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten
die Bauern auf ihre verwuesteten Aecker. Viel Fremdvolk war unter den
Arbeitern. Italiener und Boehmen. Es gab Einbrueche, naechtliche
Raufereien und Messerstechereien.--

Die Soellingerin bekam die letzte Oelung. Nach einigen Tagen starb sie.
Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab.
Die Glocken trugen ihr Laeuten durch die Luft.

Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Soellinger:
"Was hast' von dei'm Leben, Buergermeister? Deine zwei Soehn' sind ja
doch schon staedtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den
Pflug!"

Finster sah der Soellinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine
zwei Soehne, der Martin und der Joseph, sassen da und schwiegen
gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr
baeurisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewusste
Gesichter, auf denen ein ueberheblicher Stolz glaenzte.

Der Buergermeister stand auf einmal auf und ging.

Es war Erntezeit. Die Strasse fuehrte an den ehemaligen Reinaltherfeldern
vorbei und an der Breite des Ignatz Reis. Da arbeiteten die Knechte
Michaels und der Italiener beaufsichtigte sie. Er war ein schweigsamer,
finsterer Geselle mit unheimlich tiefglimmenden Augen. Wenn er wo
auftauchte, griffen alle unwillkuerlich hastiger zu. Der Soellinger blieb
einen Augenblick stehen, biss die Zaehne aufeinander und schlug,
weitergehend, den Hirschgriffstock fester auf den Boden.--

Den Michael sah man jetzt tagsueber fast nie. Nur am Abend stelzte er
ueher den Soellingerhuegel, blieb manchmal stehen und sah wie pruefend der
Bahnlinie nach. Gebueckt ging er. Er trug meistens einen breiten Mantel
und hielt einen Stock in der Rechten.

Manchmal wenn ein Heimkehrender an ihm vorbeiging, lag ein verglommenes
Laecheln auf seinen faltigen Zuegen. Ploetzlich aber verfinsterten sie sich,
sein Kopf senkte sich und hastig trottete er weiter.

Einmal traf es sich, dass er dem Soellinger begegnete. Er blieb fest
stehen und sah dem Bauern lauernd in die Augen. Es war gerade an der
Stelle, wo der Bahndamm sich hob, nah' am Bachbruecklein.

"Grad' deine schoensten Aecker haben's hergenommen," sagte Michael.

"Hm!" nickte der Buergermeister und wusste nicht, wo er hinschauensollte.

"Wirst alt jetzt, Soellinger! Gib's her, dein Anwesen!" begann Michael
wieder.

Der Bauer schuettelte nur den Kopf stoerrisch und ging wortlos weiter.
Aber dieses Mal sah Michael noch tief in der Nacht die Stubenfenster
im Buergermeisterhaus leuchten.

Einige Tage spaeter geriet der Heustadel hinter dem Soellingerhof in
Brand und nur mit Muehe konnte die Feuerwehr das Ueberschlagen der
Flamme aufs Bauernhaus verhindern.

Der Italiener Rotti und der Boehme Zdrenka hatten es auf die
Buergermeister-Magd abgesehen. In einer Nacht erstach der Boehme den
Italiener. Zwei Gendarmen von Greinau kamen. Unruhig wurde es im
Soellingerhaus.

Der Buergermeister schlug wuetend auf den Tisch: "Ich mag nicht mehr!"
Und resolut rannte er zur Tuer hinaus, geradewegs auf die "Ferkelburg"
zu.

Michael empfing ihn freundlich und ruhig. Er bot eine Summe, dass der
Bauer seine Augen weit aufriss.

Der Handel kam zustande.

Der Soellinger gab sein Buergermeisteramt auf und zog zum Schmied.

"Verkauf deine Kalupp'!" sagten jetzt jeden Abend der Reinalther und
er in der Lechlstube zum griesgraemigen Gleimhans.

"Hast deine Ruh' und einen schoenen Batzen Geld und der Michl laesst dich
drinn, solang als du willst!" bekraeftigte der Lechlwirt.

"Solang' ich leb, nicht!" gab der Gleimhans einsilbig zurueck und
schuettelte beharrlich den Kopf.--

Michael kaufte das Schmiedanwesen. Der Schmied zog in die Stadt.--

"Kauft das ganze Dorf," brummte der Gleimhans, "und hat uns zuletzt
alle in der Mausfall'n!"

"Soll er, wenn's ihm gefaellt!--Er kann sich's leisten, zahlt gut und
ist nicht zuwider!--Laesst mit sich reden!" verteidigten der Wirt und
der Reinalther den Herrn von der "Ferkelburg". Und dumpf nickte der
Soellinger.--

Aber am naechsten Tag trat Michael ins Reinaltherhaus. Der Bauer
empfing ihn aufgeraeumt und freundlich, ohne jegliches Arg.

"Im Fruehjahr muesst's raus! Hab' einen Paechter," sagte da auf einmal
Michael kurz.

Dem Bauern gab es einen Ruck. Er sah ihn gross an.

"Bringt aber sein Zeug schon uebernaechst's Monat!" sagte Michael wieder
und wandte sich zum Gehen.

Der Reinalther wurde jaeh bleich. Sein Kinn bebte. Seine Unterlippe
rutschte etwas herunter.

Hilflos und bittend sah er auf Michael.

"Geht's gar nicht, dass wir die paar Kammern hinten kriegen koennten und
bleiben duerfen!" brachte er kleinlaut heraus.

Michael schuettelte schweigend den Kopf.

"Gar nicht?"

Michael drehte sich um, sah ihn kalt an: "Koennt's ja am End zum Schmied
einzieh'n. Obenauf sind noch drei Kammern. Nachher seid's mit'm Soellinger
beieinand! Ueberleg' dir's und lass mir's wissen!"

Und ehe der Bauer etwas erwidern konnte, war er draussen.

Eine Weile stand der Reinalther wie besinnungslos da. Dann ging er zum
Lechlwirt hinueber.

Der Gleimhans und der Soellinger sassen da. Schuechtern und ganz von aussen
herum erkundigte sich Reinalther nach den Raeumlichkeiten im Schmiedhaus.

"Musst' raus?" fragte der Lechl.

Stumm nickte der Befragte.

"Ins Schmiedhaus?"

"Schier," erwiderte der Bauer und setzte hinzu: "Hat einen Paechter fuers
Fruehjahr."

Gleimhansens Augen glaenzten listig. Er hob den Kopf und laechelte
schadenfroh.

"Vom Schmiedhaus ist gar nicht mehr weit ins Gemeindehaus!" warf er
boshaft him.

Der Soellinger rueckte sein Gesicht empor.

"Ja--!" sagte der Gleimhans, ihn messend, "samt eurem Geld jagt er
Euch in die Mausfall'n, wenn's ihm passt!"

Die beiden anderen Bauern sassen dumpf da und starrten schweigend ins
Leere. Der eine erhob sich, und der andere. Und beide gingen ohne ein
Wort.--


VI.

Wiederholte Male hatte Michael zum Gleimhans geschickt. Er selbst kam,
der Italiener kam, die Magd kam. Es half alles nichts. Der Bauer gab
sein Anwesen nicht her.

"Wenn nochmal einer kommt, kann er seine Knochen vor der Tuer
zusammenkratzen!" bruellte er das letztemal wild. Es kam keiner mehr.

Michael hatte nach und nach das ganze Dorf aufgekauft. Die Gehoefte und
Haeuser lagen brach und still da. Die ehemaligen Besitzer waren entweder
fortgezogen, gestorben oder arbeiteten gegen Taglohn auf der Bahnstrecke.
Die Grundstuecke wurden von den Ferkelburgleuten beackert, bebaut und
bewirtschaftet.

Im ehemaligen Reishof logierte eine Hausiererin und fuehrte einen
Kramladen. In den sonstigen Haeusern wohnten Arbeiter oder auch die
frueheren Besitzer, gingen in der Fruehe heraus und abends hinein. Die
Mauern broeckelten ab, die Gaerten verwahrlosten, alles lag veroedet und
ruinenhaft da.

Michael selbst sass den ganzen Tag in seinem Turmzimmer, ueher die
Protokolle und Urkunden gebeugt, die er beim jedesmaligen Kauf eines
Anwesens vom Notariat ausgehaendigt bekam. Nur der Italiener und die
Magd, die ihm das Essen brachte, sahen ihn. Alt und verfallen sah er
aus. Zusammengeschrumpft war seine Gestalt.

Nachts, wenn der Mond silbern ueher die Talmulde glitt, stand er am
Turmfenster und ueberschaute seinen Besitz. Dann glomm manchmal in
seinen Augen etwas wie Triumph. Nur wenn sein Blick auf das
Gleim-Anwesen fiel, wurde es finster auf seinem Gesicht.--

Aus der Erde brach der Fruehling. Die Magd kam zum Reinalther und
brachte die Botschaft, der Bauer solle sich zum Ausziehen
bereitmachen.

"Jaja, in Gott's Nam'! Sagt's nur, ich will ins Schmiedhaus!" gab ihr
der Bauer als Antwort mit in die "Ferkelburg".

Am selben Tag trottete Michael eilsam auf den Kramladen zu und
verschwand scheu in dessen Tuer. Die Kraemerin schrak foermlich zusammen,
als er so dastand.

Aus einem grauenhaft gelben Gesicht starrten verkohlte Augen auf sie.

"Gib mir zwei Kalbstrick, Irlingerin, aber gute!" sagte Michael kurz.

Die Kraemerin legte einen Packen Stricke hin.

Michael pruefte sorgfaeltig einen um den andern.

"Die!" stiess er hastig heraus, warf das Geld him und nahm zwei
Stricke.

"Tragen denn gleich zwei Kueh' diesmal?" fragte die Kraemerin endlich.

Aber Michael nickte nur und ging. Eilig stelzte er durchs Dorf.

Als er die Tuer seines Turmzimmers zuschloss, zog er die Stricke aus
seiner Brusttasche, pruefte sie nochmal und legte sie in den Schrank,
schloss ab. Offenbar befriedigt atmete er auf, trat an den Schreibtisch
und las wieder die Urkunden.--

Gegen Abend kam der Pfarrer, der lange nicht mehr dagewesen war, in
die Ferkelburg. Misstrauisch und etwas verwirrt empfing ihn Michael.

"Das Kloster Sankt Marien moechte den Soellingerhof, Michl?" sagte nach
einer Weile Schweigens der Geistliche.

Michael schuettelte den Kopf.

"Ist nicht recht, dass alles so tot daliegt, Michl!" ermahnte der Pfarrer.

"So?" sagte Michael hartnaeckig, und seine Falten zuckten fast hoehnisch.

"Wirst ein alter Mann, Michl! Was tust mit den vielen Haeusern!" murmelte
der Geistliche hilfloser.

"G'richt halten!" stiess Michael gedaempft heraus und heftete seine Blicke
funkelnd auf den Pfarrer. Der stand beklommen da und atmete schwer.

"Unser Herrgott wird dir Dank wissen, Michl!" fand er endlich das Wort
wieder und erinnerte abermals an den Soellingerhof.

"Steht zu arg in der Sonn'", murmelte Michael noch leiser und
unheimlich heraus, "und wirft mir den ganzen Schatten in die unteren
Stuben!"

Er stand gespannt da, bewegte sich nicht. Der Geistliche wurde
ploetzlich blass, als er das eingeschrumpfte, gelbe Gesicht im matten
Licht sah.

Jetzt funkelten Michaels Augen wieder und seine Lippen gingen auf und
zu:

"Hat einmal meinem Vater gehoert, nicht?! ... Und der Soellinger hat es
ihm abgekauft, nicht?! ... Und--der Gleimhans hat ihm Geld 'geben.
--Vieh hat er dazumal geschachert, der Soellinger, nicht?! Und-und
hat's meinem Vater langsam abgekauft--langsam, nicht?! ... War ja ein
Huettl, damals--nicht!?--"

Er hielt inne. Der Pfarrer stand wortlos da.

"Und nachher hat er das Saufen angefangen, mein Vater, nicht?!"
keuchte Michael fortfahrend heraus: "Und dann haben's meine Mutter ins
Gemeindehaus, und--und nachher haben sie sie auslogiert--ist
gestorben, weil unsere Kuh krepiert ist! Hat's nicht mehr erleben
koennen ... nicht!?"--

Jetzt stockte er ploetzlich, hielt die Worte zurueck und erbleichte.
Wieder bohrte er seine misstrauischen Blicke in das Gesicht des
Pfarrers. Eine Unruhe fieberte auf seinen Falten.

Auf einmal, ohne des Pfarrers zu achten, stiess er heraus: "So dunkel
ist's da unterm Turm wie im Gemeindehaus bei meiner Mutter
dazumal....!?"--

"Michl!" rief der Pfarrer nur mehr. Dann ging er.--

Michael stand eine Zeitlang in der gleichen Haltung da, dann zuckte er
erschreckt zusammen und brach in seinen Lehnstuhl.

Spaeter rief er den Italiener. Es war schon Nacht draussen. Er steckte
die Kerze an und zog die dichte Gardine vor.

"Hast immer geladen in der Sandgrube, nicht?" fragte er den Italiener.

Der nickte.

"Bist krank, Guisepp'! Musst Ruh' haben," redete Michael gut auf ihn
ein und liess ihn nicht aus den Augen.

Guiseppe stand verlegen und verstaendnislos da.

"Das Soellingerhaus da drueben, Guisepp', das soll dir gehoeren, wenn'st
--wenn'st nochmal sprengst, bloss mehr dies einzige Mal!" sagte Michael
aschfahl und oeffnete seinen Schreibtisch, legte drei Pulversaecke aufs
Pult.

Der Italiener starrte ihn gross und schweigend an.

Als dies Michael bemerkte, sprudelte er fast bittend und hastig
heraus: "Haben dich nie erwischt, Guisepp', nie! Hast dich immer
rausgemacht--wirst's auch diesmal fertigbringen!"--

Und dann setzte er ihm den Plan auseinander.

Mitten im Gespraech horchte er jaeh auf. Fern aus dem Dorf hoerte man
Wagengeknatter und "Hue"-Rufe. Der Gleimhans fuhr die Habe Reinalthers
ins Schmiedhaus.

"Geh!" sagte Michael hastig zum Italiener. Mechanisch verliess dieser
das Zimmer.--

Bis tief in die Nacht hinein schleppten der Gleimhans, der Soellinger
und die Reinalther-Eheleute die Moebel in die wackeligen Kammern im
ersten Stock des Schmiedhauses.

Es war eine windige, unruhige, stockdunkle Nacht. Manchmal trug eine
Windwelle Laute und abgerissene Saetze herueber zur "Ferkelburg".

Michael ging zitternd im Turm auf und ab. Auf und ab. Von Zeit zu Zeit
neigte er sich ueber den Schreibtisch und schrieb noch ein Wort oder
einen Satz auf einen aufgeschlagenen Bogen Papier.

Jetzt riss der Wind die Schlaege der Kirchturmuhr auseinander. Michael
tappte ans Fenster, hob die Gardine ganz schmal beiseite und band den
Strick an den Fenstergriff.

Und sah scharf und spaehend ins Dunkel hinaus.

Da krachte es furchtbar. Ein riesiger Feuerklumpen brach in der Gegend
des Schmiedhauses schleudernd in die Schwaerze der Nacht.--

Und um die runde Anhoehe hetzte eine lange Gestalt auf die Ferkelburg
zu.

Michael fasste den Strick und legte seinen Hals in die Schlinge. Dann
brach er ins Knie und hob seine ineinandergerungenen Haende zur Hoehe.
Sank.--

Mit jener grauenhaften Blaesse, die oft jaeh von furchtbarer Ahnung
Erschuetterte befaellt, sagte der Pfarrer am andern Tag vor der Leiche
des Erhaengten: "Alle Dinge sind eitel!" Und hob den Blick gen Himmel.

Auf dem Schreibtisch lag ein Testament, das Guiseppe die ganzen
Besitzungen und Hinterlassenschaften Michaels zuerkannte.--




EIN DUMMER MENSCH


I.

Seltsam sind Menschenwege. Kalt ist der Winter, heiss der Sommer, die
Zeit laeuft weg und Alter und Verbitterung hocken in den Knochen, eh'
man sich richtig umsieht. Und schliesslich--was ist's gewesen, wenn man
nachdenkt?--

Misere, Misere, Misere!

Zufall ist alles--und nichts.--

Vor zweieinhalb Monaten noch--hol der Teufel diese kalten, widerwaertig
regnerischen Herbsttage!--trottete Adam Hoegl verdriesslich durch die
dumpfen Strassen, ueberlas ein um das anderemal die Karte des
Arbeitsamtes, die ihm anbefahl, dass er sich beim Kranenwerk als
Erdarbeiter zu melden haette, zerknuellte sie ebensooft in der Tasche
und trat gedankenlos in die Kneipe der engagementslosen Artisten "Zur
wilden Rosa."

Widerlich, wie er jetzt auf einmal noch quaelender die kalte Naesse an
seinen Gliedern herabrieseln fuehlte! Und ausgerechnet musste noch dazu
die selbstspielende Geige unausgesetzt kratzen, dass es durch Mark und
Bein ging!

Die rauchige Luft war zum Schneiden dick hier und ein Laerm herrschte
an allen Tischen wie auf einem Jahrmarkt.

Knirschend und ohne sich um die geschwaetzige Gesellschaft zu kuemmern,
liess sich der Eingetretene auf einen Stuhl fallen und schwang seinen
patschnassen Hut ein paarmal derart wuetend him und her, dass die
herausgepeitschten Tropfen wie aus einem Weihwasserpinsel herumflogen.

"Pilsner oder Most?" schrie der Kellner ueher die Koepfe hinweg.

"Pilsner!" brummte Hoegl finster zurueck und machte sich breit. "Hoho!"
murrte jemand beinahe drohend am Tisch, und aergerliche Gesichter hoben
sich. Auf einmal rief eine bekannte Stimme: "Mensch! Hoegl!" und Adam
Hoegl sah verwundert auf.

"Hoegl! Mensch! Adam!" schrie es abermals und ein Herr mit rundem,
lachendem Gesicht tauchte an der anderen Tischseite auf, beugte sich
behend in die gedraengten Leute: "Erinnerst du dich? Krull, vierte
Kompagnie, Zimmer achtundzwanzig!? Bauchreden!" Adam Hoegl faltete
schnell die Stirn.

Ja, es stimmte: Im Zimmer achtundzwanzig der vierten Kompagnie lag er
neben Ferdinand Krull und betrieb als Liebhaberei die gelegentlich
erlernte Kunst des Bauchredens. Er entsann sich ganz deutlich, und
unwillkuerlich, fast von selbst entquollen ihm einige Laute. Er sass
gerade aufgerichtet da, mitten im ploetzlich verstummten Kreis der
Gesichter, mit geschlossenem Mund--nur der herausgedrueckte Punkt
seines Halses bewegte sich etwas auf und ab--und tief unten in seinem
Bauch redete es.

"Mensch, du kannst noch!? Komm sofort mit! Du wirst meine beste
Nummer!" jubelte jetzt der ehemalige Barkellner Ferdinand Krull, und
ehe die verblueffte Schar sich's richtig versah, trabten die beiden
eilsamen Schrittes aus der Kneipe, stiegen in das bereitstehende Auto
und weg waren sie.--

Am selben Abend schon stand Adam Hoegl auf der grell beleuchteten,
geraeumigen Buehne des Krullschen "Paradies-Kasinos" und johlte seine
Bauchstimmen-Witze in das bunte, glaenzende Publikum, das sich
allabendlich hier zusammenfand.

Fluechtig zurechtgemacht, im zu grossen, faltigen Frack des beleibteren
Krull, mit viel zu weitem Kragen, der sich wie ein schmaler weisser
Kummet um seinen duerren, langen Hals wand, in einer karierten,
schnuerenden Weste, einer billigen gestreiften Hose und den quaelend
drueckenden Lackschuhen des Wirtes--so stand Adam Hoegl, eine beachtete,
wichtig gewordene Einzelperson,--wie aus einer tiefen sumpfigen
Finsternis ploetzlich auf einen strahlenden, weithin sichtbaren Gipfel
gehoben--inmitten der sorglosen, grossen, praechtigen Welt.

Musik fiel ein, saeuselte suesse, schmeichelnde Melodien durch den Raum,
tuschte, brach ab--der Vorhang peitschte in die Hoehe. Vereinzeltes
Stuehleruecken noch, leise verschwingendes Glaeserklirren und andaechtige
Stille minutenlang. Adam Hoegl riss die Augen weit auf. In der
blauueberleuchteten, abgedaempften Zuschauergruft tauchten puppige
Herrenruecken auf, kuehngekleidete Damen, ebenmaessige, gepflegte,
wunderbar abgetoente Gesichter und lange, glitzernd beringte Haende
mit Elfenbeinfarbene Nacken bogen sich waghalsig.

Herausfordernde, runde, nackte Arme bewegten sich laessig
undentbloesste, leicht geroetete Brueste hoben und senkten sich wie
weiche, maerchenseltsame Lichtflaechen, die ein faechelnder Wind
arglos um schwirrte.--

Mit Gewalt musste Adam Hoegl an sich halten. Der Atem stand ihm still.
Schweiss war auf seiner Stirn. Muehsam presste er endlich die ersten
Laute heraus.

Es raekelte.

Sein Herz klopfte auf einmal wie im Galopp. Mit ganzer Kraft straffte
er sich, groehlte unbeholfen den ersten Witz heraus, begann ohne
Zwischenpause den zweiten.

Es raekelte schon wieder. Seine Knie begannen zu schlottern. Er biss die
Zaehne fest aufeinander, presste--presste die Laute, die auf der Kehle
sassen, wieder zurueck, hinunter in den Bauch und hatte endlich den
zweiten Witz.

Das Raekeln verstaerkte sich, verflachte zu einer allgemeinen
Bewegung. Schon drohte er umzufallen--da brach ein berstender,
frenetischer Jubel ueher ihn her, ein Gelaechter wie aus einer
vielstimmigen Riesentrompete, ein betaeubendes Klatschen, als sei hoch
auf einem Berge die Schleuse eines gehemmten Flusses mit einem Male
jaeh aufgerissen worden und die ganze Wasserlast falle sausend in die
Tiefe.

Er war gerettet.

Er atmete auf, hielt inne, liess den Jubel verrauschen und jetzt floss
sein ganzer Mut und Witz berueckend sicher aus ihm heraus, hinab in die
Gruft und wieder zurueck an seine schweissnasse Brust wie
verhundertfachter, brausender Dank.

Er hatte gesiegt.

Einen solchen aus allen Geleisen geratenen Beifall hatte das
"Paradies-Kasino" noch nie erlebt.--

Vollkommen erschoepft schleppte sich Adam Hoegl am Arm seines ehemaligen
Regimentskameraden immer wieder durch die getuermten Blumenhaufen, vor
bis an die Rampe, kaum noch faehig, sich zu verbeugen. Und immer, immer
wieder zuckte der Vorhang, fuhr sausend auseinander und in die Hoehe.

Zuletzt sah es aus, als haetten sich alle Menschen da unten
uebereinandergeworfen und in das wueste, kreischende Plaerren mischte
sich endlich die Musik undschwoll an zu einem maechtigen Choral. Und
regelmaessiger, breit und den ganzen Raum erbeben lassend sang es aus
allen Kehlen zur Hoehe: "Ooo du Pa--a--aradies! Pa--a-aradies
--Kasi--ino--o--o!" dass Adam Hoegl buchstaeblich wie halbtot seinem
Kameraden in die Arme sank und aus tiefstem Glueck erschuettert auf
johlte: "Pa--a--aradies!"--

Einige Tage spaeter konnte er an allen Litfassaeulen in halbmetergrossen
Buchstaben seinen Namen lesen und darunter stand: "Die grosse Nummer".
Und jeden Abend erntete er den gleichen Beifall. Schon in der Mitte
des zweiten Monats war auf allen Plakaten, quer ueher "Die grosse
Nummer" geklebt, zu lesen: "Zum dritten Male prolongiert!"--


II.

Ohne es selber recht innezuwerden, rueckte Adam Hoegl in eine andere
Menschen schicht hinauf. Er trug nunmehr seidegefuetterte Anzuege der
besten Schneider, ging mit gelassener Selbstsicherheit durch die
Strassen und gruesste mit ausnehmender Vorliebe auffaellig gestikulierend
und so geraeuschvoll, dass alles stehen blieb und lachen musste, vornehme
Gaeste des "Paradies-Kasinos". Fast jeden Abend nach seinem Auftreten
sass er an irgendeinem Tisch, inmitten einer fidelen Gesellschaft,
trank je nach der Art seiner Gastgeber entweder herablassend beilaeufig
oder mit einigen Brusttoenen lobender Aufmerksamkeit aeltesten Wein,
Bekanntesten franzoesischen Sekt, jeden Nerv kitzelnde Likoere und sog,
immer witzgerecht, mit geuebt baeuerlicher, biederer Bescheidenheit alle
Bewunderung der Gaeste in sich hinein.

Seine berechnete Natuerlichkeit wirkte bestechend bei Damen, alten
Lebemaennern und Industriellen. Er zotete, wenn ihn ein abfaelliger,
herabmindernder Witz traf, ueher alles hinweg mit jenerunerschuetterlichen,
nie angreifbaren, haemischen Trockenheit, die entwaffnet. Mit dem ganzen
unterdrueckten Instinkt eines Menschen, demdie Angst vor dem
Wiederzuruecksinken in den Sumpf Spannkraft gibt, beobachtete er, erwog
die Moeglichkeiten neuer Bekanntschaften, erlistetesich notwendige
Gebaerden und Manieren, machte sich gutwirkende Kniffe zunutze
und galt bald als der gewiegteste Weinkenner und grossartigste,
bewunderungswuerdigste Zecher, mit dem es eine Lust war, Gelage zu halten.

Freilich, es gab auch Abende ohne Einladung, wo er am Kuenstlertisch in
der zerwetzten Nische sass und sich mit Kollegen und Kolleginnen, die
mit ihm das Programm ausfuellten, unterhielt. Artisten aus aller Herren
Laender, dicke Saengerinnen, zierliche Chansonetten und schwergebaute
Ringkaempfer waren da. Intrigen, Neid und Intimitaeten gab es da,
Vertraulichkeiten und Klatsch. Mit teilweise unverhohlenem oder auch
leisem, verstecktem, stechendem Spott sahen diese weltbereisten, mit
allen Wassern gewaschenen Leute auf den Neuling herab. Es war
unerquicklich und feindselig in dieser Nische, alles deutete zurueck in
die Misere.

Draussen, im Zuschauerraum, vertrugen sich die dickaufgetragenen
Freundlichkeiten voruebergehender Kollegen fast laecherlich leicht.
Waehrend er nicht selten, wenn er spaet nachts den Kuenstlertisch
verlassen hatte und heimwaerts ging, zukunftsbesorgt und entmutigt war,
lebte er als Gast an den Tischen der Kasinobesucher stets auf, schaute
den voruebergehenden Kollegen kuehn und dreist in die Augen, warf ihnen
treffsichere Zoten zu und laechelte unverschaemt, wenn er auf ihren
Gesichtern die nur schwer zurueckgehaltene Wut aufsteigen sah. Hier, in
diesem Meer, dessen Wellen ihn unausgesetzt emporhoben, fuehlte er sich
voellig geborgen, unverfolgbar und maechtig.

Adam Hoegl war kein Optimist. "Nichts dauert ewig und jeder muss sich
nach der Decke strecken," sagte er bei jeder Gelegenheit mit leiser
Ironie, doch handelte er danach.

Gelegentlich eines wuesten Gelages mit dem Millionaer van Haarskerk und
seiner Gesellschaft in einem abgedaempften Hinterraum des
Paradies-Kasinos liess er sich kaltes Wasser kuebelweise ueher den Kopf
schuetten, spielte mit Meisterschaft den voellig Betrunkenen, trank
gesalzenen Sekt ohne eine Miene zu verziehen, ertrug zur Steigerung
des Vergnuegens viele, viele Stoesse in den hingehaltenen Bauch und
tanzte zuguterletzt patschig und negerhaft wie ein Eunuch im Hemd
herum, dass sich die ganze Gesellschaft vor Lachen waelzte.

Von da ab sass er jeden Abend am Tische van Haarskerks, duzte sich mit
diesem. Der Millionaer war eine besondere Art von Mensch, Er hatte der
kleinen Kabarett-Diva Yvonne eine Villa draussen an der Peripherie der
Stadt gebaut und vertrieb sich die Zeit damit, mit ihren frueheren
Bekannten Gelage zu halten, ausgesuchte Gerichte zu kochen und
Autotouren zu machen. Durch sein Verhaeltnis mit der Diva war er im
Laufe einer ganz kurzen Frist zu einer Art Stadtbekanntheit geworden.
Meistens kam er mit zwei oder drei vollbesetzten Autos im
Paradies-Kasino an. Allerhand zweifelhaft gekleidete Leute begleiteten
ihn, alles fruehere Geliebte Yvonnes--: abgewirtschaftete Studenten,
die sich Dichter nannten, einige Kunstmaler, ehemalige Kabarettleute,
undefinierbare Witzbolde und schliesslich noch einige Herren, die stets
neueste Mode am Leibe trugen, gepudert waren und das Einglas ins Auge
geklemmt hatten. Nach Schluss der Vorstellung fuhr man nicht selten mit
noch Hinzugekommenen, momentan die Langeweile vertreibenden
Eingeladenen nach Hause, um dort weiterzutrinken, zu diskutieren oder
Bakkarat zu spielen, his die Fruehe fahl ihr Licht durch das dicke
Glasdach des Wintergartens auf die Zecher herabfallen liess.

Adam Hoegl fasste festesten Fuss in diesem Hause, ja, zaehlte geradezu zur
Familie, lernte fabelhafte Tafeln kennen, ueberschuettete die gelassene
Gleichgueltigkeit, mit der man hier Unsummen in die Spieltischmitte
schob und wieder wegzog, mit seinen herabmindernden Spaessen, trank
ebenso waehlerisch wie selbstverstaendlich Whisky pur wie Kognak von
1875, Mit dem ihm eigenen Geschick sekundierte er, wenn Yvonne ihre
tausendmal erzaehlten Bettgeschichten und anzueglichen Witze erzaehlte.
Sein trainiertes Gelaechter riss jedesmal mit und erleichterte den nur
mit Muehe die Langeweile verbergenden, devot Beifall spendenden
Guenstlingen ihre schwierige Aufgabe auf das angenehmste.

Oft und oft kam es vor, dass die ueberreizte Diva eine Vase durch eine
Glastuer warf, Unheil stand drohend--da auf einmal trompetete das
Lachen Hoegls und glaettete im Nu den Sturm.

Es gab Naechte in diesem Hause mit ihm, die begannen mit einem wuesten
Balgen zwischen Yvonne und van Haarskerk, mit einem Zusammenschlagen
kostbarster chinesicher Zierrate, mit einem Demolieren von Tueren und
Moebeln und endeten wie etwa eine unvergleichlich lustige Sylvesterfeier.

Hier war ein reicher Fischplatz. Adam Hoegl warf vorsichtig seine
Angeln und Netze aus.--

"Denn nichts dauert ewig und jeder muss sich nach der Decke strecken!"


III.

Die Tage und die Naechte liefen davon. Viel zu schnell. Sie schwebten
vorbei, ohne sich voneinander zu unterscheiden. Es war ein
unaufhaltsames Fliessen. Es gab keinen festen Punkt, kein Nachdenken,
keinen Widerstand.

Allmaehlich, mit jedem Tag bemerkbarer, liess der Beifall nach. Es brach
jetzt kein ploetzliches Gelaechter mehr aus. Es war keine Stille mehr in
der Zuschauergruft, wenn Hoegl auftrat. Man sandte auch kein resolutes
"Pst!" mehr aus aufmerksamen, lauschenden Tischen, wenn die Kellner
servierten. Gelangweilte Gesichter sah man ringsum. Es schwaetzte
jedermann waehrend des Vertrags. Wie ein boeses Gewissen rieselte durch
den erschauernden Koerper jene penetrante Peinlichkeit, die immer
einsetzt, wenn man sich hilflos einer staerkeren Macht gegenuebersieht
und es sich nicht eingestehen will.

Es war acht Tage vor dem Ende des dritten Monats, und nichts wieder
hatte Krull von abermaliger Prolongierung erwaehnt. Adam Hoegl stand
benommen hinter dem eben herabgefallenen Vorhang und wischte sich den
Schweiss von der Stirn. Es klatschte maessig. Der Vorhang zuckte fast
mitleidig und wurde rasch noch einmal hochgezogen. Es klatschte etwas
mehr, als Hoegl dankte. Der Vorhang fiel wieder herab. Bagg--bagg--bagg
--bagg!--schon schwammen die Redegeraeusche, das Klirren der Glaeser,
das Stuehleruecken und Surren der Ventilatoren darueber hinweg, und alles
verebbte zu einem gleichmaessigen Geplaetscher. In acht Tagen vielleicht
stand Krull, der in der letzten Zeitmerkwuerdig schuechtern auswich und
sich selten sehen liess, vor ihm und sagte ungefaehr: "Adam, du weisst!
Mein Publikum will Abwechslung. Ichbin Wirt, ich muss mich nach ihm
richten."

Man war ihn satt!--Er konnte wo anders hingehen?--Schliesslich--er
hatte noch etwas Geld, Anzuege. Es ging eine Zeitlang. Dann?--

Der Boden schwankte, man glitt aus, man liess sich dahintreiben, dumpf
und verbittert auf einen naechsten jaehen Zufall wartend. Die fast
maerchenhafte Leichtigkeit, mit der man ueher Nacht so hoch getragen
worden war, hatte die Energie vernichtet.--Adam Hoegl knirschte und
sah scheu rundherum. Die Angst kam von der Magengegend zur Gurgel
heraufgekrochen. Mit einem Ruck riss er sich zusammen und schritt zur
Tuer. Da kam der schlanke Kellner und bat ihn in die Loge des
Millionaers. Er atmete erleichtert auf. "Ich komme gleich," sagte er
schnell und ging in die Garderobe.

Nach einigen Minuten schritt er die Logenreihen entlang und hatte
schon wieder die breitlachende, humorvolle Miene, die man an ihm
gewohnt war. Aus verschiedenen Tischen nickten ihm Leute gruessend zu,
und scheinbar ganz in seligster Wonne erwiderte er.

Die Haarskerksche Loge war wie gewoehnlich gepfropft voll. Jeder der
Herren lachte bereits das knallige Lachen Adam Hoegls. Das gab Mut.
Noch war man also nicht ausgeloescht.--

"Ah--haha!!" kraechzte der Millionaer aufstehend und machte Platz.

"Was machst du?" fragte Yvonne den Angekommenen.

"Einen schlechten Eindruck," erwiderte Hoegl trocken. Die Unterhaltung
belebte sich, wurde aufdringlich laut.

"Psst! Psst!" zischte es aus den gegenueberliegenden Tischen, denn eben
trat die neuengagierte Saengerin auf und trillerte die ersten Laute.

"Ah--a--a--ah--ah--a--a--aa!" sang Hoegl boshaft mit angestrengtester
Kopfstimme nach und der ganze Tisch kreischte hellauf.

"Psst! Psst!" Adam Hoegl entdeckte mit einem fluechtigen Blick drueben in
einer dunklen Ecke Krull mit finsterem Gesicht, wandte sich schnell
wieder weg.

"Ein Tuerteltaeubchen! Ein Taeubchenturtel!" groehlte er sehr laut.

"Ru--u--uhee! Psst!" brummte es noch energischer und empoert gehobene
Gesichter tauchten auf.

"Mistkaefer! Schweinebande!" knirschte Yvonne dumpf in den Tisch und
rief lauter: "Anton zahl'! Wir wollen gehen! Sofort!"

Der Kellner kam eilends herangeflitzt. Sehr geraeuschvoll bezahlte der
Millionaer und die ganze Loge erhob sich. Alle tappten im Gaensemarsch
knatternd auf den Ausgang zu.

"Psst! Psst! Ru--uhe!" surrte es ihnen nach. An der Tuer stand Krull,
verbeugte sich devot und wollte entschuldigen.

"Schon gut! Schon gut! Wir werden's uns merken!" schrie Yvonne und
befahl resolut: "Kommt! Lasst euch nicht aufhalten!" Der Trupp stuerzte
hinaus. "Ich moechte heut' nur Hoegl, Kotlehm und Raming, Anton! Lass die
andern nach Hause fahren! Wir wollen unter uns sein!" sagte Yvonne vor
dem Auto. Der Millionaer rannte auf die anderen Begleiter zu, sagte
ihnen dies, kam wieder zurueck, stieg rasch ins volle Auto und gab das
Zeichen zum Abfahren.

"So sind alle Wirte, weisst du! Pack! Pack!" schimpfte Yvonne waehrend
des Dahinfahrens.

"Eben! Eben!" brummte Hoegl in tiefem Bass.

"Ein solches Miststueck mit ihrem Geplaerr! Na, ich danke!"

"Eben! Eben!" sekundierte Hoegl befriedigt.

Der Maler Kotlehm lachte gewaltsam.

"Und diese Presssackbrueste, pw! Diese Wurstfinger, aeh!" zeterte Yvonne.

"Gulasch! Gulasch mit Kartoffel!" murmelte Hoegl. Man lachte
allenthalben. Yvonne warf ihre Arme hingerissen um Hoegls Nacken und
drueckte ihr kaltes geschminktes Gesicht an seine Wange, kuesste ihn
breit und feucht, dass es schnalzte: "Hoegl, Du bist mein Mann!"

Die Stimmung war wiederhergestellt.

"Was trinken wir?" fragte van Haarskerk.

"Sekt! Sekt!--Ich moechte heute schwimmen im Sekt--und dann Whisky!"
rief Yvonne emphatisch.

Das Auto fuhr surrend durchs Tor.


IV.

Die Dienerschaft war zu Bett gegangen. Es war still. Ueberall herrschte
ein Geruch nach Zigaretten, Parfuem und Alkohol. Man liess sich in die
tiefen, nachgiebigen Fauteuils um den offenen Kamin im Rauchzimmer
fallen. Jener Punkt war erreicht, wo alles oede, langweilig, dumm und
trist zu sein scheint. Die Stimmung war zweideutig und unentschieden.
Es hiess geschickt eine Krise zu vermeiden, die scharfen, vorgeschobenen
Riffe der Ueberreiztheit gewandt zu umsegeln. Noch zwei oder drei
schweigende Minuten und man stand vielleicht auf, gaehnte doesig und ging
zu Bett--oder aber auch Yvonne stiess zufaellig mit dem Fuss wo an,
knirschte gehaessig und schmiss eine Vase kaputt. Es gab Skandal und alles
war verloren, verhunzt. "Ich hab' Hunger," sagte Yvonne bereits bedrohlich.

Adam Hoegl ergriff die Gelegenheit und brummte trocken: "Ein frugales
Mittelstueck! Sehr richtig! Weder Frueh--noch Nachtstueck--ein Mittelstueck,
ein Stueck in der Mitte!" Man lachte lahm. Der Maler Kotlehm und der Lyriker
Raming bewegten sich etwas aufgefrischter: "Ja, das waere nicht dumm!"

"Geht!" befahl Yvonne Hoegl und dem Millionaer. Die beiden waren
aufgestanden. "Komm! Kommen Sie, Herr Kuechenchef! Wir wollen--Na, die
Herrschaften, na--na!?" trompetete Hoegl in seinem breiten Bass, als er
mit van Haarskerk in die Kueche ging. Waehrend der Hausherr eineinhalb
Dutzend Eier kochte, schmierte Hoegl Butterbrote, strich Kaviar darauf,
schnitt Schinken und Seelachs.

Der Sekt war bereits abgekuehlt.

Als er die Glaeser und das Tablett mit den Speisen in das Rauchzimmer
trug, hatte sich Adam Hoegl wieder ganz in der Gewalt und bediente
behend wie ein Servierkellner. Man griff gierig zu, schmatzte. Die
Stimmung hob sich.

"Und ick?!--Ick hock mir ins Klosette rin und kotze alle Spucke
rinn!--rinn!--rinn!--" johlte Hoegl wie ein Grammophon mit waesserigem
Mund. Und: "--rinn!--rinn!--" wiederholte der ganze Chorus.

Zufaellig warf der Millionaer seine Eierschalen in grossem Bogen zur
Decke. Sie fielen in den Spiegel oberhalb des Kamins und zischten
auseinander. Belustigt darueber schleuderte Yvonne ihr Ei in die
glitzernde Flaeche. Benng! klatschte es spritzend auseinander. Einen
Moment gafften alle unschluessig.

"Hoi--j! Hoi--j!" bruellte Hoegl unverbluefft wie ein Ausrufer und warf
ebenfalls sein Ei in den Spiegel. Das gefaehrliche Riff war umschifft.
Alles groehlte mit einem Male mitgerissen. Patsch--Patsch--Patsch!
Jeder warf sein Ei in den Spiegel. Es klatschte um die Wette. Yvonne
schuettelte sich berstend. Adam Hoegl huepfte vor Vergnuegen. Wie doch
alles einfach ist!--"Das ist--um es richtig zu sagen--der Kampf mit
dem Spiegel oder der verspritzte Eidotter auf dem Kamingesims!"
plapperte Raming ruelpsend.

"Hahaha--ha! Der Lyriker wird witzig!" stichelte der Millionaer.

"Der Spiegelkrieg! Das Krieglspielchen! Das Spielchen mit dem
Kriegl-Spiegl!" gluckerte Hoegls Bauchstimme. Ein hemmungsloses
Gelaechter peitschte auf. Man trank ueberschnell und mit vollstem
Behagen. Adam Hoegls Gesicht glaenzte triumphierend. Sehr gewandt
spuckte er seinen Mund voll Sekt zur Decke. Ein dicker Strahl war's.
Im Nu folgten die aendern.

Die Stimmung hatte einen ersten Hoehepunkt erreicht. Es galt, ihn zu
halten. Adam Hoegl begann zu zoten.

--Dem Lyriker Raming gab der Millionaer seit einem Jahr ein Stipendium,
weil Yvonne dessen bastardhaft verfaltetes Gesicht gelegentlich einmal
als "angeilend" bezeichnet hatte. Des Malers Kotlehm vulgaere Schoenheit
entzueckte die Diva dergestalt, dass sie van Haarskerk veranlasste, ihm
ein Atelier zu bauen. Von anderen noch wusste Adam Hoegl, dass sie
betraechtliche Summen wegen eines Witzes oder dergleichen erhalten
hatten.

Und er hatte sich Wasser kuebelweise ueher den Kopf schuetten lassen.

In den Bauch treten lassen!

Und in acht Tagen?--

Raming ruelpste, liess den Kopf haltlos auf seine Brust herabgleiten,
sank zusammen und schlief ein.

"Der ausgewundene Strumpf zieht sich in die Vorhaut zurueck!" rief Hoegl
breit, ueberpruefte unbemerkt die Gesichter der aendern.

"Die Inspiration kommt im Schlaf!" warf der Millionaer beilaeufig him.

"Weisst du, Anton," sagte die Diva schnell und aufgeraeumt, "ein
Spielchen waere jetzt richtig angebracht!"

"Ein Bakkarat?--Ja, das waer' jetzt sehr nett!" sagte der Maler Kotlehm
ebenso.

"Sehr richtig! Gewiss die Damen! Gewiss die Herren! Die Dammenherren,
die Herrendammen!" plapperte Hoegl und verbeugte sich wie ein Lakai:
"Adam Hoegl uebernimmt die Saufregie, bitte, bitte meine Herrschaften,
bitte!"

Das Schnarchen Ramings saegte friedlich und gleichmaessig. Yvonne,
Kotlehm und der Millionaer setzten sich um das Spieltischchen, legten
die Banknoten in die Mitte.

"Prost, Herr Kunstmaler, Herr Kotstengel!" rief Hoegl haemisch, hob das
volle Sektglas und schluckte hastig den ganzen Inhalt hinunter.

Van Haarskerk gab die Karten.

Hoegl, der nicht spielen konnte, ging auf und ab und bruemmelte leise
singend vor sich him. Von Zeit zu Zeit lugte er fluechtig auf den
getuermten Haufen der Banknoten, die sich in der Tischmitte sammelten.
Laessig zog man die Scheine weg oder warf neue him.

Mattblauer Tag lag schon auf den Gesimsen. Die Gaerten draussen
bleichten. Stare zwitscherten leise auf. Tau stieg von der Erde hoch.
Unbehaglich tappte Adam Hoegl auf und ab, schielte manchmal auf die
Spieler, dann wieder durch die Fenster.

Laestig! Die Umstaende hatten einen kaltgestellt. Alles entglitt
wieder.--Jetzt verspielte Kotlehm. Erwar darauf gekommen, an jenem
Abend im abgedaempften Hinterraum des "Paradies-Kasinos", dass man auch
in den Bauch stossen koennte. Adam Hoegl umspannte ihn unbemerkt mit
seinen duesteren, hassenden Blicken.

"A--ah--ach!" stiess van Haarskerk mit boshafter Befriedigung heraus,
als der Maler abermals einen Geldschein auf den Tisch warf.

"Prost!" rief Hoegl schadenfroh.

"Donner und Doria!" lachte der Maler etwas nervoes und legte die Karte
auf den Tisch. Abermals Hundert!

Adam Hoegl liess eine saftige Zote vom Stapel. Yvonne lachte.

Wie um sich zu wehren, nahm Kotlehm das Glas und schrie feldwebelmaessig:
"He! Kuli! Einschenken!" Adam Hoegl schoss das Blut zu Kopf. Aber er fasste
sich schnell und hob die Karaffe: "Besser zielen!--Vorbeigeschissen!" Er
zitterte ein wenig, als er eingoss und schuettete daneben.

"Hehe! Du! Kuli!" schrie Kotlehm und stiess ihn in den Bauch. Erquickt
schnellte der Millionaer auf, nahm ihm die Karaffe. Adam Hoegl zog
verwirrt die Schultern hoch. Van Haarskerk lachte stossweise und
schuettete den Rest ueber seinen geduckten Schaedel. Eiskalt rann der
Sekt den Ruecken herunter.

Adam Hoegl raffte seine letzen Kraefte zusammen. Ratlosigkeit, Wut und
Verzweiflung standen auf einmal da. Wie von schwirrenden Peitschen
umsummt brummte der zerruettete Kopf.--

Er drohte zu fallen, drueckte noch einmal mit ganzer Gewalt den Bauch
heraus und grunzte endlich wieder. Wieder bellte das Gelaechter.

Der Maler Kotlehm sprang auf und fuchtelte mit den Armen herum wie ein
peitschenschwingender Tierbaendiger.

Das Spiel war zerrissen. Die neue Sensation hatte die Langeweile im Nu
ausgeloescht. Man umtanzte, umjohlte Adam Hoegl, der wie ein blinder Baer
herumtappte. Gutgezielte Stoesse sausten in dessen Bauch. Van Haarskerk
kam mit einer gefuellten Karaffe, schuettete, goss, goss.

Adam Hoegls Schuhe pfiffen.

"Schurken! Sadistische Hunde!" schrie Yvonne machtlos in den
betaeubenden Laerm. Raming hob schlaefrig den Oberkoerper und liess sich
wieder zurueckfallen. Das wueste Gebruell zerspaltete die verrauchten
Baeume. Zwischendurch gluckste wie das Roecheln eines Verendenden Hoegls
Bauchstimme.--Heute noch! Noch einmal! Dann war vielleicht die
Rettung da. Man war geborgen. Eine Nacht Wasser ueber den Kopf--und
keine Misere mehr.--

Die Hose platzte, als er sich bueckte. Kotlehm riss das Hemd heraus.

"Hoij! Hoij!" zischte es von allen Seiten. Man nahm Hoegl in die Mitte
und stampfte durch den Wintergarten ins Freie. Schwerfaellig, plumpsig
bewegte sich der Tross an den ersten Gemuesebeeten vorbei. Der Millionaer
schob hinten, Kotlehm zog und zerrte an den Armen Hoegls. Yvonne
kreischte unaufhoerlich.

"A--ahach Mensch, lass mich doch schnaufen!" stoehnte Hoegl und riss
seinen Mund weit auf. Dicker Schweiss rann ihm herunter.

"Hoij! Hoij!" schrie es wieder. Zog, zerrte. Adam Hoegl prustete,
hauchte. Der Maler Kotlehm riss einen Rettich aus dem Gemuesebeet und
stopfte ihn mit aller Gewalt in Hoegls Mund.

Die Zaehne krachten. Der Schlund kaempfte gegen das Ersticken. Blau lief
der Kopf an. Adam Hoegl stemmte sich wuergend, spuckte, erhob beide Arme
furchtbar, stiess in die leere Luft. Es war auf einmal frei um ihn. Wie
Kettenlast fiel etwas ab. Der wachgewordene Koerper straffte sich, als
renne er stahlhart gegen eine Wand und stiesse sie durch.

So leicht atmete es sich.

Eine grosse Stille stand unfassbar weiss ringsherum.--

Nach langer Zeit, als er die Augen oeffnete, saugte die Kaelte der
feuchten Erde an allen seinen Gliedern. Er lag langgestreckt in einem
Gemuesebeet. Schmutz und Blut klebten auf seinen zerschundenen Wangen.
Er schloss den Mund, schluckte. Die Gurgel wuergte. Ein wuester Ekel
stieg vom Magen auf.--

Wie eine gemeine, gruene Qualle hockte das Haus in den zertrampelten
Beeten. Das zaertliche Rot des fruehen Tages beleckte die Fenster, die
ausdruckslos vor sich hinglotzten. Es roch nach Verwesung.--

Taumelnd sprang er auf und rannte entsetzt aus dem Garten. Schwankend
wie ein Wrack trieb er ueber die Wiesen, der Stadt zu. Eine graessliche
Schwaeche fieberte in ihm. Angstvoll schleuderte er zuletzt seine Fuesse
nach vorne, lief, lief, was er konnte.

Erst als er die ersten Haeuser erreicht hatte, hielt er inne und wischte
sich aufatmend Kot und Blut aus dem Gesicht.

Ruhig und nuechtern griff die Strasse aus. Arbeiter gingen vorueber und
beachteten ihn kaum. Sie bewegten sich und redeten wie Menschen, die
nichts anficht. Es stroemte eine seltsame Festigkeit aus ihren Gebaerden
und Worten.

Verlassen, nutzlos, ein jaemmerlicher Wicht stand Adam Hoegl da.
Unerbittlich brach die Scham der letzten Wochen aus ihm, stieg, stieg.
Bettelnd, hilflos blickte er auf alle Menschen.

Endlich gab er sich einen Ruck und ging wieder weiter. Sein Gesicht
bekam langsam eine groessere Ausgeglichenheit. Fester, entschlossener,
mit dem erleicherten Ernst eines Menschen, der sich durch eine grosse
Erschuetterung die Ruhe wieder zurueckerobert hat, schritt er fuerbass.--




ABLAUF


I.

Man sagt, wenn sich die zwanziger Jahre aus einem Menschenleben
winden, fangen die Reibungen an zwischen natuerlichem Denken und
dunklem Trieb. Es beginnt ein Aufruhr im Innern. Ueber die Daemme, die
die Erziehung notduerftig aufgebaut hat, bricht das Blut und je nach
der Festigkeit des Betroffenen folgt einer solchen Krise eine
Zerruettung, ja nicht selten ein zeitweiser gaenzlicher Zusammenbruch
und nur langsam, unter Weh und Qual, stellt sich das Gleichgewicht
wieder ein.--

Gluecklich derjenige, der von frueh auf Menschen, Buecher, Winke,
Erfahrungen und Anleitungen kennenlernte, die seinen Horizont
erweiterten und ihm einigermassen dazu verhalfen, solchen
Erschuetterungen nicht ganz wehrlos zu begegnen.

Alle aber, die von Kind auf nichts anderes kennenlernen, als dass
dieser oder jener geschickte Handgriff, diese Finte oder jene schwer
erlernbare Koerperhaltung die Muehe der Arbeit erleichtern, haben wenig
Zeit, sich gegen solche innere Ueberfaelle zu wappnen. Es ist wahr, auch
sie ueberwinden. Aber sie leiden mehr darunter und werden aerger
mitgenommen von solchen Qualen. Der Schmerz faellt hier mit schwererer
Wucht nieder auf arglose, unvorbereitete Herzen. Die Jahre verfliessen
verbraucht und wenig sinnvoll fuer solche Menschen. Sie stehen meist
unvermerktmitten im Gestruepp ploetzlich hervorbrechender Gefuehle,
kaempfen blindlings gegen ihre Daemonie, werden ueberwaeltigt davon und
fallen schliesslich in gaenzliche Lethargie.--

Johann Krill fiel so in den Rachen der Welt.

Sein Vater war Zimmermann auf einem Dorfe, seine Mutter Bauernmagd.
Auf einmal war dieses Kind da und man musste notgedrungen heiraten. Man
frettete sich gerade so durch gegen Taglohn. Wenn das Akkordmaehen zur
Erntezeit anfing, war es am besten. Zimmererarbeiten gab es wenig. Hin
und wieder Baumfaellen und Holzspalten im staatlichen Forst, das war
ziemlich alles.

Es hiess eben: "Nicht krank sein!" und "Sich nach der Decke strecken!"
--Kinder solcher Eltern, noch dazu "ledige", haben nichts Gutes bei den
Bauern. Es heisst aufstehen mit den Knechten um vier Uhr frueh, zugreifen
und den anderen an Flinkheit nichts nachgeben und den Mund halten. Die
Knochen schmerzen am Anfang, aber das verliert sich mit der Zeit.--

Nach seiner Schulentlassung kam Johann zu einem Schlosser im nahen
Marktflecken zur Lehre. Jetzt waren es Hammerstiele und Eisenstangen
oder Wellblechstuecke, mit denen man warf oder zuschlug. Und wehe, wenn
der Vater eine Klage hoerte! Sein Ochsenziemer, der stets neben dem
Handtuch am Ofen hing, war furchtbar.

Nun, es kam schliesslich die Gesellenpruefung und der Achtzehnjaehrige
ging auf die Wanderschaft. Als gutgelernter, sehniger Arbeiter landete
er dann nach ungefaehr fuenf Jahren in dieser Stadt und fand Stellung in
einer Fabrik. Es war ein Riesenwerk, man verdiente gut und hatte keinen
schweren Posten geschnappt.

An einem Abend--es war Sommer und Samstag--kam Johann in seinem Zimmer
an, wusch sich, zog seinen Sonntagsanzug an und steckte Geld zu sich.
Er bummelte erstmalig wie ein freier Mensch in aufgefrischter Stimmung
durch die Strassen, besah sich das bunte Treiben, trank in verschiedenen
Lokalen und als diese geschlossen wurden, trottete er, auf einmal
merkwuerdig ueberwach und unruhig, die "Fleischgasse" auf und nieder.
Diese Strasse hiess eigentlich "Fleuschgasse", getauft nach dem
Namen eines verdienten Ehrenbuergers der Stadt, aber seitdem die
Polizei verfuegt hatte, dass sich nur hier die professionellen
Prostituierten auf und ab bewegen durften, hatten Volksmund und ueble
Nachrede den harmlosen Namen "Fleusch" in den anzueglichen "Fleisch"
umgewandelt.

Johann Krill brauchte sich nicht sonderlich anzustrengen. Schon nach
kurzer Zeit redete ihn eine suessliche Stimme an und besinnungslos
folgte er. Zum erstenmal in seinem Leben fiel der junge Mann in eine
vollkommene Verwirrung. Eine ganz fremde Luftschicht umschwelte ihn.
Er wusste nicht mehr, ging oder schwebte er. Durch all seine Glieder
flog und flammte es. Er sah alles doppelt, hoerte jedes Geraeusch wie
aus weiter Ferne und wusste nicht, was es war. Wie ein Hitzklumpen fiel
sein Koerper auf eine schwammige Teigmasse und ertrank darin. Es biss
sich jemand fest an ihm. Es lachte.

Langsam kehrte alles wieder zurueck, wurde deutlicher und war ein
gruenliches Zimmer, ein Gesicht, das breit auseinandergeflossen vor ihm
lag.

Schliesslich, als er die Besinnung wieder hatte, verzog auch er das
Gesicht zu einem Lachen, wollte reden, begann zu schlottern, schmiss
seinen Kopf in ihre Brust und verschluckte das Weinen.

Erquickt darueber presste ihn das Maedchen wild an ihre Brueste, nahm
seinen zerwuehlten Kopf und hob ihn auf, zog ihn kosend immer wieder an
ihren dicklippigen Mund und kuesste ihn unausgesetzt, dass er zuletzt
gaenzlich machtlos mit sich geschehen liess und auf einmal weinerlich
und wimmernd anfing, sein Leben zu erzaehlen. Stockend kamen ihm die
Worte, so, als besinne er sich immer erst, bevor er sie ueber die
Lippen lasse. Und beruhigt, fast ein wenig staunend sass das halbnackte
Maedchen da und hoerte zu. Aber auf einmal stockte es wieder--und endete
und wieder griffen seine Arme aus, er umspannte sie, riss und zerrte an
ihr, dass sie aufkreischte.

"Nimm alles! Tu alles!" murmelte er verhalten, als sie seine Geldboerseaus
der Hose zog, draengte es ihr auf, dieses Geld, und beleckte ungeschlacht
ihren ganzen Leib wie ein durstiger Hirsch.

Und nicht nur das. Ploetzlich klang sein Gemurmel wieder weinerlich und
in einem fort stoehnte er: "Du! Du! Ich hab dich so gern! Du--du! Ich
moecht dich heiraten. Ich arbeit', ich mach' alles. Du hast es gut bei
mir! Du! Du!"

Anfaenglich schien es, als belustige sich das Maedchen ueber ihn. Sie zog
ihn an den Haaren und kitzelte ihn lachend. Dann aber, als seine
Wildheit immer mehr anschwoll und seine Zuege einen fast irren,
duesteren Ausdruck annahmen, liess sie das Spielen. In ihren schlaffen
Koerper stieg mit einem Male eine Waerme. Ueberwaeltigt, zuckend sank sie
zurueck, ihn umfangend. Sie, ueber die vielleicht Hunderte
hinweggegangen waren, umschlang diesen plumpen, ungeschlachten
Menschen und kuesste ihn mit dem ganzen, hingegebenen Ernst echter
Liebe....

In der Fruehe nach dieser wuesten Nacht rannte Johann in seinen
Sonntagskleidern zur Fabrik, wankte wie betrunken durch das zufaellig
offene Tor und erschrak derart, als ihn der Portier anrief und fragte,
was er denn an einem Feiertag hier wolle, dass er sich wie ein
ploetzlich ertappter Dieb umdrehte und wortlos davonjagte. Er lief
durch die Strassen mit eingezogenem Kopf, ging wieder langsamer, setzte
sich in irgendeine versteckte Nische und hielt seinen erhitzten Kopf
fest. Immer wieder muendete er in die "Fleischgasse", wagte es aber
nicht, hinaufzugehen zu seiner auf so eigentuemliche Weise gewonnenen
Geliebten. Der Abend kam. Die Nacht fiel herab und er stellte sich an
die Ecke, wo er sie getroffen hatte, wartete und wartete. Und es
geschah etwas, was niemand gedacht haette, etwas, was ebenso
unglaubwuerdig wie wunderlich klingt--: Anna kam nicht. Sie stand an
keiner Ecke, war ueberhaupt nicht auf der ganzen Strasse zu sehen. Sie
lag droben--so wie er sie verlassen hatte--im Bett, verstoert,
zerbrochen und bekam erst wieder voelliges Leben, als er nach langem
Kampf und mit vielen Finten zu ihr gelangt war.

Aufgefrischt schwang sie sich aus ihrer Lagerstatt, streichelte ihn
zaertlich und begehrend und sagte zuletzt mutterguetig: "Ja, dich moecht
ich heiraten."

Beide standen benommen voreinander, ein jedes zitterte und sagte
nichts mehr.--

Seit dieser Zeit hasste man Johann in der Fabrik. Er verhielt sich wie
voellig verstummt und hatte stetsein Gesicht, als wolle er die ganze
Welt umbringen. Er arbeitete fuer drei. Und jeden Tag verliess er fast
fluchtartig nach der Arbeit die Fabrik und kam zu Anna. Als es endlich
ruchbar wurde, dass er sich verheiraten wolle und man es ihm sagte, ihn
beglueckwuenschte und leichte Anzueglichkeiten machte, wurde er rot his
hinter die Ohren und schlug verwirrt die Augen nieder.

"Ja! Ja!" schrie er dann auf wie ein bruellendes, gereiztes Tier, dass
die Fragenden halb veraergert und halb verbluefft "Oho!" herausstiessen
und sich alle mit ihm verfeindeten.

Alle wunderten sich, dass er gar keine Anstalten zur Hochzeit traf. Er
hielt bei keinem seiner Arbeitskollegen um die Brautzeugenschaft an.
Finster hockte er waehrend der Vesperzeit da und starrte dumm ins
Leere. Niemand wusste, ob er um einen freien Tag zur Erledigung seiner
Verehelichung gebeten hatte.

Drei Tage vor seiner Hochzeit kam er nicht mehr und wurde entlassen,
weil er auch kein Entschuldigungsschreiben schickte.--

II.

Die ersten Wochen der Krillschen Ehe verliefen--wenn man so sagen
darf--unterirdisch gluecklich. Mit Hilfe Bekannter fand Anna schon
einige Tage vor ihrer Hochzeit eine annehmbare, freundliche
Dreizimmerwohnung in einem anderen Viertel. Mit den Ersparnissen
Johanns wurden Moebel auf Teilzahlung beschafft und zum Schluss hatte
man, weiss Gott wie, noch Geld uebrig. Man sah das Paar nicht mehr in
der alten Gegend. Ausserdem vermied es Johann auf der Strasse, Leuten,
die er zu kennen glaubte, zu begegnen. Furchtsam wich er aus, machte
grosse Bogen vor frueheren Bekannten, ja, scheute sogar nicht,
ihrethalben grosse Umwege zu machen. Zu Hause erst, in der Verborgenheit
der vier Waende, kam Beruhigung ueber ihn. Mit zufriedenem Gefuehl
durchtappte er immer wieder die Raeume und bestaunte seine Habschaften
und am Ende stand er stets mit verschwommenen Augen vor seinem staendig
adrett gekleideten, beweglichen Weib.

Vorerst dachten die beiden nicht ans Verdienen. Mit tausend
Kleinigkeiten verzettelten sich die Tage. Es gab kein geregeltes
Dahinleben mehr, keine bestimmte Mittagszeit, kein Weckerlaeuten in der
frischen Fruehe, keine Muedigkeit am Abend. Die Nacht war kurz, laestig
kurz und oft noch um zehn Uhr vormittags verduesterten die
herabgezogenen Jalousien das dumpfige Schlafzimmer. Und man blieb
liegen und liegen.

Mit der bewussten Neugier, mit der wilden, noch einmal voellig
auflodernden, durstigen Liebe erfahrener Frauen, ueber die das zu fruehe
Altern schon ihre ersten Schatten geworfen, liebte Anna Johann. Jede
ihrer Bewegungen, jedes Wort waren eine stumme, begehrende Aufforderung.
Ihre Naehe benahm den Atem, zerruettete die eben gefassten Gedankengaenge.
Wie eine warme, unsagbar wohltuende Gischtwelle ergoss sich ihre
Atmosphaere unaufhoerlich ueber Johann.

Er _war_ nicht mehr!

Zerschmolzen, zerronnen liefen die Zungen seiner Brunst ohne Unterlass
ueher das Meer ihres Koerpers.

Die Zeit war weggeweht, alles schwirrte, rann, floh.--

Erst ganz langsam wieder festigte sich seine Gestalt, stueckweise
beinahe. Und es schien, als seien es andere Teile, die sich nun
vereinigten. Ein immer klarer werdendes Begreifen keimte auf, wuchs
ohne Ueberstuerzung, vermittelte Halt und Festigkeit. Alle Scheu, alle
Furcht und Unsicherheit wichen. Auf einmal war Johann Krill ein
anderer.

Jetzt erst kam ihm die Besinnung. Jetzt erst war er eigentlich
verheiratet, hatte ein Fundament, besass Weib und Moebel und so weiter.

Er erinnerte sich genau. Es war nirgends anders. Im Dorf nicht. In der
Stadt nicht. Es war immer das gleiche. Der Bauer, bei dem er zuletzt
auf dem Dorfe war, hatte drei Toechter. Ringsum standen groessere und
kleinere Haeuser.

"Dahinein gehoerst du, das ist was Handfestes," liess er einmal beim
Abendessen fallen, der Bauer, und deutete dabei auf den maechtigen
Grillhof hinueber. Und die aeltere Tochter sah ihn ohne Verblueffung an
und sagte: "Der Grillhans braucht bloss kommen." Zur Erntezeit liess man
die aeltere Tochter daheim und an einem Abend sagte sie: "Hat schon
geschnappt!" Etliche Wochen spaeter gab es eine saftige Hochzeit.

"Ein' schoene Sach', Hans, ein schoener Hof. Der ist so einen Brocken
Weib wert," lachte der Bauer bei der Hochzeit und schaute seinem
Schwiegersohn in die Augen. Und: "Ja--ja, hast mir's ja auch leicht
gemacht," brummte der Grillhans bierselig.

Dann kamen die beiden anderen Toechter an die Reihe. Bei der einen
vollzog sich die Sache leicht, und bei der juengsten, die etwas
hochnaesig war, ging es schwerer. "Herrgott, Rindvieh!--um so einen Hof
ziert man sich doch nicht so! Besinn dich nicht so lang', sag' ich!"
bruellte der Bauer sie an und als zufaellig an einem der darauffolgenden
Abende der gewuenschte Werber kam, sagte er zu diesem: "Bleib nur
beieinander mit der Zenz. Wir legen uns nieder."

Und Bauer und Baeuerin gingen schlafen.

"Ist's so weit?" fragte der Bauer beim Mittagessen andern Tags seine
Tochter. Und diese sagte nickend: "Im Fruehjahr, meint er. Er will noch
den Stall bauen lassen."

"In Gottesnamen, die paar Monat' sind gleich vergangen. Meinetwegen!"
brummte der Bauer und die Sache nahm ihren gewoehnlichen Verlauf. Im
Fruehjahr gab es wieder eine breite Hochzeit.--

Es war also nirgends recht viel anders. Johann Krill war mit dieser
Erkenntnis zufrieden. Das Neue, das Unerwartete, was ihn einmal in
Brand und Aufruhr gesetzt hatte, war verloschen. Ohne Staunen stand er
nunmehr auf dem Boden der Welt und achtete nichts mehr auf ihr.
Kurzum, er wurde--gemuetlich. Kam eine angenehme Sache, war es gut, kam
sie nicht, war es auch gut.--

An einem Nachmittag, als sie beim Kaffeetrinken in der Kueche sassen,
sagte Anna: "Es wird Zeit, dass wir wieder um Verdienst schauen."

Und Johann nickte stumm. Er begann wieder Stellung zu suchen.

Umsichtig und resolut wie sie war, machte sich aber auch Anna auf die
Suche und an einem Tag kam sie freudig an und sagte: "Die Rienken will
mich fuers Buefett. Ich kann gleich anfangen, sagt sie. S'ist ein gutes
Lokal.--Was meinst du?--Unser Geld ist weg und mit einer Stellung fuer
dich wird's noch eine Zeitlang dauern. Jetzt kannst du auch mit aller
Ruhe suchen."

Das leuchtete ein. Johann nickte wieder.

"Die Rienken? Wo ist denn das?" fragte er dann weiter.

Anna begann von einer Bar "Tip-Top" zu erzaehlen.

"In der Quergasse," berichtete sie geschaeftiger, "die Rienken kenn'
ich schon lang. Ist eine nette Person. Es verkehren massenhaft Gaeste
dort, nur bessere Leute. Nicht so allerhand, von Hinz bis Kunz. Lauter
Stammgaeste... Na, was sag' ich--Fabrikbesitzer, Beamte und so Leute.
Wer weiss, man kann ein gutes Geld machen, braucht sich nicht
abzuschinden und kann schliesslich auch fuer dich was ausfindig
machen,--wie meinst du?"

Johann Krill glotzte stumpf in ihre Augen.

"Na, so hoer doch, du--Patsch, hoer doch!--Und die Rienken ist eine gute
Person, steht zu einem," redete Anna weiter und ruettelte ihren Mann
schmeichelhaft, begann wieder ihr siegendes Lachen und kuesste ihn.

"Das ist--also wieder--das Alte," sagte Johann endlich. Nachdenklich,
schwerfaellig.

"A--aber geh doch, Tolpatsch! Keine Rede davon! Wer sagt denn _davon_
was! Ich bin doch nur hinterm Buefett--nu ja, nu ja, wenn schon einer
mal zu tappen anfaengt und mir ein Glaeschen bezahlt, Herrgott--das ist
doch kein Weltuntergang," beruhigte ihn Anna und fuhr fort: "Sieh
mal--Ware sind wir nun ein fuer allemal, ob so oder so--ob du in die
Fabrik gehst oder ob ich--was anderes mache. Es kommt immer nur darauf
an, dass wir uns die Sache moeglichst leicht machen, dass wir noch was
wegschnappen fuer unseren Komfort!"

Johann Krill hatte jetzt ein wenig klarere Augen. Es war etwas wie ein
aufgegangenes Licht auf seinem Gesicht. Er nickte.

"Stimmt schon," sagte er.

"Also sag' ich der Rienken, dass ich komme?" fragte Anna.

"Ich muss dann auch was suchen," gab Johann statt jeder Antwort zurueck.

"Ach, du bist ja verdreht!--Ja freilich, freilich,--sofort denkt er,
er muss nun wieder rackern von frueh bis spaet und fuer die Familie
sorgen! Ach du, du!" lachte Anna und knuellte seinen Kopf in ihre Brust.

Jeden Nachmittag um vier Uhr ging Anna nunmehr zur Bar "Tip-Top" der
Sylvia Rienke. Spaet in der Nacht kam sie stets nach Hause, roch nach
Zigaretten und Alkohol. Manchmal war sie auch leicht betrunken,
brachte allerhand zu essen und zu trinken mit, und dann sassen die
beiden Eheleute nicht selten his zum Morgengrauen in der besten Laune
beisammen und liessen sich's gut gehen.--

In der letzten Zeit war Johann Krill etwas einsilbiger. Er sass meistens
in Hemdsaermeln im Schlafzimmer und schien schwerfaellig immer ueber das
gleiche nachzudenken.--

Ja, alles war ausgeloescht. Langweilig und trist vertropften die
Stunden. Es war ungemuetlich. Wenn man den ganzen Tag in der Fabrik
arbeitete, verging wenigstens die Zeit schneller.

Aber Anna zerstreute ihn immer wieder.

Wenn sie nachmittags weggegangen war, verliess auch er die Wohnung und
lungerte entschlusslos in der Stadt herum oder setzte sich in
irgendeine Kneipe. Und jetzt, da er sich alleingelassen sah,
unterhielt er sich auch wieder mit seinesgleichen.

"Maschinenschlosser?" fragte ihn eines Tages ein aelterer Arbeiter am
Kneipentisch.

"Ja," antwortete Krill. "Eventuell auch zum Maschinisten zu
gebrauchen?"

"Bei Schall und Weber war ich Maschinist."

"Mensch, bei uns sucht man solche. Geh hin. Du kannst sofort
anfangen," erzaehlte der Arbeiter und ueberpruefte Krill.

Der nickte.

Etliche Tage nachher schlief Johann schon, als Anna heimkam. Sein
Gesicht war russig. Er schwitzte. Anna wollte ihn aufwecken, aber er
drehte sich schlaefrig um und schnarchte weiter. Veraergert legte sie
sich ins Bett.

In der Fruehe, als ploetzlich der Wecker schrillte, schrak sie empor und
sah erstaunt auf ihren Mann, der sich eben wusch.

"Arbeitest du denn wieder?" fragte sie.

"Ja."

"Dumm!--Ich haette jetzt etwas fuer dich.--Ein schoener Posten," sagte
sie und richtete sich vollends auf im Bett.

Einige Augenblicke stummten sie einander an.

"Der Fabrikmensch, der immer Schwedenpunsch schmeisst, hat mir's
versprochen ... Lass doch das andere fahren, da verkommst du ja bloss,"
begann Anna wieder und wollte eben aus dem Bett springen.

"Jetzt ist's schon wie's ist!" knurrte er und ging.


III.

Es gab Aergerlichkeiten bei Krills. Dadurch, dass nun auch Johann seiner
Arbeit nachging, vernachlaessigte der Haushalt. Anna, die oft erst
gegen zwei oder drei Uhr nach Hause kam, schlief bis tief in den
Mittag hinein. Schliesslich meldeten sich die Wanzen. Man putzte,
schrubbte, streute uebelriechende Pulver aus. Aber es half nichts. Es
war unertraeglich zuletzt.

"Das ist eine verschobene Sache, wenn du ins Geschaeft gehst und hier
muss alles verkommen," sagte Johann zu Anna.

"Fuer wen tu' ich's denn?--" erwiderte sie, "man braucht soviel und die
Loehne sind zum Verhungern."

Sie kam schliesslich auf alles zu sprechen. Dass man sich doch nicht
umsonst von unten herausgewunden habe, dass man doch nicht zu den
Naechstbesten gehoere und man muesse jetzt eine neue Wohnung haben. Was
der Umzug schon koste! Alles klang wie ein zaghafter Vorwurf.
"Warten haettest du sollen. Der Herr mit dem Schwedenpunsch ist so
nett. Du koenntest da gut unterkommen."

Eine Zeitlang ging es auf solche Weise hin und her. Johann war die
ganze Rederei schon widerwaertig.

"Was du doch alles erzaehlst! Sind wir denn weiss der Teufel was?!"
sagte er endlich fester: "Mein Vater hat sein Leben lang gearbeitet.
Meine Mutter stand noch mit siebzig Jahren frueh um vier Uhr auf--und
wir, wir bilden uns auf einmal ein, etwas Besonderes zu sein!" Waehrend
des Redens schon bekam sein Gesicht langsam eine bestimmtere Haltung.

Schliesslich, als aller Spruch und Widerspruch allmaehlich erlahmte,
einigte man sich aber doch, und Johann willigte beilaeufig ein, sich in
der Fabrik des Herrn, der bei der Rienken jeden Abend Schwedenpunsch
bezahle, vorzustellen.

Mit jedem Tag wurde er nun auch missvergnuegter. Es gefiel ihm nicht
mehr in seiner Fabrik. Er wurde muerrisch gegen jedermann und kam
zuletzt ploetzlich nicht mehr. Nach einigen Tagen stellte er sich in
dem anderen Betrieb vor. Er wurde merkwuerdig freundlich empfangen und
ging besinnungslos darauf ein, Nachtschicht zu machen.

Anna behandelte ihn zaertlicher als je, wenn er fruehmorgens ankam.
Nicht lange darauf fand sie auch eine Wohnung im dritten Stock des
Rienkeschen Hauses und alles machte einen gluecklichen Anlauf. Sie
brachte jetzt immer mehr mit. Pasteten, kalte Huehnerschenkel, Blumen,
Zigaretten, halbe Flaschen Wein, ja zuletzt sogar Stoffe, Halsketten,
einen Ring.

Sie war in der froehlichsten Laune jedesmal und erzaehlte von diesem und
jenem Herrn, von den guten Gaesten bei Rienkes und konnte sich nicht
genug tun, den Chef Johanns zu loben.

"Und was ich dir sage--er ist ein Mensch, der das Leben kennt. Er ist
fuer die Arbeiter. Er laesst leben neben sich," plauderte sie.

Und Johann laechelte hoelzern und sah auf ihre Brueste, die schwammig und
verbraucht nach unten sich sackten.

"Ist fuer die Arbeiter--?" sagte er und sah sie dumm an.

"Ist ein anstaendiger Mensch. Keiner von den Ausnuetzern, gar nicht so
eingebildet und hochnaesig--und fidel, sag ich dir, fidel,--na ich
danke, wenn der anfaengt. Man kann sich schief lachen," erwiderte Anna
und lachte auf, als erinnere sie sich an etwas sehr Drolliges.

"Und--der gibt dir--so--solche Sachen?"

Annas Mund zuckte ein wenig. Sie schlug schnell die Augen nieder und
fand das Wort nicht gleich.

"Hmhm," brachte sie dann heraus und schluckte etwas hinunter, setzte
rasch hinzu: "Und die Rienken ist so nett zu mir."

"So," brummte Johann nur noch, "nu ja, es geht immer rundum."

Dann legte er sich schlafen.

Am Abend schluepfte er in seine Sonntagskleider und ging nicht in die
Fabrik. Er durchwanderte etliche Male die Quergasse und trat dann in
die "Tip-Top"-Bar.

Es ging bereits fidel zu. Einige Herren in modischem Anzug sassen vorne
am Buefett auf den hohen Stuehlen und saugten an den Strohhalmen, die in
schlanken gefuellten Glaesern mit glitzerndem Eis staken. In der einen
Ecke spielte ein Befrackter Klavier und ein hagerer Geiger begleitete
ihn. In den Nischen, die mit kuenstlichem Efeu zu Laubengaengen
hergerichtet waren, tuschelte es und hin und wieder zirpte ein
schrilles Auflachen aus ihrem Dunkel. Eben wollte eine hochbusige
duftende Bedienerin mit zuvorkommender Freundlichkeit auf Johann
zueilen. Da auf einmal schrie es aus einer Nische: "Um Gotteswillen,
Hans!" Und ein hurtiges Getrampel und Knarren wurde hoerbar.

Johann wandte schnell den Kopf dahin und sah hinter einer dichten
Weinflaschenparade das pralle, runde, kleinstirnige Gesicht seines
Chefs, die Rienken und das totenblasse, entsetzte Gesicht seiner Frau.
Die Koepfe der drei hingen auseinander wie schwere Dolden. Geradewegs
ging Johann auf sie los und liess sich in einen der gepolsterten Stuehle
an ihrem Tisch fallen.

Eine peinliche Stille trat ein. Jeder hielt jetzt fassungslos den Atem
an. Nur Johann schien sicher zu sein.

"Ich bin nicht zur Schicht gegangen, Herr Hochvogel--ich hab' einen
Hoellendurst, ich koennt' ein Meer aussaufen," sagte er ohne sichtliche
Erregung und laechelte schnell. Das loeste eine Entspannung aus. Man
atmete wieder und nahm langsam die gewoehnliche Haltung an. Der
Fabrikherr schnitt ein malitioeses Gesicht. Er suchte sich zu fassen
und griff zum Weinglas.

"Heiss ist's hier," sagte Johann wieder.

"Nicht zur Schicht? Aber Johann!?" brachte nunmehr Anna heraus. Die
Rienken erhob sich und verliess den Tisch.

"Das macht doch nichts, oder? Herr Hochvogel, macht das was aus?"
fragte Johann den Fabrikherrn.

"Na--wissen Sie, meinetwegen,--wir wollen einige gute Schoppen
heben--ich kann's verstehen,--ich drueck' gern ein Auge zu--bei Ihnen,
Herr Krill.--Sie sind mir gut--sie arbeiten zuverlaessig, da--da--da
uebersieht man auch mal einen Seitensprung, Prost!" sprudelte der
Fabrikherr verlegen. Die Worte flossen schnell, fast aengstlich aus
ihm, so, als waeren sie wunderliche Ziegelsteine, mit denen man im Nu
eine schuetzende Mauer um sich schliessen koennte.

"Zu guetig," lispelte Anna bereits.

Und Herr Hochvogel goss das Glas der Rienken voll und schob es behend
dem Arbeiter hin: "Da, trinken Sie!"

Die aergste Gefahr schien behoben zu sein. Man konnte es an den
allmaehlich sich wieder aufheiternden Gesichtern sehen. Auch die Wirtin
kam wieder an den Tisch und der Fabrikant bestellte in einem fort.

Johann beachtete das Getue Hochvogels mit seiner Frau auch nicht
weiter. Er trank in vollen Zuegen und wurde immer lustiger, lachte und
machte hin und wieder einen dreisten Witz. Dadurch wurde auch Anna
kuehner. Sie wich nicht von der Seite des Fabrikherrn und streichelte
ihn ein paarmal kosend, warf belustigte Blicke zwischen den beiden
Maennern hin und her.

"Hab ich nicht gesagt, Hans, dass er ein netter Mensch ist?" sagte sie
uebermuetig und lachte piepsend.

"Ein netter Me--ensch! Ein sehr netter Mensch! Ein Goldmensch!"
bruemmelte Johann schon etwas betrunken und summte weiter: "Verbringt
das Geld so gemuetlich, so--so--so--" Er wankte bereits him und her und
ruelpste ungeniert in den Tisch. Glaesern standen seine Augen. Die
anderen kicherten.

"Hat ihn schon maechtig," hoerte er Hochvogels Stimme.

"Na, na! Herr Krill, na--!" rief die Rienken.

Johann hob den schweren Kopf und glotzte auf das verschwommene Gemeng
der drei, die im fahlen Lichtschimmer hinter den Weinflaschen sich hin
und her drueckten.

"Ein ne--etter Mensch,--eine richtige Qualle--e--iin dummes Vieh!--Ein
geiler Orang--g--kutan, hahahaha--hat den Schwanz eingezogen, weil der
Waerter gekommen ist, haha--a--a!--" Johann sank haltlos zurueck.

"Das ist zu stark!" zischte Hochvogel. Der Tisch knarrte. Die
Weinflaschen klirrten gegeneinander. Die zwei Frauen lispelten
besaenftigend. Schnell, ueberschnell mengten sich ihre flehenden Worte
ineinander. Ein Gezerre um den Aufgestandenen begann.

Mit herabhaengenden Armen, halb eingeschlafen, zerfallen hing Johann
auf dem Stuhl. "Er ist doch betrunken!" "Bitte, bitte,--er ist's doch
nicht gewohnt!" "Er meint's doch nicht uebel, Herr Hochvogel!"
"Bitte!--Hier, trinken Sie. Er schlaeft ja schon! Seh'n Sie, seh'n
Sie!--Es passiert nie wieder. Ich sag's ihm morgen,--mein Wort, mein
Ehrenwort!" alles zerfloss ineinander, bittend, winselnd, aufgeregt,
aengstlich.

Wie ein zischendes Gezirpe umsummte dieses Geplaetscher Johanns Kopf.
Als giesse irgend jemand kaltes Wasser ueher ihn.

"Haha! Hat's viellleicht gestoh--lllen und--und wirft's weg,--dadas
Gellldt,--wei--weils brennt in der Tasche, haha,--das dumme Vieh,
haha--das Arschloch!" grunzte der Betrunkene lallend und lachte
ruckweise, immerfort, glucksend.

Da wurde der Tisch weggestossen und stapfend hasteten Schritte vorbei.
Wieder das Gezwitscher. Noch geschaeftiger. Dann fiel eine Tuer krachend
zu.

"Hans!" schrie Anna wuetend und riss ihren Mann an der Schulter.

"Saustall!" stiess die Rienken heraus.

Krill hob den Kopf und langte lahm nach Anna: "Haha--ha--es ist so
wunderschoen auf der We--elt, haha--ha!"

Sein ausgreifender Arm fiel wieder herab. Er sank in die alte Haltung
zurueck. Duenner Speichel rann aus seinem Mundwinkel. Er schnaubte
geraeuschvoll wie ein Pferd, das von der Kolik geplagt wird.

Unter wuestem Gezeter und Gejammer verliess Anna mit ihm die Bar. Sie
musste ihn buchstaeblich die Stiege hinaufschleppen.


IV.

Dieser unerquickliche Vorfall hatte schlimme Folgen. Am andern Tag,
sehr frueh, schellte es. Krill schlief wie ein Sack. Anna schreckte auf
und lief halb angekleidet an die Tuer. Der Ausgeher der Hochvogelschen
Fabrik brachte die Papiere und den Lohn fuer Johann. In einem sehr
kurzen, aergerlichen Brief stand, dass sich Krill nicht mehr sehen
lassen sollte und entlassen sei.

"Ja, ja--ist schon recht!" sagte Anna verwirrt und warf die Tuer zu.
Ohne Johann zu wecken, kleidete sie sich an und ging in die Fabrik
hinaus, um Hochvogel zu besaenftigen. Auf dem ganzen Wege ueberlegte sie
sich die besten Worte und uebte sich in der Art, wie sie den
Veraergerten wieder dazu bewegen wollte, dass er stillschweigend ueber
das ueble Ereignis hinwegginge.--

Aber sie wurde nicht vorgelassen. Erbittert und erniedrigt trat sie
den Heimweg an.

"Da!--Das hast du gemacht mit deinen Dummheiten!" fuhr sie den
inzwischen erwachten, auf dem Bettrand sitzenden Johann an und warf
ihm das Schreiben Hochvogels him. Der blickte stumpfsinnig zu ihr auf
und sagte kein Wort. Dies erregte sie nur noch mehr. Sie stampfte
schimpfend aus dem Schlafzimmer und rannte zur Rienken hinunter.

Die Wirtin empfing sie sehr kuehl.

"Herr Hochvogel hat mich wissen lassen, dass er nicht mehr kommt. Ich
kann Sie nicht mehr brauchen.--Das ist der Dank dafuer, dass ich mich
so um Sie angenommen habe," schimpfte sie mit hochgehobenem Kopf. Anna
versuchte auf alle moegliche Art, sie umzustimmen. Vergebens.

"Und ueberhaupt--glauben Sie, ein solcher Mann wie Hochvogel laesst sich
derartige Schmutzigkeiten ins Gesicht sagen! Passen Sie mal auf,--das
hat noch ein gerichtliches Nachspiel. Und ich, was hab' ich von meiner
Gutmuetigkeit?--Vor die Gerichte werde ich gezerrt. Mein Lokal verliert
den guten Ruf--ich hab' den Schaden und sitz' in der Patsche,--werden
Sie sehen, ob's nicht so kommt?--Sagen Sie es nur ihrem 'Kerl'--am
liebsten ist's mir, ihr zieht aus. Basta!" zeterte die Bienken immer
bestimmter.

Auch Anna wurde allmaehlich aergerlich und schimpfte.

"Geh'n Sie bloss aus meinem Lokal, Sie--Sie! So eine krieg' ich alle
Tage!" fauchte die Wirtin wuetend, rannte zur Tuer und riss sie auf:
"Geh'n Sie bloss aus meinem Lokal!" "Geh'n Sie!" schrie sie, dass ihr
Kopf blau anlief: "Geh'n Sie! Sie--Sie Ludermensch!"

Auch in Anna platzte die angesammelte Wut nun vollends.

"Was sagen Sie da, was?! Sie Kupplerin, Sie dreckige!" schrie sie
schriller noch. "Solang man sich hergibt, ist man gut, dann kann man
gehen, Sie Dreckfetzen!"

"Geh'n Sie! Geh'n Sie!" pfiff die Wirtin erstickt: "Hinaus da,
hinaus!"

Keifend verliess Anna das Lokal. Zitternd vor Erregung kam sie in ihrer
Wohnung an. "Es ist Schluss mit allem! Ich mag nicht mehr!" stoehnte sie
erschoepft und sank in einen Kuechenstuhl. Unter stossweisem Weinen und
Vorwuerfen erzaehlte sie Johann ihr Missgeschick. Der hatte den Kopf
unter dem Hahn der Wasserleitung und liess immerfort den kalten Strahl
ueher ihn herabrinnen. Er drehte sich nicht um. Nicht im mindesten liess
er sich stoeren. Annas Geduld riss voellig. Sie begann wuest zu schimpfen.

"Und du!--Du lungerst da heroben herum und laesst mich die Fuesse
ausrennen! Ich kann mich mit den Leuten herumschlagen und die Suppe
ausfressen, die du eingebrockt hast!" bellte sie ihn an. "Du! Du
Lump!"

Er drehte sich endlich um. Kein Wort kam aus ihm.

"So rede doch, Stock!" schrie sie, "was willst du denn jetzt machen?
Ich kann nichts mehr tun! Ich bin kaputt!" Er schwieg immer noch. Da
stand er, tatsaechlich wie ein Stock. Sie zerbrach an seiner
Gleichgueltigkeit und fiel in ein heftiges Weinen. Es schuettelte sie
gerade so. Johann sah ohne Niedergeschlagenheit auf ihre
zusammengekauerte, zuckende Gestalt nieder.

"Was ich tun will?" sagte er endlich leichthin, als sei gar nichts
vorgefallen,--"der wird mich schon nicht gleich herauswerfen. Ich gehe
einfach heute wieder zur Schicht und fertig. Und die Rienken--die wird
schon wieder aufhoeren mit ihrem Geschimpfe, wenn sie mued ist." Anna
blickte auf einmal auf zu ihm. "Ist doch ein netter Kerl, dieser
Hochvogel. Mit dem laesst sich doch reden," brummte er. Der arglose
Ernst, die Selbstverstaendlichkeit dieser Worte bezwangen. Tatsaechlich
wurde sie vollkommen ruhig und glaubte zuletzt wirklich, dass dies der
einzig glueckliche Weg sei, mit einem Schlag alles Missliche beheben
wuerde.

"Herrgott, ich bin ja auch so dumm! Ich lass mich von jedem ins
Bockshorn jagen," schalt sie sich selbst, wischte sich schnell die
Traenen ab und stellte Kaffeewasser auf. Ganz munter wurde sie wieder.

Als sie dann wieder am Tisch sassen, begann sie ueber die Rienken zu
schimpfen und ueber Hochvogel und erzaehlte im Laufe des Gespraechs alles
moegliche von den beiden.

"Es war ganz richtig, dass du ihm mal heimgeleuchtet hast," sagte sie,
"die ganze Sippschaft glaubt immer, sie koennte Schindluder mit einem
treiben!--Was hat er mir nicht alles angetragen, wenn ich mit ihm
schlafen wuerde! Und wie hat die Rienken gekuppelt und jetzt--jetzt
spielt sie sich auf, diese Sau, diese alte!"

Sie blickte immer wieder wie verlegen zu Johann herueber, wurde aber,
da er vollkommen ruhig war, immer weitschweifiger und erzaehlte mehr
und immer mehr. Sein Gleichmut quaelte sie. Sie berichtete dreister,
anzueglicher.

"Er hat das Geld gerade so weggeworfen. Die Bluse hat er mir
aufgerissen, einmal. Er hat immer seine Hand unter meinem Rock gehabt,
der Drecksack! Von den Hosen hat er einmal ein halbes Dutzend
dahergebracht und wollte, dass ich's vor ihm anziehen soll--und die
Bienken half mit und verschwand immer, wenn er anfing," sagte sie und
fuhr fort: "Einmal wollt' ich ihn schon heraufnehmen in der Fruehe und
abwarten, bis du von der Fabrik kaemst."

Johann verzog keine Miene.

"Jaja--das Loch und das Geld," brummte er beilaeufig. "Es geht immer
rundum."

Ihre Haende bewegten sich in einem fort. Nervoes zerrieb sie die
Brotkrumen mit den Fingern. Sie erzaehlte nichts mehr. Sie schwieg. Als
er fortgegangen war, fiel ihr Kopf auf den Tisch und ein wuestes
Schluchzen brach aus ihr.--

Johann kam ohne Hindernis durch die Fabrikpforte. Im Umkleideraum
trafen ihn bereits befremdende Gesichter. Keiner sprach ihn mehr an
und als er in den Maschinenraum hinuntersteigen wollte, kam der
Schichtmeister rasch auf ihn zu und rief: "Sie sind doch entlassen,
was wollen Sie denn noch hier?" Einige Arbeiter blieben mit
verwunderten Mienen stehen. Das ruettelte ihn aus der Fassung. Er sah
beklommen auf den Schichtmeister, auf die Arbeiter und hilflos im Raum
herum.

"Sie sind nun einmal bestimmt entlassen, das weiss ich," rief der
Schichtmeister resoluter, "ich kann gar nicht verstehen, dass Sie der
Pfoertner hereingelassen hat, der hat es doch gewusst! Hat er Sie denn
nicht darauf aufmerksam gemacht?"

Johann schuettelte stumm den Kopf, blieb beharrlich stehen, dumm und
kindisch. Die beiden anderen Arbeiter trotteten weiter.

Der Schichtmeister holte den Portier. Zeternd redete er auf denselben
ein, als er mit ihm ankam.

"Wie konnten Sie denn den Mann hereinlassen. Der Chef hat's doch
ausdruecklich gesagt, dass er entlassen ist," bellte er.

Der Portier sah veraergert auf Johann und sagte ebenfalls: "Jaja, ich
hab' Sie nur nicht gesehen. Sie sind entlassen. Sie haben hier nichts
mehr zu suchen."

Johann knickte zusammen.

"Ja--ja, nu ja, dann muss ich gehn," stotterte er endlich heraus, ging
in den Ankleideraum und entfernte sich. Niedergedrueckt, fast beschaemt
trat er durch das grosse Fabrikportal ins Freie. Zermuerbt kam er zu
Hause an.

"Ja," sagte er tonlos zu Anna, "man hat mich rausgesetzt!"

"Da hast du es nun!" stiess diese heraus, "Trottel!" Die Vorwuerfe
begannen von neuem.

"Ich muss mich eben wieder um was anderes umsehn," brummte er
aergerlich.

"Und ich?! Wenn die Rienken uns hinaussetzt, was ist dann! Glaubst du,
ich hab' mir umsonst meine Fuesse ausgerannt, dass wir ein wenig
anstaendiger leben konnten! Du keine Arbeit, kein Geld, ich nichts zu
tun--ich danke!" belferte sie.

"Nu ja, in Gottesnamen, es wird schon wieder werden!" schloss er und
legte sich zu Bett. Machtlos stand Anna vor diesem Stumpfsinn. Vor
Verbitterung zitterte sie am ganzen Koerper und faustete in einem fort
die Haende.

"Herrgott, es ist ja zum Davonlaufen!" schrie sie auf einmal:
"Meinetwegen--ich geh!" Sie schmiss heftig die Tuer zu. "Dummes
Frauenzimmer!" Er stieg aus dem Bett, rief ihr nach, aber es
antwortete niemand mehr.

Wegen solcher Dummheiten war man ploetzlich aus der Ordnung
gerissen.--Er schloss die Tuer wieder.

Der Nachtschlaf war auch zum Teufel.--

Er kleidete sich schliesslich an und ging sie suchen.

Ohne nachzudenken, wanderte er zur Fleischgasse und fand sie auch
dort. Bereits stand ein Herr in einem hellen Regenmantel vor ihr und
lispelte. Johann trat an die beiden heran und riss Anna weg: "Unsinn!
Komm!"

"Ich mag nicht!" knirschte sie eigensinnig und wollte sich losmachen.

Der Herr im Regenmantel ergriff ihre Partei und begann zu bruellen. Er
schwang schon den Stock und wollte auf Johann einbauen. Da kam ein
Schutzmann eiligen Schrittes angeflitzt, notierte den Namen des Herrn
und nahm die beiden mit auf die Wache.

Alles Gejammer Annas half nichts. Das Erklaeren Johanns war vergebens.
Sie mussten mit.

Haesslich, wie das Missgeschick die Menschen gemein macht! Auf dem ganzen
Weg ueberschuettete Anna Johann mit den wuestesten Schimpfworten und
schliesslich riss auch diesem die Geduld.

"Halt das Maul, dummes Vieh, dummes!" fluchte er, "hilft ja doch
nichts! Was laeufst du denn davon, so mitten in der Nacht! Jetzt hast
du es."

"Vorwaerts! Marsch-marsch!" knurrte der Schutzmann immer wieder.

V. Der Vorfall in der Fleischgasse hatte zur Folge, dass man Johann
wegen Zuhaelterei in Untersuchung behielt. Ein Verfahren wurde gegen
ihn eingeleitet. Anna entliess man nach ungefaehr zehn Tagen. Sie wurde
polizeiaerztlich untersucht und erhielt die uebliche Erlaubniskarte der
Prostituierten wieder. Als sie zu Hause ankam, war sie nicht wenig
erstaunt. Die Rienken, nun einmal rabiat geworden, hatte die
Gelegenheit benuetzt und pfaenden lassen. Waehrend der Haftzeit naemlich
war der Monatserste gekommen, der Dritte, der Fuenfte und der Siebente.
So waren wenigstens die ziemlich eindeutigen Briefe der Bar- und
Hausbesitzerin, die im Kasten steckten, datiert. Man sah es den
schiefen, gekratzt-hingeflitzten Buchstaben der Schrift foermlich an,
dass Sylvia Rienke das Warten auf den Mietszins satt hatte, das Warten
und diese Mieter. "Diese, wo Kerle haben, die mir meine Gaeste
verjagen, koennen bei mir ziehen," hiess es endlich im Kuendigungsbrief
vom Achten. Und Recht behielt sie, die wackere Wirtin. Anna musste
ziehen. Sie verkaufte, was uebriggeblieben war, und bezog ein Zimmer in
der Naehe der Fleischgasse.

Die drohend gereckten Faeuste, die sie am Tage ihres Abzuges, plaerrend
und keifend, mit weissem Schaum vor dem Munde, der Rienken
entgegenhielt, und das haemische, restlos rachsuechtige: "Das streich
ich dir noch an, Mistvettel!" waren ein Anfang fuer ihr weiteres
Verhalten. Jetzt gab es fast jeden Tag kleinere oder groessere
Unannehmlichkeiten in der Bar "Tip-Top". Anna hetzte Polizei und von
ihr bestochene skandalsuechtige Gaeste in das Lokal.

In der ganzen Fleischgasse war sie jetzt die Fleissigste. Mit einem
Eifer, ja, mit einer geradezu fanatischen Selbstvergessenheit, wie man
sie nur bei Verzweifelten oder Bohrend-Hassenden findet, verbiss sie
sich ins Verdienen.

"Die?! Hm, die schleppt auf Rekord," liess sich nicht selten eine
andere Prostituierte vernehmen, wenn die Rede auf Anna kam. Und es
stimmte.--

Das Merkwuerdigste aber war, dass sie nunmehr alle Hebel in Bewegung
setzte, um Johann frei zu bekommen. Sie warf das Geld weg an
Rechtsanwaelte, verfasste eine Eingabe um die andere, bestuermte die
Instanzen, rannte von Pontius zu Pilatus, ja, sie fasste zu guter Letzt
sogar dem romantischen Plan, ihn mit Hilfe einiger Maenner zu befreien,
die ihr das Blaue vom Himmel herunterzuholen versprachen, ihr Geld und
wieder Geld abnahmen und eines Tages verschwanden.

Und Johann?

Er lag den ganzen Tag auf der Pritsche, wurde sogar dick von dem Essen,
das sie ihm schickte, und war stets ruhig und trocken, wenn sie ihn
besuchen durfte. Als sie ihm von dem Auszug aus dem Rienkeschen Hause
erzaehlte, hoerte er stumm zu--dann, nach einer Weile, laechelte er
und sagte: "Hml Hm,--war doch schoen an dem Abend mit Hochvogel,
hmhamhm!"

Er fand nichts Schlimmes daran, dass Anna manchmal klagte.

"Es ist--man muesste so was aufmachen, wie die Rienken hat," sagte er
ein andermal wie aus einem dumpfen Gedankenkreis heraus.

Und wieder einmal, als Anna jammerte, dass alles Essen so teuer waere,
liess er so etwas fallen wie: "Nuja, die Bauern machen sich jetzt
gesund. Hm, die Bauern und die, die was fuer'n Magen verkaufen--"

Man sagt, der Weise ueberwindet und kommt zur vollkommenen Ruhe.

Es gibt Menschen, die ohne Empfindungsvermoegen geboren werden. Und es
sind welche, die, wenn die Schmerzen und Erschuetterungen ihre Seele
in zu rascher Aufeinanderfolge zermuerben, zuletzt in eine voellige
Stumpfheit muenden. Zu diesen gehoerte Johann Krill.

"Es war doch schoen an dem Abend mit Hochvogel--so gemuetlich!" und "So
was wie die Rienken hat, muesst' man aufmachen." Das war er!--

Mittlerweile kam der Termin zur Verhandlung gegen ihn. Anna hetzte
noch mehr herum. Sie schlief nicht mehr, sie vergass das Essen.

Im Gerichtssaal hustete sie die ganze Zeit. Unstet liefen die Pupillen
ihrer Augen von einem Winkel zum anderen. Auch die Rienken war als
Zeuge geladen. Dummerweise war einer von den letzten Anwaelten, die
Anna genommen hatte, darauf gekommen, sie zu laden. Sie trug ein
schwarzes Seidenkleid, dessen schweres Spitzengewirr vom speckigen
Nacken kraus herabrann ueher den hochgeschnuerten, ueberquellenden Busen.
Ein blutrotes Granatkollier prangte patzig auf der gelben, welken Haut
ihres Halses, dessen blaue Aederung nur schlecht vom dick aufgetragenen
Puder verwischt war. Ihre Froschhaende waren beteuernd auf den Magen
gepresst und spielten manchmal mit dem Schildpatt-Lorgnon, das an einer
breiten goldenen Kette herabhing.

"Ich bin gleich fertig mit meinen Aussagen, Herr Amtsrichter, ich hab'
ein Geschaeft und viel im Kopf," begann sie, als sie aufgerufen wurde.

"Die?!--Gott sei Dank, ich hab' immer anstaendige Bedienerinnen gehabt,"
fuhr sie fort, ueher Anna befragt, und warf einen seitlichen, herablassenden
Blick auf diese, "aber nun, man tappt auch einmal herein.--Ich hab' es mir
aber--glauben Sie es mir, Herr Amtsrichter, ich bin fuenfzehn Jahre auf dem
gleichen Platz und weiss, was der Ruf fuer ein Geschaeft ausmacht--ich hab'
es mir geschworen: Rienken, sagt' ich mir, Rienken--von der Fleischgasse
nimmst du keine mehr, nicht um die Welt!" Sie kam immer mehr in Zug.

"Vettel!" schrie Anna schrill und wurde verwarnt. Die Rienken drehte sich
schnell um und dann wieder zum Richter. "Man soll sich nicht aergern, Herr
Amtsrichter?" Und sie schnitt eine weinerliche Miene:

"Wie hab' ich den Leuten geholfen und was hab' ich davon!--Es ist bloss
gut, dass ich meinen Kopf nie verlier', es ist ja bloss gut, dass ich
mich nie auf die gleiche Stufe stelle mit--mit--so was."

Und endlich zur Sache gerufen, erzaehlte sie weitschweifig, dass Johann
die Stellung bei diesem Fabrikherrn nicht umsonst angenommen habe.
"Und Nachtschicht--er wird schon gewusst haben, warum. Man kennt
solche--Nachtschichten!" Und Herr Hochvogel?... Sie geriet etwas in
Verwirrung. Nun, der habe bald klar gesehen, ein solcher Herr liesse
sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen.

"Der muss her! Der muss Zeuge machen!" schrie Anna, und ihr Rechtsanwalt
brachte es auch fertig. Nun wurde es aber noch unguenstiger. Obwohl dem
Fabrikanten die ganze Sache aeusserst unangenehm war, obwohl er sich
ausserordentlich zurueckhielt und nichts gegen Johann eigentlich
vorbringen konnte, als eben jenen ueblen Vorfall in der Rienkeschen
Bar--es machte alles einen schlechten, sehr schlechten Eindruck
--Johann Krill wurde verurteilt.

Anna bekam einen minutenlangen Schreikrampf. Sie stuerzte vor und
wollte auf die Rienken los. Es mussten sie Schutzleute mit Gewalt
wegbringen.

Johann, der ohne Erregung den Auftritten zusah, nahm alles mit Ruhe
hin. Er laechelte fast verlegen, als ihn die Richter am Schluss fragten,
ob er noch etwas zu sagen wuensche.

"Dumm," brummte er und kratzte sich hinter dem rechten Ohr, "dumm,
Herr Richter, man tappt eben hinein und--und dann passiert allerhand."

Die steinernen Amtsmienen wussten einen Augenblick lang wirklich nicht,
sollten sie lachen oder einige beruhigende Worte des Mitleids aus ihren
Lippen lassen.

Damit war es zu Ende. Anna konnte Johann nun nicht mehr besuchen. Die
beiden waren auseinander.--In ihrer Wut schlug Anna einige Tage
spaeter die zwei grossen Fensterscheiben der Rienkeschen Bar ein und
konnte mit Muehe nur ueberwaeltigt werden. Das Beil wurde ihr abgenommen
und der herbeigerufene Schutzmann nahm sie mit.

Und wieder gab es einen Prozess. Wegen Bedrohung und Sachbeschaedigung
wurde Anna Krill zu zwei Monaten Gefaengnis verurteilt.

Hier bricht der Faden ab. Es ist nichts mehr zu berichten.

Eine Million ist viel--eine Milliarde ist mehr.--Johann Krill ist
Legion.

Vielleicht arbeitet Johann Krill wieder irgendwo oder er trinkt, oder
er hat den Halt verloren und sitzt weiter in Gefaengnissen.

Anna--Sie wird eines Tages krank sein, wieder gesunden, wieder krank
werden und so fort....

Das einzige, was bestehen bleibt, solange wie diese Gesellschaft,
ist--die Rienken!

Wie lange noch?!




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ZUR FREUNDLICHEN ERINNERUNG ***

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Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

 PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
 809 North 1500 West
 Salt Lake City, UT 84116

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
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through the Project Gutenberg Association (the "Project").
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     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
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     the 60 days following each date you prepare (or were
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*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

